Monday, February 09, 2026

Percival Everett - James

James von Percival Everett ist eine komplexe, auf den Kopf gestellte Nacherzählung von Mark Twains Huckleberry Finn. Auch wenn es nah an der Handlung seines Vorlagenromans bleibt, so ist es literarisch und erzählerisch eine völlig andere Geschichte. Der Sklave Jim erlebt mit dem jungen Huck Abenteuer auf dem Mississippi, ja, James hingegen zeigt uns eine (leider fiktive) Parallelwelt, in der Sklaven es geschafft haben, das Lesen zu erlernen, Bildung zu erlangen und sich selbst philosophisch mit den Grundlagen ihrer miesen Existenz und Ausbeutung auseinanderzusetzen. Äußerst anschaulich hat der Autor hierfür die Sprache als Indikator gewählt. Ich ziehe den Hut vor der Leistung des Übersetzers Nikolaus Stingl. Denn Everett gibt seinen Schwarzen eine eigene Sprache, ein Südstaatenenglisch, mit anderer Grammatik und vor allem verschliffener Aussprache. Eine deutsche Variante davon zu erzeugen, kann nicht einfach gewesen sein, ist aber essentiell für die Wirkung des Romans. Denn sobald James in Gegenwart von Weißen ist, nutzt er diesen Sprachgestus, der ihn als dumm und ungebildet kennzeichnet und verbirgt seine differenzierte Bildungssprache. Everett spielt in vielen Szenen mit diesen sprachlichen Ebenen, dabei tritt auch James' Dilemma mit seiner eigenen Identität zu Tage. Wer ist er, wer kann er sein? Schwarz und weiß verschwimmen in zahlreichen Szenen: Die Blackface Minstrel Gruppe (Weiße, die sich als Schwarze schminken, um sich dann musikalisch über die Schwarzen lustig zu machen und sie zu karikieren), der äußerst weißhäutige Norman, der sich aber als Schwarzer fühlt, oder am Ende auch Huck, der seine Identität in Frage stellen muss. Dazwischen immer wieder Referenzen zum Abolitionismus, dem beginnenden Bürgerkrieg, der Underground Railroad, bei denen sich James nicht sicher ist, ob sie für ihn wirklich Freiheit bedeuten. Zudem stellen sich beständig Fragen nach Recht und Unrecht, Besitz, Diebstahl, Mord, Rache, Freiheit,... 
Natürlich enthält der Roman auch abenteuerliche Elemente und dramatische Szenen (wie zum Beipsiel die Explosion des Raddampfers) und zieht dadurch auch kontinuierlich die Parallele zu seiner literarischen Vorlage, die aber frei fortgeführt oder umgedeutet wird. 
Mir hat James insgesamt sehr gut gefallen, sowohl das Storytelling als auch die Vielschichtigkeit. Ich wünschte nur, ich hätte noch viel mehr der vielen Referenzen einordnen können, aber dazu bräuchte man wohl ein wenig Zeit für Hintergrundrecherchen. 

Percival Everett, James. Hanser 2024.

 

 

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