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Saturday, August 09, 2025

Volker Kutscher - Rath

In Rath bringt Volker Kutscher seine erfolgreiche historische Krimireihe um Gereon Rath und seine Frau Charly zu einem Abschluss. Es ist das Jahr 1938, die Nationalsozialisten sind an der Macht und drücken allen ihr System auf. Die Restriktionen für die jüdischen Mitmenschen nehmen zu und der Antisemitismus tritt offen und mit Gewalt zutage. Der nach Deutschland zurückgekehrte Gereon muss sich weiter verstecken, und weil sein totkranker Vater doch noch durchhält, liegen seine Auswanderungspläne mit Charly auf Eis. Diese muss einmal mehr für ihren Pflegesohn Fritze kämpfen, dem die Morde an zweien seiner Hitlerjungenkollegen vorgeworfen werden. Seine jetziger Pflegevater ist allzu schnell bereit, die Vorwürfe gegen ihn zu stützen, so dass Fritze sich - mal wieder - verstecken muss, bis Charly unter denkbar schlechten Voraussetzungen seine Unschuld beweisen kann. Viele Handlungsstränge laufen in Rath parallel: Nicht nur Gereon und Charly, sondern auch Fritze, einige der umtriebigen Kollegen von Gereon, Gereons Bruder Severin und dessen Freundin Marion, die den Mord an ihrem Ehemann rächen will. Gleichzeitig bemüht sich der Autor auch intensiv um die Darstellung des historischen Settings, was in der Schilderung der Reichsprogromnacht gipfelt. Er flicht einige jüdische Einzelschicksale ein, versucht die Brutalität der KZs darzustellen, thematisiert die Auswanderungs- und Fluchtversuche und streift auch noch das Thema (sexuellen) Missbrauchs sowohl in der HJ als auch in der katholischen Kirche. Das alles ist in Summe einfach sehr viel, nicht immer kann er all diesen Themen vielleicht gleichermaßen gerecht werden, aber es ist beachtlich, dass er die ganzen Handlungsstränge dennoch zu akzeptablen, wenn auch teils weiter offenen Enden bringt. Der Epilog wirft den historischen dunklen Schatten auf das, was nach 1938 noch kommt.

Für mich hat die Reihe eine durchgehend hohe Qualität und schafft es mit interessanten und vielseitigen Charakteren sowohl eine spannende Krimihandlung als auch historische Atmosphäre zu schaffen. Ich bin gespannt, welchem Projekt sich der Autor als nächstes zuwendet.  

Volker Kutscher, Rath. Osterwold 2024. 

Sunday, March 02, 2025

Eva Lezzi - Die Großstadtdetektive - Wer schnappt den Dieb?

Eva Lezzis Kinderkrimi Die Großstadtdetektive - Wer schnappt den Dieb? beginnt mit Jonas erstem Tag in der neuen Klasse in Berlin. Das läuft erst einmal nicht gut, sein Sitznachbar Deniz kann ihn offensichtlich nicht leiden. Dann verschwindet Lauras Handy und ausgerechnet Jona und Deniz werden verdächtigt, es gestohlen zu haben. Zwangsläufig tun sie sich als Detektive zusammen, um den wahren Dieb zu entlarven. Das gelingt ihnen aber erst mit weiterer Verstärkung und nachdem sie einige persönlich Hindernisse überwunden haben.
In Die Großstadtdetektive passieren viele (durchaus spannende) Dinge gleichzeitig. Es geht um Andersartigkeit (Jona ist Jude und geht in die Synagoge, Deniz ist Moslem), familiäre Probleme, Fremdsein, Vorurteile, Freundschaft und vieles mehr. Nebenbei klären die Kids nicht nur ein, sondern eigentlich drei Verbrechen auf. Mir ging das alles ein wenig zu schnell und zu einfach. Einige der interessanten persönlichen Aspekte der Charaktere blieben zu oberflächlich. Gefallen hat mir das authentische Berliner Setting und die Atmosphäre. Der Kriminalfall, sogar oder besonders als einer, der für Kinder geschrieben ist, ist nur mäßig spannend, da ihnen die Lösung quasi vor die Füße fällt, obwohl sie mehr als einmal falsch liegen.  

Eva Lezzi, Die Großstadtdetektive - Wer schnappt den Dieb? Beltz & Gelberg 2024.

Tuesday, July 09, 2024

Alina Bronsky - Nenn mich einfach Superheld

Marek, der Protagonist von Alina Bronskys Nenn mich einfach Superheld, ist von einem Rottweiler im Gesicht gebissen worden und seitdem entstellt und nicht mehr derselbe. Im Grunde ist er ein Kotzbrocken, der seiner alleinerziehenden Mutter das Leben schwermacht, weil er sich mit seinem neuen Aussehen nicht auseinandersetzen will. Aus Verzweiflung meldet diese ihn bei einer Gruppe für "versehrte" Jugendliche an, ohne dass Marek weiß, auf wen er dort stoßen wird. Und wäre nicht die unfassbar gut aussehende Janne in ihrem Rollstuhl dabei, dann wäre er natürlich auf keinen Fall geblieben. Wider Willen sozusagen begibt er sich mit der Gruppe auf eine Reise - tatsächlich fahren sie gemeinsam aufs Land, aber es ist auch eine Reise zu mehr Ehrlichkeit mit sich selbst.
Im Grunde ist Nenn mich einfach Superheld eine Coming-of-Age-Story, die erzählerisch einige abstruse Nebenwege einschlägt und manchmal wohl schlichtweg schockieren soll, mit einem im Grunde wenig sympathischen Protagonisten. Seine Erkenntnis, dass er sich nicht allen seinen Mitmenschen gegenüber so gedanken- und rücksichtslos verhalten kann, kommt nur sehr langsam und nur, weil er ungewöhnlichen und sehr geduldigen Charakteren begegnet, die ihn auf die rechte Spur bringen. Leider bleiben diese anderen Charaktere bei der Kürze des Romans von 240 Seiten etwas flach, dabei wäre auch ihr Schicksal einer näheren Betrachtung durchaus würdig, denn Bronsky hat ein Händchen für ungewöhnliche Figuren.

Alina Bronsky, Nenn mich einfach Superheld. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013.

Saturday, June 15, 2024

Horst Evers - Die Welt ist nicht immer Freitag

In Die Welt ist nicht immer Freitag (2007) veröffentlicht Horst Evers eine Sammlung von kurzen Geschichten, die für die Berliner Textleseshow "Dr. Seltsams Frühschoppen" (gegründet 1990) entstanden. Die Sammlung ist nach Wochentagen gegliedert. Inhaltlich geht es um das Alltagserleben des Erzählers, der Arbeit im Allgemeinen vermeidet und den einfache Dinge wie Wäsche waschen, einkaufen oder auch nur Bahnfahren mit der BVG in schiere Verzweiflung stürzen können, weil er plötzlich etwas TUN muss. Das ganze trieft von Selbstironie und Sarkasmus, die Dialoge sind oft geprägt von einer akuten Inhaltslosigkeit und durch ihr Spagat zwischen philosophischem Gedanken und Klamauk muss man - manchmal wider Willen - lachen.
Die Geschichten sind etwas in die Jahre gekommen, ich kann mir gut vorstellen, dass sie auf der Bühne und vom Autor gelesen sehr witzig sind. Gelesen haben sie mich jetzt nicht so sehr begeistert. 

Horst Evers, Die Welt ist nicht immer Freitag. rororo, Reinbek 2007.

Thursday, May 30, 2024

Volker Kutscher - Transatlantik

Zahlreiche Dinge passieren in diesem neunten Band der Reihe um Gereon Rath und seine Frau Charly mit dem Titel Transatlantik gleichzeitig. Es ist das Frühjahr 1937 - Charly hat ihre Flucht aus Nazi-Deutschland aufgeschoben, um den ehemaligen Pflegesohn Fritze aus seiner Inhaftierung in einer Nervenheilanstalt zu befreien. Dann verschwindet ihre Freundin und Mitbewohnerin Greta und wird verdächtigt, ihren Offiziersfreund ermordet zu haben, der tot in einer Autogarage aufgefunden wird. Natürlich ermittelt Charly, während sie zeitgleich im Ungewissen bleibt, ob Gereon das katastrophale Unglück des Zeppelins Hindenburg überlebt hat.
So wechselt das Geschehen zwischen den Kontinenten hin und her. Charly tut ihr Bestes, um Fritze zu helfen, aber dessen Schicksal bleibt unsicher, während sich der Mord an dem Offizier und Gretas Verschwinden aufklären lässt. Nebenbei deckt Charly eine weitere Verschwörung auf, bei der sie in einen moralischen Konflikt gerät...
Mit Transatlantik gelinkt Volker Kutscher ein weiterer spannender Band. Vielleicht ist er ein klein wenig weniger authentisch als seine Vorgänger, denn die Schilderung der Bedrohung durch die Nationalsozialisten und die Durchdringung der Bevölkerung mit deren Gedankengut ist meines Empfindens nach weniger präsent, auch wenn dem Band nach wie vor eine solide und detailsreiche Recherche zugrunde liegt. Charly bewegt sich sicherlich zu selbstsicher durch das Berlin von 1937, ein klein wenig zu selbstbewusst und zu autark vor dem Hintergrund der Zeit, was sie aber als Proganonistin umso sympathischer macht. Die Schilderung des Lebens in New York bleibt etwas verschwommener und nimmt weniger Raum ein, der Fokus bleibt bei der Handlung in Berlin.
Der letzte Band der Reihe ist bereits für 2024 angekündigt und trägt den Titel Rath. 

Volker Kutscher, Transatlantik. Osterwold 2022.

Wednesday, May 29, 2024

Volker Kutscher - Gereon Rath Reihe

Volker Kutscher (*26. Dezember 1962 in Lindlar) ist der Autor der historischen Krimireihe um Gereon Rath. Die Reihe beginnt im Jahr 1929, in dem Rath nach seiner Versetzung aus Köln seine Arbeit als Kriminalkommissar in Berlin aufnimmt. Die Kriminalfälle haben stets einen realen historischen Bezug, denn Kutscher legt besonderen Wert auf eine detailreiche Schilderung der historischen Gegenwart, die sehr atmosphärisch und authentisch ist. Über den Verlauf der Reihe hinweg erlebt man die teils schleichende, teils sehr offensive Machtergreifung der Nationalsozialisten und wie sich die Gesellschaft Schritt für Schritt verändert, während für die Protagonisten ihre Lebenssituation immer problematischer wird, obwohl sie nicht von Beginn an zu den Systemgegnern zählen.

Hauptreihe

#01 Der nasse Fisch (2008)
#02 Der stumme Tod (2009)
#03 Goldstein (2010)
#04 Die Akte Vaterland (2012)
#05 Märzgefallene (2014)
#06 Lunapark (2016)
#07 Marlow (2018)
#08 Olympia (2020)
#09 Transatlantik (2022)
#10 Rath (2024)

Zusatzbände

#0.5 Moabit (2017)
Mitte (2021)
Durchmarsch (2016)
Der nasse Fisch (Graphic Novel von Arne Jysch, 2008)

 

Saturday, July 29, 2023

Volker Kutscher - Olympia

Volker Kutschers achter Band um Gereon Rath spielt, wie der Titel Olympia bereits klärt, zur Zeit der umstrittenen NS-Olympiade 1936. Natürlich wollen die Nationalsozialisten Hitlers Deutschland in gutem Licht erscheinen lassen und für einen kurzen Zeitraum wird die Judenverfolgung dezent versteckt. Der Propaganda würde der verdächtige Todesfall im olympischen Dorf natürlich nicht guttun, deswegen wird Rath zur Ermittlung dorthin geschickt, aber nur zur einer Art Scheinermittlung. Auch Fritze ist involviert, weil er seinen "Jugendehrendienst" leistet und amerikanischen Sportlern als Helfer zur Verfügung steht - er war dabei, als der Amerikaner zu Tode kam... Alles wird noch komplizierter, als weitere Morde geschehen. Während Rath weiterhin gern die Wahrheit herausfinden möchte, ist es für seine Vorgesetzten klar, dass es nur eine kommunistische Verschwörung sein kann... Derweil ist Charly vor den amerikanischen Hausgästen aus der Rathschen Wohnung ausgezogen und beschäftigt sich mit Fluchtplänen. Denn zunehmend wird klar, dass Raths berufliche Karriere zuende ist und er in dem Apparat von Polizei und Gestapo nicht mehr lange durchhalten kann. Doch leider entwickelt sich der Fall als zunehmend bedrohlich für ihn, so dass es am Ende zu dramatischen Entwicklungen für alle Protagonisten kommt.
Auch Olympia kann wieder durch die sehr atmosphärische Schilderung der politischen und gesellschaftlichen Situation punkten, wenngleich der verworrene Fall dabei nicht so ganz überzeugen kann. 

Volker Kutscher, Olympia. Osterwold 2020.

Sunday, February 12, 2023

Volker Kutscher - Marlow

Es ist 1935 in Volker Kutschers siebten Roman Marlow um Gereon Rath und die politischen Entwicklungen haben weiterhin Einfluss auf seine kleine Familie. Weil sie unter den Nazis nicht mehr Anwältin werden darf, arbeitet Charly als Anwaltsgehilfin und Privatdetektivin, Fritze marschiert mit der HJ zum Nürnberger Reichsparteitag und Rath ist zwar inzwischen Oberkommissar, aber mehr oder weniger kalt gestellt in seiner Abteilung. Als er mit der Aufklärung eines tödlichen Verkehrsunfalls betraut wird, entwickelt sich daraus mehr, als seine Vorgesetzten hatten ahnen können. Rath findet bei einem der Toten geheime Akten über Hermann Göring... Die Spuren führen wiederum zu Johann Marlow, mit dem Rath nie wieder etwas zu tun haben wollte, und zu dessen Handlanger Liang. Unerwartet tut sich auch noch eine sehr persönliche Verbindung zu Charly Vergangenheit auf. In Rückblenden erfährt der Leser etwas über Marlows und Liangs Geschichte, was den Titel dieses Bandes erklärt.
Während Gereon in den vorangegangenen Bänden der Nazifizierung Deutschlands eher abwartend-beobachtend gegenüber stand und deswegen mit Charly in Auseinandersetzungen geriet, stößt ihn die Mentalität, der Rassenwahn und das militärische Gehabe immer stärker ab. Kuscher schildert, wie Rath beim Aufmarsch der HJ in Nürnberg von der Massenhysterie um den Führer mitgerissen wird, aber ihm dann körperlich übel wird aufgrund seiner eigenen Reaktionen. Er distanziert sich innerlich und wird äußerlich vom System immer mehr bedroht. Er wird verdächtigt, die Akten an sich genommen zu haben, er wird verhört und verfolgt, seine Wohnung wird durchsucht und abgehört. Seine Taktik, sich herauszuhalten, scheitert - sowohl an seinem Gewissen als auch an dem immer restriktiver werdenden System. Während Marlows Geschichte zu einem Endpunkt kommt, steht Gereon Rath vor einer ungewissen und stark veränderten Zukunft.

Weiterhin gelingt es Kutscher, die Veränderungen im Deutschland der 30er Jahre sehr atmosphärisch darzustellen. Seine Charaktere bleiben authentisch, sie sind verwirrt, zerrissen und zunehmend alternativlos. Der NS-Apparat ergreift Besitz von Deutschland, die Mechanismen des Systems mit Abschreckung und Bedrohung und das Versprechen von Wohlstand, gesellschaftlichem Aufstieg und Gemeinschaft funktionieren auf erschreckende Weise. Der Fall als solcher hat mich hingegen nicht so sehr fasziniert, er blieb durch die historische Figur Görings eher abstrakt als plausibel. Insgesamt bleibt Volker Kutschers Reihe auf hohem Niveau. 

Volker Kutscher, Marlow. Hörbuch Hamburg 2018.

Friday, April 22, 2022

Volker Kutscher - Lunapark

In Volker Kutschers sechstem Roman um Gereon Rath - Lunapark - ermittelt der Kommissar im Jahr 1934. Die Nationalsozialisten sind an der Macht und die politischen und gesellschaftlichen Veränderungen unübersehbar. Da muss es wahrscheinlich auch ein politischer Mord zu sein, als unter einer nicht fertig geschriebenen kommunistischen Parole ein erschlagener SA-Mann gefunden wird. So wird auch die Geheime Staatspolizei, für die inzwischen Raths ehemaliger Assistent Gräf arbeitet, eingeschaltet. Dass diese Zusammenarbeit Probleme mit sich bringt, liegt auf der Hand - besonders als ein zweiter Mord, wieder an einem SA-Mann, geschieht. Doch Rath findet schnell heraus, dass diese SA-Männer eine Vergangenheit als Kriminelle in einem alten Ringverein haben, doch Gräf will seine Theorie einer kommunistischen Gruppe als Täter nicht aufgeben. Und sobald es um die Ringvereine geht, führt auch kein Weg an Johann Marlowe vorbei, mit dem Rath schon öfter zusammengestoßen ist. Und als wäre das auf der beruflichen Ebene nicht schon genug politisches Durcheinander, hängt auch noch der Haussegen schief: Raths Frau Charly ist ganz und gar nicht damit einverstanden, dass der Pflegesohn Fritz in die Hitlerjugend eintritt, dieser will das aber unbedingt. Charly geht auch wieder arbeiten - ausgerechnet in einer Rechtsanwaltskanzlei, die von der SA ausgehoben wird. 

Kutscher arbeitet beeindruckend heraus, wie der zunehmende Einfluss der Nazis Einfluss auf alle Lebensbereiche hat und vor dem Privaten nicht Halt macht. Rath, der eigentlich neutral bleiben und den Nazis keine dauerhafte Regierungsmacht zugestehen will, sieht sich mehr und mehr gezwungen, Stellung zu beziehen. Er will eigentlich nur einen Mörder dingfest machen, sieht sich aber in einem Netz von Korruption, ehemaligen Verbrec
hern und politischen Emporkömmlingen gefangen, in dem er noch weniger als sonst frei agieren kann. Charlys klarer Einstellung gegen die Nazis hat er nichts entgegenzusetzen, möchte den Ziehsohn gleichzeitig aber nicht als Außenseiter sehen und befürwortet dessen Mitgliedschaft in der Hitlerjugend, wenngleich er sich schlussendlich vor dessen Gesinnungswandel doch erschrickt. Die Macht der Indoktrination zeigt ihre schlimmste Fratze und man empfindet fast schmerzhaft Raths Ratlosigkeit, wie er sich überhaupt noch richtig verhalten kann. Zwar tragen ihn noch seine kriminalistischen Instinkte durch diesen Fall, aber es bleibt offen, wie lange dies noch gutgehen kann. Es scheint, als stünde eine wesentliche Entscheidung an - in seiner Familie und auch im Beruf. 

Volker Kutscher, Lunapark. Argon 2016.

Friday, April 09, 2021

Irmgard Keun - Das kunstseidene Mädchen

Deutschland Anfang der 30er Jahre: Die 18jährige Doris möchte ein aufregendes Leben haben, sie möchte "ein Glanz" sein! Da passt ihre solide Stelle als Stenotypistin nicht so recht dazu, zumal ihr Chef aufdringlich wird. Der Statistenjob am Theater ist da schon besser, aber auch hier will Doris weiterkommen und denkt sich Geschichten aus, um mehr zu scheinen als sie ist. Als das auffliegt und sie außerdem in einem Augenblick der Schwäche einen Pelzmantel aus der Garderobe mitnimmt, flieht sie kurzerhand nach Berlin. Dort verstrickt sie sich in ein beständiges Auf und Ab verschiedener Männerbekanntschaften und erlebt alles - von Luxus bis zur Obdachlosigkeit. Ihre Beziehungen sind allesamt nicht zukunftsträchtig, sie träumt von Selbstbestimmung und Glück, die ihr ihre Bekanntschaften nicht bieten können. Sie schafft es nicht, sich ein eigenes Einkommen zu schaffen, ihr eigener Anspruch und Wunschträume stehen dem im Weg. 

Doris' inneren Monolog lesen wir in Form ihrer Tagebucheinträge. Ihre Schilderungen sind geprägt von ihrer subjektiven Wahrnehmung ihrer Umwelt, manchmal naiv-staunend, begeistert und dann auch wieder desillusioniert-kritisch. Das Berlin der 30er Jahre wird von seiner glamorösen Seite in den Cafés und Clubs und auf den Flaniermeilen geschildert, im weiteren Verlauf nimmt Doris aber auch den Verfall und das Elend wahr, die sich in den vielen Arbeitslosen und Prostituierten auf den Straßen spiegelt.
Ihre Sprache ist phantasievoll und humorvoll, es macht Spaß, ihr zuzuhören, wenngleich im Verlauf des Romans ein bitterer Beigeschmack hinzukommt, wenn immer deutlicher wird, dass sich ihre Träume nicht erfüllen werden. Politisch ist Irmgard Keuns Roman nicht, zwar tauchen Hinweise auf Antisemitismus auf, Doris nimmt dies wahr, aber denkt nicht weiter darüber nach, zu sehr ist sie mit sich selbst beschäftigt. Diese absolute und zum Teil schonungslose Innensicht und Ich-Bezogenheit der Protagonistin in einer Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche, in denen Frauen zwar schon andere Lebensentwürfe haben, aber beruflich-materielle Unabhängigkeit noch schwer ohne Mann zu erreichen ist, machen Das kunstseidene Mädchen zu einer interessanten Lektüre.

Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen. Brigitte Hörbuch Edition 2007.

Thursday, January 28, 2021

Volker Kutscher - Die Akte Vaterland

Gereon Rath ermittelt in Die Akte Vaterland in seinem vierten Fall. Es ist Juli 1932 und die Weltwirtschaftkrise und der aufkommende Nationalsozialismus prägt den Alltag. Nachdem Charly seinen Heiratsantrag angenommen hat, könnte er sich glücklich schätzen, doch bekommt er es mit einem Fall zu tun, der ihn buchstäblich aus seinem Leben in Berlin reißt. Die Spuren im  Mord an dem Spirituosenhändler Lamkau und einem weiteren Fall führen nach Ostpreußen und so reist Rath in die masurische Kleinstadt Treuburg. Die Ermordeten arbeiteten früher beide für die dort ansässige Destillerie Luisenbrand. Rath erscheint der Besitzer Wengler verdächtig und so stöbert er weiter in dessen Vergangenheit und macht sich damit nicht nut bei Wengler in Treuburg unbeliebt. Weitere Morde geschehen und auch Rath selbst gerät in Lebensgefahr, bis er schließlich doch noch die Zusammenhänge aufdecken kann. 

Auch in diesem Band gelingt es Volker Kutscher auf großartige Weise, das detailliert recherchierte und geschilderte historische Geschehen im Jahr 1932 mit einem spannenden Kriminalfall zu verknüpfen. Er politisiert nicht im eigentlichen Sinne, lässt die Ereignisse eher beiläufig einfließen und bildet damit einen authentischen Hintergrund mit plausibel handelnden Figuren. Sein Wissen um das historische Berlin ist beeindruckend und unterhaltsam. Hier sei nur die am Potsdamer Platz heute wieder zu bestaunende erste Verkehrsampel (siehe Cover) zu erwähnen, in dessen Turm Kutscher kurzerhand einen der Morde geschehen lässt. Gefallen hat mir auch die Schilderung des dörflichen Alltags in Masuren, die im Buch geschilderte Abstimmung (1920), ob der Ort zu Preußen oder zu Polen gehören wolle, hat tatsächlich stattgefunden. Insgesamt ist die Reihe von Volker Kutscher bisher durchgehend sehr lesenswert, hinter der die ihr nachempfundene Fernsehproduktion weit zurückbleibt.

Volker Kutscher, Die Akte Vaterland. Argon 2018.

Tuesday, July 14, 2020

Alfred Döblin - Berlin Alexanderplatz

Diese von Günter Lamprecht inszenierte Lesung umfasst nur einige Teile des Romans Berlin Alexanderplatz.
Nachdem meine erste Begegnung mit Döblins Roman eher abschreckend war und ich in meiner Taschenbuchausgabe nicht sehr weit gekommen bin, habe ich den leichten Weg - die komprimierte Version - gewählt. Vorab: Die Inszenierung ist gut gemacht, die musikalische Untermalung unaufdringlich, die Plotkürzungen fallen nicht auf. Beim Lesen der Zusammenfassung der einzelnen Teilbücher wird natürlich im Nachhinein klar, was alles entfallen musste.
Dennoch werden die Atmosphäre der Großstadt Berlin und die Stream of Consciousness des Franz Biberkopf gut dargestellt. Sein Kampf mit sich selbst und dem geregelten, gesetzestreuen Leben in der sich ihm bietenden Umgebung eines schnelllebigen, ständig im Umbruch befindlichen modernen Berlins ist aussichtlos.
Irritierend ist die Darstellung der Frauen in diesem Roman, die wenig Iniative zu eigenem Denken und Handeln zeigen, und per se zu sexuellen Objekten degradiert werden, mit denen die Männer nach Belieben umspringen können und die gegebenfalls weitergegeben oder entsorgt werden. Dabei muss aber berücksichtigt werden, dass dies das Milieu widerspiegelt, in dem der Roman angesiedelt ist - starke Frauen scheint es darin nicht zu geben.
Insgesamt war es eine kurze, aber interessante Begegnung mit diesem Klassiker der deutschen Moderne.

Friday, February 14, 2020

Jussi Adler Olsen - Opfer 2117


Gleich vorweg: Mir geht es ähnlich wie anderen Rezensenten, die bereits anmerkten, dass dieser Band keiner der starken dieser Reihe ist.
Das Kopenhagener Dezernat Q - erschaffen, um ungelöste Fälle aufzuklären - ermittelt hier in eigener Sache; vielleicht ist das das Problem.
Assad erkennt auf einem Zeitungsfoto einer an Zyperns Strand gespülten Flüchtlingsleiche eine nahe Vertraute aus seiner Vergangenheit wieder und ist schockiert. Die Tote ist auch nicht ertrunken, sondern wurde ermordet. Aus diesem Grund setzt sich auch ein spanischer Journalist auf ihre Spur und gerät dabei in die Fänge einer muslimischen Terrorgruppe. Gleichzeitig sitzt der junger Däne Alexander vor seinem Computerspiel und will genau diese Frau, die in den Zeitungen als Opfer 2117 bezeichnet wird, symbolisch rächen und droht mit Mordattacken, sobald er in seinem Spiel Level 2117 geschafft hat.
Soviel zu den verschiedenen Handlungssträngen, die durch das Opfer 2117 verknüpft werden. Schon bei dieser kurzen Zusammenfassung klingt an, dass hier einiges weit hergeholt sind. Die gezogenen Verbindungen sind zwar nicht völlig unlogisch, wirken aber unwahrscheinlich, besonders der Handlungsstrang um Alexander. Und auch wenn Rache als starkes Motiv gilt, so handelt der Kopf der Terroristen doch wenig plausibel, wenn er sein religiös getriebenes Attentat abhängig macht von der Rache für eine extrem lange zurückliegende Tat und damit das Gelingen desselben aufs Spiel setzt. Der Fotograf wirkt naiv in seinem Denken und Handeln (daher ist es auch nicht verwunderlich, dass er so erfolglos ist), er ist nur so lange relevant, so lange er dem Leser und den Ermittelnden einige Hintergrundinformationen liefern kann, danach wird er wie lästiges Beiwerk mitgeführt - erzählerisch und - ebenfalls unwahrscheinlich - physisch durch den Anführer der Attentäter, der ihn die Geschehnisse dokumentieren lassen will und dafür einigen Aufwand betreiben muss.
Nichtsdestotrotz zieht einen die Geschichte durch rasches, actiongeladenes Erzählen in ihren Bann, besonders die Szenen in Berlin sind plastisch und dramatisch. Die Auflösung der Situation im heimischen Kopenhagen, obwohl durch einige (hier eher absurde) Action angereichert, wirkt dagegen eher belanglos, fast banal. Mein Mitgefühl hielt sich jedenfalls in Grenzen.
Wären mir die Charaktere des Dezernats Q nicht so sehr ans Herz gewachsen, ebenso wie der Autor, so würde meine Bewertung dieses Bandes wohl noch harscher ausfallen. So habe ich mich zumindest über die zwischenmenschlichen Töne und die privaten Entwicklungen der Protagonisten gefreut. Die Lesung von Wolfram Koch hat mir ebenfalls gut gefallen.

Jussi Adler Olsen, Opfer 2117.  DAV 2019.

Friday, January 24, 2020

Jacques Berndorf - Brudersdienst

Neben seiner recht bekannten Eifel-Krimi-Reihe verfasste Jacques Berndorf auch noch vier Bände um den BND-Agenten Karl Müller.

In Band zwei, Bruderdienst (2009), geht es um eine brisante Angelegenheit: Nordkorea soll angeblich eine Atombombe verkauft haben, was sich daran bemerkbar macht, dass der bankrotte Staat plötzlich wieder zu Geld gekommen hat. Hektisch beginnen alle Geheimdienste zu ermitteln, denn niemand weiß, wer die Bombe gekauft hat und was vielleicht das Ziel sein könnte, falls sie gezündet werden sollte.
Die geschilderten Ermittlungswege scheinen plausibel, auch der dargestellte Spagat zwischen der persönlich-privaten Seite der Agenten und den beruflichen Gefahren und der Belastung, der sie ausgesetzt sind. Hier gibt es kein Drama und keine Actionszenen à la James Bond, sondern vermutlich realistische Abläufe und Konflikte, die durchaus lebensbedrohlich sind. Erzählt wird eher ruhig-sachlich, was phasenweise dazu führt, dass Bruderdienst nicht mit übermäßiger Spannung daherkommt, zumal man auch die Lösung etwas früher erahnen kann.
Insgesamt aber ein solider und thematisch nicht alltäglicher Krimi.

Jacques Berndorf, Bruderdienst. Heyne, München 2009.

zur Liste von Jacques Berndorfs Romanen

Friday, November 01, 2019

Volker Kutscher - Goldstein

Goldstein ist der Name eines US-amerikanischen Gangster, den Kommissar Gereon Rath in einem Sonderauftrag während seines Berlin-Aufenthaltes überwachen soll. Es ist das Jahr 1931, die Wirtschaftskrise und die politischen Konflikte verstärken sich. Immer öfter ist von der SA die Rede und Übergriffe auf Juden kommen öfter vor. Zunächst ist unklar, was der Tod eines jungen Diebes, der von der Fassade Berlins größten Kaufhauses stürzt, damit zu tun hat. Auch Charlie gerät mitten in die Ermittlungen, als ihr die Mittäterin und Zeugin des Sturzes vor Abschluss des Verhörs entkommt.
Einmal mehr stößt Rath auf innerpolizeiliche Verstrickungen und politische Interessen, die mit dem Berufsethos eigentlich nicht zu vereinbaren sind - und das, wo auch Rath durchaus unorthodoxe (aber sehr erfolgreiche) Methoden bei der Ermittlung anwendet.
Und Goldsteins Rolle ist eine andere, als anfangs anzunehmen ist...

Goldstein von Volker Kutscher besticht durch das sehr atmosphärisch umgesetzte Setting, starke Charaktere und einem Plot, der mit schnellem Tempo durchaus komplexe Zusammenhänge, Ermittlungsarbeit und actionreiche Szenen umsetzt. Dadurch, dass die Charaktere jetzt im dritten Band schon klarer angelegt sind, rückt die Handlung stärker in den Vordergrund, wenngleich auch die wechselhafte Beziehungsebene zwischen Gereon und Charly nicht zu kurz kommt.

Volker Kutscher, Goldstein. Argon 2011.

Rezensionen der ersten beiden Bände:
#1 Der nasse Fisch
#2 Der stumme Tod

Friday, October 25, 2019

Arne Jysch - Der nasse Fisch


Mit viel Liebe zum Detail und zu den historischen Hintergründen hat Arne Jysch den ersten Band von Volker Kutschers Gereon-Rath-Reihe, Der nasse Fisch, als Graphic Novel umgesetzt. Im Gegensatz zur TV-Adaption (Babylon Berlin), in der Figuren und Zusammenhänge verändert wurden, hält sich Jysch an den Plot des Romans und nimmt keine tiefgreifenden Veränderungen vor. Es gelingt ihm durch gut gesetzte innere Monologe und eingefügte Schriftstücke auch die komplexeren Zusammenhänge gut und verständlich darzustellen.
Die rein schwarz-weißen Zeichnungen passen zu unserer Wahrnehmung der Zeit, die man durch schwarz-weiß-Fotografien oder -Filme kennt. Beeindruckend schafft es Jysch, die Atmosphäre der 20er Jahre in Berlin einzufangen und man merkt den Zeichnungen eine tiefgehende Recherche an, etwa in den Bereichen Werbung, Architektur oder Mode.
Gereon Rath wird als intelligenter und guter Ermittler dargestellt, seine Schwächen und emotionalen Hemmnisse bringen ihn zwar in Schwierigkeiten, sind aber am Ende nicht handlungsbestimmend. Deutlich weniger intensiv als in der TV-Serie werden der Glamour und die "Abgründe" Berlins zu der Zeit dargestellt - hier setzt Jysch stärkere Akzente auf die politischen Zusammenhänge.
Insgesamt ist Arne Jyschs Der nasse Fisch eine zeichnerisch und inhaltlich überaus gelungene Adaption des Romans. 

Arne Jyschs, Der nasse Fisch. Carlsen, Hamburg 2008. 

zur Rezension des Romans: Volker Kutscher, Der nasse Fisch

Thursday, October 17, 2019

Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Die Geschichte der Christiane F. steht sinnbildlich für Drogenabhängigkeit und den schwierigen Kampf gegen das Heroin, den viele Jugendliche in den 70er Jahren verloren. Als die damals 16jährige Christiane F. in einem Prozess aussagt, werden die Reporter Kai Hermann und Horst Rieck auf sie aufmerksam. Sie bitten sie, ihre Geschichte zu erzählen, woraus das Buch entsteht, das lange 1978 die Bestsellerlisten anführte und die Gesellschaft erstmals auf die Problematik der abhängigen und sich prostituierenden Minderjährigen aufmerksam werden ließ.
Beeindruckend an der Erzählung ist der große Detailreichtum und die Offenheit, mit der Christiane F. von ihrer "Drogenkarriere" berichtet. Die Trostlosigkeit ihrer Ausgangslage in Berlin Gropiusstadt der 70er Jahre allein reicht aus, um ein gewisses Verständnis für ihren Werdegang aufzubringen. Und auch wenn bereits 40 Jahre vergangen sind, seit die Szene, die geschildert wird, Realität war, so nimmt dies nicht den Schrecken. Betroffen macht auch immer noch die Ahnungslosigkeit und die Hilflosigkeit der Erwachsenen gegenüber den abhängigen Jugendlichen - es scheint nahezu niemanden gegeben zu haben, der helfen wollte oder konnte.
Im Vergleich dazu gibt es heute zwar zahlreiche Hilfsangebote, die Szene sieht anders aus, aber Berlin kämpft wieder mit steigenden Zahlen bei Drogentoten, wobei Heroin wieder oder weiterhin eine Rolle spielt.
Die Geschichte der Christiane F. ist insofern leider weiter aktuell, weiter erschreckend, und auch im Jahr 2019 noch eine Geschichte, die erzählt und angehört werden sollte.

Christiane F., Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Nach Tonbandprotokollen aufgeschrieben von Kai Hermann und Horst Rieck. Carlsen, Hamburg 2009.

Wednesday, June 05, 2019

Elisabeth Herrmann - Die letzte Instanz

In seinem dritten Fall Die letzte Instanz verstrickt sich Joachim Vernau tief in der schwierigen Frage nach Gerechtigkeit. Zunächst wird er Zeuge, wie Margarethe Altenburg, eine ältere Dame aus Görlitz, versucht, seinen Mandanten, einen Obdachlosen, vor dem Gerichtsgebäude zu erschießen. Sie verfehlt ihn und bricht dann selbst zusammen. Vernau hat Mitleid mit der Dame, die offensichtlich verstört und zugleich von einem inneren Drang angetrieben wird. Er beginnt zu nachzuforschen und stößt auf Hinweise auf Gerichtsverfahren, bei denen die Täter ohne oder mit geringer Strafe davongekommen sind, obwohl sie offensichtlich schuldig sind. Handelt es sich um einen Racheakt? Schließlich wird sein Mandant doch tot aufgefunden und es geschehen weitere, auf den ersten Blick zusammenhanglose Morde. Es bedarf einer geduldigen Recherche, um sich der Wahrheit langsam anzunähern, wer da mordet und warum.  
Vernau ist gleichzeitig schwer verliebt in die eiskalte Staatsanwältin, die mit dem Fall auf mehr als eine Weise zu tun hat. Diese Verfallenheit vernebelt ihm phasenweise den Blick und wirkt auch ein bisschen übertrieben und aufgesetzt für den sonst durchaus logisch und intelligent agierenden Rechtsanwalt. Dies trübte auch ein wenig den Genuss dieses sonst gut konstruierten Krimis. 

 Elisabeth Herrmann, Die letzte Instanz. Audio Media 2014. 


Joachim Vernau:
#1 Das Kindermädchen
#2 Die 7. Stunde
#3 Die letzte Instanz
#4 Versunkene Gräber
#5 Totengebet
#6 Requiem für einen Freund 
#7 Düstersee
#8 Blutanger 

 

Thursday, March 15, 2018

Elisabeth Herrmann - Die siebte Stunde

In seinem zweiten Fall wird der nun nicht mehr im Kreis von Berlins Elite verkehrende Joachim Vernau zum Hilfslehrer gemacht. Die Jura-AG eines privaten Gymnasiums soll betreut werden. Doch die stellvertretende Direktorin, die ihn anstellt, sagt ihm nicht die ganze Wahrheit. Denn die Jugendlichen dieser Klasse verhalten sich ihm gegenüber äußerst misstrauisch. Bald findet er heraus, dass es im vergangenen Schuljahr einen mysteriösen tödlichen Unfall gegeben hat. Er versucht, mehr darüber zu erfahren, dies gelingt ihm aber nur nach und nach. Es geht um Rollenspiele und Vernau begibt sich in für ihn ungewohnte Kreise, um mehr zu erfahren.
In dieser Audiobook-Fassung sind scheinbar einige Nebenstränge Kürzungen zum Opfer gefallen, die humoristischen Begegnungen mit Vernaus Mutter, die im ersten Band für Abwechslung sorgten, kommen hier nicht vor. Auch nur ansatzweise erleben wir die Auseinandersetzung mit seiner Kanzleikollegin Marie-Luise.
Nach einigen Hörminuten wurde mir bewusst, dass ich die Verfilmung mit Jan Josef Liefers in der Hauptrolle von 2015 bereits gesehen hatte, so dass der Fall durch das Vorwissen einiges an Spannung verlor. Positiv ist zu bemerken, dass Elisabeth Herrmann eine komplett andere Thematik wählt als in Das Kindermädchen, das lässt auf weitere Abwechslung in den Folgebänden hoffen.

Elisabeth Herrmann, Die siebte Stunde. AudioMedia 2014.

Joachim Vernau:
#1 Das Kindermädchen
#2 Die 7. Stunde
#3 Die letzte Instanz
#4 Versunkene Gräber
#5 Totengebet
#6 Requiem für einen Freund 
#7 Düstersee
#8 Blutanger

Sunday, February 25, 2018

Max Bentow - Das Dornenkind

Das Dornenkind aus dem Titel des fünften Falls von Nils Trojan ist die Tochter des Federmanns aus dem ersten Band. Der war vom Dach eines Hauses gestürzt, für tot angenommen, aber nicht gefunden worden. Und - welch Überraschung - er kehrt zurück. Die Tochter Wendy, ein etwas unklarer Charakter, will ihn treffen und kehrt nach einer Zeit in Vancouver nach Berlin zurück. Dort geschehen wieder Morde, den Opfern werden Worte in die Haut geritzt. Trojan will es erst nicht wahrhaben, aber Wendy bestätigt ihm schließlich, dass ihr Vater noch lebt und Kontakt mit ihr aufgenommen hat. Und er will sich an Trojan rächen, da er diesen für die schweren gesundheitlichen Folgen, die sein Sturz mit sich brachte, verantwortlich macht. Er spielt Wendy und einen weiteren Komplizen geschickt aus, um sowohl Trojans Tochter Emily als auch dessen Lebensgefährtin Jana zu bedrohen. Die Spannung wird hauptsächlich dadurch aufrechterhalten, dass man im Ungewissen bleibt, ob sich Wendy auf die Seite des Guten oder des Bösen schlägt und der Autor gibt sich große Mühe, damit zu spielen und baut mehrere Wendungen und Doppeldeutigkeiten ein.
Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen funktioniert Das Dornenkind nicht.
Trojan, der zugegebenermaßen psychisch schon immer instabil war, lässt sich von Wendy irritieren und einwickeln. Er denkt zu wenig und agiert kopflos. Zwar verfolgt er die ein oder andere Spur, die Rettung der Tochter aber fällt mal wieder vom Himmel. Gekrönt wird dies noch von der meines Erachtens überflüssigen persönlichen Epilogs, ob auch Trojans Vater ein Mörder sei. Damit wird die im Buch aufgeworfene Frage, ob das Verlangen zum Morden vererbbar sei, auf etwas arg flache Weise weitergetragen.
Auch andere Charaktere werfen mehr Fragen auf als sie Antworten geben: Der liebende Ehemann, der so gestört ist, dass er dem Federmann blindlings als Fan (!) gehorcht, gleichzeitig aber seine Frau aufopferungsvoll pflegt? Dieselbe Ehefrau, die angeblich nichts mitbekommt, dann aber trotz Lähmung die Treppe herunterkrabbelt? Der Wahrsager, dessen einzige Aufgabe ist Spurenlieferant zu sein, ansonsten aber völlig deplatziert wirkt? Und immer wieder Wendy und ihr irrationales Hin und Her...
Prinzipiell habe ich auch nichts dagegen, den Bösen aus einem vorangegangenen Band wieder auftauchen zu lassen, das haben auch schon andere (z.B. Patricia Cornwell mit dem "Loup Garou") getan. Ihn auch beim zweiten Mal nicht zur Strecke zu bringen, zumal der Federmann gesundheitlich nicht völlig handlungsfähig ist, wird dann etwas unglaubwürdig. Die Polizei scheint durchaus extrem unfähig zu sein, wenn ein einarmiger Serienkiller mit Perücke so einfach entkommen kann.
Nein, diesen Band habe ich mit großem Unwillen zuende gehört, wenn auch die Lesung von Axel Milberg tadellos wie immer war.

Max Bentow, Das Dornenkind. Der Hörverlag 2015.

Die Bücher der Serie um Nils Trojan:
#1 Der Federmann
#2 Die Puppenmacherin
#3 Die Totentänzerin
#4 Das Hexenmädchen
#5 Das Dornenkind
#6 Der Traummacher