Sunday, February 22, 2026

Paul Harding - Sein Garten Eden

Paul Harding ist 2010 für seinen Roman Tinkers mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet worden, was der Verlag Luchterhand auch gleich auf dem Cover von seinem neuen Roman Sein Garten Eden hervorhebt. Dieser war shortlistet für den Booker Preis, hat diesen aber nicht gewonnen. Sein Garten Eden basiert auf einer realen Geschichte: Auf Malaga Island vor der Küste Maines lebte bis 1912 eine Gruppe von Menschen, die "gemischtrassig" waren und auf ihrer Insel so fernab der Gesellschaft lebten, dass sie dies auch zunächst ungestört tun konnten. In Hardings Roman liegen die Ursprünge der Bewohner bei einem Paar namens Benjamin Honey, ein ehemaliger Sklave, und seiner irischen Frau Patience. Honey brachte auch Samen für Apfelbäume mit auf die Insel, weswegen die Insel fiktiv Apple Island genannt wird. Die Lebensverhältnisse sind ärmlich, die Hautfarben der Bewohner bunt und ihre Charaktere besonders. Als der pensionierte Lehrer Matthew Diamond auftaucht und beginnt, die Kinder der ansässigen Familien zu unterrichten und Hilfsgüter einzuwerben, werden die Obrigkeiten auf Apple Island aufmerksam und die Bewohner werden deportiert und zum Teil für geisteskrank erklärt. In einem weiteren Teil des Romans wird die Figur des Ethan Honey herausgestellt, dessen künstlerisches Talent und helle Hautfarbe ihm eigentlich einen Ausweg in ein anderes und besseres Leben bieten sollte. Doch als er sich in ein irisch-stämmiges Hausmädchen verliebt, wird seine Abstammung aufgedeckt und er muss fliehen. 
Es ist ein interessantes, aber auch grausames Stück Geschichte, dass sich Harding für seinen Roman ausgewählt hat. Das Setting und die Charaktere sind außergewöhnlich. Die Sprache ist sehr ausschmückend, lyrisch, aber ich habe sie nicht immer als passend empfunden. Die Figuren sind in ihrer ärmlichen Lebenssituation auf der Insel gefangen und sind dadurch zugleich frei von den Anfeindungen, die sie auf dem Festland wohl zu erwarten hätten. Mir als Leserin bleiben sie durchgehend fremd(artig), tragen schwere Belastungen mit sich, kämpfen sich nicht frei, können dies vielleicht auch nicht. Es findet kaum Reflexion über ihre eigene Situation statt, sie ertragen viel und leben nur wenig. Erzählerisch nimmt der Autor ihr Schicksal schon zu Beginn des Romans vorweg und fügt dem auch nichts hinzu, man erfährt nicht, was aus ihnen im Detail geworden ist. Sein Garten Eden ist als Titel fast höhnisch. Ich bleibe sehr unzufrieden zurück. 

Paul Harding, Sein Garten Eden. Luchterhand 2024. 

 

Peter Brown - Das Wunder der wilden Insel

Peter Brown erzählt in Das Wunder der wilden Insel die anrührende Geschichte des Robotermädchens Roz. In ihrer Transportkiste strandet sie auf einer einsamen Insel, einige neugierige Otter aktivieren sie versehentlich und so gelangt sie erstmals zu Bewusstsein. Zwar ist ihre Programmierung eigentlich nicht darauf ausgelegt, im Wald, schlechtes Wetter und wilde Tiere zu überleben, aber Roz hat einen Selbsterhaltungstrieb und so passt sie sich an. Sie wartet ab, sie beobachtet, sie erlernt die Sprachen der Tiere, die ihr zunächst feindlich gesonnen sind. Der Durchbruch gelingt ihr, als sie sich eines Gänsekükens annimmt, zu dessen Mutter sie wird. Das bricht das Eis und ihre Freundlichkeit und Hilfbereitschaft schaffen tiefe Freundschaft zwischen ihr und den Tieren der Insel, die ihr schließlich auch in großer Gefahr beistehen. 

Peter Brown weckt tiefes Mitgefühl für diesen selbstlosen, freundlichen Roboter und man ist schnell Teil der mit bunten Tiercharakteren bevölkerten Insel, die allesamt menschlicher sind, als die Gesellschaft, in der wir leben. Die Botschaft könnte klarer nicht sein. 
Mit Stefan Kaminskis Lesung bekommt Das Wunder der wilden Insel definitiv auch noch eine große Aufwertung, denn seine Interpretation der Stimmen von Roz und den Tieren macht viel Spaß.

Peter Brown, Das Wunder der wilden Insel. DAV 2017. 

Friday, February 20, 2026

Katja Brandis - Carags Verwandlung

Katja Brandis Erfolgsserie "Woodwalkers" startet mit der Geschichte von Carag und seiner ersten Zeit auf der Clearwater High, einer Schule für Gestaltwandler. 
Carag ist kein normaler Junge, sondern auch ein Puma, der mit seiner tierischen Familie in den Rocky Mountains aufwächst. Doch die Welt der Menschen fasziniert ihn und so verlässt er seine Familie eines Tages. Er zweifelt schon an seiner Entscheidung - bei seiner Pflegefamilie und auf der Menschenschule läuft es nicht sehr gut - als er an die Clearwater High wechselt. Dort findet er erstmals Freunde, Freunde, die Gestaltwandler sind wie er. Doch er muss sich bald neuen Herausforderungen und Gefahren stellen, um sich in seinem neuen Leben zurechtzufinden...

Mir hat dieser erste Band gut gefallen, eine gute Mischung aus fantastischen Elementen und klassischen Jugendthemen. Die Idee der Gestaltwandler überzeugt, auch wenn der Plot wenig komplex ist. Hier ist schon deutlich, dass die Geschichte als Serie angelegt ist, der Faden soll weitergesponnen werden. 

Katja Brandis, Carags Verwandlung. Arena Audio 2018. 

Monday, February 16, 2026

Stephen King - Mind Control

Mind Control ist der deutsche Titel des dritten und letzten Stephen King Romans mit Bill Hodges. In Band 1 Mr. Mercedes rast Brady Hartsfield mit dem genannten Fahrzeug in eine Menschenmenge. Der Fall wird erst verspätet gelöst, als Brady den ehemaligen Detective Hodges herausfordert. Hartsfield landet mit Hirnschäden in einer Klinik für Neurotraumatologie. In Band 2 Finderlohn geht es maßgeblich um einen anderen Fall, aber Hodges kann es nur schlecht ertragen, dass Hartsfield noch lebt und nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Doch es wird schon angedeutet, was in Mind Control schließlich sein Finale findet: Hartsfield ist doch noch bei Verstand und hat telepathische und telekinetische Fähigkeiten. Hier verlässt King nun auch das bis dahin realistische Krimisetting und driftet ins Fantastische. Denn Hartsfield kontrolliert schließlich nicht nur die Gedanken von den ihn umgebenden Menschen, sondern findet auch Wege, seinem liebsten Hobby, dem Morden, nachzugehen...
Erstaunlicherweise nimmt man den Wechsel des Genres einfach hin, folgt dem Autor und den liebgewonnenen Charakteren auf der wilden Gedankenreise. Nicht alles ist plausibel, das meiste nur schwer vorstellbar, aber es funktioniert irgendwie doch, während man sich mit Hodges, Holly Gibney und Jerome auf die Jagd macht, um das Böse endgültig zu besiegen. Wie das alles für Hodges enden wird, weiß man schon recht früh im Roman, aber das bleibt erträglich, wenn man weiß, dass King Holly Gibney als Protagonistin weiterer Bücher am Leben lässt. 

Stephen King, Mind Control. Random House Audio 2016.

Saturday, February 14, 2026

Amal El-Mohtar und Max Gladstone - Verlorene der Zeiten

Amal El-Mohtar und Max Gladstone haben zusammen ein außergewöhnliches Buch geschrieben: Verlorene der Zeiten hat zahlreiche Awards im Bereich Fantasy/Science Fiction gewonnen. Die Autor:innen haben jeweils die Perspektive einer der beiden Protagonistinnen, genannt Blue und Red, verfasst, die sich Briefe schreiben. Neu und ungewöhnlich wird dies dadurch, dass beide Zeitreisende sind und hochtechnologisiert in verschiedenen Epochen ihre Nachrichten hinterlassen. Dabei führen ihre Regimes gegeneinander Krieg. Zeitstränge sollen verändert, Dinge beeinflusst werden. Dabei wählen  beide Autor:innen sehr individuelle, stilistisch anspruchsvolle Sprachstile, die durch sprachliche Bilder einerseits beeindrucken, andererseits aber einen Handlungsfaden noch weniger erkennen lassen als durch das Setting sowieso schon. Nachrichten werden in den Wachstumsringen uralter Bäume oder im Leib einer Robbe versteckt, Hinweise gegeben, in welchem Jahrtausend man vielleicht die nächste Nachricht finden könnte. Ansatzweise werden die Unterdrückungsmechaniken ihrer Gesellschaftsformen thematisiert, nebenbei schreiben sie über ihre Lieblingsfiguren der Geschichte und über Bücher. 

So bin ich zu etwa einem Drittel durch das Buch geschlittert. Verwirrt, verblüfft und etwas verloren. Ich bin mir sicher, das in dieser absolut ungewöhnlichen Erzählweise Schönheit steckt. Die Handlung, sofern denn vorgesehen (!?), bleibt mir bisher verborgen. Es soll sich aus diesem Briefwechsel eine ungewöhnliche Liebesgeschichte ergeben. Das will ich gern glauben. Derweil reicht es mir, das Buch kennengelernt, wenn auch nicht zuende erfahren zu haben.  

Das Audiobook wird von Vera Teltz und Yesin Meisheit hervorragend gelesen. 

Amal El-Mohtar und Max Gladstone, Verlorene der Zeiten. Osterwold 2022.

Monday, February 09, 2026

T.J. Klune - Jenseits des Ozeans

T.J. Klune legt mit Jenseits des Ozeans die Fortsetzung seines erfolgreichen Bands Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte vor. Die Geschichte knüpft nahtlos daran an: Die Kinder sind auf der Insel mit ihren besonderen Fähigkeiten unter der Fürsorge ihrer zweier Väter gut aufgehoben. Jedoch ist der Status und die Zukunft der Kinder unsicher, da der Staat ihnen nicht die gleichen Rechte einräumt wie normalen Menschen, sie im Gegenteil eher als Gefahr für die Gesellschaft sieht. Nach einer Aussage vor einem Gremium, wo Arthur Parnassus von seinen eigenen Erfahrungen in einem magische Wesen diskriminierenden und misshandelnden System schildert, das sich aber eher zu einer Art Gerichtsverhandlung entwickelt, droht dem ungewöhnlichen "Waisenheim" wieder der Besuch einer Kontrolleur:in durch die Behörde. Natürlich verfolgt diese ganz andere Ziele als nur zu schauen, ob es den Kinder gut geht, vielmehr ist es eine Art Verschwörung, um die Kinder von der Insel fortzuschaffen. 

Ähnlich wie beim ersten Band gibt es sehr unterhaltsame Passagen, die geprägt sind von den interessanten Eigenschaften und Talenten der Kinder und ihren witzigen Dialogen, während Arthur und Linus wohlwollend und tolerant auf sie schauen. Die Bedrohung durch die Behörde bleibt abstrakt, da unklar ist, was diese eigentlich mit den Kindern anfangen will, sollte es ihr gelingen, sie von der Insel fortzuschaffen. Die Maßnahmen scheinen schlichtweg überzogen und ein wenig zu böse, da die Beweggründe und die Historie fehlen. Die Botschaft von Toleranz, Akzeptanz und Freundschaft hingegen wird überdeutlich gezeichnet (wieder ein bisschen süßlich stellenweise) und es ist ergreifend, wie die Haltung der Inselbewohner auch immer mehr den auf dem Festland gelegenen Ort Fuß fasst und so eine Oase für magische und nicht-magische Menschen entsteht. Um es mit dem Emily Dickinson Zitat zu sagen, das Arthur diverse Male im Roman anbringt:

"Hope is the thing with feathers..."

T.J. Klune, Jenseits des Ozeans. Random House Audio 2024.
 

Percival Everett - James

James von Percival Everett ist eine komplexe, auf den Kopf gestellte Nacherzählung von Mark Twains Huckleberry Finn. Auch wenn es nah an der Handlung seines Vorlagenromans bleibt, so ist es literarisch und erzählerisch eine völlig andere Geschichte. Der Sklave Jim erlebt mit dem jungen Huck Abenteuer auf dem Mississippi, ja, James hingegen zeigt uns eine (leider fiktive) Parallelwelt, in der Sklaven es geschafft haben, das Lesen zu erlernen, Bildung zu erlangen und sich selbst philosophisch mit den Grundlagen ihrer miesen Existenz und Ausbeutung auseinanderzusetzen. Äußerst anschaulich hat der Autor hierfür die Sprache als Indikator gewählt. Ich ziehe den Hut vor der Leistung des Übersetzers Nikolaus Stingl. Denn Everett gibt seinen Schwarzen eine eigene Sprache, ein Südstaatenenglisch, mit anderer Grammatik und vor allem verschliffener Aussprache. Eine deutsche Variante davon zu erzeugen, kann nicht einfach gewesen sein, ist aber essentiell für die Wirkung des Romans. Denn sobald James in Gegenwart von Weißen ist, nutzt er diesen Sprachgestus, der ihn als dumm und ungebildet kennzeichnet und verbirgt seine differenzierte Bildungssprache. Everett spielt in vielen Szenen mit diesen sprachlichen Ebenen, dabei tritt auch James' Dilemma mit seiner eigenen Identität zu Tage. Wer ist er, wer kann er sein? Schwarz und weiß verschwimmen in zahlreichen Szenen: Die Blackface Minstrel Gruppe (Weiße, die sich als Schwarze schminken, um sich dann musikalisch über die Schwarzen lustig zu machen und sie zu karikieren), der äußerst weißhäutige Norman, der sich aber als Schwarzer fühlt, oder am Ende auch Huck, der seine Identität in Frage stellen muss. Dazwischen immer wieder Referenzen zum Abolitionismus, dem beginnenden Bürgerkrieg, der Underground Railroad, bei denen sich James nicht sicher ist, ob sie für ihn wirklich Freiheit bedeuten. Zudem stellen sich beständig Fragen nach Recht und Unrecht, Besitz, Diebstahl, Mord, Rache, Freiheit,... 
Natürlich enthält der Roman auch abenteuerliche Elemente und dramatische Szenen (wie zum Beipsiel die Explosion des Raddampfers) und zieht dadurch auch kontinuierlich die Parallele zu seiner literarischen Vorlage, die aber frei fortgeführt oder umgedeutet wird. 
Mir hat James insgesamt sehr gut gefallen, sowohl das Storytelling als auch die Vielschichtigkeit. Ich wünschte nur, ich hätte noch viel mehr der vielen Referenzen einordnen können, aber dazu bräuchte man wohl ein wenig Zeit für Hintergrundrecherchen. 

Percival Everett, James. Hanser 2024.

 

 

Monday, February 02, 2026

Louise Penny - Das verlassene Haus

In Das verlassene Haus lässt Louise Penny ihre schrulligen Three Pines Charaktere eben in dem besagten verlassenen Haus am Ortsrand (und Schauplatz eines früheren Falls) eine Seance abhalten - natürlich stirbt dabei jemand. Armand Gamache erscheint wieder im Ort und entdeckt viele, viele Motive und Geheimnisse der Dorfbewohner und Besucher. Gleichzeitig gibt es aber noch eine Verschwörung/massive Intrige gegen ihn selbst aufzudecken, so dass er in Wahrheit nicht nur im Dorf ermittelt, sondern auch noch alles verdeckt in eigener Sache beobachtet. Ehrlich gesagt habe ich bei dem Audiobook zwischendurch den Faden verloren, wohl auch, weil ich mir die Namen so schlecht merken konnte... Insgesamt war das ganze wieder einmal etwas langatmig, aber dieses bizarre Dorf hat irgendwas an sich, was einen zurückkehren lassen will. Für die nächste Zeit war es aber mal wieder genug. 

Louise Penny, Das verlassene Haus. DAV 2007. 

Saturday, January 31, 2026

Charlie Mackery - Always Remember

Charlie Mackery wrote and illustrated a second book. It is called Always Remember. The Boy, the Mole, the Fox, the Horse and the Storm. 

The characters are beautiful in every meaning of the word.

The story (if you want to call it that) is simple - you can live through the storm if you have friends, courage, self-love and hope. Always be kind to others and to yourself.

The illustrations, drawings, paintings are gorgeous.

I love everything about this book. 

Thank you, Charlie Mackery.  

"Hope is the quiet song in your heart that can sing in spite of everything." 

Charlie Mackery, Always Remember. Penguin 2025.

 

 

Haruichi Furudate - Haikyu!

Popsugar Reading Challenge made me read this... 
Prompt 41 called for "A book in a different format than your usual: physical, audio, eBook"

I read all the above regularly but I figured I almost never read mangas and it is a different format - in the sense of the actual reading process. That was not really a problem, it took a few pages to get used to the right to left eye movement.   
I can't say that I enjoyed Haruichi Furudates Haikyu! very much but it was okay. I guess volleyball is quite an exotic topic and as I am not very interested in the sport. The relationship between the two main characters was well-constructed but classic: from rivals to team players, adding each other's strengths to build something better and bigger. And that is as deep as the story went. The drawing are skillful, detailed and the sports movements are well done. It definitely was different from my "usual" but I don't want to extend my visit to the manga world at the moment. 

Haruichi Furudate, Haikyu! Kaze 2022.


 

Monday, January 26, 2026

Taylor Jenkins Reid - Atmosphere

Nach den ersten Kapiteln von Atmosphere von Taylore Jenkins Reid dachte ich zunächst, es würde ein Abbruchbuch. Zunächst konnte mich Joan Goodwins Charakter nicht so recht abholen, vielleicht weil sie in sich so ungewöhnliche, unwahrscheinliche Eigenschaften verbindet. Musikalisch und zeichnerisch talentiert, Professorin für Astrophysik, die perfekte Tante und dann bewirbt sie sich bei der NASA. Da passt einiges nicht zusammen. Während wir in Rückblenden einiges über sie erfahren, kommen einige der übrigen Astronautenkolleg:innen und eine Menge Astrophysisches hinzu. Der Tech-Anteil war noch zu verkraften und Joans Beobachtungen ihrer Kolleg:innen machten sie sympathischer. Als sich dann die Liebesgeschichte mit Vanessa abzeichnet, hatte ich wieder einen Moment der starken Ablehnung - wie kann Joan nicht wissen, dass sie Frauen liebt, wie kann sie als intelligente Wissenschaftlerin das übersehen, nicht durchblicken? Parallel zur der Beziehung der Frauen reflektiert Atmosphere aber auch zunehmend stärker über Frauen in den Naturwissenschaften, die Frauenrollen in den später 70ern und frühen 80ern, Vorurteile, Zwänge und Diskriminierung. Dies wertete die Geschichte deutlich auf und auch die Charaktere wurde zunehmend plastischer, glaubhafter. Den Knalleffekt der dramatischen Ereignisse von Vanessas Mission im All hatte die Autorin an den Anfang ihres Romans gestellt - zu einem Abschluss bringt sie ihn schlussendlich in höchst emotionaler und ergreifender Form, was mich - und das geschieht nicht oft - zu Tränen rührte. So hat mich Atmosphere am Ende "erwischt". Es ist weniger ein Roman über die Erkundung des Weltalls oder Frauen in der NASA, schlussendlich ist es eine Liebesgeschichte, die sich über gesellschaftliche Normen und wirtschaftliche Zwänge hinwegsetzen muss. 

Taylor Jenkins Reid, Atmosphere. avm 2025. 

Sunday, January 25, 2026

Liz Moore - Der Gott des Waldes

Der Gott des Waldes von Liz Moore ist ein ungewöhnlicher Roman, der in den Adirondack Mountains im Norden der USA im Staat New York spielt. Handlungsort ist ein Feriencamp, das von der Bankiersfamilie Van Laar gegründet und betrieben wird. Zentrales Element des Romans sind die unterschiedlichen Zeitebenen, in denen die Geschichte zusammengesetzt wird. Im Jahr 1975 verschwindet ein Mädchen aus dem Camp - ausgerechnet Barbara Van Laar! Das ist auch deshalb so dramatisch, weil 14 Jahre zuvor, 1961, ihr Bruder Bear ebenfalls verschwand und nie gefunden wurde. Verschiedene Szenarien, wer etwas damit zu tun haben könnte, vom Schwerverbrecher bis hin zur Campbetreuerin, werden aufgezeigt. Dabei treten auch andere Geheimnisse und Vergehen zu Tage, die auf den ersten Blick nicht erkennbar sind. 
Das langsame Aufdecken der Schichten dieser Geschichte(n) gelingt Liz Moore durch die verschiedenen Ebenen sehr gut, zumal die unterschiedlichen, meist weiblichen Erzählpersepktiven ein breites Spektrum von Charakteren bieten. Ja, einige der Erzählerinnen bleiben ein wenig blass, hätten vielleicht mehr Entwicklung verdient, aber sie alle tragen auch zu einem gesellschaftlichen Querschnitt der Zeit bei. Die Frauen in den 60er und 70er Jahren bewegen sich im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren, zwischen männlicher Dominanz und Emanzipation. Und auch da gibt es kein Schwarz und kein Weiß, sondern Grauzonen, unterschiedliche Wege, die gegangen werden können. Betrachtet man Der Gott des Waldes weniger als Thriller, sondern eher als Drama, dann kann man sich auch mit den erzählerischen Längen und Brüchen (die Perspektivwechsel an den Wendepunkten sind manchmal etwas störend und bremsen das Erzähltempo oft erheblich) arrangieren und sogar genießen.

Liz Moore, Der Gott des Waldes. C.H. Beck 2025.