Sunday, May 19, 2019

Philip Pullman - Der goldene Kompass

In einer Welt, die der unseren ähnelt, aber auch vollkommen anders ist, lebt ein Mädchen namens Lyra in einer Stadt die Oxford heißt. Obwohl sie in einem College mit Professoren lebt, erhält sie keinen echten Unterricht, sondern streunt herum, begleitet von ihrem kleinen, gestaltwandelnden Dämon, wie jeder Mensch in dieser Welt einen hat. Über ihre Eltern weiß sie nichts, ihr einziger Verwandter ist ein Onkel, Lord Asriel, der sich aber auch nicht um sie kümmert.
Als er eines Tages doch zu Besuch kommt, beobachtet Lyra heimlich, was er den anderen Professoren zeigt: Hinter den Nordlichter verbirgt sich der Zugang zu einer anderen Welt!
Vermutlich hätte sie all das sogar schnell wieder vergessen, doch ihre heile, verspielte Welt verändert sich, als Kinder aus ihrer Stadt verschwinden. Was passiert mit ihnen? Welche geheimnisvoll Organisation steckt dahinter? Gesteuert durch Schicksal, Zufall und ihren festen Vorsatz, einen Freund wiederzufinden, der zu den Verschwundenen gehört, gerät Lyra in ein unglaubliches Abenteuer mit Hexen, gepanzerten Eisbären und einigen sehr fiesen Erwachsenen, die nur auf ihren Vorteil aus sind. Zum Glück hat sie den goldenen Kompass dabei, ein Instrument, das ihr dabei hilft, wahr und falsch zu unterscheiden und das ihr einen Vorteil in dem ungleichen Kampf verschafft.

Prinzipiell ist Der goldene Kompass eine spannende Geschichte. Pullman erschafft Charaktere, die abwechslungsreich und gut erdacht sind, auch die Fantasy-Elemente sind logisch und die Dämonen, die Menschen begleiten, sind eine faszinierende Idee. Natürlich richtet sich der Roman an Kinder/junge Jugendliche, dennoch wird hier doch auch für diese Zielgruppe etwas sehr einfach zwischen gut und böse unterschieden. Hinzu kommt ein m.E. für den Plot überflüssiger religiöser Bezug, der die Institution der Kirche als grundböse und treibende Kraft für das Übel in der Gesellschaft darstellt, gleichzeitig aber selbst intensiv moralisierend ist. Einem kindlichen Leser wird dies vermutlich nicht sonderlich auffallen, vermutlich auch nicht stören, da die Abenteuergeschichte und Lyras Schicksal viel interessanter sind. Als Erwachsener beginnt man, einige der Metaphern als aufdringlich wahrzunehmen, aber nun, vielleicht kann man auch einfach darüber hinweg lesen bzw. hören.
Von alledem abgesehen, war Rufus Becks Lesung auf jeden Fall ein Genuss.

Philip Pullman, Der goldene Kompass. Hörbuch Hamburg 2013. 

Saturday, May 18, 2019

Alan Bradley - Halunken, Tod und Teufel

Auch im dritten Band, Halunken, Tod und Teufel, von Alan Bradleys Serie um die unvergleichliche Flavia de Luce stolpert sie Hals über Kopf in ihren neuen Fall. Weil sie versehentlich das Zelt einer Wahrsagerin auf Bishop’s Laceys Jahrmarkt angezündet hat, fühlt sie sich dieser verpflichtet und erlaubt ihr, in einer abgelegenen Ecke von Buckshaw zu kampieren - nur um sie kurz darauf schwer verletzt aufzufinden. Natürlich fühlt sich Flavia verpflichtet, der Sache nachzugehen - wer wollte Fenella umbringen? Und warum? 
Flavia versucht Spuren zu finden und geht den verschiedensten kleinen Hinweisen nach. Was hat die mysteriöse religiöse Gruppe der Humpler (English: Hobbler, dissenters) damit zu tun? Aber sie hat kaum Zeit, genauer zu ermitteln, als eine Leiche auftaucht und dem Fall eine neue Richtung gibt.
Hartnäckig und clever wie immer setzt Flavia alles daran, die lokalen Ermittler zu beeindrucken und schneller als sie zur Lösung zu kommen. Gleichzeitig wird in diesem Band noch deutlicher, in welchen sozialen Problemen sie steckt: Ihre Beziehung zu den Hausangestellten - so verquer sie auch ist - scheint ehrlicher als die zu ihren Schwestern und ihrem Vater. Nur schwer kann sie Zeichen von deren Zuneigung und Sorge erkennen, sie sieht diese nur als Gegner, an denen man sich rächen oder die man austricksen muss. Freundschaften pflegt sie keine und wenn sie auf jemanden trifft, der als Freund in Frage kommt, verläuft auch dies problematisch, obwohl deutlich wird, dass sie sich schon danach sehnt. So ist es herzerweichend, wenn sie mit großen Gesten ihre Zuneigung und Pseudobeziehung zu ihrem Fahrrad Gladys schildert. Besorgt liest man auch von den großen finanziellen Schwierigkeiten der Familie und fragt sich, was denn nun wirklich mit Harriet, Flavias Mutter, geschehen ist. Hier gibt es noch viel zu erzählen; wie gut, dass noch viele weitere Bände mit dieser interessanten Protagonistin warten.

Alan Bradley, Halunken, Tod und Teufel. Penhaligon 2011. 


Sunday, May 12, 2019

Not so serious quote for mothers' day lovers

“She was not, herself, hugely in favor of motherhood in general. Obviously it was necessary, but it wasn't exactly difficult. Even cats managed it. But women acted as if they'd been given a medal that entitled them to boss people around. It was as if, just because they'd got the label which said "mother", everyone else got a tiny part of the label that said "child"...” 
- Terry Pratchett, Carpe Jugulum

Friday, May 10, 2019

Terry Pratchett - Ruhig Blut

Nach einiger Zeit in der Gesellschaft von Mumm und Co. wurde es mal Zeit für einen Scheibenwelt Ortswechsel:

Im kleinen Scheibenweltreich Lancre wird gefeiert - Königin Magrat hat ihre erste Tochter geboren und der König lädt alle Welt zum Fest der Namensgebung ein. Leider auch die benachbarten vampirischen Elstyrs aus Überwald. Und die verfolgen den Plan, sich Lancre zu unterwerfen. Aber natürlich müssen sie gegen den Hexenzirkel antreten. Oma Wetterwachs ist eingeschnappt, weil sie die Einladung nicht erreicht hat, gleichzeitig ist sie die stärkste Gegnerin der Vampire. Als sie das erste Mal auf die Vampire trifft, sieht es so aus, als sei sie besiegt worden - sie wird gebissen! Doch nicht alles ist so, wie es scheint, bei den Hexen auf der Scheibenwelt, und so hat Oma Wetterwachs noch einige Trümpfe im Ärmel...

Ruhig Blut ist der sechste von Terry Pratchetts Scheibenweltromanen mit den Hexen als Hauptpersonen und steckt voller schillernder, amüsanter und wortwitziger Charaktere, womit nicht nur die Hexen gemeint sind. Katharina Thalbach bei der Darstellung dieser Charaktere zuzuhören war reine Freude, eine sehr empfehlenswerte Lesung.

Terry Pratchett, Ruhig Blut. Random House Audio 2010.

Saturday, May 04, 2019

Martin Walker - Delikatessen

Ausgerechnet im beschaulichen Saint-Denis soll ein spanisch-französisches Gipfeltreffen stattfinden und eine Lawine von Sicherheitsmaßnahmen wird in Gang gesetzt, die Bruno Chef de Police durchaus fordert. Auch seine ehemalige Geliebte Isabelle ist deswegen vor Ort, keine kleine Sache für ihn, weil zeitgleich das Verhältnis zu Pamela weiterhin im Unklaren bleibt. Die Sicherheitslage aber ist vor allem deswegen so angespannt, weil man ein Attentat der ETA, der baskischen Terrororganisation, befürchtet.
Zunächst wird Bruno auch noch durch den Fund einer 20 Jahre alten Leiche auf dem Gelände einer archäologischen Ausgrabungsstätte abgelenkt, deren studentische Hilfskräfte zusätzlich mit Anschlägen auf die in ihren Augen schändliche Gänsezucht (für das in Frankreich allseits beliebte Foie Gras) für Unruhe sorgen.
Gleichzeitig bekommt Bruno ein Geburtstagsgeschenk, das sein Leben nachhaltig verändert. Bei all dem Trubel ist es wirklich verwunderlich, dass er noch den Überblick bewahrt. Den wahren Übeltäter erkennt er aber bis zum Schluss nicht und muss dafür auch büßen, wenngleich den Täter nach einem fulminanten Showdown seine Strafe ereilt.
Delikatessen ist atmosphärisch dicht und voller interessanter Charaktere, Bruno wie immer unglaublich sympathisch - man will sofort hin in das wunderbare Saint-Denis, um diese Menschen kennenzulernen und um das Essen, den Wein und das Leben zu genießen. Daneben erscheint der Krimiplot fast eine Nummer zu groß für den kleinen Ort und auch für Bruno, bei dem man sich fragen muss, wie er dies alles - Politik, Kleinstadtleben, private Umwälzungen und beruflich die Organisation der Polizeiaktionen -  bewältigen kann.
Die Lesung von Johannes Steck ist gewohnt gut und seine Stimme passt gut zum Erzählstil des Romans.

Martin Walker, Delikatessen. Diogenes 2012.

Thursday, May 02, 2019

Jacques Berndorf - Die Eifel-Connection

Vulkanmaare bei Schalkenmehren April 2019, by InBetween

Hocheifel bei Lind April 2019, by InBetween 

Schön ist sie, die Eifel. Abwechslungsreiche Landschaften vom Hochplateau bis zum Vulkanmaar. Das findet er auch der dort ansässige Autor Jacques Berndorf, der seit Jahrzehnten in seiner Krimireihe Eifel-relevante Themen anschneidet, sehr gern die unbequemen.
In Eifel-Connection (Band 20, 2011) werden nacheinander drei sehr unterschiedliche Tote aufgefunden: Ein Geologe stürzt von einer Steinbruchkante, ein Geschäftsmann sitzt tot in seinem Auto und eine über 60jährige Frau liegt in einem der Puff-Wohnwagen, die in der Eifel hier und da an der Straße stehen. Und doch scheint es Zusammenhänge zu geben, denen Siggi Baumeister mit Hilfe von Emma und zum Teil auch vom langsam genesenden Rodenstock auf die Spur kommt. Ganz nebenbei erfährt der Leser auch von dem desaströsen Abbau der Basalt-Vorkommen in der Eifel - ganze Berge werden abgetragen und trotz Warnungen und Protesten der Umweltorganisationen immer mehr Flächen zum Abbau freigegeben. Was in Eifel-Connection den Hintergrund für einen Teil der Kriminalstory liefert, ist leider bittere Wahrheit und man kann nur in vollem Unverständnis mit dem Kopf schütteln vor soviel Dummheit der Verantwortlichen, die das Naturerbe der Eifel für Profit opfern. Wenngleich die Aufklärung des Falls vielleicht nicht besonders zu fesseln weiß, so sind es doch diese aufklärenden, journalistischen Aspekte in den Geschichten des Eifel-liebenden Autor, die die Krimireihe immer wieder lohnenswert machen.

Jacques Berndorf, Die Eifel-Connection. KBV 2011.

Sunday, April 28, 2019

Patrick Süskind - Die Taube

Innerhalb eines Tages durchlebt Jonathan die schlimmste Krise seines über 50 Jahre langen Lebens. Er trifft plötzlich auf eine Taube auf dem Korridor vor seinem kleinen Mansardenzimmer in Paris. Er erschrickt wortwörtlich fast zu Tode, kann seinen Alltag als Wachmann einer Bank kaum bewältigen, sieht sein Leben scheitern in vielfältiger Weise (wobei das schlimmste, das ihm an diesem Tag tatsächlich passiert, ein Riss in seiner Uniformhose ist) und beschließt schließlich seinen Selbstmord.
Doch wie zuvor seine Phantasien, seine Dienstwaffe zum Angriff auf die bedrohlich scheinenden Mitmenschen zu gebrauchen, setzt er auch diesen Vorsatz nicht um:
"Er war nicht der Mensch dazu. Er war kein Amokläufer, der aus seelischer Not, aus Geistesverwirrung oder aus spontanem Haß ein Verbrechen beginge; und zwar nicht, weil ihm ein solches Verbrechen als moralisch verwerflich erschienen wäre, sondern einfach deshalb, weil er überhaupt unfähig war, sich tätlich oder wörtlich zu äußern. Er war kein Täter. Er war ein Dulder."
Derart ist die intensive Charakterstudie, die Patrick Süskind (*1949) an diesem bemitleidenswerten, vereinsamten, aber zugleich auch unglaublich langweiligen Menschen betreibt, dass man den kurzen Band nahezu verblüfft beiseite legt und staunt. Zur angenehmen und unterhaltsamen Lektüre kann Die Taube nicht zählen, wohl aber zur beeindruckenden.

Patrick Süskind, Die Taube. Diogenes, Zürich 2013.

Saturday, April 27, 2019

Martin Walker's Bruno series

Martin Walker's (*1947 in Scotland) Bruno Courrèges (chef de police) is a police officer in the fictional small town of Saint-Denis in the  Périgord region in France.

#1 Bruno, Chief of Police / Bruno, chef de police (2008)
#2 The Dark Vineyard / Grand Cru (2009)
#3 Black Diamond / Schwarze Diamanten (2010)
#4 The Crowded Grave / Delikatessen (2011)
#5 The Devil's Cave / Femme Fatale (2012)
#6 The Resistance Man / Reiner Wein (2013)
#7 Children of War / Provokateure (2014)
#8 The Patriarch / Eskapaden (2015)
#9 Fatal Pursuit / Grand Prix (2016)
#10 The Templars' Last Secret / Revanche  (2017)
#11 A Taste for Vengeance / Menu Surprise (2018)
#12 The Body in the Castle Well (to be published June 2019)

Martin Walker - Schwarze Diamanten

Dies ist der dritte Band von Martin Walkers Reihe um Bruno, Chef de police, in dem kleinen beschaulichen Städtchen im Perigord. Das Cover der Diogenes-Ausgabe verrät es, hier sind Schwarze Diamanten keine Edelsteine, sondern Trüffel. Im Nachbarörtchen werden sie auf dem Markt gehandelt, aber es gab Beschwerden über minderwertige Ware und Betrug. Bruno wird hinzugezogen. Doch kaum hat er auch nur begonnen zu recherchieren, da verdrängt der Mord an einem (Jagd-) Freund Hercule alles andere. Gleichzeitig entspinnt sich ein Bandenkrieg zwischen den schon lange ansässigen Vietnamesen und den nach Frankreich drängenden Chinesen. Was hatte Hercule mit all dem zu tun?

Man sollte meinen, bei diesen schon komplexen Handlungssträngen täte der Autor gut daran, nicht noch mehr in diesen Roman hineinpacken zu wollen, doch er mischt noch private Dramen (Isabelle, Pamela - wie soll sich Bruno da entscheiden?) und Lokalpolitik (Bürgermeisterwahlen) dazu. Nicht zu vergessen, dass ausführlich über Trüffelsuche und Zubereitung und Verzehr derselben berichtet werden muss.
So erscheint dann die Aufklärung der Verbrechen am Ende auf den letzten Seiten etwas sehr gerafft, einige Fäden bleiben lose in der Luft, ohne dass ein Täter gefasst oder gar benannt werden kann. Den Krimileser stellt dies nicht zufrieden, wer aber die französische Atmosphäre und die Gesellschaft des liebenswerten Bruno mag, der freut sich schon auf den nächsten Band.

Martin Walker, Schwarze Diamanten. Diogenes, Zürich 2012. 

Thursday, April 25, 2019

Karen Thompson Walker - Ein Jahr voller Wunder

Dystopien sind in auf dem Buchmarkt - und in der Tat ist es angesichts der vielen Tendenzen zu Katastrophen auf diesem Erdball vielleicht auch nicht abwegig, sich über mögliche tragische Zukunftsversionen Gedanken zu machen. Das heißt leider nicht, dass jede Dystopie es verdient publiziert zu werden. Und nicht jede Geschichte muss in das Setting einer solchen eingebettet werden.
Ein Jahr voller Wunder von Karen Thompson Walker handelt von der jungen Julia und ihrer Familie in Kalifornien. Die Handlung umfasst etwa ein Jahr (siehe Titel) und in diesem Jahr geschieht die Katastrophe, mit der niemand gerechnet hat: Die Erde dreht sich immer langsamer, die Abschnitte von Tag und Nacht verlängern sich, der 24-Stunden-Takt passt nicht mehr zu den natürlichen Gegebenheiten. Die Autorin entwirft vielfältige Konsequenzen, die diese Verlangsamung auf die Erdenbewohner hat, auf Tiere, Pflanzen und Menschen. Das, was Julia aber am meisten beschäftigt, ist das, was junge Menschen überall beschäftigt: Ihre Beziehungen zu Mitschülern, Freunden, der Familie und der Nachbarschaft. Mit durchaus geschärftem Blick beobachtet sie deren Verhalten, das zum Teil durch Veränderungen der Umwelt beeinflusst wird, zum Teil aber auch nicht. Sie hat Angst, Außenseiter zu sein, beobachtet mit Furcht die auseinanderbrechende Ehe ihrer Eltern, sieht Veränderungen in ihrem alternden Großvater und verliebt sich - natürlich.
Während Thompson Walker zwar die Konsequenzen der verlangsamten Erdrotation durchaus in ihre Geschichte einbindet, wäre sie für Julias Geschichte nicht unbedingt nötig gewesen. Im Grunde ist es eine - durchaus gut erzählte - Coming-of-Age Story mit einer Umverpackung aus Katastrophe, die nicht vollständig erklärt wird. Was sie ausgelöst hat, bleibt offen. Ob Überleben möglich sein wird, bleibt offen. Ob Julia noch glücklich werden kann, bleibt offen. Das ist, gelinde gesagt, unbefriedigend...

Karen Thompson Walker, Ein Jahr voller Wunder. Hörverlag 2013.