Thursday, October 22, 2026

Stephen King - Holly

Holly Gibney versucht nach dem Covid-Tod ihrer Mutter zu verarbeiten, wie diese sie ihr ganzes Leben lang manipuliert hat. Ihre Detektei befindet sich in einer Art Covid-Lockdown, ihr Partner ist erkrankt, Jerome und Barbara sind mit ihren eigenen Projekten beschäftigt. Dennoch nimmt Holly den Anruf einer verzweifelten Mutter entgegen, die nach ihrer verschwundenen Tochter sucht. Sie nimmt den Auftrag an und beginnt auf ihre gewohnt intensive Art zu ermitteln. Aus verschiedenen Rückblenden und anderen Erzählperspektiven erfahren wir bald, dass es mehr als ein Opfer gibt und wer verantwortlich ist. Dadurch büßen die Geschehnisse aber nicht von ihrem Schrecken, ihrem Horror, ein. Meines Erachtens ist es eine gut konstruierte Geschichte, wenngleich ein wenig drastisch (und abstoßend) in der Grundannahme, aber sie funktioniert. Ein wenig holprig wird es erst am Ende, wenn bei Holly, Jerome und Barbara gleichzeitig so viel geschieht, dass ihre Kommunikation zusammenbricht und es dadurch alles erst zu einem echten und sehr grausigem Showdown kommen kann. 
Höchst interessant ist, wie Stephen King in diesem Buch seine politische Haltung zu Trumps (Covid-) Politik zum Ausdruck bringt, in dem er seinen Figuren entweder die eine oder die andere extreme Position in den Mund legt. Bei der von Zwängen geplagten, teils labilen Holly ist ein besonders vorsichtiger Umgang mit Desinfektionsmittel und Masken wenig überraschend, krasser schon, klar zu formulieren, dass Hollys Mutter das Virus verleugnet hat und daran starb. Wenn man sich an die Zeit erinnert, so war Covid und seine Varianten, Impfungen, usw. tatsächlich medienbeherrschend und ständiges Thema privater Unterhaltungen. Ich glaube nicht, dass die Erwähnungen des Virus für ein Buch, das 2021 spielt, unrealistisch oder zu penetrant sind, sind. In den Rezensionen auf Goodreads häufen sich empörte Ein-Sterne-Rezensionen, wie denn ein Autor die Frechheit besitzen kann, seine Meinung in einem Buch zum Ausdruck zu bringen. Erfrischend und wie selbstüberführend. 
Die Lesung von David Nathan ist wie immer absolut überzeugend. 

Stephen King, Holly. Random House Audio 2023. 

Tuesday, October 20, 2026

Linda Castillo - Dein ist die Lüge

Das Cover zu Dein ist die Lüge ist schlecht gewählt, heimeliger Sonnenschein, während im Buch kontinuierlich der Schneesturm tobt. Um es kurz zu machen, dieser 12. Band um Kate Burkholder und ihr amisches Städtchen hat mich enttäuscht. 
Zum Inhalt mit einer Prise Zynismus: Gina, eine Freundin aus der Zeit von Kates Polizeiausbildung, mit der sie aber keinen Kontakt me
hr hat, flieht vor ihrer eigenen Festnahme durch ihre Kollegen, weil sie bei deren korrupten, eigennützigen Unterfangen nicht mehr mitmachen will. Oder hat sie doch das vermisste Geld eingesteckt und sie sind deswegen hinter ihr her? Der Zufall (?) treibt sie, angeschossen, nach Holmes County, wo sie in einer Schneewehe steckenbleibt (siehe Schneesturm) und vor dem sicheren Erfrierungstod durch einen hilfsbereiten amischen Witwer und seine drei entzückenden Kinder gerettet wird. Kate wird informiert, trifft auf der Farm des netten Witwers ein - kurz darauf kann niemand mehr die Farm verlassen (siehe Schneesturm). Kate weiß nicht, ob sie Gina trauen kann, tut es aber trotzdem einfach (?). Sie informiert Tomasetti (kein Strom, aber Mobilfunk trotz Schneesturm), der außerhalb der Farm recherchiert. Er kommt dann ein paar Mal mit einem Schneemobil vorbei, um kluge Ratschläge zu geben, aber natürlich kann niemand anderes die Farm verlassen (siehe Schneesturm). Man wartet also geduldig durch eine Reihe von reflektiven Gesprächen der zwei Frauen und niedlichen amischen Familienszenen (inklusive einer dramatischen "Kind bricht ins Eis ein beim Schlittschuhlaufen"-Szene - irgendwann war also doch gutes Wetter?), bis endlich die Bösewichte zum Showdown eintreffen, von denen einer auch Kate von früher kannte, aber natürlich erst spät auf die Idee kommt, Gina könnte - zufällig - zu ihr gefahren sein. Das alles ist so zusammengestümpert und unglaubhaft, was hat sich Castillo bloß dabei gedacht? 
Naja, nach all den Bänden, die mir wirklich Spaß gemacht haben, musste wohl mal einer daneben gehen. Hoffe ich. Manchmal ist nach +10 Bänden ja auch die Luft raus. Immerhin war das amische Familienleben sehr beschaulich.

Linda Castillo, Dein ist die Lüge. Argon 2021. 

Friday, October 16, 2026

Kin von Tayari Jones ist ein dicht gewebter Roman über zwei starke Protagonistinnen. 
Vernice und Annie sind beide Kinder von schwarzen Frauen in Honeysuckle, Louisiana. Beide verlieren ihre Mutter als Babys. Vernices Mutter wird von ihrem Ehemann erschossen, der sich danach selbst richtet. Ihre Tante kehrt daraufhin zurück nach Honeysuckle, um sie augzuziehen. Die Mutter von Annie lässt ihr Kind hingegen bei der Großmutter zurück. Vernice und Annie wachsen miteinander auf, vermissen ihre Mutter und zwischen ihnen entsteht eine lebenslange Verbindung. 

Charakterlich unterscheiden sich beide deutlich, im Audiobook auch hervorragend durch die Wahl der Sprecherinnen (Angel Pean und Ashley J. Hobbs) umgesetzt. Die aufmüpfigere Annie entschließt sich mit 18 aus Honeysuckle zu fliehen, was Vernice sehr schmerzt. Annie ist auf der verzweifelten Suche nach der Mutter, die sie verlassen hat, während sie sich mit Gelegenheits- und Kneipenjobs durchschlägt. Ihre verzweifelte Suche hinterlässt Spuren und lässt schließlich auch ihre Beziehung zu einem Musiker scheitern. Vernice, die Brave, geht stattdessen auf das Spelman College in Atlanta, wofür sie einige finanzielle und gesellschaftliche Hürden nehmen muss. Sie erlebt großen Zusammenhalt in der Gemeinschaft der schwarzen Frauen, sowohl im und außerhalb des Colleges, was schließlich zu einer für sie mit gesellschaftlichem Aufstieg und finanzieller Sicherheit verbundenen Ehe führt. Dabei passt sie sich stets den Erwartungen an und es ist allein die Freundschaft mit Annie, bei der sie sich als Person wahrgenommen fühlt. Ihre durch ihre gemeinsame Geschichte entstandene Zusammengehörigkeit geht tiefer und hält fester als jede rein biologische Verwandtschaft. 

Die so gegensätzlichen Protagonistinnen, die so eng miteinander verbinden sind, beleuchten ihre Erlebnisse miteinander von zwei Seiten, aber durch ihre Briefe auch das Leben der jeweils anderen. Ihre Gefühle und Gedanken sind authentisch und vielschichtig, ebenso wie die Themen Freundschaft, Liebe, Emanzipation und das Thema Rassismus vor dem Hintergrund der 50er Jahre und dem Civil Rights Movement. Ich hatte aber zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass Kin zuviel sein wollte. Trotz all dieser Themen geht es zentral um Vernice und Annie. Allein, wer spannende Plotwendungen und dramatische Ereignisse erwartet, wird wohl enttäuscht werden, denn die Geschichte bleibt eine langsame, die dadurch aber auch lange nachklingt - zumindest bei mir. 

Tayari Jones, Kin. Random House Audio 2026. 

Saturday, October 10, 2026

Axie Oh - Das Mädchen, das in den Wellen verschwand

In Das Mädchen, das in den Wellen verschwand erzählt Axie Oh die Geschichte von Mina. Sie lebt in einem Dorf an der Küste und schwere Stürme bedrohen Jahr für Jahr Land und Leute. Als Opfer für den Meeresgott wird das schönste Mädchen geopfert - was diese zum Teil als große Ehre empfinden, allerdings scheint das Ritual nichts zu verändern. Als die Geliebte ihres Bruders geopfert werden soll, springt Mina freiwillig in die Wellen und landet im Reich der Geister und Götter. Dort findet sie heraus, dass der Meeresgott verflucht wurde und schläft und daher die ihm dargebotenen Bräute gar nicht annehmen kann. Mina steht nun vor der unlösbaren Aufgabe, alles über den Fluch herauszufinden und ihn aufzuheben, bevor sie nach einem Monat zu einem Geist wird. 
Zu Beginn war mir die beschriebene Welt sehr fremd, da ich wenig über koreanische Mythen, Geister  und Götter weiß. Ähnlich wie Mina wird man aber immer vertrauter mit den Charakteren und Zusammenhängen, so dass es dann am Ende doch eine halbwegs runde Geschichte mit einer starken Protagonistin wird. Allerdings bleiben viele Fragen offen und die Geisterwelt ist leider nicht so plausibel, wie man sich das (selbst - oder gerade? - von einer Fantasywelt) erhofft. Die Beweggründe vieler Charaktere und Gottheiten sind unklar, ihr Handeln willkürlich. Auch die Liebesgeschichte wirkte auf mich eher erzwungen, vielleicht weil wir von Shin wenig mehr als die Oberfläche sehen.
Kein Fantasy-Highlight, aber das für mich ungewohnte Setting war interessant. Schönes Cover...

Axie Oh, Das Mädchen, das in den Wellen verschwand. Loewe 2022. 

Sunday, October 04, 2026

Sofia Segovia - Das Flüstern der Bienen

Mit mexikanischer Geschichte kenne ich mich nicht aus, deswegen kann ich den historischen Hintergrund von Das Flüstern der Bienen von Sofia Segovia nicht wirklich gut einschätzen. Der Roman beginnt in den letzten Jahren des Spanischen Bürgerkriegs, umfasst die Epidemie der Spanischen Grippe und thematisiert die Folgen der Agrarreformen in Mexico. 
In der Kleinstadt Linares findet die alte Nana Reja ein Baby unter einer Brücke. Er hat eine Missbildung - einen gespaltenen Gaumen, wegen dem er vermutlich ausgesetzt wurde. Außerdem ist er von einem Bienenschwarm umhüllt, die Bienen schützen ihn und verletzen ihn nie. Die Familie der Hazienda Morales nimmt den Jungen auf und nennt ihn Simonopio. Der Junge hat besondere Gaben und obwohl er sich nur schlecht verständigen kann, bewahrt er die Familie vor einigem Unheil. Zu dem spät geborenen Sohn Francisco der Familie entwickelt er eine besondere Beziehung. Doch auf der Hacienda leben auch Arbeiter, die der Familie den Landbesitz nicht gönnen und Simonopio für den Teufel halten. Der über Jahre unterdrückte Zorn eskaliert schließlich und führt zur Katastrophe. Zuende erzählt wird Simonopios Geschichte von Francisco, der als alter Mann zur Hacienda zurückkehrt und alles verändert vorfindet, aber sich in seine romantischen Erinnerungen zurückziehen kann.  

Das Flüstern der Bienen hatte beträchtlichen Erfolg von seinem Erscheinen 2015 bis heute. Ich kann nachvollziehen, dass die Geschichte dieses besonderen Jungen mit seinen Bienen und seiner vorbehaltslosen Loyalität sehr anrührend, berührend ist. Beide Erzähler jedoch haben einen sehr begrenzten Blick durch die Brille der Gutsbesitzer, die als weitsichtig und sozial-bemüht dargestellt werden. Die Landreformbemühungen und die Auswirkungen des Bürgerkriegs sind klares Feindbild, besonders ersterem wird mit viel Geschick ausgewichen durch Tricks und Kniffe. Die Arbeiter:innen sind entweder treu ergeben und ordnen sich der Familie unter, oder sind der Feind, der aber nicht erkannt wird, weil es natürlich nicht sein kann, dass die durch den Patron so großzügig behandelten Arbeiter sich auflehnen und etwas anderes wollen als ihre Leibeigenschaft. So liegt die Stärke des Romans sicherlich nicht in einer differenzierten Darstellung der geschichtlichen Ereignisse, sondern bei der Darstellung der Charaktere. So ist Simonopio mit seinen erweiterten Sinnen eine interessante Figur, doch kann mich der naive, in seiner Betrachtung eingeschränkte Francisco nicht überzeugen. Auch die als starke Frauenfigur angelegte Mutter Beatrice agiert ihre Trauer und Wut schlussendlich an der Nähmaschine aus, anstatt wirklich etwas zu bewegen. Insgesamt ist dieser Roman mit seinen Wundern und dem magischen Realismus nicht ganz nach meinem Geschmack. 

Sofia Segovia, Das Flüstern der Bienen. HörbuchHamburg 2021.