Sunday, September 20, 2026

V.E. Schwab - Das unsichtbare Leben der Addie LaRue

Das unsichtbare Leben der Addie LaRue beginnt eines Tages in einem kleinen französischen Dorf im Jahr 1714. Adeline LaRue will nicht heiraten, sie will ihre Freiheit behalten - zu ihrer Zeit kein kleiner Wunsch. Als Tochter eines Tischlers, der auch filigrane Dinge schnitzen kann, hat sie noch nicht viel von der Welt gesehen, gerade mal die nächste Kleinstadt und deren Markt. Sie selbst ist eine begabte Zeichnerin und als sie man sie zur Hochzeit zwingen will, greift sie verzweifelt zum letzten Mittel, das ihr einfällt: Sie ruft die Götter um Hilfe an - leider ist es ein dunkles Wesen, das ihr antwortet und mit dem sie einen folgenschweren Pakt eingeht. Das Wesen, glücklicherweise in Gestalt eines wunderschönen Mannes, verspricht ihr unbegrenzte Lebenszeit für ihre Seele, versieht den Pakt aber mit einem Haken: Niemand der Adeline sieht, sich dann von ihr abwendet, kann sich später an sie erinnern. Geschildert wird Addies Geschichte auf zwei Zeitebenen, die eine spielt im New York der Gegenwart, die andere geht chronologisch mit ihr durch ihre 300 Jahre Lebenszeit. Im Jetzt trifft sie nach all der Lebenszeit in einem Antiquariat (wo auch sonst) auf Henry, der sich unglaublicherweise an sie erinnert. Er ist es auch, dem sie ihre Lebensgeschichte in die Feder diktiert, der sie für sie aufschreibt, so dass ein Zeugnis von ihr bleibt. Natürlich verlieben sich Addie und Henry ineinander, denn sie sind wie füreinander geschaffen - denn bald wird klar, dass auch Henry einen Pakt eingegangen ist. So ist nicht der Zufall, sondern der dunkle Schatten in Addies Leben für ihre Begegnung verantwortlich. 
V.E. Schwabs Idee einer Frau, die durch die Jahrhunderte hindurch lebt, aber keine Spuren hinterlassen kann, finde ich spannend. Was für Möglichkeiten, was für eine spannende Prämisse! Leider ist dagegen der Roman bzw. vor allem sein Plot recht klein geraten. Nicht an Seiten, sondern an Handlung. Immer wieder erlebt Addie die gleichen Dinge, reagiert auf die gleiche Weise, ist immer wieder enttäuscht und verzweifelt über das Vergessen der anderen. In Henry erfährt sie am Ende eine Art von Erlösung, auch wenn ihr die nur so nebenbei von ihrem dunklen Gefährten geschenkt wird dafür, dass sie bei ihm bleibt. All die Geschichte, die in Addies 300 Jahren auf der Welt passiert, nimmt dagegen kaum Raum ein, wird nur als Randbemerkung und in Form von einigen Begegnungen mit Künstlern dargestellt. Addies Horizont wird dadurch nicht größer, ihre Erkenntnisse helfen ihr nicht zu größerem Denken, wertvollerem Handeln. Ihr Leben bleibt flach und unsichtbar, aber ihre Wahrnehmung der Welt ebenso. Hier wurde erzählerisches Potential verschenkt, auch wenn Addies Geschichte und ihre Romanzen unterhaltsam waren. 

V.E. Schwab, Das unsichtbare Leben der Addie LaRue. Argon 2021.

Saturday, September 19, 2026

Lars Kepler - Playground - leben oder sterben

Nach mehreren Wochen, in denen ich meinen e-reader ignorierte, kann ich es nicht mehr leugnen - ich werden diesen Roman von Lars Kepler nicht zuende lesen. 

Playground - leben oder sterben handelt von Jasmin Pascal-Andersson, Lieutenant in der schwedischen Armee. Bei einem Kriegseinsatz wird sie schwer verwundet und hat eine Todeserfahrung, bevor sie schließlich wiederbelebt werden kann. In der kurzen Zeit, in der sie quasi tot ist, findet sie sich in einer bizarren Parallelwelt wieder, die am ehesten einer chinesischen Hafenstadt ähnelt. Dort stehen Schiffe zur Abfahrt bereit, die sie jedoch nicht besteigen will, denn sie kehrt zurück.
Ich hätte kein Problem, mich auf so eine Geschichte einzulassen, aber die Umsetzung erfolgt auf eine denkbar anstrengende Weise. Natürlich soll eine (alb-) traumartige Todeswelt dargestellt werden, aber das Autorenduo scheint besonders viel Freude daran gehabt zu haben, alle möglichen Skurrilitäten, Belanglosigkeiten und abstoßende Situationen zu erdenken, so dass seitenlange Schilderungen von Dingen entstehen, von denen fast nichts handlungsrelevant ist. Man sehnt sich zurück in die Realität (okay, vielleicht gewollt, denn diese Zwischenwelt ist nichts, wo man auch nur als Leser:in bleiben möchte) und nach ein bisschen realistischem Plot. Den habe ich nach etwa 40% des Buches leider kaum finden können und daher das Weiterlesen äußerst effektiv vermieden. Ich gebe auf, kein Buch für mich - ich weiß aber auch nicht, wer Freude an diesen Schilderungen finden könnte. 

Lars Kepler, Playground - leben oder sterben. Piper 2016.


 

Thursday, September 10, 2026

Ann Patchett - Whistler

Ann Patchett's novel Whistler starts with Daphne Fuller and her husband Jonathan visiting the Metropolitan Museum of Art. An older man starts following them - and Daphne realizes that this man is one of her stepfathers, called Eddie Triplett. She was nine when her mother and Eddie were married for only a short period of time and he disappeared from her and her sister's lives quite suddenly shortly after a mysterious accident. Eddie accidentally drove off the side of a remote road when he took Daphne out to watch the stars far away from the city. The two of them were trapped in the car for a long night before they could be rescued. 
After being apart for more than 40 years they catch up and realize that the events of that night are not only important to them but tied a connection between them that is easily renewed today. Together, they reflect on what happened in their lives, what choices they made, good and bad ones, and what impact other people's decisions had on them. In remembering and retelling the details of the accident they reconnect not only to themselves but also to other members of their family. Embedded 
within the plot is a tale that Eddie tells young Daphne to distract her. It is one he had as a book proposal on his desk. Being an editor he knows the power of stories but is not sure if this one - the story of Whistler, a special horse - was a good choice in the situation they are in. Whistler's owner suffers an accident too and is close to dying. While lying outdoors, unable to move (just like Eddie), she sees her favourite dog, an old friend and other people - all of them being dead in real life. Although it is a sad tale there is a good ending to it because of Whistler, the great horse. 
While Daphne still has to tell her family the last part of Eddie's and her accident story, Eddie's health takes a bad turn due to leukemia and his old age. Loss, grief and death are recurring themes in Whistler but also love and being known by a person are important topics. 
It is not an overly complicated story but the way Ann Patchett intertwines the two perspectives with Eddie and Daphne's relationship then and now is extremely well done. There are symbols and themes that reoccur and relate to one another and add another layer of meaning to the story. Both protagonists are interesting characters, Daphne even more so as she reconnects with her younger self while meeting Eddie again and by telling the story of the accident. The ending is very moving, quiet, but brilliantly done, and made me listen to the last part of the novel for a second time. This audiobook is read by the author, not always the best choice, but she brought her story to life perfectly. I thoroughly enjoyed Whistler

Ann Patchett, Whistler. Harper 2026.



Saturday, September 05, 2026

Stephen King - Blutige Nachrichten

Blutige Nachrichten von Stephen King ist eine Sammlung von vier Kurzgeschichten, andere Autoren hätten diese vielleicht eher als Novelle einzeln veröffentlicht, aber dies ist Stephen King. 

In "Mr. Harrigans Telefon" arbeitet der junge Craig bei dem alten Mr. Harrigan. Die beiden erleben zusammen die Einführung der ersten iphone Generation, so dass Craig Mr. Harrison bei dessen Begräbnis das iphone mit in den Sarg legt. Craig ruft im Laufe seines weiteren Lebens dieses Telefon an, wobei er mysteriöserweise auf den Anrufbeantworter sprechen kann und Mr. Harrison ihm per Textnachricht und mit Schicksalsschlägen gegen Craigs Widersacher antwortet. Diese Geschichte empfand ich als relativ langatmig für eine Kurzgeschichte.

"Chucks Leben" besticht dagegen durch das dystopische Setting, bei dem Naturkatastrophen und zusammenbrechende Technologie das Leben einschränken, aber in dem Chuck durch Werbeanzeigen, Videos und auf weiteren auffälligen wegen gelobt und gedacht wird. In zwei weiteren Kapiteln wird Chucks Leben erzählt, wobei sozusagen anti-chronologisch aufgedeckt wird, was es mit seinem Tod auf sich hat. Diese Story hat mir wegen des Aufbaus gut gefallen und sie war emotional anrührend.  

"Blutige Nachrichten" ist der Grund, warum ich den Band überhaupt gelesen habe. Es handelt sich um eine Geschichte mit Holly Gibney als Protagonistin. Bei einer Fernsehberichterstattung über eine Explosion in einer Schule fällt Holly der erste Reporter vor Ort auf. Er erinnert sie an den Outsider aus dem gleichnamigen Roman, ein Wesen, das sich von den schlechten Emotionen leidender Menschen ernährt. Der Verdacht lässt sie nicht los, dass sie auf ein weiteres dieser Wesen gestoßen ist. Ihr Weg in die Ermittlungen wird ihr dadurch erleichtert, dass bereits andere die Informationen und Beweise zusammengetragen haben, ihr fällt nur noch die Aufgabe zu, mutig zu sein und das Wesen zur Strecke zu bringen. Nebenbei geraten auch wieder ihre Freunde in Gefahr und sie kämpft gegen ihre inneren Dämonen wegen den Konflikten mit ihrer Familie. "Blutige Nachrichten" hat einerseits Längen, was Hollys Psyche und Gedankengänge angeht, andererseits ist der Plot stellenweise verkürzt, was eine gewissen Unausgeglichenheit mit sich bringt. Dennoch war das Wiedersehen mit Holly es wert. 

In "Ratte" kämpft Drew Larson mit der Tatsache, dass er zwar ein erfolgreicher Literaturdozent und Verfasser von Kurzgeschichten ist, aber ihm in seinem Leben kein Roman gelungen ist. Als ihm eines Tages eine zündende Idee dazu kommt, zieht er sich in das abgelegene Landhaus der Familie zurück. Das Schreiben gelingt ihm zunächst, gerät aber dann erneut ins Stocken, wie auch schon bei seinen früheren Romanversuchen, was ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruchs brachte. Zusätzlich erliegt er einer Grippe und ein heftiger Sturm erschüttert das Haus. In seinem Fieberdelirium sieht er eine Ratte, die ihm einen Deal anbietet - der fertiggestellte Roman gegen den Tod eines Freundes. Drew geht den Deal ein, weil er fälschlicherweise an den nahen Krebstod des Freundes glaubt. "Ratte" spiegelt eindrücklich die Getriebenheit des Autors und seine Bereitschaft, alles für sein Ziel zu opfern, ist beängstigend. 

Die vier Kurzgeschichten zeigen Stephen Kings Stärke, überzeugende, vielschichtige Protagonisten in ein paranormales Setting einzubetten und dabei starke Emotionen zu wecken. Insgesamt waren die Geschichten allesamt lesenswert, auch wenn ich den Kurzgeschichten wohl immer einen Roman vorziehen werde. Die Lesung von David Nathan hat den Geschichten wieder einmal besonderes Leben gegeben.

Stephen King, Blutige Nachrichten. Random House Audio 2020. 

Saturday, August 22, 2026

Jenny Han - Der Sommer, als ich schön wurde

Die Summer-Trilogie von Jenny Han erfreut sich großer Popularität, die auch die Fernsehserie einschließt. Der erste Band Der Sommer, als ich schön wurde erzählt von den Sommerferien der  15jährigen Belly, die sie jedes Jahr mit ihrer Mutter und ihrem Bruder bei einer befreundeten Familie in Cousins Beach verbringt. In Rückblicken erinnert sie sich an die vorangegangenen Sommer und ihre Erlebnisse mit den beiden Söhnen Jeremiah und Conrad. Im Mittelpunkt steht die zentrale Frage, wen der beiden Jungen sie nun liebt und wie diese auf sie reagieren. 
Ich habe knapp die Hälfte des Audiobooks gehört und lasse dieses Buch nun ziehen. Es ist seicht, das war zu erwarten. Die Gedankengänge, denen Belly sich hingibt, und ihr Verhalten sind schlichtweg nervig. Sie definiert sich nur über die Reaktionen der Jungen auf sich, die Anekdoten ihrer Erlebnisse sind banal und bisher ist auch keine echte Coming-of-Age-Geschichte (wie man bei dem Titel erwarten könnte) erkennbar. Sie wächst nicht, zumindest nicht innerlich, sie wirkt unreif und oberflächlich auf mich, als besonderes Beispiel fallen mir hier die fehlenden Emotionen bezüglich der Krebserkrankung der Freundin ihrer Mutter ein. Auch als sie sich an den Besuch ihrer Freundin im Sommerhaus erinnert, geht es zwischen den beiden nur um die Jungen. Ja, natürlich ist das das Konzept des Buches, aber ein bisschen mehr Charakterstärke hätte man ihr schon geben können anstatt sie sich ständig weinerlich über die Ignoranz der Jungen beschweren zu lassen als alleiniger Lebensinhalt. Jedenfalls gebe ich das Audiobook nun auf, es ist mir die Lebenszeit nicht wert. 

Jenny Han, Der Sommer, als ich schön wurdeAudio Verlag München 2022.

Wednesday, August 19, 2026

Fredrik Backmann - Die Gewinner

Wir kehren im dritten Band Die Gewinner von Fredrik Backman zurück nach Björnstadt. Nach die Kleine Stadt der großen Träume und Wir gegen euch ist dies der dritte Band um die kleine Eishockeystadt in den Wäldern Schwedens. Es wird angeknüpft an die Charaktere und Ereignisse der beiden Vorgänger und eine Beerdigung bringt alle wieder in Björnstadt zusammen. Während in den ersten Kapiteln mit einem Sturm ein ereignisreicher Anfang geschaffen wird, nimmt der allwissende und wieder etwas von oben herab sprechende Erzähler sich danach sehr viel Zeit, die Ereignisse, von denen er selbstverständlich schon alles weiß, nach und nach vor uns auszubreiten. 
Die Zutaten des Romans sind dieselben wie zuvor, und das sind nicht wenige: die rivalisierenden Vereine, die Bedeutung eines Sports als Symbol der Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft, Korruption und Gemauschel, der Ehrgeiz, dies aufzudecken, um für sich (oder den favorisierten Verein) Vorteile zu schaffen bzw. das Überleben zu sichern, Freundschaften und - mit zunehmend größerer Bedeutung - die Übergriffe und Vergewaltigungen von jungen Männern auf die jungen Frauen des Romans. Die Vergewaltigung war die Katastrophe im ersten Band, aber das Opfer geht dank intensiver Unterstützung durch die Familie trotz großer Schwierigkeiten und weiterem Mobbing mit gewisser Gerechtigkeit aus der Situation hervor, obwohl sie nicht völlig heil ist und vermutlich niemals sein kann. Dieses Glück einer Chance auf Gerechtigkeit wird nicht allen zuteil und dies nutzt Backman als Triebfeder für die Katastrophe von Die Gewinner. Alle Charaktere des Romans haben Fehler in ihrem Leben gemacht, wir sehen ihnen zu, wie sie neue Fehler machen und auch die alten bereuen. Können Fehler wieder gut gemacht werden? Kann man Ausgleich schaffen für das Schlechte, was man getan hat? Wie vergibt man, wie wird einem vergeben? Und wie entsteht Hass und Zerstörungswut, wie Zusammengehörigkeit und Loyalität? Backman beleuchtet diese Themen in und an seinen Charakteren, facettenreich, meistens interessant und emotional angreifend, nur manchmal etwas langatmig. In dem Bemühen, allen Charakteren den Raum und den Ab- und Anschluss zu geben, den sie verdienen, verliert sich die Geschichte manchmal im Kleinen, wird auch in Details kitschig oder zu symbolträchtig. Man gönnt es diesen besonderen Menschen, dass ihre Geschichte erzählt wird, aber die Stringenz des Plots leidet darunter. Dennoch habe ich das Wiedersehen mit Björnstadt und seinen Menschen sehr genossen und wer die ersten beiden Bände mochte, der wird sich auch auf die emotionale Achterbahnfahrt mit Die Gewinner machen wollen. 

Fredrik Backmann, Die Gewinner. Der Hörverlag 2023.

PS: Backman war das Thema Vergewaltigung wichtig, dazu hier noch das passende Zitat aus dem letzten Teil des Romans: 

“Parents always think they have to talk to their daughters about guys. We shouldn’t wear short skirts and shouldn’t go out alone and shouldn’t get drunk and shouldn’t let guys like us too much. But you don’t have to talk to us about guys because we already know all that, for fuck’s sake, because we’re the ones they rape!! Talk to your damn sons instead!!! Teach them to talk to one another and teach them to stop one another. Raise just one fucking boy somewhere who can become a head teacher who understands that when boys pull girls by the hair, it’s the fucking boys there’s something wrong with. Tell your sons that if they have to THINK about whether or not they’ve had sex with a girl who didn’t want it, then they HAVE!!! If you can’t understand if the girl you’re having sex with wants it or not, then you’ve never had fucking sex with a girl who wants it. Stop telling your daughters. We already know it all.”

 



Tuesday, August 11, 2026

Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb

Nach Alles, was wir geben mussten ist Was vom Tage übrig blieb mein zweiter Roman von Kazuo Ishiguro. Er gewann damit 1989 den Booker Preis. 
Wie Kathy in Alles, was wir geben mussten haben wir einen sehr subjektiven personalen Erzähler: Stevens ist Butler. Damit ist schon viel über ihn gesagt, denn sein Beruf ist es, über den er sich definiert. Der Roman ist eher handlungsarm, auch wenn Stevens ungewöhnlicherweise eine Reise mit dem Auto in den Süden Englands unternimmt. Es ist 1956 und er bekommt das Auto von seinem Dienstherrn geliehen, einem neureichen Amerikaner, der Darlington Hall nach dem Tod von Lord Darlington gekauft hat. Stevens gehört als Butler zum Inventar, tut sich aber schwer damit, sich an die neuen Gegebenheiten mit amerikanischer Lebensweise, Humor und vor allem der geringeren Personaldecke zu gewöhnen. So sind es auch hauptsächlich seine Erinnerungen an seine Dienstzeit unter dem Lord, die den Roman füllen. Im Zentrum stehen immer wieder die Themen Würde und Loyalität, hier sieht sich Stevens in der Rolle eines großen Butlers, wie es sie nur in Großbritannien geben kann. Hinzu kommt die Beschäftigung mit dem politischen Engagement seines Herren in den Jahren zwischen den zwei Weltkriegen. Dieser sympathisierte mit den Deutschen, zunächst hinsichtlich der Lockerung der Reparationszahlungen, später aber auch mit den Nationalsozialisten - als dies herauskam, war Lord Darlington ein geächteter Mann. Diese Tatsache findet Stevens zutiefst ungerecht, wobei er sich der Fehleinschätzungen Darlingtons zwar bewusst ist, diese aber nicht als solche akzeptieren kann, denn er als großer Butler kann keinem Mann gedient haben, der derart befleckt ist. Die Fassade, die Optik muss stets erhalten bleiben. Zutiefst verstörend ist dies, weil Stevens dies auch auf seine persönlichen Beziehungen ausweitet. Er bewundert seinen Vater, auch Butler, als sein großes Vorbild, doch als dieser alt wird und schließlich erkrankt und stirbt, kann er nicht aus seiner Rolle und sich nicht verabschieden - eine herzzerbrechende Szene. Seine Reise, eigentlich ein unnötiger Luxus in seinen Augen, begründet er vor sich selbst auch mit der Tatsache, er könne dann Mrs Benn (ehemals Miss Kenton und Haushälterin auf Darlington Hall) aufsuchen, ob sie vielleicht wieder mit ihm zusammenarbeiten möchte. Unausgesprochen bleibt, dass die beiden eine große Sympathie verband, bei der es Stevens versäumt hat, die nötigen Schritte zu unternehmen, um seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Dies schafft er noch nicht einmal bei der Rückschau auf die zahlreichen Gegebenheiten, in denen Miss Kenton versucht hat, ihm diese Gefühle zu entlocken. So verstreicht auch das Treffen mit ihr in einer geradezu schmerzhaften Sachlichkeit. 
Bewunderswert an Was vom Tage übrig blieb ist die sprachliche Kontinuität, die distinguierte Sprache des Butlers, seine Unfähigkeit, sich seinen Emotionen auch nur zu nähern, und seine missgeleitete Vorstellung von Würde, die ihn in einem freudlosen Leben verharren lässt. In der letzten Szene rät ihm ein Unbekannter, nicht an der Vergangenheit festzuhalten, sondern in der Gegenwart zu leben, doch es bleibt ungewiss, ob dies für Stevens im Bereich des Möglichen liegt. 
Die exzellente Lesung von Gert Heidenreich passt inhaltlich hervorragend zu diesem Roman und hat beim Hören sehr viel Freude gemacht. 

Kazuo Ishiguro, Was vom Tage übrig blieb. Random House Audio 2017. 

Monday, August 10, 2026

Samuel Burr - Das größte Rätsel aller Zeiten

In Samuel Burrs Das größte Rätsel aller Zeiten versucht der 25jährige Clayton Stumper nach dem Tod seiner Pflegemutter Pippa herauszufinden, wer seine leiblichen Eltern sind. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er mit Pippa und einer besonderen Gruppe von Menschen, die sich die "Gemeinschaft der Rätselmacher" nennt. Die Gruppe wohnt in dem alten Herrenhaus Creighton Hall und verdient ihr Geld mit dem Erstellen von Rätseln, Puzzlen, Labyrinthen, etc. So ist es naheliegend, dass Pippa die Spur zu seiner Herkunft in verschachtelten Rätselherausforderungen legt. 
In einem parallen Erzählstrang folgen wir Pippa bei den Ereignissen von der Gründung der Gemeinschaft bis zu Claytons Ankunft in Creighton Hall als Baby in einer Hutschachtel. 
Auf der Proseite des Romans stehen die illustren, verschrobenen Charaktere, die der Autor zusammenwürfelt, um jede:r auf ihre/seine Weise zum Gelingen der Gemeinschaft und zu Claytons Erziehung beizutragen. Vielleicht kann man auch die durch den Roman verteilten Rätselfragen (im Audiobook natürlich nur eingeschränkt) positiv verbuchen, die sicher zum Miträtseln anregen. 
Leider haben mich die beiden Protagonisten der Erzählstränge nicht überzeugt, obwohl sie in ihrer Grundanlage durchaus Potenzial hatten. Clayton ist aufgrund des Aufwachsen unter den ältlichen Rätselmachern ein wenig aus der Welt gefallen, was soweit noch glaubhaft scheint, aber dass dies dazu führen soll, dass er sich der wesentlichen Emotionen (und seiner eigenen sexuellen Orientierung) im Alter von 25 nicht gewahr sein soll, ist nicht plausibel. Pippa startet als starke Persönlichkeit, die sich als Frau unter Männern durchsetzt und ihre Ideen und Träume gegen Widerstände umsetzt. Dann fällt ihr jedoch ein, dass sie doch noch ein Kind will, eigentlich auch einen Mann, aber auf gar keinen Fall kann sie überblicken, dass sie für Finanzielles kein Händchen hat, und führt die Gemeinschaft fast in den Ruin. Damit wird ihre angeblich so hohe Intelligenz und Durchsetzungkraft ad absurdum geführt und auch sie ist als Charakter im Wesentlichen unglaubhaft. Auch finde ich die Grundprämisse des Romans schwierig: Die Pflegemutter Claytons kennt seinen Hintergrund und kann ihm das ersehnte Wissen beschaffen, aber sie hält es vor ihm verborgen, um es dann in einem Rätselspiel posthum zu enthüllen? Das gibt der Botschaft der selbstgewählten Gemeinschaft für das Zusammenleben, die vielleicht sogar vorteilhafter sein kann als die genetische Familie, einen seltsamen, fast grausamen Beigeschmack in dem sonst aber ganz unterhaltsamen Roman.

Samuel Burr, Das größte Rätsel aller Zeiten. Dumont 2024. 

Sunday, August 09, 2026

Jacqueline Harpman - Ich, die ich Männer nicht kannte

Eine Dystopie  (aus dem Jahr 1995), wie sie finsterer nicht möglich ist: In einem Käfig unter der Erde werden 40 Frauen gefangen gehalten, drei Wärter versorgen sie mit dem Nötigsten an Essen und Kleidung. Eine davon, die jüngste unter ihnen, ist unsere Erzählerin. Sie erinnert sich als Einzige nicht an ein "davor", hat eine andere, eine teils fatalistische, teils aber auch neugierigere Sicht auf die beschränkte Welt. Als eine Sirene ertönt, fliehen die Wärter und nur durch Glück bleibt der Schlüssel zum Käfig in Reichweite zurück. Doch an der Oberfläche erwartet die Frauen nur eine andere Form von Gefangenschaft in einer kargen Landschaft mit wenig Ressourcen. Die Erzählerin berichtet sachlich von den Emotionen in der Gruppe, bleibt unklar über ihre eigenen Empfindungen. Während man, wie sie, darauf hofft, am Ende doch noch eine Erklärung für all das, eine Auflösung des Mysteriums, wo sie sich befinden, wie sie dorthin gelangt sind und was der Auslöser für diese finstere Situation ist, zu erlangen, so wird man enttäuscht. Die Protagonistin schreibt ihren Lebensbericht, mehr nicht. 
Insgesamt ist Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman eine sehr dunkle, sehr niederschmetternde Erzählung. Sprachlich hat sie mir nicht sonderlich gefallen, die Gedankengänge sind teils redundant, was aber sicher gewollt ist. Was bleibt übrig in einer derart entmenschlichten Welt? Welche kulturellen Elemente schimmern durch die Not hindurch, wie begegnen sich Frauen unter diesen Bedingungen? Es sind die Fragen, die das Buch ausmachen, weniger die weniger Antworten, die man erhält. 

 Jacqueline Harpman, Ich, die ich Männer nicht kannte. Klett-Cotta 2026.