Sunday, September 25, 2022

Charlotte Habersack - Bitte nicht öffnen - Bissig!

Charlotte Habersacks Reihe "Bitte nicht öffnen" umfasst mittlerweile sieben Bücher und Bitte nicht öffnen - Bissig! ist das erste der Abenteuer, die Nemo und seine Freunde erleben. 

In der langweiligsten Stadt der Welt namens Boring (!) passiert eigentlich nie etwas - bis Nemo ein merkwürdiges Päckchen bekommt mit der Aufschrift "Bitte nicht öffnen!". Seine Eltern wollen, dass er es zurückschickt (an wen eigentlich?!), aber daran hält er sich natürlich nicht. Plötzlich schneit es mitten im Sommer, nachdem Nemo und sein Freund Fred einen plüschigen Yeti namens Icy-Ice-Monsta aus dem Päckchen befreit haben. Das "Kuscheltier" ist lebendig und wächst, wenn man es füttert - und gleichzeitig ist klar - es will wieder nach Hause! Doch wo ist das? Und wie bewahrt man den Yeti vor einem grauenvollen Schicksal, falls Erwachsene ihn entdecken sollten?

Habersack erzählt die Geschichte mit viel Humor und Sprachwitz (wenngleich der sich vielleicht nicht allen jungen LeserInnen erschließen wird) und mit einem gehörigen Maß an Action und Emotionen. Denn natürlich ist da auch noch etwas schräge Oda, die Nemo sehr toll findet...
Illustriert ist der Band von Fréderic Bertrand und die Hardcover-Ausgabe ahmt das Paket nach, bei dem man durch ein Loch in der Vorderklappe bereits ein Stückchen von dem gefährlichen Inhalt sehen kann.
Prima Story, schöne Ausgabe, sprachlich gelungen - was will man von einem Kinderbuch mehr?

Charlotte Habersack, Bitte nicht öffnen - Bissig! Carlsen, Hamburg 2016.

Saturday, September 24, 2022

Nur wenige erwählen wir

Es geht uns mit Büchern wie mit den Menschen. 

Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber nur wenige erwählen wir zu unseren Freunden.

Ludwig Feuerbach  (1804-1872)

Friday, September 23, 2022

Tess Gerritsen und Gary Braver - Die Studentin

In Die Studentin erzählen Tess Gerritsen und Gary Braver die Geschichte einer unglücklichen Frau, deren Leidenschaft aus dem Ruder läuft. 

Taryn Moore studiert Literaturwissenschaft - in Boston, denn hier ist auch ihr Highschoolfreund Gary. Als der jedoch mit ihr Schluss macht, wendet sie sich ihrem Englischprofessor Jack Dorian zu, in dessen Ehe es kriselt, obwohl er seine Frau liebt. Aber er erliegt der Versuchung und ab diesem Zeitpunkt ist Taryn hinter ihm her... Dies decken schließlich auch die ermittelnden Polizisten auf, als sie Taryns vermeintlichen Selbstmord - einen Sturz vom Balkon - untersuchen. 

Die Studentin greift viele Klischees auf, viele der Handlungsweisen der Charaktere sind nahezu schmerzhaft vorhersehbar, wenngleich das Autorenteam diese mit weitgehend interessanten Lebensgeschichten ausstattet. Taryn hingegen bleibt durchweg unsympathisch, egozentrisch, wahnhaft in ihren Überlegungen und Taten. Das Spiel mit den unglücklichen Liebschaften in der Literaturgeschichte (e.g. Abelard und Eloise oder Romeo und Julia) und der unglücklichen Liebe von Taryn geht nicht auf: Die Rage, in der sie scheinbar so genial argumentiert, bleibt unglaubwürdig und blind angesichts ihrer eigenen Lebensausrichtung, nur etwas wert zu sein, wenn sie mit einem Mann zusammen ist. Angesichts der Tatsache, dass Gary Braver selbst einige Kurse in Literaturwissenschaft gelehrt hat, vermute ich, dass in dem Thriller mehr Braver als Gerritsen steckt, jedenfalls konnte mich das Buch (trotz der wie üblich guten Lesung von Anna Thalbach) nicht überzeugen.

Tess Gerritsen und Gary Braver, Die Studentin. Random House Audio 2021.

Sunday, September 18, 2022

H.D. Walden - Ein Stadtmensch im Wald

Als die Corona-Pandemie ausbricht, verkriecht sich der Autor H.D. Walden (eigentlich Linus Reichlin, Schweizer Schriftsteller und Journalist) in einer Hütte im Wald in Brandenburg, während seine Freundin als Krankenschwester im Krankenhaus extra Schichten erträgt. In Ein Stadtmensch im Wald berichtet er von seiner totalen Entschleunigung dort im Wald. Er liest, er beobachtet die Vögel und später auch Waschbär, Igel und Fuchs. Er hat keine Ahnung von Tieren und keine Erfahrung in der Natur. Schritt für Schritt nähert er sich den Tieren an, indem er sie füttert und mit ihnen spricht und dazwischen einige Google-Recherchen betreibt. Dabei betrachtet er seine Unkenntnis durchaus mit einer guten Portion Selbstironie und einige der Erlebnisse mit "seinen" Tieren sind wirklich witzig beschrieben. Später wird die Geschichte etwas schräg, als er den Waschbären, den er als sein Haustier betrachtet, vor dem vermeintlichen Abschuss einer Jägerin retten will und dafür mehrmals täglich zu einem Ansitz wandert. Er wird in der Idylle rastlos, während seine Freundin schon längst erkannt hat, dass er wieder unter Menschen muss.
Es ist ein kurzes Buch mit schönen Illustrationen von Elisa Rodriguez Scasso mit einigen unterhaltsamen Passagen, allerdings hat es mich an keiner Stelle völlig begeistern können, dafür war noch zu wenig Wald und zu viel Vermenschlichung der Tiere darin für meinen Geschmack, wenngleich ich den Gedanken, dass das Verbleiben in der Natur schließlich zu einer anderen Wahrnehmung von Zeit und dem, was wichtig ist, führt, bestechend finde. 

H.D. Walden, Ein Stadtmensch im Wald. Galliani, Berlin 2021.

Wednesday, September 14, 2022

Thomas Hettche - Herzfaden

Thomas Hettches Roman Herzfaden stand 2020 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Untertitelt ist Herzfaden mit Roman der Augsburger Puppenkiste und auf dem Cover bahnt sich Emma, die Lokomotive aus Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer ihren Weg durch eine Felsenlandschaft. Ganze Generationen sind mit den Figuren der Puppenkiste aufgewachsen, Urmel, Kalle Wirsch oder die Katze mit Hut.

In Hettches Geschichte gerät ein Mädchen nach dem Besuch einer Vorstellung auf den Dachboden der Spielstätte - und trifft dort auf die versammelten und lebendigen Marionetten der Puppenkiste und auf Hatü, die eigentlich Hannelore Oehmichen heißt, die Tochter des Gründers des Marionettentheaters. Sie erzählt dem Mädchen ihre Lebensgeschichte und dadurch auch die Geschichte des Theaters. Gleichzeitig wird die beschauliche Welt des Dachbodens mit all den liebenswerten Marionetten bedroht durch den "bösen" Kasper, der im Dunkeln lauert. Bald wird klar, dass für Hatü der Kasper alles verkörpert, was sie in der schlimmen Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges erlebt hat. Die Einberufung des Vaters, das "Verschwinden" der jüdischen Freunde und Bekannten, die Gefallenen und Verstorbenen, die Ängste der Bombennächte und die Zerstörung des ersten Puppenschreins. Hatü sucht lange nach ihrem Platz im Leben, stellt viele Dinge der Nachkriegszeit in Frage und bleibt dennoch dem Puppentheater treu. Die Erfolgsgeschichte, bei der die Puppenkiste den Sprung ins junge deutsche Fernsehen schafft (schon 1953!) und dadurch nationale Berühmtheit erringt, ist Hatü fast nicht geheuer, aber sie ist diejenige, die die unvergesslichen Figuren aus Holz erschafft. Ein paar Antworten auf ihre Lebenssinnfragen gibt ihr im Roman der Autor Michael Ende, den sie besucht, um ihm ihren Jim Knopf zu zeigen. Auch Saint-Exupery kommt durch einige Textpassagen aus Der kleine Prinz zu Wort, dessen Puppenfassung einer der ersten Erfolge der Puppenkiste war. Hettche verneigt sich quasi vor den beiden großen Autoren und ihren fantastischen und doch so wahren Geschichten, was ich sehr anrührend finde. Nicht ganz so überzeugend wie Hatüs Wahrnehmung von Krieg und seinen Folgen und dem zunehmenden Kommerz und der Ignoranz des Geschehenen in den Nachkriegsjahren finde ich die Rahmengeschichte des Mädchens auf dem Dachboden. Jede der Marionetten zeigt mehr Herz und Profil als dieses namenlose Kind, das wohl stellvertretend für die ganze Generation Heranwachsender stehen soll. Es geht zwar verändert aus der Begegnung mit Hatü und ihrer Geschichte hervor, die Erlösung des Kaspers griff mir aber zu kurz.
Alles in allem aber haben mir Hettches Geschichte und Erzählweise sehr gefallen und die Wiederbegegnung mit einigen meiner Kindheitslieblingsfiguren, an denen mein Herzfaden hängt, tat mir gut. 

Thomas Hettche, Herzfaden. Argon 2020.

Im Kopf ganz verzwirbelt

 

Saturday, September 10, 2022

J.D. Salinger - Der Fänger im Roggen

J.D. Salingers Der Fänger im Roggen steht in einer Uraltausgabe aus dem Jahr 1977, die eigentlich meiner Mutter gehört, in meinem Regal - vergilbte und eng bedruckte 156 Seiten über diesen Holden Caulfield.
Ich weiß, ich habe das Buch als Jugendliche schon einmal gelesen, erinnerte mich aber an fast nichts, außer, dass es mich beeindruckt hat.

Über den Inhalt kann man viel oder nichts sagen, in aller Kürze dies: Der 16jährige Holden fliegt zum dritten Mal wegen mangelnder Leistungen von einer Schule, ist angenervt von den Lehrern, den Mitschülern und der Gesellschaft im Allgemeinen. Er flieht eines Abends aus dem Zimmer seines Internats nach New York, vermeidet dort aber die Rückkehr in die elterliche Wohnung und streunt einige Zeit durch die Stadt. 

Entscheidend sind dabei seine Begegnungen mit verschiedenen Menschen, von denen er manchen zufällig trifft, mit anderen verabredet er sich. Viele dieser Kontakte enden problematisch, mit Ablehnung, Streit oder sogar Gewalt. Holden ist deprimiert, wütend und hat keine Idee, was er mit seinem Leben anfangen will. Die meisten Menschen widern ihn an, er fordert mehr Mitgefühl einerseits, empfindet andererseits aber Abscheu gegenüber den Normen, die Gesellschaft in geordnete Bahnen lenken. Der Tod seines Bruders und der Selbstmord eines Mitschülers haben ihn tief getroffen und sind kaum verarbeitet. Einzig die Beziehung zu seiner Schwester Phoebe hat für ihn großen Stellenwert, ansonsten kann er kaum Dinge benennen, die er mag.
Passend zum Weltschmerz Holdens ist der Erzählstil geprägt durch den häufig thematisch springenden, emotional-aufgeladenen Stream-of-Consciousness, wobei die Jugendsprache der in die Jahre gekommenen Übersetzung meiner Ausgabe inzwischen ein wenig antiquiert wirkt. Er ist ein zutiefst unzuverlässiger Erzähler, dennoch folgt man ihm und seiner ganz eigenen Wahrnehmung bereitwillig durch die New Yorker Nacht.

Hat mich Der Fänger im Roggen wieder beeindruckt bei der Wiederbegegnung? Ja. Vielleicht aber anders. Eine andere Wahrnehmung von Sprache, zahlreiche andere Coming-of-Age-Stories später,... Gefallen hat mir der Roman auch als Spiegel der 50er Jahre, mit gesellschaftlichen Klischees und einer ganz anderen Wahrnehmung von Gender und Sexualität. Faszinierend finde ich, wie dieses Buch gleichzeitig eines der am meisten zensierten und "verbotenen" Bücher sein kann und sich gleichzeitig auf zahlreichen Literaturkanons und unter den "100 best novels" (Radcliffe list) befindet. Viele Widersprüche, viele Fragen, auf die der junge Holden keine Antworten weiß, aber die man sich vielleicht in allen Alterstufen noch einmal neu stellen kann. 

J.D. Salinger, Der Fänger im Roggen. rororo, Reinbek 1977.

Monday, September 05, 2022

Jeffery Deaver - Die Menschenleserin

Neben seinem erfolgreichen Ermittlerduo Rhyme und Sachs lässt Jeffery Deaver auch Kathryn Dance in immerhin vier Fällen ermitteln, wobei seit 2015 kein neuer Fall erschienen ist. Die Menschenleserin ist der erste Band.

Dance ist Verhörspezialistin beim California Bureau of Investigation und soll den Psychopathen Daniel Pell verhören, der vor Jahren eine ganze Familie auslöschte - mit Ausnahme der jüngsten Tochter. Doch kurz nach dem Verhör gelingt Pell die Flucht. Dance soll nun die Maßnahmen zu seiner Ergreifung koordinieren und es beginnt eine Jagd nach dem Täter, der aber auf Hilfe angewiesen ist. Er manipulierte von jeher Frauen, die für ihn scheinbar alles zu tun bereit sind...

Die Story ist gut konstruiert, Kathryn Dance eine sympathische und intelligente Protagonistin, eingebettet in eine familiär-persönliche Rahmenstory. Sie ist sozialer als Rhyme, weiß sich aber schlussendlich in einer männerdominierten Welt durchzusetzen, trotz gelegentlicher Selbstzweifel. Allein das Ende nahm - wieder einmal - für meinen Geschmack eine Extrawendung zuviel, so dass es am Ende etwas brauchte, um alle losen Fäden zurechtzuknoten. Insgesamt aber eine gelungene Abwechslung zu Lincoln Rhyme, der nicht mehr immer für Begeisterung sorgt (was aber nach meinem 13. gelesenen Fall mit ihm auch nicht verwundert und irgendwie dann ja doch für die Reihe spricht....). 

Jeffery Deaver, Die Menschenleserin. Random House Audio 2009.


 

Monday, August 01, 2022

Anthony Doerr - All the Light We Cannot See

All the Light We Cannot See by Anthony Doerr won the Pulitzer Price for Fiction (and several other prices) in 2015. It tells the story of the two main characters Marie-Laure Leblanc and Werner Pfennig mainly during WWII. 

Marie-Laure Leblanc is the blind daughter of the master locksmith at the Museum of Natural History in Paris. When the Germans are about to invade they flee to her uncle in Saint-Malo.
Werner Pfennig is an orphan in a German mining town and has a special talent for radios and science in general. Therefor he is recruted by the Nazis for a special education but of course has to serve in the war later on. At the end he is sent to Saint-Malo to find the location of a radio transmitter of the French resistance - which is run by Marie-Laure and her uncle.
The story is told in very short chapters and alternates not only between the two characters but switches between the time of the final battle of Saint-Malo and all the events leading to the two characters being there.

Of course both are deeply influenced by the war but the author makes sure that the story and the characters are not portrayed in black and white but with a lot of greys: They are unsure of themselves, they doubt their own actions, they have complicated emotional states and they change during the story. Both are very likeable and the reader wishes the author would have given them more time together but they meet only very shortly. This and the overall ending of the book is a bit frustrating for me because the story leading to these final events is quite long although well-told and well-written. I simply would have wished for more...
I understand why the novel was successful and why it won prices but apparently it didn't move me as much as it did many other readers but I liked it a lot. Maybe the English audiobook wasn't the best choice because the German names and terms were a bit strange to listen to in Zach Appelman's pronunciation. 

Anthony Doerr, All the Light We Cannot See. Simon Schuster 2014.



Sunday, July 31, 2022

Lars Kepler - Der Spiegelmann

Joona Linnas achter Fall Der Spiegelmann beginnt mit einem ermordeten Mädchen auf einem Spielplatz. Auf perfide Art ist Jenny Lind an einem Klettergerüst erhängt worden - nachdem sie fünf Jahre lang verschwunden war! Schon bald wird klar, dass sie nicht das einzige Opfer ist und Linna nimmt die Spur auf. Parallel dazu erleben wir mit, Pamela nach dem Verlust ihrer Tochter vor einigen Jahren mit zahlreichen Problemen kämpft: Ihr Mann Martin leidet unter schweren psychischen Problemen, sie selbst trinkt zuviel und ob die Adoption von Mia, einem Mädchen im Alter ihrer Tochter, klappen wird, ist ungewiss. Da wird ausgerechnet Martin Zeuge des Mordes von Jenny Lind, wie die Überwachungskameras zeigen. Doch er kann sich an nichts erinnern. Erst die Hypnose durch Erik Maria Bark (siehe Der Hypnotiseur) hilft, erste Hinweise zu finden. Doch der Täter will verhindern, dass Martin der Polizei hilft, und entführt Mia. Unter großem Zeitdruck beginnt die Suche nach der Identität des Mörders und seinem Versteck...

Das Autorenteam Lars Kepler hat einen höchst spannenden Thriller verfasst, dessen Plot geschickt aufgebaut ist und dessen Charaktere nicht enttäuschen. Auffällig war allerdings eine Steigerung der Brutalität der Handlung. Dies hat mich erstmalig wirklich gestört, da ich es auch nicht als essentiell für den Fortgang der Geschichte empfunden habe. Einerseits wird viel Zeit darauf verwendet, Traumata und psychische Befindlichkeiten darzustellen, andererseits lässt es die Beteiligten scheinbar kalt, dass ein Kollege bei einem Einsatz brutal getötet wird, alle machen weiter, als wäre nichts gewesen. Insgesamt wirken manche Aspekte und Szenen übertrieben und dadurch surreal bis unrealistisch. Kann man darüber hinwegsehen, so ist Der Spiegelmann durchaus empfehlenswert. 

Lars Kepler, Der Spiegelmann. Lübbe, Köln 2020.

Thursday, July 21, 2022

T.C. Boyle - Dr. Sex

Als Alfred Kinseys Reports über Sexual Behaviour 1948 (Männer) und 1953 (Frauen) erschienen, war die Entrüstung groß. Niemand hatte zuvor Studien über das menschliche Sexualleben veröffentlicht und so schlugen die Publikationen des US-amerikanischen Biologen große Wellen. Für seine Ergebnisse hatte er erstmals konkrete Befragungen von Männnern und Frauen mit einem umfangreichen Fragenkatalog erhoben, der u.a. auch homosexuelle Erfahrungen einbezog – allein dies sorgte schon für große Entrüstung.

2004 veröffentlichte T.C. Boyle seine literarische Darstellung der Recherche-Phase Kinseys unter dem Titel Dr. Sex (Original: The Inner Circle). Erzählt wird aus der Perspektive eines fiktiven Mitarbeiters, John Milk, der zunächst noch als Student Interesse für Kinseys Forschungsgebiet enntwickelt. Er gehört dann später zum inneren Kreis derjenigen, die Daten erheben und auswerten. Pararallel dazu wird aber auch deutlich, dass Kinsey selbst durch seine hohen Ansprüche und seine ausgelebte eigene sexuelle Freiheit keine einfache Persönlichkeit war. Hier greift Boyle Gerüchte über   homosexuelle Beziehungen oder auch Gruppensex mit den verheirateten Partner innerhalb der Kinsey-Gruppe auf, die offiziell nie bestätigt werden konnten. Die Ehefrau John Milks ist es schließlich, wegen der es in einer Szene des Romans schließlich zu einem Bruch mit diesen Praktiken kommt und Milk seine eigene Positiion überdenken muss. Zentrale Frage ist nicht die nach der Normalität oder Moral verschiedener sexueller Handlungen, sondern eher die nach einer Trennung von wissenschaftlicher Arbeit und emotionaler Involviertheit. Vermissen lässt Boyle in seinem Roman eventuell eine Beleuchtung der Arbeitsweise und auch der Ergebnisse Kinseys. Auch die Frage nach der Bedeutung seiner Arbeit wird nicht beantwortet. Zwar wird Kinseys plötzlicher Erfolg nach seinen Veröffentlichungen kurz dargestellt, aber die gesellschaftlichen, politischen (z.B. für Homosexuelle) und wirtschaftlichen (in Hinsicht auf weitere Forschung) Folgen bleiben unerwähnt. So bleibt Dr. Sex eher eine sehr persönliche Beleuchtung eines fiktiven Kinseys – da wäre vielleicht mehr möglich gewesen…

Die Lesung von Jan-Josef Liefers hat mir gut gefallen, er setzt die durch den Erzähler John Milk von sich selbst geforderte Ehrlichkeit auch stimmlich gut um.

 

T.C. Boyle, Dr. Sex. Hörverlag 2005.