Friday, September 29, 2023

Virginia Woolf - Die Fahrt zum Leuchtturm

Virginia Woolfs Die Fahrt zum Leuchtturm stammt aus dem Jahr 1927 und gilt als einer der bedeutendsten englischsprachigen Romane des 20. Jahrhunderts.

Im Zentrum der Geschichte steht die Familie Ramsay in ihrem Feriendomizil auf der Isle of Skye. Das Ehepaar Ramsay verbringt mit ihren acht Kindern den Sommer auf der Insel und beherbergt außerdem einige weitere Gäste aus ihrem Bekanntenkreis. Am Anfang steht eine Unterhaltung, bei der die Familie überlegt, einen Ausflug zum Leuchtturm zu unternehmen, der jedoch aufgrund des Wetters nicht stattfinden kann. Später findet ein großes Abendessen statt. Entscheidender als die Handlung sind allerdings allerdings die Gedanken und Gefühle der Personen, die als ein steter Stream of consciousness mit wechselnden Perspektiven den Roman prägen. In teils sehr poetisch-philophischen Passagen reflektieren die Protagonisten ihre Beziehungen zu den anderen Anwesenden und ihre Position im Leben. Dabei werden besonders die Eheleute Ramsay genauer beleuchtet, sowohl in der Innen- als auch in der Außenbetrachtung. Die Perspektivwechsel sind manchmal abrupt, ebenso wie das Ende des ersten Teils. Mit dem zeitlichen Abstand von mehreren Jahren befinden wir uns im zweiten Teil wieder im selben Haus, das allerdings verlassen ist. Erst im dritten Teil kehren die Gäste zurück, allerdings haben tragische Ereignisse zum Tod von Mrs. Ramsey und zweier Kinder geführt. Die Zurückgekehrten erinnern sich an sie, Mr. Ramsey holt nun mit zweien der intwischen erwachsenen Kinder die Fahrt zum Leuchtturm nach. Die Erzählung wechselt zwischen den drei Personen auf dem Boot und Lily Briscoe, die im Garten ein Gemälde vollenden will, das ihr damals nicht gelungen ist.  

So beeindruckend Woolfs poetische Wortwahl und die Innenschau der Protagonisten ist, so ist der ständig wechselnde Gedankenstrom dennoch ermüdend. Die Abwesenheit einer Handlung machte es mir schwer, dem Roman über längere Strecken zu folgen.
Interessant finde ich, dass Die Fahrt zum Leuchtturm biografische Bezüge zu Woolfs Familiengeschichte hat, die über lange Jahre ein Ferienhaus in St. Ives in Cornwall mieteten, zu dem Woolf später in ihrem Leben zurückkehrte. Die zentrale Figur der Mrs. Ramsay diente ihr zur Verarbeitung der Beziehung ihrer Eltern und sie verwebt damit ihre Reflexion mit der Rolle der Frau in Gesellschaft und Familie. Sind Ehe und Kinder das einzig Erfüllende? Wie sehr ist die Frau verpflichtet oder sogar in der Schuld für das physische und psychische Wohl des Mannes zu sorgen? Wie weit geht der Egoismus des Mannes? Und wie funktioniert das Leben der Frau als Schaffende, als Künstlerin im Gegenentwurf dazu? Diese Fragestellung hätte für meinen Geschmack stärker hervortreten können, schwimmt aber durch die Erzählweise vielmehr nur mit im steten Strom der Gedanken. 

Virginia Woolf, Die Fahrt zum Leuchtturm. Public Domain 2023.

Tuesday, September 26, 2023

Claude K. Dubois - Akim rennt

Akim rennt von Claude K. Dubois erzählt in eindringlichen Bleistiftzeichnungen und einigen wenigen Textseiten Akims Geschichte. Durch einen Bombenangriff wird der kleine Junge von seiner Familie getrennt. Es folgt eine schreckliche Flucht: Vor dem Chaos im Dorf, vor den Soldaten, in einem Boot, in ein Flüchtlingslager... Akim durchlebt Schrecken und Einsamkeit, aber erfährt auch Hilfe durch die Menschen, die mit ihm auf der Flucht sind. Zur großen Erleichterung wird seine Mutter am Ende gefunden und Akims Flucht findet ein glückliches Ende.

Die Geschichte ist nicht lang und einfach erzählt, aber die Zeichnungen lösen große Emotionen aus. Mit wenigen Strichen werden die Gefühle des Kleinen und der Schrecken des Krieges und der Flucht so deutlich dargestellt, wie es der Text allein niemals könnte. Akim rennt hat mich sehr beeindruckt und hat zu Recht den Jugendliteraturpreis 2014 erhalten. 

Claude K. Dubois, Akim rennt. Moritz Verlag, Frankfurt a.M. 2013.

Saturday, September 23, 2023

Little daily miracles

 “What is the meaning of life? That was all - a simple question; one that tended to close in on one with years, the great revelation had never come. The great revelation perhaps never did come. Instead, there were little daily miracles, illuminations, matches struck unexpectedly in the dark; here was one.”

Virginia Woolf, To the Lighthouse

Thursday, September 21, 2023

Nita Prose - The Maid

Nita Proses Debutroman The Maid - Ein Zimmermädchen ermittelt war 2022 ein großer Erfolg, inzwischen ist der Roman in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. 

Erzählt wird die Geschichte von Molly Gray, die als Zimmermädchen im Regency Grand Hotel in London arbeitet. Sie liebt ihren Job sehr, die Ordnung und die Sauberkeit, vor allem aber wohl auch die Struktur, die er ihr bietet. Soziales Miteinander und das Führen von echten Beziehungen hingegen fallen ihr sehr schwer. Die Großmutter, die sie aufgezogen hat, ist kürzlich verstorben und seitdem ist Molly sehr einsam und hat auch Probleme ihr Leben, vor allem finanziell, zu führen. Ihre Naivität und Unfähigkeit, Lügen und Betrug zu erkennen, führt oft dazu, dass sie ausgenutzt wird.
Völlig aus dem Lot gerät ihre Situation, als sie eines Tages Mr. Black tot in seiner Suite auffindet. Sie gerät unverschuldet und unfreiwillig in den Fokus der Ermittlungen und wird sogar des Mordes beschuldigt. Als die Situation ausweglos scheint, stellt sich heraus, dass sie auch echt Freunde unter ihren Hotelkollegen hat und die Geschichte nimmt eine positive Wendung, der echte Mörder kann überführt werden.
Mit Molly zusammen lernt der Leser mehr über die wahre Persönlichkeit und Motive der Beteiligten, der Blick weitet sich zunehmend, so dass man Mollys Wahrnehmungs- und Deutungsschwierigkeiten, aber auch ihre positive Einstellung zum Leben (mit den immer wieder eingeworfenen Lebensweisheiten der Großmutter, an die sie fest glaubt) quasi aus erster Hand miterlebt. Das macht sicherlich den erzählerischen Charme von The Maid aus. Deswegen fällt der Roman wohl auch eindeutig in die Cosy Crime Kategorie, denn man fühlt sich wohl in der Gewissheit, dass Molly zu nett ist, als das die Geschichte für sie schlecht ausgehen kann. Vielleicht liegt es in der Natur der Sache, dass die übrigen Charaktere ein wenig stereotypenhaft sind, mich hat das in diesem "netten Buch" wenig gestört. Lediglich die Art und Weise der Auflösung vor Gericht - Mollys Moment der Wahrheit - war ein bisschen ärgerlich und unglaubwürdig. Insgesamt aber sehr gemütliche Unterhaltung, die mir Spaß gemacht hat. 

Nita Prose, The Maid. Argon 2022.

Sunday, September 17, 2023

Wanderung Oerlinghausen

Aus dem Kompass Wanderführer Naturpark Teutoburger Wald ist dies die Tour 31. Sie führt über den Kamm des Teutos und zurück unterhalb am Rand der Senne entlang. Teil der Tour ist auch das archäologische Freilichtmuseum Oerlinghausen, das ich dieses Mal nicht besucht habe, weil es schon geschlossen hatte. 

Link zur Tour bei Komoot

Die Tour ist etwa 11-12 km lang, ich bin sie nicht ganz im Original gegangen, sondern habe mich an einigen Stellen für kleine Abkürzungen bzw. attraktivere Wegstrecken entschieden. Mehrere Themenwege und natürlich auch der Hermannsweg sind Teil der Strecke (u.a. Ochsentour oder Eidechsenpfad). Ein paar kleinere An- und Abstiege gibt es, aber wie im Teuto üblich kommt man auf nur wenige Höhenmeter (210 in diesem Fall). Neben dem bereits erwähnten Freilichtmuseum liegen an der Strecke auch noch die Hünenkapelle und das Gelände der Wildpferde und -rinder (Wistinghauser Senne mit rund 40 Rindern und 20 Pferden).
Ich habe die Tour am späteren Nachmittag bei Sonnenschein gemacht und es gab wunderbares Licht und tolle Ausblicke - die Tour ist meines Erachtens nach sehr lohnenswert.  

Blick in Richtung Oerlinghausen

 


Hünenkapelle

#hermanntrifftmanimmer

Wildpferde

Sandgrube mit Ausblick

Blindschleiche

Saturday, September 16, 2023

Julie Otsuka - Wovon wir träumten

Selten trifft man auf Bücher, die so anders sind, wie Julie Otsukas Wovon wir träumten. Das beginnt damit, dass es in der Wir-Perspektive geschrieben ist. Das Wir, das sind japanische Frauen, die zu Beginn des 20. Jahrhundert in die USA auswanderten, um dort von emigrierten Landsleuten geheiratet zu werden, ohne dass sie sich vorher begegnet wären.
Es gibt keinen Plot, sondern eine Aneinanderreihung von Erlebnissen und Schicksalen. Otsuka betont mit immer gleichen Satzanfängen die Summe der Erfahrungen der japanischen Frauen, die zugleich austauschbar und bedrückendes Einzelschicksal sein können. Ja, es gibt auch Erfolgsgeschichten in der großen Gruppe der erzwungenen, erkauften japanischen Ehen, aber oftmals springt einen das Leid geradezu an. Kaum hat man es erfasst, geht es aber schon weiter zur nächsten unglücklichen Frau. Dabei bewegt sich der Roman (wenn man es so nennen will) langsam chronologisch vorwärts, thematisiert sexuelle Gewalt, aufreibende Feldarbeit, das Leben als Dienst- und Kindermädchen, den sehr, sehr langsamen gesellschaftlichen Aufstieg, die eigenen Kinder, die sich schneller an den American Way of Life gewöhnen als die Eltern, die allgegenwärtige mangelnde Integration. Die Geschichte kippt 1941 nach dem Angriff Japans auf Pearl Harbour, dessen Folge die Umsiedlung und Internierung japanisch-stämmiger Amerikaner war, obwohl ein Großteil von ihnen die US-amerikanischer Staatsbürgerschaft hatte.
In einem letzten Kapitel trägt die Autorin dem Rechnung, indem die Erzählung nun in die Hände der Zurückgebliebenen gelegt wird, die mit dem Verschwinden der japanisch-stämmigen Nachbarn zurechtkommen müssen. Neben Plünderungen und dem Ausverkauf ihrer Habseligkeiten werden erst die entstandenen Lücken in der Kommune, dann aber auch das Vergessen beschrieben. 

Wovon wir träumten ist eine ausgesprochen intensive Leseerfahrung durch die vielen angerissenen Schicksale und die vielen Perspektiven auf diese spezielle Gruppe von Menschen. Migration lässt sich nicht pauschalisieren, auch wenn wir das gern tun.

Julie Otsuka, Wovon wir träumten. Steinbach sprechende Bücher 2012.

Tuesday, September 12, 2023

Patrick Modiano - Damit du dich im Viertel nicht verirrst

Damit du dich im Viertel nicht verirrst ist ein Roman des Nobelpreisträgers Patrick Modiano aus dem Jahr 2014. Es handelt von dem Schriftsteller Jean Daragane, der zurückgezogen in seiner Pariser Wohnung lebt. Eines Tages kontaktieren ihn zwei Fremde, Gilles Ottolini und Chantal Grippay, die sein verlorenes Adressbuc gefunden haben, ihn aber eigentlich über jemanden befragen wollen, dessen Name in diesem Adressbuch steht. Zunächst erinnert sich Daragane an nichts, dann aber fallen ihm Namen und Erlebnisse aus seiner Kindheit wieder ein, die er verdrängt hat. Was folgt ist eine Art Erinnerungsnetz, bei dem der Lesende oft im Unklaren bleibt, wann was passiert ist. Sind es Erinnerung, Traumbilder, aktuelle Nachforschungen? Besonders im Fokus steht dabei Annie Astrand, bei der Daragane eine Weile lang wohnte, bis dramatische, nicht weiter ausgeführte Ereignisse auch zu einer Trennung des Kindes von Astrand führten. Aus der Zeit mit Astrand stammt ein Zettel mit einer Adresse aus Montmartre - damit der Junge sich im Viertel nicht verirrt.

Als Audiobook war die Geschichte oftmals verwirrend und wirkte ziellos. Der Protagonist blieb mir fremd und sogar unsympathisch, weil er unnahbar und unemotional wirkt. Die wiederkehrenden Motive sind literarisch sicherlich geschickt gewählt und die verwobenen Ebenen ergeben beim Lesen vielleicht einen vielschichtigen Sinn, der sich mir beim Hören nicht erschlossen hat. Insgesamt war mir das Ganze zu konstruiert, zu sehr bedacht auf Effekt und Atmosphäre, aber mit zu wenig Substanz - was wiederum ein sehr subjektiver Eindruck ist, der wenig mit der literarischen Qualität zu tun hat.

Patrick Modiano, Damit du dich im Viertel nicht verirrst. Hörbuch Hamburg 2015.

Friday, September 08, 2023

Hjorth und Rosenfeldt - Die Früchte, die man erntet

Das Autorenteam Hjorth und Rosenfeldt präsentiert uns einen veränderten Sebastian Bergman in dem siebten Band der Reihe, Die Früchte, die man erntet. Er ist aus dem Polizeidienst ausgeschieden, mit Ursula zusammen und versucht, ein guter Großvater für Vanjas Tochter Amanda zu sein. Die hingegen leitet inzwischen die Reichsmordkommission. In ihrer ersten größeren Ermittlung steht sie gleich unter Zeitdruck, denn ein Scharfschütze mordet in der kleinen Stadt Karlshamn. Doch ihr Team schafft es, die Verbindung zwischen den Opfern zu finden. Während sich die Schlinge um die Täter langsam zuzieht, kämpft Billy mit seinen Dämonen. Sein Drang, wieder zu töten, steigert sich ins Unermessliche - doch diesmal schöpfen seine Kollegen Verdacht...
In Die Früchte, die man erntet werden geschickt mehrere Erzählstränge verwoben - der Fall aus Sicht der Täter, die Ermittlungen und die privaten Verwicklungen der vertrauten Team-Mitglieder. So hat der Band auch mehrere Höhepunkte und Showdowns - vielleicht hier und da ein wenig überzogen, aber insgesamt durchaus spannend. Der etwas zahmere Bergman ist mir sympathischer - und dass Billy nun nicht mehr unerkannt sein Unwesen führt, war fällig! :)

Hjorth und Rosenfeldt, Die Früchte, die man erntet. Audiobuch 2021.

Colin Cotterill - Dr. Siri und die Tränen der Madame Daeng

Dr. Siri sollte eigentlich entspannt seinen Ruhestand genießen, als ihm ein pha sin (ein rockartiges Kleidungsstück aus dem Norden von Laos) zugeschickt wird: Im Rocksaum befindet sich ein eingenähter menschlicher Finger! Gespickt mit den typischen laotisch-chaotischen Politwirren (gescheiterter Kommunismus, 1978) beginnt eine Art Roadmovie und Schnitzeljagd nach dem Absender des pha sin. 

Mit von der Partie sind Siris Frau Daeng und sein Freund Civilai und es hat auch Inspektor Phosy in den Norden des Landes verschlagen, wo die Gruppe mit der ihr eigenen Art nicht nur eine chinesische Invasion verhindert, sondern auch noch einen fiesen Gangster und Massenmörder zur Strecke bringt. Manchmal driftet das unterhaltsame Geplänkel ein bisschen in esoterisch-mystische Gefilde ab, aber das sind die treuen Lesenden der Reihe ja durchaus gewohnt.

Colin Cotterills Dr. Siri in seinem maroden, aber geliebten Laos ist eben ein wenig anders als andere gängige Krimis mit Lokalkolorit. Und das ist auch gut so. 

Colin Cotterill, Dr. Siri und die Tränen der Madame Daeng. Goldmann, München 2018.

Saturday, September 02, 2023

Agatha Christie - Die Schattenhand

Die Schattenhand ist der vierte Band von Agatha Christies Miss Marple-Reihe. Die schrullige Ermittlerin taucht aber erst in den letzten Kapiteln auf, wenngleich sie selbstverständlich den Fall sofort durchschaut und lösen kann.
Erzähler der Geschichte ist vielmehr Jerry Burton, der mit seiner Schwester Joanna in das beschauliche Lymstock zieht, um sich auf dem Land von einer Rückenverletzung zu erholen. Doch statt Dorfidylle zu genießen, geraten die Geschwister in eine Reihe unangenehmer Vorkommnisse: Sie und weitere Dorfbewohner erhalten beleidigende Drohbriefe, es folgen zwei Todesfälle. Die Polizei wird eingeschaltet und der Kreis der Verdächtigen immer weiter eingegrenzt - aber natürlich sind sie dennoch auf dem Holzweg...
Der Fall selbst hat mir gefallen, wenngleich mir Burton als Erzähler und vor allem seine Neigung zu der zwanzigjährigen Megan, die er erst wie ein Kind behandelt und dann plötzlich heiraten will, nicht sonderlich sympathisch ist. Miss Marple und ihre Überlegungen treten dem gegenüber leider in den Hintergrund. 

Agatha Christie, Die Schattenhand. Hörverlag 2010.