Showing posts with label pulitzer-prize. Show all posts
Showing posts with label pulitzer-prize. Show all posts

Monday, July 13, 2026

Colson Whitehead - The Nickel Boys

Colson Whitehead’s The Nickel Boys is a precisely crafted novel that shows why he is a prominent voice in contemporary fiction. Following The Underground Railroad, Whitehead revisits the theme of systemic racism, yet finds a sharper, more personal focus here by centering the narrative on the claustrophobic environment of a juvenile reformatory in the 1960s in Florida.

The Pulitzer Prize (2020) it received is warranted. Whitehead dissects the brutality of the institute without using pure sensationalism. He captures the suffocating atmosphere of the Nickel Academy. It is a fictionalized version of the real-life Dozier School for Boys, which operated until the early 2000s. The descriptions of the abuse suffered by the students are drastic and leave little room for comfort.
At the center of the story is Elwood Curtis, whose idealism serves as the novel’s moral anchor. He is a dedicated follower of Martin Luther King Jr., and finds hope in the Civil Rights movement. This idealism makes his experience at the academy especially grim. While his friend Turner advises him to prioritize survival through compliance, Elwood’s refusal to abandon his principles makes him a target. Watching an optimistic character be systematically broken by the institution is a very effective way of showing the brutality and injustice of the system. 
I am a bit less convinced by the plot twist following the climactic showdown when Elwood and Turner try to get away. It feels somewhat detached, just to show the long-lasting effects the Nickel Academy had on its victims. 
Ultimately, The Nickel Boys is a disquieting read. By grounding the narrative in the lives of two distinct teenagers, Whitehead demonstrates how systemic racism destroys
individual lives. It is a cynical, yet necessary, look at a dark chapter of history.

Colson Whitehead, The Nickel Boys. Penguin Random House Audio 2019.

Saturday, April 25, 2026

Barbara Kingsolver - Demon Copperhead

Barbara Kingsolver hat mit Demon Copperhead einen Parallelroman zu Charles Dickens' David Copperfield geschaffen. Dabei versetzt sie ihren Ich-Erzähler Demon in die bedrückende Welt des Lee County, Virginia. Die Armut ist groß, gut bezahlte Jobs rar, viele Menschen treibt das Lebensunglück in die Arme von Alkohol und Drogen. So ist auch Demons alleinerziehende Mutter ein Ex-Junkie, er wächst in einem Trailer auf, zusammen mit einem Nachbarsjungen, der wiederum bei seinen Großeltern aufwächst, weil seine Mutter im Gefängnis ist. Demons Bericht über sein Leben ist dabei erstaunlicherweise nicht allzu negativ, er ist in gewisser Weise stolz auf seine Resilienz - selbst noch, als seine Mutter ihm einen fiesen Stiefvater vor die Nase setzt, kurz darauf der Drogensucht zum Opfer fällt und er in die Hölle der Jugendhilfe in diversen Pflegefamilien, die ihn auf unterschiedliche Weise ausnutzen, gerät. Immer wieder enttäuschen ihn auch die Menschen, von denen er sich Hilfe und Liebe erhofft, er versucht weiter, seinen Weg zu finden. Nach einer hoffnungsvollen Wendung in seinem Leben, als er erfolgreich in einer Football-Mannschaft spielt, bringt ihn eine massive Knieverletzung schließlich selbst in die Drogenabhängigkeit durch das Schmerzmittel Oxycodon. Im letzten Drittel des Romans sehen wir ihm dabei zu, wie er immer tiefer in den Sumpf abrutscht und es nur wenige positive Elemente in seinem Leben gibt. Stark verknüpft sind seine Erfahrungen laut eigener Aussage mit den Gegebenheiten von Lee County, alle nehmen Drogen, kaum jemand bleibt clean, eine ganze Generation von Jugendlichen verfällt, viele sterben. Eine der wenigen Gallionsfiguren in seinem Leben, die Tante seines Jugendfreundes, bringt ihn schließlich dazu, Entzug und Therapie in Knoxville anzugehen, so dass der Roman am Ende das Ergebnis einer wichtigen therapeutischen Reflexionsaufgabe darstellt und Demon hoffnungsvoll auf sein weiteres Leben blicken kann. 

Man ist nah dran an diesem Demon Copperhead, manchmal zu nah, besonders was die Drogenerfahrungen in vielen Details angeht. Er erzählt eindrücklich, oft hoffnungsvoll, hat aus der Distanz nach dem drogenfreien Leben in Knoxville einen besonderen Blick auf die Situation der Menschen in Lee County, kritisch und sentimental-liebevoll zugleich. Er vermisst das, was er als Heimat trotz aller Grausamkeit kennengelernt hat, er vermisst die Menschen, weiß aber auch, dass er nicht in diese drogendurchseuchte Welt zurückkehren darf. Was den gesellschaftlichen Kontext angeht - Armut, rurales Leben, Perspektivlosigkeit und ein überfordertes Jugendhilfesystem - so überzeichnet die Autorin stellenweise und nutzt den Holzhammer. Viele elende, verzweifelte und grausame Menschen bilden das Ensemble des Romans, um das zu zeigen. Dies ist gewollt, sicher, aber trug auch zu den Längen des über 800 Seiten starken Romans bzw. fast 21 Stunden langen Hörbuchs bei, das mir aber insgesamt gut gefallen hat und den Pulitzer 2023 sicher nicht zu Unrecht gewonnen hat. 

Barbara Kingsolver, Demon Copperhead. Argon 2024. 

Saturday, April 04, 2026

Jennifer Egan - Der größere Teil der Welt

Selbst die Autorin Jennifer Egan war sich nicht sicher, ob sie Der größere Teil der Welt (Original: A Visit from the Goon Squadals Roman oder als Kurzgeschichtensammlung bezeichnen möchte. Tatsächlich besteht das 2011 mit dem Pulitzer Prize for Fiction ausgezeichnete Werk aus nur sehr lose miteinander verknüpften Episoden, die in mehreren Jahrzehnten spielen. Der häufigste Handlungsort ist NYC, die Charaktere stehen in unterschiedlichen Beziehungen zu Bennie und Sasha, die beide zu einem gewissen Zeitpunkt in der Musikindustrie tätig sind. Musik ist ein verbindendes Element, weitgehend in positivem Sinne, während den Charakteren gemein ist, dass sie ein eher selbstzerstörerisches und negatives Selbstbild haben. Drogen, berufliche Misserfolge und private Entfremdung von Freunden und Geliebten ziehen sich ebenfalls durch fast alle Geschichten. Bis auf wenige lichte Momente, in denen Hoffnung auf Besserung oder wahre Zuneigung aufblitzen, herrscht eher eine düstere, bedrückende Atmosphäre und Lebenseinstellung. Bei allem Geschick für das Zeichnen der sehr abwechslungsreichen und interessanten Charaktere und den unterschiedlichen Erzählstilen (bis hin zu einem Kapitel, das als Powerpoint Präsentation angelegt ist) drückt einen die Perspektivlosigkeit zuweilen nieder. Alle, die schön, jung und erfolgreich waren, werden durch das Vergehen der Zeit zu blassen, deprimierenden, wenig begehrenswerten Wesen. Das ist eine Sichtweise auf das Älter- und Altwerden, die niederschmetternd ist, die aber zum Zeitalter von "Social Media Fakeness" und der Besessenheit, weiter jung auszusehen, koste es was es wolle, passt. Damit zeichnet Egan wahrscheinlich ein allzu treffendes gesellschaftliches Bild - und das schon 2011. 

Jennifer Egan, Der größere Teil der Welt. Schöffling 2013. 

Monday, February 09, 2026

Percival Everett - James

James von Percival Everett ist eine komplexe, auf den Kopf gestellte Nacherzählung von Mark Twains Huckleberry Finn. Auch wenn es nah an der Handlung seines Vorlagenromans bleibt, so ist es literarisch und erzählerisch eine völlig andere Geschichte. Der Sklave Jim erlebt mit dem jungen Huck Abenteuer auf dem Mississippi, ja, James hingegen zeigt uns eine (leider fiktive) Parallelwelt, in der Sklaven es geschafft haben, das Lesen zu erlernen, Bildung zu erlangen und sich selbst philosophisch mit den Grundlagen ihrer miesen Existenz und Ausbeutung auseinanderzusetzen. Äußerst anschaulich hat der Autor hierfür die Sprache als Indikator gewählt. Ich ziehe den Hut vor der Leistung des Übersetzers Nikolaus Stingl. Denn Everett gibt seinen Schwarzen eine eigene Sprache, ein Südstaatenenglisch, mit anderer Grammatik und vor allem verschliffener Aussprache. Eine deutsche Variante davon zu erzeugen, kann nicht einfach gewesen sein, ist aber essentiell für die Wirkung des Romans. Denn sobald James in Gegenwart von Weißen ist, nutzt er diesen Sprachgestus, der ihn als dumm und ungebildet kennzeichnet und verbirgt seine differenzierte Bildungssprache. Everett spielt in vielen Szenen mit diesen sprachlichen Ebenen, dabei tritt auch James' Dilemma mit seiner eigenen Identität zu Tage. Wer ist er, wer kann er sein? Schwarz und weiß verschwimmen in zahlreichen Szenen: Die Blackface Minstrel Gruppe (Weiße, die sich als Schwarze schminken, um sich dann musikalisch über die Schwarzen lustig zu machen und sie zu karikieren), der äußerst weißhäutige Norman, der sich aber als Schwarzer fühlt, oder am Ende auch Huck, der seine Identität in Frage stellen muss. Dazwischen immer wieder Referenzen zum Abolitionismus, dem beginnenden Bürgerkrieg, der Underground Railroad, bei denen sich James nicht sicher ist, ob sie für ihn wirklich Freiheit bedeuten. Zudem stellen sich beständig Fragen nach Recht und Unrecht, Besitz, Diebstahl, Mord, Rache, Freiheit,... 
Natürlich enthält der Roman auch abenteuerliche Elemente und dramatische Szenen (wie zum Beipsiel die Explosion des Raddampfers) und zieht dadurch auch kontinuierlich die Parallele zu seiner literarischen Vorlage, die aber frei fortgeführt oder umgedeutet wird. 
Mir hat James insgesamt sehr gut gefallen, sowohl das Storytelling als auch die Vielschichtigkeit. Ich wünschte nur, ich hätte noch viel mehr der vielen Referenzen einordnen können, aber dazu bräuchte man wohl ein wenig Zeit für Hintergrundrecherchen. 

Percival Everett, James. Hanser 2024.

 

 

Saturday, August 02, 2025

Elizabeth Strout - Mit Blick aufs Meer


Elizabeth Strouts Geschichten in Mit Blick aufs Meer (Original: Olive Kitteridge, 2008) spielen in Crosby, einer kleinen Ortschaft an der Küste von Maine. Locker verbunden sind sie durch Olive Kitteridge, eine pensionierte Highschoollehrerin. Olive ist entweder Protagonistin oder Beobachterin der Geschehnisse, oft wird sie aber auch nur am Rande erwähnt. Die Charaktere befinden sich oft in einer Krise oder einer Phase, in der sie über ihr Leben reflektieren. Nein, das ist meistens nicht heiter, oft ist es sogar bedrückend. Olive Kitteridge selbst ist kein freundlicher Charakter, eher im Gegenteil, ihre Mitmenschen mögen sie oftmals nicht besonders, ihre Schüler:innen haben Angst vor ihr. Ihren sanften, freundlichen Ehemann behandelt sie schroff und bereut schließlich, ihn nicht mehr wertgeschätzt zu haben. Das Verhältnis zu ihrem Sohn ist problematisch. Trotz ihrer schwierigen Art ist sie dennoch oft eine Stütze in der kleinen Gemeinschaft in Crosby, manchmal merken selbst die Charaktere erst spät, das Olive das Richtige (für sie) getan hat. Die Geschichten und ihre Charaktere in ihren schwierigen Lebenssituationen haben mich mal mehr und mal weniger angesprochen, aber Erzählstil, Sprache und die losen Verbindungen der einzelnen Episoden waren überzeugend. Hier kann ich die Vergabe des Pulitzer Prize für Mit Blick aufs Meer nachvollziehen. 

Elizabeth Strout, Mit Blick aufs Meer. Luchterhand 2010.

Wednesday, July 09, 2025

Pulitzer Prize for Fiction - a list

This list shows the winners of the Pulitzer Prize for Fiction since 1950.  

1950: The Way West (Der Weg nach Westen) von A. B. Guthrie Junior

1951: The Town (Die Stadt) von Conrad Richter

1952: The Caine Mutiny (Die Caine war ihr Schicksal) von Herman Wouk

1953: The Old Man and the Sea (Der alte Mann und das Meer) von Ernest Hemingway

1955: A Fable (Eine Legende) von William Faulkner

1956: Andersonville (Andersonville) von MacKinlay Kantor

1958: A Death in the Family (Ein Todesfall in der Familie) von James Agee

1959: The Travels of Jaimie McPheeters (Mein Vater der Goldsucher) von Robert Lewis Taylor

1960: Advise and Consent (deutschsprachiger Titel Macht und Recht) von Allen Drury

1961: To Kill a Mockingbird (Wer die Nachtigall stört) von Harper Lee

1962: The Edge of Sadness (Ein Hauch Traurigkeit) von Edwin O’Connor

1963: The Reivers (Die Spitzbuben) von William Faulkner

1965: The Keepers of the House (Die Hüter des Hauses) von Shirley Ann Grau

1966: The Collected Stories of Katherine Anne Porter von Katherine Anne Porter

1967: The Fixer (dt.: Der Fixer) von Bernard Malamud

1968: The Confessions of Nat Turner (Die Bekenntnisse des Nat Turner) von William Styron

1969: House Made of Dawn (Haus aus Morgendämmerung) von N. Scott Momaday

1970: The Collected Stories von Jean Stafford

1972: Angle of Repose von Wallace Stegner

1973: The Optimist's Daughter (Die Tochter des Optimisten) von Eudora

1975: The Killer Angels von Michael Shaara

1976: Humboldt's Gift (Humboldts Vermächtnis) von Saul Bellow

1978: Elbow Room von James Alan McPherson

1979: The Stories of John Cheever (Der Schwimmer. Stories) von John Cheever

1980: The Executioner's Song (Gnadenlos) von Norman Mailer

1981: A Confederacy of Dunces (Ignaz oder Die Verschwörung der Idioten) von John Kennedy Toole

1982: Rabbit Is Rich (Bessere Verhältnisse) von John Updike

1983: The Color Purple (Die Farbe Lila) von Alice Walker

1984: Ironweed (Wolfsmilch) von William Kennedy

1985: Foreign Affairs (Affären) von Alison Lurie

1986: Lonesome Dove (Weg in die Wildnis) von Larry McMurtry

1987: A Summons to Memphis (Rückruf nach Memphis) von Peter Taylor

1988: Beloved (Menschenkind) von Toni Morrison

1989: Breathing Lessons (Atemübungen) von Anne Tyler

1990: The Mambo Kings Play Songs of Love (Die Mambo Kings spielen Songs der Liebe) von Oscar Hijuelos

1991: Rabbit At Rest (Rabbit in Ruhe) von John Updike

1992: A Thousand Acres (Tausend Morgen) von Jane Smiley

1993: A Good Scent from a Strange Mountain (Kinder des Staubs) von Robert Olen Butler

1994: The Shipping News (Schiffsmeldungen) von Annie Proulx

1995: The Stone Diaries (Das Tagebuch der Daisy Goodwill) von Carol Shields

1996: Independence Day (Unabhängigkeitstag) von Richard Ford

1997: Martin Dressler: The Tale of an American Dreamer (Martin Dressler. Ein amerikanischer Träumer) von Steven Millhauser

1998: American Pastoral (Amerikanisches Idyll) von Philip Roth

1999: The Hours (Die Stunden) von Michael Cunningham

2000: Interpreter of Maladies (Melancholie der Ankunft) von Jhumpa Lahiri

2001: The Amazing Adventures of Kavalier & Clay (Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay) von Michael Chabon

2002: Empire Falls (Diese gottverdammten Träume) von Richard Russo

2003: Middlesex von Jeffrey Eugenides

2004: The Known World (Die bekannte Welt) von Edward P. Jones

2005: Gilead von Marilynne Robinson

2006: March (Auf freiem Feld) von Geraldine Brooks

2007: The Road (Die Straße) von Cormac McCarthy

2008: The Brief Wondrous Life of Oscar Wao (Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao) von Junot Díaz

2009: Olive Kitteridge (Mit Blick aufs Meer) von Elizabeth Strout

2010: Tinkers von Paul Harding [onleihe]

2011: A Visit from the Goon Squad (Der größere Teil der Welt) von Jennifer Egan

2013: The Orphan Master's Son (Das geraubte Leben des Waisen Jun Do) von Adam Johnson

2014: The Goldfinch (Der Distelfink) von Donna Tartt

2015: All the Light We Cannot See (Alles Licht, das wir nicht sehen) von Anthony Doerr

2016: The Sympathizer (Der Sympathisant) von Viet Thanh Nguyen [StaBi]

2017: The Underground Railroad (Underground Railroad) von Colson Whitehead

2018: Less (Mister Weniger) von Andrew Sean Greer

2019: The Overstory (Die Wurzeln des Lebens) von Richard Powers [StaBi]

2020: The Nickel Boys (Die Nickel Boys) von Colson Whitehead

2021: The Night Watchman (Der Nachtwächter) von Louise Erdrich

2022: The Netanyahus: An Account of... (Die Netanjahus) von Joshua Cohen

2023: Trust (Treue) von Hernán Díaz

2024: Demon Copperhead von Barbara Kingsolver

2025: James von Percival Everett  (ebook, 9.2.2026)

 

Tuesday, April 22, 2025

Michael Cunningham - Die Stunden

Die Stunden (The Hours) von Michael Cunningham gewann 1999 den Pulitzer Preis und wurde 2002 erfolgreich und mit namhafter Besetzung von Stephen Daldry verfilmt. Cunningham greift mutig den Stil Virginia Woolfs mit ihrem Stream of Consciousness auf, verteilt die Handlung aber auf drei Frauen in drei Zeitebenen.
Im Jahre 1923 schreibt Virginia Woolf an ihrem Roman Mrs Dalloway und erlebt einen Tag mit Höhen und Tiefen. Clarissa Vaughan bereitet sich - wie Mrs Dalloway - auf eine Party vor und kauft Blumen, es ist ein Jahr gegen Ende des 20. Jahrhundert. Die Party soll zu Ehren ihres Freundes Richard stattfinden, der einen Literaturpreis überreicht bekommen soll - Richard hat ihr vor Jahren den Spitznamen Mrs D. gegeben. 1949 ist Laura Brown, schwanger mit dem zweiten Baby, extrem gebannt von dem Roman Mrs Dalloway und von Virginia Woolf.
Abgesehen von dem Woolfs Roman verbindet die drei Ebenen auch das Thema der homosexuellen Anziehung in unterschiedlichem Maße, aber vor allem auch die Gedanken an Selbstmord. Während der von Virginia Woolf (1882-1941) nonlinear gleich an den Beginn des Romans gestellt wird, ist es außerdem Richard, der seinem von AIDS geprägten Leben ein Ende setzt, wohingegen sich Laura immer wieder diese Option als möglichen Weg erdenkt.
Cunningham hat seinen Roman geschickt gewebt, die drei Charaktere und den jeweiligen Tag, den wir mit ihnen verbringen stehen exemplarisch für Generationen von Frauen, die mit gesellschaftlichen Rollen und Normen zu kämpfen haben, und diese offen, verdeckt, gedanklich durchbrechen, um sich neue Perspektiven auf Liebe und ein freies Leben zu schaffen. Genial gemacht.  

Michael Cunningham, Die Stunden. Random House Audio 2007.

Saturday, January 18, 2025

Andrew Sean Greer - Mister Weniger

Mister Weniger von Andrew Sean Greer erzählt von der Reise des mittelmäßig erfolgreichen Autors Arthur Weniger (der Originaltitel Less ist irgendwie das schönere Wortspiel). Arthur will nicht zur Hochzeit seines Ex-Freundes Freddy und nimmt deswegen alle möglichen Einladungen zu Symposien, Preisverleihungen und sogar eine Gastprofessur in verschiedenen Ländern rund um die Welt an, Geld hat er eigentlich kaum und sein letzter Roman wurde von seinem Verlag abgelehnt. Unterwegs sinniert er über das Leben, sein Alter (fast 50) und die Liebe. Natürlich ist klar, dass er Freddy zurückhaben will, auch wenn er das noch nicht einmal vor sich selbst zugeben kann. Er trifft allerdings schräge und auch mäßig interessante Menschen, von denen er stückchenweise etwas lernen kann, vor allem auch, dass die Liebe nicht immer in der Form daherkommt, in der wir sie gern hätten.
Schön und gut.
Aber was genau daran ist jetzt so außergewöhnlich, dass dieses Werk 2018 einen Pulitzer-Preis bekam? Ich verstehe es tatsächlich nicht. Es wurde in der Stadtbibliothek meiner Wahl unter Humor/Satire einsortiert. Ich finde das Buch eher tragisch, ganz und gar nicht witzig. Nimmt es den scheiternden Autor auf die Schippe, indem es bestimmte Dinge überspitzt? Sicherlich, aber wirklich zum Lachen ist das nicht. Ich habe zwei Erklärungen: Entweder ist hier in der Übersetzung (Tobias Schnettler) einiges verloren gegangen oder funktioniert im Deutschen einfach nicht so ganz oder es ist einfach überhaupt nicht mein Humor. Und ganz sicher war es für mich keine "erfrischend andere Liebeskomödie", es war über weite Passagen eher ein Trauerspiel und die 330 Seiten zogen sich zäh in die Länge, zumal das Ende zu erwarten war. Ich habe das Buch nicht genießen können und bin froh, es jetzt wieder abgeben zu können.

Andrew Sean Greer, Mister Weniger. Fischer, Frankfiurt am Main 2018.

Thursday, June 22, 2023

Edith Wharton - The Age of Innocence

Edith Wharton's novel The Age of Innocence won the Pulitzer Prize in 1921 and it was the first time the prize was given to a woman. The story is set in the 1870s, in upper-class New York City. Wharton (1862-1937) wrote the book in her 50s looking back at her own experiences as a girl and young woman. 

The Age of Innocence centres around Newland Archer and May Welland who are supposedly the perfect couple. He is a wealthy young lawyer and she is a lovely and sweet-natured girl. But then May's cousin Ellen Olenska returns from Europe who left her husband. This causes some disturbence in New York society, but Newland enjoys Ellen's company and her way of thinking and her different approach to life. But when he realizes that he is starting to feel more for Ellen it threatens his relationship with May. Ellen is too clever to give in to Newland's and her own feeling. On more than one occasion she flees the situation and the city which leaves Newland to stick to his marriage, his family and the conventions of society. Although Newland sees his wife May as a dumb and uninteresting woman there are several scenes in the novel that emphasize that she is very aware of Newland's feelings for Ellen. At first she offers him escape before their marriage, after that she manipulates him into an appropriate behaviour. 

I can see why this novel is a classic and why Wharton was awarded with the Pulitzer Prize. The characters are complex although they appear to be stereotyped and it depicts the society of that time in a realistic but uncovering way. The latter has the unnerving side effect of long descriptive passages of interior design (Wharton's second most important interest) and social bantering and drivel which - although some of them ironic - bored me eventually. It took a lot of willpower to finish the audiobook although the librivox recording by Elizabeth Klett was excellent. 

Edith Wharton, The Age of Innocence. Librivox 2010.

Monday, August 01, 2022

Anthony Doerr - All the Light We Cannot See

All the Light We Cannot See by Anthony Doerr won the Pulitzer Prize for Fiction (and several other prizes) in 2015. It tells the story of the two main characters Marie-Laure Leblanc and Werner Pfennig mainly during WWII. 

Marie-Laure Leblanc is the blind daughter of the master locksmith at the Museum of Natural History in Paris. When the Germans are about to invade they flee to her uncle in Saint-Malo.
Werner Pfennig is an orphan in a German mining town and has a special talent for radios and science in general. Therefor he is recruted by the Nazis for a special education but of course has to serve in the war later on. At the end he is sent to Saint-Malo to find the location of a radio transmitter of the French resistance - which is run by Marie-Laure and her uncle.
The story is told in very short chapters and alternates not only between the two characters but switches between the time of the final battle of Saint-Malo and all the events leading to the two characters being there.

Of course both are deeply influenced by the war but the author makes sure that the story and the characters are not portrayed in black and white but with a lot of greys: They are unsure of themselves, they doubt their own actions, they have complicated emotional states and they change during the story. Both are very likeable and the reader wishes the author would have given them more time together but they meet only very shortly. This and the overall ending of the book is a bit frustrating for me because the story leading to these final events is quite long although well-told and well-written. I simply would have wished for more...
I understand why the novel was successful and why it won prizes but apparently it didn't move me as much as it did many other readers but I liked it a lot. Maybe the English audiobook wasn't the best choice because the German names and terms were a bit strange to listen to in Zach Appelman's pronunciation. 

Anthony Doerr, All the Light We Cannot See. Simon Schuster 2014.



Monday, August 02, 2021

Colson Whitehead - Underground Railroad

Als in der Popsugar Reading Challenge das Genre Afrofuturism auftauchte, musste ich erst einmal recherchieren und trotz Wikipedias Definition habe ich dennoch nur eine vage Vorstellung. Entscheidend schien mir dies: "While Afrofuturism is most commonly associated with science fiction, it can also encompass other speculative genres such as fantasy, alternate history, and magic realism."
Wow, alternative Geschichte und magischer Realismus - es blieb abenteuerlich. Zum Glück liefert goodreads ja auch immer Listen zu den Popsugar Reading Challenge Aufgaben und so fand ich heraus, dass Colson Whiteheads Roman Underground Railroad, den ich sowieso lesen wollte (
Pulitzer Prize 2017), zum Genre passt. Und da wurde es gleich spannend, denn wenn man dieses Roman beginnt, hat man erst einmal den Eindruck, es handele sich um einen historischen Roman, eine Geschichte zu Zeiten der Sklaverei in den USA. Doch die Unstimmigkeiten häufen sich und treten spätestens in der Szene zu Tag, in der die Underground Railroad (historisch ein Netzwerk von Menschen, die Sklaven zur Flucht in die Freiheit verhalfen) als tatsächliche Untergrundbahnstrecke beschrieben wird. Zahlreiche goodreads-Diskussionen und -Rezensionen zeigen, dass sich hier auch die Geister scheiden, ob sie den Roman schätzen oder nicht. Der Autor wagt es, das überaus harte Thema des Leidens der Afroamerikaner *nicht* realistisch zu schildern und nicht historisch akkurat darzustellen, statt dessen bastelt er neben der Railroad auch noch ganze Staatsgesetze hinzu und vermischt Dinge, die eigentlich zu unterschiedlichen Zeiten stattgefunden haben (z.B. die Episode mit der Idee zur Sterilisation von Schwarzen).
Nun, Whitehead hat nichts von historischem Roman gesagt. Das sind wir, die Leser, die dies erwarten.
Alternative Geschichte und magischer Realismus.

Aber was bleibt, wenn man sich von dieser Problematik löst und die Geschichte als solche hinnimmt?
Da ist die Protagonistin Cora. Die ist real und wenig magisch. Durch sie erleben wir die Misshandlung und Erniedrigung und das Leid auf allen Ebenen. Und entscheidend: Es hört nicht auf. Sie wird auf der Plantage geschlagen und vergewaltigt, sie flieht. Sie muss morden, um zu entkommen, und mit der Schuld leben. Sie lebt in einem Ghetto weiter unter den weißen Gesetzen und muss erniederigende Arbeit erleiden, wenngleich sie nur noch indirekt physisch bedroht wird. Sie flieht. Sie gelangt in eine Art schwarze Kommune und erlebt, dass sie Teile ihres Alltags selbst bestimmen kann, doch die Angst bleibt, da die Weißen die frei(er) lebenden Schwarzen als Bedrohung empfinden, die ihnen etwas wegnehmen. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Zeiten der Unterdrückung die Menschen psychisch verletzt haben, ihre Seele lässt sich kaum befreien. Cora flieht wieder - ob sie die Freiheit findet, bleibt ungewiss und scheint nicht wahrscheinlich. 

Coras Erleben zeigt den Schrecken und die immer noch anhaltende Ungerechtigkeit und hält damit den Weißen in den USA, den Weißen überall auf der Welt den Spiegel vor. Die Geschichte ist noch nicht zuende.

“If you want to see what this nation is all about, you have to ride the rails. Look outside as you speed through, and you’ll find the true face of America. It was a joke, then, from the start. There was only darkness outside the windows on her journeys, and only ever would be darkness.”

Ich denke, Underground Railroad ist in seiner Andersartigkeit ein spannendes Buch, ein herausforderndes Buch und alles in allem ein lesenswertes Buch.

Colson Whitehead, Underground Railroad. Carl Hanser, München 2017.

Saturday, August 17, 2019

Toni Morrison - Menschenkind


It's difficult to write about this novel.

Sethe risks her life on her way out of slavery and that of her daughter Denver who is born while she is on the run. She finds safety at the house of her mother-in-law and is allowed a short period of happiness with her four children. The catastrophe occurs when slave hunters find her and she feels forced to safe her children from captivity and violence - even if it means killing them.
So she loses one daughter, her husband never returns either. Two sons run away because the house they all live in is now haunted by the ghost of their little sister. 
Sethe never copes with this loss and is devastated when a friend from her past called Paul D. comes to their house no. 124 in Bluestone Road, Cincinnati, and stirs up memories she doesn't want to be confronted with. Her remaining daughter Denver is confused by all the emerging emotions and has problems dealing with her mother's past. Things spin out of control when the ghost of the murdered daughter manifests as a young woman...

Beloved (Menschenkind) is not an easy read, narrator's perspective changes every few pages, it's often difficult to see what is real, what is a dream,... The descriptions of the cruelty that Sethe and her kin had to endure while they were enslaved are drastic at times, the impact of that cruelty on both physical and psychological levels is very vivid and emotionally unsettling. Some parts are written in a rather difficult stream of consciousness (something may have gotten lost there in translation too). Altogether it is a very impressive novel - the story, the emotions, the important historical testimony of what happened to African-Americans during slavery, the importance of finding one's identity and freedom, family bounds,... the list goes on.
This is a novel you keep thinking about for a while after finishing it.

Toni Morrison, Menschenkind. Rowohlt, Reinbek 2019.

Kurze Anmerkung zur deutschen Kindle-Ausgabe: Erst in diesem Jahr veröffentlichte Rowohlt eine digitale Ausgabe des Romans. Dieser ist offensichtlich schlecht redigiert worden, häufig sind Wörter fälschlich zusammengezogen, es fehlen Leerzeichen. Nicht immer scheint die Übersetzung optimal, so mein subjektiver Eindruck. Angesichts der erst kurz zurückliegenden Todes der Autorin wäre meines Erachtens eine Überarbeitung erforderlich.

Friday, June 02, 2017

Donna Tartt - Der Distelfink

Von Carel Fabritius, 1654 (picture wiki commons)

Dieses Gemälde des niederländischen Malers Carel Fabritius (1622-1654) ist namensgebend für Donna Tartts 2014 mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Roman. Theodor Decker besucht mit seiner Mutter das Metropolitan Museum of Art in New York, als ein Bombenanschlag alles verwüstet. Zahlreiche Menschen sterben und Theo wacht neben einem alten Mann auf, der ihm sterbend einen Ring und den Namen seines Geschäfts mit auf den Weg gibt, ihn aber auch drängt das Bild mitgehen zu lassen. In einer Plastiktüte trägt Theo das Bild durch die Trümmer nach draußen, niemand hält ihn auf.
Seine Welt bricht im Folgenden auseinander, seine Mutter ist bei dem Anschlag umgekommen. Als Halbwaise ergeben sich für ihn nun mehrere schicksalsschwere Lebensumbrüche.
Zunächst kommt er bei der reichen Familie eines Freundes unter. Während dieser Zeit wird er intensiv psychologisch betreut, scheint aber dennoch verwirrt und überwindet den Verlust kaum. Er sucht den Laden des alten Mannes auf und knüpft Kontakt zu dessen Kompagnon James Hobart. Dieser nimmt ihn väterlich auf und lehrt ihn einiges über Möbelrestauration und Kunst.
Sein alkoholkranker Vater, der die Mutter vor deren Tod verlassen hatte, taucht auf und nimmt Theo mit nach Las Vegas, kümmert sich aber wenig um ihn, vielmehr werden durch ihn und seine Freundin Xandra Alkohol und Tabletten in Theos Leben präsent. Theo lernt Boris kennen, der ebenfalls seine Mutter verloren hat, urspründlich aus der Ukraine stammt und dessen Vater noch schrecklicher ist als sein eigener. Zusammen saufen, rauchen und stehlen die beiden und experimentieren mit verschiedenen Drogen.
Als sein Vater bei einem Autounfall stirbt, flüchtet Theo zurück nach New York und kommt bei Hobie unter. Seine Schullaufbahn ist nachhaltig ruiniert, er ist tablettenabhängig, aber er interessiert sich für Kunst und das Geschäft, das allerdings kurz vor dem finanziellen Aus steht. Er schafft es meisterhaft aus dieser Klemme - aber natürlich nicht auf legalem, ehrlichen Wege.
Das Bild, der Distelfink, begleitet ihn auf all diesen Stationen, während er älter wird, macht er sich mehr und mehr Sorgen, dass man seinen Diebstahl entdecken könnte und um die ordnungsgemäße Lagerung des Bildes. Er lagert es ein und packt es jahrelang nicht aus.
Daher ist ihm über Jahre hinweg nicht klar, dass er statt des Bilder nur noch eine Atrappe besitzt, da Boris ihm in Vegas das Bild entwendet - und inzwischen in einem schiefgegangenen Drogendeal verloren hat. Dies kommt erst heraus, als Theo Boris nach Jahren in New York wiederbegegnet. Theo ist wütend und empfindet große Angst und Verlust. Eine von Boris angestiftete Rettungsaktion führt die beiden nach Amsterdam, wo aber alles schiefläuft und Theo einen ihrer Gegner erschießt. Er hängt mehrere Tage in einem Hotel ohne Pass fest, versinkt im Drogenwahn und will sich schließlich stellen. Boris taucht im letzten Moment auf und erklärt ihm, dass er das Bild durch einen Tipp bei der Polizei bezüglich des Lagerorts zurückgegeben und dafür sogar eine Belohnung in Millionenhöhe kassiert hat.
Der Roman endet mit Theo, der zu Hobie zurückkehrt, ihm alles erzählt und für seine betrügerischen Machenschaften mit dem Geschäft geradesteht. Er ist innerlich gewandelt, jedoch ist seine Zukunft weiterhin unklar.
 
Theo ist ein schwieriger Protagonist - typisch für Donna Tartt. Man schaut ihm auf seinem Lebensweg zu, hat Mitleid mit ihm bei seinen schweren Schicksalsschlägen, ist aber auch abgestoßen von seinen offensichtlich falschen Entscheidungen und seiner fehlenden moralischen Basis. Aber wie moralisch richtig handeln, wenn man ohne Mutter unter lauter kaputten Mitmenschen aufwächst? Denn nahezu jede der Personen um ihn herum ist auf die ein oder andere Weise versehrt, hat Schlimmes erlebt, leidet unter physischen oder psychischen Krankheiten. Da ist niemand, an dem er sich positiv orientieren kann, die Spirale führt nur abwärts. Die Ausnahme ist vielleicht Hobie, aber auch der sieht nicht (oder will nicht sehen), was mit Theo geschieht, greift nicht ein, bleibt meistens passiv. Boris, der nahezu zwangsläufig kriminell werden musste, beschleunigt Theos Absturz durch seinen halsbrecherischen Versuch, seinen Betrug (den Diebstahl des von Theo geliebten Bildes) wiedergutzumachen - nicht unbedingt ein Freund, wie man sich ihn wünscht.
Dennoch steht am Ende des Romans eine Umkehr zum Guten, zum Lebensbejahenden, zum Wunsch, das Richtige zu tun (wenn auch, ohne immer zu wissen, was dies ist). Das Bild ist der Welt zurückgegeben, vielleicht kehrt damit auch Theo zurück in die Welt.

Über 1000 Seiten hat die deutsche E-book-Ausgabe, das Audiobook in der ungekürzten Lesung dauert über 33 Stunden. Es ist ein Roman, der Zeit und auch Nerven kostet mit seinen Längen. Aber Donna Tartts Stil beschert dem Leser dennoch immer wieder Höhepunkt, Szenen und Aussagen, die einen aufhorchen, innehalten lassen. Dazwischen muss man aber auch immer wieder ... durchhalten. Es gibt vielfältige Bedeutungsebenen, auf denen man das Buch betrachten kann. Vielfach wurde es als Gesellschaftsstudie rezensiert, es hat viele kunst- und lebensphilosophische Momente. Es ist ein intensiv konstruierter, durchdachter Roman, der einen phasenweise emotional mitnimmt - allerdings eher auf einer düsteren Reise. Denn trotz der Schönheit des Bildes ist nahezu alles dunkel in dieser Geschichte und auch am Ende hat man nur eine geringe Hoffnung auf Licht und Freude im Leben des Protagonisten -  es ist ein intensives, aber nicht sehr positives Stück Literatur.

Donna Tartt, Der Distelfink. Der Hörverlag 2015.

Monday, December 12, 2016

Ernest Hemingway - Der alte Mann und das Meer


Für seine Novelle Der alte Mann und das Meer erhielt Ernest Hemingway 1953 den Pulitzer-Preis, es ist zugleich sein letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk und eines der ausschlaggebenden Werke, warum er den Literaturnobelpreis verliehen bekam.

Der alte kubanische Fischer Santiago hat seit 84 Tagen keinen Fisch mehr gefangen, die Eltern seines Gehilfen - dem Jungen - haben diesem verboten, weiterhin mit ihm zu fahren, weil er vom Pech verfolgt ist. So fährt der alte Mann allein weit aufs Meer hinaus - und es beißt der größte Fisch seines Lebens an - ein Marlin. Zwei Tage lang kämpft er mit dem Fisch bis an den Rand der Erschöpfung, sogar bis an den Rand des Todes, bis er schließlich den Fisch töten kann und den Kampf gewinnt. Doch der Triumph ist ihm nicht vergönnt, auf der Rückreise in den Hafen wird er mehrfach von Haien angegriffen, die seinen Fang nahezu komplett vernichten - nur das Skelett und das Schwert des Fisches zeugen von seiner enormen Größe. Er selbst ist physisch und psychisch erschöpft und der Junge ist in Sorge und Trauer um ihn.

Es ist eine sehr eindringliche Erzählung von Einsamkeit und dem inneren Kampf mit sich selbst. Die Lesung des inzwischen verstorbenen Rolf Boysen trägt sehr zur Atmosphäre bei, es ist, als höre man tatsächlich dem alten Mann und seinen Gedanken zu.
Hemingways Themen sind nicht die meinen, es fällt mir schwer, das Töten, Jagen, Kämpfen loszulösen und nur als Metaphern für die großen Themen des Lebens zu sehen. Bei Der alte Mann und das Meer fiel mir dies etwas leichter und es gab viele Momente, die mich berührt haben - auch wenn Hemingway wohl kaum einer meiner Lieblingsautoren werden wird. Aber ich habe etwas mehr Achtung vor dessen Schaffen gewonnen.

Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer. Litraton 1998.

Saturday, June 04, 2016

Alice Walker - Die Farbe Lila

Die Farbe Lila ist wohl eines der wenigen Bücher, bei denen ich den Film schon lange kannte, bevor ich das Buch zur Hand nahm. Das wäre vielleicht auch nie geschehen, hätte der Roman nicht auf der Liste der modernen Klassiker der Bücherkultur Challenge gestanden. So habe ich es in der Bibliothek gesucht und gefunden, viele Ausgaben sind in Übersetzung nicht erhältlich, weswegen die Zeit es als einen der Titel für ihre Bibliothek der verschwundenen Bücher auszuwählte. In den USA ist es eines der 100 am häufigsten in Frage gestellten/angeklagten Bücher, wobei sich dort auch viele absurde, preisgekrönte Titel finden. Alice Walker gewann mit ihren Roman den Pulitzer-Preis und das meines Erachtens zu Recht!
Erstmals 1982 veröffentlicht, fasst Walker viele unbequeme Themen an. Der Briefroman beginnt in den 30er Jahren und verdeutlicht schon auf den ersten Seiten, wie problematisch die soziale und gesellschaftliche Situation der afro-amerikanischen Bevölkerungsschicht war und ist. Im ländlichen Georgia leben viele Armut und besonders den Frauen werden keinerlei Rechte zuerkannt, sie werden von Weißen und von Männern unterdrückt und missbraucht. Es ist die oft drastische Darstellung des physischen und psychischen Missbrauchs, der vor allem zu Beginn des Romans schockiert. Die Form des Briefromans und die schlichte, slanghafte Sprache, mit denen sich die Protagonistin Celie an Gott wendet, weil sie sonst niemanden hat, der ihr zuhört, macht es leicht, die Welt durch ihre Augen zu betrachten. Am schockierendsten ist die Perpektivlosigkeit Celies, man sieht - wie sie selbst - keinen gangbaren Weg aus ihrem Leid.
Erst die Freundschaft und Liebe anderer Frauen in ihrem Leben, die Anteilnahme am Schicksal anderer, denen das Leben und die Männerwelt ebenso schlecht mitspielt, bringt Bewegung und damit Veränderung in ihre Situation. Durch Briefe ihrer Schwester Nettie, von der Celie nach ihrer Verheiratung getrennt wird, wird ein zweiter Schauplatz eingeführt. Nettie ist mit einem Paar von Missonaren in Afrika und erlebt dort andere Aspekte von Unterdrückung von Weißen, aber auch eine weitere patriarchalische Gesellschaft, in der Frauen kaum Rechte haben. Nahezu mit Erleichterung liest man von Celies langsamer Befreiung, aber auch dem positiven Wandel, den Walker dem ursprünglich feindlichen Ehemann Celies zuspricht.

Während des Lesens standen mir viele Bilder der Verfilmung (Spielberg, 1985) deutlich vor Augen, zumal der Film dem Plot des Buches sehr detailgetreu folgt. Vor allem die großartige Whoopi Goldberg, die mit ihrer Leistung ihren Durchbruch als Schauspielerin hatte und eine Oskarnomierung erhielt, war mir noch in vielen Szenen präsent. Obwohl auch der Film die Gewalt gegenüber Frauen deutlich zum Ausdruck bringt, war die Schilderung besonders dieser Szenen beeindruckend bis niederschmetternd. Trotzdem Hoffnung, Mut und schließlich auch wieder Glauben zu finden, scheint in Celies Welt nahezu unmöglich und doch...
Und mit dieser Botschaft löst sich Alice Walkers Geschichte aus ihrem historischen Kontext, macht Mut, mahnt zugleich und übergibt uns auch Verantwortung.

Alice Walker, Die Farbe Lila. Rororo, Reinbek bei Hamburg 1998 (erstmals 1984).


Monday, May 23, 2016

Harper Lee - Wer die Nachtigall stört


Harper Lees Wer die Nachtigall stört ist einer der amerikanischen Klassiker schlechthin. Die meisten haben zumindest die großartige Verfilmung (1962) mit Gregory Peck gesehen. Meine Begegnung mit dem Roman war intensiv und ich habe jede Leseminute genossen. Es fühlte sich so an, als müsse ich das Buch auskosten, die vielen kleinen Begebenheiten, Geschichten und Beobachtungen der kleinen Scout, die eine recht besondere Erzählerin ist, in Ruhe miterleben.
Es ist eine großartige atmosphärische Darstellung der amerikanischen Südstaaten der 1930er, eine facettenreiche Auseinandersetzung mit dem Rassismus dieser Zeit und der Roman umfasst alle großen Themen des Lebens: Erwachsenwerden, Liebe, Gender, Recht und Unrecht, Moral und Mitgefühl.
Die eigentliche Geschichte von Anwalt Atticus Finch, der die Verteidigung eines unschuldigen Schwarzen übernehmen muss, beginnt erst später im Roman und zusammen mit Jem und Scout entdeckt der Leser nach und nach die ganze Tragweite des Falls. Der idyllisch-verklärte Blick auf die behütete Kleinstadt verschiebt sich, zusammen mit den Kindern müssen wir feststellen, dass die Menschen leider nicht alle so gradlinig und moralisch integer sind wie Atticus, der vor allem seinen Kinder das bestmögliche Vorbild sein möchte.
 Die Botschaft, mit der der Roman schließt, ist so simpel und schwer zugleich - mit Empathie den Menschen begegnen und Verständnis für ihn und seine Sichtweise entwickeln. Dem ist nichts hinzuzufügen.

“You never really understand a person until you consider things from his point of view... Until you climb inside of his skin and walk around in it.”