Saturday, May 23, 2026

Charlotte McConaghy - Zugvögel

In Zugvögel (im Original Migration) erzählt Charlotte McConaghy vom Leben einer Frau in einer vom Klimawandel geprägten Zukunft. 
Für die Protagonistin und Ich-Erzählerin Franny sind das Meer und die Vögel von großer Wichtigkeit. Kaum verwunderlich, dass sie sich da in einen Ornithologen verliebt und ihn spontan heiratet. In verschiedenen Zeitebenen erfahren wir von ihrer bisherigen Lebensgeschichte: Ihrer Kindheit und Familie auf verschiedenen Kontinenten, ihrer Einsamkeit und Ruhelosigkeit, von ihrer Ehe, ihrer Beziehung zu den Küstenseeschwalben und dem Geheimnis eines Verbrechens, wegen dem sie im Gefängnis war. 
In der Gegenwart will sie den letzten Küstenseeschwalben folgen und schließt sich der bunten Crew eines der letzten Fischerboote namens 
Saghani an, die sie davon überzeugt, dass dort, wo die Vögel sind, auch Fische zu finden sind. In dieser düsteren Zukunft hat inzwischen das Massentiersterben begonnen, es gibt kaum noch Wildtiere auf der Welt. Die Gründe, warum Franny sich und auch die Crew der Saghani auf die wenig Erfolg versprechende Reise begeben, werden erst nach und nach durch die Zeitsprünge enthüllt. Während diese anfangs noch Spannung erzeugen, ist das Erzähltempo im letzten Teil eher zäh, das Finale ist zwar anrührend, aber auch antiklimaktisch, das tatsächliche Ende sogar enttäuschend. Bedrückend ist die Endgültigkeit des Massenaussterbens der Tierarten und die Apathie, mit der diese hingenommen wird, und auch die hochengagierten Tierschützer dieses Romans können nichts ausrichten. Trotz der Ich-Perspektive konnte ich mich in die Protagonistin wenig einfühlen, da waren mir zuviel Trauma, Verdrängung und Irrationalität. 
Insgesamt ist Zugvögel aber dennoch ein interessanter Roman, den ich nicht bereue gehört zu haben, gekonnt umgesetzt von Eva Meckbach.

Charlotte McConaghy, Zugvögel. Argon 2020.

Saturday, May 16, 2026

Leigh Bardugo - Das Lied der Krähen

Das Grisha-Universum von Leigh Bardugo habe ich mit Goldene Flammen bereits vor einigen Jahren betreten und war nicht überzeugt. Auch jetzt brachte mich wieder ein Popsugar Reading Challenge Prompt zu Das Lied der Krähen
Das Setting ist das an Amsterdam angelehnte Ketterdam, ein von Kanälen durchzogener und von verschiedenen Banden und Kaufmannsgilden beherrschter Moloch. Der "Meisterdieb" Kaz Brekker schart eine Bande von ungewöhnlichen Menschen um sich, um einen aberwitzigen Auftrag zu erfüllen, der ihnen allen unermesslichen Reichtum bringen soll. Ein gefährlicher Magier soll aus einem Gefängnis herausgeholt werden, dessen Forschung an einer Droge die Grishas, die magiebegabten Menschen dieser Welt, bedroht. 
Erzählt wird die Geschichte aus den Perspektiven der Six of Crows (so der Originaltitel), die alle ihre Päckchen zu tragen haben. Während die Handlung nur langsam voranschreitet, erfahren wir von den allesamt tragischen und bedrückenden Vergangenheiten der Protagonisten. Dadurch verändert sich auch die Perspektive auf die Gruppe und ihre Interaktion. Vor diesem emotionalen und atmosphärischen Background verschiebt sich die Geschichte des Einbruchs in und die Flucht aus dem Gefängnis immer wieder, denn in vielen Momenten wird die Loyalität der Einzelnen auf die Probe gestellt - natürlich entscheiden sie sich aber immer wieder für ihre Gemeinschaft, so widersprüchlich diese auch ist. Romantische Aspekte gibt es auch, aber zum Glück nicht so dick und "drastisch" ausgeführt wie in manch anderem Romantasy-Romanen, danke dafür.
Vieles an den Charakteren und ihrer nach und nach enthüllten Geschichten und an dem Worldbuilding hat mir Freude bereitet, die Story selbst erscheint mir aber doch sehr konstruiert und es ist nicht glaubhaft, dass der gewitzte Kaz und auch die anderen mit Intelligenz ausgestatteten der Gruppe wirklich annehmen könnten, dass es ein plausibler Auftrag ist. So wundert es mich auch nicht sehr, dass die Geschichte auch nicht zu einem tatsächlichen Ende geführt wird (okay, Duologie), aber es bleibt alles dermaßen in der Schwebe, als habe man nur einen halben Roman gelesen. Ob ich motiviert genug für Band 2 bin, weiß ich noch nicht.

Leigh Bardugo, Das Lied der Krähen. Audiobuch 2017.

Saturday, May 02, 2026

Stephen King - Erhebung

Erhebung ist eine für Stephen King kurze Erzählung über den seltsamen Fall eines unerklärlichen Gewichtsverlusts. Obwohl ihm äußerlich nichts anzumerken ist, nimmt Scott kontinuierlich ab. Was bei seinen anfangs über 100kg noch ganz prima erscheint, wird schon bald zur Sorge - was passiert, wenn das so weitergeht? Alles was Scott berührt oder anhebt, bleibt gewichtslos, er kann sich nicht schwerer machen. Die Erkenntnis seiner eigenen Endlichkeit lässt ihn menschlich wachsen. Seine Nachbarinnen, ein lesbisches Paar, Deidre und Missy, mit einem neu eröffneten Restaurant, haben es schwer, in der Kleinstadt Castle Rock Fuß zu fassen. Da entwickelt Scott die Idee, den jährlichen Stadtlauf zu nutzen, um den beiden ungewollt die passende Publicity zu schaffen. Weil seine Muskeln immer noch denen eines viel schwereren Mannes entsprechen, schafft er es, sich an die Spitze zu laufen, um dann aber Deidre den Sieg zu überlassen. Damit knackt er ihre "harte Schale" und es entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den Nachbarn. Natürlich hat auch das Restaurant von diesem Moment an Erfolg. Nach diesem besonderen Lauf bleibt nur noch Scotts Ende zu erzählen, wie er den Lesenden entschwebt. Wortwörtlich.

Erhebung ist keine schlechte Geschichte, sie hatte - untypischerweise für Stephen King - allerdings sehr stereotype Charaktere. Krass ausgedrückt: Der dicke, heterosexuelle Weiße, der den diskriminierten, verbitterten Lesben auf den Weg hilft. Daneben treten noch ein pensionierter Arzt und seine Frau auf, die im Grunde kaum eine Rolle spielen, und mehr eine Art Leinwand fungieren, auf der Scotts Gewichtsverlust projeziert werden kann. Der wird als Mysterium einfach so stehen gelassen, Scott findet sich ab mit seinem Verschwinden und betrachtet sie schließlich als Erhebung in andere Sphären, nachdem er auf Erden sein gutes Werk getan hat. Das war als kurzes Hörbuch ganz unterhaltsam, wird aber keinen bleibenden Eindruck machen. Die Lesung von David Nathan macht allerdings jedes Werk von Stephen King mehr als erträglich.

Stephen King, Erhebung. Random House Audio 2018.

Friday, May 01, 2026

Oyinkan Braithwaite - Der Fluch der Falodun Frauen

Oyinkan Braithwaite erzählt in Der Fluch der Falodun Frauen von mehreren Generationen von nigerianischen Frauen, die ihre Männer - aus verschiedensten Gründen - nicht halten können und ihre Kinder im rein weiblichen Familienverbund aufziehen. Schuld daran ist ein vor langer Zeit ausgesprochener Fluch.
Auf mehreren Zeitebenen und aus den Perspektiven dreier Frauen der Familie erfahren wir von den Auswirkungen und Zusammenhängen ihrer Geschichten. Zentrales Element ist dabei die Geschichte von Eniiyi, die am gleichen Tag von Ebun geboren wird, als ihre Tante Monife beerdigt wird. Sie sieht ihrer Tante, die Selbstmord begangen hat, zum Verwechseln ähnlich und die abergläubischen Großmütter halten sie für Monifes Reinkarnation. Dies geht nicht spurlos an Eniiyi vorbei, fortwährend glaubt sie, fremdgesteuert zu sein, während sie auf ihre Weise gegen den Fluch ankämpft. 
Oyinkan Braithwaite hat eine Gruppe von Protagonistinnen geschaffen, die sowohl energisch, witzig und verletzlich sind, jede kämpft auf ihre Weise gegen das drohende Unheil des Fluches an. Offen bleibt, zu welchen Teilen der Fluch mystisch-real ist und zu welchen Teilen er allein durch den Glauben der Familie daran am Leben bleibt. Mir haben die Geschichten und die Schicksale der drei Frauen Freude bereitet, gerade weil sie weder glatt noch eindeutig sind. 

Oyinkan Braithwaite, Der Fluch der Falodun Frauen. Aufbau 2025.

Thursday, April 30, 2026

Kaliane Bradley - Das Ministerium der Zeit

Okay. Hmm. 
Das Ministerium der Zeit von Kaliane Bradley trägt das Thema Zeit bereits im Titel und zu Beginn des Romans scheint es auch darum zu gehen. Die Ich-Erzählerin übernimmt den Job der Betreuerin/Integrationsbeauftragten/Überwacherin eines Zeitreisenden. Die britische Regierung hat mit einem Zeitreiseportal eine Gruppe Menschen aus verschiedenen Punkten der Zeit "entführt", die sicher verstorben wären und demnach von niemandem vermisst werden. Der Lauf der Geschichte soll dadurch unverändert bleiben. Einige sterben beim Transfer, andere haben Schwierigkeiten mit der Assimilation. Doch der eigentlich 1847 verstorbenen Polarforscher Commander Graham Gore kommt nach einiger Zeit gut zurecht im London des 21. Jahrhunderts. Zufrieden blickt seine Betreuerin auf ihren Schützling und berichtet ihren Vorgesetzten im Ministerium eifrig von Fortschritten und Besonderheiten. Sie bemerkt dabei, dass dort auch noch andere Pläne gemacht werden, die das Zeitportal und die Zeitimmigranten betreffen. Doch selbst als ein enger Kollege/Freund verschwindet, ja, als sogar ein Mord geschieht, gilt ihr Hauptinteresse ihrem Graham, in den sie sich unsterblich verliebt hat. Die Beziehung beginnt holprig, denn Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Gepflogenheiten anders und Graham, als Commander ständig auf See, hat auch wenig Erfahrung in diesen Dingen. 
Hier begann mein Interesse für die Geschichte rapide abzunehmen, denn die dramatischen Ereignisse um die Zeitreisenden und die zunehmend komplizierteren Zusammenhänge von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit standen in keinem Verhältnis zur emotionalen Besessenheit der Protagonistin. Sie ist naiv und unreflektiert, dagegen bleibt Graham weitgehend ein hölzerner Charakter, trotz der Rückblenden zu seinen erschreckenden, grausamen Erfahrungen auf der Polarreise. Graham damals und Graham im Jetzt sind in keiner Form zusammengehörig, die Protagonistin lernt ihn ebenso wenig wirklich kennen wie die Lesenden.
Ein Aspekt, der noch erwähnt werden muss, ist der aufklärerische Auftrag der Protagonistin auf (unterschwelligen) Rassismus und koloniale Verbrechen hinzuweisen. Der war deutlich, blieb aber oberflächlich, was auch für einige andere Themen gilt. 
Sprachlich hatte Das Ministerium der Zeit einiges zu bieten, einige Bilder und Umschreibungen waren interessant und witzig, so dass es fast schade war, dass der Plot schlussendlich nicht halten konnte, was das erste Drittel versprach. Zeitreisegeschichte sind selten durchgehend logisch, aber hier nichts so richtig zuende geführt - oder ich habe es nicht verstanden, was natürlich eine Möglichkeit ist. Ich kann auch einfach keine Freude an diesen Romance-Aspekten (und den scheinbar dazu notwendigen Sexszenen) entwickeln, egal ob bei Fantasy oder Science Fiction, die oft eher wie Fremdkörper im Gesamtplot erscheinen, das ist ein seltsamer Trend, oder stehe ich mit dieser Meinung allein da? 
Insgesamt wirkt der ganze Roman so, als hätte die Autorin eine Menge an Ideen gehabt, sowohl in Bezug auf die Themen als auch in Bezug auf den Genre-Mix, aber da es keinen deutlichen Schwerpunkt, keinen roten Faden gibt, bleibt alles vage und unbefriedigend. Schade. 

Kaliane Bradley, Das Ministerium der Zeit. Hörverlag 2025. 

Saturday, April 25, 2026

Barbara Kingsolver - Demon Copperhead

Barbara Kingsolver hat mit Demon Copperhead einen Parallelroman zu Charles Dickens' David Copperfield geschaffen. Dabei versetzt sie ihren Ich-Erzähler Demon in die bedrückende Welt des Lee County, Virginia. Die Armut ist groß, gut bezahlte Jobs rar, viele Menschen treibt das Lebensunglück in die Arme von Alkohol und Drogen. So ist auch Demons alleinerziehende Mutter ein Ex-Junkie, er wächst in einem Trailer auf, zusammen mit einem Nachbarsjungen, der wiederum bei seinen Großeltern aufwächst, weil seine Mutter im Gefängnis ist. Demons Bericht über sein Leben ist dabei erstaunlicherweise nicht allzu negativ, er ist in gewisser Weise stolz auf seine Resilienz - selbst noch, als seine Mutter ihm einen fiesen Stiefvater vor die Nase setzt, kurz darauf der Drogensucht zum Opfer fällt und er in die Hölle der Jugendhilfe in diversen Pflegefamilien, die ihn auf unterschiedliche Weise ausnutzen, gerät. Immer wieder enttäuschen ihn auch die Menschen, von denen er sich Hilfe und Liebe erhofft, er versucht weiter, seinen Weg zu finden. Nach einer hoffnungsvollen Wendung in seinem Leben, als er erfolgreich in einer Football-Mannschaft spielt, bringt ihn eine massive Knieverletzung schließlich selbst in die Drogenabhängigkeit durch das Schmerzmittel Oxycodon. Im letzten Drittel des Romans sehen wir ihm dabei zu, wie er immer tiefer in den Sumpf abrutscht und es nur wenige positive Elemente in seinem Leben gibt. Stark verknüpft sind seine Erfahrungen laut eigener Aussage mit den Gegebenheiten von Lee County, alle nehmen Drogen, kaum jemand bleibt clean, eine ganze Generation von Jugendlichen verfällt, viele sterben. Eine der wenigen Gallionsfiguren in seinem Leben, die Tante seines Jugendfreundes, bringt ihn schließlich dazu, Entzug und Therapie in Knoxville anzugehen, so dass der Roman am Ende das Ergebnis einer wichtigen therapeutischen Reflexionsaufgabe darstellt und Demon hoffnungsvoll auf sein weiteres Leben blicken kann. 

Man ist nah dran an diesem Demon Copperhead, manchmal zu nah, besonders was die Drogenerfahrungen in vielen Details angeht. Er erzählt eindrücklich, oft hoffnungsvoll, hat aus der Distanz nach dem drogenfreien Leben in Knoxville einen besonderen Blick auf die Situation der Menschen in Lee County, kritisch und sentimental-liebevoll zugleich. Er vermisst das, was er als Heimat trotz aller Grausamkeit kennengelernt hat, er vermisst die Menschen, weiß aber auch, dass er nicht in diese drogendurchseuchte Welt zurückkehren darf. Was den gesellschaftlichen Kontext angeht - Armut, rurales Leben, Perspektivlosigkeit und ein überfordertes Jugendhilfesystem - so überzeichnet die Autorin stellenweise und nutzt den Holzhammer. Viele elende, verzweifelte und grausame Menschen bilden das Ensemble des Romans, um das zu zeigen. Dies ist gewollt, sicher, aber trug auch zu den Längen des über 800 Seiten starken Romans bzw. fast 21 Stunden langen Hörbuchs bei, das mir aber insgesamt gut gefallen hat und den Pulitzer 2023 sicher nicht zu Unrecht gewonnen hat. 

Barbara Kingsolver, Demon Copperhead. Argon 2024. 

Saturday, April 18, 2026

Lisa Jewell - Kein Hauch von Wahrheit

Lisa Jewells Thriller Kein Hauch von Wahrheit trägt seine Prämisse im Titel - den Aussagen der Protagonisten ist nicht zu trauen. Podcasterin Alix feiert in einem hippen Londoner Restaurant ihren 45. Geburtstag - genauso wie die eher unscheinbare Josie, die dort mit ihrem Ehemann zu Abend isst, der eher wie ihr Vater aussieht. Aus der Zufallsbegegnung mit dem "Geburtstagszwilling" entwickelt sich ein zutiefst düsteres Verwirrspiel von (un)wahren Erzählungen und Erfindungen, als Josie vorschlägt, Alix solle einen Podcast über sie und ihr Leben machen.  
Erzählt wird chronologisch, mal aus der Perspektive von Alix, mal aus der von Josie, durchbrochen aber durch vorweggenommene "Einblendungen" einer Netflix-Dokuserie, die auf der Basis ihrer Geschichte gedreht werden wird und die verschiedene Podcast-Aufnahmen anderer Personen einschließt. Das ist nicht so verwirrend, wie es klingt, denn eigentlich macht die Autorin durch bedeutungsschwangere Andeutung und Alix' "Bauchgefühl" von Anfang an klar, dass Josies Geschichte nicht die Wahrheit ist. Diese entwickelt eine Geschichte von ihrer eigenen Verführung als Minderjährige durch ihren jetzigen Ehemann, der sich auch an weiteren Mädchen und seiner eigenen Tochter vergriffen haben soll. Alix ist entsetzt über die Teilnahmslosigkeit, mit der Josie von diesen Taten berichtet, greift aber dem Podcast zuliebe nicht ein, sie tut nichts. Dabei erschleicht sich Josie immer mehr Zugang zu Alix' Leben, bis schließlich alles - wie geplant? - eskaliert. 

Ja, Kein Hauch von Wahrheit erzeugt eine gewisse voyeuristische Spannung. Man weiß, dass gruselige Dinge geschehen sind, geschehen werden, nur lässt die Autorin lange darauf warten. Beide Protagonistinnen sind unzuverlässige Erzählerinnen, man kann ihnen nicht trauen, man weiß, dies alles ist nicht die Wahrheit. Ja, es kommt zu einer Auflösung, einer Aufdeckung der Gräueltaten, aber dies bleibt zutiefst unbefriedigend, zumal die Schuldige entkommt und sogar noch das Schlusswort erhält. Die Themen Missbrauch von Minderjährigen, Gewalt in der Ehe und Alkoholismus sind präsent, werden aber unter den Teppich gekehrt. Die eine würde den Alkoholismus und die Unzuverlässigkeit des Gatten liebend in Kauf nehmen, wenn sie ihn wiederbekäme - der Missbrauch steht im Raum, aber niemand thematisiert, wie sehr alle Beteiligten (Mutter, Bekannte, Josie selbst, Alix...) wegschauen und untätig bleiben. 
Auf dem Cover der deutschen Ausgabe steht der Kommentar von Katherine Heiny (selbst Autorin): "So spannend, so klug, so einfühlsam." Dem kann ich nur widersprechen: Spannend vielleicht noch, wenngleich mir die Sicht der Voyeuristin, die sich an dem sich ankündigenden Drama ergötzt, in die ich als Leserin gedrängt wurde, nicht gefallen hat. Klug handelt keine der Protagonistinnen, ihr Verhalten ist sogar abstoßend naiv, - und in Bezug auf den Aufbau möchte ich auch nicht von klug sprechen, denn die meisten der Ereignisse sind schrecklich vorhersehbar bzw. werden vorher zaunpfahlwinkend vorbereitet. Einfühlsam? Was soll das in Bezug auf diese Charaktere heißen? Soll ich Verständnis aufbringen, mitfühlen für diese verantwortslos bzw. im Fall von Josie böse berechnend handelnden Frauen? Das kann ich nicht. Die Geschichte wirkt nach, das vielleicht schon, aber auf eine sehr bittere, dunkle Weise, die mir persönlich nicht gefällt.

Lisa Jewell, Kein Hauch von Wahrheit. Ronin 2025.

Saturday, April 11, 2026

Stephen King - Der Outsider

In Flint City, Oklahoma, wird Terry Maitland, Englischlehrer und Coach der Jugendbaseballmannschaft, verdächtigt, einen elfjährigen Jungen misshandelt und getötet zu haben. Mehrere Augenzeugen haben ihn blutbefleckt und in der Nähe des Tatorts gesehen. Detective Ralph Anderson lässt ihn in aller Öffentlichkeit festnehmen. Erst danach kann Maitland sich verteidigen, denn er hat ein stichhaltiges Alibi, dass er mit Kollegen auf einer Tagung in der Nachbarstadt war. Wie kann das sein? Maitland scheint schuldig und unschuldig zur gleichen Zeit zu sein. Hat er einen Doppelgänger mit gleicher DNA? Unmöglich? Nachdem Maitland auf schreckliche Weise vor dem Gerichtsgebäude vom Bruder des Opfers getötet wird, kommen Anderson Gewissenbisse und Zweifel. Er beginnt anders über den Fall zu denken und arbeitet mit dem Anwalt von Maitland zusammen an neuen Indizien. Weil eine Spur in einen anderen Bundesstaat führt, wird Holly Gibney beauftragt, dieser nachzugehen. Diese findet einen weiteren Mord, bei dem nach den Spuren gesicherte Täter ein Alibi vorweisen konnte. Als Filmgeek erinnern sie diese Fälle an etwas und sie äußert schließlich eine gewagte These: Der Täter, den sie den Outsider nennen, ist kein gewöhnlicher Mensch. Nachdem sie auf beeindruckende Weise die anderen Ermittler und Beteiligten überzeugt, dass sie dieser Idee nachgehen müssen, um weitere Morde zu vermeiden, kommt es schließlich zu einem Showdown mit beeindruckendem Setting.

Was in Der Outsider als Kriminalfall beginnt, nimmt schon bald die Wendung ins Übernatürliche, womit man bei Stephen King immer rechnen muss.  Holly Gibney ist mit ihren Erfahrungen mit Brady Hartsfield aus Mr Mercedes und  Mind Control vermutlich die einzige, die diese Interpretation glaubhaft vermitteln kann. Leider muss man in diesem Band lange warten, bis sie ihren Auftritt hat, und endlich Bewegung in die Sache kommt. Natürlich baut der Beginn mit den immer merkwürdiger werdenden Diskrepanzen von Zeugenaussagen und Spurenlage und den dramatischen Fehlentscheidungen der Ermittler und der Justiz Spannung auf. Das wäre aber auch mit einigen Seiten weniger auch noch plausibel möglich gewesen. Es gibt wieder einmal reichlich Charaktere, die der Autor gekonnt anlegt - wiederum: einige weniger hätten es vielleicht auch getan. Es ist ein bedrückendes und athmosphärisch dichtes Szenario in Der Outsider und das Wiedersehen mit Holly zeigt ihre Stärken als verletzliche, ambivalente Protagonistin, aber der Plot rechtfertigt meines Erachtens nicht die ausufernde Länge des Romans. 

Stephen King, Der Outsider. Random House Audio 2018. 

Monday, April 06, 2026

Jeffery Deaver - Wahllos

Wahllos ist der vierte Band von Jeffery Deavers Reihe um Kinesik-Expertin Kathryn Dance. Leider ist sie in diesem Band keine Expertin. Zu Beginn soll sie ihre Expertise an einem Zeugen ausüben, was leider misslingt, sie "liest" den Zeugen falsch. Bizarrerweise wird sie deswegen vom ganzen Fall abgezogen und soll nur noch einen Fall von Brandstiftung, der leider in eine Massenpanik ausartete, überprüfen. Dabei stellt sie fest, dass der Täter genau diese Massenpanik herbeiführen wollte, und steckt damit gleich in einem neuen Fall. Parallel dazu müssen wir die Beweggründe des Täters, der sich am Leid und Tod anderer ergötzt, miterleben. Das ist eine Perspektive, die Dea
ver seiner Leseschaft des öfteren zumutet. Natürlich folgen weitere Taten und als der Täter in Bedrängnis gerät, nimmt er Kathryn selbst ins Visier. Vielleicht sind die logischen Lücken in der Erzählung den Kürzungen für das Hörbuch geschuldet, aber dieser Band stolpert durch zahlreiche Nebenhandlungen, wie die Erlebnisse der zwei Kinder von Kathryn, den emotionalen Verwicklungen mit gleich zwei Männern (m.E. sehr unglaubwürdig), einer Eskapade in US-amerikanischer Geschichte (Internierung japanischstämmiger Amerikaner) und ähnlichem. An einigen Stellen sehen Kathryn und ihr Team einige der Bedrohungen kommen und können elegant dagegenhalten - allerdings wird nur unzulänglisch erklärt, wieso. 
Insgesamt erscheint mir Wahllos auch ein bisschen planlos zu sein, welche Geschichte es nun eigentlich erzählen will, gleich zwei Thriller-Handlungen konkurrieren mit Familiendrama und Romantik. Dazu kommen die wirklich fürchterlichen Schilderung, wie sehr der Täter Gewalt und Tod genießt und wie einfach dies doch via Internet alles zu haben sei. Puh. Die Stärke und Hauptmerkmal der Protagonistin kommt in diesem Band nicht zum Tragen und sie konnte mich absolut nicht überzeugen. Der Fall auch nicht. Dieser Deaver ist eher am unteren Ende der Skala einzuordnen. 

Jeffery Deaver, Wahllos. Random House Audio 2016. 

Saturday, April 04, 2026

Jennifer Egan - Der größere Teil der Welt

Selbst die Autorin Jennifer Egan war sich nicht sicher, ob sie Der größere Teil der Welt (Original: A Visit from the Goon Squadals Roman oder als Kurzgeschichtensammlung bezeichnen möchte. Tatsächlich besteht das 2011 mit dem Pulitzer Prize for Fiction ausgezeichnete Werk aus nur sehr lose miteinander verknüpften Episoden, die in mehreren Jahrzehnten spielen. Der häufigste Handlungsort ist NYC, die Charaktere stehen in unterschiedlichen Beziehungen zu Bennie und Sasha, die beide zu einem gewissen Zeitpunkt in der Musikindustrie tätig sind. Musik ist ein verbindendes Element, weitgehend in positivem Sinne, während den Charakteren gemein ist, dass sie ein eher selbstzerstörerisches und negatives Selbstbild haben. Drogen, berufliche Misserfolge und private Entfremdung von Freunden und Geliebten ziehen sich ebenfalls durch fast alle Geschichten. Bis auf wenige lichte Momente, in denen Hoffnung auf Besserung oder wahre Zuneigung aufblitzen, herrscht eher eine düstere, bedrückende Atmosphäre und Lebenseinstellung. Bei allem Geschick für das Zeichnen der sehr abwechslungsreichen und interessanten Charaktere und den unterschiedlichen Erzählstilen (bis hin zu einem Kapitel, das als Powerpoint Präsentation angelegt ist) drückt einen die Perspektivlosigkeit zuweilen nieder. Alle, die schön, jung und erfolgreich waren, werden durch das Vergehen der Zeit zu blassen, deprimierenden, wenig begehrenswerten Wesen. Das ist eine Sichtweise auf das Älter- und Altwerden, die niederschmetternd ist, die aber zum Zeitalter von "Social Media Fakeness" und der Besessenheit, weiter jung auszusehen, koste es was es wolle, passt. Damit zeichnet Egan wahrscheinlich ein allzu treffendes gesellschaftliches Bild - und das schon 2011. 

Jennifer Egan, Der größere Teil der Welt. Schöffling 2013.