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Friday, July 23, 2021

Tayari Jones - In guten wie in schlechten Tagen

Tayari Jones‘ Roman In guten wie in schlechten Tagen gewann 2019 den Women’s Prize for Fiction, ein Literaturpreis, der geschaffen wurde, um einen Kontrapunkt zu setzen gegen die Männerdominanz bei der Verleihung der großen Literaturpreise, obwohl oft deutlich mehr als 50% der Bücher von Frauen verfasst werden.

Während der deutsche Titel das Thema nur im übertragenen Sinne nennt, ist der originale Buchtitel eindeutig: An American Marriage. Eine Ehe, nämlich die von Roy und Celestial, wird auf die Probe gestellt, als Roy (als schwarzer Mann) unschuldig für eine Vergewaltigung verurteilt wird und ins Gefängnis muss. Ein weiterer wichtiger Charakter des Buches – neben den Eltern des Paares - ist der Nachbar und Freund der beiden, Andre. Man kann sich mit diesem Wissen den größten Teil des Plots bereits denken. Erzählt wird in Form von Briefen und abwechselnd aus der Ich-Perspektive der drei Protagonisten. Schlussendlich wird Roy doch freigesprochen und kehrt zurück zu den Ruinen seiner Ehe, deren Zukunft in einer Art Showdown entschieden wird.

Die Perspektivwechsel erlauben eine vielschichtige Wahrnehmung dieser unfassbar ungerechten Situation, in die alle Beteiligten durch Roys Verurteilung geraten. Zwar trägt er im Gefängnis eine andere Last als seine Ehefrau oder seine Eltern, aber die Tatsache beeinflusst mehr als ein Leben. Die Autorin versucht, die Entscheidungen aller durch die sehr persönliche Erzählweise plausibel zu machen und dies gelingt ihr auch weitgehend. Ich kann allerdings nicht sagen, dass ich deswegen ein größeres Verständnis für die Protagonisten erlangt habe, viele Überlegungen blieben für mich dennoch unplausibel bzw. sogar fragwürdig. Vor allem Celestials Gefühle gaben mir von Anfang bis Ende Rätsel auf. Beeindruckend sind in In guten wie in schlechten Tagen aber die Sinnfragen und gesellschaftlichen Fragen, die sich aus dem Roman heraus ergeben: Wie ist (beruflicher) Erfolg zu definieren? Was sind die richtigen Ziele? Wieso stellen sich manche Lebensziele aus afroamerikanischer Sicht so völlig anders dar? Was macht eine gute Ehe/Beziehung aus? Wieviel im Leben hängt vom richtigen Timing oder gar vom Zufall ab?  - Diese Fragen mögen noch nachklingen, lange nachdem man den Roman beiseitegelegt hat, unabhängig von Plot und Charakteren. Und das ist eine ganz beachtliche Leistung der Autorin.

Tayari Jones, In guten wie in schlechten Tagen. Arche, Zürich 2019.

Saturday, April 03, 2021

T.C. Boyle - In der Zone

Die Kurzgeschichte In der Zone von T.C. Boyle handelt von Mascha, die drei Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl in ihr Heimatdorf zurückzukehrt. Ihr Nachbar Leonid begleitet sie, beide glauben fest daran, ihr Zuhause wieder in Besitz nehmen zu können, allen Warnungen zum Trotz. Den Gefahren, die andere ihnen ausmalen, begegnen sie In der Zone nicht, statt dessen richten sie sich in einer verwilderten Version der alten Heimat wieder ein. Nur als eines Tages auch eine junge Familie mit zwei Kindern in das Dorf kommen, kommen Mascha Zweifel, ob diese dort sicher sind. 

Die Ähnlichkeiten dieser wirklich sehr kurzen Story mit Alina Bronskys Roman Baba Dunjas letzte Liebe sind gelinde gesagt irritierend. Es ist so, als hätte T.C. Boyle einen knappen Entwurf geschrieben, den Bronsky ausgearbeitet hat. Natürlich ist Baba Dunja eine weitaus besser konzipierte Protagonistin, ihre Beziehungen sind vielschichtiger, es gibt Handlung. Letztere kommt auf den 23 Seiten von In der Zone nicht zustande, ich würde sogar so weit gehen, dass von einer Kurzgeschichte mit einem Wendepunkt und einem wichtigen Moment im Leben des Protagonisten nicht die Rede sein kann, da wirklich so gut wie nichts geschieht. Dennoch ist das Setting ähnlich genug, um zu vermuten, dass Bronsky die 2012 veröffentliche Geschichte vielleicht gelesen hat, bevor sie ihren Roman verfasste, der 2015 erschien. 

Mag das sein, wie es ist, Boyle fand seine Idee offensichtlich nicht interessant genug, um daraus einen Roman zu machen - wie er diese dann in In der Zone umsetzte, ist nicht überzeugend. Dann kann man lieber Bronsky lesen. 

T.C. Boyle, In der Zone. Hanser, München 2012.


Thursday, December 31, 2020

Results: SuB-Abbau-Punkte-Challenge 2020

Die SuB-Abbau-Punkte-Challenge 2020 ist eine Challenge der "Mitlesezentrale", einer Lesegemeinschaft auf goodreads.com. Es geht darum, den Stapel ungelesener Bücher (SuB) zu verkleinern, indem man durch die Punktevergabe der Challenge dazu motiviert wird, auch ältere Bücher zu lesen.

Wie man an den untenstehenden
Ergebnissen sehen kann, gab es einige ergiebige und einige sehr schwache Monate, wofür es unterschiedliche Gründe gab. Insgesamt werte ich die Teilnahme an der Challenge mit einer Gesamtpunktzahl von 291 Punkten als Erfolg, weil tatsächlich einige "SuB-Leichen" nun gelesen sind, wenngleich der SuB deswegen in 2020 nicht unbedingt kleiner geworden ist, aber daran ist ja nicht die Challenge schuld! Ich möchte definitiv in 2021 wieder mitmachen.

Punkte und Regeln für die Challenge 

Punkte:
  • Buch erfüllt die Monatsaufgabe: 2 Punkte
  • Buch lag bereits vor 2020 auf dem SuB: 1 Punkt oder
  • Buch lag bereits vor 2019 auf dem SuB: 2 Punkte
Zusatzpunkte, die es nur gibt, wenn das Buch schon vor 2020 auf dem SuB lag:
  • Buch hat über 400 Seiten / 12 Stunden: + 1 Punkt
  • Buch hat über 500 Seiten / 16 Stunden: + 2 Punkte
  • Buch hat über 600 Seiten / 20 Stunden: + 3 Punkte
  • Buch wurde in einer Leserunde gelesen: + 1 Punkt
  • Buch passt zum Monatsthema: + 1 Punkt
Regeln:
  • Rereads zählen nicht
  • abgebrochene Bücher zählen ab 50 gelesenen Seiten (keine Zusatzpunkte für die Seitenzahl)
  • ausgeliehene Bücher zählen nur, wenn sie bereits vor 2020 auf dem SuB lagen
  • Mangas, Comics, etc. zählen (keine Zusatzpunkte für die Seitenzahl)
  • für die Punktevergabe zählt der Monat, in dem das Buch beendet wurde
Monatsaufgaben:
  • Januar: Buch aus einer Reihe
  • Februar: Wälzer (mehr als 500 Seiten)
  • März: SuB-Leiche
  • April: Debutroman
  • Mai: erschienen vor 2000
  • Juni: Einworttitel
  • Juli: zufälliges Buch
  • August: neuer Autor
  • September: Mehrworttitel
  • Oktober: Einzelband
  • November: im Original weder Deutsch noch Englisch
  • Dezember: Weniger als 200 Seiten

Wednesday, December 30, 2020

SuBAP-Challenge: Stand Dezember 2020

Besonders gegen Ende des Monats konnte ich mit einigen Weihnachtsbüchern (kurz, daher auch noch extra Punkte durch die Monatsaufgabe "weniger als 200 Seiten") die Gesamtbilanz etwas verbessern und schließe den Dezember mit 28 Punkten ab.

Buch 1:  Margaret Atwood  - Die Zeuginnen
- auf dem SuB seit 2019: 1 Punkte
- über 500 Seiten: 2 Punkte
Buch 2: Hansjörg Schertenleib - Das Regenorchester
- auf dem SuB seit 2019: 1 Punkt
- erfüllt die Monatsaufgabe: 2 Punkte
Buch 3: Friedrich Wolf - Die Weihnachtsgans Auguste
- auf dem Sub seit vor 2019: 2 Punkte
- erfüllt die Monatsaufgabe: 2 Punkte
Buch 4: Joachim Wahnschaffe - 100 Fragen an Weihnachten
- auf dem SuB seit 2019: 1 Punkt
- erfüllt die Monatsaufgabe: 2 Punkte
Buch 5: Sophie Kinsella - Frag nicht nach Sonnenschein
- auf dem SuB seit vor 2019: 2 Punkte
- über 500 Seiten: 2 Punkte
Buch 6: E.M. Forster - Die Maschine steht still
- auf dem SuB seit vor 2019: 2 Punkte
- erfüllt die Monatsaufgabe: 2 Punkte
Buch 7: Katrine Engberg - Blutmond
- auf dem SuB seit 2019: 1 Punkt
- über 500 Seiten: 2 Punkte
Buch 8: Jan Weiler - Berichte aus dem Christstollen
- auf dem SuB seit 2019: 1 Punkt
- erfüllt die Monatsaufgabe: 2 Punkte
Buch 9: David Foster Wallace - Unendlicher Spaß
- auf dem SuB seit 2019: 1 Punkt

Sunday, December 27, 2020

Jan Weiler - Berichte aus dem Christstollen

Jan Weiler unterhält den Leser in Berichte aus dem Christstollen mit Anekdoten aus der Weihnachtszeit, die er mit seiner Familie erlebt. Sie alle haben den selbstironischen Unterton, den man aus Weilers Kolumnen kennt. Durchaus unterhaltsam, aber keine literarische Höchstleistung - die vermutlich auch gar nicht angestrebt war. 

Jan Weiler, Berichte aus dem Christstollen. Rowohlt, Hamburg 2013. 

Saturday, December 26, 2020

Katrine Engberg - Blutmond

Auch in ihrem zweiten Fall Blutmond suchen Jeppe Kørner und Anette Werner nach einem Serienmörder. Einfach, aber grausam werden Mitglieder der dänischen Fashionszene ermordet. Jeppe fühlt sich unwohl mit dem Fall, denn sein guter Freund Johannes kannte die Opfer - ist er in die Geschehnisse verwickelt?
Schließlich ist es Esther, die Romanautorin aus dem ersten Band Krokodilwächter, die zusammen mit ihrem Mitbewohner Gregers eine entscheidende Verbindung zwischen den Opfern entdeckt und damit den Ermittlungen eine erfolgversprechende Richtung gibt. Doch es gibt gleich mehrere Verdächtige und so verfolgt man mit Jeppe und Anette die verschiedenen Fährten, um am Ende nach einem entsprechenden Showdown mit einer überraschenden Aufklärung aufzuwarten. 

Der zweite Krimi der dänischen Schauspielerin und Autorin Katrine Engberg bietet Spannung, gut angelegte, authentische Charaktere und einen ordentlichen Plot. Die Lesung von Dietmar Bär ist wunderbar wie immer. 

Katrine Engberg, Blutmond. Der Audio Verlag 2018.

Wednesday, December 23, 2020

E.M. Forster - Die Maschine steht still

Die in ihrer Kürze sehr beeindruckende Kurzgeschichte Die Maschine steht still von E.M. Forster (1879-1970) wurde erstmals 1909 veröffentlicht. Darin wird geschildert, wie eine unterirdisch, in kleinen Zellen lebende Menschheit von "der Maschine" versorgt wird. Diese wurde von der Menschheit zu eben diesem Zweck erschaffen, aber sie kontrollieren sie nicht mehr. Verschiedene technische und technologische Errungenschaften füttern die in Selbstisolation lebenden Menschen mit Nahrung und ermöglichen Informationsaustausch und Kommunikation über etwas, das entfernt an das Internet und Messengerdienste erinnert. Reale physische Kontakte kommen so gut wie nicht vor, da sich die Menschen kaum aus ihren Zellen bewegen und sich vor dem Draußen sogar fürchten.
So hat die Protagonistin Vashti ihren Sohn Kuno jahrelang nicht gesehen, bis er sie drängt, sie zu besuchen, was sie nur widerwillig tut. Sie ist entsetzt, als er ihr von seinem nicht genehmigten Ausflug auf die Erdoberfläche berichtet und distanziert sich von ihm.
Die Kurzgeschichte endet mit dem Zusammenbruch des Systems und erfüllt damit den Titel - Die Maschine steht still. Die Menschen geraten in Panik und Kuno und Vashti erkennen in ihren letzten Augenblicken, dass persönliche Beziehungen am wertvollsten sind und die Maschine ein Irrtum war.

Selbstgewählte, totale mentale Abhängigkeit von technischen Geräten, die uns von den wahrlich wichtigen Beziehungen in unserem Leben ablenken, wahre Kommunikation und Begegnung verhindern. Es ist erschreckend, was uns eine über 100 Jahre alte Dystopie vor Augen führen kann.
[legt Smartphone zur Seite...]

E.M. Forster, Die Maschine steht still. Hoffmann und Campe, Hamburg 2016.

Monday, December 21, 2020

Sophie Kinsella - Frag nicht nach Sonnenschein

Für die Popsugar Reading Challenge 2020 musste noch ein Buch her, in dem Social Media vorkommen. Fangirl von Rainbow Rowell, das hierfür eingeplant war, konnte wegen des Lockdowns leider nicht mehr aus der Bibliothek ausgeliehen werden. Also her mit ChickLit - Sophie Kinsellas Frag nicht nach Sonnenschein, das befindet sich auch schon lange auf dem SuB. 

Katie Brenner ist Somerset entflohen und hat endlich den ersehnten Job in London bekommen! Doch im Gegensatz zu ihrem glänzenden, heiteren Instagram-Account ist nicht alles so super. Sie lebt in einer ätzenden Wohnung weit weg von ihrem Arbeitsplatz und muss sich tagtäglich verbiegen, um ihre Herkunft zu verstecken und cooler zu wirken als sie ist. Der Job ist auch nicht der Traum, ihre Chefin ist unberechenbar und nimmt sie und ihre Qualitäten nicht wahr. Eh man sich versieht, ist sie den Job aber auch wieder los und zurück in Somerset, wo sie mal eben für ihren Vater einen Glampingplatz aufmacht - kein Schreibfehler. Es folgen noch ein paar Irrungen und Wirrungen, ein gutaussehender, aber zunächst unpassender Mann spielt natürlich auch eine Rolle... bis dann schließlich das von Anfang an erwartetete und logische Happy End eintritt. 
Nichts ist wirklich überraschend oder ungewöhnlich an diesem Roman, der aber auch nur eines will, nämlich entspannte Unterhaltung bieten. Das erfüllt die Autorin allerdings zuverlässig, alle Elemente sind vorhanden: die verpeilte, aber liebenswerte Protagonisten, die noch herausfinden muss, was gut für sie ist, die zickige Gegenspielerin und der gutaussehende Mann fürs Leben - dazu eine leicht schräge Rahmengeschichte, hier eben die Werbewelt und der Glampingplatz, alles gewürzt mit einer Prise Humor. 
Es ist nicht mein bevorzugtes Genre, aber es ist auch entspannend, sich mal so einer Story hinzugeben, zumal Kinsellas Charaktere nicht allzu furchtbar stereotyp waren. Naja, eigentlich doch... ach, egal. 
 
Sophie Kinsella, Frag nicht nach Sonnenschein. Goldmann, München 2017.

Sunday, December 20, 2020

Friedrich Wolf - Die Weihnachtsgans Auguste

Friedrich Wolf (1988-1953) veröffentlichte Die Weihnachtsgans Auguste im Jahr 1946 als Teil des Buches Märchen für große und kleine Kinder. Es gab außerdem 1959 ein Hörspiel im Rundfunk der DDR, dem mehrere Fernsehspiele und Trickfilme folgten. Besonders der Kinderfilm von Bodo Fürneisen von 1988 ist immer noch beliebt.
Vater Löwenhaupt kauft schon früh eine lebende Gans, die er sich als köstlichen Festtagsbraten zu Weihnachten vorstellt. Erst soll die Gans, von den Kindern Auguste/Gustje getauft, im Kartoffelkeller wohnen, doch die Kinder gewinnen die Gans so lieb, dass sie schließlich im Kinderzimmer schläft und natürlich - trotz der Widerstände des Vaters - nicht gegessen werden kann.
Die Geschichte funktioniert auch über 70 Jahre nach ihrem Erscheinen noch. Die Illustrationen stammen von Willi Glasauer (*1938) und erschaffen mit Liebe zum Details ihre eigene, historisch-klassische Atmosphäre.

Friedrich Wolf, Die Weihnachtsgans Auguste. Aufbau, Berlin 2011.

Hansjörg Schertenleib - Das Regenorchester

Ein Schweizer in Irland gibt sich ganz dem Schmerz hin, nachdem seine Frau in kürzlich verlassen hat. Per Zufall er Niamh, einer sechzigjährigen Irin, die ihn auswählt, um ihm ihr Leben zu erzählen. In ihren Erzählungen erleben wir die Schicksale einer typischen irischen Familie, aber auch ihre ganz persönliche Lebens- und Liebesgeschichte. Dankbar über die Ablenkung lässt sich der Schriftsteller, der von Niamh kurzerhand Sean genannt wird, auf ihre Geschichte ein, findet Freundschaft und schlussendlich eine neue Sichtweise auf das eigene Leben.
Sprachlich hat mir der Roman Freude bereitet, auch die Schilderungen der irischen Landschaften und Stimmungen gefiel mir. Die Musik des Regenorchesters, mit dem Hansjörg Schertenleib seinen Roman enden lässt, klingt mir fast im Ohr. 

Hansjörg Schertenleib, Das Regenorchester. Aufbau, Berlin 2014.


 

Saturday, December 19, 2020

Margaret Atwood - Die Zeuginnen

Fast 35 Jahre nach der Publikation von Der Report der Magd (1985) veröffentlichte Margaret Atwood einen Folgeband zu der Geschichte des dystopischen Gileads. In ihrem Nachwort zu Die Zeuginnen begründet sie dies auch mit den wiederkehrenden Fragen der Leserschaft nach dem Schicksal der Magd und ihrer Kinder. Man könnte aber auch den Eindruck haben der große Erfolg der Fernsehserie habe etwas damit zu tun...

Gilead 15 Jahre später. Einige der Protagonistinnen sind uns bekannt, andere kommen neu hinzu. Zwei Teenager, eine in Gilead, eine in Kanada (!) und Tante Lydia sind die hauptsächlichen Erzählerinnen, hinzu kommen weitere "Dokumente" des Geschehens. Ihre Schicksale werden miteinander verwoben, um vom zunehmenden Verfall Gileads zu berichten, das sich aus dem Inneren heraus selbst zersetzt. Die Perspektiven dieser Zeuginnen sind gut angelegt und zeichnen im Wechsel ihrer Erzählungen durchaus eine spannende Geschichte, wenngleich der Ausgang dieser durchaus vorhersehbar ist. Es stellt sich jedoch keine vergleichbare Identifikation mit der Geschichte ein, wie das bei Der Report der Magd der Fall war. Dort war es gerade der intensive Erzähl- und Gedankenstrom von Desfred, der den Leser mit in die Ungerechtigkeit dieser Gesellschaft und die Ohnmacht der Erzählerin hineinnahm. Diese Identifikation findet mit keiner der Protagonistinnen von Die Zeuginnen statt, dafür bleiben die beiden Mädchen zu hölzern und fast stereotypisch und Tante Lydia ist eine offensichtlich unzuverlässige Erzählerin, das man ihr nicht über den Weg traut. Befremdlich fand ich auch den geschichtlich-futuristischen Überbau, den Atwood ans Ende stellt - alles sind nur Dokumente, die in einer fernen Zukunft analysiert und gedeutet werden, Wahrheitsgehalt unklar - was aber durch die individuelle Note der einzelnen Erzählstränge sowieso schon so angelegt war. 

Zwar war Die Zeuginnen kein durchweg schlechtes Buch, bleibt aber hinter der literarischen Qualität des Vorgängers deutlich zurück. Wenn man fies sein will: Vielleicht hätte Atwood es doch besser nicht nur schnell auf der Parkbank zusammengeschrieben...

Margaret Atwood, Die Zeuginnen. Osterwold 2019.


Tuesday, December 01, 2020

SuBAP-Challenge: Stand November 2020

Es war ein unergiebiger Lesemonat und obwohl sich  bestimmt im Original nicht-deutsche oder nicht-englische Titel gefunden hätten, habe ich die Monatsaufgabe des Monats November mit keinem Buch erfüllt. Allerdings habe ich Michelle Obamas Becoming beendet, so dass es zumindest einmal zum Monatsthema passte. Insgesamt habe ich nur vier Bücher vom SuB mit neun Punkten beendet, konnte aber für die Popsugar Challenge einiges abhaken.

Buch 1:  Thomas Hettche - Pfaueninsel
- auf dem SuB seit vor 2019: 2 Punkte
Buch 2: Michelle Obama - Becoming
- auf dem SuB seit 2019: 1 Punkt
- über 500 Seiten: 2 Punkte
- passt zum Monatsthema: 1 Punkt
Buch 3: Jojo Moyes - Kleine Fluchten
- auf dem SuB seit vor 2019: 2 Punkte
Buch 4: M.L. Shetterly - Hidden Figures
- auf dem SuB seit 2019: 1 Punkt

Sunday, November 29, 2020

Margot Lee Shetterly - Hidden Figures

Margot Lee Shetterly berichtet von der Geschichte der amerikanischen Raumfahrt aus der Perspektive der menschlichen "Computer" - eine Gruppe von Frauen, die in Langley für die NACA (später NASA) komplexe Berechnungen anstellt, um die ersten Flüge ins Weltall zu ermöglichen. Dabei konzentriert sich die Autorin auf die Beteiligung der afro-amerikanischen Frauen, die die Arbeit von Mathematikern erfüllten und auch in anderen Bereichen einen nicht zu unterschätzenden Anteil an den amerikanischen Raumfahrtprogrammen hatten.
Gleichzeitig ist Hidden Figures auch eine Geschichte des Kampfes um Gleichberechtigung und dem Ende der Segregation  und vor allem auch dem Recht auf gleiche Bildungschancen. Sie verdeutlicht dabei, wie viel mehr Schwarze - und besonders schwarze Mädchen und Frauen - leisten mussten, um im Rahmen ihres eingeschränkten und benachteiligten Bildungssystems den gleichen Bildungsgrad und eine gleichwertige Anerkennung desselben zu erlangen. Dies war eine nahezu unmögliche Herausforderung, was die Leistungen der schwarzen Mathematikerinnen bei NACA noch stärker heraustreten lässt. 

Vor diesem Hintergrund ist Shetterlys Buch eine großartige Zusammenfassung dieses Kampfes um Bildung, eine nachträgliche Wertschätzung der Leistungen dieser Frauen und im aktuellen Zusammenhang mit der erneuten Diskussion um Chancengleichheit in den USA ein wertvoller Beitrag. 

Andererseits ist es aus der Perspektive des Lesers ein sperriges Buch, das nicht ganz Sachbuch ist, für einen Roman aber deutlich einen zusammenhängenden Plot und Spannungsaufbau vermissen lässt. Die drei Protagonistinnen werden geschildert, werden aber nicht lebendig, man behält eine Distanz zu ihnen. Man hat Hochachtung vor ihren Leistungen, erfährt Details der Schwierigkeiten, die sie zu überwinden hatten, aber bleibt dennoch auf einer Sachebene, die wenig Emotionen auslöst. Hinzu kommt eine Tendenz, einige Aspekte mehrfach aufzuarbeiten, eine Redundanz, die auf Kosten der Lesbarkeit geht.
So habe ich schließlich auch einige Passagen und Kapitel mehr überflogen als gelesen und zum Abschluss den Film von Theodor Melfi (siehe Buchcover) angesehen, der mir gut gefallen hat. Insgesamt ist es ein interessantes Thema, das erzählerisch in Romanform sicherlich hätte besser dargestellt werden können, mich in dieser Form als Sachbuchs mit erzählerischen Anteilen nicht ganz überzeugen konnte. 

Margot Lee Shetterly, Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen. Harper Collins 2017.

 

Sunday, November 15, 2020

Jojo Moyes - Kleine Fluchten

 Neun sehr kurze Kurzgeschichten von der Chick-Lit Autorin Jojo Moyes. Es hat ein pinkes Cover und es war das einzige Buch auf meinem SuB mit einem pinken Cover - und musste daher herhalten für die Erfüllung eines der Aufgaben der Popsugar Reading Challenge. Zum Glück hat es nur 144 Seiten und war schnell gelesen. Die enthaltenen Geschichten sind zuvor in anderen Kontexten oder Anthologien erschienen. Es handelt sich um:

  • Der Mantel vom letzten Jahr
  • Ein Spatz in der Hand
  • Der Wunschzettel
  • Krokodilsschuhe
  • Liebe am Nachmittag
  • Holdups
  • Dreizehn Tage mit John C
  • Between the Tweets
  • Margot

Die Protagonistinnen befinden sich meistens in einer eher düsteren oder unzufriedenen Phase ihres Lebens, wenn ihnen etwas Unvorhergesehenes passiert: Vertauschte Schuhe, ein gefundenes Handy, eine Begegnung mit einem Taxifahrer... Zum Teil sind es sogar interessante Ideen mit Potential, allerdings sind die Figuren recht gewöhnlich, handeln nicht überraschend, sondern sehr vorhersehbar. Und, soweit ich mich erinnere, war eines der Merkmale von (guten) Kurzgeschichten, nach einer ansteigenden Spannung hin zur Krise und ggf. der Auflösung des Konflikts, ein offenes Ende, das zum Nachdenken anregen soll und Raum zur Deutung lässt. Die einzig mögliche Ausdeutung kommt bei den meisten der Geschichten mit dem Holzhammer daher, offen bleibt da wenig.
Ich kann sagen, diese Sammlung hat mir nicht sonderlich gefallen, aber es war pink. 

Jojo Moyes, Kleine Fluchten. Geschichten vom Hoffen und Wünschen. Rowohl, Reinbek bei Hamburg 2017.



Saturday, November 14, 2020

Michelle Obama - Becoming

Ich bin spät dran damit, dieses Buch zu lesen - Biografien gehören nicht zu meinen Lieblingsgenres und Bücher mit über 500 Seiten wirken inzwischen bei meiner limitierten Lesezeit ein wenig abschreckend auf mich. Andererseits war es vielleicht auch kein schlechter Moment für dieses Buch, so kurz nach der glücklichen Abwahl des Schreckgespenstes, dem Michelle Obama am Ende ihrer Zeit als First Lady und am Ende von Becoming begegnen muss. 

Der Erzählstil von Michelle Obama gefällt, ist nicht zu abgehoben, klingt aufrichtig, eine gelungene Mischung aus Emotion und Sachlichkeit. Man erfährt - besonders als Nicht-US-StaatsbügerIn - viel von den Hindernissen, die sie als Frau und als Person of Colour überwinden musste. Man versteht, warum ihr die Dinge wichtig sind, für die sie sich während der Präsidentschaft von Barack Obama und danach eingesetzt hat. Sie sind eine logische Folge ihres Lebens, in sich stimmig. Hinzu kommen einige interessante Einblicke in das alltägliche Leben im Weißen Haus, Barack ist dabei natürlich mit einbezogen, doch ihre Perspektive ist ihre eigene und eine feminine noch dazu. 

Man könnte erwarten, dass die Ablösung dieses ungewöhnlichen Präsidenten durch jemand so verantwortungslosen wie Donald Trump in seiner Ehefrau auch Bitterkeit und Zynismus auslösen könnte. Doch sie lässt ihr Buch auf einer positiven Note und mit Hoffnung enden. Sie erinnert an das "Gefühl von Fortschritt, ein tröstliches Mitgefühl, die Freude daran mitanzusehen, wie die Unbesungenen, die Unsichtbaren ins Licht fanden. Einen Schimmer der Welt, wie sie sein könnte. Das wollten wir festigen, das sollte fortdauern: mit einer aufstrebenden Generation, die begriff, was möglich war — und dass für sie noch viel mehr möglich wäre." (S.542/543).  

Becoming fügt sich nahtlos in das positive Bild, das ich von dieser beachtenswerten, starken Frau hatte - und ich bin mir sicher, wir werden weiter von den Obamas hören. 

Michelle Obama, Becoming. Goldmann, München 2018.

Saturday, November 07, 2020

Thomas Hettche - Pfaueninsel

Man bleibt ein bisschen ratlos zurück auf der Pfaueninsel von Thomas Hettche. Ausgehend von einem erhaltenen Grabstein und den Lebensdaten (1800-1880) erzählt der Autor die Lebensgeschichte des Schlossfräuleins Marie Strakon. Sie ist kleinwüchsig, Waise und der König von Preußen nimmt sie und ihren ebenfalls kleinwüchsigen Bruder Christian in sein Kuriosenkabinett, das auf der Pfaueninsel entsteht, auf. 

Zeit ihres Lebens versucht Marie dem Urteil der Königin, die "Monster!" ausruft, als sie ihr begegnet, zu entkommen. Doch Schicksalsschläge rauben ihr den den Bruder, die große Liebe, das einzige Kind und letztlich auch die Insel, die am Ende verwahrlost zurückbleibt. Während Maries Leben verstreicht, dessen Dramatik und Hoffnungslosigkeit von Beginn an zu erwarten war, erlebt der Leser mit, wie die Pfaueninsel unter Friedrich III. ein außergewöhnliches Beispiel für Landschaftsgärtnerei und anderer Moden des 19. Jahrhunderts wird. Kritisch wird der Aufbau einer exessiven Menagerie auf der Insel geschildert, bei der Marie mit den Tieren mitfühlt, die da aus aller Herren Länder dem König geschenkt werden und die oft schon auf dem Weg dorthin oder nach kurzer Zeit verenden. So wird die Pfaueninsel für eine Phase zu einer Attraktion für die Berliner und Gäste des Königs, nach dem Tod Friedrich III. werden die Mittel gekürzt, was zur Aufgabe der Menagerie und dem Verfall von Teilen des Gartens führt. 

Teils sind die Ausführungen Hettches zur Pfaueninsel, insbesondere aus der Sicht Maries geschildert, die selbst zu den "Ausstellungsstücken" der Insel gehört, interessant, bieten sie doch einen besonderen kulturgeschichtlichen Einblick. Die Protagonistin jedoch bleibt einem fremd - vielleicht gewollt in ihrer Andersartigkeit - und auch die übrigen Gestalten, allesamt besonders und beachtenswert, bleiben blass. Einige des Ausführungen haben zudem Längen und Sexualität bekommt einen seltsamen Platz in der Geschichte, der nicht dazu passen will. Irritierend fand ich auch den Erzähler, der sich besonders gegen Ende in seine eigene Erzählung einschaltet und unter anderem ankündigt, das man bald am Ende sei - mit der Geschichte und mit Maries Leben. 

Insgesamt habe ich für das nicht sonderlich lange Audiobook sehr lange gebraucht. So fällt mein Gesamturteil eher schwach aus, auch wenn es dieses Buch 2014 auf die Short List zum Deutschen Buchpreis schaffte. 

Thomas Hettche, Pfaueninsel. Argon 2014.

Sunday, November 01, 2020

SuBAP-Challenge: Stand Oktober 2020

Die Monatsaufgabe des Monats September war Einzeltitel zu lesen, die nicht Teil einer Reihe sind. Das wäre prinzipiell eine dankbare Aufgabe gewesen, wenn der Oktober sich nicht zu einem sehr schlechten Lesemonat entwickelt hätte. So sind es nur drei mickrige Bücher vom SuB und für die Challenge mit 12 Punkten insgesamt. Immer erfüllen Bucht 1 und 2 auch noch Aufgaben in anderen Challenges...


Buch 1: Tracy Chevalier - Das Mädchen mit dem Perlenohrring
- auf dem SuB seit vor 2019: 2 Punkte
- erfüllt die Monatsaufgabe: 2 Punkte
Buch 2: Ian McEwan - Maschinen wie ich
- auf dem SuB seit 2019: 1 Punkt
- erfüllt die Monatsaufgabe: 2 Punkte
- über 400 Seiten: 1 Punkt
Buch 3: B. Hateley und W.H. Schmidt - Von Pfauen und Pinguinen
- auf dem SuB seit vor 2019: 2 Punkte
- erfüllt die Monatsaufgabe: 2 Punkte

Saturday, October 24, 2020

B. Hateley und W.H. Schmidt - Von Pfauen und Pinguinen

Von Pfauen und Pinguinen ist - so der Untertitel - eine Fabel über Frackzwang und Phantasie.
Im Ozean der Unternehmen regieren die Pinguine und erfolgreich ist, wer am besten den Idealen der Pinguine entspricht. Andere Vögel, wie der Pfau Perry, werden von den Pinguinen rekrutiert, um den Erfolg des Unternehmens zu maximieren. Einerseits tragen die Neuankömmlinge in der Pinguinfirma ihren Teil bei, werden aber aufgrund ihrer Andersartigkeit nicht vollends akzeptiert. Anpasssen oder nicht? Wie sehr anpassen? Wann ist Anpassen Selbstaufgabe? Mit diesen Fragen schlagen sich Perry, der Pfau, und die andere Neuen herum. Unterschiedliche Strategien führen dennoch nicht zum Erfolg - letztlich hilft nur, einen anderen Weg zu gehen und die Pinguine zu verlassen.
Einige Aspekte der Fabel haben einigen Wahrheitsgehalt, anderes ist etwas sehr plakativ und holzhammerartig über die Geschichte gestülpt worden, damit die Story funktioniert und rund wird. Man kann einige der Fragen über Anpassung und ihrem Nutzen sicher sich selbst stellen, ob man allerdings dadurch seinem Arbeitsplatzparadies wirklich näher kommt, bleibt offen.
Die Illustrationen von Sam Weiss sind schlicht und niedlich und werten das Buch deutlich auf. 

B. Hateley und W.H. Schmidt, Von Pfauen und Pinguinen. Knaur, München1996.

Monday, October 19, 2020

Ian McEwan - Maschinen wie ich

Charlie ist verliebt in Miranda, die in der Wohnung über ihm wohnt. Um sich für sie interessanter zu machen, lässt er sie teilhaben an seiner neuesten Errungenschaft, einem Adam. Adam ist einer von den 25 ersten Androiden, die in einem fiktiven Großbritannien 1982 auf den Markt kommen. Miranda und Charlie werden quasi zu Adams Eltern, als sie seine Persönlichkeitsparameter zu gleichen Teilen festlegen. Doch schnell wird klar, dass Adam nicht bloß ein Spielzeug sein kann, wie zuerst von Charlie gedacht. Adam greift mit der ihm eigenen Rationalität massiv in das Leben der beiden ein. Während Miranda und Charlie ein Paar werden, entdeckt auch Adam seine Emotionalität (und Liebe zu Miranda), sein Gewissen und analysiert mögliche Zukunftsperspektiven. Zum Leidwesen seiner Freunde – so muss man sie nun nennen – greift er eigenmächtig in ihr aller Leben ein und überschreitet damit die Grenzen der passiven, dienenden Maschine. 

In Maschinen wie ich platziert Ian McEwan seine Geschichte bewusst nicht in der fernen Zukunft, es ist keine Science Fiction Story. Statt dessen erdenkt er eine alternative Vergangenheit, in der einige politische und gesellschaftliche Ereignisse anders abgelaufen sind und so zu einem veränderten Jetzt im Jahre 1982 führen. Dabei sind die neuen Alben von den Beatles nur ein humoriges Detail, der geplante Austritt von Großbritannien aus der EU ein zeitgenössischer Seitenhieb, aber vor allem die Entwicklung der Informatik und künstlichen Intelligenz hat einen anderen Weg genommen. Dies verdankt diese fiktive Welt Alan Turing, der nicht durch die Verurteilung seiner Homosexualität auf einen Leidensweg gerät, der zu seinem Selbstmord führt. Hier erkennt man die klare Bewunderung Ian McEwans für den genialen Mathematiker, der sogar seinen Protagonisten Charlie vor Ehrfurcht erstarren lässt, sobald Turing ihm begegnet. 

Dieses interessant erdachte Setting überlagert aber nicht die zentralen Fragen des Romans. 

Zu welchem Zeitpunkt wird aus der Maschine, der künstlichen Intelligenz, eine Persönlichkeit? Was ist Bewusstsein? Und wenn Bewusstsein heißt, am Leben zu sein, welche Recht stehen dieser Persönlichkeit, gleich welcher Form, dann zu? Im Vergleich zum unvollkommen, emotional handelnden Menschen (von McEwan in seinen beiden menschlichen Protagonisten hervorragend ausgearbeitet), ist die zuverlässig moralische und rationale Maschine nicht sogar überlegen? Geschickt verdichtet der Autor diese Fragen zu einem Finale, bei dem am Ende der Leser selbst vor einem moralischen Dilemma steht, bei dem Richtig und Falsch nur schwer zu entscheiden ist.

Insgesamt ist Maschinen wie ich ein sehr intelligent konstruierter, gut geschriebener Roman, der für die nahe Zukunft relevante Fragen formuliert ohne klare, allzu einfache Antworten zu geben. Sehr gelungen.

 

Ian McEwan, Maschinen wie ich. Diogenes, Zürich 2019.

 


Sunday, October 04, 2020

Tracy Chevalier - Das Mädchen mit dem Perlenohrring

Im Vorwort des e-books zu Das Mädchen mit dem Perlenohrring äußert sich die Autorin Tracy Chevalier selbst beeindruckt von dem anhaltenden Erfolg des Romans. Sie erzählt von der für sie ungewöhnlichen Arbeit an dem Roman, den sie wie keinen anderen danach in einem kurzen Zeitraum verfasste.
Sie erzählt darin die fiktive Geschichte der Dienstmagd Griet, die in der Familie des Delfter Malers Vermeer dient. Sie hat ein außergewöhnliches Gespür für Farben und Proportionen, was dem Maler bald auffällt, so dass er sie als Gehilfin einsetzt. Gleichzeitig löst er dadurch Unwillen bei seiner Ehefrau aus, deren Eifersucht eskaliert, als sie erfährt, dass ihr Mann Griet nicht nur gemalt hat, sondern ihr außerdem auch ihre eigenen Perlenohrringe angelegt hat.
Der Roman schildert eindringlich das Machtgefälle in der holländischen Gesellschaft des 17. Jahrhunderts. Griet ist sich ihrer eigenen Machtlosigkeit und Unterlegenheit - als Frau und als Dienstmagd - stets bewusst und tritt nur zögernd, aber mit großer Bewunderung in näheren Kontakt mit Vermeer. Die übrigen Charaktere bleiben in der Darstellung stets hinter ihrer persönlichen Wahrnehmung der Ereignisse zurück - der Maler selbst bleibt konturlos, farblos, wenngleich er in seiner künstlerischen Genialität unangreifbar ist.
Insgesamt ist Das Mädchen mit dem Perlenohrring eine leise und unaufgeregte Geschichte, die dennoch ein klares gesellschaftliches Bild der Zeit zeichnet und einer ungewöhnlichen Protagonistin eine Stimme gibt, ohne dabei in eine kitschige Liebesgeschichte abzudriften, wie dies oft in historischen Romanen der Fall ist.

Tracy Chevalier, Das Mädchen mit dem Perlenohrring. Atlantik, Hamburg 2019.