Barbara Kingsolver hat mit
Demon Copperhead einen Parallelroman zu Charles Dickens'
David Copperfield geschaffen. Dabei versetzt sie ihren Ich-Erzähler Demon in die bedrückende Welt des Lee County, Virginia. Die Armut ist groß, gut bezahlte Jobs rar, viele Menschen treibt das Lebensunglück in die Arme von Alkohol und Drogen. So ist auch Demons alleinerziehende Mutter ein Ex-Junkie, er wächst in einem Trailer auf, zusammen mit einem Nachbarsjungen, der wiederum bei seinen Großeltern aufwächst, weil seine Mutter im Gefängnis ist. Demons Bericht über sein Leben ist dabei erstaunlicherweise nicht allzu negativ, er ist in gewisser Weise stolz auf seine Resilienz - selbst noch, als seine Mutter ihm einen fiesen Stiefvater vor die Nase setzt, kurz darauf der Drogensucht zum Opfer fällt und er in die Hölle der Jugendhilfe in diversen Pflegefamilien, die ihn auf unterschiedliche Weise ausnutzen, gerät. Immer wieder enttäuschen ihn auch die Menschen, von denen er sich Hilfe und Liebe erhofft, er versucht weiter, seinen Weg zu finden. Nach einer hoffnungsvollen Wendung in seinem Leben, als er erfolgreich in einer Football-Mannschaft spielt, bringt ihn eine massive Knieverletzung schließlich selbst in die Drogenabhängigkeit durch das Schmerzmittel
Oxycodon. Im letzten Drittel des Romans sehen wir ihm dabei zu, wie er immer tiefer in den Sumpf abrutscht und es nur wenige positive Elemente in seinem Leben gibt. Stark verknüpft sind seine Erfahrungen laut eigener Aussage mit den Gegebenheiten von Lee County, alle nehmen Drogen, kaum jemand bleibt clean, eine ganze Generation von Jugendlichen verfällt, viele sterben. Eine der wenigen Gallionsfiguren in seinem Leben, die Tante seines Jugendfreundes, bringt ihn schließlich dazu, Entzug und Therapie in Knoxville anzugehen, so dass der Roman am Ende das Ergebnis einer wichtigen therapeutischen Reflexionsaufgabe darstellt und Demon hoffnungsvoll auf sein weiteres Leben blicken kann.
Man ist nah dran an diesem Demon Copperhead, manchmal zu nah, besonders was die Drogenerfahrungen in vielen Details angeht. Er erzählt eindrücklich, oft hoffnungsvoll, hat aus der Distanz nach dem drogenfreien Leben in Knoxville einen besonderen Blick auf die Situation der Menschen in Lee County, kritisch und sentimental-liebevoll zugleich. Er vermisst das, was er als Heimat trotz aller Grausamkeit kennengelernt hat, er vermisst die Menschen, weiß aber auch, dass er nicht in diese drogendurchseuchte Welt zurückkehren darf. Was den gesellschaftlichen Kontext angeht - Armut, rurales Leben, Perspektivlosigkeit und ein überfordertes Jugendhilfesystem - so überzeichnet die Autorin stellenweise und nutzt den Holzhammer. Viele elende, verzweifelte und grausame Menschen bilden das Ensemble des Romans, um das zu zeigen. Dies ist gewollt, sicher, aber trug auch zu den Längen des über 800 Seiten starken Romans bzw. fast 21 Stunden langen Hörbuchs bei, das mir aber insgesamt gut gefallen hat und den Pulitzer 2023 sicher nicht zu Unrecht gewonnen hat.
Barbara Kingsolver, Demon Copperhead. Argon 2024.
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