Sunday, December 09, 2018

François Debois - Jack the Ripper

Die grausamen Morde von Jack the Ripper, die 1889 im Slum Whitechapel von London an Prostituierten begangen wurden, fanden nie eine solide Aufklärung und sind Anlass für eine Vielzahl von fiktionaler und nichtfiktionaler Literatur und Verfilmungen. 
Auch François Debois setzt sich mit eben diesem Stoff auseinander. Im Fokus seiner Graphic Novel steht der damalige Ermittler Frederick Abberline, der sich nicht nur mit der verarmten und teils verbrecherischen Bevölkerung Whitechapels, sondern auch mit seinen Vorgesetzten herumplagen muss. Nach dem Ende der Mordserie wird Abberline in Debois' Geschichte zu Hilfe gerufen, um in Paris bei einer Mordserie auszuhelfen. Gleichzeitig geschieht in London ein seltsamer Selbstmord eines Arztes, ein Kollege einer der Personen, mit den Abberline es in Paris zu tun bekommt. Experimentellle Hypnose ist das Stichwort, das diesen zweiten Teil zusammenfasst, und eine schreckliche Wahrheit aufdeckt.
Die Bilder der Charaktere und der Kulisse sind ausgesprochen detailliert und atmosphärisch gestaltet. Den Text empfand ich phasenweise als schwer zu durchdringen, auch die Story war stellenweise etwas sprunghaft. Durchaus lesenswert, besonders hinsichtlich des künstlerischen Aspekts, aber von der Story her etwas schwächer. 

François Debois, Jack the Ripper. Splitter Verlag, Bielefeld 2013.

Friday, December 07, 2018

Enid Blyton - Fünf Freunde im Nebel

Hier merkt man die Neuübersetzung. Vagabundierende Zigeuner, denen die fünf Freunde im Mystery Moor begegnen, wurden in der alten Übersetzung sicher so und nicht anders tituliert. Sie sind jetzt die "Traveller", der englische Begriff wurde wohl verwendet, weil "das fahrende Volk" vielleicht auch nicht angemessen schien. Schwierig war wohl, sie auch nicht mehr als die Bösewichte darzustellen, dann hätte die Geschichte nicht mehr funktioniert. :)

Ich mochte diesen Band dennoch sehr, Timmy läuft zu Bestleistung auf und George hadert einmal mehr klassisch mit ihren Charakterschwächen - Enid Blyton schrieb sicher in Klischees, aber manchmal ist es genau das, was man braucht.

Enid Blyton, Fünf Freunde im Nebel. cbj, München 2016.


Monday, December 03, 2018

Celeste Ng - Kleine Feuer überall

Wir befinden uns in Shaker Heights, Ohio, einer "planned community", in der alles reguliert und geplant ist, alles ist also so, wie es sein soll. Diesem Ideal folgt auch Elena Richardson mit ihrem gepflegten Haus und den wohlgeratenen Kindern. Naja, fast alle Kinder sind wohlgeraten, denn die jüngste Tochter Izzy ist schon immer der Querkopf der Familie gewesen. Elena besitzt noch ein zweites Haus, das sie gern an Leute vermietet, die etwas Unterstützung gebrauchen können. Eines Tages zieht die Fotografin und Künstlerin Mia Warren mit ihrer Tochter Pearl dort ein. Die Richardson Kinder freunden sich nach und nach alle mit Pearl und auch mit Mia an, besonders Izzy sucht Mias Nähe, denn diese ist so anders als alle in ihrer eigenen Familie.
Aus diesem eher schlichten Setting entwickelt Celeste Ng in Kleine Feuer überall einen bunten Strauß an Charakteren und wechselt ihre Perspektiven und Erzählschwerpunkte durch den ganzen Roman hindurch beständig. Dem Leser ist dabei stets klar, das die Geschichte auf die am Anfang vorweg genommene Katastrophe hinsteuert. Jeder einzelne trägt ein "kleines Feuer" bei, jeder hat seine Geheimnisse, sein persönliches Drama, das unaufhaltsam seinen Lauf nimmt. Dabei bleibt der Erzählton stets sachlich, fast ein bisschen nüchtern, bedenkt man, wie eindrucksvoll die Charaktere dennoch wirken, keine geringe Leistung der Autorin - beeindruckend.
Damit nicht genug, beleuchtet der Roman auch noch facettenreich, was eine gute Mutter ausmacht. Hier werden Elena Richardson und Mia Warren einander konträr gegenüber gestellt, deren Erziehungsbasis nicht unterschiedlicher sein könnten. Außerdem wird - quasi nebenbei - der Sorgerechtsfall um ein kleines Mädchen chinesischer Abstammung behandelt: Wer ist geeigneter das Mädchen in Zukunft zu erziehen - das reiche amerikanische Ehepaar, das das Kind bei sich aufnahm und sich schon lange ein Kind wünscht, oder die alleinerziehende, leibliche Mutter, die in einer Phase wirtschaftlichen und psychischen Elends das Kind weggab und nun wieder Verantwortung für die Tochter übernehmen möchte? Keine einfache Frage, die auch von den Charakteren des Romans nur schwer beantwortet werden kann.
Es ist der Perspektivenreichtum, der Celeste Ngs Roman von anderen abhebt, wenngleich man ihr diesen gegebenenfalls auch zum Vorwurf machen kann, denn am Ende steht nicht der eine große Schlusston, der eine ausentwickelte Protagonist, der die Welt mit neuen Augen, mit neuer moralischer Grundhaltung betrachtet. Dies ist nicht der Weg, den die Autorin wählt - dies kann der Leser werten, wie er will.

Celeste Ng, Kleine Feuer überall. DAV 2018.

Sunday, December 02, 2018

Washington Irving - The Legend of Sleepy Hollow


Washington Irving's The Legend of Sleepy Hollow is a Gothic story first published in 1820. It is a classic that remains popular throughout the ages and also a very short read. It tells the story of Ichabod Crane, a teacher in a very small village called Tarry Town, who is in love with a farmer's daughter. He fails in his attempt to win her hand and on his way home at night he meets the Headless Horseman. The following day his horse has returned home but Ichabold Crane is never seen again...

I didn't particularly like the story but it sure was interesting to read the source for the apparently endless list of adaptations in literature, film, on stage or in music. It's also one more item done on my popsugar reading challenge 2018.

Saturday, December 01, 2018

Heinrich Böll - Die verlorene Ehre der Katharina Blum


Einerseits ist Heinrich Bölls Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum durchaus noch aktuell, andererseits überrascht sie in der heutigen Medienwelt mit ihren fake news nicht mehr besonders.
Katharina Blum verliebt sich auf einer abendlichen Tanzveranstaltung im Karneval in den 70ern in Ludwig Götten und nimmt ihn - entgegen ihren Gewohnheiten - mit zu sich nach Hause. Leider wird Götten polizeilich gesucht, er ist Bundeswehrdeserteur und wird verschiedener anderer Verbrechen verdächtigt. Sie verhilft ihm zur Flucht und wird daraufhin selbst verhört und verhaftet. Viele der Details über Verhöre und Ermittlung gelangen an die Presse - nämlich die Bild-Zeitung (nur marginal kaschiert durch Böll mit dem Namen die ZEITUNG), die darüber reißerisch berichtet, Zeugenaussagen verfälscht oder glatt erfindet. Von dieser Berichterstattung ist Katharina schwer getroffen, sieht ihren Ruf und ihr Leben zerstört, für das sie hart gearbeitet hat. Auch andere, ihr nahestehende Menschen werden geschädigt auf unterschiedliche Art und Weise. Am Schluss steht eine Gewalttat, die sie nicht bereut und für die sie vor Gericht geradestehen muss. 
Böll wählt einen Erzähler, der von sich selbst behauptet sehr wissend zu sein, weil er die solidesten Quellen nachweisen kann, und auch im Fluss der Erzählung zwischendurch immer wieder anmerkt, woher seine Informationen stammen. Gleichzeitig weist er stets darauf hin, wie skrupellos die ZEITUNG an Informationen gelangt und/oder diese verfälscht, um einen möglichst großen Effekt zu erzielen. Man erkennt, wie in den 70ern noch ein Glaube an die Verpflichtung zur Wahrheit in einer medialen Berichterstattung vorherrschte, die Empörung, die in Bölls Erzählung über die Lügen und unmoralische Sensationsgeilheit durchklingt. Wie abgestumpft wir diesbezüglich doch sind! Ein intelligenter Leser sucht heutzutage seine Wahrheit in der Schnittmenge der vielen, ideologisch eingefärbten Quellen, wählt sorgsam aus, wem er glaubt, und bleibt dabei immer skeptisch. Doch die tumbe Masse glaubt damals wie heute dem, was die Massenmedien ihnen vorkauen, als dramatische Neuigkeit verkaufen, während anderes erst gar nicht in diese Medien gelangt. Die Fähigkeit, Medien stets zu hinterfragen, muss stets an erster Stelle stehen - die Lügen und Verfälschungen überall sind aberwitzig. Die heutige Medienlandschaft hätte den Böll von damals sicherlich zutiefst erschreckt.

Heinrich Böll, Die verlorene Ehre der Katharina Blum. Oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann. Erzählung. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1974.

Sunday, November 25, 2018

Antonina Tkach

by Russian artist Antonina Tkach - Fly to dreams
postcrossing card sent by Oksana from Perm City, Russia

Saturday, November 24, 2018

Nicci French - Eisiger Dienstag

Frieda Klein, Psychotherapeutin in London, wird in Eisiger Dienstag erneut von Inspector Karlsson zu Hilfe gebeten, als bei einem Fall eine Leiche in der Wohnung einer schwer psychisch erkrankten Frau gefunden wird. Frieda willigt ein, auch wenn sie nicht offiziell als Beraterin akzeptiert und angestellt wird. Denn der Fall erweist sich schon bald als sehr facettenreich: Der Ermordete hatte Beziehungen zu den unterschiedlichsten Menschen, die zwar dadurch menschlich profitierten, aber finanziell ausgenutzt wurden. Dadurch ergibt sich eine Vielzahl von Motiven...

Nicci French (alias Autorenteam Nicci Gerrard und Sean French) hat in dem zweiten Band der Reihe ihre Protagonistin deutlich weiterentwickelt: Zwar wirkt sie immer noch kühl, aber nun blickt der Leser stellenweise hinter die Fassade, erkennt das tiefe Mitgefühl, das Frieda zeigt, und erfährt auch etwas über ihre persönliche Geschichte. Und auch dieser zweite Fall hat es in sich und ist weniger vorhersehbar als der Vorgänger Blauer Montag. Hier lohnt es sicher, am Ball zu bleiben, um zu sehen, wie sich die Charaktere und auch die noch nicht abgeschlossenen Geschichten weiterentwickeln.

Nicci French, Eisiger Dienstag. Hörverlag 2013. 

Friday, November 23, 2018

Nicci French's Frieda Klein series

Nicci French is a British team of authors/journalists Nicci Gerrard und Sean French, married and living in London.
Frieda Klein is a London-based psychotherapist who helps Inspector Karlsson.

#1 Blue Monday / Blauer Montag
#2 Tuesday's Gone / Eisiger Dienstag
#3 Waiting for Wednesday / Schwarzer Mittwoch
#4 Thursday's Child / Dunkler Donnerstag
#5 Friday on My Mind / Mörderischer Freitag
#6 Saturday Requiem / Böser Samstag
#7 Sunday Morning Coming Down / Blutroter Sonntag
#8 The Day of the Dead / Der achte Tag

Tuesday, November 20, 2018

Catherine Meurisse - Die Leichtigkeit

Catherine Meurisse entkam nur durch einen Zufall dem Massaker in den Redaktionsräumen der Pariser Satirezeitschrift Charlie Hebdo, weil sie an jenem Morgen verschlief und zu spät zur Arbeit kam. Ihr und den anderen Überlebenden fiel die Aufgabe zu, weiterzumachen und dies unfassbare Erlebnis und den Verlust der langjährigen Kollegen und Freunde zu überwinden. In Die Leichtigkeit zeichnet sie diesen schweren Prozess auf. In beeindruckenden Zeichnungen, meist nur in leisen Pastelltönen aquarelliert, gibt sie der Verzweiflung, den psychischen Auswirkungen und den zum Teil vergeblichen Versuchen, der eigenen Hilf- und Sprachlosigkeit zu entkommen Raum.
Als der eine gangbare Ausweg für die Künstlerin erweist sich schließlich die Kunst selbst - in der Begegnung mit Literatur und Kunst und der darin wiedergefundenen Schönheit kann sie ihre Leichtigkeit wiederfinden und dadurch weiterleben.
Es ist ein beeindruckendes Selbstportrait, das Augen öffnet für die psychischen Auswirkungen, die Terrortaten auf die Überlebenden haben, und das bei all dem Schrecken dennoch Hoffnung vermittelt.

Catherine Meurisse, Die Leichtigkeit. Carlsen, Hamburg 2016.

Link zur Verlagsseite der Autorin
Link zu einer Rezension bei literaturkritik.de von Jonas Heß

Sunday, November 18, 2018

Roald Dahl - Charlie und die Schokoladenfabrik

Roald Dahl, unbestritten großartig.
Charlie und die Schokoladenfabrik, ein Klassiker, wie so viele seiner Bücher. In Deutschland seltsamerweise nicht so beliebt.
Natürlich kannte ich die Story und Tim Burtons brilliante Neuverfilmung von 2005 mit Johnny Depp als Willy Wonka.
Was mich beim Hören überraschte, waren die plastischen Beschreibungen der überaus großen Armut von Charlies Familie, die kurz vor dem Verhungern sind, als Charlie das goldene Ticket für den Besuch der Schokoladenfabrik findet. Der Zusammenhang mit dem ausbeuterischen, skrupellosen, schlicht kapitalistischen Willy Wonka, der die Oompa Loompas versklavt, ist fast zu offensichtlich... Dennoch macht die fantastische Welt der Schokoladenfabrik, der Grad der Verrücktheit ihres Chefs und die Freude darüber, dass die miesen Kinder mit ihrem miesen Verhalten ihre gerechte (?) Strafe erhalten und Charlie gewinnt, einfach Spaß. Das Wissen darum, dass es hier noch eine andere Ebene zum Nachdenken gibt, schadet dabei nicht.

Roald Dahl, Charlie und die Schokoladenfabrik. Hörverlag 2009.