Wie Kathy in Alles, was wir geben mussten haben wir einen sehr subjektiven personalen Erzähler: Stevens ist Butler. Damit ist schon viel über ihn gesagt, denn sein Beruf ist es, über den er sich definiert. Der Roman ist eher handlungsarm, auch wenn Stevens ungewöhnlicherweise eine Reise mit dem Auto in den Süden Englands unternimmt. Es ist 1956 und er bekommt das Auto von seinem Dienstherrn geliehen, einem neureichen Amerikaner, der Darlington Hall nach dem Tod von Lord Darlington gekauft hat. Stevens gehört als Butler zum Inventar, tut sich aber schwer damit, sich an die neuen Gegebenheiten mit amerikanischer Lebensweise, Humor und vor allem der geringeren Personaldecke zu gewöhnen. So sind es auch hauptsächlich seine Erinnerungen an seine Dienstzeit unter dem Lord, die den Roman füllen. Im Zentrum stehen immer wieder die Themen Würde und Loyalität, hier sieht sich Stevens in der Rolle eines großen Butlers, wie es sie nur in Großbritannien geben kann. Hinzu kommt die Beschäftigung mit dem politischen Engagement seines Herren in den Jahren zwischen den zwei Weltkriegen. Dieser sympathisierte mit den Deutschen, zunächst hinsichtlich der Lockerung der Reparationszahlungen, später aber auch mit den Nationalsozialisten - als dies herauskam, war Lord Darlington ein geächteter Mann. Diese Tatsache findet Stevens zutiefst ungerecht, wobei er sich der Fehleinschätzungen Darlingtons zwar bewusst ist, diese aber nicht als solche akzeptieren kann, denn er als großer Butler kann keinem Mann gedient haben, der derart befleckt ist. Die Fassade, die Optik muss stets erhalten bleiben. Zutiefst verstörend ist dies, weil Stevens dies auch auf seine persönlichen Beziehungen ausweitet. Er bewundert seinen Vater, auch Butler, als sein großes Vorbild, doch als dieser alt wird und schließlich erkrankt und stirbt, kann er nicht aus seiner Rolle und sich nicht verabschieden - eine herzzerbrechende Szene. Seine Reise, eigentlich ein unnötiger Luxus in seinen Augen, begründet er vor sich selbst auch mit der Tatsache, er könne dann Mrs Benn (ehemals Miss Kenton und Haushälterin auf Darlington Hall) aufsuchen, ob sie vielleicht wieder mit ihm zusammenarbeiten möchte. Unausgesprochen bleibt, dass die beiden eine große Sympathie verband, bei der es Stevens versäumt hat, die nötigen Schritte zu unternehmen, um seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Dies schafft er noch nicht einmal bei der Rückschau auf die zahlreichen Gegebenheiten, in denen Miss Kenton versucht hat, ihm diese Gefühle zu entlocken. So verstreicht auch das Treffen mit ihr in einer geradezu schmerzhaften Sachlichkeit.
Bewunderswert an Was vom Tage übrig blieb ist die sprachliche Kontinuität, die distinguierte Sprache des Butlers, seine Unfähigkeit, sich seinen Emotionen auch nur zu nähern, und seine missgeleitete Vorstellung von Würde, die ihn in einem freudlosen Leben verharren lässt. In der letzten Szene rät ihm ein Unbekannter, nicht an der Vergangenheit festzuhalten, sondern in der Gegenwart zu leben, doch es bleibt ungewiss, ob dies für Stevens im Bereich des Möglichen liegt.
Die exzellente Lesung von Gert Heidenreich passt inhaltlich hervorragend zu diesem Roman und hat beim Hören sehr viel Freude gemacht.
Kazuo Ishiguro, Was vom Tage übrig blieb. Random House Audio 2017.











