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Saturday, March 28, 2026

Brian Jay Jones - Jim Henson: The Biography

Die Jim Henson Biography von Brian Jay Jones schildert detailreich den beruflichen Werdegang des Ausnahmekünstlers Jim Henson. Natürlich werden auch die persönlichen, familiären Meilensteine beleuchtet, vor allem wird immer wieder seine enge Beziehung zu seinen fünf Kindern hervorgehoben, sie steht aber nicht im Zentrum des Buches. 
War man Kind im Zeitraum der 60er bis 80er Jahre, so ist man zwangsläufig mit Jim Hensons Figuren aufgewachsen, sei es mit der Sesamstraße, der Muppet Show oder Fraggle Rock. Dies sind seine bekanntesten Kreationen, wenngleich Henson selbst immer auf der Suche nach kreativem Ausdruck auch jenseits der Muppets/Puppets war, wovon zahlreiche alternative (Film-) Projekte zeugen. 
Ich lese selten Biografien, doch diese hat mich berührt. Hensons Figuren und Geschichten sind fester Bestandteil meiner eigenen Geschichte, in gewisser Weise bin ich ein Fan. Es war spannend, herauszufinden, was für ein Mensch dahinter stand. Henson war Workaholic, jonglierte mit verschiedenen Arbeitsbereichen, verschienenen Projekten und Verantwortlichkeiten an mehreren Standorten (hauptsächlich NYC und London). Im Vordergrund stand dabei immer der Spaß, für ihn war es keine Arbeit im eigentlichen Sinne, er war freundlich, gütig, begeisterungsfähig. Am Ende des Buches hatte ich den Eindruck, ihn kennengelernt zu haben, die Schilderung seines plötzlichen Todes im Alter von 53 Jahren wegen einer Streptokokkeninfektion und der Trauer, die dies auslöste, war ergreifend. Meines Erachtens wird Brian Jay Jones mit seiner Biografie Jim Henson und seinem kreativen Vermächtnis in jeglicher Hinsicht gerecht. 

Brian Jay Jones, Jim Henson: The Biography. Ballantine 2013. 

Thursday, December 25, 2025

Annie Ernaux - Der Platz

Annie Ernaux erzählt in Der Platz von ihrem Vater und seinem Leben, anlässlich seines Todes. Dabei liefert sie zwar auch Lebensdaten und Werdegang, aber ihr Fokus liegt vor allem auf ihrer eigenen (schwierigen) Beziehung zu ihm. Während er nur wenig Schulbildung erhielt, als Bauer lange hart körperlich arbeiten musste und schließlich mit seinem Lebensmittelladen nur ein gerade ausreichendes Einkommen hatte, konnte sie lange lernen und einen Bildungsgrad erreichen, der ihr gesellschaftlichen Aufstieg aus der Arbeiterklasse zur Zugehörigkeit zum Bürgertum ermöglichte. Dadurch ergab sich ein Bruch zwischen ihr und dem Vater, da dieser ihre Lebensweise nicht verstehen konnte, obwohl er stolz auf sie war. Die Autorin formuliert gleichfalls Stolz auf die Errungenschaften des Vaters, zugleich aber auch Scham über die Begrenztheit ihrer Eltern in manchen Dingen. 
Die Adaption des kurzen Romans durch Stephanie Eidt ist sehr gut gelungen, die Vielschichtigkeit der Emotionen ist greifbar, ebenso wie die Zerrissenheit über das schwierige Verhältnis zum Vater.

Annie Ernaux, Der Platz. DAV 2020.

Friday, November 28, 2025

Tashim Durgun - »Mama, bitte lern Deutsch«

Tashim Durguns biographisches Buch »Mama, bitte lern Deutsch« : Unser Eingliederungsversuch in eine geschlossene Gesellschaft gelangte im Frühjahr 2025 auf die Bestsellerlisten. Durgun schildert dabei sehr persönlich, humorvoll, aber zugleich analytisch seine Erfahrungen als Kind einer jesidisch-kurdischen Migrantenfamilie in Niedersachsen. Er spricht von seinen Geschwistern, aber vor allem viel über seine Mutter. Vor deren Gewandtheit in ihrer Muttersprache hat er großen Respekt, doch aufgrund ihrer fehlenden Deutschkenntnisse auch nach mehreren Jahren in Deutschland gerät er, der Sohn, immer wieder als kindlicher oder jugendlicher Übersetzer in prekäre Situationen: In der Schule, in der Einwanderungsbehörde, bei Arztbesuchen und vielem mehr. Exemplarisch stehen Tashim Durguns Erfahrungen für die vieler migrantischer Kinder, die Aufgaben übernehmen müssen, die sie zwar sprachlich besser bewältigen können als ihre Eltern, die sie aber in anderer Hinsicht nicht überblicken oder begreifen können. Doch auch wenn die leicht vorwurfsvolle Ansprache "Mama, bitte lern Deutsch" darauf hinweist, dass die Mutter in all den Jahren nichts oder zu wenig für ihre sprachliche Integration in die deutsche Gesellschaft getan hat, so beleuchtet das Buch in vielen Szenen die Verschlossenheit eben dieser Gesellschaft, die es der Familie nicht leicht macht, aus der sozialen, sprachlichen und kulturellen Begrenztheit auszubrechen und ein anderes, besseres Miteinander zu erreichen. Wer muss hier wo den ersten Schritt tun? Schuldzuweisungen gibt es nicht, sie bringen auch niemanden weiter. Verständnis, aufeinander zugehen, Unterschiede erkennen und wahrnehmen, aber nicht verurteilen, so verstehe ich die Botschaft von Tashim Durgums Buch, das einen Schritt dazu tut, indem es die Migration von "der anderen Seite" beleuchtet. Und das ist eine Perspektive, die gerade im Jahr 2025 allen Menschen nur gut tun kann. 

Tashim Durgun, »Mama, bitte lern Deutsch« : Unser Eingliederungsversuch in eine geschlossene Gesellschaft. Argon 2025.
 

 

Friday, November 22, 2024

Waris Dirie - Wüstenblume

Wüstenblume von Waris Dirie (zusammen mit der Autorin Cathleen Miller geschrieben) erschien im Jahr 1998 und erzählt die Geschichte Diries beginnend mit ihrer Kindheit als Nomadin in der somalischen Wüste bis zu ihrer Karriere als Model in den 80er und 90er Jahren. Das Buch erregte viel Aufsehen bei seiner Veröffentlichung, weil es schonungslos die Genitalverstümmelung in all ihren Auswirkungen schildert. Durch ihre Berühmtheit schaffte sie es, auf dieses Thema weltweit aufmerksam zu machen, und schuf in der Folge verschiedene Organisationen und Kampagnen bis hin zur Gründung von ganzheitlichen Kliniken für die Opfer.
Mit Achtung und Liebe schildert die Autorin ihre Kindheit in Somalia, sie erklärt die gesellschaftlichen Gründen, die die Menschen an dem grausamen Ritual der Genitalverstümmelung festhalten lässt, distanziert sich aber zugleich davon. Wie groß das Leiden jedoch gewesen sein muss, wird an ihrer unfassbaren Flucht mit nur 13 Jahren durch die Wüste und ihr Entschluss, nicht nur bei den Verwandten zu bleiben, um der Zwangsheirat zu entkommen, sondern sogar die Flucht ins unbekannte Großbritannien auf sich zu nehmen, deutlich. Ihre Schilderung der Ausbeutung durch die Familie ihres Onkels, einem Botschafter in London, bei dem sie ohne die Möglichkeit zur Schulbildung und ohne Entgelt den Haushalt führte, fällt vergleichsweise mild aus. Wärmer wird ihre Erzählung, wenn sie von der Unterstützung durch ihre Freundinnen in London erzählt, die sie dazu drängten, ihre Chance auf Karriere als Model zu ergreifen. Insgesamt wirkt ihre Reise märchenhaft und unglaublich. Beginnend mit diesem Buch nutzt sie ihren Erfolg zur Unterstützung von Millionen von Frauen, die leider immer noch unter den barbarischen Beschneidungen zu leiden haben. Deswegen ist Wüstenblume auch leider immer noch ein aktuelles, ein wichtiges Buch. 

Waris Dirie, Wüstenblume. Ullstein Hörverlag 2000.

Friday, November 01, 2024

Anne Sauer - Look What She Made Us Do

Anne Sauers Buchtitel Look What She Made Us Do impliziert eine kritische Betrachtung des Phänomens Taylor Swift. Eine amerikanische Singer/Songwriterin, deren Fans sozusagen "zu allem bereit" sind, um für sie einzutreten, sie anzuhimmeln und natürlich auch Geld für sie auszugeben.
Kritik ist allerdings kaum zu finden in diesem Buch, denn die Autorin ist selbst Swiftie, also ein Fan, und beleuchtet ganz nebenbei ihr eigenes Verhältnis zu Taylor Swift und die Parallelen zu Lebensstationen oder "Eras". Natürlich liefert der Band einiges an Basisinformationen zu Taylors Werdegang und zeigt ihre Erfolge auf. Strittige Aspekte werden angerissen, aber immer auch relativiert. Look What She Made Us Do liefert einiges an Daten und Fakten, bleibt aber an der Oberfläche. Vermutlich ist das Buch keine Offenbarung für tatsächliche Fans, ist aber ausreichend für jemanden, der gern ein wenig über Taylor Swift wissen möchte. Wirklich empfehlen kann ich es nicht. 

Anne Sauer, Look What She Made Us Do. Hierax Medien 2024.

Sunday, September 29, 2024

Alan Cumming - Not My Father's Son

Another one of the category "Popsugar" made me read this... But that's how to broaden your reading horizon... This time the prompt called for "A memoir that explores queerness".

Alan Cumming isn't an actor who I knew much about and I can't actively recall seeing him on screen although I saw several of the films he was in. His biography Not my Father's Son deals with his problematic relatitionship with his father and other aspects of his family history. The focus isn't actual on the aspect of queerness although him being different surely triggered the actions of his abusive father. In the cause of a TV show about the genealogy of celebrities Alan Cumming discovers a lot about the past of his maternal grandfather while also engaging in an active process to deal with the damage his father did to him and his brother in his childhood. He conveys his confusion and distress during this time but manages to come up stronger and more at peace with himself and his past at the end. He appears to be truthful, self-critical and witty throughout the events and although I wasn't totally fascinated with the story I stuck with it till the end and am happy that I did. 

 Alan Cumming, Not my Father's Son. Canongate 2014.

Tuesday, August 06, 2024

Brandi Carlile - Broken Horses - A Memoir

Seit 2010 kenne und liebe ich Brandi Carlile und ihre Musik. Ich verfolge ihre Alben, ihre Erfolge und Projekte. Beeindruckend, was sie alles geschaffen und erreicht hat. In Broken Horses erzählt sie von ihren Anfängen, ihrem Leben, ihren Stolpersteinen. Als queere Frau in dieser Branche authentisch den eigenen Weg zu verfolgen war und ist nicht immer einfach. Sie benennt klar ihre Vorbilder und ihre Schwächen, spricht wertschätzend über all jene, die sie unterstützt haben und sie lieben. Zusätzlich zu dieser vielleicht unerwartet spannenden Geschichte ihres Lebens hat sie das Audiobook mit Musik erweitert. Jedes Kapitel wird abgeschlossen mit einer Akustik-Version der wichtigsten oder symbolischsten Songs dieses Lebensabschnitts. Natürlich hat sie das Audiobook auch selbst eingelesen und man hat das Gefühl, mit Brandi am Lagerfeuer zu sitzen, sie erzählt und spielt zwischendurch ein paar Songs. Das ganze Audiobook ist emotional anrührend und authentisch - am Ende wünscht man ihr und ihrer Familie (biologisch und gewählt) alles erdenklich Gute und noch viele erfolgreiche Kapitel. 

Brandi Carlile, Broken Horses - A Memoir. Random House Audio 2021.

Monday, July 29, 2024

Tom Peine - Deputy While Immigrant

Thomas Peine wuchs in Gütersloh, NRW, auf, bevor ihn die Liebe in die USA umziehen ließ. Dort fasste er eine eher ungewöhnliche berufliche Entscheidung: Er wurde Sheriff! In Deputy While Immigrant schildert er seine Erfahrungen in der Ausbildung und in der beruflichen Praxis in Tucson, Arizona. Neben einem augenzwinkernden, aber immer respektvollem Blick auf die US-amerikanischen Strukturen, die sich erwartungsgemäß sehr von den deutschen in diesem Bereich unterscheiden, erzählt er anschaulich von den Einsätzen, die ihn am meisten geprägt oder beeindruckt haben. Er reflektiert dabei auch die berufliche Realität und streut natürlich auch Privates ein. So umfasst seine berufliche Laufbahn auch noch eine Zeit als Detective und eine Anstellung in der Öffentlichkeitsarbeit der Polizei.
In der Tat kannte ich einige von Toms Geschichten schon, da ich das Vergnügen hatte, ihn vor einigen Jahren in Gütersloh zu treffen. Schon damals berichtete er mit großer Begeisterung und sehr anschaulich von seinen Erfahrungen in diesem für einen Deutschen eher ungewöhnlichen Beruf. Diese Begeisterung finde ich in seinem Buch wieder und mir gefällt der tiefe Respekt, den er für die Polizeiarbeit hat. Dabei geht es ihm auch um die gesellschaftliche Wahrnehmung, um Fairness und Angemessenheit - aktuelle Veränderungen in der Polizeiarbeit und der Legislative sieht er zum Teil kritisch.
Insgesamt nimmt Deputy While Immigrant den Leser mit auf eine interessante persönliche Reise und gewährt Einblicke in die in Film und TV eher verklärte oder dramatisierte Realität der Polizeiarbeit.

Tom Peine, Deputy While Immigrant. IndieOwlPress 2023.

Monday, July 15, 2024

Birk Meinhardt - Mein Bornholm

Birk Meinhardt (*1959 in Ost-Berlin), Journalist und Schriftsteller, schreibt in Mein Bornholm über seine langjährige Verbundenheit mit der dänischen Insel. In lose zusammenhängenden Kapiteln schreibt er sich durch touristische, geschichtliche und kulturelle Aspekte der Insel. Jahrelang fährt er mit Frau und Kinder immer wieder nach Bornholm, verbindet zunächst sentimentale Urlaubserinnerung damit, bis er sich für Hintergründe zu interessieren beginnt und auch Schattenseiten entdeckt. Besonders interessiert ihn auch der Schriftsteller Hans Henny Jahnn (1894-1959), der zwölf Jahre lang auf Bornholm im Exil lebte und zahlreiche Werke dort schrieb und deren Spuren Meinhardt folgt. 

Obwohl der Autor interessante Aspekte der Insel unterhaltsam darstellt, mit einer sehr persönlichen Note, nachsinnend, teils (selbst-) ironisch, bleibt das Buch meines Erachtens  ein wenig in der Luft hängend, es weiß nicht, was es sein soll. Es ist biographisch, es ist eine Einführung in die Insel, es ist Reflexion über gesellschaftliche und kulturelle Entwicklungen. Alles wird angerissen, aber die Gedanken bleiben lose stehen. Das war stellenweise unterhaltsam, aber teils auch unbefriedigend.

Birk Meinhardt, Mein Bornholm. Mare, Hamburg 2022.

Sunday, June 30, 2024

Alexandra Heminsley - Leap In

2024 ist ein Schaltjahr, a leap year. Deswegen enthält die Popsugar Reading Challenge dieses Jahr den task "A book with the word "leap" in the title". Es fand sich nichts wirklich Passendes in deutscher Übersetzung, also wurde es ein englischer Titel: Alexandra Heminsley ist eine britische Journalistin und Autorin, die zunächst das Laufen lernte (Running Like a Girl) und sich als nächstes vornahm, in offenen Gewässern zu schwimmen. Daraus resultierte das  2017 erschienene Buch Leap In - A Woman, Some Waves and the Will to Swim.
Der erste Teil des Buches ist eine autobiographische Schilderung ihrer Fortschritte beim Erwerb eines brauchbaren Schwimmstils und dem Überwinden persönlicher Schwierigkeiten. Letztere sind weniger physischer als vielmehr psychischer Natur. Ihre Schilderungen sind emotional, aber reflektieren immer wieder ihren eigenen Prozess und betonen die Wichtigkeit, das Leben zu leben und nicht nur zuzusehen, weswegen sie sich immer wieder neue Ziele setzt, auch wenn sie dabei oder gerade weil sie dabei an ihre Grenzen gehen muss.
Der zweite Teil ist eine Mischung aus einem historisch-praktischen Sachbuch über das Schwimmen, Literaturtipps und ein Ratgeber für Schwimmequipment. Dieser Teil hat mich wenig begeistern können, weswegen ich ihn stellenweise nur überflogen habe.
Insgesamt war es wieder einmal ein durchaus lohnenswertes Buch (bezogen auf Teil 1), das ich ohne die Reading Challenge sicherlich nicht gelesen hätte.

“It had taken years to accept that yes, my body had value, but that value lay more in where it could take me, what it could show me, than in any perceived visual pleasure it could provide for others.”
Alexandra Heminsley, Leap In - A Woman, Some Waves and the Will to Swim. Hutchinson, London 2017.

Saturday, December 09, 2023

Anne Frank - Zwei Biographien für junge Leser

Maria Isabel Sanchez Vegara (Text) und Sveta Dorosheva (Illustrationen) haben ein beeindruckendes Bilderbuch zu Anne Franks Leben und ihrem Tagebuch verfasst. Gegen die schwarzweißen Bilder der Häuser und Menschen hebt sich das rotkarierte Tagebuch deutlich ab. Die einfachen Texte, angepasst an eine recht junge Zielgruppe, gehen auf die Emotionen der jungen Anne Frank ein, erklären aber ausreichend und behutsam die politisch-historischen Hintergründe. Ein gelungenes Buch für Kinder, die fragen, wer Anne Frank war.

Insel Verlag 2019

Die Reihe, in dem dieses Buch erschienen ist, nennt sich „Kleine Bibliothek Großer Persönlichkeit“ und dieser Band wurde verfasst von Isabel Thomas (Text) und Paola Escobar (Illustrationen). Zielgruppe sind Kinder und junge Jugendliche, die Sprache ist bewusst einfach gehalten. Es ist sowohl eine zusammenfassende Zeitleiste als auch ein Glossar von schwierigen Wörtern enthalten. Letztere sind im Text durch Unterstreichungen kenntlich gemacht. Es werden die historischen Hintergründe beleuchtet und durch anschauliche Illustrationen (z.B. ein Aufriss der Räume des Hinterhausverstecks). Die beteiligten Personen werden vorgestellt und ihr Einfluss auf Annes Erleben und ihr Tagebuch gezeigt. Vorsichtig werden auch die emotionalen Auswirkungen der Zeit im Versteck und Annes Beweggründe für das Schreiben und Redigieren ihrer Aufzeichnungen erklärt. Insgesamt ist es eine gelungene Einführung für das Lesen des Tagebuchs und altersgerechte Zusammenfassung wissenswerter Information über Zeit und Leben Anne Franks. 

Laurence King Verlag 2019

Friday, December 16, 2022

James Bowen - Ein Geschenk von Bob

In seinem erfolgreichen Buch Bob, der Streuner schildert James Bowen, wie ihm der rotgetigerte Kater zu einem Neubeginn in seinem Leben verhalf.
Ein Geschenk von Bob führt die Geschichte fort und berichtet von seinen Erfahrungen in und mit der Weihnachtszeit. Bowen erzählt von seinen dramatischen finanziellen Engpässen während des harten Winters 2010, also noch vor dem Erscheinen des ersten Buches 2012. Außerdem erinnert er sich zurück an seine Erfahrungen mit dem Weihnachtsfest während seiner Kindheit und in der Zeit seiner Drogenabhängigkeit, die wenig positiv waren. Jetzt erfährt er jedoch Herzlichkeit und Hilfe von seiner Stammkundschaft, Kollegen und Freunden und seine Einstellung zum Fest wandelt sich. Sein Vergleich mit Charles Dickens' Weihnachtsgeschichte ist vielleicht ein wenig überstrapaziert, aber dennoch ist seine Freude darüber, nicht nur sein Leben in den Griff bekommen zu haben, sondern auch an diesem Fest Gefallen zu finden, ansteckend. Fazit: Eine durchaus berührende Weihnachtslektüre für Zwischendurch, wenn man sich auf Bowens Erzählung und Katzenliebe einlassen mag. 

James Bowen, Ein Geschenk von Bob. Lübbe Audio 2014.

Saturday, May 28, 2022

Hugo Horiot - Der König bin ich

Hugo Horiot wurde als Kind mit Asberger-Autismus diagnostiziert. In Der König bin ICH erzählt er die Geschichte seines Wegs in die Welt, seinen Wegs mit seiner Andersartigkeit leben zu können. Horiot arbeitet  inzwischen als Regisseur und Schauspieler in Paris.

Das Buch beginnt mit dem vierjährigen Julien, der mit niemandem spricht. Er will nichts von sich preisgeben, er will vielmehr der Welt entfliehen, zurück in den Mutterleib.
Alles, was seine Mitmenschen um ihn herum als normal erachten, interessiert ihn nicht. Er nimmt keinen Kontakt mit Gleichaltrigen auf. Doch als er sechs wird, beschließt Julien, dass er in die Welt hinaus muss und sich von seiner Innenwelt trennen muss, um leben zu. Er bittet seine Mutter ihm einen neuen Namen zu geben und er wird zu Hugo. Hugo spricht, aber bleibt immer anders und unangepasst. 

Während des Lesens erahnt man, wie anstrengend Hugos andere Innenwelt sein muss, wie fremd und abstoßend ihm die Realität der "normalen" Menschen vorkommen muss. In den letzten Kapiteln und im Nachwort, in dem auch seine Mutter zu Wort kommt (ebenfalls Schriftstellerin, die bereits ein Buch über ihn verfasste), klingt deutliche Kritik an dem System und einem Gesundheitssystem durch, dass noch keine adequate Behandlung oder besser Hilfestellung für Asperger-Autismus gefunden hat. Auch das Leiden der Mutter wird deutlich - trotz ihrer absoluten Liebe und Willen zur - erfolgreichen - Förderung ihres Kindes.
Diese kurze, aber dennoch etwas anstrengend zu lesende Biographie gibt Einblicke und erzeugt Verständnis, hinterlässt aber auch ein Gefühl von Hilflosigkeit, wie diesen besonderen Menschen begegnet und geholfen werden kann, damit sie ein erfülltes Leben führen können ohne ständig gegen die Barrieren der Norm ankämpfen zu müssen. 

Hugo Horiot, Der König bin ich. Hanser, Berlin 2015.

Monday, April 11, 2022

Morten Harket - My Take on Me

Morten Harket erzählt in My Take on Me seine persönliche Geschichte und seine Sicht auf die Entstehung und den Erfolg von a-ha. Er beschreibt seine musikalische Reise bis zur ersten Trennung der Band ohne aber auf die folgende Solokarriere weiter einzugehen. Am beeindruckendsten ist vielleicht Harkets Wahrnehmung der großen Gruppen von Fans, die vor allem ihn als (gut aussehenden ;) Frontmann und Sänger belagerten und verfolgten. Er bleibt dabei respektvoll den Fans gegenüber, verdeutlicht aber auch, wie belastend er den Verlust jeglichen Privatlebens empfunden hat. Nachvollziehbar. Er betont außerdem, dass der kommerzielle Erfolg als Pop-Band dazu führte, dass der musikalische Werdegang der Band und ihrer Mitglieder dadurch eher ausgebremst wurde. Interessa
nt wäre gewesen, wie er die danach noch folgenden Alben diesbezüglich bewerten würde, die nach den Solokarrieren der drei wieder als a-ha erschienen sind. Insgesamt war diese Biographie unterhaltsam, brachte aber auch keine tiefgründigen Erkenntnisse. 

Morten Harket, My Take on Me. Edel, Hamburg 2016.

Sunday, April 03, 2022

Isabel Allende - Was wir Frauen wollen

Als Was wir Frauen wollen 2020 erschien, war Isabel Allende 78 Jahre alt und glücklich verheiratet mit ihrem dritten Ehemann.
In sehr kurzen Kapiteln, eher Abschnitten oder Gedanken, geht Allende genau der Frage nach, die der Titel suggeriert: Was wollen Frauen eigentlich? Und daran anschließend der Folgefrage: Was hindert Frauen daran, zu bekommen bzw. zu erreichen, was sie wollen? 

Einige der Gedankengänge sind dabei sehr persönlicher und biografischer Natur, sie denkt viel über ihre Mutter, Großmutter und auch die männlichen Familienmitglieder nach, die sie geprägt haben. Dabei ist sie zwar kritisch, aber immer liebe- und verständnisvoll.
Deutlicher wird sie, wenn sie über den Machismo, das Patriarchat spricht. Sie spricht über geschichtliche Zusammenhänge, gesellschaftliche Strukturen und über das Interesse von Männern, diese zu erhalten, weil das bestehende System ihnen Vorteile bringt. Sie rechnet ab mit all den Grausamkeiten, unter denen Frauen fast überall auf der Welt zu leiden haben. Sie spricht über das Recht über den eigenen Körper bestimmen zu können - und denkt dabei über Genitalverstümmelung, Zwangsheirat, Verbot von Abtreibungen, Vergewaltigungen und sexuelle Ausbeutung nach. Sie spricht über Gleichberechtigung - und legt den Finger in die Wunde ungleich bezahlter Arbeit, die immer noch bestehende männliche Dominanz in vielen Berufsfeldern, sei es in der Politik, in der Wirtschaft oder in der Kunst. 

Sie spricht über Feminismus und dass dieser einschüchternd wirke, weil er "radikal daherkommt oder als Hass auf die Männer verstanden wird" - das haben wohl alle, die sich mit Feminismus beschäftigen schon einmal gehört. Sie definiert daher (S.19f.):

"Und worin besteht nun mein Feminismus? Dass es nicht darauf ankommt, was wir zwischen den Beinen, sondern was wir zwischen den Ohren haben. Er ist eine philosophische Haltung und eine Auflehnung gegen die Herrschaft der Männer. Er ist eine Form, die Beziehungen zwischen Menschen zu verstehen und auf die Welt zu schauen, er setzt auf Gerechtigkeit, kämpft nicht nur für die Emanzipation von Frauen, von schwulen, lesbischen und queeren Menschen (LGBTQIA+) und allen anderen, die durch das System unterdrückt werden, sondern von jeder Person, die sich anschließen möchte. Herzlich willkommen, würden die jungen Leute heutzutage wohl sagen: Je mehr wir sind, desto besser."

Einverstanden. 

Natürlich sind Allende Gedanken nicht alle neu und vielleicht sind sie auch nicht an allen Stellen zuende gedacht oder werden zu sehr vermischt mit ihrem eigenen Erleben. Aber es sind auch ihre persönlichen Erinnerungen und Beweggründe zu ihren Gedanken, die Was wir Frauen wollen zu einem besonderen Leseerlebnis werden lassen. Diese teils emotionalen Betrachtungen der gleichzeitig faktisch klar belegbaren Ungleichheit der Geschlechter spiegeln die weibliche Sicht auf die Welt und unterstreichen damit die Notwendigkeit, dass Frauen mehr Macht auf die Geschicke Welt ergreifen müssen, um die Gesellschaft - vielleicht - in eine bessere Zukunft zu lenken. Angesichts der ersten Monate der Corona-Pandemie schließt Allende ihr Buch mit folgendem Gedanken (S. 184f.):

"Wir wollen eine Welt, in der es Schönheit gibt, und nicht nur von der Art, die sich mit den Sinnen erfassen lässt, sondern auch eine Schönheit, die man wahrnimmt, wenn das Herz offen ist und der Geist klar. Wir wollen einen sauberen Planeten, bewahrt vor jeder Form von Aggression. Wir wollen eine Gesellschaftsordnung im Gleichgewicht, die nachhaltig ist und auf Respekt füreinander, für andere Spezies und die Umwelt insgesamt gründet. Wir wollen eine Gesellschaftsordnung, die alle einschließt und keinen bevorzugt, in der niemand diskriminiert wird aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, Klassenzugehörigkeit, Alter oder sonst einem Etikett, das uns auseinanderbringt. Wir wollen eine freundliche Welt, in der Frieden herrscht, Einfühlungsvermögen, Anstand, Aufrichtigkeit und Mitgefühl. Und vor allem wollen wir eine fröhliche Welt. Danach streben wir guten Hexen. Was wir uns wünschen, ist kein Luftschloss, es ist ein Vorhaben. Zusammen können wir Frauen das erreichen."

Isabel Allende, Was wir Frauen wollen. Suhrkamp, Berlin 2021.

Sunday, October 31, 2021

Nora Krug - Heimat: Ein deutsches Familienalbum

Nora Krug ist eine deutsch-amerikanischer Autorin und Illustratorin, die in New York lebt. In Heimat: Ein deutsches Familienalbum begibt sie sich auf die Spuren ihrer deutschen Familie. Sie ist dabei nicht nur neugierig, sondern auch bedrückt und ängstlich, was sie dabei über die politische Gesinnung ihrer Vorfahren zur Zeit des Nationalsozialismus herausfinden wird. Sie trifft bei ihren umfangreichen Recherchen auch auf Mauern, die typischerweise von vielen Familien in Deutschland errichtet wurden, um sich nicht allzu intensiv mit der eigenen Schuld auseinandersetzen zu müssen. 

Ihr Erkenntnisse und Fundstücke - "deutsche" Flohmarktfunde, Familienfotos, Briefe und offizielle Dokumente aus Archiven - ordnet sie in einmaliger Art und Weise an - sie kombiniert die Dokumente mit Illustrationen, Comicstrips, sachlichen Zusammenfassungen und persönlichen Texten. Es entsteht dabei eine Textform, die sehr das Lesen einerseits schwieriger, andererseits aber auch zu einer Entdeckungsreise werden lässt, ähnlich der, auf die sie sich selbst begeben hat. 

Persönlich fand ich ihre letztendliche Erkenntnis - nämlich dass sie nie sicher wissen wird, was im Kopf ihrer Vorfahren wirklich vorgegangen ist, welche grundliegenden Einstellungen beispielsweise ihr Großvater hatte - nicht überraschend. Vielleicht ist es etwas, mit dem man sich als seit Generationen in Deutschland Lebende/r sowieso abfinden muss: Familien haben automatisch eine nationalsozialistische Vergangenheit. Nur wenige waren gegen das System, die meisten haben zugelassen, was geschehen ist. Je nachdem, in welche Generation man geboren wurde, hat man entweder noch die Prozesse um die Täter miterlebt, die Phase der Verleugnung durchlebt oder hat schulisch eine intensiv aufklärerische Zeit erfahren. Inzwischen scheint eine Generation der ahnungslos Ignorierenden heranzuwachsen, was sich an aufbrechendem Antisemitismus und dem Zuwachs rechter Extermisten leicht ablesen lässt. Die eigene Positionierung erfolgt familien- und generationenspezifisch - eine intensive Suche, wie sie Nora Krug aus ihrer US-amerikanischen Perspektive betreibt, erübrigt sich daher oft. Was nicht bedeuten soll, dass sie nicht auch uns neue, klarere Sichtweise auf die Geschichte - vor allem die eigene - bringen könnte. Auch vor diesem Hintergrund ist Nora Krugs Buch eine beachtenswerte Lektüre.

Nora Krug, Heimat: Ein deutsches Familienalbum. Penguin 2018.

Saturday, November 14, 2020

Michelle Obama - Becoming

Ich bin spät dran damit, dieses Buch zu lesen - Biografien gehören nicht zu meinen Lieblingsgenres und Bücher mit über 500 Seiten wirken inzwischen bei meiner limitierten Lesezeit ein wenig abschreckend auf mich. Andererseits war es vielleicht auch kein schlechter Moment für dieses Buch, so kurz nach der glücklichen Abwahl des Schreckgespenstes, dem Michelle Obama am Ende ihrer Zeit als First Lady und am Ende von Becoming begegnen muss. 

Der Erzählstil von Michelle Obama gefällt, ist nicht zu abgehoben, klingt aufrichtig, eine gelungene Mischung aus Emotion und Sachlichkeit. Man erfährt - besonders als Nicht-US-StaatsbügerIn - viel von den Hindernissen, die sie als Frau und als Person of Colour überwinden musste. Man versteht, warum ihr die Dinge wichtig sind, für die sie sich während der Präsidentschaft von Barack Obama und danach eingesetzt hat. Sie sind eine logische Folge ihres Lebens, in sich stimmig. Hinzu kommen einige interessante Einblicke in das alltägliche Leben im Weißen Haus, Barack ist dabei natürlich mit einbezogen, doch ihre Perspektive ist ihre eigene und eine feminine noch dazu. 

Man könnte erwarten, dass die Ablösung dieses ungewöhnlichen Präsidenten durch jemand so verantwortungslosen wie Donald Trump in seiner Ehefrau auch Bitterkeit und Zynismus auslösen könnte. Doch sie lässt ihr Buch auf einer positiven Note und mit Hoffnung enden. Sie erinnert an das "Gefühl von Fortschritt, ein tröstliches Mitgefühl, die Freude daran mitanzusehen, wie die Unbesungenen, die Unsichtbaren ins Licht fanden. Einen Schimmer der Welt, wie sie sein könnte. Das wollten wir festigen, das sollte fortdauern: mit einer aufstrebenden Generation, die begriff, was möglich war — und dass für sie noch viel mehr möglich wäre." (S.542/543).  

Becoming fügt sich nahtlos in das positive Bild, das ich von dieser beachtenswerten, starken Frau hatte - und ich bin mir sicher, wir werden weiter von den Obamas hören. 

Michelle Obama, Becoming. Goldmann, München 2018.

Saturday, January 11, 2020

Eric Clapton - Mein Leben

Eric Claptons Biographie Mein Leben (erschienen 2007) verbrachte nun bereits mehrere Jahre im Stapel ungelesener Bücher. Der Gitarrist blickt darin zurück auf sein bewegtes Musikerleben und spricht dabei auch erstmals über seinen persönlichen Erfahrungen. Besonders der erste Teil erzählt detailliert von einzelnen Karriereschritten, einzelnen Auftritten und ist gespickt mit vielen bekannten und unbekannteren Namen von Musikern aus der Szene der 60er und 70er Jahre. Für jemanden, der damit nur bedingt vertraut ist, kann dies leicht zu Ermüdung führen.
Auf eine betroffen machende Weise ist der Bericht von seiner durchaus krassen Drogen- und Alkoholabhängigkeit interessanter und lässt erahnen, wie stark die damalige Musikszene davon durchdrungen war. Clapton lässt seine Leser teilhaben an dem schwierigen Prozess von den Drogen loszukommen, wobei die Erkenntnis, dass er Alkoholiker ist, ihm viel schwerer fiel und es deutlich wird, wie stolz er darauf ist, nun seit über 20 Jahren trocken zu sein.
Detailliert schildert er auch seine gescheiterten Beziehungen, allen voran die komplizierte Beziehung zu Pattie Boyd, die zunächst mit George Harrison verheiratet war, deren Drama nur von dem schrecklichen Unfalltod seines Sohnes Conors übertroffen wird. Spätestens an diesem Punkt bekommt man das Gefühl, dass Clapton hier in seinen Erzählungen vorsichtiger wird, weniger Tiefe zeigt und vermutlich auch Aspekte weglässt, was verständlich ist. So liest sich der spätere Teil der Autobiografie ab den 90er Jahren wie eine lose Sammlung der Geschehnisse, er berichtet von Tourneen, Kollaborationen und seinem Familienleben mit seiner zweiten Ehefrau Malia und den Töchtern. Auch Jagd- und Angelerfahrungen und Berichte von seinen Hauskäufen kommen vor. Obwohl dies sicherlich für ihn wichtige Erfahrungen in seinem nun geordneteren, glücklicheren und alkoholfreien Leben sind, bleibt es in Buchform schrecklich unstrukturiert und es ist daher keine Freude, davon zu lesen.
So eröffnet das Buch zwar einige interessante neue Perspektiven auf den Menschen und Musiker Eric Clapton, als Leseerfahrung kann ich es aber nicht weiterempfehlen.

Eric Clapton, Mein Leben. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2007.

Saturday, October 26, 2019

Betty Mahmoody - Nicht ohne meine Tochter

Betty Mahmoody veröffentlichte 1987 ihr Buch Nicht ohne meine Tochter, das von ihrer Flucht aus dem Iran erzählt.
1984 reiste Betty mit ihrem iranischen Ehemann Sayyed für einen zweiwöchigen Besuch in das nach der Islamischen Revolution von Khomeini regierte Land. Sie wohnten bei Sayyeds Verwandtschaft. Nach Ablauf der zwei Wochen verkündete Sayyed, dass sie nicht in die USA zurückkehren würden und erlaubte Betty nicht auszureisen. Er schränkte ihre Freiheit immer weiter ein, entzog ihr phasenweise die Tochter und war aggressiv und gewalttätig. Auch ihr Kontakt zu ihrer eigenen Familie in den USA war ihr nur selten erlaubt. Über den Zeitraum von über einem Jahr suchte und fand Betty schließlich auch Verbündete, die ihr eine Flucht zusammen mit ihrer Tochter ermöglichten.
Das Buch war ein internationaler Erfolg, das sich besonders gut in Deutschland verkaufte und das sogar für den Pullitzer Prize vorgeschlagen wurde. Den nicht überraschenden Vorwurf, das Buch sei anti-muslimisch geschrieben, kann ich nicht nachvollziehen, denn trotz der lebensbedrohlichen Situation, in der sich Betty im Iran befand, und der menschlich nur schwer nachzuvollziehenden Haltung der sie umgebenden Frauen, die das bestehende System zum größtenteils unterstützten und ihr nur bedingt zu Hilfe kamen, äußert sich die Autorin stets dankbar und respektvoll gegenüber den Menschen, die ihr Freundlichkeit und Hilfe entgegenbrachten und pauschalisiert nicht.
Auch wird immer deutlich, dass sie weder dem muslimischen Glauben noch dem iranischen Staat die Schuld an ihren schrecklichen Erfahrungen gibt, sondern die Schuld ihrem irrational handelnden, aggressiven Ehemann gibt. Zwar beschreibt Betty Mahmoody ihre Verzweiflung und Not sehr anschaulich, bleibt aber im Grunde erstaunlich sachlich in der Schilderung der Ereignisse. Nicht ohne meine Tochter ist eine beeindruckende Geschichte, die sicherlich auch heute noch Relevanz hat in ähnlichen Gesellschaftssystemen, besonders bei Paaren mit unterschiedlichem kulturellen Hintergründen.

Betty Mahmoody, Nicht ohne meine Tochter. Lübbe Audio 2015.

Thursday, October 17, 2019

Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Die Geschichte der Christiane F. steht sinnbildlich für Drogenabhängigkeit und den schwierigen Kampf gegen das Heroin, den viele Jugendliche in den 70er Jahren verloren. Als die damals 16jährige Christiane F. in einem Prozess aussagt, werden die Reporter Kai Hermann und Horst Rieck auf sie aufmerksam. Sie bitten sie, ihre Geschichte zu erzählen, woraus das Buch entsteht, das lange 1978 die Bestsellerlisten anführte und die Gesellschaft erstmals auf die Problematik der abhängigen und sich prostituierenden Minderjährigen aufmerksam werden ließ.
Beeindruckend an der Erzählung ist der große Detailreichtum und die Offenheit, mit der Christiane F. von ihrer "Drogenkarriere" berichtet. Die Trostlosigkeit ihrer Ausgangslage in Berlin Gropiusstadt der 70er Jahre allein reicht aus, um ein gewisses Verständnis für ihren Werdegang aufzubringen. Und auch wenn bereits 40 Jahre vergangen sind, seit die Szene, die geschildert wird, Realität war, so nimmt dies nicht den Schrecken. Betroffen macht auch immer noch die Ahnungslosigkeit und die Hilflosigkeit der Erwachsenen gegenüber den abhängigen Jugendlichen - es scheint nahezu niemanden gegeben zu haben, der helfen wollte oder konnte.
Im Vergleich dazu gibt es heute zwar zahlreiche Hilfsangebote, die Szene sieht anders aus, aber Berlin kämpft wieder mit steigenden Zahlen bei Drogentoten, wobei Heroin wieder oder weiterhin eine Rolle spielt.
Die Geschichte der Christiane F. ist insofern leider weiter aktuell, weiter erschreckend, und auch im Jahr 2019 noch eine Geschichte, die erzählt und angehört werden sollte.

Christiane F., Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Nach Tonbandprotokollen aufgeschrieben von Kai Hermann und Horst Rieck. Carlsen, Hamburg 2009.