Friday, October 16, 2026

Kin von Tayari Jones ist ein dicht gewebter Roman über zwei starke Protagonistinnen. 
Vernice und Annie sind beide Kinder von schwarzen Frauen in Honeysuckle, Louisiana. Beide verlieren ihre Mutter als Babys. Vernices Mutter wird von ihrem Ehemann erschossen, der sich danach selbst richtet. Ihre Tante kehrt daraufhin zurück nach Honeysuckle, um sie augzuziehen. Die Mutter von Annie lässt ihr Kind hingegen bei der Großmutter zurück. Vernice und Annie wachsen miteinander auf, vermissen ihre Mutter und zwischen ihnen entsteht eine lebenslange Verbindung. 

Charakterlich unterscheiden sich beide deutlich, im Audiobook auch hervorragend durch die Wahl der Sprecherinnen (Angel Pean und Ashley J. Hobbs) umgesetzt. Die aufmüpfigere Annie entschließt sich mit 18 aus Honeysuckle zu fliehen, was Vernice sehr schmerzt. Annie ist auf der verzweifelten Suche nach der Mutter, die sie verlassen hat, während sie sich mit Gelegenheits- und Kneipenjobs durchschlägt. Ihre verzweifelte Suche hinterlässt Spuren und lässt schließlich auch ihre Beziehung zu einem Musiker scheitern. Vernice, die Brave, geht stattdessen auf das Spelman College in Atlanta, wofür sie einige finanzielle und gesellschaftliche Hürden nehmen muss. Sie erlebt großen Zusammenhalt in der Gemeinschaft der schwarzen Frauen, sowohl im und außerhalb des Colleges, was schließlich zu einer für sie mit gesellschaftlichem Aufstieg und finanzieller Sicherheit verbundenen Ehe führt. Dabei passt sie sich stets den Erwartungen an und es ist allein die Freundschaft mit Annie, bei der sie sich als Person wahrgenommen fühlt. Ihre durch ihre gemeinsame Geschichte entstandene Zusammengehörigkeit geht tiefer und hält fester als jede rein biologische Verwandtschaft. 

Die so gegensätzlichen Protagonistinnen, die so eng miteinander verbinden sind, beleuchten ihre Erlebnisse miteinander von zwei Seiten, aber durch ihre Briefe auch das Leben der jeweils anderen. Ihre Gefühle und Gedanken sind authentisch und vielschichtig, ebenso wie die Themen Freundschaft, Liebe, Emanzipation und das Thema Rassismus vor dem Hintergrund der 50er Jahre und dem Civil Rights Movement. Ich hatte aber zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass Kin zuviel sein wollte. Trotz all dieser Themen geht es zentral um Vernice und Annie. Allein, wer spannende Plotwendungen und dramatische Ereignisse erwartet, wird wohl enttäuscht werden, denn die Geschichte bleibt eine langsame, die dadurch aber auch lange nachklingt - zumindest bei mir. 

Tayari Jones, Kin. Random House Audio 2026. 

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