Saturday, July 20, 2019

Marissa Meyer - Wie Monde so silbern

In der Popsugar Challenge 2019 gibt es eine Aufgabe die "Retelling of a classic" betitelt ist, Cinder tauchte oft als eine Option dafür auf. Der Originaltitel gibt die Vorlage direkt an, der deutsche Titel Wie Monde so silbern verschlüsselt sie auch nur leicht, da auf das Kleid von Aschenputtel/Cinderella angespielt wird.
Transferiert wird das Märchen in die Zukunft, die Erdenbewohner haben sich zu verschiedenen Allianzen zusammengeschlossen, ihr Gegner sind die Lunarier, die Bewohner des Mondes, die große Bedrohung die blaue Pest, eine mysteriöse Seuche. Es gibt neue Technologien, vor allem auch Cyborgs in unterschiedlichen Ausprägungen. Cinder ist seit einem schweren Unfall ein halber Cyborg und muss als Waise bei ihrer Stiefmutter und zwei Stiefschwester leben. Sie hat keine Rechte und arbeitet für die Stiefmutter - zum Glück ist sie eine besonders begabte Mechanikerin. Das bringt auch den Prinzen Kai in ihren Laden, denn er hat einen kaputten Cyborg, den sie reparieren soll. Achja, und natürlich reden alle von dem Ball, der in einigen Tagen stattfinden soll. Cinder darf nicht hin... ist ja klar.
Die Parallelen zum Märchen sind grob und deutlich gezeichnet, im Detail geht es aber doch eher um politische Intrigen - und die böse Königin der Lunarier als Gegenspielerin gab es im Märchen meiner Erinnerung nach auch nicht.
Prinzipiell birgt die Idee Potenzial, das aber nur bedingt ausgeschöpft wird. So fesselte mich anfangs das Setting und die Ausarbeitung dieser anderen Welt, dann stockte das Erzähltempo, es gab überflüssige Schleifen und langatmige Passagen, zumal schon nach der Hälfte Cinders wahre Identität zu erraten war, dafür, wie dies zustande kam, hätte man auch weniger Raum verwenden können.
Die Lesung von Vanida Karun war sehr gut und abwechslungsreich, die Schauspielerin setzte die verschiedenen Personen mit viel Elan und unterschiedlichen Stimmen und Akzenten interessant in Szene. Das hat das Zuendehören des Romans deutlich erleichtert.

Marissa Meyer, Wie Monde so silbern. Silberfisch 2013.

Friday, July 19, 2019

Tove Jansson - Mumins wundersame Inselabenteuer

Der Muminvater ist unzufrieden - nichts zu tun, nichts los im Mumintal! Also segelt die Familie (Eltern, Mumin und die kleine Mü) zur Leuchtturminsel, auf der der Muminvater schon immer leben wollte. Doch die Insel ist keine Trauminsel, sie ist karg, wirkt verlassen und unheimlich. Trotzdem versuchen alle, das Beste daraus zu machen und jedes Familienmitglied geht seiner Wege. Der Vater geht seinen "Forschungen" nach, schafft es aber weder, den Leuchtturm wieder in Betrieb zu nehmen, noch den Geheimnissen des Meeres auf die Spur zu kommen. Die Muminmutter versucht sich an einem neuen Garten, in dem auf der kargen Insel aber nichts gedeiht, und malt schließlich voller Sehnsucht das grüne Mumintal an die Leuchtturmwände. Mumin hat Geheimnisse vor seinen Eltern, er wartet auf die Seepferde und fühlt sich außerdem verantwortlich für die kalte, bedrohliche Morra, die ihnen auf die Insel gefolgt ist. Die kleine Mü tut, was sie immer tut, sie geht ihrer eigenen Wege, selbstbewusst und immer ein bisschen sarkastisch, obwohl sie noch so klein ist. (Ein paar Mal musste ich ihretwegen laut auflachen...) 
Die Ereignisse spitzen sich zu, als die Insel in Bewegung gerät - das Meer und die Morra haben sie in Unruhe versetzt. Ein Herbststurm bringt die Katharsis, die Insel und die Muminnd s werden ruhiger und sogar der depressive, vereinsamte ehemalige Leuchtturmwärter, der als Fischer auf der Insel lebte, kann zu seinem Posten zurückkehren und den Leuchtturm endlich wieder zum Leuchten bringen. Die Morra fasst Vertrauen zu Mumin und verliert ihren Schrecken. Ein verhalten positives Ende für ein Buch, dass ungewohnt düstere Töne in sich hat, die heitere Idylle aus anderen Bänden sucht man hier vergebens, dafür gewinnen die Charaktere eine zusätzliche Tiefe, natürlich auch dadurch, dass sich Tove Jansson für nur vier Hauptfiguren entschieden hat. Mumins wundersame Inselabenteuer ist mehr als "nur ein Kinderbuch" und birgt kleine und große Botschaften für den Einzelnen und das Miteinander.

Tove Jansson, Mumins wundersame Inselabenteuer. Arena, Würzburg 2017.

Sunday, July 14, 2019

Günter Grass - Katz und Maus

1981 las Günter Grass in seinem Atelier seine Novelle Katz und Maus (1961) einer Schulklasse vor. Sie ist der zweite Band der Danziger Trilogie zwischen Die Blechtrommel (1959) und Hundejahre (1963). Die Lesung wurde erstmals 2002 vom Hörverlag veröffentlicht.

In Katz und Maus berichtet uns der etwas zweifelhafte Erzähler Pilenz von seinem Schulkameraden Mahlke und seiner Beziehung zu diesem. Die Handlung spielt zur Zeit des Zweiten Weltkrieges in Danzig als die beiden noch zur Schule gingen. Mahlke ist ein Sonderling und Außenseiter, nicht zuletzt wegen eines auffälligen Adamsapfels. Letzterer gibt den Anlass zu einem Streich, den Pilenz Mahlke spielt, indem er dem schlafenden Mahlke eine Katze auf den Hals hetzt, die wiederum den Adamsapfel für eine Maus hält. Diese Anekdote steht symbolhaft über der ganzen Geschichte und wird in den verschiedensten Bezügen wieder aufgegriffen. Pilenz ist als Erzähler eine unzuverlässige Figur, da seine eigene Beziehung zu Mahlke von wechselnden Gefühlen zwischen Bewunderung, Liebe und Hass geprägt ist - erzählt er uns die Wahrheit? - was lässt er weg? - was beschönigt er? Und auch Mahlke selbst bleibt eine unklare Figur, denn auch er schwankt zwischen Ablehnung und Auflehnung gegen das bestehende System (sei es das der Schule oder der Armee) einerseits und andererseits buhlt er um Bewunderung und Anerkennung (Ehrgeiz beim Turnen und Tauchen und im militärischen Kampf). So bleibt vieles im Unklaren und gibt Anstoß zum Nachdenken - darin und in dem ihm einzigartigen Sprachstil liegen unbestritten Günter Grass' schriftstellerische Genialität. Ein guter Vorleser war er außerdem.

Günter Grass, Katz und Maus. Steidl, Göttingen 2013.

Saturday, July 13, 2019

Michael Robotham - Erlöse mich

Im Zentrum dieses siebten Falls von Joseph O'Loughlin und Detective Ruiz steht Marnie Logan. Sie steckt in massiven Schwierigkeiten: Nachdem ihr Mann vor einigen Monaten spurlos verschwand, soll sie nun für dessen Schulden aufkommen, hat aber nicht einmal genug Geld für die Miete und den Unterhalt für ihre zwei Kinder. Wegen kleinerer Blackouts und dem diffusen Gefühl beobachtet zu werden sucht sie Hilfe bei O'Loughlin. Der seinerseits glaubt, dass Marnie ihm etwas verschweigt. Die Ereignisse spitzen sich zu, als der Kriminelle, der dafür sorgen soll, dass Marnie ihre Schulden im Escortservice abarbeitet, ermordet aufgefunden wird. Natürlich gerät Marnie unter Verdacht - zögerlich beginnen O'Loughlin und Ruiz ihr zu helfen, denn sie selbst sind sich auch nicht sicher, ob Marnie wirklich unschuldig ist.
In einer weiteren Erzählperspektive hören wir jemandem zu, der jeden von Marnies Schritten und Entscheidungen beobachtet, ohne genau zu wissen, wer dieser jemand ist. Dieser Stalker hat etwas mit den vielen Unglücken und Todesfällen in Marnies Vergangenheit zu tun, die von O'Loughlin und Ruiz nach und nach entdeckt werden. Ist Marnie psychisch krank? Hat sie einen Stalker?
Eine der Stärken von Erlöse mich ist sicher, dass es Robotham erzählerisch gelingt, die Antwort auf diese Frage lange Zeit schuldig zu bleiben. Die Spannung wird gehalten, obwohl wir der Stimme des Täters lauschen (im Hörbuch im wahrsten Sinne des Wortes, umgesetzt durch einen zweiten Sprecher). Viele der Charaktere werden intensiv beleuchtet, besonders Marnie, aber sie ist eine zweifelhafte Protagonistin, der man nicht über den Weg trauen mag. Das lässt zwar keinen Raum zur Identifikation, verstärkt aber das große Unbehagen, das dieser Psychothriller hinterlässt.

Michael Robotham, Erlöse mich. Hörverlag 2013.

Thursday, July 11, 2019

Fredrik Backman - Alles, was mein kleiner Sohn über die Welt wissen muss

Fredrik Backman schreibt in Alles, was mein kleiner Sohn über die Welt wissen muss in kleinen Episoden über die Dinge, die ihn als Vater bewegen. Dabei mischen sich verschiedene Dinge: Es gibt kleine lustige Anekdoten über Situationen, in denen er die falschen Dinge gesagt oder getan hat und durch die er in Schwierigkeiten gekommen ist. Er erzählt ungewöhnliche/unkonventionelle Märchen, in denen er versucht, seinem Sohn wichtige Lebensbotschaften zu vermitteln. Er spricht über seine Gefühle und gibt seiner Dankbarkeit Ausdruck die Liebe und Fürsorge seiner Frau zu haben. Er spricht über die Widersprüche, die die Erziehungsaufgabe mit sich bringt. In all diesen kleinen Texten ist der für Backman typische Humor und sprachliche Witz wiederzufinden - ob seine Botschaften an den Sohn für den Leser nur unterhaltsam oder gewichtiger sind, hängt wohl davon ab, ob man selbst Kinder hat.

Fredrik Backman, Alles, was mein kleiner Sohn über die Welt wissen muss. Fischer, Frankfurt a.M. 2017.

Wednesday, July 10, 2019

Maler

postcrossing card sent by Litchi-Longan from China

Maler sind Leute, die von der Wand in den Mund leben.

Heinz Ehrhardt (1909-1979)

Monday, July 08, 2019

Harriet Beecher Stowe - Onkel Toms Hütte

Onkel Toms Hütte von Harriet Beecher Stowe (1852) ist nicht einfach nur ein Klassiker, sondern ein Meilenstein in der amerikanischen Literaturgeschichte. Der oft als einer der ersten Protestromane bezeichnete Roman erreichte eine für die Zeit außergewöhnliche Popularität und zwang die Leser sich in Bezug auf die Sklaverei zu positionieren und spielte im Vorfeld des American Civil War (1861-1865) eine meinungsbildende Rolle.

Natürlich gibt es im historischen Abstand kritische Stimmen, die Beecher Stowe vorwerfen, mit den stereotypen Figuren in ihrem Roman das Bild der schwarzen Bevölkerung in den Köpfen der Weißen zu stark beeinflusst zu haben, zweifellos aber leistete Onkel Toms Hütte einen entscheidenden Beitrag zur Bekämpfung der Sklaverei.
So ist die Geschichte des grundehrlichen, tiefgläubigen und sanften Tom natürlich geprägt von einem sentimentalen und stark idealisierenden Ton, sowohl sprachlich als auch hinsichtlich der Handlung. Im Kontext seiner Entstehung betrachtet glaube ich aber, dass die Autorin stark davon getrieben war, ihre Botschaft so dringlich wie möglich und auch so schlicht und deutlich wie möglich auszudrücken. Sklaverei ist böse und vor allem unchristlich, so die Botschaft. Und diese Botschaft erreicht damals wie heute ihr Ziel.

Harriet Beecher Stowe, Onkel Toms Hütte. Buchfunk, Leipzig 2006.

Sunday, July 07, 2019

Jean-Luc Bannalec - Bretonisches Vermächtnis

Kommissar Dupin muss in seinem achten Fall unerwartet in seiner Heimatstadt Concarneau ermitteln. Ein angesehener und einflussreicher Arzt stürzt aus einem Fenster seiner Wohnung zu Tode - und diese Wohnung befindet sich ausgerechnet oberhalb des Amiral, Dupins Lieblingsrestaurants.
Fieberhaft beginnt er zu ermitteln, muss sich aber mit zwei neuen Inspektorinnen behelfen, ausgerechnet jetzt sind Riwal und Nolwenn im Urlaub und nicht zu erreichen. Denkbar schlechte Voraussetzungen und so fühlt sich Dupin zunächst sehr unwohl, zumal die Ermittlungen in so viele verschiedene Richtungen laufen und nichts zusammenpassen will. Vor allem das Motiv will nicht klar werden, erst recht nicht, als auch noch ein Anschlag auf Concarneaus Schiffswerft das Städtchen erschüttert. Wie hängt alles zusammen?
Die Antwort kommt von höchst überraschender und literarischer Seite, mehr sei nicht verraten.
Bretonisches Vermächtnis ist eine weitere Liebeserklärung an die Bretagne, die Schilderungen der Stadt Concarneau und der umliegenden Landschaften zeugen davon. Auch die übliche Begeisterung für bretonisches, gutes Essen kommt nicht zu kurz. So bleibt das Fernweh sicher nicht aus beim Lesen. Der Fall selbst ist etwas holprig und die Auslösung, sowohl in der Art und Weise als auch vom Motiv her, etwas dürftig. Das gab es schon besser und sauberer ermittelt bei Bannalecs Dupin. Es scheint fast so, als sei der Autor hier selbst so begeistert von seinem literarischen Bezug gewesen, dass sich der Roman dem fügen musste. Dennoch ist auch dieser bretonische Krimi aufgrund von Setting und Charakteren ein Lesevergnügen.

Jean-Luc Bannalec, Bretonisches Vermächtnis. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2019.

Tuesday, July 02, 2019

Leo Tolstoi - Anna Karenina

Die Hörspielfassung (WDR und HR, 1967) von Leo Tolstois Anna Karenina kürzt den umfangreichen Roman auf etwa 4,5 Stunden und wurde 2009 im Hörverlag veröffentlicht.

Die Geschichte von Anna Karenina gehört zu den Klassikern der Weltliteratur und ist hinlänglich bekannt: Anna, eine gebildete Frau im Russland in der Mitte des 19. Jahrhunderts, ist verheiratet mit Alexej Karenin. Sie verliebt sich jedoch in den Grafen Alexej Wronskij, wird von ihm schwanger und verlässt ihren Ehemann. Die Liebe dauert jedoch nicht an, sie ist hin- und hergerissen zwischen Wronskij und ihrem bei Karenin zurückgelassenen Sohn Sergej. Sie zweifelt beständig an Wronskijs und an ihren eigenen Gefühlen und weiß schließlich keinen Ausweg mehr und begeht Selbstmord.
Der Roman spiegelt die bessere Gesellschaft Russlands zu der Zeit und wägt verschiedene Moralvorstellungen gegeneinander ab, ohne sich dabei für eine Sichtweise zu entscheiden. Tolstoi urteilt nicht, sondern beleuchtet das Szenario des Ehebruchs (und der unglücklichen Liebe und der lieblosen Ehe und...) von mehreren Seiten. Auch politisch relevante Themen kommen zur Sprache, jedoch fallen diese in dieser Fassung weitgehend den Kürzungen für das Hörspiel zum Opfer. Auch der im Roman nicht unwichtige Erzählstrang um Konstantin Ljewin wird stark vereinfacht.

Die schauspielerische Umsetzung lässt nichts zu wünschen übrig und trotz der doch umfangreichen Kürzungen bekommt man in diesem Hörspiel einen Eindruck von der hohen erzählerischen Qualität des Romans und den beeindruckenden Charakteren.

Monday, July 01, 2019

Aude Le Corff - Bäume reisen nachts

Depressive Mutter verlässt Mann und Tochter. Mann fällt in Abgründe, Tochter vereinsamt. Rettung kommt in Form eines alten gebrechlichen Französischlehrers und einer Transgender-Tante. Vier sehr unterschiedliche Menschen machen sich schließlich auf zu einem Roadtrip nach Marokko, um die abtrünnige Mutter zurückzuholen.
Die Geschichte Bäume reisen nachts von Aude Le Corff ist sprachlich nett verpackt, gespickt mit Zitaten aus dem Kleinen Prinzen, die der alte Anatole der kleinen Manon vorliest. Die Kürze des Romans führt dazu, dass manche Innensicht und manches problematische Thema nur oberflächlich behandelt werden kann. Vor allem bei dem Kind bekommt man kein zusammenhängendes Bild, sie hält fest am Idealbild der Mutter, obwohl sie weiß, das diese nicht recht gehandelt hat. Sie schwebt an einem Abgrund der Verzweiflung und erlebt beide Elternteile als absolut unzuverlässig. Vor diesem Hintergrund wurde ein zu einfaches, zu rosarotes Ende gewählt, was den Leser unbefriedigt zurücklässt. Hier gab es viele gute Ideen, auch bezüglich der Charaktere, die aber mehr Raum gebraucht hätten.

Aude Le Corff, Bäume reisen nachts. Insel Verlag, Leipzig 2014.