Saturday, May 21, 2022

Jules Verne - 20000 Leagues under the Sea

 Jules Vernes 20000 Meilen unter dem Meer ist ein Klassiker der Abenteuerliteratur. Die Figur des Captain Nemo und seiner Nautilus wurde tausendfach in Film, Fernsehen und anderen Medien umgesetzt.
Die Geschichte ist schnell zusammengefasst: Im Jahr 1866 tauchen Berichte über ein mysteriöses "Unterwasserwesen" auf, es gab diverse Sichtungen, aber auch Zusammenstöße. Eine amerikanische Expedition macht sich auf die Jagd. Als sie schließlich auf das Wesen treffen, stellt es sich als metallenes Unterwassergefährt heraus, dass aus der Konfrontation siegreich hervorgeht. Das verfolgende Schiff sinkt, drei Überlebende - unter ihnen der Erzähler Professor Aronnax - werden von der Nautilus aufgenommen und lernen Captain Nemo kennen. Sie reisen für mehrere Monate auf der Nautilus mit und erleben die unwahrscheinlichsten Abenteuer unter Wasser, bis ihnen schließlich die Flucht gelingt.
Auch wenn die Wissenschaft inzwischen einiges besser weiß als Jules Verne zu seiner Zeit, ist die Informationsdichte in diesem Roman doch verblüffend. An vielen Stellen referiert Nemo Zusammenhänge, Tiere werden klassifiziert und detailliert beschrieben, Mythologie erläutert... Bringt man ein entsprechendes Interesse für diese Dinge mit, so ist dies sicher ein Bonus, andernfalls hat die Story dadurch natürlich auch Längen. Der mysteriöse Nemo ist ein spannender Charakter, doch bleibt es bei den Andeutungen und Vermutungen, die Aronnax anstellt, eine Auflösung oder Erklärung fehlt, sieht man von den Seitenhieben auf den Kolonialismus ab.
Mir hat der Klassiker durchaus gefallen, aber nicht begeistert. 

Jules Verne, 20000 Leagues under the Sea. Sterling, New York 2006.

Sunday, May 08, 2022

Martha Wells - Tagebuch eines Killerbots

Mit dem Titel Tagebuch eines Killerbots und der Seitenzahl (573) hätte ich wahrscheinlich sonst nie zu Martha Wells' Buch gegriffen - wieder einmal suchte ich aber etwas für die Popsugar Reading Challenge 2022. Es sollte ein Buch sein, dass den Hugo Award gewonnen hat - so landete der Killerbot auf der Liste.

Obwohl ich Science Fiction mag, lag der Roman auch thematisch leicht außerhalb der Komfortzone mit all dem Techzeug, aber ich wurde positiv überrascht. Protagonist der Serie (denn in diesem Band werden die ersten vier Novellen/Kurzromane zusammengefasst) ist der "Killerbot", der sich sarkastisch selbst so nennt. Eigentlich ist er ein Hybrid, als Roboter konzipiert, aber mit menschlichen Komponenten ausgestattet. Gesteuert wird er computerbasiert durch verschiedene Routinen, die ihm ermöglichen als SecUnit für die Sicherheit von menschlichen Klienten zu sorgen, Panzer und integrierte Waffen tun das übrige. Doch diese SecUnit hat ihr firmenbasiertes Überwachungsmodul gehackt und sich damit von bestimmten Aspekten ihrer Programmierung abgekoppelt. Sie versieht weiterhin ihren Job, hat aber gleichzeitig mentale Freiheiten (zum Beispiel das exzessive Anschauen von Unterhaltungsserien). Natürlich birgt die fehlende Steuerung bzw. die langsam zunehmenden Empfindungen, die mit ihrer Freiheit einhergehen, neue Herausforderungen bei der Interaktion mit den menschlichen Klienten. Im Grunde ist diese SciFi-Geschichte also ein hochtechnisierte Coming-of-Age-Geschichte mit einem sehr zynischen, selbstkritischen Protagonisten.
Dazu kommt ein sich durch die vier Bände ziehender Plot von fiesen Großfirmen, die für ihren Profit vor nichts zurückschrecken. Hätte die SecUnit nicht ihren Job extrem gut erledigt, wäre die Gruppe der alternativen, selbstbestimmt lebenden Menschen um Dr. Mensah schon im ersten Band bei ihrer Forschungsmission von ihnen getötet worden. Dr. Mensah kauft deswegen die SecUnit von ihrer Betreiberfirma frei - woraufhin diese erst einmal untertaucht, weil sie nicht weiß, was sie mit ihrem plötzlich gewonnenen Leben anfangen soll. An manchen Stellen geht es zwar etwas zäher voran, viele Seiten, auf denen es darum geht verschiedene Sicherheitsvorkehrungen auszuschalten, aber es gibt auch actionreiche Szenen, die sehr anschaulich geschildert werden und gleichzeitig durch die ironischen Kommentare der kämpfenden SecUnit recht witzig sind. 

Alles in allem bin ich sehr angetan von Tagebuch eines Killerbots und kann es jedem, der Science Fiction nicht komplett von seinem Lesemenü gestrichen hat, empfehlen.

Martha Wells, Tagebuch eines Killerbots. Heyne, München 2019.

Saturday, May 07, 2022

Johannes Mario Simmel - Ein Autobus groß wie die Welt

Johannes Mario Simmel ist ein inzwischen oftmals belächelter Autor, der bei einer bestimmten Generation beliebt und - oft in Buchclub-Ausgaben - Schrankwandregale füllte. Ich kann dazu eigentlich nichts sagen, weil ich nichts von ihm gelesen habe. Bis auf eine Geschichte, die ich als Kind als Hörspiel so oft gehört habe, dass die Wiederbegegnung viel Freude gemacht hat. 

Ein Autobus groß wie die Welt (1951) erzählt die Geschichte einer Kinderverschickung (heute würde man Freizeit sagen...), bei der eine Gruppe von 19 Kindern mit einer Erzieherin und dem Busfahrer aufbrechen, um die Kinder in den Winterurlaub zu bringen. Erstes Highlight - sie nehmen wirklich ein Schaf mit in den Bus! Das hat ein Mädchen als Lamm geschenkt gekriegt und nun soll es vielleicht doch besser nicht mehr im Kinderzimmer wohnen...! Dann dramatische Szenen, als eine Lawine in der Nähe des Busses niedergeht und der Bus festsitzt. Noch viel dramatischer: Eines der Kinder hat Diphtherie und muss zu Fuß ins Krankenhaus gebracht werden, was schließlich dazu führt, dass die Kinder allein im Bus zurückbleiben... 

Die kurze Geschichte hat leicht stereotype Charaktere, was vielleicht nicht anders zu erwarten ist: Der Schlaumeier mit den guten Ideen, der Unruhestifter, der egoistische Dicke usw.  Ungewöhnlich ist, dass die Erwachsenen die Kinder in den Entscheidungsprozess mit einbeziehen und sogar abstimmen lassen. Die Kinder verinnerlichen dies und treffen gemeinsam sinnvolle Entscheidungen. Das ist vielleicht Lernen mit dem Holzhammer, aber dennoch ist es alles in allem eine anrührende und vor allem spannende Geschichte. Mir hat sie als Kind gut gefallen und sie gefällt mir auch heute noch. 


Martin Walker - Grand Prix

In Martin Walkers Serie um Bruno, Chef de Police, geht es selten hauptsächlich um den Kriminalfall, es sind eigentlich idyllische Romangemälde über eine fiktive französische Kleinstadt mit liebenswerten Charakteren und Berichten von gutem Essen und Wein. Es sind Wohlfühlbücher und ich glaube, das macht auch den Erfolg der Serie aus. Auch ich lese/höre sie schließlich deswegen. Leider scheint es auch dafür Grenzen zu geben, denn Grand Prix war für mich ein echter Tiefpunkt der Reihe. 

Es geht um Autos - zunächst muss Bruno als Beifahrer bei einer Oldtimer-Rallye einspringen. Die Schilderung der Straßenbeläge und Kurvenlage war schon mäßig spannend für mich. Persönliches Desinteresse, zugegeben. Dann kommt nach und nach heraus, dass sich der ganze Fall (inklusive zweier Morde) um die Suche nach einem verschwundenen Oldtimer (einem Bugatti 57) dreht. Für mich trotz des Wertes des Fahrzeugs ein eher sehr schwaches Mordmotiv. Nebenbei geht es auch mal wieder um ein bis zwei Jugendliche, die Bruno kraft seiner Person persönlich rettet und die sonst natürlich Berufskriminelle geworden wären. Achja, und die übliche Frauengeschichte - eigentlich heult er Isabelle hinterher, die auch einen plot-technisch völlig unverständlichen Auftritt hat, aber verliebt sich selbstverständlich neu und selbstverständlich auch wieder in eine Frau, die St. Denis und ihn tags drauf wieder verlässt. Am Plot kann ich nicht viel Überzeugendes, nur viel Sentimental-Auto-Schwärmerisches finden, die Auflösung hat mich wenig interessiert. 

Natürlich werde ich dennoch nach St. Denis zu Bruno zurückkehren, aber dieser Band war kein Treffer.

Martin Walker, Grand Prix. Diogenes 2017. 

 zur Liste aller Bände

Friday, April 29, 2022

Terry Pratchett - Alles Sense

 Dieser Pratchett ist unbedingt großartig!

Alles Sense ist der zweite Scheibenweltroman mit Tod in der Hauptrolle. Der hat den Mächten des Universums zuviel Persönlichkeit entwickelt und soll ersetzt werden. Tod sucht sich daraufhin einen Job auf einer Farm, wobei ihm seine Erfahrung im Umgang mit der Sense sehr nützlich ist. Blöderweise ist der Posten des Todes nicht so schnell neu zu besetzen, so dass es zu Komplikationen bei den Sterbenden kommt und sie nicht ordnungsgemäß weitergeleitet werden, sondern sich in der hiesigen Welt als Zwischenwesen anstauen. Davon ist auch der Zauberer Windle Poons betroffen, der daraufhin durch Ankh-Morpork wandelt, um der Sache auf den Grund zu gehen. Denn zusätzlich zu einer Menge zusätzlicher Untoter wird die Stadt auch noch von einer Art Parasiten heimgesucht, die sich in Souvenir-Schneekugeln, Einkaufswagen und schließlich in Kaufhäusern manifestiert!

Was für eine absolut fantastische Show! Der Plot ist so abstrus und genial zugleich, Tod und der schrullige Windle Poons sind wunderbare Protagonisten und - wie immer bei Pratchett - ist alles im Grunde ein Kommentar auf unser eigenes, bescheidenes Dasein. 

Terry Pratchett, Alles Sense. Schall und Wahn 2007.

Thursday, April 28, 2022

Paul Auster - Mond über Manhattan

Paul Austers Mond über Manhattan (original Moon Palace) erschien 1989. Es erzählt die Geschichte von Marco Stanley Fogg auf der Suche nach seiner Identität in sieben langen Kapiteln.

Foggs Mutter stirbt früh und da sein Vater ihm unbekannt ist, lebt er bei seinem Onkel Victor. Nach dessen Tod bringt er das Collegestudium nur knapp zuende, er gerät in finanzielle Schwierigkeiten und unternimmt nichts dagegen. Anstatt sich Arbeit zu suchen, hungert er und wird schließlich sogar obdachlos. Ein Freund und seine zukünftige Freundin retten in schließlich nach einer Phase des Dahinvegetierens im Central Park.
Er findet Arbeit als Vorleser bei einem alten Mann namens Thomas Effing, der blind und auf den Rollstuhl angewesen ist. Effing erzählt ihm seine Lebensgeschichte, die zum Teil im "Wilden Westen" der USA spielt.
Nach Effings Tod lebt er mit für eine Weile mit Kitty zusammen und lernt im Zuge der Nachlassverwaltung Effings Sohn kennen. Erst nachdem er sich mit diesem angefreundet hat, enthüllt dieser ihm, dass Fogg sein Sohn ist und damit Effing sein Großvater war. Doch kurz nach dieser Mitteilung verstirbt er, was Fogg in tiefe Verzweiflung und zu einer Odyssee durch den Westen der USA treibt.

Fogg ist in weiten Teilen des Romans ein bedauernswerter Charakter, der sich von seinen Gedanken treiben oft ziellos treiben lässt. Seine Unsicherheit und Unkenntnis über seine Herkunft und die Ungewissheit, was er mit seinem Leben anfangen möchte, führen zu Passivität und Unglück. Auch am Ende bleibt unklar, worin denn der Neubeginn seines Lebens bestehen soll.
Aktuelle und historische Geschehnisse und die Bedeutung von Literatur und Malerei begleiten Austers Erzählung und wie auch in anderen seiner Werke spielt er intensiv mit den Identitäten und ihren Wechselwirkungen. So wird die Geschichte Effings, der in der Mitte seine Lebens eine neue Identität annimmt und von seiner Familie für tot gehalten wird, später auch zu Foggs Geschichte, als dieser erfährt, wer sein Vater ist.
Mond über Manhattan
ist voller Querverweise und Symbole, wirkt aber stellenweise auch deswegen langatmig und einige der erzählerischen Schleifen über die Hintergründe von weiteren Charakteren scheinen wenig zur eigentlichen Geschichte beizutragen. Dennoch habe ich es nach einigen Anfangsschwierigkeiten gern gelesen, denn wenn man sich auf Paul Austers Stil und Gedankenwelt einlässt, ist ein Roman von ihm eine interessante Reise. 

Paul Auster, Mond über Manhattan. Rowohlt, Reinbek 2014.

Wednesday, April 27, 2022

Eva Kalien - Mixed Media - Malen, Zeichnen und Gestalten

Eva Kalien ist freischaffende Künstlerin (und Musikerin). Von ihren Werken kann man sich auf ihrer Website 

www.evakalien.com

und auf ihrem Instagram-Account

instagram.com/evakalien

einen Eindruck verschaffen.

Ihr Buch Mixed Media ist sehr ansprechend gestaltet - natürlich mit zahlreichen Bildbeispielen, aber auch mit vielen handgeletterten Überschriften, eingestreuten Gedichten und Zitaten.

Nach einigen einleitenden Seiten zu Materialien, bei denen auch ungewöhnliche Materialen und Untergründe thematisiert werden, folgen auf ca. 90 Seiten einige Projekte Step bei Step, die nicht zu kleinschrittig vorgehen, sondern dem Leser die Möglichkeit geben, der Künstlerin über die Schulter zu schauen und ihre Arbeitsweise nachzuvollziehen. Für einen kompletten Anfänger im Mixed Media Bereich könnte dies vielleicht manchmal nicht konkret genug sein, da sich Sprünge und Lücken ergeben. Mit etwas Hintergrunderfahrung ergeben sich aber viele Inspirationen und hilfreiche technische Tipps, die sehr lohnend sind.

Mir gefällt dieses Mixed Media ausgesprochen gut und habe es bereits öfter zur Hand genommen als viele andere künstlerische Anleitungsbücher dieser Art. 

Eva Kalien, Mixed Media - Malen, Zeichnen und Gestalten. EMF, Igling 2021.

Sunday, April 24, 2022

Victor Hugo - Der Glöckner von Notre Dame (Hörspiel)

Der Glöckner von Notre Dame von Victor Hugo ist einer der Klassiker der französischen Literatur und ist recht umfangreich - weswegen ich mich mit einer stark gekürzten Hörspielfassung zufrieden gebe, um einen Eindruck zu gewinnen. Das Hörspiel lässt selbstverständlich viele der Nebenhandlungen und detaillierteren Schilderungen aus, dafür treten die Charaktere durch die akustisch-schauspielerische Darstellung deutlich in den Vordergrund. Ich habe das Gefühl, Esmeralda, Quasimodo, Gringoire und Frollo begegnet zu sein. Das Hörspiel bedient sich eines sachlichen Erzählers für die Überleitungen zwischen den einzelnen Szenen, arbeitet viel mit Raumklängen und ist insgesamt sehr atmosphärisch. Empfehlenswert, um diesem Klassiker ein bisschen näher zu kommen. 

Victor Hugo, Der Glöckner von Notre Dame. Hörverlag 2000.

Saturday, April 23, 2022

Alan Bradley - Tote Vögel singen nicht

Mit dem Knalleffekt "Harriet kommt heim" hatte Alan Bradley den fünften Band um Flavia de Luce enden lassen - nahtlos finden wir uns nun am Dorfbahnhof ein, wo mit viel staatlichem Prunk der Sarg von Flavias Mutter eintrifft. Die Familie de Luce befindet sich in tiefer Trauer nach der jahrelangen Ungewissheit, was Harriet zugestoßen sein könnte. Flavia wäre aber nicht Flavia, wenn sie nicht den verbleibenden Geheimnissen um jeden Preis nachgehen müsste und dabei nach und nach tatsächlich der Geschichte ihrer Mutter, aber auch der Geschichte der Familie de Luce entschlüsselt. 

Tote Vögel singen nicht stellt die vertrauten Charaktere von Buckshaw in einer emotionalen Extremsituation dar. Selbst Flavia, sonst eine Meisterin der Selbstverleugnung, weiß um ihre eigene Verletzlichkeit und nimmt sie auch in ihren Mitmenschen wahr und agiert in ihrer Trauer vorsichtiger und beherrschter als sonst. Der Band liest sich flüssig, auf unnötige Längen wird verzichtet, aber der Plot weist einige Sprünge auf. Einige der Erkenntnisse fallen Flavia diesmal in den Schoß, ihre Ermittlungspläne, wie immer teils sehr obskur und chemischer Natur, werden verhindert durch die eintretenden Ereignisse. Ihr selbst und auch dem Leser wird immer klarer - die Zusammenhänge sind ernster und schwerwiegender als bisher angenommen, die kindliche Sorglosigkeit, mit der sie sich bisher durch ihre Fälle monövriert hat, wird hier nicht funktionieren. Passend dazu wird am Ende des Romans klar, dass Flavias Leben eine neue Wendung nehmen wird.

Mich haben die Brüche in der Handlung nicht allzu sehr gestört, die Spannung auf die Enthüllung der Familiengeheimnisse und das Interesse an den Charakteren haben mich bei Laune gehalten. Am Ende bleiben natürlich weiter Fragen, aber es gibt noch die nächsten Bände... 

Alan Bradley, Tote Vögel singen nicht. Penhaligon, München 2014.

Friday, April 22, 2022

Volker Kutscher - Lunapark

In Volker Kutschers sechstem Roman um Gereon Rath - Lunapark - ermittelt der Kommissar im Jahr 1934. Die Nationalsozialisten sind an der Macht und die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen unübersehbar. Da muss es wahrscheinlich auch ein politischer Mord zu sein, als unter einer nicht fertig geschriebenen kommunistischen Parole ein erschlagener SA-Mann gefunden wird. So wird auch die Geheime Staatspolizei, für die inzwischen Raths ehemaliger Assistent Gräf arbeitet, eingeschaltet. Dass diese Zusammenarbeit Probleme mit sich bringt, liegt auf der Hand - besonders als ein zweiter Mord, wieder an einem SA-Mann, geschieht. Doch Rath findet schnell heraus, dass diese SA-Männer eine Vergangenheit als Kriminelle in einem alten Ringverein haben, doch Gräf will seine Theorie einer kommunistischen Gruppe als Täter nicht aufgeben. Und sobald es um die Ringvereine geht, führt auch kein Weg an Johann Marlowe vorbei, mit dem Rath schon öfter zusammengestoßen ist. Und als wäre das auf der beruflichen Ebene nicht schon genug politisches Durcheinander, hängt auch noch der Haussegen schief: Raths Frau Charly ist ganz und gar nicht damit einverstanden, dass der Pflegesohn Fritz in die Hitlerjugend eintritt, dieser will das aber unbedingt. Charly geht auch wieder arbeiten - ausgerechnet in einer Rechtsanwaltskanzlei, die von der SA ausgehoben wird. 

Kutscher arbeitet beeindruckend heraus, wie der zunehmende Einfluss der Nazis Einfluss auf alle Lebensbereiche hat und vor dem Privaten nicht Halt macht. Rath, der eigentlich neutral bleiben und den Nazis keine dauerhafte Regierungsmacht zugestehen will, sieht sich mehr und mehr gezwungen, Stellung zu beziehen. Er will eigentlich nur einen Mörder dingfest machen, sieht sich aber in einem Netz von Korruption, ehemaligen Verbrec
hern und politischen Emporkömmlingen gefangen, in dem er noch weniger als sonst frei agieren kann. Charlys klarer Einstellung gegen die Nazis hat er nichts entgegenzusetzen, möchte den Ziehsohn gleichzeitig aber nicht als Außenseiter sehen und befürwortet dessen Mitgliedschaft in der Hitlerjugend, wenngleich er sich schlussendlich vor dessen Gesinnungswandel doch erschrickt. Die Macht der Indoktrination zeigt ihre schlimmste Fratze und man empfindet fast schmerzhaft Raths Ratlosigkeit, wie er sich überhaupt noch richtig verhalten kann. Zwar tragen ihn noch seine kriminalistischen Instinkte durch diesen Fall, aber es bleibt offen, wie lange dies noch gutgehen kann. Es scheint, als stünde eine wesentliche Entscheidung an - in seiner Familie und auch im Beruf. 

Volker Kutscher, Lunapark. Argon 2016.

Wednesday, April 20, 2022

Marco Sonnleitner - Die drei Fragezeichen - Nacht der Tiger

Die Popsugar Reading Challenge sagte: Ein Buch über Tiger oder mit Tiger auf dem Cover - dies hier war die einfache Lösung. Band 158 der drei Fragezeichen. 

Obwohl ich die Hörspiele als echter Fan alle mehrfach gehört habe, konnte ich mich an diesen Fall zunächst nicht erinnern. Es ist eine etwas umständliche und auch abwegige Geschichte: Jemand bricht nachts in die Zentrale der drei Fragezeichen ein, aber es scheint nichts gestohlen worden zu sein. Dann entdecken sie ein Programm, mit dem jemand Rätseltexte auf ihrem PC hinterlässt und ihnen damit anonym den Auftrag erteilt Ermittlungen in einer Autodiebstahlserie anzustellen. Es stellt sich heraus, dass die Diebe in den Reihen der Polizei zu suchen sind und sogar ihr Inspektor Cotta beteiligt sein könnte. Mit Hilfe von Morton und dem Rolls Royce stellen sie den Dieben eine gefährliche Falle...
Für die humoristischen Einlagen sorgt Bob mit der neu erlernten Fähigkeit des Bauchredens.
Mir hat der Band wenig Spaß gemacht, ich fand die Idee mit den kriminellen Polizisten inhaltlich nicht gut, handlungstechnisch ging es viel um die Planung und Durchführung von Observationen. Ganz unterhaltsam war Mortons Auftritt, der im Buch in seiner ganzen steifen, überkorrekten Art gut dargestellt wird und dabei gleichzeitig sympathisch und freundschaftlich verbunden für die drei Detektive eintritt. Achso, Nacht der Tiger heißt der Band deswegen, weil die Autodiebe Tigermasken tragen, um nicht erkannt zu werden. Definitiv keiner der besseren Fälle und ich erinnere mich nun wieder, dass ich auch die Hörspielversion nur mäßig fand.

Marco Sonnleitner, Die drei Fragezeichen - Nacht der Tiger. Kosmos, Stuttgart 2011.