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Thursday, September 10, 2026

Ann Patchett - Whistler

Ann Patchett's novel Whistler starts with Daphne Fuller and her husband Jonathan visiting the Metropolitan Museum of Art. An older man starts following them - and Daphne realizes that this man is one of her stepfathers, called Eddie Triplett. She was nine when her mother and Eddie were married for only a short period of time and he disappeared from her and her sister's lives quite suddenly shortly after a mysterious accident. Eddie accidentally drove off the side of a remote road when he took Daphne out to watch the stars far away from the city. The two of them were trapped in the car for a long night before they could be rescued. 
After being apart for more than 40 years they catch up and realize that the events of that night are not only important to them but tied a connection between them that is easily renewed today. Together, they reflect on what happened in their lives, what choices they made, good and bad ones, and what impact other people's decisions had on them. In remembering and retelling the details of the accident they reconnect not only to themselves but also to other members of their family. Embedded 
within the plot is a tale that Eddie tells young Daphne to distract her. It is one he had as a book proposal on his desk. Being an editor he knows the power of stories but is not sure if this one - the story of Whistler, a special horse - was a good choice in the situation they are in. Whistler's owner suffers an accident too and is close to dying. While lying outdoors, unable to move (just like Eddie), she sees her favourite dog, an old friend and other people - all of them being dead in real life. Although it is a sad tale there is a good ending to it because of Whistler, the great horse. 
While Daphne still has to tell her family the last part of Eddie's and her accident story, Eddie's health takes a bad turn due to leukemia and his old age. Loss, grief and death are recurring themes in Whistler but also love and being known by a person are important topics. 
It is not an overly complicated story but the way Ann Patchett intertwines the two perspectives with Eddie and Daphne's relationship then and now is extremely well done. There are symbols and themes that reoccur and relate to one another and add another layer of meaning to the story. Both protagonists are interesting characters, Daphne even more so as she reconnects with her younger self while meeting Eddie again and by telling the story of the accident. The ending is very moving, quiet, but brilliantly done, and made me listen to the last part of the novel for a second time. This audiobook is read by the author, not always the best choice, but she brought her story to life perfectly. I thoroughly enjoyed Whistler. 

Ann Patchett, Whistler. Harper 2026.



Sunday, August 09, 2026

Jacqueline Harpman - Ich, die ich Männer nicht kannte

Eine Dystopie  (aus dem Jahr 1995), wie sie finsterer nicht möglich ist: In einem Käfig unter der Erde werden 40 Frauen gefangen gehalten, drei Wärter versorgen sie mit dem Nötigsten an Essen und Kleidung. Eine davon, die jüngste unter ihnen, ist unsere Erzählerin. Sie erinnert sich als Einzige nicht an ein "davor", hat eine andere, eine teils fatalistische, teils aber auch neugierigere Sicht auf die beschränkte Welt. Als eine Sirene ertönt, fliehen die Wärter und nur durch Glück bleibt der Schlüssel zum Käfig in Reichweite zurück. Doch an der Oberfläche erwartet die Frauen nur eine andere Form von Gefangenschaft in einer kargen Landschaft mit wenig Ressourcen. Die Erzählerin berichtet sachlich von den Emotionen in der Gruppe, bleibt unklar über ihre eigenen Empfindungen. Während man, wie sie, darauf hofft, am Ende doch noch eine Erklärung für all das, eine Auflösung des Mysteriums, wo sie sich befinden, wie sie dorthin gelangt sind und was der Auslöser für diese finstere Situation ist, zu erlangen, so wird man enttäuscht. Die Protagonistin schreibt ihren Lebensbericht, mehr nicht. 
Insgesamt ist Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman eine sehr dunkle, sehr niederschmetternde Erzählung. Sprachlich hat sie mir nicht sonderlich gefallen, die Gedankengänge sind teils redundant, was aber sicher gewollt ist. Was bleibt übrig in einer derart entmenschlichten Welt? Welche kulturellen Elemente schimmern durch die Not hindurch, wie begegnen sich Frauen unter diesen Bedingungen? Es sind die Fragen, die das Buch ausmachen, weniger die weniger Antworten, die man erhält. 

 Jacqueline Harpman, Ich, die ich Männer nicht kannte. Klett-Cotta 2026.

Saturday, August 08, 2026

M.L. Stedman - Ein weites Leben

Nach Das Licht zwischen den Meeren (The Light Between Oceans, 2012) ist Ein weites Leben (A Far-Flung Life, 2026) M.L. Stedmans
zweiter Roman. Auch dieser spielt in Australien, auf einer Schaffarm im Westen Australiens. Er erzählt vom Schicksal der Familie MacBride, beginnend mit dem fürchterlichen Moment 1958, als der Vater mit seinen zwei Söhnen im Jeep einen durch ein Känguru verursachten Unfall erleidet. Nur der jüngere Sohn Matthew überlebt, allerdings mit schweren Folgen, die längere Therapie benötigen. Doch dies ist nicht der einzige schwere Schicksalsschlag, den die Familie erleidet. Die Tochter Rosie sieht nach der Geburt ihres unehelichen Sohnes keinen Ausweg und springt mit dem Kind in einen Minenschacht. Doch das Baby überlebt und ist Belastung und Hoffnung der Familie zugleich. 
Allein dies würde in anderen Romanen bereits völlig für einen Plot ausreichen, doch Stedman mutet den MacBrides und den Nebencharakteren noch einiges mehr zu. So erstreckt sich die Erzählung mit einigen Sprüngen bis in die 2000er Jahre und endet mit positiven Aussichten und einem versöhnlichen Ende. 
Es ist eine lange und zum Teil emotional belastende Reise, zu der man in Ein weites Leben aufbricht. Das Schicksal, aber auch menschliches Versagen, Unachtsamkeit und hohe Emotionalität treffen hier schonungslos, aber auch aufrichtig aufeinander. Zeitgleich erleben wir die Historie des australischen Hinterlands authentisch mit, Flora, Fauna und Menschen, was für mich ein interessanter Nebenaspekt war. Einige der Tiefschläge für die MacBrides sieht man kommen und denkt sich „nicht das auch noch“, aber interessant ist dennoch, wie die Autorin ihre Protagonisten darüber hinauswachsen lässt. Nicht immer sofort und offensichtlich, aber die Botschaft tritt deutlich hervor: Auch wenn die Katastrophe übermächtig erscheint, so lohnt es immer, daran zu glauben, dass das Leben weiter lebenswert bleibt und auch wieder Gutes geschehen wird. Trotz der unvermeidlichen Längen, die dieser Roman mit sich bringt, allein wegen der Zeitspanne, den er umfasst, hat mir auch diese zweite Geschichte von Stedman sehr gut gefallen.  

M.L. Stedman, Ein weites Leben. Random House Audio 2026.

Sunday, July 12, 2026

Charlotte McConaghy - Die Rettung

Nach Zugvögel erhält auch der neue Roman von Charlotte McConaghy einige Aufmerksamkeit. Die Rettung (besser im Original Wild Dark Shore) spielt auf einer verlassenen Insel zwischen Australien und der Antarktis namens Shearwater. In der von der Autorin geschaffenen dystopischen Welt, die unter den Folgen des Klimawandels leidet, hat man dort einen Bunker mit Pflanzensamen angelegt. Da das Wasser zunehmend steigt, ist dieser nicht mehr sicher und das dazugehörige Forscherteam ist bis auf Dominic Salt und seine drei Kinder bereits abgereist. Dominic fällt die Aufgabe zu, die Samen noch zu verpacken, bis auch seine Familie in Kürze abreisen soll. In einer Sturmnacht wird dann eine Frau angespült, schwer verletzt, ihr Boot inklusive Bootsführer haben den Sturm nicht überlebt. Die Familie in ihrem Leuchtturm nehmen sie auf, aber alle misstrauen einander. Was will die Frau, Rowan, auf Sheerwater? Wer ist sie? Was verschweigt Dominic? Welche Geheimnisse haben die Kinder vor ihrem Vater? Hinzu kommen noch zwei Personen, die das Geschehen beeinflussen, ohne anwesend zu sein: Der Geist von Dominics Frau und Hank, Rowans Ehemann.

Ähnlich wie in Zugvögel habe ich nach dem Beenden des Romans das Gefühl, die Autorin wollte zuviel. Das Setting auf der wunderschönen, von bezaubernden Tieren wie Albatrossen und Seelöwen bevölkerten Insel ist atemberaubend. Dazu der Leuchtturm, interessant charakterisierte Kinder, die ihre eigenen Forscherwege gehen, vor dem Hintergrund einer zutiefst misshandelten Umwelt. Nun gut, der unkommunikative Dominic, der mit seiner toten Frau spricht, hat schon von Beginn an etwas hölzern Klischeehaftes. Rowan kämpft mit ihren eigenen Dämonen ihrer Kindheitstraumata und dem Verlust ihres Hauses an einen Buschbrand, auch nicht gerade wenig an Ballast. Wie diese beiden miteinander interagieren, sich annähern, wäre schon eine ausreichend interessante Geschichte gewesen. Doch die Autorin packt noch eine Kriminalgeschichte obendrauf: Was ist mit Hank auf der Insel passiert, nachdem er einen Hilferuf per Mail an Rowan abgesetzt hat? Die Auflösung dieser Frage wirft gleich noch mehrere Fragen nach psychischen Erkrankungen, Missbrauch und Gerechtigkeit auf.  --- ich glaube, damit wird deutlich, was ich mit "zuviel" meine. Dabei ist die Geschichte schön, phasenweise poetisch erzählt. Man möchte diese Charaktere, besonders die Kinder, besser kennenlernen, wünscht ihnen eine Zukunft, die das durchaus geschickt kreierte Ende aber offen lässt. Mich hat Die Rettung trotz der zu großen Fülle an Themen und Blickwinkeln durchaus gefesselt und ich fand es lesenwert.

Charlotte McConaghy, Die Rettung. Bonnevoice 2025.

Sunday, June 14, 2026

Ewald Arenz - Alte Sorten

Am gleichen Tag begonnen und ausgelesen: Ewald Arenz' Alte Sorten hat einen Lesesog ausgelöst. 
Die 17jährige Sally ist auf der Flucht vor ihren Eltern, den Therapien, der Schule, Regeln und eigentlich allen Erwachsenen. Mitten in einem Weinberg fragt Liss Sally um Hilfe, weil ihr Anhänger steckengeblieben ist und wieder an den Traktor gekoppelt werden muss. Sonst fragt sie erst einmal nichts, was Sally ungewollt beeindruckt und ja sagen lässt, als Liss ihr später einen Platz zum Schlafen auf ihrem Hof anbietet. Denn Liss sieht in dem Mädchen an Art Abbild von sich selbst, die sie sich immer falsch verstanden und gegängelt gefühlt hat in ihrem kleinen, engen Dorf.  
Sally bleibt und abwechselnd beobachten wir aus der Perpektive der einen die jeweils andere. Es gibt Gemeinsamkeiten, aber jede trägt an den Lasten ihrer persönlichen Vergangenheit und Gegenwart. Über Kartoffelernte und Birnenpflücken nähern die beiden sich mal zögernd, mal zornig an, um sich schließlich gegenseitig retten zu können. 
Es ist eine leise Geschichte, die Ewald Arenz da in schönen Worten vor uns ausbreitet, mit viel Achtung und Bewunderung für die Natur, das Wachsen, die Zeit und langsamer Heilung. Als Kritikpunkt bleibt, dass besonders die 17jährige in ihrer Ausdrucksweise klischeehaft wirkt, die Jugendsprache ist meiner Meinung nach nicht gut gelungen. Ihr werden eine Menge psychischer Probleme plus eine Form von Hochbegabung zugeschrieben, aber all das wird dann einfach ausgeklammert und hat scheinbar keinen Einfluss mehr auf die Geschehnisse. Das ist nicht sehr glaubwürdig, weniger wäre mehr gewesen. Auch in Liss' Geschichte ergeben sich Bruchstellen, denn eine durchaus selbstbewusste, eigenwillige Frau, als die sie geschildert wird, wäre kaum in der Beziehung zu einem gewalttätigen Ehemann geblieben, Hof und Kind hin oder her. Die Erklärung mit der wirtschaftlichen Abhängigkeit erscheint da dünn. Was zunächst wie eine Frauengeschichte wirkt, hat dann in der Schilderung eben jener Frauen Schwächen. Das kommt mir aus Zwei Leben schon bekannt vor. Dennoch habe ich Alte Sorten gern gelesen. 

Ewald Arenz, Alte Sorten. Dumont 2019.

Saturday, June 13, 2026

Ocean Vuong - Der Kaiser der Freude

Ocean Vuong erzählt in Der Kaiser der Freude die ungewöhnliche Geschichte von Hai. Hai lebt in East Gladness in New England, kein sehr attraktiver Ort, in dem Drogen- bzw. Tablettenabhängigkeit scheinbar zum Alltag gehört. Hai fühlt sich selbst als Loser, nach einem abgebrochenen Collegestudium geht er in eine Entzugsklinik, erzählt seiner vietnamesichen Mutter jedoch, er würde in Boston Medizin studieren. Als er aus der Klinik entlassen wird, kann er nicht nach Hause zurück, er denkt über Selbstmord nach, doch Grazina, die in einem der heruntergekommenen Häuser nebenan wohnt, hält ihn davon ab, von der Brücke zu springen. Grazina ist alt, krank, hat den zweiten Weltkrieg mit- und überlebt und lebt nur noch teilweise im Hier und Jetzt. Sie braucht Hilfe, ebenso wie Hai, und so zieht dieser bei ihr ein. Er sucht sich einen Job in einem Diner, wo er die Beziehung zu seinem Cousin wieder neu aufleben lässt und Teil der kleinen Gruppe von schrägen Charakteren, die dort arbeiten, wird. 
All diesen Beziehungen und Freundschaften ist gemein, dass sie jenseits aller Normen entstehen und existieren. Alter, Queerness, Herkunft, Bildung, Familie, all das spielt kaum eine Rolle, sowohl im Diner als auch in Grazinas kleinem Haus. Und auch wenn längst nicht alles glücklich läuft, immer wieder die Tabletten oder Schicksalsschläge den Weg erschweren, so kommt Hai am Ende doch zu der Erkenntnis, dass das Leben lebenswert sei. 
Wie schon in Auf Erden sind wir kurz grandios besticht Ocean Vuongs Sprache auch in Der Kaiser der Freude durch Poetik, ungewöhnliche Bilder und ironischen Humor,  hervorragend umgesetzt und interpretiert von Fabian Busch. 

Ocean Vuong, Der Kaiser der Freude. Hörbuch Hamburg 2025.

Saturday, May 30, 2026

Katie Kitamura - Die Probe

In Katie Kitamuras Die Probe trifft sich eine Schauspielerin mit einem sehr jungen Mann namens Xavier in einem Restaurant. Bei ihrem ersten Treffen hatte er ihr zuvor eröffnet, er könne ihr Sohn sein, was aber unmöglich ist, da sie nie ein Kind geboren hat. Ein krasser Auftakt für ein Kennenlernen, aber auch für einen Roman. Kurz darauf betritt Tomas, der Ehemann der Schauspielerin, das Lokal, geht aber wieder, ohne dass sie miteinander sprechen. 
In jedem weiteren Kapitel verschiebt sich die Perspektive, nein, eigentlich die ganze Erzählung. In einem Moment beschäftigt sich das Ehepaar mit der Möglichkeit von Untreue, im nächsten sitzen sie mit Xavier wie mit einem Sohn beim gemeinsamen Essen. Noch ein wenig später zieht er als ihr Sohn in ihre New Yorker Wohnung ein, sie meint sich sogar an seine Kindheit zu erinnern, wundert sich nur ein wenig, dass sie so wenig Erinnerungsstücke behalten hat. Das Verwirrstück wird noch wirrer, als auch noch Xaviers besitzergreifende Freundin hinzukommt und Tomas' völlig irrational zu handeln beginnt. Dem ist ein wenig schwer zu folgen und nach einer Weile ist alles so austauschbar und/oder unglaubhaft, dass man fast das Interesse verliert, weil es offensichtlich keine verständliche Wahrheit gibt, nicht die "eine Geschichte", sondern mehrere zugleich erzählt werden sollen. Das könnte literarisch interessant sein, aber wieder einmal kann ich der Protagonistin wenig abgewinnen und die Psychologie der Schauspielerin als Parabel für das Leben als solches finde ich auch nicht überzeugend. Die Prämisse, wir passten uns schauspielernd und gefallsüchtig den äußeren Gegebenheiten des Lebens an, sagt mir nicht zu. 
Ich kann aber nachvollziehen, warum der Roman für Literaturpreise wie den Pulitzer oder den Booker Prize nominiert wurde, die Erzählung ist stilistisch und vom Aufbau her durchaus außergewöhnlich. 
Die Lesung von Genoveva Mayer hat mir nicht besonders gut gefallen, wobei ich nicht genau ergründen konnte, woran es lag. Manche Stimmen sind einem vielleicht einfach weniger sympathisch oder passen nicht zur eigenen Vorstellung.

Katie Kitamura, Die Probe. Hörbuch München 2025.

Friday, May 01, 2026

Oyinkan Braithwaite - Der Fluch der Falodun Frauen

Oyinkan Braithwaite erzählt in Der Fluch der Falodun Frauen von mehreren Generationen von nigerianischen Frauen, die ihre Männer - aus verschiedensten Gründen - nicht halten können und ihre Kinder im rein weiblichen Familienverbund aufziehen. Schuld daran ist ein vor langer Zeit ausgesprochener Fluch.
Auf mehreren Zeitebenen und aus den Perspektiven dreier Frauen der Familie erfahren wir von den Auswirkungen und Zusammenhängen ihrer Geschichten. Zentrales Element ist dabei die Geschichte von Eniiyi, die am gleichen Tag von Ebun geboren wird, als ihre Tante Monife beerdigt wird. Sie sieht ihrer Tante, die Selbstmord begangen hat, zum Verwechseln ähnlich und die abergläubischen Großmütter halten sie für Monifes Reinkarnation. Dies geht nicht spurlos an Eniiyi vorbei, fortwährend glaubt sie, fremdgesteuert zu sein, während sie auf ihre Weise gegen den Fluch ankämpft. 
Oyinkan Braithwaite hat eine Gruppe von Protagonistinnen geschaffen, die sowohl energisch, witzig und verletzlich sind, jede kämpft auf ihre Weise gegen das drohende Unheil des Fluches an. Offen bleibt, zu welchen Teilen der Fluch mystisch-real ist und zu welchen Teilen er allein durch den Glauben der Familie daran am Leben bleibt. Mir haben die Geschichten und die Schicksale der drei Frauen Freude bereitet, gerade weil sie weder glatt noch eindeutig sind. 

Oyinkan Braithwaite, Der Fluch der Falodun Frauen. Aufbau 2025.

Saturday, April 25, 2026

Barbara Kingsolver - Demon Copperhead

Barbara Kingsolver hat mit Demon Copperhead einen Parallelroman zu Charles Dickens' David Copperfield geschaffen. Dabei versetzt sie ihren Ich-Erzähler Demon in die bedrückende Welt des Lee County, Virginia. Die Armut ist groß, gut bezahlte Jobs rar, viele Menschen treibt das Lebensunglück in die Arme von Alkohol und Drogen. So ist auch Demons alleinerziehende Mutter ein Ex-Junkie, er wächst in einem Trailer auf, zusammen mit einem Nachbarsjungen, der wiederum bei seinen Großeltern aufwächst, weil seine Mutter im Gefängnis ist. Demons Bericht über sein Leben ist dabei erstaunlicherweise nicht allzu negativ, er ist in gewisser Weise stolz auf seine Resilienz - selbst noch, als seine Mutter ihm einen fiesen Stiefvater vor die Nase setzt, kurz darauf der Drogensucht zum Opfer fällt und er in die Hölle der Jugendhilfe in diversen Pflegefamilien, die ihn auf unterschiedliche Weise ausnutzen, gerät. Immer wieder enttäuschen ihn auch die Menschen, von denen er sich Hilfe und Liebe erhofft, er versucht weiter, seinen Weg zu finden. Nach einer hoffnungsvollen Wendung in seinem Leben, als er erfolgreich in einer Football-Mannschaft spielt, bringt ihn eine massive Knieverletzung schließlich selbst in die Drogenabhängigkeit durch das Schmerzmittel Oxycodon. Im letzten Drittel des Romans sehen wir ihm dabei zu, wie er immer tiefer in den Sumpf abrutscht und es nur wenige positive Elemente in seinem Leben gibt. Stark verknüpft sind seine Erfahrungen laut eigener Aussage mit den Gegebenheiten von Lee County, alle nehmen Drogen, kaum jemand bleibt clean, eine ganze Generation von Jugendlichen verfällt, viele sterben. Eine der wenigen Gallionsfiguren in seinem Leben, die Tante seines Jugendfreundes, bringt ihn schließlich dazu, Entzug und Therapie in Knoxville anzugehen, so dass der Roman am Ende das Ergebnis einer wichtigen therapeutischen Reflexionsaufgabe darstellt und Demon hoffnungsvoll auf sein weiteres Leben blicken kann. 

Man ist nah dran an diesem Demon Copperhead, manchmal zu nah, besonders was die Drogenerfahrungen in vielen Details angeht. Er erzählt eindrücklich, oft hoffnungsvoll, hat aus der Distanz nach dem drogenfreien Leben in Knoxville einen besonderen Blick auf die Situation der Menschen in Lee County, kritisch und sentimental-liebevoll zugleich. Er vermisst das, was er als Heimat trotz aller Grausamkeit kennengelernt hat, er vermisst die Menschen, weiß aber auch, dass er nicht in diese drogendurchseuchte Welt zurückkehren darf. Was den gesellschaftlichen Kontext angeht - Armut, rurales Leben, Perspektivlosigkeit und ein überfordertes Jugendhilfesystem - so überzeichnet die Autorin stellenweise und nutzt den Holzhammer. Viele elende, verzweifelte und grausame Menschen bilden das Ensemble des Romans, um das zu zeigen. Dies ist gewollt, sicher, aber trug auch zu den Längen des über 800 Seiten starken Romans bzw. fast 21 Stunden langen Hörbuchs bei, das mir aber insgesamt gut gefallen hat und den Pulitzer 2023 sicher nicht zu Unrecht gewonnen hat. 

Barbara Kingsolver, Demon Copperhead. Argon 2024. 

Saturday, April 04, 2026

Jennifer Egan - Der größere Teil der Welt

Selbst die Autorin Jennifer Egan war sich nicht sicher, ob sie Der größere Teil der Welt (Original: A Visit from the Goon Squad) als Roman oder als Kurzgeschichtensammlung bezeichnen möchte. Tatsächlich besteht das 2011 mit dem Pulitzer Prize for Fiction ausgezeichnete Werk aus nur sehr lose miteinander verknüpften Episoden, die in mehreren Jahrzehnten spielen. Der häufigste Handlungsort ist NYC, die Charaktere stehen in unterschiedlichen Beziehungen zu Bennie und Sasha, die beide zu einem gewissen Zeitpunkt in der Musikindustrie tätig sind. Musik ist ein verbindendes Element, weitgehend in positivem Sinne, während den Charakteren gemein ist, dass sie ein eher selbstzerstörerisches und negatives Selbstbild haben. Drogen, berufliche Misserfolge und private Entfremdung von Freunden und Geliebten ziehen sich ebenfalls durch fast alle Geschichten. Bis auf wenige lichte Momente, in denen Hoffnung auf Besserung oder wahre Zuneigung aufblitzen, herrscht eher eine düstere, bedrückende Atmosphäre und Lebenseinstellung. Bei allem Geschick für das Zeichnen der sehr abwechslungsreichen und interessanten Charaktere und den unterschiedlichen Erzählstilen (bis hin zu einem Kapitel, das als Powerpoint Präsentation angelegt ist) drückt einen die Perspektivlosigkeit zuweilen nieder. Alle, die schön, jung und erfolgreich waren, werden durch das Vergehen der Zeit zu blassen, deprimierenden, wenig begehrenswerten Wesen. Das ist eine Sichtweise auf das Älter- und Altwerden, die niederschmetternd ist, die aber zum Zeitalter von "Social Media Fakeness" und der Besessenheit, weiter jung auszusehen, koste es was es wolle, passt. Damit zeichnet Egan wahrscheinlich ein allzu treffendes gesellschaftliches Bild - und das schon 2011. 

Jennifer Egan, Der größere Teil der Welt. Schöffling 2013. 

Saturday, March 07, 2026

Monika Helfer - Die Jungfrau

Ein weiterer Fall von "Popsugar Reading Challenge made me read this": Monika Helfers kurzer Roman Die Jungfrau handelt von der Freundschaft zweier Frauen, Monika, der Ich-Erzählerin, und Gloria. Sie wachsen in Bregenz auf, Monika kommt aus ärmlichen und beengten Verhältnissen, während Gloria nur mit ihrer Mutter in einer Villa und mit viel Geld aufwächst. 
Anlässlich eines Wiedersehens als beide schon 70 Jahre alt sind, schreibt Monika ihre Erinnerungen an ihre Freundschaft auf. Sie springt dabei zwischen Kindheitsszenen, Abenteuern ihrer Teenagerzeit und Betrachtungen über ihre Beziehung allgemein. Dabei kommt in der Retrospektive weder die Freundschaft noch Gloria selbst besonders gut weg, so mein persönlicher Eindruck. Gloria mit der Neigung zur Schauspielerei ist selten ehrlich zu ihrer Freundin, nutzt sie quasi als Projektionsfläche ihres Lebens, das nun recht armselig endet. Beziehungslos (außer der Betreuung durch eine Nichte, die nur auf das Erbe aus ist) und ohne in ihrem Leben gearbeitet oder etwas anderes erreicht zu haben, vegetiert sie - wie ihre Mutter vor ihr - in der Villa vor sich hin. Eines ihrer Hauptthemen: Sie ist noch Jungfrau. Daher der Titel. Monika stellt dem zwei Ehen, die letzte glücklich, und vier Kinder entgegen, Mitleid und eine Art sentimentale Verbundenheit wegen ihrer gemeinsamen Geschichte sind die maßgeblichen Gefühle, die sie für Gloria aufbringt. Kritisch sieht sie auch ihre persönlichen Gründe für die Freundschaft - warum hat sie keine anderen Freundschaften mehr verfolgt, sondern sich nur mit Gloria zusammengetan? Eine definitive Antwort erhalten wir nicht. 
Die Jungfrau ist eine Art zufällig zusammengesetzter Rückblick auf eine Freundschaft, die zwar überdauert hat, aber an deren Qualität man zweifeln kann. 

Monika Helfer, Die Jungfrau. Hanser 2023. 

 

 

Sunday, February 22, 2026

Paul Harding - Sein Garten Eden

Paul Harding ist 2010 für seinen Roman Tinkers mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet worden, was der Verlag Luchterhand auch gleich auf dem Cover von seinem neuen Roman Sein Garten Eden hervorhebt. Dieser war shortlistet für den Booker Preis, hat diesen aber nicht gewonnen. Sein Garten Eden basiert auf einer realen Geschichte: Auf Malaga Island vor der Küste Maines lebte bis 1912 eine Gruppe von Menschen, die "gemischtrassig" waren und auf ihrer Insel so fernab der Gesellschaft lebten, dass sie dies auch zunächst ungestört tun konnten. In Hardings Roman liegen die Ursprünge der Bewohner bei einem Paar namens Benjamin Honey, ein ehemaliger Sklave, und seiner irischen Frau Patience. Honey brachte auch Samen für Apfelbäume mit auf die Insel, weswegen die Insel fiktiv Apple Island genannt wird. Die Lebensverhältnisse sind ärmlich, die Hautfarben der Bewohner bunt und ihre Charaktere besonders. Als der pensionierte Lehrer Matthew Diamond auftaucht und beginnt, die Kinder der ansässigen Familien zu unterrichten und Hilfsgüter einzuwerben, werden die Obrigkeiten auf Apple Island aufmerksam und die Bewohner werden deportiert und zum Teil für geisteskrank erklärt. In einem weiteren Teil des Romans wird die Figur des Ethan Honey herausgestellt, dessen künstlerisches Talent und helle Hautfarbe ihm eigentlich einen Ausweg in ein anderes und besseres Leben bieten sollte. Doch als er sich in ein irisch-stämmiges Hausmädchen verliebt, wird seine Abstammung aufgedeckt und er muss fliehen. 
Es ist ein interessantes, aber auch grausames Stück Geschichte, dass sich Harding für seinen Roman ausgewählt hat. Das Setting und die Charaktere sind außergewöhnlich. Die Sprache ist sehr ausschmückend, lyrisch, aber ich habe sie nicht immer als passend empfunden. Die Figuren sind in ihrer ärmlichen Lebenssituation auf der Insel gefangen und sind dadurch zugleich frei von den Anfeindungen, die sie auf dem Festland wohl zu erwarten hätten. Mir als Leserin bleiben sie durchgehend fremd(artig), tragen schwere Belastungen mit sich, kämpfen sich nicht frei, können dies vielleicht auch nicht. Es findet kaum Reflexion über ihre eigene Situation statt, sie ertragen viel und leben nur wenig. Erzählerisch nimmt der Autor ihr Schicksal schon zu Beginn des Romans vorweg und fügt dem auch nichts hinzu, man erfährt nicht, was aus ihnen im Detail geworden ist. Sein Garten Eden ist als Titel fast höhnisch. Ich bleibe sehr unzufrieden zurück. 

Paul Harding, Sein Garten Eden. Luchterhand 2024. 

 

Sunday, January 25, 2026

Liz Moore - Der Gott des Waldes

Der Gott des Waldes von Liz Moore ist ein ungewöhnlicher Roman, der in den Adirondack Mountains im Norden der USA im Staat New York spielt. Handlungsort ist ein Feriencamp, das von der Bankiersfamilie Van Laar gegründet und betrieben wird. Zentrales Element des Romans sind die unterschiedlichen Zeitebenen, in denen die Geschichte zusammengesetzt wird. Im Jahr 1975 verschwindet ein Mädchen aus dem Camp - ausgerechnet Barbara Van Laar! Das ist auch deshalb so dramatisch, weil 14 Jahre zuvor, 1961, ihr Bruder Bear ebenfalls verschwand und nie gefunden wurde. Verschiedene Szenarien, wer etwas damit zu tun haben könnte, vom Schwerverbrecher bis hin zur Campbetreuerin, werden aufgezeigt. Dabei treten auch andere Geheimnisse und Vergehen zu Tage, die auf den ersten Blick nicht erkennbar sind. 
Das langsame Aufdecken der Schichten dieser Geschichte(n) gelingt Liz Moore durch die verschiedenen Ebenen sehr gut, zumal die unterschiedlichen, meist weiblichen Erzählpersepktiven ein breites Spektrum von Charakteren bieten. Ja, einige der Erzählerinnen bleiben ein wenig blass, hätten vielleicht mehr Entwicklung verdient, aber sie alle tragen auch zu einem gesellschaftlichen Querschnitt der Zeit bei. Die Frauen in den 60er und 70er Jahren bewegen sich im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren, zwischen männlicher Dominanz und Emanzipation. Und auch da gibt es kein Schwarz und kein Weiß, sondern Grauzonen, unterschiedliche Wege, die gegangen werden können. Betrachtet man Der Gott des Waldes weniger als Thriller, sondern eher als Drama, dann kann man sich auch mit den erzählerischen Längen und Brüchen (die Perspektivwechsel an den Wendepunkten sind manchmal etwas störend und bremsen das Erzähltempo oft erheblich) arrangieren und sogar genießen.

Liz Moore, Der Gott des Waldes. C.H. Beck 2025.

Sunday, January 11, 2026

Kristina Hauff - Unter Wasser Nacht

Kristina Hauffs Roman Unter Wasser Nacht handelt von zwei befreundeten Ehepaaren, die in einem idyllischen Dorf im Wendland (Landschaft im östlichen Niedersachsen). Durch den Ertrinkungstod des 11jährigen Aarons vor einem Jahr sind Thies und Sophie nun trauernde Eltern, während Inga und Bodo nebenan noch zwei scheinbar perfekte Kinder haben. Die Freundschaft und die Ehen aller sind angeschlagen, denn es konnte nie ganz geklärt werden, wie Aaron zu Tode gekommen ist. Gibt es vielleicht doch Zeugen, die mehr wissen, als sie bisher gesagt haben?
Schon zu beginnt tritt mit der mysteriösen Mara eine außenstehende Figur in die enge, bedrückende Gemeinschaft. Die kommt aus der 
Freistadt Christiania in Kopenhagen und fasziniert besonders Thies und Sophie, auch wenn Mara sich auch Inga und deren Tochter Jella annähert. Mara dringt hinter die Fassaden, fragt und hört hauptsächlich zu und beobachtet. Schließlich konfrontiert sie die Familien mit unliebsamen Wahrheiten, die Schmerzen bereiten, aber auch Möglichkeiten zum Neuanfang schaffen. 

Erzählt wird der Roman durch ständige Perspektivwechsel aller Beteiligten. (Beim Audiobook führt dies dazu, dass man besonders auf die Namensnennung zu Beginn jeden neuen Abschnitts achten muss, aber nach einer Weile gewöhnt man sich daran...) Man erhält also weitgehende Einblicke in die emotionale Verfassung und Haltung der Charaktere. Nach und nach werden die Schichten des (Ver-) Schweigens um den Tod des Jungens und die Geschehnisse der Vergangenheit aufgedeckt. Gefallen hat mir die dichte Atmosphäre und die anhaltende Spannung, was am Ende alles aufgedeckt werden wird. Der leicht politische Anstrich mit Bezugnahme auf die Proteste zu Castor-Transporten (Gorleben, Ende der 70er) hat sich mir nicht ganz erschlossen, ebenso die Verortung von Mara in dem freilebigen Christiania. Vielleicht ist ersteres nur dem Setting im Wendland geschuldet. 
Insgesamt ist Unter Wasser Nacht ein lesenswertes Romandebut. 

Kristina Hauff, Unter Wasser Nacht. DAV 2021.

Tuesday, January 06, 2026

Lars Gustafsson - Der Mann auf dem blauen Fahrrad

Der Mann auf dem blauen Fahrrad in Lars Gustaffsons kurzem Roman heißt Jan Friberg. Er ist Vertreter für eine neuartige Küchmaschine im Jahr 1953 in der schwedischen Provinz Västmanland. An einem herbstlichen Oktobertag stürzt er mit dem Rad und verstaucht sich das Handgelenk, so dass er das nah gelegene Herrenhaus betritt. Sein Aufenthalt dort gestaltet sich seltsam: Zunächst scheint ihn niemand wahrzunehmen, dann wird er in die Bibliothek geschickt, aber zunächst sieht niemand nach ihm. Er nimmt Gegenstände, Bücher und ein Fotoalbum zur Hand und schläft schließlich in einem Sessel ein. Im Folgenden verschwimmen die Grenzen zwischen Traum, Rückblenden und der scheinbar realen Welt. Die daraus resultierenden kurzen Geschichten spielen im Schweden der Vorkriegszeit, handeln von Schiffen, schönen Frauen und anderen Dingen. Die Geschichten basieren, so erfährt man, auf Fotografien von Lars Gustaffsons Vater.

Sprachlich gefällt mir Der Mann auf dem blauen Fahrrad durchaus, aber alles ist so wirr und ohne zusammenhängenden roten Faden oder Deutungshinweis, dass es einen beim Lesen selbst immer wieder abschweifen lässt. Ich hätte den Roman (ist es einer?) sicher nicht zuende gelesen, wäre er länger gewesen, da er mich nicht fesseln konnte. 


Lars Gustafsson, Der Mann auf dem blauen Fahrrad. Hanser 2013. 

Friday, December 26, 2025

Iris Wolff - Die Unschärfe der Welt

Die Unschärfe der Welt von  Iris Wolff ist ein Episodenroman, der im Gebiet des Banat (hauptsächlich Rumänien) spielt. Im Mittelpunkt steht das junge Ehepaar Florentine und Hannes, letzterer Pfarrer einer kleinen Dorfgemeinde. Weitere Charaktere stehen diesen beiden nahe oder sind mit ihnen verwandt. Thematisch geht es um Beziehungen, Wahrnehmung von Land und Leuten, am Rande auch Politisches (vielleicht weniger, als man vermuten könnt), aber auch das Thema Verlust steht häufig im Zentrum. Der Erzählgestus ändert sich wenig mit den verschiedenen Perspektiven, ist gleichbleibend sensibel und lyrisch. Auf den etwa 200 Seiten finden sich einige bemerkenswerte, schön formulierte Gedankengänge. Die Charaktere sind mir stellenweise ein bisschen zu reflektierend, sich ihrer selbst zu bewusst, - oder vielmehr wird alles an ihnen ausgedeutet durch den/die Erzähler:in, so dass nicht viel Spielraum für eigene Interpretation bleibt. 
Insgesamt war Die Unschärfe der Welt aber eine berührende Lektüre, die sprachlich meines Erachtens einiges zu bieten hat.

Iris Wolff, Die Unschärfe der Welt. Klett-Cotta 2020.

Tuesday, November 18, 2025

Ernest Hemingway - A Farewell to Arms

Ernest Hemingway veröffentlichte A Farewell to Arms (dt. Titel In einem anderen Land) im Jahr 1929 nach seinen Erfahrungen im ersten Weltkrieg, wo er als Sanitäter an der italienischen Front diente. Sein Protagonist Lieutenant Frederic Henry wird im Dienst verwundet und verliebt sich in die englische Krankenschwester Catherine Barkley. Die Geschichte berichtet von verschiedenen Erlebnissen an der Front, mit anderen Mitgliedern der Armee und die Liebesgeschichte. Es wird viel getrunken, es gibt derbe Sprache und einigen Sex. Letzteres führt zu einer Schwangerschaft Catherines. Das Paar flieht aufgrund der sich zuspitzenden militärischen Situation in die Schweiz, entkommt so zwar dem Krieg, aber schließlich bleibt Frederic allein im Regen zurück. Soviel in aller Kürze. 
Bedenkt man den biografischen Aspekt, so ist klar, dass Hemingways Erfahrungen dramatisch/traumatisch gewesen sein müssen, so drastisch und ablehnend sind seine Schilderungen. Die Liebesgeschichte blieb mir fremd, da ich wenig nachvollziehen konnte, was die beiden zueinander zieht. Catherine ist als Figur eher ein Schattenriss als ein Charakter. Sprachlich wird Hemingways Ansatz, möglichst klar und unprätentiös zu schreiben, sehr deutlich, allerdings wirkt dies passagenweise sehr emotionslos und ein wenig hölzern. Die häufigen Wiederholungen einzelner Phrasen und Wörter haben mich wenig berührt, sondern sorgten eher für Ermüdungserscheinungen. Die Aufnahme von Librivox hat mir dann geholfen, bis zum Ende zu kommen...

Nun ist es ein Klassiker mehr, den ich auf den "gelesen"-Stapel schieben kann, mit Hemingway werde ich wohl immer eine schwierige Beziehung behalten, soviel ist zumindest klar. 

Ernest Hemingway, A Farewell to Arms. Arrow Books 2004 / librivox recording. 


 

Amanda Peters - Beeren pflücken

Beeren pflücken von Amanda Peters wird aus zwei Erzählperspektiven erzählt, von Norma und Joe. Die Geschichte beginnt im Sommer 1962, als eine Mi'kmaq-Familie aus Nova Scotia nach Maine reist, um dort auf den Blaubeerfeldern zu arbeiten. Joe erinnert sich sehr deutlich an diesen Sommer, denn seine vierjährige Schwester Ruthie verschwindet eines Tages spurlos. Trotz intensiven Suchens (ohne polizeiliche Hilfe, denn die interessiert ein Kind der Indigenen nicht) taucht sie nicht wieder auf. Norma wächst bei einer reichen weißen Familie in Maine auf. Sie erinnert sich in ihrer Kindheit an Dinge, die sie nicht einordnen kann, die ihre Mutter ihr aber als böse Träume abtut. Norma ist klar, dass in ihrem Zuhause nicht alles in Ordnung ist und ihre Eltern ihr etwas verschweigen. 
Über 50 Jahre erstrecken sich die Erzählungen von Norma und Joe, die im Gegensatz zum Lesenden nicht wissen, was geschehen ist. Für Joe ergibt sich aus dem Verlust der Schwester - an  dem er sich, dem Sechsjährigen, die Schuld gibt - ein Trauma, dass zu Alkoholismus und Abgrenzung gegenüber seiner Familie führt, und das er nur spät im Leben auflösen kann. Norma hingegen ist ruhelos und bleibt unsicher, was ihre Identität angeht, obwohl sie lange nicht weiß, was ihr eigentlich fehlt. Erst der Tod der Mutter ermöglicht ihr die Chance, das Geheimnis ihrer Herkunft und der Vergangenheit aufzudecken. 
Norma findet ihre eigentliche Familie wieder und Heilung kann beginnen, auch wenn Joe nicht mehr lange zu leben hat. 

Mir hat Beeren pflücken sehr gut gefallen. Die beiden Protagonisten, gut umgesetzt im Audiobook von Suzanne von Borsody und Jörg Schüttauf, sind authentische und interessante Charaktere. Emotionen wirken direkt, ungeschönt und intensiv, es wird nichts romantisiert. Joe ist gnadenlos in seinem Urteil über seine Alkoholsucht, seine damit verbundenen Taten und seine Schwäche, anderen vergibt er leicht. Norma schafft es, den Menschen, die sie ihr Leben lang belogen haben, dennoch zu verzeihen und selbst im Rückblick Verständnis für sie aufzubringen, trotz ihrer gerechtfertigten Wut, die sie auch zulässt. Auch die anderen im Buch angesprochenen Themen wie beispielsweise Kindesverlust oder Rassismus finden angemessen Raum, wenngleich ich gerade im Bereich der Diskriminierung der indigenen Familien noch mehr erwartet hätte. Klare Lese-/Hörempfehlung.

Amanda Peters, Beeren pflücken. HarperCollings 2023.

Monday, November 03, 2025

Romalyn Tilghman - Die Bücherfrauen

Romalyn Tilghmans Die Bücherfrauen spielt in einer kleinen Kleinstadt in Kansas und beleuchtet das Leben von drei unterschiedlichen Frauen. Der noch kleinere Nachbarort ist kürzlich von einem Hurricane dem Erdboden gleich gemacht worden - nur die Fassade der Bibliothek ist stehengeblieben. Gayle hadert nach dem Verlust ihres Heims mit allem. Traci ist eine mittellose Künstlerin, die aus NYC geflohen ist, um wenigstens für einen kurzen Zeitraum mit einer Tätigkeit im Kulturzentrum Geld zu verdienen. Angelina kehrt in den Heimatort ihrer Großmutter zurück und will hier an ihrer Dissertation über die Carnegie-Bibliotheken schreiben. (Der reiche Industrielle Andrew Carnegie finanzierte die Gründung von mehr als 2500 Bibliotheken in den USA.) Im Verlauf des Romans finden die drei Frauen neue Wege für ihre Zukunft, vor allem auch durch das Miteinander im Kulturzentrum, dem Zusammenhalt der Frauen des Ortes und schließlich den gemeinsamen Plan, die alte Bibliothek wieder aufzubauen.  
Einiges in Die Bücherfrauen ist ganz berührend und der Roman bricht eine Lanze für die Wichtigkeit eines offenen Raumes für Begegnung mit Literatur und Kunst - eine durchaus relevante Frage in Zeiten, wo die Finanzierung von Bibliotheken und anderen öffentlichen Angeboten schwierig ist und bleibt. Die drei Perspektiven wechseln in relativ kurzen Kapiteln, was ich manchmal eher als störend empfunden habe und das eher dazu führte, dass ein Anstand zu den Charakteren blieb. Insgesamt bleibt es eher eine leichte Lektüre mit einem Happy End. 

Romalyn Tilghman, Die Bücherfrauen. Fischer 2021.

Friday, October 17, 2025

Martin Suter - Elefant

Der Elefant ist nur 30cm groß, rosa und er leuchtet im Dunkeln. Grund genug, dass der obdachlose, alkoholkranke Protagonist Schoch an eine Halluzination glaubt, als er den ersten Blick auf ihn wirft. Er versucht ihn zu füttern, was ihn einige Stunden später, ernüchtert und besorgt, in eine Tierklinik führt. Von da an betreiben er und die Tierärztin ein Versteckspiel, um den kleinen Elefanten vor seinen Verfolgern zu schützen. Er ist das Ergebnis eines Genexperiments und sein Schöpfer Roux will ihn unbedingt zurück, um ihn für weitere Versuche und Profit zu benutzen. Auch der Elefantenpfleger Kaung aus dem Zirkus, aus dem die Leihmutter des rosa Wunders stammt, ist auf der Suche nach dem Tier - allerdings weil er ihn als heilig und deswegen schützenswert findet. 
Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven der Beteiligten und auf mehreren Zeitebenen, um den Lebensweg des Elefanten darzustellen. Die Beschreibungen dieses kleinen Tieres sind sehr liebevoll und niedlich, so dass man auch als Leser:in von dem Elefanten verzaubert wird. Durch ihre Beschäftigung mit dem Tier reflektieren die Schoch, die Tierärztin und auch Kaung ihre eigene Lebenssituation, treffen Entscheidungen und wachsen dadurch. Einige Szenen sind gewollt ironisch-komisch, andere ein wenig kitschig, vor allem am Ende. Die dargestellten Problematiken (Gentechnik, Alkoholismus, ...) gehen nicht so sehr in die Tiefe, dafür ist Elefant von Martin Suter aber durchweg unterhaltsam, auch durch die sehr gute Lesung von Gert Heidenreich.
 
Martin Suter, Elefant. Diogenes 2017.