Friday, September 30, 2022

Andreas Steinhöfel - Rico, Oskar und das Mistverständnis

 

Rico, Oskar und das Mistverständnis ist der fünfte Band der Reihe von Andreas Steinhöfel um die gegensätzlichen Freunde. Obwohl sie als Freunde eigentlich eng zusammengewachsen sind, kracht es in einem ungünstigen Moment zwischen Rico und Oskar. Ersterer ist verliebt und letzterer hat Angst, seinen Freund deswegen zu verlieren, greift aber zu ungünstigen Mitteln, um ihn an sich zu binden. Dabei müssten sie eigentlich extra gut zusammen arbeiten, denn das Grundstück mit ihrem Spielplatz, der Treffpunkt für ihre "Gang", soll verkauft werden. Zunächst scheint die Lage hoffnungslos, denn die Besitzerin ist eine verbitterte, einsame alte Dame. Doch irgend etwas scheint merkwürdig an den Verkaufsplänen und so arbeiten Rico und Oskar an unterschiedlichen Fronten daran, den Hintergründen auf die Spur zu kommen. Dabei müssen sie wegen des Krachs zwangsläufig auf die Hilfe der anderen Freunde aus der Gang zurückgreifen. Das führt zu neuen Erkenntnissen zum Thema Freundschaft - was wiederum nicht so schlecht ist. Als sich die Ermittlergruppen schließlich wiedersehen, wendet sich (natürlich) alles zum Guten...

Bedingt durch die Trennung von seinem Freund Oskar meint unser Erzähler Rico, dass er die Geschichte nicht wie sonst komplett als Tagebuch aufschreiben kann, sondern er versucht sich an einer neuen Form der Erzählung, die er "Oscars kapitale Abenteuer" nennt und historisch versetzt zu Beginn des 20. Jahrhunderts spielen lässt. Das hat seinen Reiz, wobei es einigen kindlichen Lesern vermutlich trotz Ricos Erklärungen dazu Schwierigkeiten bereiten wird. Ansonsten besticht Rico als Erzähler wieder durch seine nahezu geniale Art Dinge ganz einfach, aber sehr, sehr treffsicher zu beschreiben. Er wirkt in diesem Band deutlich selbstsicherer, berichtet auch, dass die Bingokugeln ihm seltener Probleme bereiten, hat aber dabei nicht seine kindliche Freude an allem Schönen verloren. Auch seine Beobachtungen zum Verhalten der Erwachsenen sind entlarvend und manchmal fast weise. Die Story ist insgesamt deutlich komplexer und auch dramatischer als in den ersten Bänden und dadurch sicherlich für eine etwas ältere Zielgruppe geeignet als beispielsweise Rico, Oskar und die Tieferschatten.
Die Lesung durch den Autor ist gewohnt großartig - insgesamt ist das Audiobook von Rico, Oskar und das Mistverständnis empfehlenswert für alle Fans der Reihe und des Autors.

Andreas Steinhöfel, Rico, Oskar und das Mistverständnis. Silberfisch 2020. 

Die übrigen Bände der Reihe:

#1 Rico, Oskar und die Tieferschatten (2008)
#2 Rico, Oskar und das Herzgebreche (2009)
#3 Rico, Oskar und der Diebstahlstein (2011)
#4 Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch (2017)
#5 Rico, Oskar und das Mistverständnis (2020)

Weitere Bücher von Andreas Steinhöfel - Eine Liste

Andreas Steinhöfel - Eine Liste

Andreas Steinhöfel (geboren 14. Januar 1962 in Battenberg) ist ein deutscher Schriftsteller. Er schreibt Kinder- und Jugendbücher, Drehbücher und ist als Übersetzer tätig. 

Zum Blog des Autors: News from Visible

Die erfolgreiche Serie um Rico und Oskar: 

#1 Rico, Oskar und die Tieferschatten (2008)
#2 Rico, Oskar und das Herzgebreche (2009)
#3 Rico, Oskar und der Diebstahlstein (2011)
#4 Rico, Oskar und das Vomhimmelhoch (2017)
#5 Rico, Oskar und das Mistverständnis (2020)


Die Mitte der Welt (1998) und Audiobook Rezension
Defender: Geschichten aus der Mitte der Welt (2001)


Dirk und ich (1991)
Paul Vier und die Schröders (1992)
Es ist ein Elch entsprungen (1995)
Beschützer der Diebe (1996)
Trügerische Stille (1998)
David Tage, Mona Nächte (1999)
Der mechanische Prinz (2003)
Anders (2014)

Sunday, September 25, 2022

Charlotte Habersack - Bitte nicht öffnen - Bissig!

Charlotte Habersacks Reihe "Bitte nicht öffnen" umfasst mittlerweile sieben Bücher und Bitte nicht öffnen - Bissig! ist das erste der Abenteuer, die Nemo und seine Freunde erleben. 

In der langweiligsten Stadt der Welt namens Boring (!) passiert eigentlich nie etwas - bis Nemo ein merkwürdiges Päckchen bekommt mit der Aufschrift "Bitte nicht öffnen!". Seine Eltern wollen, dass er es zurückschickt (an wen eigentlich?!), aber daran hält er sich natürlich nicht. Plötzlich schneit es mitten im Sommer, nachdem Nemo und sein Freund Fred einen plüschigen Yeti namens Icy-Ice-Monsta aus dem Päckchen befreit haben. Das "Kuscheltier" ist lebendig und wächst, wenn man es füttert - und gleichzeitig ist klar - es will wieder nach Hause! Doch wo ist das? Und wie bewahrt man den Yeti vor einem grauenvollen Schicksal, falls Erwachsene ihn entdecken sollten?

Habersack erzählt die Geschichte mit viel Humor und Sprachwitz (wenngleich der sich vielleicht nicht allen jungen LeserInnen erschließen wird) und mit einem gehörigen Maß an Action und Emotionen. Denn natürlich ist da auch noch etwas schräge Oda, die Nemo sehr toll findet...
Illustriert ist der Band von Fréderic Bertrand und die Hardcover-Ausgabe ahmt das Paket nach, bei dem man durch ein Loch in der Vorderklappe bereits ein Stückchen von dem gefährlichen Inhalt sehen kann.
Prima Story, schöne Ausgabe, sprachlich gelungen - was will man von einem Kinderbuch mehr?

Charlotte Habersack, Bitte nicht öffnen - Bissig! Carlsen, Hamburg 2016.

Saturday, September 24, 2022

Nur wenige erwählen wir

Es geht uns mit Büchern wie mit den Menschen. 

Wir machen zwar viele Bekanntschaften, aber nur wenige erwählen wir zu unseren Freunden.

Ludwig Feuerbach  (1804-1872)

Friday, September 23, 2022

Tess Gerritsen und Gary Braver - Die Studentin

In Die Studentin erzählen Tess Gerritsen und Gary Braver die Geschichte einer unglücklichen Frau, deren Leidenschaft aus dem Ruder läuft. 

Taryn Moore studiert Literaturwissenschaft - in Boston, denn hier ist auch ihr Highschoolfreund Gary. Als der jedoch mit ihr Schluss macht, wendet sie sich ihrem Englischprofessor Jack Dorian zu, in dessen Ehe es kriselt, obwohl er seine Frau liebt. Aber er erliegt der Versuchung und ab diesem Zeitpunkt ist Taryn hinter ihm her... Dies decken schließlich auch die ermittelnden Polizisten auf, als sie Taryns vermeintlichen Selbstmord - einen Sturz vom Balkon - untersuchen. 

Die Studentin greift viele Klischees auf, viele der Handlungsweisen der Charaktere sind nahezu schmerzhaft vorhersehbar, wenngleich das Autorenteam diese mit weitgehend interessanten Lebensgeschichten ausstattet. Taryn hingegen bleibt durchweg unsympathisch, egozentrisch, wahnhaft in ihren Überlegungen und Taten. Das Spiel mit den unglücklichen Liebschaften in der Literaturgeschichte (e.g. Abelard und Eloise oder Romeo und Julia) und der unglücklichen Liebe von Taryn geht nicht auf: Die Rage, in der sie scheinbar so genial argumentiert, bleibt unglaubwürdig und blind angesichts ihrer eigenen Lebensausrichtung, nur etwas wert zu sein, wenn sie mit einem Mann zusammen ist. Angesichts der Tatsache, dass Gary Braver selbst einige Kurse in Literaturwissenschaft gelehrt hat, vermute ich, dass in dem Thriller mehr Braver als Gerritsen steckt, jedenfalls konnte mich das Buch (trotz der wie üblich guten Lesung von Anna Thalbach) nicht überzeugen.

Tess Gerritsen und Gary Braver, Die Studentin. Random House Audio 2021.

Sunday, September 18, 2022

H.D. Walden - Ein Stadtmensch im Wald

Als die Corona-Pandemie ausbricht, verkriecht sich der Autor H.D. Walden (eigentlich Linus Reichlin, Schweizer Schriftsteller und Journalist) in einer Hütte im Wald in Brandenburg, während seine Freundin als Krankenschwester im Krankenhaus extra Schichten erträgt. In Ein Stadtmensch im Wald berichtet er von seiner totalen Entschleunigung dort im Wald. Er liest, er beobachtet die Vögel und später auch Waschbär, Igel und Fuchs. Er hat keine Ahnung von Tieren und keine Erfahrung in der Natur. Schritt für Schritt nähert er sich den Tieren an, indem er sie füttert und mit ihnen spricht und dazwischen einige Google-Recherchen betreibt. Dabei betrachtet er seine Unkenntnis durchaus mit einer guten Portion Selbstironie und einige der Erlebnisse mit "seinen" Tieren sind wirklich witzig beschrieben. Später wird die Geschichte etwas schräg, als er den Waschbären, den er als sein Haustier betrachtet, vor dem vermeintlichen Abschuss einer Jägerin retten will und dafür mehrmals täglich zu einem Ansitz wandert. Er wird in der Idylle rastlos, während seine Freundin schon längst erkannt hat, dass er wieder unter Menschen muss.
Es ist ein kurzes Buch mit schönen Illustrationen von Elisa Rodriguez Scasso mit einigen unterhaltsamen Passagen, allerdings hat es mich an keiner Stelle völlig begeistern können, dafür war noch zu wenig Wald und zu viel Vermenschlichung der Tiere darin für meinen Geschmack, wenngleich ich den Gedanken, dass das Verbleiben in der Natur schließlich zu einer anderen Wahrnehmung von Zeit und dem, was wichtig ist, führt, bestechend finde. 

H.D. Walden, Ein Stadtmensch im Wald. Galliani, Berlin 2021.

Wednesday, September 14, 2022

Thomas Hettche - Herzfaden

Thomas Hettches Roman Herzfaden stand 2020 auf der Shortlist zum Deutschen Buchpreis. Untertitelt ist Herzfaden mit Roman der Augsburger Puppenkiste und auf dem Cover bahnt sich Emma, die Lokomotive aus Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer ihren Weg durch eine Felsenlandschaft. Ganze Generationen sind mit den Figuren der Puppenkiste aufgewachsen, Urmel, Kalle Wirsch oder die Katze mit Hut.

In Hettches Geschichte gerät ein Mädchen nach dem Besuch einer Vorstellung auf den Dachboden der Spielstätte - und trifft dort auf die versammelten und lebendigen Marionetten der Puppenkiste und auf Hatü, die eigentlich Hannelore Oehmichen heißt, die Tochter des Gründers des Marionettentheaters. Sie erzählt dem Mädchen ihre Lebensgeschichte und dadurch auch die Geschichte des Theaters. Gleichzeitig wird die beschauliche Welt des Dachbodens mit all den liebenswerten Marionetten bedroht durch den "bösen" Kasper, der im Dunkeln lauert. Bald wird klar, dass für Hatü der Kasper alles verkörpert, was sie in der schlimmen Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges erlebt hat. Die Einberufung des Vaters, das "Verschwinden" der jüdischen Freunde und Bekannten, die Gefallenen und Verstorbenen, die Ängste der Bombennächte und die Zerstörung des ersten Puppenschreins. Hatü sucht lange nach ihrem Platz im Leben, stellt viele Dinge der Nachkriegszeit in Frage und bleibt dennoch dem Puppentheater treu. Die Erfolgsgeschichte, bei der die Puppenkiste den Sprung ins junge deutsche Fernsehen schafft (schon 1953!) und dadurch nationale Berühmtheit erringt, ist Hatü fast nicht geheuer, aber sie ist diejenige, die die unvergesslichen Figuren aus Holz erschafft. Ein paar Antworten auf ihre Lebenssinnfragen gibt ihr im Roman der Autor Michael Ende, den sie besucht, um ihm ihren Jim Knopf zu zeigen. Auch Saint-Exupery kommt durch einige Textpassagen aus Der kleine Prinz zu Wort, dessen Puppenfassung einer der ersten Erfolge der Puppenkiste war. Hettche verneigt sich quasi vor den beiden großen Autoren und ihren fantastischen und doch so wahren Geschichten, was ich sehr anrührend finde. Nicht ganz so überzeugend wie Hatüs Wahrnehmung von Krieg und seinen Folgen und dem zunehmenden Kommerz und der Ignoranz des Geschehenen in den Nachkriegsjahren finde ich die Rahmengeschichte des Mädchens auf dem Dachboden. Jede der Marionetten zeigt mehr Herz und Profil als dieses namenlose Kind, das wohl stellvertretend für die ganze Generation Heranwachsender stehen soll. Es geht zwar verändert aus der Begegnung mit Hatü und ihrer Geschichte hervor, die Erlösung des Kaspers griff mir aber zu kurz.
Alles in allem aber haben mir Hettches Geschichte und Erzählweise sehr gefallen und die Wiederbegegnung mit einigen meiner Kindheitslieblingsfiguren, an denen mein Herzfaden hängt, tat mir gut. 

Thomas Hettche, Herzfaden. Argon 2020.

Im Kopf ganz verzwirbelt

 

Saturday, September 10, 2022

J.D. Salinger - Der Fänger im Roggen

J.D. Salingers Der Fänger im Roggen steht in einer Uraltausgabe aus dem Jahr 1977, die eigentlich meiner Mutter gehört, in meinem Regal - vergilbte und eng bedruckte 156 Seiten über diesen Holden Caulfield.
Ich weiß, ich habe das Buch als Jugendliche schon einmal gelesen, erinnerte mich aber an fast nichts, außer, dass es mich beeindruckt hat.

Über den Inhalt kann man viel oder nichts sagen, in aller Kürze dies: Der 16jährige Holden fliegt zum dritten Mal wegen mangelnder Leistungen von einer Schule, ist angenervt von den Lehrern, den Mitschülern und der Gesellschaft im Allgemeinen. Er flieht eines Abends aus dem Zimmer seines Internats nach New York, vermeidet dort aber die Rückkehr in die elterliche Wohnung und streunt einige Zeit durch die Stadt. 

Entscheidend sind dabei seine Begegnungen mit verschiedenen Menschen, von denen er manchen zufällig trifft, mit anderen verabredet er sich. Viele dieser Kontakte enden problematisch, mit Ablehnung, Streit oder sogar Gewalt. Holden ist deprimiert, wütend und hat keine Idee, was er mit seinem Leben anfangen will. Die meisten Menschen widern ihn an, er fordert mehr Mitgefühl einerseits, empfindet andererseits aber Abscheu gegenüber den Normen, die Gesellschaft in geordnete Bahnen lenken. Der Tod seines Bruders und der Selbstmord eines Mitschülers haben ihn tief getroffen und sind kaum verarbeitet. Einzig die Beziehung zu seiner Schwester Phoebe hat für ihn großen Stellenwert, ansonsten kann er kaum Dinge benennen, die er mag.
Passend zum Weltschmerz Holdens ist der Erzählstil geprägt durch den häufig thematisch springenden, emotional-aufgeladenen Stream-of-Consciousness, wobei die Jugendsprache der in die Jahre gekommenen Übersetzung meiner Ausgabe inzwischen ein wenig antiquiert wirkt. Er ist ein zutiefst unzuverlässiger Erzähler, dennoch folgt man ihm und seiner ganz eigenen Wahrnehmung bereitwillig durch die New Yorker Nacht.

Hat mich Der Fänger im Roggen wieder beeindruckt bei der Wiederbegegnung? Ja. Vielleicht aber anders. Eine andere Wahrnehmung von Sprache, zahlreiche andere Coming-of-Age-Stories später,... Gefallen hat mir der Roman auch als Spiegel der 50er Jahre, mit gesellschaftlichen Klischees und einer ganz anderen Wahrnehmung von Gender und Sexualität. Faszinierend finde ich, wie dieses Buch gleichzeitig eines der am meisten zensierten und "verbotenen" Bücher sein kann und sich gleichzeitig auf zahlreichen Literaturkanons und unter den "100 best novels" (Radcliffe list) befindet. Viele Widersprüche, viele Fragen, auf die der junge Holden keine Antworten weiß, aber die man sich vielleicht in allen Alterstufen noch einmal neu stellen kann. 

J.D. Salinger, Der Fänger im Roggen. rororo, Reinbek 1977.

Monday, September 05, 2022

Jeffery Deaver - Die Menschenleserin

Neben seinem erfolgreichen Ermittlerduo Rhyme und Sachs lässt Jeffery Deaver auch Kathryn Dance in immerhin vier Fällen ermitteln, wobei seit 2015 kein neuer Fall erschienen ist. Die Menschenleserin ist der erste Band.

Dance ist Verhörspezialistin beim California Bureau of Investigation und soll den Psychopathen Daniel Pell verhören, der vor Jahren eine ganze Familie auslöschte - mit Ausnahme der jüngsten Tochter. Doch kurz nach dem Verhör gelingt Pell die Flucht. Dance soll nun die Maßnahmen zu seiner Ergreifung koordinieren und es beginnt eine Jagd nach dem Täter, der aber auf Hilfe angewiesen ist. Er manipulierte von jeher Frauen, die für ihn scheinbar alles zu tun bereit sind...

Die Story ist gut konstruiert, Kathryn Dance eine sympathische und intelligente Protagonistin, eingebettet in eine familiär-persönliche Rahmenstory. Sie ist sozialer als Rhyme, weiß sich aber schlussendlich in einer männerdominierten Welt durchzusetzen, trotz gelegentlicher Selbstzweifel. Allein das Ende nahm - wieder einmal - für meinen Geschmack eine Extrawendung zuviel, so dass es am Ende etwas brauchte, um alle losen Fäden zurechtzuknoten. Insgesamt aber eine gelungene Abwechslung zu Lincoln Rhyme, der nicht mehr immer für Begeisterung sorgt (was aber nach meinem 13. gelesenen Fall mit ihm auch nicht verwundert und irgendwie dann ja doch für die Reihe spricht....). 

Jeffery Deaver, Die Menschenleserin. Random House Audio 2009.


 

Monday, August 01, 2022

Anthony Doerr - All the Light We Cannot See

All the Light We Cannot See by Anthony Doerr won the Pulitzer Price for Fiction (and several other prices) in 2015. It tells the story of the two main characters Marie-Laure Leblanc and Werner Pfennig mainly during WWII. 

Marie-Laure Leblanc is the blind daughter of the master locksmith at the Museum of Natural History in Paris. When the Germans are about to invade they flee to her uncle in Saint-Malo.
Werner Pfennig is an orphan in a German mining town and has a special talent for radios and science in general. Therefor he is recruted by the Nazis for a special education but of course has to serve in the war later on. At the end he is sent to Saint-Malo to find the location of a radio transmitter of the French resistance - which is run by Marie-Laure and her uncle.
The story is told in very short chapters and alternates not only between the two characters but switches between the time of the final battle of Saint-Malo and all the events leading to the two characters being there.

Of course both are deeply influenced by the war but the author makes sure that the story and the characters are not portrayed in black and white but with a lot of greys: They are unsure of themselves, they doubt their own actions, they have complicated emotional states and they change during the story. Both are very likeable and the reader wishes the author would have given them more time together but they meet only very shortly. This and the overall ending of the book is a bit frustrating for me because the story leading to these final events is quite long although well-told and well-written. I simply would have wished for more...
I understand why the novel was successful and why it won prices but apparently it didn't move me as much as it did many other readers but I liked it a lot. Maybe the English audiobook wasn't the best choice because the German names and terms were a bit strange to listen to in Zach Appelman's pronunciation. 

Anthony Doerr, All the Light We Cannot See. Simon Schuster 2014.



Sunday, July 31, 2022

Lars Kepler - Der Spiegelmann

Joona Linnas achter Fall Der Spiegelmann beginnt mit einem ermordeten Mädchen auf einem Spielplatz. Auf perfide Art ist Jenny Lind an einem Klettergerüst erhängt worden - nachdem sie fünf Jahre lang verschwunden war! Schon bald wird klar, dass sie nicht das einzige Opfer ist und Linna nimmt die Spur auf. Parallel dazu erleben wir mit, Pamela nach dem Verlust ihrer Tochter vor einigen Jahren mit zahlreichen Problemen kämpft: Ihr Mann Martin leidet unter schweren psychischen Problemen, sie selbst trinkt zuviel und ob die Adoption von Mia, einem Mädchen im Alter ihrer Tochter, klappen wird, ist ungewiss. Da wird ausgerechnet Martin Zeuge des Mordes von Jenny Lind, wie die Überwachungskameras zeigen. Doch er kann sich an nichts erinnern. Erst die Hypnose durch Erik Maria Bark (siehe Der Hypnotiseur) hilft, erste Hinweise zu finden. Doch der Täter will verhindern, dass Martin der Polizei hilft, und entführt Mia. Unter großem Zeitdruck beginnt die Suche nach der Identität des Mörders und seinem Versteck...

Das Autorenteam Lars Kepler hat einen höchst spannenden Thriller verfasst, dessen Plot geschickt aufgebaut ist und dessen Charaktere nicht enttäuschen. Auffällig war allerdings eine Steigerung der Brutalität der Handlung. Dies hat mich erstmalig wirklich gestört, da ich es auch nicht als essentiell für den Fortgang der Geschichte empfunden habe. Einerseits wird viel Zeit darauf verwendet, Traumata und psychische Befindlichkeiten darzustellen, andererseits lässt es die Beteiligten scheinbar kalt, dass ein Kollege bei einem Einsatz brutal getötet wird, alle machen weiter, als wäre nichts gewesen. Insgesamt wirken manche Aspekte und Szenen übertrieben und dadurch surreal bis unrealistisch. Kann man darüber hinwegsehen, so ist Der Spiegelmann durchaus empfehlenswert. 

Lars Kepler, Der Spiegelmann. Lübbe, Köln 2020.

Thursday, July 21, 2022

T.C. Boyle - Dr. Sex

Als Alfred Kinseys Reports über Sexual Behaviour 1948 (Männer) und 1953 (Frauen) erschienen, war die Entrüstung groß. Niemand hatte zuvor Studien über das menschliche Sexualleben veröffentlicht und so schlugen die Publikationen des US-amerikanischen Biologen große Wellen. Für seine Ergebnisse hatte er erstmals konkrete Befragungen von Männnern und Frauen mit einem umfangreichen Fragenkatalog erhoben, der u.a. auch homosexuelle Erfahrungen einbezog – allein dies sorgte schon für große Entrüstung.

2004 veröffentlichte T.C. Boyle seine literarische Darstellung der Recherche-Phase Kinseys unter dem Titel Dr. Sex (Original: The Inner Circle). Erzählt wird aus der Perspektive eines fiktiven Mitarbeiters, John Milk, der zunächst noch als Student Interesse für Kinseys Forschungsgebiet enntwickelt. Er gehört dann später zum inneren Kreis derjenigen, die Daten erheben und auswerten. Pararallel dazu wird aber auch deutlich, dass Kinsey selbst durch seine hohen Ansprüche und seine ausgelebte eigene sexuelle Freiheit keine einfache Persönlichkeit war. Hier greift Boyle Gerüchte über   homosexuelle Beziehungen oder auch Gruppensex mit den verheirateten Partner innerhalb der Kinsey-Gruppe auf, die offiziell nie bestätigt werden konnten. Die Ehefrau John Milks ist es schließlich, wegen der es in einer Szene des Romans schließlich zu einem Bruch mit diesen Praktiken kommt und Milk seine eigene Positiion überdenken muss. Zentrale Frage ist nicht die nach der Normalität oder Moral verschiedener sexueller Handlungen, sondern eher die nach einer Trennung von wissenschaftlicher Arbeit und emotionaler Involviertheit. Vermissen lässt Boyle in seinem Roman eventuell eine Beleuchtung der Arbeitsweise und auch der Ergebnisse Kinseys. Auch die Frage nach der Bedeutung seiner Arbeit wird nicht beantwortet. Zwar wird Kinseys plötzlicher Erfolg nach seinen Veröffentlichungen kurz dargestellt, aber die gesellschaftlichen, politischen (z.B. für Homosexuelle) und wirtschaftlichen (in Hinsicht auf weitere Forschung) Folgen bleiben unerwähnt. So bleibt Dr. Sex eher eine sehr persönliche Beleuchtung eines fiktiven Kinseys – da wäre vielleicht mehr möglich gewesen…

Die Lesung von Jan-Josef Liefers hat mir gut gefallen, er setzt die durch den Erzähler John Milk von sich selbst geforderte Ehrlichkeit auch stimmlich gut um.

 

T.C. Boyle, Dr. Sex. Hörverlag 2005. 

Wednesday, July 20, 2022

Pink - Irrelevant

Nothing but irrelevant… 


The kids are not alright
None of us are right
I'm tired but I won't sleep tonight
'cause I still feel alive
The kids are not alright

None of us are right
I'm tirеd but I won't sleep tonight
'cause I still feel alive…

 

Sunday, July 17, 2022

Milan Kundera - Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Milan Kundera veröffentlichte seinen Roman Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins 1984 aus dem französischen Exil, denn er kehrte nach einer Gastprofessur in Rennes ab 1975 nicht mehr in die Tschechoslowakei zurück. Die Themen, die ihn auch in diesem Roman beschäftigen, sind die universellen der Liebe und des Lebens, aber auch der Kommunismus in seinen ganz konkreten Erscheinungsformen.
Eher als Anlass für philosophische Überlegungen berichtet der durchaus nicht gerade zuverlässliche Erzähler die Geschichte von Teresa und Thomas. Ein mehrfacher Zufall bringt die Kellnerin und den Arzt im Prag der 60er Jahre zusammen. Obwohl Thomas Teresa liebt, ist er ihr in Serie untreu, er behauptet, seine erotischen Abenteuer zu brauchen. Die unsichere Teresa will weg von der Abhängigkeit zur Mutter, begibt sich aber statt dessen in eine neue emotional ungleiche Beziehung, wobei sie ihre Schwäche dazu benutzt, Thomas trotz allem an sich zu binden. 
Anhand der Protagonisten und einiger Nebenfiguren wird außerdem geschildert, wie die Ereignisse des Prager Frühlings und der daran anschließenden Zeit Einfluss auf das Leben Einzelner sowohl in der Tschechoslowakei als auch für Exilanten hatte. Kundera lässt seinen Erzähler außerdem phasenweise das Politische mit dem Philosophischen verknüpfen, indem er ihn reflektierend aus der Geschichte heraustreten lässt, die Beziehungen der Figuren analysiert und weitere Gedankengänge beispielsweise zum „Leichten und Schweren“ oder zu „Körper und Seele“ folgen lässt. 
Manche Überlegungen wirkten auf mich leicht esoterisch und wenig glaubhaft, anderes fand ich bedenkenswert. Mit dieser Art des Erzählers hatte ich allerdings so meine Schwierigkeiten, gewinnt man doch den Eindruck, seine Figuren seien für ihn zweitrangig und ihr Schicksal beliebig. Anrührend fand ich allein die Bedeutung, die der Hund Karenin für Teresa und Thomas erhält, auch wenn die Überlegungen zu Massentierhaltung und zur Philosophie (Nietsches Tierethik) dem wieder etwas störend entgegengestellt werden.
Insgesamt war Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins ganz und gar kein leichtes Leseerlebnis, sondern enthielt eher Schweres und Sperriges und war damit eine Begegnung, die ich nicht wiederholen muss. 


Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Random House Audio 2015.

Saturday, July 16, 2022

Eduard von Keyserling - Wellen

Eduard von Keyserling (1855-1918) veröffentlichte seinen Roman Wellen 1911 in der Zeit des literarischen Impressionismus. 

Die Figuren des Romans befinden sich alle zur Sommerfrische an der Ostsee in eigens für sie eingerichteten Häusern, während die einheimischen Fischer und ihre Familien sich in Nebengebäude zurückziehen. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist das aufsehenerregende Pärchen Doralice und Hans. Doralice hat ihren adligen Ehegatten verlassen, um mit dem Maler Hans zusammen sein zu können. Ihre Anwesenheit stört das gesellschaftliche Denken der Familien von Buttlär und Palikow, aufgrund der räumlichen Nähe am Strand begegnen sie sich jedoch zwangsläufig, was zu emotionalen Wirrungen führt, als die Töchter der Familie Doralice anhimmeln und der Verlobte einer der Töchter glaubt, sich in sie verliebt zu haben. Einzig der Geheimrat Knospelius scheint die Lage so hinzunehmen, wie sie ist, und sich mit allen gut verstehen zu wollen. Eine besondere Rolle fällt dem stets gegenwärtigen Meer zu, dessen titelgebende Wellen das Geschehen und vor allem die Stimmungen stark beeinflussen. Getreu dem impressionistischen Gedanken spielen die Wahrnehmung und der Ausdruck dieser Wahrnehmung – sei es in tatsächlichen Schilderungen oder in Träumen – eine gravierende Rolle. Die Darstellung des Meeres als natürlichem Protagonisten der Geschichte war sehr interessant, während mir Doralice als übernatürliche Schönheit, der alle erliegen, mir zu konstruiert und zu bedürftig erschien. Ihre Unzufriedenheit und ihr ständiges Bedürfnis nach Bestätigung wird schlussendlich durch das Meer abgestraft. 

Insgesamt ein recht lesenswerter Klassiker, der zu Unrecht wenig beachtet wird.

 

Eduard von Keyserling, Wellen. SZ Bibliothek Band 30, München 2004.

Monday, July 11, 2022

Sommer in Finnland: Ein Tag in Helsinki

Wenn man zum zweiten Mal in eine Stadt wie Helsinki kommt, kann man das ein oder andere an Sehenswürdigkeiten getrost am Wege liegen lassen und sich voll und ganz auf die persönlichen Vorlieben einlassen.

Das Amos Rex ist ein Kunstmuseum benannt nach seinem Gründer Amos Anderson, das aufgrund von Platzmangel am ursprünglichen Ort unterirdisch erweitert wurde (Eröffnung 2018) und eine beeindruckende Architektur aufweist. Die aktuelle Ausstellung heißt „Subterranean“ und befasst sich mit dem Unterirdischen auf vielfältige Weise. Vor allem gab es sehr spannende Skulpturen zu sehen.

Das Museum von außen…

…beziehungsweise von oben.


Auf halbem Weg nach unten

Der erste Ausstellungsraum

Down the rabbit hole… Bezug zu Alice im Wunderland!

Auguste Rodin


Blick nach oben, draußen…

Nach der Kunst startete die Tour durch Helsinkis Schreibwaren- und Buchläden, die Muminshops und natürlich war ich auch bei iittala und Arabia. 

Antiquariat


Academic Bookstore

…mit integriertem Muminshop.

Nach all dem Trubel klang der Tag dann an den ruhigen Ufern der Festungsinsel Suomenlinna aus. 

Stadtpanoramen von der Fähre aus (übrigens im Tagesticket des öffentlichen Nahverkehrs inklusive)




 



Sunday, July 10, 2022

Terry Pratchett - Der Zauberhut

Der Zauberhut von Terry Pratchett ist einer der frühen Scheibenwelt-Romane über die Charaktere der Zauberer. Der achte Sohn eines achten Sohnes, genannt Münze, wird als kreativer Magus geboren. Sein Vater ist voller Zorn, weil er einst von der Unsichtbaren Universität der Zauberer ausgeschlossen und verbannt wurde. Er überlistet TOD, indem er sich in seinen eigenen Zauberstab einschließt und diesen seinem Sohn vererbt. Als Münze zwölf Jahre alt ist, begibt er sich nach Ankh-Morpork, um Erzkanzler der Universität zu werden. Er beeindruckt und beschämt die dortigen Zauberer mit seiner ungebremsten magischen Kraft, für die er keine Zaubersprüche benötigt. Doch diese Kraft bringt auch das magische Gleichgewicht auf der Scheibenwelt durcheinander… 

Der einzige, der bemerkt, dass etwas ganz und gar nicht stimmt, ist ausgerechnet Rincewind – dessen Truhe aus intelligentem Biirnbaumholz mehr magische Fähigkeiten in einem Scharnier hat als er selbst. Wie immer gerät er ungewollt mitten ins Zentrum des Spektakels, in dem auch noch der Hut des Erzkanzlers, eine schöne Barbarin namens Conina und ein Möchtegernbarbar namens Nijel und dem vergnügungssüchtigen Herrscher von Al-Khali eine Rolle spielen. Natürlich hat auch TOD seinen Auftrittt und es wimmelt von diversen anderen schrägen Charakteren (e.g. ein Djinn, der für die Besprechung der Wunscherfüllung einen Termin für nächste Woche Dienstag ausmachen will und angezogen ist wie ein bekannter Disney-Djinn…). 

Die Lesung von Volker Niederfahrenhorst besticht durch eine gute Ausarbeitung der verschiedenen Charaktere/Stimmen mit unterschiedlichen Dialekten, Sprachfehlern und -färbungen – eine beachtliche Leseleistung! 

Dieser frühe Pratchett zeigt einmal mehr, wie genial der Autor mit den Bezügen zwischen seiner schrägen Scheibenwelt und den gesellschaftlichen Auffälligkeiten der realen Welt zu spielen weiß, die sprachliche Genialität und der Wortwitz funktionieren selbst in der Übersetzung (Andreas Brandhorst) – Lesefreude gararantiert. 

Terry Pratchett, Der Zauberhut. Schall und Wahn 2014.


Friday, July 08, 2022

Karan Mahajan - In Gesellschaft kleiner Bomben

In Gesellschaft kleiner Bomben ist ein Roman des indisch-amerikanischen Schriftstellers Karan Mahajan, der im Jahr 2017 für einiges Aufsehen sorgte und unter anderem als eines der „25 wichtigsten Bücher der Saison“ betitelt wurde  (Spiegel online). 

In Delhi explodiert auf einem Markt eine ‚kleine Bombe‘. Dabei werden die Brüder Khurana getötet, ihr Freund Mansoor überlebt – alle drei sind noch Kinder. Attentate wie dieses geschehen nicht selten, kurz berichten die Medien darüber, danach wird das Thema von einer anderen kleinen Tragödie abgelöst. Hier setzt Mahajans Idee an: Er verfolgt die Auswirkungen dieser einen kleinen Bombe auf das Leben der Menschen über Jahre hinweg. Er beginnt mit der akuten Trauer, die die Familie Khurana erfasst, ihren Selbstzweifeln und Depressionen, und schließt deren Auseinandersetzung mit den angeblichen Tätern ein, wobei immer die Unsicherheit bleibt, ob die indische Polizei, die als korrupt und folternd dargestellt wird, tatsächlich die richtigen verhaftet hat.

Doch auch Mansoor und seine Familie sind massiv betroffen, Schuldgefühle und Wut, aber auch bleibender psychischer und physischer Schmerz begleiten vor allem Mansoor über Jahre. Nach den Attentaten von 9/11 sieht sich der muslimische Mansoor auch zusätzlich Anfeindungen ausgesetzt, er will sich für einen gewaltfreien Protest einsetzen und schließt sich einer Aktivistengruppe an, deren Aktionen leider nicht den gewünschten Erfolg haben. 

Ein Mitglied der Gruppe, Ayub, mag sich damit nicht abfinden und sucht andere Wege. Hier webt Mahajan die Perspektive der Bombenbauer und Attentäter ein, beschreibt ihren Werdegang, ihre Erfahrungen im System, ihre Beweggründe.

Die kleinen Bomben wirken im Roman auf vielen Ebenen nachhaltig, prägen das Leben der Menschen – das der Opfer, der Überlebenden, der Angehörigen und der Täter, deren Leben nach dem Attentat ebenfalls vollständig verändert ist. Dabei hat der Autor für alle Empathie und schildert ihre Emotionen nachdrücklich. Hierin liegt sicherlich die Stärke des Romans, auch wenn ich manchen der Perspektiven eher unwillig gefolgt bin und mir nicht alle Protagonisten gefallen haben. Inhaltlich ist In Gesellschaft kleiner Bomben sicherlich ein interessantes und wichtiges Buch, als Leseerfahrung hatte es für mich persönlich einige Durststrecken, dennoch ist es gut, die Perspektivwechsel erfahren zu haben. 

Karan Mahajan, In Gesellschaft kleiner Bomben. Culturbooks, Hamburg 2017.



Monday, July 04, 2022

John Buchan - The Thirty-Nine Steps

John Buchan’s story The Thirty-Nine Steps was first published as a serial in a magazine in 1915. 

It is about Richard Hannay who has previously lived in Rhodesia and is now bored with his life in London. When a strange American spy named Scudder seeks refuge in his flat he listens to his story and wants to help him. Without having learned much about the details he finds Scudder murdered in his flat a few days later. He fears to be the next victim of Scudder’s enemies or at least to be arrested for his murder by Scotland Yard he flees but takes Scudder’s encoded notebook with him.

What follows is an unlikely road movie with Hannay being on the run from a group of German spies and the British police. The adventure includes several stolen and borrowed vehicles who get destroyed in the process, changing of clothes with more or less strangers and lots of helpful people who Hannay tells some fairytales or bits and pieces of the real  story. There even is a bomb explosion.

It is only after he returns to London that he understands the full meaning of Scudder’s notes. He reveals an imposter at an important political meeting but the imposter flees and surely wants to escape from Britain to bring his information to the Germans. Hannay figures out the meaning of the mentioning of the thirty-nine steps and is able to stop the Germans. 


Wikipedia calls John Buchan’s book an adventure novel and surely Hannay experiences quite a few adventures on his trip. The basic plot about an innocent man escaping his enemies and triumphing at the end was copied several times – influenced of course by the popular film by Alfred Hitchcock.  

I am not extraordinarily impressed by the story but I can see why this particular kind of plot became popular therefor I am happy to have finally read it. 


Sunday, June 26, 2022

Bret Easton Ellis - American Psycho

American Psycho von Bret Easton Ellis erschien 1991 und wurde in Deutschland 1995 von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt - erst seit 2001 ist der Roman in Deutschland frei verkäuflich. Das ist für einen "Klassiker" der amerikanischen Literatur schon bemerkenswert. In den USA ist es unter den Top 100 der "most banned and challenged books"
und auch in anderen Ländern gab und gibt es Auflagen.

Der Inhalt ist schnell zusammengefasst: Der 26jährige Patrick Bateman ist Investment Banker und steinreich. Er sieht gut und gepflegt aus, bewegt sich in den "besten Kreisen" und ist intelligent. Leider ist er - so sagt er selbst - ein Psychopath. Hinter der Fassade lebt er ein zweites Leben voller Drogen und Gewalt, er misshandelt und tötet Frauen - später auch Männer - zu seinem eigenen Vergnügen.

Anfangs wechselt der Roman zwischen sehr langatmigen Passagen, in denen das Yuppie-Leben von Bateman und seinen Kollegen/Freunden geschildert wird, und den düsteren Gewalteskapaden.
Ersteres dreht sich egoman um das äußere Erscheinungsbild (unendlich viele Schilderungen, wer welche Kleidung von welcher Marke trägt) und Restaurantbesuche, bei denen es weniger um das Essen als um das Sehen und Gesehen werden geht. Hier kriegt die Fassade schon erste Risse, denn ständig werden Personen verwechselt, nicht erkannt oder mit falschen Namen angeredet. Was nützt es, top gekleidet in den hippen Lokalen zu sein, wenn man gar nicht als derjenige erkannt wird, der man ist? Natürlich ist das alles massive Kapitalismuskritik, das Schein mit Sein verwechselt, echte Gespräche finden nicht statt, die Personen bleiben stereotyp. Zäh ist es dennoch.
Die Gewaltschilderungen steigern sich im Verlauf des Romans, von anfänglichen Andeutungen, er habe jemanden umgebracht, bis hin zu sehr drastischen Schilderungen von Sex, Mord, bis hin zum Kannabalismus. (Anmerkung: Vor dem Hintergrund ist das Buch sicherlich wirklich nicht für alle Altersstufen geeignet...) Das Ganze gipfelt in einer Art Amoklauf von Bateman, bei dem er wahllos Leute tötet und von der Polizei verfolgt wird - die ihn aber nicht fasst! Statt dessen kehrt er am Ende in sein normales Leben zurück, als wäre nichts gewesen.
Spätestens jetzt muss man hinterfragen, wie verlässlich Patrick Bateman als Erzähler eigentlich ist: schizophrene Züge, massiver Alkohol- und Drogenkonsum und eine zutiefst zynische Haltung gegenüber seinen Mitmenschen und der Gesellschaft. Er will aus der Rolle fallen, er will der Banalität und dem Konsum etwas entgegen setzen - aber tut er es wirklich oder ist am Ende alles gar nicht wahr? Die Grenzen der Realität verschwimmen mehrfach und zunehmend im Laufe des Romans, sogar die Erzählperspektive wechselt kurzfristig, als sähe Bateman sein Leben plötzlich von außen, nachdem er sich sonst in einem unfassbar detaillierten Stream-of-Consciousness ergießt.
Hinzu kommt ein Symbolismus, der mit dem Holzhammer daherkommt, das Musical Les Miserables und die Rückgabe seiner Leihvideos sind nur zwei Beispiele.

Ich gestehe American Psycho gern eine gewisse literarische Bedeutung zu und vor dem Hintergrund seines Erscheinens 1991 ist es sicherlich keine uninteressante Gesellschaftskritik. Als Leseerlebnis fand ich es sehr anstrengend. Die Darstellung aller weiblichen Figuren ist diskriminierend und schlichtweg inakzeptabel, das Namedropping all der 90er-Jahre-Modemarken nervtötend und die Gewaltszenen schwer verdaulich (selbst wenn man durch die aktuellen Thriller einiges gewöhnt ist). Weiterempfehlen würde ich es nicht und ich werde es auch auf keinen Fall ein zweites Mal lesen oder hören.
Das Audiobook hat übrigens ein kleines Vorwort, das vor den drastischen Inhalten warnt - so etwas hatte ich zuvor auch noch nie.

Bret Easton Ellis, American Psycho. Random House Audio 2005.

Friday, June 24, 2022

Andreas Gruber - Todesmärchen

Auch der dritte Band Todesmärchen von Andreas Grubers Reihe um Nemez und Sneijder enttäuscht nicht und hält die Spannung von Anfang bis Ende. 
Quer durch Europa wird eine Reihe von Mordopfern gefunden, denen Zahlen in die Haut geritzt sind. Es dauert nicht lang, bis einem der Ermittler die Ähnlichkeit mit einer Mordserie vor fünf Jahren auffällt - damals löste Sneijder den Fall, weswegen er auch jetzt zu Hilfe gerufen wird. Sabine Nemez, inzwischen ausgebildete  BKA-Kommissarin, soll mit ihm - dem Teamunfähigen - ein Team bilden. Parallel erfahren wir einiges über den damaligen Täter Piet van Loon, der in einer speziellen Haftanstalt in Nordfriesland einsitzt. Es wird klar, dass die Morde mit van Loon zu tun haben müssen, denn die kunstvoll drapierten Leichen verweisen auf verschiedene Märchen, die dieser in einem Theaterstück verwendet hat. Sneijder und Nemez befinden sich in einem Wettlauf mit der Zeit, aber die persönlichen Verwicklungen Sneijders mit van Loon bergen noch viel größere Gefahren...
Es ist wohl die Mischung aus starken Protagonisten, guten Dialogen, einem gut angelegten Spannungsbogen plus einigen überraschenden Wendungen (die man wirklich nicht kommen sieht), die diese Reihe sehr lesenswert macht. Für schwache Nerven sind einige der Szenen wohl nicht geeignet, aber das ist man bei Krimis über Serienkiller ja durchaus "gewöhnt".
Die Lesung von Achim Buch hat mir gut gefallen, sein niederländischer Akzent funktionierte prima. 

Andreas Gruber, Todesmärchen. Hörverlag 2016.

 


Sunday, June 19, 2022

Michael Robotham - Wenn du mir gehörst

Wenn du mir gehörst von Michael Robotham handelt von der Londoner Polizistin Philomena McCarthy. Bei einem Einsatz gerät sie in Konflikt mit einem Detective, der seine Geliebte Tempe offensichtlich verprügelt hat. Sie wird vom Dienst suspendiert, dem Detective geschieht nichts, aber sie freundet sich mit Tempe an. Lange bevor Philomena es selbst bemerkt, wird dem Leser klar, dass diese Freundschaft ungesunde Züge hat. Tempe ist sehr anhänglich und übergriffig, so dass sogar Philomenas Beziehung zu ihrem Verlobten dadurch gefährdet wird... Gleichzeitig kreuzt der Detective immer wieder ihren Weg und scheint eine ständige Bedrohung zu sein.

Die Protagonistin ist einerseits eine selbstbewusste, junge Frau, die sich in der männerdominierten Polizei ihren Weg sucht und sich zu verteidigen weiß, birgt aber unter dieser harten Oberfläche dennnoch große Unsicherheiten, die dazu führen, dass sie fast übertrieben naiv an die Beziehung zu Tempe herangeht. Sie sieht die problematischen Verhaltensweisen erst, als sie ihr förmlich ins Gesicht springen, trotz der Warnungen der Menschen in ihrem Umfeld. Dies steht in Konflikt mit ihrer ursprünglich angelegten Cleverness und Stärke.
Der Psychothriller birgt aber dennoch so viele spannende Wendungen und Verwicklungen, dass man ihn schwerlich beiseite legen kann.

Michael Robotham, Wenn du mir gehörst. Hörverlag 2021.

Friday, June 17, 2022

Cecilia Ahern - Flawed - Wie perfekt willst du sein?

Meine Erwartungen für Flawed - Wie perfekt willst du sein? waren nicht hoch. Schließlich kommt von der Erfolgsautorin Cecilia Ahern eher romantische Unterhaltung als ein literarischee Höhenflug. Ich war für die Popsugar Challenge 2022 auf der Suche nach einer Duologie und Flawed hat nun einmal zwei Teile und war vorhanden (Stadtbibliothek). Ungewöhnlich, dass es sich dabei um eine Young Adult Dystopie handelt, schließlich ist das auch nicht das übliche Schreibrevier der Autorin.

Das Setting ist der realen Welt recht ähnlich in Bezug auf Technologie und auf die generellen sozialen Gepflogenheiten. Jedoch gibt es neben der normalen Gesetzgebung auch noch eine moralische Überwachung: Man muss sich perfekt und integer verhalten, lügt man, verhält sich "inakzeptabel" oder gesellschaftlich illoyal, so kann einen die Gilde verhaften und verurteilen. Die Strafe ist immer Brandmarkung (ja, so mit Brandeisen und einem dicken F für Flawed oder fehlerhaft!) und lebenslängliche gesellschaftliche Ächtung. Diese Regeln - erschaffen, um einen hohen moralischen Standard zu kreieren - führen zu Angst und auch zu Lügen und zu einer Überheblichkeit der "Perfekten" gegenüber den "Fehlerhaften".
Die Protagonistin Celestine gehört mit ihrer Familie zu den perfekten Exemplaren des Systems. Sie ist glücklich und kennt scheinbar keine Probleme. Eines Abends erlebt sie, wie eine Frau in der Nachbarschaft von den Abgesandten der Gilde verhaftet wird - eine Frau, bei der sie sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, was sie falsch gemacht haben kann. Erst ab diesem Moment setzt sich Celestine mit dem System, in dem sie lebt, auseinander. Auf einer Busfahrt (Rosa Parks Bezug vermutlich beabsichtigt) fällt sie dann plötzlich aus der Rolle: Sie hilft spontan einem kranken alten Mann, der aber ein Fehlerhafter ist und dem sie laut Gesetz nicht helfen darf. Sie wird verhaftet, verurteilt und mehrfach gebrandmarkt. Der Richter, eigentlich ein Freund ihrer Familie, wird wütend, weil sie sich nicht so verhält, wie er es wünscht, und straft sie mit ungewöhnlicher Härte.
Nach dem ersten Schock und den körperlichen Schmerzen muss sich Celestine nun an neue Regeln gewöhnen, aber auch an das intensive Interesse von Medien, politischen Gruppen und hassenden Mitschülern. Nur sehr langsam verliert sie ihre Naivität und Vertrauensseligkeit und beginnt, über das System und ihre Rolle an dem wachsenden Widerstand gegen die absurde Moralität und Härte der Gilde nachzudenken.

Ich habe schon schlechter konstruierte Dystopien gelesen, allerdings auch bessere. Ich ärgere mich immer über diese naiven Mädchen, die keine Ahnung von gar nichts haben und höchst egozentrisch und unsensibel durchs Leben laufen, um dann plötzlich zu gesellschaftlichen Umstürzlerinnen wider Willen zu werden. Celestine gehört zum Teil auch in diese Kategorie Protagonistin. Die weiteren Charaktere werden im Vergleich eher wenig entwickelt, hätten aber vielleicht Potenzial gehabt, wie beispielsweise Celestines glatt gebürsteter Freund Art, ihre schwer zu durchschauende Schwester Juniper oder auch Celestines Großvater. Nun, vielleicht ergibt sich dafür ja noch Platz im Band zwei. Nahezu völlig unsinnig für den Plot ist hingegen ein junger Mann namens Carrick, der in der Nachbarzelle inhaftiert ist, während sie auf ihren Prozess warten. Obwohl sie fast nichts miteinander sprechen, steigert sich Celestine im weiteren Verlauf in eine massive Verliebtheit hinein, die durch nichts gerechtfertigt ist und komplett aufgesetzt wirkt. Klar, dass er später noch eine Rolle spielen wird, aber hier wurde die Liebesgeschichte sozusagen mit dem Holzhammer in die Geschichte gedrückt. Nicht gut gemacht. 
Gelungen ist meines Erachtens wie geschildet wird, dass man in dieser moralisch höchst anspruchsvollen Gesellschaft niemandem trauen kann. Die wahren Motive der Menschen bleiben stets verborgen, ihre Handlungen sind doppeldeutig, ihr Interesse an Celestine nie ohne Hintergedanken. Manipulation ist allgegenwärtig. Obwohl sie lange nur eines will, nämlich sich wieder anzupassen und ein halbwegs normales Leben zu leben trotz ihrer Brandmarkung, muss sie schließlich erkennen, das dies nicht mehr möglich ist, weil sie ungewollt ein Instrument einer Widerstandsbewegung geworden ist, deren Ausmaß und Motive sie nicht erfassen kann. Zu welchen Konsequenzen dies führt und wie dieser Umbruch weiter verläuft, hat sich die Autorin für Band zwei aufgehoben, Ende Band eins offen.

Cecilia Ahern, Flawed - Wie perfekt willst du sein? Argon 2016.

Thursday, June 16, 2022

Gabrielle Zevin - Die Widerspenstigkeit des Glücks

Gabrielle Zevins Roman Die Widerspenstigkeit des Glücks handelt von dem Buchhändler A. J. Fikry. Nachdem seine Frau, mit der er seine Buchhandlung auf Alice Island zuvor geführt hat, verstorben ist, versinkt er in Selbstmitleid und Alkohol. Er ist wütend auf die Welt und lässt das eines Tages auch die Verlagsvertreterin Amelia spüren. Eine Veränderung tritt erst ein, als er die zweijährige Waise Maya in der Kinderbuchecke seiner Buchhandlung findet, die ihre Mutter vor ihrem Selbstmord dort abgesetzt hat. Nachdem er Maya notgedrungen über das Wochenende versorgt, entschließt er sich zur Adoption. Weitere Veränderungen folgen mit dem wiederentdeckten Lebenswillen...
Anfangs folgen wir intensiv der Hauptfigur Fikry, seinen Emotionen und Entscheidungen. Später macht die Geschichte größere Sprünge, schildert wichtige Lebensentscheidungen und Schicksalsschläge. Auch das Leben einiger Nebenfiguren wird beleuchtet, einige Hintergründe zu Mayas Herkunft werden aufgedeckt.
Vielleicht ist es diesen Sprüngen geschuldet, dass ich das Gefühl hatte, mich beim Fortgang der Geschichte immer weiter von den Charakteren zu entfernen anstatt mich ihnen näher zu fühlen. Hatte ich anfangs noch Interesse für die Lebens- und Liebesgeschichte der Protagonisten, so ließen sie mich am Ende fast unberührt - ein eigenartiges Phänomen. Die zahlreichen bibliophilen Bezüge und das Wohlfühl-Setting der kleinen Buchhandlung kann man auf der Plusseite verbuchen - wer Interesse für Kurzgeschichten hat, erhält durch Fikry einige Leseanstöße. Insgesamt war Die Widerspenstigkeit des Glücks ganz sympathische Unterhaltung, konnte mich aber nicht so begeistern wie es angesichts der vielen hohen Bewertungen und enthusiastischen Rezensionen bei vielen anderen Leserinnen der Fall war. 

Gabrielle Zevin, Die Widerspenstigkeit des Glücks. Diana, München 2015.



Sunday, June 12, 2022

George Saunders - Lincoln im Bardo

Lincoln, genau, der amerikanischer Präsident Abraham Lincoln, ist eine der Hauptfiguren des Romans Lincoln im Bardo von George Saunders. Eine weitere ist sein Sohn Willie, der mit nur elf Jahren im Jahr 1862 verstarb. Basierend auf einer Zeitungsmeldung, nach der der trauernde Präsident nachts den Friedhof aufsuchte, um seinen Sohn noch einmal in den Armen zu halten, baut George Saunders eine ungewöhnliche Story auf. 

Nach seinem Tod befindet sich Willie in einem Zwischenreich, bei den Tibetern Bardo genannt, und "geistert" über eben jenen Friedhof. Bei ihm sind hunderte anderer skurriler Gestalten, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen noch nicht von der hiesigen Welt verabschieden wollen. Sie alle kommen mit ihren vielfältigen Stimmen zu Wort, einige nur kurz, andere öfter und erzählender. An verschiedenen Stellen werden auch die Geschehnisse in der realen Welt wiedergegeben, Saunders nutzt historische Quellen - Briefe, Erinnerungen, Zeitungsberichte... - und fügt fiktive hinzu, um die Situation von Lincoln und seiner Frau zu schildern und in den historischen Kontext des Civil War einzuordnen. So werden Fiktion und Realität, Geschichtliches und persönliches Schicksal intensiv miteinander verwoben. 

Das Leseerlebnis bei diesem Roman ist schon ein besonderes: Man treibt durch die zahlreichen Stimmen und Quellen, wird von einem gefühlsintensiven Moment in den nächsten geworfen. Einige der Bruchstücke fügen sich zwar zu einer Chronologie zusammen, aber das Lesen ist mehr Gefühl als Plot. Ich kann gut verstehen, dass man das Buch entweder faszinierend oder grundweg nervtötend finden muss. Lässt man sich darauf ein, so ergeben sich möglicherweise einige Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Liebe und des Todes... Es ist absolut nachvollziehbar, dass dieses ungewöhnliche Werk den Booker Prize (2017) gewonnen hat und ich bin froh, es gelesen zu haben. 

George Saunders, Lincoln im Bardo. Luchterhand, München 2017.

 

 

Friday, June 03, 2022

Hakan Nesser - Barbarotti und der schwermütige Busfahrer

Man muss Hakan Nesser und seinen Stil mögen, um Barbarotti und der schwermütige Busfahrer schätzen zu können. Kommissar Barbarotti und Kommissarin Backman nehmen sich eine Auszeit auf Gotland. Es ist Herbst und das Leben auf der Insel wird von Tag zu Tag ruhiger. Da begegnen die beiden einem Radfahrer, in dem Barbarotti Albin Runge zu erkennen glaubt. Problem dabei: Runge ist schon vor Jahren verschwunden und inzwischen für tot erklärt worden. In einer anderen Erzählebene erfahren wir die Einzelheiten des damaligen Falls: Runge bekam Drohbriefe, hinter denen er Angehörige des Busunglücks mit vielen Toten vermutete, bei dem er am Steuer gesessen hatte. Einige Zeit später verschwand Runge auf einer Fährüberfahrt nach Finnland und tauchte nicht mehr auf...

Es gibt keinen wirklichen Kriminalfall, keinen Mord, in diesem Roman. Es ist eher die Geschichte eines ungelösten Rätsels, das Barbarotti und Backman Jahre später entwirren dürfen. Das Erzähltempo ist eher langsam, die Charaktere bedächtig. Die Gespräche der beiden Kommissare drehen sich oft um das Leben als solches und welche Dinge wirklich wichtig sind, es ist eher ein philosophischer als ein kriminalistischer Roman.
Mir hat die Geschichte, die langsam aber beständig weitergesponnen wird trotz ihrer Langsamkeit gefallen, ich mag die Charaktere und vor allem auch Dietmar Bärs Lesung, die hervorragend dazu passt. 

Hakan Nesser, Barbarotti und der schwermütige Busfahrer. Hörverlag 2021.