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Monday, January 26, 2026

Taylor Jenkins Reid - Atmosphere

Nach den ersten Kapiteln von Atmosphere von Taylore Jenkins Reid dachte ich zunächst, es würde ein Abbruchbuch. Zunächst konnte mich Joan Goodwins Charakter nicht so recht abholen, vielleicht weil sie in sich so ungewöhnliche, unwahrscheinliche Eigenschaften verbindet. Musikalisch und zeichnerisch talentiert, Professorin für Astrophysik, die perfekte Tante und dann bewirbt sie sich bei der NASA. Da passt einiges nicht zusammen. Während wir in Rückblenden einiges über sie erfahren, kommen einige der übrigen Astronautenkolleg:innen und eine Menge Astrophysisches hinzu. Der Tech-Anteil war noch zu verkraften und Joans Beobachtungen ihrer Kolleg:innen machten sie sympathischer. Als sich dann die Liebesgeschichte mit Vanessa abzeichnet, hatte ich wieder einen Moment der starken Ablehnung - wie kann Joan nicht wissen, dass sie Frauen liebt, wie kann sie als intelligente Wissenschaftlerin das übersehen, nicht durchblicken? Parallel zur der Beziehung der Frauen reflektiert Atmosphere aber auch zunehmend stärker über Frauen in den Naturwissenschaften, die Frauenrollen in den später 70ern und frühen 80ern, Vorurteile, Zwänge und Diskriminierung. Dies wertete die Geschichte deutlich auf und auch die Charaktere wurde zunehmend plastischer, glaubhafter. Den Knalleffekt der dramatischen Ereignisse von Vanessas Mission im All hatte die Autorin an den Anfang ihres Romans gestellt - zu einem Abschluss bringt sie ihn schlussendlich in höchst emotionaler und ergreifender Form, was mich - und das geschieht nicht oft - zu Tränen rührte. So hat mich Atmosphere am Ende "erwischt". Es ist weniger ein Roman über die Erkundung des Weltalls oder Frauen in der NASA, schlussendlich ist es eine Liebesgeschichte, die sich über gesellschaftliche Normen und wirtschaftliche Zwänge hinwegsetzen muss. 

Taylor Jenkins Reid, Atmosphere. avm 2025. 

Monday, July 21, 2025

Alexandra Zykunov - Wir sind doch alle längst gleichberechtigt

In "Wir sind doch alle längst gleichberechtigt" notiert Autorin  Alexandra Zykunov 25 "Bullshitsätze", die frau/man vermutlich alle schon einmal so oder in leicht abgewandelter Form zu hören bekommen hat. Eine Auswahl: 

  • "Hast du ein Glück, dass dein Mann zu Hause so viel mithilft!“
  • „Vermisst du dein Kind nicht, wenn du ein Wochenende lang alleine weg bist?“
  • „Frauen wollen doch die Verantwortung zu Hause gar nicht abgeben!“
  • „Meine Frau hat einfach höhere Sauberkeitsstandards als ich.“
  • „Bist du sicher, dass du so viel verlangen solltest?“
  • „Frauen wollen doch gar keine Karriere machen.“
  • „Viele Mütter basteln und nähen nun mal gern. Lass sie doch!“
  • ...

Zykunov stellt diese Aussagen in typische Kontexte, erläutert sie, beleuchtet mit Hilfe von Studien und anderen Quellen (Nachweise folgen immer am Kapitelende) die Hintergründe und Fakten und hebelt den Bullshit argumentatorisch aus. Dabei schlägt sie einen bewusst leichten Ton an, vieles liest sich wie eine Unterhaltung mit einer guten Freundin, wobei sie oftmals die Gegenargumente vorwegnimmt und das fiktive Gegenüber auflaufen lässt. Zu den meisten Themen hat man eine vage Ahnung, wie die Realität im Jahr 2025 aussieht, allein die Zahlen lassen einen aber mit Kloß im Hals verstummen bzw. durchaus wütend werden. Das Patriarchat lebt und es gibt noch viel zu tun. Dabei lässt die Autorin durchaus gelten, dass Dinge in Bewegung sind, von einer tatsächlichen Gleichberechtigung, gesellschaftlich, rechtlich und finanziell, aber noch lange nicht die Rede sein kann. 
Ich würde das Buch allen empfehlen, Männern und Frauen, um den Bullshit zu erkennen und ihm mit Verstand und Faktenwissen entgegentreten zu können. Für junge Mütter sollte es Pflichtlektüre sein, um nicht in die vielen Fallen zu tappen, die die Gesellschaft für sie bereit hält.

Alexandra Zykunov, Wir sind doch alle längst gleichberechtigt. Ullstein 2022.  

Thursday, July 20, 2023

Katja Lewina - Sie hat Bock

Katja Lewina veröffentlich mit Sie hat Bock eine Sammlung ihrer (zum Teil überarbeiteten und erweiterten) Essays. Laut dem Klappentext führt sie "die Debatte über weibliches Begehren fort und erforscht entlang ihrer eigenen erotischen Biografie, wie viel Sexismus in unserem Sex steckt. Kindliche Masturbation, Gynäkolog*innenbesuche, Porno-Vorlieben oder Fake-Orgasmen: Kein Thema ist ihr zu intim." 
Es ist in der Tat eine ganz beachtliche Bandbreite an Themen, die sie aufgreift. Allen ist gemein, dass sie den Finger darauf legt, wie stark die weibliche Sexualität durch die von patriarchischen Strukturen geprägte gesellschaftliche Norm eingeschränkt wird, wie wenig sich Frauen auch im 21. Jahrhundert ihrer eigenen Körperlichkeit und Lust bemächtigen und tun, was sie wollen und brauchen. Beachtlich finde ich, dass sie dabei sprachlich sehr klar ist und sich um eine Unterfütterung ihrer Behauptungen durch Studien und Quellen bemüht. Ihre persönlichen Erfahrungen und Anekdoten durchbrechen natürlich die Sachebene, aber dadurch sind die Essays auch allesamt gut lesbar und unterhaltsam. Natürlich wäre es ausgesprochen hilfreich, wenn viel mehr Frauen, aber besonders auch die Männer, sich auf diese Weise weiterbilden würden.

Katja Lewina, Sie hat Bock. Dumont 2020.

Sunday, June 11, 2023

Nimko Ali - Worüber wir nicht sprechen sollen - es jetzt aber trotzdem tun

Nimko Ali ist eine britische Aktivistin somalischer Herkunft, die sich auf globaler Ebene für Frauenrechte einsetzt, besonders für das Ende weiblicher Beschneidung. Hierfür gründete sie die Organisation The Five Foundation.
In ihrem Buch Worüber wir nicht sprechen sollen - es jetzt aber trotzdem tun trägt sie die Erfahrungen verschiedener Frauen zu vier einschneidenen Frauenthemen (Periode / Orgasmus / Schwangerschaft / Menopause) zusammen und kommentiert diese Beiträge mit weiteren wissenschaftlichen Erkenntnissen und ermöglicht dadurch einen allgemeineren Kontext zu den teils sehr persönlichen Schicksalen. Die Frauen kommen wortwörtlich und aus der Ich-Perpektive zu Wort und haben verschiedene ethnische und religiöse Hintergründe. Angesichts Nimko Alis eigener Herkunft und Erfahrung sind allerdings Frauen mit Fluchtgeschichte und beschnittene Frauen stärker repräsentiert, was aber deutlich zu befürworten ist, denn im Vergleich wachsen Mädchen in Europa deutlich freier auf und haben oft eine andere Ausgangsposition bei der Entwicklung eines gesunden Verhältnisses zu ihrem Körper. Interessant ist die immer noch deutliche Tabuisierung solcher Themen in der Gesellschaft. Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung sind Frauen, dennoch wird auf ihre körperlichen Besonderheiten in vielerlei Hinsicht gesellschaftlich wenig Rücksicht genommen. Wichtig wäre es, wenn auch Männer dieses Buch lesen und die Inhalte zur Kenntnis nehmen würden - was aber wohl leider nicht sehr wahrscheinlich ist. 

Nimko Ali, Worüber wir nicht sprechen sollen - es jetzt aber trotzdem tun. Goldmann, München 2021.

Wednesday, April 05, 2023

Annie Ernaux - Die Jahre

Die ersten Minuten des preisgekrönten Hörspiels zu Annie Ernaux' Die Jahre waren gewöhnungsbedürftig. Schlag auf Schlag hämmerten Sätze, Erinnerungen, Fragmente auf mich ein, ein intensiver Stream-of-Consciousness mit mehreren Stimmen, der sich aber nach einer Weile zu den familiären Anfängen einer zutiefst persönlichen Lebensgeschichte zusammensetzte, auch wenn niemals das Wort "ich" verwendet wird. Dieser Person widerfährt ein Leben, so hat man den Eindruck, sie treibt in den gesellschaftlichen Konventionen, familiären Überkommnissen und aktuellen Ereignissen dahin, nimmt erst spät sich selbst und ihre Bedürfnisse wahr und selbst dann ist sie sich nicht sicher, ob sie einen Anspruch auf ihr Leben hat.
Das Hörspiel ist vermutlich gekürzt, aber ich denke, es fängt die Atmosphäre und den sprachlichen Gestus sehr präzise ein und ich würde es definitiv weiterempfehlen als guten Zugang zu dem bestimmt etwas sperrig zu lesenden Buch. Insgesamt war es eine faszienierende Erfahrung in Ernaux' Leben in dieser Form einzutauchen und ich kann nachvollziehen, warum das Hörspiel den Deutschen Hörbuchpreis für Bestes Hörspiel (2020) und die Autorin den Nobelpreis für Literatur (2022) erhalten haben. 

Annie Ernaux, Die Jahre. DAV 2019.

Der Grund?

by inbetween, 05/04/2023
#the100daysproject - day 43
 
Christine de Pizan (1364-1429)

Sunday, April 03, 2022

Isabel Allende - Was wir Frauen wollen

Als Was wir Frauen wollen 2020 erschien, war Isabel Allende 78 Jahre alt und glücklich verheiratet mit ihrem dritten Ehemann.
In sehr kurzen Kapiteln, eher Abschnitten oder Gedanken, geht Allende genau der Frage nach, die der Titel suggeriert: Was wollen Frauen eigentlich? Und daran anschließend der Folgefrage: Was hindert Frauen daran, zu bekommen bzw. zu erreichen, was sie wollen? 

Einige der Gedankengänge sind dabei sehr persönlicher und biografischer Natur, sie denkt viel über ihre Mutter, Großmutter und auch die männlichen Familienmitglieder nach, die sie geprägt haben. Dabei ist sie zwar kritisch, aber immer liebe- und verständnisvoll.
Deutlicher wird sie, wenn sie über den Machismo, das Patriarchat spricht. Sie spricht über geschichtliche Zusammenhänge, gesellschaftliche Strukturen und über das Interesse von Männern, diese zu erhalten, weil das bestehende System ihnen Vorteile bringt. Sie rechnet ab mit all den Grausamkeiten, unter denen Frauen fast überall auf der Welt zu leiden haben. Sie spricht über das Recht über den eigenen Körper bestimmen zu können - und denkt dabei über Genitalverstümmelung, Zwangsheirat, Verbot von Abtreibungen, Vergewaltigungen und sexuelle Ausbeutung nach. Sie spricht über Gleichberechtigung - und legt den Finger in die Wunde ungleich bezahlter Arbeit, die immer noch bestehende männliche Dominanz in vielen Berufsfeldern, sei es in der Politik, in der Wirtschaft oder in der Kunst. 

Sie spricht über Feminismus und dass dieser einschüchternd wirke, weil er "radikal daherkommt oder als Hass auf die Männer verstanden wird" - das haben wohl alle, die sich mit Feminismus beschäftigen schon einmal gehört. Sie definiert daher (S.19f.):

"Und worin besteht nun mein Feminismus? Dass es nicht darauf ankommt, was wir zwischen den Beinen, sondern was wir zwischen den Ohren haben. Er ist eine philosophische Haltung und eine Auflehnung gegen die Herrschaft der Männer. Er ist eine Form, die Beziehungen zwischen Menschen zu verstehen und auf die Welt zu schauen, er setzt auf Gerechtigkeit, kämpft nicht nur für die Emanzipation von Frauen, von schwulen, lesbischen und queeren Menschen (LGBTQIA+) und allen anderen, die durch das System unterdrückt werden, sondern von jeder Person, die sich anschließen möchte. Herzlich willkommen, würden die jungen Leute heutzutage wohl sagen: Je mehr wir sind, desto besser."

Einverstanden. 

Natürlich sind Allende Gedanken nicht alle neu und vielleicht sind sie auch nicht an allen Stellen zuende gedacht oder werden zu sehr vermischt mit ihrem eigenen Erleben. Aber es sind auch ihre persönlichen Erinnerungen und Beweggründe zu ihren Gedanken, die Was wir Frauen wollen zu einem besonderen Leseerlebnis werden lassen. Diese teils emotionalen Betrachtungen der gleichzeitig faktisch klar belegbaren Ungleichheit der Geschlechter spiegeln die weibliche Sicht auf die Welt und unterstreichen damit die Notwendigkeit, dass Frauen mehr Macht auf die Geschicke Welt ergreifen müssen, um die Gesellschaft - vielleicht - in eine bessere Zukunft zu lenken. Angesichts der ersten Monate der Corona-Pandemie schließt Allende ihr Buch mit folgendem Gedanken (S. 184f.):

"Wir wollen eine Welt, in der es Schönheit gibt, und nicht nur von der Art, die sich mit den Sinnen erfassen lässt, sondern auch eine Schönheit, die man wahrnimmt, wenn das Herz offen ist und der Geist klar. Wir wollen einen sauberen Planeten, bewahrt vor jeder Form von Aggression. Wir wollen eine Gesellschaftsordnung im Gleichgewicht, die nachhaltig ist und auf Respekt füreinander, für andere Spezies und die Umwelt insgesamt gründet. Wir wollen eine Gesellschaftsordnung, die alle einschließt und keinen bevorzugt, in der niemand diskriminiert wird aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, Klassenzugehörigkeit, Alter oder sonst einem Etikett, das uns auseinanderbringt. Wir wollen eine freundliche Welt, in der Frieden herrscht, Einfühlungsvermögen, Anstand, Aufrichtigkeit und Mitgefühl. Und vor allem wollen wir eine fröhliche Welt. Danach streben wir guten Hexen. Was wir uns wünschen, ist kein Luftschloss, es ist ein Vorhaben. Zusammen können wir Frauen das erreichen."

Isabel Allende, Was wir Frauen wollen. Suhrkamp, Berlin 2021.

Saturday, November 20, 2021

Khaled Hosseini - Tausend strahlende Sonnen

Khaled Hosseinis Tausend strahlende Sonnen (2003) ist der zweite Roman des Schriftstellers nach Drachenläufer, dem interenationalen Bestseller.
Der Roman erzählt die Lebensgeschichten zweier Frauen in Afghanistan, die zunächst sehr unterschiedlich aufwachsen, um dann in einer sehr schwierigen Situation in Freundschaft zueinander zu finden.
Eine der Frauen ist die unehelich geborene Mariam. Als ihre Mutter sich umbringt, ist sie gerade 15 Jahre alt. Ihr Vater will sich nicht in seine Familie aufnehmen und verheiratet sie mit dem viel älteren Rashid, mit dem sie fortan in Kabul lebt. Als sich Rashids Hoffnungen, die junge Frau möge ihm einen Sohn schenken, zerschlagen, straft er sie mit Verachtungen, Erniedrigungen und Gewalt.
Laila hingegen wächst glücklich in einer liberalen Familie auf, der Vater legt viel Wert auf ihre Bildung. Als Laila in einem Bombardement ihre Eltern verliert, nimmt Rashid sie bei sich auf, pflegt sie und heiratet sie schließlich als seine Zweitfrau. Erst betrachten sich die beiden Frauen nur mit Hass, doch die schlechte Behandlung durch ihren Ehemann schweißt sie schließlich zusammen.
Parallel zu dieser sehr persönlichen und teils sehr erschütternden Handlung mit dramatischen Gewaltszenen gegenüber Frauen wird auch die Geschichte Afghanistans (beginnend in den 70er Jahren bis 2003) erzählt. Dabei legt der Autor den Fokus auf den Einfluss, den die jeweiligen Herrschaftssysteme und der Krieg auf die Frauen haben. Beeindruckend ist dabei der Wille beider, immer wieder Hoffnung zu hegen und für die Kinder Zukunftsperspektiven zu schaffen - auch angesichts der schwierigsten Situationen und Bedrohungen. Mit Mariam und Laila hat Hosseini beeindruckende Protagonistinnen und fiktionale Zeuginnen der afghanischen Geschichte geschaffen, der Roman endet mit einem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.
Angesichts der jüngsten Entwicklungen in Afghanistan nach dem Abzug der NATO-Truppen und erneuten Machtübernahme der Taliban wird sich die Hoffnung Lailas auf ein friedliches Afghanistan mit Bildung und Chancen für alle - und besonders für Mädchen und Frauen - wohl kaum erfüllen.

Khaled Hosseini, Tausend strahlende Sonnen. Steinbach sprechende Bücher 2008.

Monday, July 12, 2021

Rita Mae Brown - Rubinroter Dschungel

Die Taschenbuchausgabe von 2018 titelt den Klappentext von Rubinroter Dschungel mit "Der Klassiker der amerikanischen Frauenliteratur". Das war bei dem Erscheinen des Romans 1973 sicherlich nicht absehbar. Die von Rita Mae Brown in ihrem Roman portraitierte Gesellschaft hätte dies auch nicht ertragen. 

Beginnend in den 50er Jahren erleben wir, wie Molly Bolt schon in ihrer Kindheit entdeckt, dass sie anders ist und Mädchen liebt. Ihre Unangepasstheit und ihr starker Wille zur Selbstverwirklichung belasten die Beziehung zu ihrer (Adoptiv-) Mutter sehr, erst spät kann eine Art Versöhnung stattfinden. Mollys sexuelle Erfahrungen mit Mädchen und Jungen werden recht offen geschildert, was in den 70er Jahren durchaus noch für Aufregung gesorgt haben sollte. Anhand von Mollys Lebensstationen wird die Rolle der Frau (hetero, Ehefrau und Mutter, eher nicht berufstätig) beleuchtet und rigoros von ihr abgelehnt - und zwar nicht nur wegen ihrer sexuellen Orientierung, sondern wegen des Lebensentwurfs an sich. Molly will mehr, sie will Selbstbestimmung und Freiheit auf allen Ebenen und sich dafür auch nicht verbiegen müssen. So wählt sie manches Mal nicht den leichten, sondern den schwereren Weg. 

Das Label "Frauenliteratur" passt sicher, denn Molly kämpft nicht nur für ihre Rechte als homosexuelle Frau, sondern für ihre Chance als Frau in der männerdomonierten Gesellschaft. Und diese Botschaft hat noch immer Gültigkeit, auch wenn uns die Schilderungen von Mollys Erfahrungen heute deutlich weniger schocken. Dennoch bleibt nach dem Lesen das Gefühl zurück, dass leider noch längst nicht alles erreicht ist, wovon Molly träumt. Wie tolerant ist Gesellschaft heute? Rechtlich mag sich einiges verschoben haben, aber in den Köpfen der Menschen brauchen diese Prozesse unendlich lange. Nicht zuletzt deswegen ist der "Klassiker" - neben seinem historischen Wert - auch immer noch lesenswert.  

Rita Mae Brown, Rubinroter Dschungel. Ullstein, Berlin 2018. 

Sunday, November 29, 2020

Margot Lee Shetterly - Hidden Figures

Margot Lee Shetterly berichtet von der Geschichte der amerikanischen Raumfahrt aus der Perspektive der menschlichen "Computer" - eine Gruppe von Frauen, die in Langley für die NACA (später NASA) komplexe Berechnungen anstellt, um die ersten Flüge ins Weltall zu ermöglichen. Dabei konzentriert sich die Autorin auf die Beteiligung der afro-amerikanischen Frauen, die die Arbeit von Mathematikern erfüllten und auch in anderen Bereichen einen nicht zu unterschätzenden Anteil an den amerikanischen Raumfahrtprogrammen hatten.
Gleichzeitig ist Hidden Figures auch eine Geschichte des Kampfes um Gleichberechtigung und dem Ende der Segregation  und vor allem auch dem Recht auf gleiche Bildungschancen. Sie verdeutlicht dabei, wie viel mehr Schwarze - und besonders schwarze Mädchen und Frauen - leisten mussten, um im Rahmen ihres eingeschränkten und benachteiligten Bildungssystems den gleichen Bildungsgrad und eine gleichwertige Anerkennung desselben zu erlangen. Dies war eine nahezu unmögliche Herausforderung, was die Leistungen der schwarzen Mathematikerinnen bei NACA noch stärker heraustreten lässt. 

Vor diesem Hintergrund ist Shetterlys Buch eine großartige Zusammenfassung dieses Kampfes um Bildung, eine nachträgliche Wertschätzung der Leistungen dieser Frauen und im aktuellen Zusammenhang mit der erneuten Diskussion um Chancengleichheit in den USA ein wertvoller Beitrag. 

Andererseits ist es aus der Perspektive des Lesers ein sperriges Buch, das nicht ganz Sachbuch ist, für einen Roman aber deutlich einen zusammenhängenden Plot und Spannungsaufbau vermissen lässt. Die drei Protagonistinnen werden geschildert, werden aber nicht lebendig, man behält eine Distanz zu ihnen. Man hat Hochachtung vor ihren Leistungen, erfährt Details der Schwierigkeiten, die sie zu überwinden hatten, aber bleibt dennoch auf einer Sachebene, die wenig Emotionen auslöst. Hinzu kommt eine Tendenz, einige Aspekte mehrfach aufzuarbeiten, eine Redundanz, die auf Kosten der Lesbarkeit geht.
So habe ich schließlich auch einige Passagen und Kapitel mehr überflogen als gelesen und zum Abschluss den Film von Theodor Melfi (siehe Buchcover) angesehen, der mir gut gefallen hat. Insgesamt ist es ein interessantes Thema, das erzählerisch in Romanform sicherlich hätte besser dargestellt werden können, mich in dieser Form als Sachbuchs mit erzählerischen Anteilen nicht ganz überzeugen konnte. 

Margot Lee Shetterly, Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen. Harper Collins 2017.

 

Saturday, January 07, 2017

Isabel Allende - Das Geisterhaus

Das Geisterhaus hat seinen Ursprung in einem Brief an Isabel Allendes sterbenden Großvater in Chile, während sie im Exil in Venezuela lebte und weist daher zahlreiche biographische Bezüge auf. Es erzählt die Geschichte einer chilenischen Familie in einem zeitlichen Rahmen von 1920 bis zum Beginn des Pinochet-Regimes 1973. Neben der zentralen Figur des Esteban Trueba, des ehrgeizigen, aber auch jähzornigen Familienoberhaupts, sind es die Frauen, aus deren Perpektive erzählt wird,Clara, Blanca und Alba. Jede versucht auf ihre Weise sich im bestehenden System selbst zu verwirklichen und zu überleben. Ihre Schicksale sind untrennbar mit den Familienstrukturen und dem politischen Geschehen in Chile verbunden.

In der Hörspielbearbeitung von Walter Adler kann den unterschiedlichen Perspektiven durch die verschiedenen Sprecher und Sprecherinnen Rechnung getragen werden, es entsteht eine sehr persönliche Atmosphäre, die natürlich nicht nur durch die Stimmen, sondern auch durch Allendes Schreibstil erzeugt wird.
Die Wiederbegegnung mit dem Roman in dieser Fassung hat mir Freude bereitet: Da die erste Lektüre viele Jahre zurück lag, konnte ich mich nur noch vage an die Inhalte erinnern, allerdings durchaus daran, dass mir die Figuren und der Stil gefallen haben. Es ist schön, dies bestätigt zu sehen.

Isabel Allende, Das Geisterhaus. Hörverlag 2010.

Friday, April 08, 2016

Virginia Woolf - Ein eigenes Zimmer


Porträt Virginia Woolf, 1902. Fotografie von George Charles Beresford
Eine Leseliste, wie die der Bücherkultur Challenge, führt zu einer Beschäftigung mit literarischen Werken, die man bislang vielleicht links liegengelassen hat.
Virginia Woolf (1882-1941, britische Schriftstellerin und Verlegerin) gehört zu den unerwarteten Entdeckungen auf dieser Klassiker-Reise. Das Essay Ein eigenes Zimmer (A Room of One’s Own) von 1929 gehört zum Lesekanon der modernen Frauenbewegung. Woolf hatte den Auftrag einen Vortrag zum Thema Frauen und Literatur zu schreiben, setzte dies aber in besonderer und besonders eindrücklicher Form um. Sie selbst wuchs noch unter dem Einfluss der viktorianischen Zeit auf, weswegen sie als Mädchen eine andere Bildung erfuhr als die Jungen zu der Zeit. Nach dem ersten Weltkrieg und durch die Veränderungen im englischen Recht (wie zum Beispiel dem Wahlrecht, freie Berufswahl und dem Recht auf Besitz) war es ihr möglich, eine Karriere als Schriftstellerin zu verfolgen.
Ihr Essay greift die Problematik der in der Bildung benachteiligten Frauen auf und reflektiert, was diese Benachteiligung und vor allem auch materielle Abhängigkeit von Männern für die schriftstellerische Arbeit der Frauen bedeutet. Sie haben nicht nur mit den allgemeinen Hürden des Schreibens an sich zu kämpfen, sondern können auch auf weniger Vorbilder und Traditionen zurückblicken. Zudem sieht Woolf in dem "eigenen Zimmer" eine Grundvoraussetzung, um das Schreiben überhaupt zu ermöglichen. Das "eigene Zimmer" steht als Metapher für Privatsphäre und Unabhängigkeit, im geistigen wie im materiellen Sinne. Erst dann kann es Frauen möglich sein zu schreiben. Sie thematisiert auch, dass die Verantwortung für Familie und Haushalt zu haben, dieser Unabhängigkeit konträr gegenübersteht und das Schreiben verhindert.
Der gesamte Text des Essays steckt voll interessanter Thesen und Ideen, ist für seine Entstehungszeit 1929 höchst visionär und (leider) auch immer noch aktuell. Es ist sicher ein Text, der auch eine wiederholte Beschäftigung verdient hat und sein hoher Rang in Bezug auf die Frauenbewegung und die Frauenliteratur ist absolut nachvollziehbar.