Das Ministerium der Zeit von Kaliane Bradley trägt das Thema Zeit bereits im Titel und zu Beginn des Romans scheint es auch darum zu gehen. Die Ich-Erzählerin übernimmt den Job der Betreuerin/Integrationsbeauftragten/Überwacherin eines Zeitreisenden. Die britische Regierung hat mit einem Zeitreiseportal eine Gruppe Menschen aus verschiedenen Punkten der Zeit "entführt", die sicher verstorben wären und demnach von niemandem vermisst werden. Der Lauf der Geschichte soll dadurch unverändert bleiben. Einige sterben beim Transfer, andere haben Schwierigkeiten mit der Assimilation. Doch der eigentlich 1847 verstorbenen Polarforscher Commander Graham Gore kommt nach einiger Zeit gut zurecht im London des 21. Jahrhunderts. Zufrieden blickt seine Betreuerin auf ihren Schützling und berichtet ihren Vorgesetzten im Ministerium eifrig von Fortschritten und Besonderheiten. Sie bemerkt dabei, dass dort auch noch andere Pläne gemacht werden, die das Zeitportal und die Zeitimmigranten betreffen. Doch selbst als ein enger Kollege/Freund verschwindet, ja, als sogar ein Mord geschieht, gilt ihr Hauptinteresse ihrem Graham, in den sie sich unsterblich verliebt hat. Die Beziehung beginnt holprig, denn Mitte des 19. Jahrhunderts waren die Gepflogenheiten anders und Graham, als Commander ständig auf See, hat auch wenig Erfahrung in diesen Dingen.
Hier begann mein Interesse für die Geschichte rapide abzunehmen, denn die dramatischen Ereignisse um die Zeitreisenden und die zunehmend komplizierteren Zusammenhänge von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit standen in keinem Verhältnis zur emotionalen Besessenheit der Protagonistin. Sie ist naiv und unreflektiert, dagegen bleibt Graham weitgehend ein hölzerner Charakter, trotz der Rückblenden zu seinen erschreckenden, grausamen Erfahrungen auf der Polarreise. Graham damals und Graham im Jetzt sind in keiner Form zusammengehörig, die Protagonistin lernt ihn ebenso wenig wirklich kennen wie die Lesenden.
Ein Aspekt, der noch erwähnt werden muss, ist der aufklärerische Auftrag der Protagonistin auf (unterschwelligen) Rassismus und koloniale Verbrechen hinzuweisen. Der war deutlich, blieb aber oberflächlich, was auch für einige andere Themen gilt.
Sprachlich hatte Das Ministerium der Zeit einiges zu bieten, einige Bilder und Umschreibungen waren interessant und witzig, so dass es fast schade war, dass der Plot schlussendlich nicht halten konnte, was das erste Drittel versprach. Zeitreisegeschichte sind selten durchgehend logisch, aber hier nichts so richtig zuende geführt - oder ich habe es nicht verstanden, was natürlich eine Möglichkeit ist. Ich kann auch einfach keine Freude an diesen Romance-Aspekten (und den scheinbar dazu notwendigen Sexszenen) entwickeln, egal ob bei Fantasy oder Science Fiction, die oft eher wie Fremdkörper im Gesamtplot erscheinen, das ist ein seltsamer Trend, oder stehe ich mit dieser Meinung allein da?
Insgesamt wirkt der ganze Roman so, als hätte die Autorin eine Menge an Ideen gehabt, sowohl in Bezug auf die Themen als auch in Bezug auf den Genre-Mix, aber da es keinen deutlichen Schwerpunkt, keinen roten Faden gibt, bleibt alles vage und unbefriedigend. Schade.
Kaliane Bradley, Das Ministerium der Zeit. Hörverlag 2025.










