Sunday, June 25, 2017

Jörg Maurer - Föhnlage

Nachdem ich von den Alpenkrimis von Andreas Föhr (zuletzt Wolfsschlucht) überraschend angetan war, wollte ich den nächsten ausprobieren. Meine Wahl fiel auf Föhnlage von Jörg Maurer.  
Kommissar Jennerwein ermittelt in einem seltsamen Fall: Während eines Klavierkonzerts stürzte der Obertürschließer Eugen Liebscher von der Decke des Dachbodens mitten in die Konzertbesucher. Er verletzte dabei Ingo Stoffregen, der ebenfalls verstarb. Kurz nach den Ereignissen herrscht großes Chaos, eine verlässliche Zeugenaussage lässt sich schwerlich finden. 
Parallel zu Jennerweins Ermittlungen erfährt der Leser/Zuhörer von dem lukrativen Nebenerwerb des Bestatterehepaares Grasegger. In den Särgen ihrer Kunden entsorgen sie auch noch andere Leichen, die zum Teil aus Italien (Mafia!) angeliefert werden. Ihre Kundenliste und andere wichtige Daten sind auf einem USB-Stick gespeichert, den sie auf dem besagten Dachboden versteckt haben, wo ihn die Polizei auch entdeckt...
Um es kurz zu machen: Die Lesung - vom Autor selbst - ist amüsant und besticht durch Dialekte und den trockenen Humor, mit dem die skurillen Ereignisse vorgetragen werden. Leider gibt es bei Föhnlage (wie auch bei anderen vom Lokalkolorit geprägten Krimis) zahlreiche Momente, wo der Fall ins Slapstickartige abrutscht. Charaktere und Ereignisse werden überzogen komisch dargestellt und damit vielleicht witzig (wer's mag), aber auch unglaubhaft.
Hinzu kommt eine recht plötzliche Aufklärung am Schluss, die auch nicht dazu beiträgt, dass man dem Plot großen Glauben schenken kann. Es ist ein Krimi, der mit Komik, aber nicht mit Spannung besticht, da weite Teile unplausibel bleiben.

Jörg Maurer, Föhnlage. Argon 2011.

Kathy Reichs - Tempe Brennans erster Fall

Just a little novella that tells us about how Tempe was brought into her job as a forensic anthropologist by detective Slidell. The story is not really impressive or thrilling, its main purpose being to show us that she was good at her job right from the beginning. And annoyingly enough - even in this first case she is not able to listen to the professionals and stay put, she has to run to the place where the showdown is and see for herself. *sigh*

Kathy Reichs, Tempe Brennans erster Fall. Blessing, München 2017.

Saturday, June 24, 2017

Margaret Atwood - Der Report der Magd

Die kanadische Autorin Margaret Atwood (*1939) veröffentlichte The Handmaid's Tale bereits 1985. Die erste deutsche Übersetzung des Titels lautete Die Geschichte der Dienerin, neuere Ausgabe sind Der Report der Magd überschrieben, letzteres vermutlich die passendere Übersetzung.
Die Ich-Erzählerin beschreibt in Erinnerungen ihre Erlebnisse als "Magd" in einer höher gestellten Familie zur Zeit eines fiktiven totalitären Regimes auf dem Terrain der USA. Umweltbedingungen haben zu einer hohen Sterilität in der Bevölkerung geführt, auf der Basis einer zweifelhaften Bibelauslegung werden nun fruchtbare Frauen Familien unterstellt, die von den Ehemännern anstelle ihrer Ehefrauen geschwängert werden sollen. Dabei werden skurrile Formalitäten eingehalten, die Mägde und die übrigen Angestellten der Haushalte haben keinerlei Rechte. Jedoch ist die alte Regierung noch nicht so lange gestürzt, die alte Gesellschaftsform noch nicht so lange her, als dass sich die Protagonisten nicht mehr daran erinnert. Sie hatte einen Mann, eine Tochter und einen Beruf. All dies wurde ihr systematisch genommen. Der Prozess der Umstrukturierung der Gesellschaft, die von Denunziation und Angst geprägt ist und die vollkommene Entrechtung der Frauen, wird teils fragmentarisch in Erinnerungen und erst nach und nach erzählt. So ist man als Leser zunächst darauf konzentriert, sich erst einmal in der geschilderten Gegenwart zurechtzufinden, widerstrebend nimmt man die Gegebenheiten hin, versucht dem Gedankenstrom, der Erinnertes und Geschehendes, Erträumtes und Reales vermengt, zu folgen. Es ist ein sehr emotionaler und sehr intensiver Erzählstil, der tief hineingeht in die Ungerechtigkeit und die Ohnmacht der Erzählerin. Und dennoch ist alles seltsam vorstellbar: Es sind Strukturen, die aus der Geschichte oder anderen Ländern nicht unbekannt sind - was den Schrecken noch verstärkt. Diese Dystopie ist denkbar, nicht absurd oder unvorstellbar. 
Die Erzählung endet abrupt - die Protagonistin wird eines Tages aus dem Haushalt abgeholt, nachdem sie immer tiefer auf Abwege geraten ist, verursacht durch den Kommandanten (dem Ehemann), seiner Frau und ihrem eigenen Bedürfnis nach menschlichem Kontakt. Dabei bleibt unklar, ob sie von einer Untergrundbewegung gerettet oder von dem Regime verhaftet wird. Beides ist denkbar.
In einer Art Nachwort wird der Leser mitgenommen in die Zukunft, in der Historiker sich mit dem wissenschaftlichen Gehalt des Reports beschäftigen. Dabei werden Fragen und Vermutungen gestellt, wer die historischen Personen waren, da die Erzählerin ihre eigene Identität nicht aufgedeckt, wie ihr Schicksal war und es werden einige Andeutungen gemacht über den größeren historischen Zusammenhang. Auch wenn dies einiges verdeutlicht, bleibt der Leser mit Fragen zurück - was sicherlich beabsichtigt ist.
Eine beeindruckend und erschreckend nachvollziehbare Dystopie, die daran erinnert, wie wichtig es ist, weiter den Weg zur Gleichberechtigung zu gehen und nicht nachzulassen, sich gegen frauenfeindliche und frauenherabsetzende Strukturen auszusprechen und dagegen anzukämpfen.

Margaret Atwood, Der Report der Magd. Piper, München 2017.

Three cards on one day

It is surprising that although I took a long break with postcrossing and just started writing cards a few days ago three cards arrived yesterday. None of my cards could have arrived yet when they were sent. I especially like the B&W portrait and of course the writing woman - I don't like still lives so much... Here they are:

portrait of Angela Carter (British author, 1940-1992), photographed by Sally Soames
sent by Mickaela from London, UK

Emile Vernon (1872-1920), Elegant Lady sent by Monique from Belgium

Still Life by Stella Blakiston, sent by nonsens from Poland

Wednesday, June 21, 2017

Quint Buchholz - Zauberworte

Zauberworte ist ein von Quint Buchholz zusammengestellter Band von Wort- und Bildpaaren.
Auf der linken Seite steht das Zauberwort, das durch die Bildwahl von Buchholz illustriert, interpretiert und fortgeführt wird.
Dies ist kein Buch zum Lesen, sondern ein Buch zum Träumen und Meditieren.
Wunderschöne Bilder, die durch das dazu ausgewählte Wort zu neuen Fantasiereisen einladen.

Quint Buchholz, Zauberworte. Sanssouci, München 2016.

Monday, June 19, 2017

William Golding - Herr der Fliegen


Dies ist nicht meine erste Begegnung mit Herr der Fliegen von William Golding. Ich erinnerte mich zwar nicht mehr exakt an die Handlungsabläufe oder die einzelnen Charaktere, was mir in Erinnerung geblieben war, ist die bedrückende, intensive Atmosphäre. Was als Abenteuergeschichte - eine Gruppe sechs- bis zwölfjähriger Jungen strandet auf einer einsamen Insel - beginnt, kippt schnell um in Bedrohliche, in eine psychologisch hochbrisante Situation, die zugleich die niederen, brutalen, animalischen Triebe im Menschen in den Fokus nimmt.

Golding gibt seinen Protagonisten starke, klar abgegrenzte Charakterzüge, die stereotyp sind und auch sein sollen, da hinter der Handlung auch immer die symbolische Bedeutung des Kampfes zwischen Gut und Böse, zwischen dem Primitiven und der Zivilisation steht.
Der Leser kann sich der immer bedrohlicher werdenen Atmosphäre nicht entziehen, durch die durchaus noch kindlichen Augen Ralphs müssen wir erkennen, dass die Agression und das Machtbedürfnis seines Gegenspielers Jack und seiner Gruppe immer weiter zunehmen und alles auf eine große Katastrophe hinausläuft.
Die Rettung erscheint in letzter Minute Deus Ex Machina in Form eines Erwachsenen - es ist ein Marineoffizier, bei dessen Anblick die Kinder wieder zurückfallen in die erlernten Muster ihrer Erziehung, die sie bei ihrem Aufenthalt auf der Insel Schritt für Schritt abgelegt haben.
Dennoch ist das Ende, das Schicksal der Kinder ungewiss - nach ihren Erlebnissen und Taten scheint ein normales glückliches Leben in der Zivilisation unwahrscheinlich, zumal der eingangs erwähnte und die Geschichte auslösende Krieg noch nicht zuende ist...
Herr der Fliegen ist ein beeindruckender Roman, der immer noch seine Berechtigung und Gültigkeit hat - auch mehr als 60 Jahre nach seinem Erscheinen.

Die Lesung von Andreas Fröhlich ist packend, einmal mehr beweist er, was für ein hervorragender und flexibler Sprecher und Schauspieler er ist.

William Golding, Herr der Fliegen. Argon Hörbuch 2009.

Sunday, June 18, 2017

Outgoing snailmail

 
After a period of rest I'm back at postcrossing. These ten cards are on their way to: Netherlands, Austria, China, Hong Kong, Taiwan, Finland, Slovakia, U.S.A., Russia, Japan and Russia.
Any guesses which will arrive first (or last)? 

#1 Netherlands = 21st June 2017 (3 days)
#2 Slovakia = 22nd June 2017 (4 days) 
#3 Austria = 23rd June 2017 (5 days)

Sunny morning run

photo by InBetween, Promenade/Hermannsweg/Sparrenburg

Thursday, June 15, 2017

Robert Arthur - Die drei Fragezeichen und der Super-Papagei

This is one of my all-time-favourites - in the radio play version of my childhood. This is my first time reading it.
The story unfolds around a stolen parrot and quickly turns into one of the typical riddles that the ??? have to solve.
The radio play is very close to the book - I knew a lot of the scenes and sentences by heart. But some scenes were a bit more detailed and the characters of Carlos and his father were given more room which I liked.

Robert Arthur, Die drei Fragezeichen und der Super-Papagei. Kosmos, Stuttgart 2011 (Original 1964).
 

Tuesday, June 06, 2017

Hjorth und Rosenfeldt - Die Menschen, die es nicht verdienen

Das Verhältnis zwischen Sebastian Bergman und seiner Tochter Vanja ist nachhaltig gestört, auch wenn die Karten diesbezüglich nun endlich auf dem Tisch liegen. Vanja sieht alle ihre familiären Bindungen in einem Scherbenhaufen, so ist es ihr gerade recht, sich wieder in Ermittlungen zu stürzen.
Ein Serientäter der besonderen Art hat es auf in den Medien erfolgreiche Menschen abgesehen, die seiner Meinung nach zu dumm sind, um diese Aufmerksamkeit zu erhalten. Er will damit eine öffentliche Diskussion in Gang bringen und bedient sich dazu brutalster Mittel. Sebastian sieht in ihm einen ebenbürtigen Gegner und fordert ihn heraus - nur um einmal mehr mit seinem Egoismus neue Schuld auf sich zu laden.
Die Idee, dass sich ein intelligenter Mensch dazu entschließen könnte, auf die augenstechende Dummheit hinzuweisen, dafür aber Gewalt zu verwenden, ist interessant, aber vielleicht auch ein wenig abwegig. Die Ermittlungstätigkeit der Gruppe ist solide und nachvollziehbar, nutzt ihre Stärken und die Schwächen des Gegners. Der Showdown am Schluss, ein Bombenszenario in einem Hotel, erscheint logisch, wenngleich Bergman aus der Egoistenrolle fällt und die Welt rettet.
Wieder endet der Roman auf einem dramatischen Cliffhanger, wie schon der letzte Band, weitere Veröffentlichungen des schwedischen Autorenduos sind aber noch nicht angekündigt. Da heißt es warten. 

Hjorth und Rosenfeldt, Die Menschen, die es nicht verdienen. Audiobuch 2015.

Die bisherigen Bände der Reihe um Sebastian Bergman:
#1 Der Mann, der kein Mörder war
#2 Die Frauen, die er kannte
#3 Die Toten, die niemand vermisst
#4 Das Mädchen, das verstummte
#5 Die Menschen, die es nicht verdienen

Jirō Taniguchi - Vertraute Fremde

Nach den Kurzgeschichtenbänden Die Sicht der Dinge und Von der Natur des Menschen ist Vertraute Fremde der erste Roman des Japaners Jirō Taniguchi.

Der Architekt Hiroshi Nakahara kommt aus Versehen nach langen Jahren wieder in seine Geburtsstadt - und fällt durch die Zeit zurück in die 60er Jahre, als er noch ein Teenager war. Mit dem Wissen des 48jährigen durchlebt er erneut diese Zeit, sieht seine Mitschüler, seine Familie und auch sich selbst mit anderen Augen. Besonders erinnert er sich an das Ende jenes Sommers, als nämlich sein Vater spurlos verschwand und die Familie zurückließ. 

Während die Graphic Novel die Zeitparadoxa weitgehend außer Acht lässt (wie auch immer Hiroshi handelt, es treten wichtige Ereignisse dennoch ein), ist die Reflexion des Erwachsenen über die Welt des Jugendlichen, die er noch einmal erleben darf/muss, interessant. Er wertet anders, er hinterfragt und gelangt schließlich auch zu der Erkenntnis, dass er sein eigenes Leben nun auch anders wahrnimmt - und erst in diesem Augenblick kann er zurückkehren.
Die Bilder Taniguchis bestechen einmal mehr durch Klarheit und große Emotionalität und erzählen mindestens die Hälfte der Geschichte - wenn nicht mehr.

Jirō Taniguchi, Vertraute Fremde. Carlsen, Hamburg 2007.

Friday, June 02, 2017

Donna Tartt - Der Distelfink

Von Carel Fabritius, 1654 (picture wiki commons)

Dieses Gemälde des niederländischen Malers Carel Fabritius (1622-1654) ist namensgebend für Donna Tartts 2014 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman. Theodor Decker besucht mit seiner Mutter das Metropolitan Museum of Art in New York, als ein Bombenanschlag alles verwüstet. Zahlreiche Menschen sterben und Theo wacht neben einem alten Mann auf, der ihm sterbend einen Ring und den Namen seines Geschäfts mit auf den Weg gibt, ihn aber auch drängt das Bild mitgehen zu lassen. In einer Plastiktüte trägt Theo das Bild durch die Trümmer nach draußen, niemand hält ihn auf.
Seine Welt bricht im Folgenden auseinander, seine Mutter ist bei dem Anschlag umgekommen. Als Halbwaise ergeben sich für ihn nun mehrere schicksalsschwere Lebensumbrüche.
Zunächst kommt er bei der reichen Familie eines Freundes unter. Während dieser Zeit wird er intensiv psychologisch betreut, scheint aber dennoch verwirrt und überwindet den Verlust kaum. Er sucht den Laden des alten Mannes auf und knüpft Kontakt zu dessen Kompagnon James Hobart. Dieser nimmt ihn väterlich auf und lehrt ihn einiges über Möbelrestauration und Kunst.
Sein alkoholkranker Vater, der die Mutter vor deren Tod verlassen hatte, taucht auf und nimmt Theo mit nach Las Vegas, kümmert sich aber wenig um ihn, vielmehr werden durch ihn und seine Freundin Xandra Alkohol und Tabletten in Theos Leben präsent. Theo lernt Boris kennen, der ebenfalls seine Mutter verloren hat, urspründlich aus der Ukraine stammt und dessen Vater noch schrecklicher ist als sein eigener. Zusammen saufen, rauchen und stehlen die beiden und experimentieren mit verschiedenen Drogen.
Als sein Vater bei einem Autounfall stirbt, flüchtet Theo zurück nach New York und kommt bei Hobie unter. Seine Schullaufbahn ist nachhaltig ruiniert, er ist tablettenabhängig, aber er interessiert sich für Kunst und das Geschäft, das allerdings kurz vor dem finanziellen Aus steht. Er schafft es meisterhaft aus dieser Klemme - aber natürlich nicht auf legalem, ehrlichen Wege.
Das Bild, der Distelfink, begleitet ihn auf all diesen Stationen, während er älter wird, macht er sich mehr und mehr Sorgen, dass man seinen Diebstahl entdecken könnte und um die ordnungsgemäße Lagerung des Bildes. Er lagert es ein und packt es jahrelang nicht aus.
Daher ist ihm über Jahre hinweg nicht klar, dass er statt des Bilder nur noch eine Atrappe besitzt, da Boris ihm in Vegas das Bild entwendet - und inzwischen in einem schiefgegangenen Drogendeal verloren hat. Dies kommt erst heraus, als Theo Boris nach Jahren in New York wiederbegegnet. Theo ist wütend und empfindet große Angst und Verlust. Eine von Boris angestiftete Rettungsaktion führt die beiden nach Amsterdam, wo aber alles schiefläuft und Theo einen ihrer Gegner erschießt. Er hängt mehrere Tage in einem Hotel ohne Pass fest, versinkt im Drogenwahn und will sich schließlich stellen. Boris taucht im letzten Moment auf und erklärt ihm, dass er das Bild durch einen Tipp bei der Polizei bezüglich des Lagerorts zurückgegeben und dafür sogar eine Belohnung in Millionenhöhe kassiert hat.
Der Roman endet mit Theo, der zu Hobie zurückkehrt, ihm alles erzählt und für seine betrügerischen Machenschaften mit dem Geschäft geradesteht. Er ist innerlich gewandelt, jedoch ist seine Zukunft weiterhin unklar.
 
Theo ist ein schwieriger Protagonist - typisch für Donna Tartt. Man schaut ihm auf seinem Lebensweg zu, hat Mitleid mit ihm bei seinen schweren Schicksalsschlägen, ist aber auch abgestoßen von seinen offensichtlich falschen Entscheidungen und seiner fehlenden moralischen Basis. Aber wie moralisch richtig handeln, wenn man ohne Mutter unter lauter kaputten Mitmenschen aufwächst? Denn nahezu jede der Personen um ihn herum ist auf die ein oder andere Weise versehrt, hat Schlimmes erlebt, leidet unter physischen oder psychischen Krankheiten. Da ist niemand, an dem er sich positiv orientieren kann, die Spirale führt nur abwärts. Die Ausnahme ist vielleicht Hobie, aber auch der sieht nicht (oder will nicht sehen), was mit Theo geschieht, greift nicht ein, bleibt meistens passiv. Boris, der nahezu zwangsläufig kriminell werden musste, beschleunigt Theos Absturz durch seinen halsbrecherischen Versuch, seinen Betrug (den Diebstahl des von Theo geliebten Bildes) wiedergutzumachen - nicht unbedingt ein Freund, wie man sich ihn wünscht.
Dennoch steht am Ende des Romans eine Umkehr zum Guten, zum Lebensbejahenden, zum Wunsch, das Richtige zu tun (wenn auch, ohne immer zu wissen, was dies ist). Das Bild ist der Welt zurückgegeben, vielleicht kehrt damit auch Theo zurück in die Welt.

Über 1000 Seiten hat die deutsche E-book-Ausgabe, das Audiobook in der ungekürzten Lesung dauert über 33 Stunden. Es ist ein Roman, der Zeit und auch Nerven kostet mit seinen Längen. Aber Donna Tartts Stil beschert dem Leser dennoch immer wieder Höhepunkt, Szenen und Aussagen, die einen aufhorchen, innehalten lassen. Dazwischen muss man aber auch immer wieder ... durchhalten. Es gibt vielfältige Bedeutungsebenen, auf denen man das Buch betrachten kann. Vielfach wurde es als Gesellschaftsstudie rezensiert, es hat viele kunst- und lebensphilosophische Momente. Es ist ein intensiv konstruierter, durchdachter Roman, der einen phasenweise emotional mitnimmt - allerdings eher auf einer düsteren Reise. Denn trotz der Schönheit des Bildes ist nahezu alles dunkel in dieser Geschichte und auch am Ende hat man nur eine geringe Hoffnung auf Licht und Freude im Leben des Protagonisten -  es ist ein intensives, aber nicht sehr positives Stück Literatur.

Donna Tartt, Der Distelfink. Der Hörverlag 2015.

Monday, May 29, 2017

Patrick Ness - New World - Das brennende Messer

Über sechshundert Seiten stark ist der letzte Band von Patrick Ness' Trilogie um New World, einem fernen Planeten, zu dem nun weitere Siedler unterwegs sind, um sich dort eine neue Welt zu erschaffen. Doch ist nichts mehr so, wie es sein sollte. [mehr zu den ersten beiden Bänden: Die Flucht und Das dunkle Paradies]

Todd und Viola stecken mitten im Konflikt der verschiedenen Parteien der Menschen, als sich eine weitere Stimme unter die Erzähler mischt - die von 1017, einem Spackle, den Ureinwohnern des Planeten. Er ist einziger Überlebender der Versklavung einer Gruppe von Spackle durch die Menschen und er sehnt sich nach Rache. Durch den kontinuierlichen Wechsel der Erzählperspektive verdeutlicht Ness hervorragend die unterschiedlichen Sichtweisen in dem Konflikt, lässt die Grenzen von Gut und Böse, Richtig und Falsch verschwimmen, ohne dabei die Ideale Liebe und Vergebung je aus dem Blick zu verlieren.

Es ist ein noch vielschichtigeres Werk als die beiden Vorgängerbände und erzählt trotz kleinerer Längen durchweg eine spannungsreiche Geschichte mit einigen explosiven Wendungen. Interessanterweise ist die Frage von Schuld diesmal durchaus Thema - etwas, dass ich im zweiten Band - subjektiv - wenig ausgearbeitet empfunden habe. Nahezu alle Charaktere haben Fehler gemacht, das ist konsistent, aber diesmal hinterfragen auch die meisten die Richtigkeit ihrer Handlungen und zeigen in irgendeiner Form Reue und Zweifel an sich selbst und den eigenen Zielen. Das Ende ist beeindruckend - mehr will ich dazu nicht sagen - insgesamt macht es mich neugierig auf noch mehr Werke von Patrick Ness.

Patrick Ness, New World - Das brennende Messer. Ravensburger, Ravensburg 2010.

Friday, May 19, 2017

Jussi Adler-Olsen - Selfies

Just a few thoughts:
I think Selfies is a bit weaker than the other volumes of the Carl Moerk series. I still liked the characters and the Copenhagen setting a lot...
The story focuses on Rose's past and present, the rest of the plot is a bit far-fetched.
The cover is quite interesting and a good symbol for the thin thread that keeps people from going insane and/or losing themselves completely.


Jussi Adler-Olsen, Selfies. dtv, München 2017.

Friday, April 28, 2017

Hummingen sunset

Martin Walker - Bruno Chef de police


Natürlich kannte Bruno Courrèges - Polizist, Gourmet und Sporttrainer (Rugby und Tennis) - das Mordopfer: Hamid al-Bakr lebte seit einiger Zeit in Saint-Denis (fiktive Version des realen Ortes Le Bugue) bei seiner Familie. Ursprünglich aus Algerien eingewandert, kämpfte Hamid in mehreren Kriegen und bekam dafür das Croix de Guerre. Das jedoch hat der Mörder Hamids zusammen mit einem alten Foto, auf dem Hamid mit seiner Fußballmannschaft 1940 zu sehen ist, gestohlen. Der Mord selbst ist brutal und ein Hakenkreuz, das in Hamids Brust geschnitten wurde, deutet auf einen rassistischen Hintergrund hin. 
 
Einen Mord darf Bruno als "Dorfpolizist" nicht allein bearbeiten, also kommen Ermittler der nationalen Polizeibehörden in den kleinen Ort, aber Brunos Ortskenntnisse und persönlichen Verbindungen sind unerlässlich für die Aufklärung. Denn er hat so eine Ahnung, dass die Motive für den Mord in Hamids ferner Vergangenheit liegen... 

Im Grunde ist die Krimihandlung in Bruno Chef de police nicht das zentrale Thema. Es geht in diesem ersten Band von Martin Walkers Serie vielmehr um Bruno und seine kleine Stadt. Detailreich werden die Bewohner, allesamt Brunos Freunde, die Umgebung und das Essen geschildert. Man sieht Saint-Denis durch die liebevollen Augen Brunos und lernt dadurch nach und nach auch ihn immer besser kennen. Seine vorsichtige Annäherung an die Frauen, die ihn interessieren, seine geschickte und intelligente Art, die Entscheidungsträger zu beeinflussen und zu lenken und dabei stets das Beste für seine Mitbürger im Sinn zu haben, macht ihn zu einem echten Sympathieträger. Fast ist er ein bisschen zu gut, so moralisch integer und bescheiden, wie er ist. Generell ist Bruno keiner für die, die einen harten, spannenden Thriller suchen, sondern eher einer fürs Beschauliche, fürs Genießen, fürs langsame Einatmen der Atmosphäre und eine sehr menschliche Aufklärung des Verbrechens.

Martin Walker, Bruno Chef de police. Diogenes, Zürich 2016.

Thursday, April 20, 2017

Nicholas Shakespeare - Broken Hill

Nicholas Shakespeare (*1957) ist ein hochgelobter britischer Schriftsteller. Broken Hill (im Original Oddfellows, 2015) erzählt die historischen Ereignisse des kleinen, abgelegenen Ortes Broken Hill in Australien. Der Erzbergbau dort ist mit dem Ausbruch des Krieges 1914 ins Stocken geraten, viele junge Männer sind arbeitslos. Am Neujahrstag 1915 überfallen zwei muslimische-türkische Männer einen Ausflugszug, in dem die weißen Bewohner von Broken Hill sitzen.
Der kurze Roman hat zwei große Themen.
Das eine ist die Diskriminierung der muslimischen Einwohner der Stadt, die ghettoartig außerhalb wohnen müssen, in der Ausübung ihrer Religion behindert werden und beschimpft werden. Diese Nichtakzeptanz und Respektlosigkeit führt dazu, dass zwei Männer in Wut und Verzweiflung beschließen, dem Aufruf des türkischen Sultans zu folgen und den heiligen Kampf aufzunehmen.
Dem gegenüber steht das etwas leisere Thema der Perspektivlosigkeit und Unterdrückung der Frauen in dieser Zeit, das am Beispiel von Rosalind aufgezeigt wird. Sie ist weiß, jung und ledig und erwartet den Heiratsantrag eines jungen Mannes, Oliver, für den sie aber nichts empfindet bzw. von dem sie weiß, dass er sie unterdrücken, sie nie nach ihrer Meinung fragen wird. Sie dagegen hat Träume fortzukommen, andere Dinge zu sehen als das trostlose Leben in Broken Hill, sie findet die andersartigen Kameltreiber interessant, denn sie haben Teile der Welt gesehen. Ihr Kontakt zu diesen Menschen erweitert ihren Horizont, besonders Gül, der als Eisverkäufer arbeitet, zieht sie an. Natürlich ist diese Beziehung für sie gesellschaftlich nicht tragbar und sie muss sie verstecken. Dennoch zeigt ihr der zaghafte Kontakt, dass es andere Möglichkeiten gibt.
Die Tragik der Geschichte gipfelt darin, dass Rosalind durch eine von Güls Kugeln stirbt, kurz nachdem sie sich entschieden hat, Oliver nicht zu heiraten.
Broken Hill ist ein interessanter historischer Nebenschauplatz und enthält provokante Themen, die an diesem weltpolitisch kleinen und bizarren Ereignis aufgehängt werden. Ein durchaus relevantes Buch im Hinblick auf die aktuelle Diskussion um Integration, Diskriminierung und Dschihad. 

Nicholas Shakespeare, Broken Hill. Hoffmann und Campe, Hamburg 2016.

Rezensionen bei welt.de und bei tagesspiegel.de
official website 

Wednesday, April 19, 2017

GEO Wissen: Glück - Wie das Leben gelingt

Herausgegeben hat diesen Band mit Essays, Reportagen und Interviews Michael Schaper und es ist eine Zusammenstellung aus GEO Wissen.
Beleuchtet wird das Thema Glück von unterschiedlichen Seiten, aus wissenschaftlicher, historischer und philosophischer Sicht.
Die Artikel sind, wie immer bei einer solchen Zusammenstellung, unterschiedlich spannend, aber bündelt ganz gut den derzeitigen Stand der Erkenntnis, vor allem auch dass der Anspruch, glücklich zu sein bzw. das Streben nach dauerhaftem Glück vermutlich vergebens ist.
Bilanz: Es gibt keine Pauschalrezepte, es gibt Veranlagungen/Charaktere, die Glück begünstigen, aber es ist nicht unlernbar,... wichtige Schlagworte sind Selbstwertgefühl und Resilienz.  
 
Michael Schaper (Hrsg.), GEO Wissen: Glück - Wie das Leben gelingt. Gruner und Jahr, Hamburg 2014.

Monday, April 17, 2017

Robin Sloan - Die unglaubliche Entdeckung des Mr. Penumbra

Penumbras Buchladen in San Francisco war Schauplatz von Robin Sloans erstem Buch. Er versetzt uns in diesem kurzen Roman zurück ins Jahr 1969, als Penumbra noch Student war (Originaltitel Ajax Penumbra 1969). Er wird von seinem Professor einer dubiosen Unterabteilung des Fachbereichs Englische Literatur damit beauftragt, ein bestimmtes Buch zu finden. Die Spur führt nach San Francisco in eben jenen Buchladen, den Penumbra später selbst leiten wird. Es stellt sich heraus, dass die Buchhandlung zunächst auf einem Schiff eröffnet wurde (der Hafen San Franciscos war scheinbar voller herrenloser Schiffe während des Goldrauschs, im Detail hier nachzulesen), das dann aber mitsamt des gesuchten Buches versenkt wurde. Zum Glück wird gerade die U-Bahn gebaut und die Röhre führt direkt an diesem Schiff vorbei... Trotz seines Rechercheerfolgs will Penumbra am Ende nicht mehr zurück an die Uni, vielmehr interessiert er sich nun für die Buchhandlung und wird Mitarbeiter und Mitglied des geheimnisvollen Buchclubs.
Der Plot war zwar recht vorhersehbar, der geschichtliche Teil mit den versenkten Schiffen aber interessant, die Charaktere ebenfalls (so in der Kürze möglich) und die Atmosphäre nett, so dass man einen Abstecher in diese Buchhandlung zur Zeit des FlowerPower machen wollte. Außerdem ist es ein Buch über Bücher, das ist immer ein Plus!


Robin Sloan, Die unglaubliche Entdeckung des Mr. Penumbra. Karl Blessing, München 2014.

Sunday, April 16, 2017

Dora Heldt - Tante Inge haut ab

Dora Heldts Roman Tante Inge haut ab steht auf der Liste der Bücherkulturchallenge. Sonst hätte ich mich vermutlich an das mir selbst gegebene Versprechen, nach Kein Wort zu Papa kein weiteres Buch mehr von der Autorin zu lesen, gehalten.
Zu meinem damaligen Urteil über die Protagonistin Christine kann ich weiterhin stehen: Sie begreift eher sehr langsam, was man ihrer Tante bzw. was auch mit ihr selbst los ist, und muss sich dies erst von ihrem großartigen Partner Johann (der etwas arg überzogen toll ist) erklären und danach in die richtige Richtung schubsen lassen.
Tante Inge ist schon etwas stärker gezeichnet, aber ihre gekünstelte Geheimhaltung (ähnlich wie in Kein Wort zu Papa) erzeugt das bisschen Plotspannung, das der Roman enthält, und das dann ewas ab der Hälfte des Buches lächerlich und überflüssig wirkt.
Die Komik/Schrulligkeit der übrigen Charaktere ist ebenfalls etwas überzogen, das Syltsetting dagegen ganz positiv.
Die inhaltlich interessanten Aspekte wie Inges Idee vom Mehrgenerationenhaus oder die Problematik eines souverän geführten Lebens im Alter werden leider nicht weiter ausgebaut. Christines Probleme wirken dagegen aber lächerlich.
Insgesamt also seichte (Urlaubs-) Unterhaltungslektüre ohne Tiefgang und weitere Bedeutung... hätte aber schlimmer sein können (siehe Kein Wort zu Papa, ohne mich wiederholen zu wollen...).

Dora Heldt, Tante Inge haut ab. dtv, München 2010.

Thursday, April 13, 2017

Patrick Süskind - Der Kontrabass

Der Kontrabaß (Diogenes besteht scheinbar auf die Schreibung in alter Rechtschreibung...) von Patrick Süskind ist ein Ein-Personen-Stück von 1980, das 1981 in München uraufgeführt wurde. Als Buch erschien es 1984, die e-book Ausgabe erschien erst 2014 (!).

Es handelt sich um den Monolog eines Kontrabassisten, der sich an einen unbekannten Zuhörer wendet. Dabei spricht er alle erdenklich Themen an:
  • die Geschichte des Kontrabasses als historischer Exkurs
  • die sträfliche Vernachlässigung des Instruments in der Musikliteratur (kein Komponist interessierte sich sonderlich dafür)
  • die Unerlässlichkeit des Basses als Basis der Orchestermusik durch seine tiefe Lage
  • die Beziehung des Musikers zu seinem Instrument - dabei kommt der psychoanalytische Moment zum Tragen, dass sich nur Gestörte ein derart unpraktisches Instrument aussuchen
  • beziehungstechnisch ein Klotz am Bein, der Bass ist immer im Weg, der Protagonist fühlt sich regelrecht vefolgt und beobachtet 
  • seine Beziehung zur Musik und zu seinem Beruf - er fühlt sich unzulänglich, empfindet Musik zwar intensiv und ist gebildet in diesem Bereich, sieht sich selbst aber als Handwerker ohne musikalische Seele, verachtet entsprechend auch seine berufliche Position als Beamter
  • ...

Das Stück ist durchsetzt mit sich verstärkenden Ausbrüchen von Wut und Verzweiflung, er ist ohne Wertschätzung für sich, sein Instrument und den Musikbetrieb. Daraus folgt seine Wahrnehmung von sich als armselige Existenz ohne Perspelktive und Hoffnung. Seine Chancen, glücklich zu werden (z.B. durch die Erfüllung seiner Liebe zu einer Sopranistin), sieht er als äußerst gering an - eine deprimierende Quintessenz.

Es ist ein interessantes Buch für Laien und für Menschen mit mehr oder weniger Backgroundwissen über Musikgeschichte und den Musikbetrieb - vielschichtig.

Patrick Süskind, Der Kontrabaß. Diogenes, Zürich 2014.

Wednesday, April 12, 2017

Jeffery Deaver - Der Täuscher

In seinem achtem Fall wird Lincoln Rhymes Cousin, mit dem er seit seinem Unfall keinen Kontakt mehr hatte, für einen Mord verhaftet, den dieser nicht begangen hat. Die Beweise wirde fingiert, der Täter muss über extrem viel Wissen über das Opfer, aber auch über den Sündenbock verfügen. Die wenigen realen Spuren führen zu einer Datensammlerfirma, die sowohl von der Polizei genutzt wird, aber auch kommerziellen Zwecken dient. Schon bald wird klar, dass das Ausmaß der gesammelten Daten besorgniserregend ist, wenngleich dies gegen Ende auch zur Aufklärung beiträgt. Klar ist, der Täter muss einen Bezug zu dieser Firma haben, dadurch merkt er aber auch schnell, dass man ihm auf der Spur ist. Er schlägt zurück unf geht einen Schritt weiter: Er platziert falsche Daten, um den Ermittlern Ärger zu machen und ihnen persönlichen Schaden zuzufügen.
Um Spurenanalyse im eigentlichen Stile Lincoln Rhymes geht es eigentlich weniger (was schade ist), gleichzeitig wird das spannende Thema der "Datenspuren" eingeführt. Einen Schutz der Privatsphäre gibt es im Sinne der Datensammler eigentlich nicht mehr, nichts ist mehr privat!
Der Plot von Der Täuscher ist nicht mehr ganz so verquer verschachtelt wie der von Der gehetzte Uhrmacher, hingegen wirkt der privat-familiäre Aspekt von Lincoln und seinem Cousin etwas aufgesetzt, um dem ganzen auch emotionale Tiefe zu geben. Dies gelingt nicht besonders gut, mag aber auch den Audiobook-Kürzungen geschuldet sein.
Solide, unterhaltsam, wenn auch kein herausragender Fall.

Jeffery Deaver, Der Täuscher. RandomHouseAudio 2009.

Zur Reihenübersicht Lincoln Rhyme und Amelia Sachs

Neil Gaiman - Das Graveyard Buch

Zugegeben, der deutsche Titel ist keine Glanzleistung, aber klingt vermutlich besser als eine komplette deutsche Übersetzung, zumal Friedhof im Titel vermutlich deutsche Käufer abschrecken könnte. Das Cover ist auch so schon gruselig genug...

Das Buch beginnt mit der Ermordung der Familie des Protagonisten, als dieser noch ein Kleinkind ist. Irgendwie krabbelt er dem Mörder davon und wird von den Geistern und anderen Bewohnern des benachbarten Friedhofs aufgenommen, die fortan seine Erziehung übernehmen. Man nennt ihn Nobody (Bod) Owens. Er lebt in einer Zwischenwelt, ist im Diesseits und im Jenseits zuhause.
Die Charaktere, die den Friedhof bewohnen, werden von Gaiman gewohnt grandios gezeichnet, man möchte sie kennenlernen, sich wie Bod mit ihnen unterhalten und von ihnen lernen. Doch als Bod älter wird, möchte er auch die normale Welt erforschen, der Friedhof wird ihm zu klein. Schnell wird klar, dass die Bedrohung, die seine Familie auslöschte, immer noch besteht. Zunächst weicht er der Konfrontation noch aus, doch um den Friedhof verlassen zu können und sein Leben zu leben, muss er seine Gegner bekämpfen.
Während die ersten zwei Drittel des Buchs höchst unterhaltsam und skurril-spannend waren, konnte mich der Showdown nicht begeistern. Unklar blieben die (Hinter-) Gründe, warum Bod das Ziel seiner Gegner wurde, eine alte Prophezeiung wird erwähnt, ist aber nur ein MacGuffin und wird nicht weiter erläutert. Sein Sieg fällt ihm ein wenig zu leicht, der Kampf seines Vormunds wirkt auch aus dem Kontext gerissen. Hier wäre ein bisschen mehr Erklärung nötig gewesen oder es hätte bei "Böse Menschen tun böse Dingen" bleiben müssen. Traurig ist außerdem, dass Bod seine Verbindung zur Geisterwelt verlieren muss, um in die echte Welt hinauszugehen. Trotzdem ist Gaimans Erzählstil recht einzigartig und die Charaktere und Atmosphäre des Buchs haben viel Spaß gemacht.

Neil Gaiman, Das Graveyard Buch. Arena, Würzburg 2009.

Thursday, April 06, 2017

Tess Gerritsen - Roter Engel

Roter Engel von Tess Gerritsen aus dem Jahr 1997 handelt von der Ärztin Tony Harper. In ihrer Nachtschicht im Krankenhaus taucht ein verwirrter alter Mann auf mit merkwürdigen, anfallartigen Symptomen auf, doch bevor er noch adequat untersucht und behandelt werden kann, verschwindet er wieder. Als ein weiterer Patient mit ähnlichen Symptomen verstirbt, ordnet Tony eine Obduktion an und der Pathologe Daniel Dvorak vermutet eine hochansteckende Krankheit. Zusammen verfolgen die beiden die Spuren, die sie in eine exklusive Seniorenresidenz führen. Die dort angesiedelten Ärzte sind wenig kooperativ, gleichzeitig hat Harper den Eindruck, dass jemand versucht, ihr und ihrer demenzkranken Mutter zu schaden.
Die Aufklärung des Medizinthrillers, der im Bereich experimenteller Genertik mit unethischischen Methoden liegt, vermengt Horror und den berechtigten Zweifel, dass vielleicht doch schon ähnliches durchdacht oder sogar erprobt wird. Die Ärztin Tony Harper hat nicht das Charisma und die Intelligenz einer Maura Isles und war mir nicht sonderlich sympathisch, aber Tess Gerritsen hat mit Roter Engel durchaus einen durchdachten Plot und gute Spannung vorgelegt.

Tess Gerritsen, Roter Engel. Randomhouse Audio 2011.

Thursday, March 30, 2017

Andreas Föhr - Wolfsschlucht

In Andreas Föhrs sechstem Fall am Tegernsee ermittelt Kommissar Clemens Wallner in zwei Fällen, die zunächst nur eine Sache gemeinsam haben: Kollege Leonhardt Kreuthner ist wieder einmal darin verwickelt. Ein Bestattungsunternehmer steckt mitsamt seinem Leichenwagen in der Mangfall, was zunächst als Scherz einer durchzechnten Nacht mit Kreuthner und seinen Kumpanen begann, aber tödlich endete - der Mann wurde erschossen. Gleichzeitig verschwindet eine junge Frau verschwindet. Ihr Wagen wird kurz darauf im Gebirge gefunden – aufgespießt von einem Maibaum.
Für dieses, eher bizarr anmutenden Element des Falls ist wiederum Kreuthner verantwortlich, da dessen wirrer Plan für einen Maibaumklau eine etwas andere Wendung nahm als geplant.
Wallner sieht sich einmal mehr in der Lage, den Kollegen verteidigen zu müssen, liefert dieser doch außer seinen immer am Rand der Legalität verlaufenden Scherzen auch immer wieder für den Fall relevante Hinweise - wenngleich auch diese auf die typisch kreuthnersche Art gesichert werden.
Diesmal gleiten die Ermittlungen allerdings nicht in den Slapstick ab (wie zuletzt bei Totensonntag), sondern die Fälle werden konsequent ermittelt, wenngleich am Ende Kommissar Zufall etwas nachhilft. Der Fall bekommt zudem eine sehr persönliche Note für Wallner, sieht er sich doch gleich auf mehreren Ebenen mit seiner persönlichen Familiengeschichte konfrontiert. Etwas zu kurz kommt meines Erachtens am Ende der Aspekt der Motivation hinter den Taten - hier wird eine Familiengeschichte des Missbrauchs der anderen Art angerissen, aber für die Betroffenen nicht weitergedacht, kein Ausblick gewagt, besonders optimistisch wird sie nicht sein, aber der Autor gewährt uns keine Innensicht mehr.
Die Lesung von Michael Schwarzmaier ist sehr gelungen wie immer und sicherlich auch einer der Gründe, warum ich die bisherige Reihe in einem relativ kurzen Zeitraum komplett verschlungen habe.

Andreas Föhr, Wolfsschlucht. Argon 2015.

Liste der bisherigen Fälle:
Der Prinzessinnenmörder (2009)
Schafkopf (2010)
Karwoche (2011)
Schwarze Piste (2012)
Totensonntag (2013)
Wolfsschlucht (2015)

Monday, March 27, 2017

Jirō Taniguchi - Die Sicht der Dinge

Nachdem ich die Kurzgeschichtensammlung Von der Natur des Menschen von Utsumi/Taniguchi gelesen hatte, war ich neugierig auf die anderen Werke des Künstlers Jirō Taniguchi.
In Die Sicht der Dinge geht es um Yoichi, der nach dem Tod des Vaters erstmals wieder in seinen Heimatort Tottori zurückkehrt. Dort wird er warmherzig von seiner Familie empfangen, obwohl er diese seit 15 Jahren nicht mehr besucht hat. Bei der Totenwache erzählen ihm seine Verwandten von ihren Erinnerungen an den Vater - und zeichnen dabei ein ganz anderes Bild von den Ereignissen seiner Kindheit und Jugend, als jenes, an dass sich Yoichi zu erinnern glaubt. Nur zögernd kann er sich eingestehen, dass er seine Ansichten revidieren muss.
Obwohl klar wird, dass Yoichi seinem Vater gegenüber ungerecht war und viele Dinge andere (Hinter-) Gründe hatten, als er angenommen hatte, ist der Grundton des Romans nicht vorwurfsvoll. Yoichi trauert darum, nun keine Gelegenheit mehr zu haben, mit dem Vater zu sprechen und sein Verhältnis zu ihm zu verändern. Er erkennt an, dass die Ähnlichkeiten zwischen seinem Vater und ihn nichts sind, was er ablehnen muss, im Gegenteil kann er annehmen, dass die gütigen Grundzüge des Vaters auch in ihm zum Tragen kommen. So kann der Verlust bewirken, seine eigene Einstellung zu Familienbanden und zur Verknüpfung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu überdenken und diese zu verändern. Eine zwar traurig-tragische Geschichte, die aber positiv im Blick behält, dass Menschen sich immer dafür entscheiden können, ihren Lebensweg und ihre Lebenseinstellung zum Guten zu verändern.

Jirō Taniguchi, Die Sicht der Dinge. Carlsen, Hamburg 2008.

Friday, March 24, 2017

Aldous Huxley - Schöne neue Welt

Ein Roman der Zukunft - 2540 n. Chr.spielt Aldous Huxleys Dystopie von 1932. Der Titel bezieht sich auf ein Zitat aus Shakespeares Drama Der Sturm (5. Akt, Vers 181-183):
„O, wonder! How many goodly creatures are there here! How beauteous mankind is! O brave new world, that has such people in’t!“

(dt. „O, Wunder! Wie viele herrliche Geschöpfe es hier gibt! Wie schön der Mensch ist! O schöne neue Welt, die solche Bürger trägt!“)
Doch so wundervoll und herrlich ist natürlich nichts in dieser Zukunftswelt. Oder doch?
Durch die Augen der Protagonisten Lenina, Bernhard, Helmholtz und John, dem "Wilden" wird uns eine Welt präsentiert, die eine perfekt funktionierende Gesellschaft bietet. Durch genetische Manpulation und künstliche Fortpflanzung wird die Menschheit in fünf Kasten hineingeboren und diesen Kasten entsprechend konditioniert. Der Konditionierung entsprechend sind sie mit ihren jeweiligen Lebensaufgaben zufrieden, haben ein geregeltes Arbeits-, Freizeit- und Sexualleben. Sollte trotzdem ein Unwohlsein auftreten, wird dem mit der Einnahme von Soma, einer staatlich verordneten Dauerdroge entgegengewirkt. Ein Verlassen des vorgezeichneten Lebenswegs ist nicht vorgesehen, der Wunsch danach kommt selten auf und wird dann als unnormal und krankhaft wahrgenommen. Dazu zählt der Wunsch nach einer andauernden Beziehung, nach Fortpflanzung, nach künstlerischen Ausdruck oder wissenschaftlicher Forschungsdrang - alles Dinge, die in dieser Welt nicht vorkommen. Die Religionen sind durch eine Art Kult um den Automobilhersteller Henry Ford ersetzt worden.
Es gibt einige wenige Menschen, die als Naturvölker ohne den Komfort des Fortschritts in Reservaten und in einem anderen Gesellschafts- und Wertesystem leben. Bei einem Besuch in einem solchen Reservat, entdecken Lenina und Bernhard den "Wilden" John, der als Außenseiter dort lebt, da seine Mutter nicht zum Stamm gehörte. Er folgt den beiden in die Zivilisation und befindet sich bald in einem unauflösbaren Konflikt zwischen den beiden Systemen, der tragisch endet. John ist es auch, der Teile seines Wissens aus einer alten Shakespeare-Gesamtausgabe bezieht, aus der er regelmäßig zitiert (Titelbezug).
Huxleys Roman hat trotz der vielen technologischen Errungenschaften der Jetztzeit, die denen im Buch nahe kommen, seinen dystopischen Charakter nicht verloren. Oder ist die gleichförmige, gleichgültige, drogeninduzierte Zufriedenheit doch eine Utopie - etwas Wünschenswertes, auch wenn es mit dem Verlust von Familie, Kunst, Geschichte und Glauben einhergeht? Wohl eher nicht, auch nicht vor dem Hintergrund eines zunehmend versagenden kapitalistischen Gesellschaftssystems. Es stecken noch viele interessante Fragen in dem Roman, auch wenn es andere Fragen sind, als man sie sich vielleicht 1935 beim Erscheinen gestellt hat. Nicht ohne Grund ist es ... ein Klassiker, ein Meilenstein der Literaturgeschichte.

Aldous Huxley, Schöne neue Welt. Hörverlag 2013.

Monday, March 20, 2017

Enid Blyton - Fünf Freunde auf der Felseninsel

Fünf Freunde auf der Felseninsel ist die sechste Folge der beliebten Reihe von Enid Blyton und besonders bei dieser Geschichte, bei der Onkel Quentin die Felseninsel besetzt, um Experimente zu machen, deren Ergebnisse ihm natürlich gestohlen werden sollen, hatte ich die Hörspielfassung deutlich im Ohr. Ganze Dialoge und Erzählpassagen sind fast wortwörtlich aus dem Buch entnommen, so dass mein Gehirn noch die Soundeffekte der sirrenden Drähte im Turm und Timmys Gebell im Tunnel dazu einblenden konnte. Wunderbare, unterhaltsame Wiederbegegnung mit einem Buch, das im Original erstmals 1947 (!) erschien.

Enid Blyton, Fünf Freunde auf der Felseninsel. cbj, München 2015.

Sunday, March 19, 2017

Andreas Suchanek - Das Erbe der Macht - Band 1: Aurafeuer

Bei einer Verlosung zur Leserunde habe ich auf wasliestdu einen Sammelband mit den ersten drei Bänden der Reihe "Das Erbe der Macht" von Andreas Suchanek gewonnen.
Es handelt sich um eine Urban Fantasy Reihe, bei der Magier und Menschen durch einen magischen Wall voneinander getrennt leben. Die guten Magier, die Lichtkämpfer, werden bedroht von den Schattenkriegern, den bösen Magiern.
In Aurafeuer wird der Leser Hals über Kopf in diese magische Welt gestürzt und muss sich in einer Vielzahl neuer Begriffe und Gegebenheiten zurechtfinden. Ein Glossar am Ende des Buchs (aus irgendwelchen Gründen nicht alphabetisch) und auch ein Neuling in der Magiergruppe, dem auch einiges erklärt werden muss, helfen dabei.
Die Magie ist so alt wie die Welt, daher gibt es einen Rat der Unsterblichen. Hier wählte der Autor bekannte historische Figuren wie Johanna von Orleans, Leonardo da Vinci oder Albert Einstein, vermutlich um den Charakteren gleich eine bestimmte Färbung und Geschichte zu geben. Als Gegenspieler dient der Graf von Saint Germain, um den sich zahlreiche Legenden ranken (u.a. auch in der Edelstein-Trilogie von Kerstin Gier verwendet), und eine mysteriöse Schattenfrau, deren Identität ungeklärt bleibt.
Insgesamt skizziert der erste Band die Charaktere nur in Ansätzen, es werden bestimmte Typen angelegt, die nun darauf warten, in den Folgebänden vertieft zu werden. Gleiches gilt für den Grundkonflikt zwischen Gut und Böse, zahlreiche Andeutungen werden gemacht, Geheimnisse aufgezeigt und Legenden und die Existenz eines Verräters erwähnt.
Betrachtet man Aurafeuer als Einzelband, so bleibt man über den Plot und den Spannungsbogen recht frustriert zurück. Kaum hat man sich in dieser Fantasy-Welt orientiert, endet der Band bereits mit zahlreichen aufgeworfenen Fragen und keinen Antworten. Das finde ich besonders für das Intro in eine umfangreiche Reihe problematisch. Meines Erachtens sollte ein Bogen gespannt, eine vollständige (Teil-) Geschichte erzählt werden. Statt dessen liegt mit Aurafeuer eine Art Einleitung zur Reihe vor, deren Charaktere mich nur halbwegs interessierten können. Besonders die Verwendung der historischen Figuren finde ich fragwürdig, da sie ins Geschehen hineingeworfen werden, kein Bezug zu ihrer Persönlichkeit oder ihrer geschichtlichen Bedeutung hergestellt wird und sie damit auf ihren Namen reduziert werden. Provokant gefragt: Konnte der Autor keine eigenen markanten Charaktere erdenken? Warum dieses Name-Dropping?  Die Gedankenwelt und Lebenswelt der übrigen Charaktere entspricht ihrem jugendlichen Alter (Freundschaft, Liebe, Sex, Discos, ---) und lässt etwas die Tiefe vermissen, zumal sie sich doch offensichtlich am Anfang einer dramatischen Veränderung oder Bedrohung in ihrer magischen Welt befinden...
Abgesehen von diesen Schwächen hinsichtlich der Charaktere und des Plots ist Suchaneks Schreibstil flüssig zu lesen, nicht komplex, aber klar, und die Ideen zu seiner magischen Welt sind interessant und haben Potential. Dennoch bin ich mir noch nicht sicher, ob ich den zweiten Band (obgleich ich ihn im Sammelband vorliegen habe) lesen werde. 
Das Buch selbst ist ein sehr schöner Hardcoverband und die Illustration der Feuer schaffenden Hand von Nicole Böhm ist ansprechend.

Andreas Suchanek, Das Erbe der Macht. Schattenchronik 1. Greenlight Press, Karlsruhe 2016.


Sunday, March 12, 2017

Ceramic art from South Africa

Innocence - ceramic by Richard Bollers
After these many years it is still surprising how a little postcard can make an impression on you. I don't know that much about South Africa. This card shows a ceramic work by an artist who lives and works there. Richard Bollers addresses "everyday issues affecting the urban poor" so a website of an art initiative tells us about him. There was an information text on the artist on the card too, it was good to get to know more.

The card was sent by Jaco and Johanet who told me a bit about their weekend and I liked that they enjoyed the same things on weekends as I do - although living more than 9000 km away.

Saturday, March 11, 2017

Beijing bicycle

bicycle in an alley in Beijing, China
postcrossing card sent by Vicky, China







There are nine million bicycles in Beijing
That's a fact
It's a thing we can't deny
Like the fact that I will love you till I die

We are twelve billion light years from the edge
That's a guess
No one can ever say it's true
But I know that I will always be with you

I'm warmed by the fire of your love everyday
So don't call me a liar
Just believe everything that I say

There are six billion people in the world
More or less
And it makes me feel quite small
But you're the one I love the most of all

We're high on the wire
With the world in our sight
And I'll never tire
Of the love that you give me every night

There are nine million bicycles in Beijing
That's a fact
It's a thing we can't deny
Like the fact that I will love you till I die

Nine million bicycles by Katie Melua, from the album Piece by Piece, 2005

Tuesday, March 07, 2017

Loch Ard Gorge

Loch Ard Gorge, Victoria, Australia
text on the card explains: "Located on the ragged coastline followed by the Great Ocean Road, Loch Ard Gorge is named for the iron clipper ship Loch Ard wrecked there in 1878 with the loss of all but two of those on board after a three-month voyage from Britain."
postcrossing card by Tanja, a German living in Australia

Monday, March 06, 2017

Colin Cotterill - Dr. Siri und die Geisterfrau


Dr. Siri wird älter und ist offiziell pensioniert, das Laos der 70er Jahre hat damit keinen Leichenbeschauer mehr. Doch dann wird in einem abseits gelegenen Dorf eine Frau ermordet - aber kurz nach ihrer Einäscherung taucht sie wieder auf und steht nun im Kontakt mit der Geisterwelt. Das will sich die Frau eines laotischen Generals zunutze machen, sie will herausfinden, wo sich die sterblichen Überreste ihres verschollenen Bruders befinden. Der General beordert kurzerhand Siri, der Exkursion in das Dorf den Mekong hinauf zu folgen. Mit dabei sind auch Siris Frau Daeng und sein Gehilfe Geung.
Gleichzeitig taucht daheim ein mysteriöser Franzose auf, der auf der Suche nach Daeng ist und absolut nichts Gutes im Schilder führt.
Parallel zu der eigentlichen Geschichte um die seltsame Geisterfrau und die Suche nach den Gebeinen erzählt Madame Daeng ihre Lebensgeschichte, aus der ersichtlich wird, warum der Franzose hinter ihr her ist. Gleichzeitig wird damit ein weiterer Teil der laotischen (Besatzungs-) Geschichte näher beleuchtet aus der Sicht einer Frau - eine durchaus ungewöhnliche Perspektive.
Für die zwei Perspektiven werden auch zwei Sprecher eingesetzt, Peter Weis und Traudel Sperber. Obwohl beide die Personen gut verkörpern, fehlte mir Jan-Josef Liefers, der die anderen Cotterill Krimis gelesen hat, doch.  
Einmal mehr gelingt es Cotterill, den sympathischen Siri in einen vielschichtigen und spannenden Fall zu verwickeln, trotz seiner mystischen Fähigkeit, Geister zu sehen, ermittelt er mit Verstand und viel Witz wie immer. Die Portion laotischer Geschichte macht diesen Band zu einer runden Sache.

Colin Cotterill, Dr. Siri und die Geisterfrau. Hörverlag 2016.

Learning songs

Learning a song in the Gorky Park, Moscow 1950s, Russia
- apparently a typical leisure activity at the time!
 postcrossing card by Lana from Russia

Saturday, March 04, 2017

Manfred Mai - Wunderbare Möglichkeiten

 Manfred Mais Biografie weist einen verschlungenen, keinesfalls geradliniegen Weg auf, eine Tatsache, die sich auch in Wunderbare Möglichkeiten wiederspiegelt.
Auf knappen 127 Seiten erzählt Mai aus dem Leben von Maximilian. Er ist elf, liest viel, mag seinen besten Kumpel Yasin und seine Schwester Leonie und ist oft genervt von Schule und den Erwachsenen, die ihn nicht ernst nehmen. Denn er denkt viel darüber nach, warum das Leben so ist, wie es ist - warum ihm bestimmte Dinge passieren und wer sein Leben eigentlich lenkt. Er stellt viele Fragen, philosophische Fragen und rennt damit bei den Erwachsenen so manches Mal vor die Wand, weil diese zum Teil auch keine Antworten haben, nicht nachdenken wollen oder zu sehr in ihrem eigenen Stress verhangen sind, um sich Zeit zu nehmen. Trotzdem lässt Maximilian nicht locker, fragt weiter, denkt nach, liest nach und findet Antworten an den unterschiedlichsten Stellen.
Es ist verblüffend, wie sensibel und treffsicher der Autor in dieser Kürze die typische Lebenswelt eines jungen Menschen umreißt (bei der Schilderung von Lehrern und Schulalltag war seine eigene Lehrtätigkeit sicher hilfreich) und die Unsicherheit und die vielen inneren Fragen gekonnt darstellt. Dabei finden große Themen wie Liebe, Freundschaft, Glaube und der Sinn des Lebens Platz und bleiben dabei verständlich auch für Kinder.
Das Coverbild stammt von Quint Buchholz und ist sehr gut gewählt, da Maximilian in Büchern neue Welten entdeckt, sie ihn prägen und er dort Antworten findet. Sie weiten seinen Blick auf die Welt - wie das "Buchfernglas" in Quint Buchholz' Bild. 

Wunderbare Möglichkeiten ist ein weises, zum Nachdenken anregendes Buch, das Kindern Mut machen kann, selbst zu entscheiden und einen eigenen Weg zu gehen - hat mir sehr gefallen!

Manfred Mai, Wunderbare Möglichkeiten. Fabulus, Fellbach 2016.

Friday, March 03, 2017

Kurz Vonnegut - Schlachthof 5

Höchstwahrscheinlich ist dies ein Buch, das ich nie gelesen hätte, wenn sie nicht auf der Liste der Bücherkulturchallenge bzw. auf Radcliffe's Rival 100 Best Novels Liste gestanden hätten. Die Wurzeln des amerikanisches Autors liegen nur um die Ecke, beide Elternteile stammen aus dem Münsterland. Kurt Vonnegut war als Schriftsteller zunächst wenig erfolgreich und erst mit Schlachthof 5 erlangte er Beachtung. Er verarbeitet darin seine eigenen Erlebnisse als amerikanischer Kriegsgefangener, als der er die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 in den Kellern eines nicht mehr benutzten Schlachthofs überlebte.
Vonnegut bedient sich eines schwer zu beschreibenden Erzählsstils. Er ist als Autor präsent, erklärt, was er erzählen will und erschafft sich einen Protagonisten namens Billy Pilgrim, der die Dinge erlebt, die Vonnegut zum Teil selbst erlebt hat. Hinzu kommen Billys weitere Schicksalschläge, die zum Teil im Science Fiction Genre anzusiedeln sind (Entführung von Außerirdischen, Zeitsprünge) und außerdem zynische Schilderungen der amerikanischen Gesellschaft der 60er Jahre enthalten. Heraus kommt ein sehr gewöhnungsbedürftiges Storytelling, dass durch die Zeitsprünge des Billy Pilgrim auch nicht chronologisch erfolgt. Viele der geschilderten Kriegsgeschehnisse und Derstellung der Menschen in der Kriegssituation beziehen klar Stellung gegen den Krieg - andererseits sind diese durchweg wenig emotional, trotz des Horrors, und werden durch die Science Fiction Elemente gebrochen.

Vonneguts Buch ist verstörend und irritierend, selbst über 40 Jahre nach seinem ersten Erscheinen. Es ist vielschichtig und verdient vermutlich eine intensivere Beschäftung, um seine Bedeutungsebenen besser zu erfassen. Andererseits bleiben Billy Pilgrim und der Erzähler auf Abstand, berühren den Leser wenig. Das immer wiederkehrende, fatalistische "So geht das."  ("So it goes."), mit dem der Autor die Schilderung der grausamsten Ereignisse sprachlich abschließt, um zum nächsten überzugehen, rückt alles in eine enervierende Beliebigkeit, die mich vermutlich von einer zweiten Lektüre abhalten wird. Dennoch war Schlachthof 5 eine interessante Leseerfahrung.

Kurz Vonnegut, Schlachthof 5. rororo, Reinbek 2000.

Wednesday, March 01, 2017

Rare card from Åland Islands

As a postcrosser you are always happy if you receive a card from a rare country. Ususally these have very short ID number. This card from the Åland Islands was sent by Hannele Ögard who is a textile artist. She also put a lot of little brochures into one big envelope so it was more a present than just a card. 
Thank you, Hannele - this is postcrossing at its best!