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Tuesday, August 11, 2026

Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb

Nach Alles, was wir geben mussten ist Was vom Tage übrig blieb mein zweiter Roman von Kazuo Ishiguro. Er gewann damit 1989 den Booker Preis. 
Wie Kathy in Alles, was wir geben mussten haben wir einen sehr subjektiven personalen Erzähler: Stevens ist Butler. Damit ist schon viel über ihn gesagt, denn sein Beruf ist es, über den er sich definiert. Der Roman ist eher handlungsarm, auch wenn Stevens ungewöhnlicherweise eine Reise mit dem Auto in den Süden Englands unternimmt. Es ist 1956 und er bekommt das Auto von seinem Dienstherrn geliehen, einem neureichen Amerikaner, der Darlington Hall nach dem Tod von Lord Darlington gekauft hat. Stevens gehört als Butler zum Inventar, tut sich aber schwer damit, sich an die neuen Gegebenheiten mit amerikanischer Lebensweise, Humor und vor allem der geringeren Personaldecke zu gewöhnen. So sind es auch hauptsächlich seine Erinnerungen an seine Dienstzeit unter dem Lord, die den Roman füllen. Im Zentrum stehen immer wieder die Themen Würde und Loyalität, hier sieht sich Stevens in der Rolle eines großen Butlers, wie es sie nur in Großbritannien geben kann. Hinzu kommt die Beschäftigung mit dem politischen Engagement seines Herren in den Jahren zwischen den zwei Weltkriegen. Dieser sympathisierte mit den Deutschen, zunächst hinsichtlich der Lockerung der Reparationszahlungen, später aber auch mit den Nationalsozialisten - als dies herauskam, war Lord Darlington ein geächteter Mann. Diese Tatsache findet Stevens zutiefst ungerecht, wobei er sich der Fehleinschätzungen Darlingtons zwar bewusst ist, diese aber nicht als solche akzeptieren kann, denn er als großer Butler kann keinem Mann gedient haben, der derart befleckt ist. Die Fassade, die Optik muss stets erhalten bleiben. Zutiefst verstörend ist dies, weil Stevens dies auch auf seine persönlichen Beziehungen ausweitet. Er bewundert seinen Vater, auch Butler, als sein großes Vorbild, doch als dieser alt wird und schließlich erkrankt und stirbt, kann er nicht aus seiner Rolle und sich nicht verabschieden - eine herzzerbrechende Szene. Seine Reise, eigentlich ein unnötiger Luxus in seinen Augen, begründet er vor sich selbst auch mit der Tatsache, er könne dann Mrs Benn (ehemals Miss Kenton und Haushälterin auf Darlington Hall) aufsuchen, ob sie vielleicht wieder mit ihm zusammenarbeiten möchte. Unausgesprochen bleibt, dass die beiden eine große Sympathie verband, bei der es Stevens versäumt hat, die nötigen Schritte zu unternehmen, um seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Dies schafft er noch nicht einmal bei der Rückschau auf die zahlreichen Gegebenheiten, in denen Miss Kenton versucht hat, ihm diese Gefühle zu entlocken. So verstreicht auch das Treffen mit ihr in einer geradezu schmerzhaften Sachlichkeit. 
Bewunderswert an Was vom Tage übrig blieb ist die sprachliche Kontinuität, die distinguierte Sprache des Butlers, seine Unfähigkeit, sich seinen Emotionen auch nur zu nähern, und seine missgeleitete Vorstellung von Würde, die ihn in einem freudlosen Leben verharren lässt. In der letzten Szene rät ihm ein Unbekannter, nicht an der Vergangenheit festzuhalten, sondern in der Gegenwart zu leben, doch es bleibt ungewiss, ob dies für Stevens im Bereich des Möglichen liegt. 
Die exzellente Lesung von Gert Heidenreich passt inhaltlich hervorragend zu diesem Roman und hat beim Hören sehr viel Freude gemacht. 

Kazuo Ishiguro, Was vom Tage übrig blieb. Random House Audio 2017. 

Monday, August 10, 2026

Samuel Burr - Das größte Rätsel aller Zeiten

In Samuel Burrs Das größte Rätsel aller Zeiten versucht der 25jährige Clayton Stumper nach dem Tod seiner Pflegemutter Pippa herauszufinden, wer seine leiblichen Eltern sind. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er mit Pippa und einer besonderen Gruppe von Menschen, die sich die "Gemeinschaft der Rätselmacher" nennt. Die Gruppe wohnt in dem alten Herrenhaus Creighton Hall und verdient ihr Geld mit dem Erstellen von Rätseln, Puzzlen, Labyrinthen, etc. So ist es naheliegend, dass Pippa die Spur zu seiner Herkunft in verschachtelten Rätselherausforderungen legt. 
In einem parallen Erzählstrang folgen wir Pippa bei den Ereignissen von der Gründung der Gemeinschaft bis zu Claytons Ankunft in Creighton Hall als Baby in einer Hutschachtel. 
Auf der Proseite des Romans stehen die illustren, verschrobenen Charaktere, die der Autor zusammenwürfelt, um jede:r auf ihre/seine Weise zum Gelingen der Gemeinschaft und zu Claytons Erziehung beizutragen. Vielleicht kann man auch die durch den Roman verteilten Rätselfragen (im Audiobook natürlich nur eingeschränkt) positiv verbuchen, die sicher zum Miträtseln anregen. 
Leider haben mich die beiden Protagonisten der Erzählstränge nicht überzeugt, obwohl sie in ihrer Grundanlage durchaus Potenzial hatten. Clayton ist aufgrund des Aufwachsen unter den ältlichen Rätselmachern ein wenig aus der Welt gefallen, was soweit noch glaubhaft scheint, aber dass dies dazu führen soll, dass er sich der wesentlichen Emotionen (und seiner eigenen sexuellen Orientierung) im Alter von 25 nicht gewahr sein soll, ist nicht plausibel. Pippa startet als starke Persönlichkeit, die sich als Frau unter Männern durchsetzt und ihre Ideen und Träume gegen Widerstände umsetzt. Dann fällt ihr jedoch ein, dass sie doch noch ein Kind will, eigentlich auch einen Mann, aber auf gar keinen Fall kann sie überblicken, dass sie für Finanzielles kein Händchen hat, und führt die Gemeinschaft fast in den Ruin. Damit wird ihre angeblich so hohe Intelligenz und Durchsetzungkraft ad absurdum geführt und auch sie ist als Charakter im Wesentlichen unglaubhaft. Auch finde ich die Grundprämisse des Romans schwierig: Die Pflegemutter Claytons kennt seinen Hintergrund und kann ihm das ersehnte Wissen beschaffen, aber sie hält es vor ihm verborgen, um es dann in einem Rätselspiel posthum zu enthüllen? Das gibt der Botschaft der selbstgewählten Gemeinschaft für das Zusammenleben, die vielleicht sogar vorteilhafter sein kann als die genetische Familie, einen seltsamen, fast grausamen Beigeschmack in dem sonst aber ganz unterhaltsamen Roman.

Samuel Burr, Das größte Rätsel aller Zeiten. Dumont 2024. 

Sunday, August 02, 2026

Enid Blyton - Fünf Freunde verfolgen die Strandräuber

Diesmal sind die fünf Freunde in Cornwall auf einem Bauernhof. Anne würde es bevorzugen, wenn es diesmal kein Abenteuer geben würde, aber nachdem der alte Schäfer ihnen von dem Licht im Strandräuber-Turm erzählt, das wie früher in Sturmnächten leuchtet, ist es mit der Ruhe geschehen. Die Erkundungen bringen die Kinder wie immer zunächst in Schwierigkeiten, doch der kleine Sidekick namens Jan, der ihnen eigentlich eher auf die Nerven geht, rettet sie aus der misslichen Lage, sodass die Verbrecher dingfest gemacht werden können. 
Fünf Freunde verfolgen die Strandräuber
sticht nicht sonderlich aus der Reihe hervor und ist sehr durchschnittlich mit den gewohnten Elementen, die die Vielschreiberin Enid Blyton immer verwendet. Dazu ein bissche Unwohlsein in Bezug auf den entlarvten Täter, der natürlich unter dem fahrenden Volk (hier eine Schaustellertruppe namens Scheuner) zu finden ist. Also genau das, was man erwartet.

Enid Blyton, Fünf Freunde verfolgen die Strandräuber. cbj 2016.  

Thursday, July 23, 2026

E.M. Forster - A Room with a View

A Room with a View was first published in 1908 by English writer E. M. Forster. It deals with a young woman named Lucy who struggles with her place in the society of early 20th century England. 

The novel starts in Italy where Lucy and her cousin and chaperone Miss Charlotte are on a cultural vacation. They are disappointed because they didn't get A Room with a View as promised which leads to Mr Emerson and his son George giving up their rooms to them. They accept but only after having discussed in length if it is appropriate to do so. From this moment on "something is going on" between Lucy and George but of course this is not appropriate and many complications including an engagement to another (apparently wrong) young man, bathing naked and some kissing.
From today's point of view the whole thing is kind of boring as we watch Lucy trying to find her way out of an entanglement that her family or rather society has woven for her. Seen in its context the novel does a very good job to show the extreme contrast between how women at the time were supposed to behave and how they were expected to do and even think what men wanted them to and the slow awakening of Lucy's own mind as she starts to realize that she can have her own knowledge, opinions and at last the life she wants to lead. Of course she isn't really free or emancipated at the end of this novel but she gained new perspectives and some happiness in her life - even though it costs her the loss of some people in her life.

Wanda McCaddon’s narration makes this audiobook a pleasure to listen to and brings life to the story. 

 

 


Saturday, June 06, 2026

Leonie Swann - Glennkill

20 Jahre nach dem ersten Erscheinen ist Leonie Swanns Schafskrimi Glennkill verfilmt worden (The Sheep Detectives), weswegen auch der Roman wieder Aufmerksamkeit erhält. Ich hatte es vor Jahren gelesen, erinnerte mich aber nur noch daran, dass ich die wolligen Charaktere sehr liebenswert fand, aber nichts mehr von der Story. Nach dem Hören des von Andrea Sawatzki liebevoll gelesenen Audiobooks würde ich genau das sagen: Die Schafe mit ihren Eigenarten und Gedankengängen sind definitiv das Plus dieses Krimis, die ungewöhnliche Perspektive macht den Plot erst möglich, der sonst vermutlich niemanden wirklich umgehauen hätte. Die Wiederbegegnung hat Spaß gemacht.

Leonie Swann, Glennkill. Random House Audio 2006.

Sunday, May 31, 2026

Janice Hallett - Der Twyford Code

Das Bemerkenswerteste an Der Twyford Code von Janice Hallett ist sicherlich seine ungewöhnliche Form. In lautsprachlichen Transkripten von Audioaufnahmen auf einem alten iPhone4 erzählt Steven Smith die Geschichte des Twyford Codes. Adressiert sind diese Aufnahmen an seinen Sohn und seine Bewährungshelferin. Stevie hat so einige Gefängnisaufenthalte hinter sich, bedingt durch seine Mitgliedschaft in einer Londoner Gang, war Analphabet und hat erst kürzlich bei einem Gefängnisprogramm lesen gelernt. Nun will er ein geregeltes Leben führen und sehnt sich nach Kontakt zu seinem ihm fremden Sohn. Dieser lehnt dies jedoch ab - deswegen nimmt Stevie seine weiteren Gedanken auf dem alten Handy auf. 
Inhaltlich geht es um seine Lebensgeschichte und was ihn auf den falschen Weg gebracht hat, aber auch um das Mysterium eines Kinderbuches von der fiktiven Autorin Edith Twyford, das er als Kind in einem Bus fand. Verknüpft ist dieses Buch mit Erinnerung an seine Lehrerin Miss Trout, die überzeugt war, dass es den Schlüssel zu einem Code enthielt. Kurz darauf verschwand Miss Trout spurlos und Stevie geriet auf die schiefe Bahn. 
Die Audiotranskripte erzählen einerseits die spannende Geschichte einer Spurensuche, sind gespickt mit geheimen Hinweisen, unter anderem in Buchtexten versteckten Akrostichons, andererseits geht es auch immer um Freundschaft, Loyalität und Familienbande. Am Ende kommt schließlich, auch in Form von Sprachnachrichten, Stevies Sohn zu Wort, der als Mathematikprofessor den Hinweisen in den Audioaufnahmen seines Vaters zu folgen versucht. 
Wie eingangs bereits festgestellt, ist die Form des Romans ungewöhnlich - das ist anfangs fesselnd, aber in der Gesamtheit auch etwas ermüdend. Die bewusst eingebauten Schreibfehler durch falsche Transkription stören den Lesefluss, haben aber natürlich ihre Bedeutung. Hier ziehe ich den Hut vor der Übersetzerin Stefanie Kremer, denn die in gewisserweise relevanten "Fehler" und auch die Akrostichons waren sicher eine besondere Herausforderung bei der Übersetzung. 
Einige von Stevies Aufnahmen waren verwirrend, wie sich herausstellte, so gewollt, um die Wendung am Schluss plausibel zu machen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob mir die ursprüngliche Geschichte mit den Verschwörungen und Codes der unliebsamen Kinderbuchautorin nicht besser gefallen hat als der zugegeben clevere Plottwist. Das Erzähltempo schleppte sich im Mittelteil ein wenig dahin, aber insgesamt ist Der Twyford Code ein interessanter, andersartiger Roman. 

Janice Hallett, Der Twyford Code. Atrium 2024. 

Thursday, April 30, 2026

Kaliane Bradley - Das Ministerium der Zeit

Okay. Hmm. 
Das Ministerium der Zeit von Kaliane Bradley trägt das Thema Zeit bereits im Titel und zu Beginn des Romans scheint es auch darum zu gehen. Die Ich-Erzählerin übernimmt den Job der Betreuerin/Integrationsbeauftragten/Überwacherin eines Zeitreisenden. Die britische Regierung hat mit einem Zeitreiseportal eine Gruppe Menschen aus verschiedenen Punkten der Zeit "entführt", die sicher verstorben wären und demnach von niemandem vermisst werden. Der Lauf der Geschichte soll dadurch unverändert bleiben. Einige sterben beim Transfer, andere haben Schwierigkeiten mit der Assimilation. Doch der eigentlich 1847 verstorbenen Polarforscher Commander Graham Gore kommt nach einiger Zeit gut zurecht im London des 21. Jahrhunderts. Zufrieden blickt seine Betreuerin auf ihren Schützling und berichtet ihren Vorgesetzten im Ministerium eifrig von Fortschritten und Besonderheiten. Sie bemerkt dabei, dass dort auch noch andere Pläne gemacht werden, die das Zeitportal und die Zeitimmigranten betreffen. Doch selbst als ein enger Kollege/Freund verschwindet, ja, als sogar ein Mord geschieht, gilt ihr Hauptinteresse ihrem Graham, in den sie sich unsterblich verliebt hat. Die Beziehung beginnt holprig, denn Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Gepflogenheiten anders und Graham, als Commander ständig auf See, hat auch wenig Erfahrung in diesen Dingen. 
Hier begann mein Interesse für die Geschichte rapide abzunehmen, denn die dramatischen Ereignisse um die Zeitreisenden und die zunehmend komplizierteren Zusammenhänge von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit standen in keinem Verhältnis zur emotionalen Besessenheit der Protagonistin. Sie ist naiv und unreflektiert, dagegen bleibt Graham weitgehend ein hölzerner Charakter, trotz der Rückblenden zu seinen erschreckenden, grausamen Erfahrungen auf der Polarreise. Graham damals und Graham im Jetzt sind in keiner Form zusammengehörig, die Protagonistin lernt ihn ebenso wenig wirklich kennen wie die Lesenden.
Ein Aspekt, der noch erwähnt werden muss, ist der aufklärerische Auftrag der Protagonistin auf (unterschwelligen) Rassismus und koloniale Verbrechen hinzuweisen. Der war deutlich, blieb aber oberflächlich, was auch für einige andere Themen gilt. 
Sprachlich hatte Das Ministerium der Zeit einiges zu bieten, einige Bilder und Umschreibungen waren interessant und witzig, so dass es fast schade war, dass der Plot schlussendlich nicht halten konnte, was das erste Drittel versprach. Zeitreisegeschichte sind selten durchgehend logisch, aber hier nichts so richtig zuende geführt - oder ich habe es nicht verstanden, was natürlich eine Möglichkeit ist. Ich kann auch einfach keine Freude an diesen Romance-Aspekten (und den scheinbar dazu notwendigen Sexszenen) entwickeln, egal ob bei Fantasy oder Science Fiction, die oft eher wie Fremdkörper im Gesamtplot erscheinen, das ist ein seltsamer Trend, oder stehe ich mit dieser Meinung allein da? 
Insgesamt wirkt der ganze Roman so, als hätte die Autorin eine Menge an Ideen gehabt, sowohl in Bezug auf die Themen als auch in Bezug auf den Genre-Mix, aber da es keinen deutlichen Schwerpunkt, keinen roten Faden gibt, bleibt alles vage und unbefriedigend. Schade. 

Kaliane Bradley, Das Ministerium der Zeit. Hörverlag 2025. 

Saturday, April 18, 2026

Lisa Jewell - Kein Hauch von Wahrheit

Lisa Jewells Thriller Kein Hauch von Wahrheit trägt seine Prämisse im Titel - den Aussagen der Protagonisten ist nicht zu trauen. Podcasterin Alix feiert in einem hippen Londoner Restaurant ihren 45. Geburtstag - genauso wie die eher unscheinbare Josie, die dort mit ihrem Ehemann zu Abend isst, der eher wie ihr Vater aussieht. Aus der Zufallsbegegnung mit dem "Geburtstagszwilling" entwickelt sich ein zutiefst düsteres Verwirrspiel von (un)wahren Erzählungen und Erfindungen, als Josie vorschlägt, Alix solle einen Podcast über sie und ihr Leben machen.  
Erzählt wird chronologisch, mal aus der Perspektive von Alix, mal aus der von Josie, durchbrochen aber durch vorweggenommene "Einblendungen" einer Netflix-Dokuserie, die auf der Basis ihrer Geschichte gedreht werden wird und die verschiedene Podcast-Aufnahmen anderer Personen einschließt. Das ist nicht so verwirrend, wie es klingt, denn eigentlich macht die Autorin durch bedeutungsschwangere Andeutung und Alix' "Bauchgefühl" von Anfang an klar, dass Josies Geschichte nicht die Wahrheit ist. Diese entwickelt eine Geschichte von ihrer eigenen Verführung als Minderjährige durch ihren jetzigen Ehemann, der sich auch an weiteren Mädchen und seiner eigenen Tochter vergriffen haben soll. Alix ist entsetzt über die Teilnahmslosigkeit, mit der Josie von diesen Taten berichtet, greift aber dem Podcast zuliebe nicht ein, sie tut nichts. Dabei erschleicht sich Josie immer mehr Zugang zu Alix' Leben, bis schließlich alles - wie geplant? - eskaliert. 

Ja, Kein Hauch von Wahrheit erzeugt eine gewisse voyeuristische Spannung. Man weiß, dass gruselige Dinge geschehen sind, geschehen werden, nur lässt die Autorin lange darauf warten. Beide Protagonistinnen sind unzuverlässige Erzählerinnen, man kann ihnen nicht trauen, man weiß, dies alles ist nicht die Wahrheit. Ja, es kommt zu einer Auflösung, einer Aufdeckung der Gräueltaten, aber dies bleibt zutiefst unbefriedigend, zumal die Schuldige entkommt und sogar noch das Schlusswort erhält. Die Themen Missbrauch von Minderjährigen, Gewalt in der Ehe und Alkoholismus sind präsent, werden aber unter den Teppich gekehrt. Die eine würde den Alkoholismus und die Unzuverlässigkeit des Gatten liebend in Kauf nehmen, wenn sie ihn wiederbekäme - der Missbrauch steht im Raum, aber niemand thematisiert, wie sehr alle Beteiligten (Mutter, Bekannte, Josie selbst, Alix...) wegschauen und untätig bleiben. 
Auf dem Cover der deutschen Ausgabe steht der Kommentar von Katherine Heiny (selbst Autorin): "So spannend, so klug, so einfühlsam." Dem kann ich nur widersprechen: Spannend vielleicht noch, wenngleich mir die Sicht der Voyeuristin, die sich an dem sich ankündigenden Drama ergötzt, in die ich als Leserin gedrängt wurde, nicht gefallen hat. Klug handelt keine der Protagonistinnen, ihr Verhalten ist sogar abstoßend naiv, - und in Bezug auf den Aufbau möchte ich auch nicht von klug sprechen, denn die meisten der Ereignisse sind schrecklich vorhersehbar bzw. werden vorher zaunpfahlwinkend vorbereitet. Einfühlsam? Was soll das in Bezug auf diese Charaktere heißen? Soll ich Verständnis aufbringen, mitfühlen für diese verantwortslos bzw. im Fall von Josie böse berechnend handelnden Frauen? Das kann ich nicht. Die Geschichte wirkt nach, das vielleicht schon, aber auf eine sehr bittere, dunkle Weise, die mir persönlich nicht gefällt.

Lisa Jewell, Kein Hauch von Wahrheit. Ronin 2025.

Friday, April 03, 2026

Arthur Conan Doyle - Eine Studie in Scharlachrot

In Eine Studie in Scharlachrot (1887) hat der berühmteste Detektiv der Literaturgeschichte seinen ersten Auftritt. Gemeinsame Wohnungsnot und mangelnde Finanzen bringen Dr. Watson und Sherlock Holmes in die gemeinsame Unterkunft in der Baker Street. Watson ist - wie auch in den folgenden Geschichten - schlichtweg begeistert von Holmes' Fähigkeiten, während er selbst manchmal leicht begriffsstutzig wirkt. 
Interessant an diesem ersten Fall ist jedoch die ausführlich dargestellte Hintergrundgeschichte für das Rachemotiv der Morde, die vor dem Hintergrund der frühen Mormonengemeinde von Salt Lake City spielt. Dafür verwendet Arthur Conan Doyle viel Erzählzeit, vielleicht auch um Verständnis für den Mörder zu wecken, der dann gnädig noch vor seinem Prozess an einem Aneurysma stirbt. Ansonsten bietet dieser erste Roman bereits viele bekannte Charakteristiken der folgenden Holmes-Geschichten, auch wenn der Protagonist noch nicht vollständig ausgearbeitet zu sein scheint. Dazu passt aber die bereits angelegte subjektive Erzählperspektive des treuen Dr. Watson, welcher den Detektiv auch gerade erst besser kennenlernt. 
Wahre Begeisterung für die Geschichte konnte ich nicht aufbringen - ich kann mich in der Tat nicht erinnern, sie schon vorher einmal gelesen zu haben, wenngleich es interessant war, diesen ersten Band und damit die Anfänge Sherlock Holmes kennenzulernen. 
Die Lesung durch 
Peter Kortz-Frankemoelle hat mir persönlich nicht so gut gefallen, wirkt sie doch streckenweise sehr nüchtern und gleichbleibend. So stelle ich mir Sherlock Holmes eigentlich nicht vor, aber vermutlich ist das nur eine persönliche Präferenz. 

Arthur Conan Doyle, Eine Studie in Scharlachrot. Publius 2023. 

Simon Beckett - Knochenkälte

In Knochenkälte von Simon Beckett verschlägt es den forensisches Anthropologen David Hunter in einem Schneesturm und bei ausgefallenem Navi ungeplant in ein walisisches Kaff. Ein bisschen konstruiert ist es schon, dass nicht nur die einzige Zugangsstraße weggeschwemmt wird, sondern auch noch mangels Strom sämtliche Telefonverbindungen ausfallen. Hunter sitzt fest, landet in einem gruseligen alten Hotel, wo ihn die Besitzer nur widerwillig aufnehmen. Überhaupt ist die Atmosphäre in dem Dorf latent aggressiv, untereinander und auch gegenüber dem fremden Hunter. Auf der Suche nach einem Telefonsignal wandert er am nächsten Tag in den Wald und findet - natürlich - menschliche Überreste. Von da an entwickeln sich die Ereignisse dynamisch, die verfeindeten Dorfbewohner scheinen an keinerlei Gesetz und stattdessen an Selbstjustiz zu glauben, so dass nicht nur Hunter um sein Leben fürchten muss. 
Erwartet man in Knochenkälte einen sauberen Kriminalfall mit Ermittlungen, so wird man zwangsläufig enttäuscht. Hier sind das Wetter, Zufälle und marodierende Dorfbewohner die Handlungstreiber, bei denen Hunter nur sein Bestes tut, um den Kopf über Wasser zu halten und maximalen Schaden abzuwenden, damit eine gerechte Aufklärung möglich bleibt. Dennoch entstehen allerhand spannende Momente, in denen Hunter an seine physischen und zum Teil auch moralischen Grenzen kommt. Die Schilderung der düsteren, schneeumtosten Wälder und der dort verborgenen Geheimnisse haben mich durchaus gefesselt. Als Kritikpunkt bleibt, dass die Zusammenhänge am Ende dann durch detaillierte Geständnisse aufgeklärt werden, so dass einiges schon viel früher hätte bekannt sein können. Das ist eine erzählerische Krücke, die mir nicht sonderlich gefallen hat. Erzählstil und der Protagonist sind aber gewohnt überzeugend, weswegen die Reihe auch nach diesem siebten Band nach wie vor zu meinen Favoriten zählt. 

Simon Beckett,  Knochenkälte. Argon 2026.

Friday, March 27, 2026

Robert Galbraith - Der Tote mit dem Silberzeichen

Robert Galbraith (alias J.K. Rowling) veröffentlicht mit Der Tote mit dem Silberzeichen den achten Fall um die Privatdetektei von Cormoran Strike und Robin Ellacott. Sie ermitteln im Auftrag einer Frau, die bewiesen haben möchte, dass der Tote, der im Tresorraum eines Ladens für Silber extrem verstümmelt aufgefunden wurde, ihr verschwundener Lebensgefährte ist. Die Polizei geht von einem anderen Opfer aus und so sehen sich Cormoran und Robin einer komplexen Aufgabe gegenüber, da auch noch andere vermisste und verschwundene Männer in Frage kommen. Wie immer wird äußerst detailliert ermittelt und nebenbei auch noch andere belanglosere Fälle bearbeitet, so dass alle Mitarbeiter:innen der Detektei sehr beschäftigt sind mit Überwachungen, Überprüfungen und Recherchen. Während ich normalerweise nachvollziehbare Ermittlungsarbeit in Krimis schätze, bei der kein plötzlicher Deus ex machina den Fall löst, verliert sich in Der Tote mit dem Silberzeichen alles in kleinen Kleinigkeiten, vielen Namen und Gedankengängen, das man leicht irgendwann den Faden verlieren kann (erstrecht beim Audiobook, das übrigens fast 32 Stunden umfasst). Das wäre vielleicht nicht so schlimm, wenn dabei die persönliche Beziehung der beiden Ermittler nicht so unfassbar anstrengend mitzuerleben wäre. Dieses Hin und Her ist nahezu lächerlich und ließ mich mehr oder weniger alle paar Kapitel genervt die Augen verdrehen. Eine gescheiterte Ehe hat Robin hinter sich, bei der sie wusste, dass der Typ nicht der richtige war. Nun bleibt sie mit einem rückfälligen und jähzornigen Alkoholiker zusammen, nur weil er sich nicht wie ein Arsch verhalten hat, als es ihr schlecht ging. Cormorans Gedankengänge/Eifersucht sind nicht nachvollziehbar, immerhin weiß er, dass er ein Depp ist. Ihre Freundschaft ist kaum glaubhaft, wenn sie auch nach Jahren der engsten Zusammenarbeit immer noch unsicher sind, was der jeweils andere für ein Mensch ist und voneinander das Schlechteste annehmen. Wie immer bedroht auch diesmal wieder die Presse den Ruf der Detektei und wie immer wird Robin von fiesen Männern verfolgt und bedroht. Achja, der Beinstumpf tut auch wieder weh, Exfreundinnen sind böse und Cormoran muss sich prügeln, rettet aber trotzdem die Welt. --- ich werde zynisch, sorry. Aber tatsächlich war mir die Aufklärung des Falls / der Fälle am Schluss so gut wie egal. Das sollte nicht so sein. Die eigentlich toll angelegten Charaktere der ersten Bände verkommen in diesem achten Band zu einer Karikatur ihrer selbst und die Krimihandlung bekommt an vielen Stellen zu absurde Züge. Nein, das kann ich nicht mehr wirklich als gut bewerten.  

Robert Galbraith, Der Tote mit dem Silberzeichen. Random House Audio 2025.

Sunday, March 15, 2026

Ruth Ware - Im dunklen, dunklen Wald

Mal wieder: Popsugar made me read this.
Der Prompt lautet "A book about a bachelorette trip" - da war ich froh, dass ein Thriller von Ruth Ware mit auf der Liste war (Romance wäre schlimmer). Also kam das Audiobook auf die Liste, auch wenn mir die anderen Bücher, die ich bisher von der Autorin gelesen habe, nicht allzu sehr gefallen haben: Woman in Cabin 10, Das Chalet und Hinter diesen Türen. Alle sind in einer Form "Locked-Room" Szenarien, dabei macht auch Im dunklen, dunklen Wald keine Ausnahme.

Die sehr isoliert lebende Schriftstellerin Nora erhält eine Einladung zum Junggesellinnenabschied ihrer besten Highschool-Freundin Clare, obwohl sie diese jahrelang nicht mehr gesehen (und nicht vermisst) hat. Aber es gäbe keinen Roman, wenn sie nicht dennoch hinfährt, zusammen mit einer anderen Schulfreundin. Das Haus Im dunklen, dunklen Wald soll mit seiner Glasfassade und Abgeschiedenheit wohl schon Beklemmung auslösen, doch die Anzahl an merkwürdigen Charakteren, allen voran die Ich-Erzählerin Nora, macht von Beginn an klar, was geschehen wird. Offen bleibt nur noch das wie. Denn neben dem Bericht von diesem Wochenende steht ein Erzählstrang, bei dem Nora mit Gedächtnislücken im Krankenhaus liegt - was ist nur geschehen? Die Polizei ermittelt, sagt aber nichts. Sie erinnert sich teilweise, denkt aber nicht nach. Sie erinnert sich ein bisschen mehr, handelt aber kopflos und dumm. Sie schlussfolgert ein bisschen, handelt aber immer noch kopflos und dumm. Am Ende ist sie mehrmals halbtot durch den Wald gerannt, aber immerhin überlebt sie. 
Insgesamt ist der ganze Roman schrecklich vorhersehbar, klischeehaft und man hat die ganze Zeit das Gefühl, das alles doch schon einmal irgendwo gelesen zu haben. Gerade die Einfältigkeit der Protagonistin hat mich massiv gestört, auch die Aufbauschung eines Teenagerdramas von vor zehn Jahren ist als Motiv einfach nicht plausibel. Nicht zu empfehlen, passt aber hundertprozentig zu meinen Einschätzungen ihrer anderen Romane. 

Ruth Ware, Im dunklen, dunklen Wald. DAV 2016.

Saturday, January 31, 2026

Charlie Mackery - Always Remember

Charlie Mackery wrote and illustrated a second book. It is called Always Remember. The Boy, the Mole, the Fox, the Horse and the Storm. 

The characters are beautiful in every meaning of the word.

The story (if you want to call it that) is simple - you can live through the storm if you have friends, courage, self-love and hope. Always be kind to others and to yourself.

The illustrations, drawings, paintings are gorgeous.

I love everything about this book. 

Thank you, Charlie Mackery.  

"Hope is the quiet song in your heart that can sing in spite of everything." 

Charlie Mackery, Always Remember. Penguin 2025.

 

 

Monday, December 15, 2025

Karina Urbach - Das Haus am Gordon Place

Auf zwei Zeitebenen erzählt Karina Urbach in ihrem Roman über Spionage und... das Leben. Das Haus am Gordon Place gehört zu den teuren Wohngegenden in London.
Im Jahr 2024 wird der Historiker Professor Hunt völlig überrascht, als er mit der Tatsache konfrontiert wird, dass in seiner Wohnung am Gordon Place ein Mord geschehen ist. Der dort aufgefundene Nachbar liegt vor einer aufgebrochenen Wand. Hunt hatte die Wohnung von Daphne Parson geerbt.
Im Jahr 1948 begleiten wir Daphne bei ihren abenteuerlichen Erfahrungen im Wien der Nachkriegszeit. Sie arbeitet in der durch die Besatzungsmächte aufgeteilten Stadt in einem Abhörtunnel und übernimmt abenteuerliche Missionen zusammen mit anderen MI6-Agenten.  
In 2024 ermittelt nun Hunt zusammen mit der MI6-Agentin Emma Spencer, was damals geschehen sein könnte, um die Ereignisse in seiner Wohnung auszulösen, und was dort hinter der Wand all die Jahre versteckt gewesen ist. 

Basierend auf historischen Fakten, teilweise allgemein, teilweise an spezifische historische Personen angelehnt, entwickelt die Autorin einen mysteriösen, aber alles in allem plausiblen Fall, bei dem Schicht für Schicht aufgedeckt wird, wie die übrigen Bewohner des Hauses am Gordon Place miteinander in Verbindung stehen. Die wechselnden Perspektiven funktionieren und man erhält vor allem vom Wien 1948 interessante Eindrücke. Empfehlenswert für Fans historischer Krimis - der Roman gewann außerdem den dritten Platz des Deutschen Krimipreises 2024.

Karina Urbach, Das Haus am Gordon Place. Limes 2024. 

Tuesday, October 14, 2025

Jonathan Stroud - Scarlett & Browne - Die Legendären

Scarlett & Browne - Die Legendären ist der dritte und finale Band von Jonathan Strouds Trilogie um zwei Outlaws in einem dystopischen England. Nach einer schrecklichen Katastrophe, der großen Verheerung, bei der eine hochtechnologisierte Gesellschaft untergegangen ist, herrschen nun die Glaubenshäuser mit Gewalt und Unterdrückung. Sklaverei und die Verfolgung aller Andersartigen ist allgegenwärtig, gleichzeitig bedrohen mysteriöse Wesen und Untote alle, die ihnen zu nahe kommen. 
Nach den Vorgängerbänden Die Outlaws und Die Berüchtigten suchen Scarlett und Albert nach ihren Wurzeln und den Schatten ihrer Vergangenheit. Scarlett muss herausfinden, was mit ihrem kleinen Bruder geschehen ist, während Albert das Trauma seiner Kindheit als magisches Versuchskaninchen aufarbeiten will. Sie gehen dabei viele Risiken ein und das hat mehr als eine actionreiche Kampfszene zur Folge, die von Anna Thalbach gewohnt intensiv umgesetzt werden. Gleichbleibend gut sind auch die Charaktere und die Dialoge, wie immer bei Stroud. Nicht alle der aufgeworfenen Fragen werden jedoch beantwortet, die Zukunft bleibt offen, das Schicksal dieser ungemütlichen Welt auch. Dennoch findet die belastende emotionale Reise der beiden Protagonisten, mit sich selbst, miteinander und innerhalb ihrer Gemeinschaft, ein gutes Ende, eine innere Zufriedenheit, mit der wir sie ziehen lassen können.  

Jonathan Stroud, Scarlett & Browne - Die Legendären. cbj 2025.

Saturday, August 16, 2025

Enid Blyton - Fünf Freunde im Zeltlager

In Fünf Freunde im Zeltlager campen die Kinder in einem Moorgebiet, unter dem an einer Stelle ein Eisenbahntunnel verläuft. Auf einer ihrer Erkundungstouren finden sie außerdem einen verlassenen Bahnhof und einen verwirrten einbeinigen Mann, der von Geisterzügen spricht. Das Abenteuer kündigt sich an. Doch es gibt Streit, denn Julian und Dick wollen die Mädchen nicht mitnehmen, wenn sie nachts losziehen, um den Geisterzug zu finden. Anne ist wie immer mit ihrer Hausfrauenrolle zufrieden, aber George ist eingeschnappt. Natürlich zu recht, aber 1948 bei Erscheinen des Buches lagen die Dinge anders. Zum Glück fügt sich alles gut zusammen, denn dadurch, dass sie getrennt voneinander unterwegs sind, können sie sich zu Hilfe eilen, als sich die Ereignisse zuspitzen. 
Diese Geschichte kannte ich noch nicht von den früheren Hörspielen und mich hat sie nicht recht überzeugen können. Das Motiv für den Geisterzug ist schwach dargestellt und der Nebencharakter Jock hatte keine sinnvolle Funktion, außer dass die Fünf eigentlich immer jemanden kennenlernen müssen. Auch die Anwesenheit von Professor Luffy hat sich mir nicht erschlossen. 

Enid Blyton, Fünf Freunde im Zeltlager. cbj 2015.

Thursday, July 24, 2025

Val McDermid - Die Gabe der Lüge

In Die Gabe der Lüge von Val McDermid befinden sich DCI Karen Pirie und ihr Team im Corona-Lockdown, als Jason Murray von einer Mitarbeiterin der staatlichen Bibliothek angerufen wird, die ihm von einem seltsamen Fund berichtet. In einem unvollendeten Manuskript eines verstorbenen Autors wird ein Mord beschrieben, der Bezug zum nicht aufgeklärten Verschwinden der Studentin Lara Hardie vor vielen Monaten hat. Hat der Autor die Tat begangen? Doch warum hinterlässt er diesen schriftlichen Hinweis auf die Tat? Wollte er sie seinem Kollegen in die Schuhe schieben, wie er es ebenfalls in dem Manuskript beschreibt? Die Ähnlichkeiten und auch die Langeweile im Lockdown sind zu groß, um nicht zu ermitteln. Die Corona-Auflagen behindern die Ermittlungen an manchen Stellen, aber nach und nach finden sich immer mehr Hinweise, dass der Inhalt der Manuskripts ernstzunehmen ist und das Lara Hardie beiden Autoren bei Lesungen und Workshops begegnet ist. Doch wer hat den Mord begangen und warum?
Parallel dazu spinnt die Autorin auch das Privatleben von Karen, Daisy und Jason weiter, das ebenfalls unter Corona auf die Probe gestellt wird. 
Insgesamt gab es meines Erachtens hier die ein oder andere langatmige Ermittlungsschleife und nicht alle Nebenstränge wären nötig gewesen, aber das Wiedersehen mit den Charakteren hat dennoch Freude bereitet. 

Val McDermid, Die Gabe der Lüge. Saga 2024.

Tuesday, July 08, 2025

Sangu Mandanna - Miss Moons höchst geheimer Club für ungewöhnliche Hexen

Sangu Mandannas Roman Miss Moons höchst geheimer Club für ungewöhnliche Hexen hat eigentlich keine schlechte Prämisse: Mika Moon ist eine junge Hexe, die dringend einen Job braucht. Daher willigt sie ein, drei Hexenmädchen an einem abgelegenen, ja, abgeschirmten Ort namens Nowhere House zu unterrichten. Doch sie tut das im Geheimen, denn eigentlich sollen niemals mehrere Hexen länger an einem Ort bleiben, um sich nicht der Gefahr der Entdeckung auszusetzen, wenn ihre Kräfte sich verbinden. Der Grund, dass sie dieses Risiko eingeht, ist klar, Mika ist einsam und auf der Suche nach einem Zuhause und einer Familie, beides etwas, dass sie in ihrer Kindheit nicht erfahren hat. Bevölkert ist Nowhere House mit weiteren exzentrischen Charakteren, unter anderem dem extrem gutaussehendem, aber schlecht gelauntem Bibliothekar...
Und spätestens ab hier ist alles furchtbar vorhersehbar. Nur wenig Erzählzeit wird auf die Kinder und die Magie verschwendet, es wiederholt sich oft Mikas Mantra "Ich hatte so eine schreckliche Kindheit, aber jetzt mache ich alles besser!" gepudert mit Selbstmitleid. Der Bibliothekar übernimmt das Feld und auch ihr Denken, er ist auch noch die Hauptfigur beim völlig unnötigen Plottwist, der dann zu einer noch viel (!) unnötigeren und im Erzählfluss und sprachlich völlig absurden Sexszene führt, aber natürlich eigentlich der beste Mann der Welt ist. Die böse Stiefmutter wird dann nebenbei auch noch zur besten Freundin und überhaupt wird alles gut. Was eine interessante Geschichte mit einer eigenen Magiewelt hätte sein können, verkommt zu einer schlecht erzählten Romance mit sehr vorhersehbarem Plot. Schade drum, aber klar ist - nicht lesen, oder nur bei Bedarf nach bewusst seichter Lektüre.

Sangu Mandanna, Miss Moons höchst geheimer Club für ungewöhnliche Hexen. Random House Audio 2022.

Friday, June 13, 2025

Howard Pyle - Robin Hood

Einiges hat mich bei der Recherche zu Howard Pyles The Merry Adventures of Robin Hood überrascht. Jede:r kennt die Story vom Outlaw im Sherwood Forest bei Nottigham, der von den Reichen nimmt und die Armen unterstützt. Alles irgendwann in einer Zeit im frühen England. Das hat man mehrfach in den verschiedensten Fassung in Film, Fernsehen, usw. gesehen. Wenn man hört, dass es schon sehr frühe Überlieferungen des Stoffes gibt, so glaubt man dies unbesehen. Das stimmt auch. Doch die Fassung, die am bekanntesten ist, hat ausgerechnet ein US-amerikanischer Schriftsteller aufgeschrieben. Pyle (1853.1911) stammt aus Delaware und schrieb die gesammelten Balladen und Geschichten in einer halbwegs sortierten Episodenfassung auf und veröffentlichte sein Werk 1883. Dabei veränderte er auch freiherzig einige Inhalte, wie es besser in sein Bild von Robin Hood passte. Aber dann wird es schräg, finde ich. Seine Quellen waren größtenteils in einem Middle English geschrieben, das ca. 1066 bis zum späten 15. Jahrhundert gesprochen wurde, also relativ unverständlich für sein Zielpublikum, nämlich Kinder des 19. Jahrhundert. Was tat Pyle? Er bastelte sich einfach sein eigenes "Middle English", das zwar prachtvolle alte Wörter wie "thou" und "quoth" enthält, aber im Grunde keine real verwendete Sprache war. 
"Now will I make my vow," quoth Little John, "thou art the very best swordsman that ever mine eyes beheld." ...

Dafür war das ganze natürlich halbwegs lesbar für das moderne Publikum. Die Sprache, die Pyle verwendete, ist vielen jetzt vertraut als eine Art Middle English oder einem frühen modernen englischen Dialekt. Das Lesen ist dennoch holprig, nunja, inzwischen ist diese modernisierte Sprache auch wieder fast 150 Jahre alt...
Als Leseerfahrung (in einer wunderschönen Sterling Classic Fassung und als Librivox Audio) war es ganz hübsch, inhaltlich konnte es mich weniger fesseln und über einige der Episoden bin ich eher schnell hinweggehuscht. Robin Hood entkommt mit Schläue, kämpferischen Fähigkeiten und der Hilfe seiner Kumpels vielen Verfolgungen durch den Sheriff bzw. er trifft XY unterwegs, kämpft ein bisschen, fragt dann hinterher nach XYs Namen und nimmt ihn in seine Bande auf. Frauen kommen natürlich kaum vor und spielen keine Rolle. Jedenfalls weiß ich nun einiges mehr über diesen Klassiker, der eigentlich in seiner Form keiner ist. Oder doch? Käme auf die Definition an.

Howard Pyle, The Merry Adventures of Robin Hood. Sterling Classic 2004.

Thursday, May 01, 2025

Val McDermid - Ein Bild der Niedertracht

In Ein Bild der Niedertracht von Val McDermid ermittelt Karen Pirie gleich in zwei Fällen. In einer Garage wird ein Campervan mit einer skelettierten Leiche gefunden, definitiv ein Cold Case, bei dem erst einmal geklärt werden muss, wer der/die Tote überhaupt ist. Die Ermittlungen rollen gerade an, als Karens Chefin ihr einen anderen Fall aufzwängt: Der Bruder eines lange vermissten schottischen Beamten wird tot aus dem Firth of Forth gezogen, das kann kein Zufall sein, zumal der Tote seine Identität verschleiert hat und unter anderem Namen in Frankreich lebte. Bei diesem zweiten Fall kann Karen neben dem "Minzdrop" Jason auch auf die Unterstützung von Daisy, einer jungen Ermittlerin, zählen und es beginnt eine Zickzackreise durch Schottland, Frankreich, England und Irland auf der Suche nach Identitäten und den Motiven.
Ein Bild der Niedertracht ist ein spannender Fall, der viele Wendungen nimmt, die aber plausibel im Verlauf der Ermittlungen sind und keine nervigen, erzwungenen "Uhu-ich-wette-das-habt-ihr-nicht-kommen-sehen"-Plot-Twists sind. Ich mag Karen und ihre geradlinige Art und auch die übrigen Charaktere (Daisy ist eine prima Ergänzung) bereiten Freude .

Val McDermid, Ein Bild der Niedertracht. Saga 2021.