Saturday, April 18, 2026

Lisa Jewell - Kein Hauch von Wahrheit

Lisa Jewells Thriller Kein Hauch von Wahrheit trägt seine Prämisse im Titel - den Aussagen der Protagonisten ist nicht zu trauen. Podcasterin Alix feiert in einem hippen Londoner Restaurant ihren 45. Geburtstag - genauso wie die eher unscheinbare Josie, die dort mit ihrem Ehemann zu Abend isst, der eher wie ihr Vater aussieht. Aus der Zufallsbegegnung mit dem "Geburtstagszwilling" entwickelt sich ein zutiefst düsteres Verwirrspiel von (un)wahren Erzählungen und Erfindungen, als Josie vorschlägt, Alix solle einen Podcast über sie und ihr Leben machen.  
Erzählt wird chronologisch, mal aus der Perspektive von Alix, mal aus der von Josie, durchbrochen aber durch vorweggenommene "Einblendungen" einer Netflix-Dokuserie, die auf der Basis ihrer Geschichte gedreht werden wird und die verschiedene Podcast-Aufnahmen anderer Personen einschließt. Das ist nicht so verwirrend, wie es klingt, denn eigentlich macht die Autorin durch bedeutungsschwangere Andeutung und Alix' "Bauchgefühl" von Anfang an klar, dass Josies Geschichte nicht die Wahrheit ist. Diese entwickelt eine Geschichte von ihrer eigenen Verführung als Minderjährige durch ihren jetzigen Ehemann, der sich auch an weiteren Mädchen und seiner eigenen Tochter vergriffen haben soll. Alix ist entsetzt über die Teilnahmslosigkeit, mit der Josie von diesen Taten berichtet, greift aber dem Podcast zuliebe nicht ein, sie tut nichts. Dabei erschleicht sich Josie immer mehr Zugang zu Alix' Leben, bis schließlich alles - wie geplant? - eskaliert. 

Ja, Kein Hauch von Wahrheit erzeugt eine gewisse voyeuristische Spannung. Man weiß, dass gruselige Dinge geschehen sind, geschehen werden, nur lässt die Autorin lange darauf warten. Beide Protagonistinnen sind unzuverlässige Erzählerinnen, man kann ihnen nicht trauen, man weiß, dies alles ist nicht die Wahrheit. Ja, es kommt zu einer Auflösung, einer Aufdeckung der Gräueltaten, aber dies bleibt zutiefst unbefriedigend, zumal die Schuldige entkommt und sogar noch das Schlusswort erhält. Die Themen Missbrauch von Minderjährigen, Gewalt in der Ehe und Alkoholismus sind präsent, werden aber unter den Teppich gekehrt. Die eine würde den Alkoholismus und die Unzuverlässigkeit des Gatten liebend in Kauf nehmen, wenn sie ihn wiederbekäme - der Missbrauch steht im Raum, aber niemand thematisiert, wie sehr alle Beteiligten (Mutter, Bekannte, Josie selbst, Alix...) wegschauen und untätig bleiben. 
Auf dem Cover der deutschen Ausgabe steht der Kommentar von Katherine Heiny (selbst Autorin): "So spannend, so klug, so einfühlsam." Dem kann ich nur widersprechen: Spannend vielleicht noch, wenngleich mir die Sicht der Voyeuristin, die sich an dem sich ankündigenden Drama ergötzt, in die ich als Leserin gedrängt wurde, nicht gefallen hat. Klug handelt keine der Protagonistinnen, ihr Verhalten ist sogar abstoßend naiv, - und in Bezug auf den Aufbau möchte ich auch nicht von klug sprechen, denn die meisten der Ereignisse sind schrecklich vorhersehbar bzw. werden vorher zaunpfahlwinkend vorbereitet. Einfühlsam? Was soll das in Bezug auf diese Charaktere heißen? Soll ich Verständnis aufbringen, mitfühlen für diese verantwortslos bzw. im Fall von Josie böse berechnend handelnden Frauen? Das kann ich nicht. Die Geschichte wirkt nach, das vielleicht schon, aber auf eine sehr bittere, dunkle Weise, die mir persönlich nicht gefällt.

Lisa Jewell, Kein Hauch von Wahrheit. Ronin 2025.

Saturday, April 11, 2026

Stephen King - Der Outsider

In Flint City, Oklahoma, wird Terry Maitland, Englischlehrer und Coach der Jugendbaseballmannschaft, verdächtigt, einen elfjährigen Jungen misshandelt und getötet zu haben. Mehrere Augenzeugen haben ihn blutbefleckt und in der Nähe des Tatorts gesehen. Detective Ralph Anderson lässt ihn in aller Öffentlichkeit festnehmen. Erst danach kann Maitland sich verteidigen, denn er hat ein stichhaltiges Alibi, dass er mit Kollegen auf einer Tagung in der Nachbarstadt war. Wie kann das sein? Maitland scheint schuldig und unschuldig zur gleichen Zeit zu sein. Hat er einen Doppelgänger mit gleicher DNA? Unmöglich? Nachdem Maitland auf schreckliche Weise vor dem Gerichtsgebäude vom Bruder des Opfers getötet wird, kommen Anderson Gewissenbisse und Zweifel. Er beginnt anders über den Fall zu denken und arbeitet mit dem Anwalt von Maitland zusammen an neuen Indizien. Weil eine Spur in einen anderen Bundesstaat führt, wird Holly Gibney beauftragt, dieser nachzugehen. Diese findet einen weiteren Mord, bei dem nach den Spuren gesicherte Täter ein Alibi vorweisen konnte. Als Filmgeek erinnern sie diese Fälle an etwas und sie äußert schließlich eine gewagte These: Der Täter, den sie den Outsider nennen, ist kein gewöhnlicher Mensch. Nachdem sie auf beeindruckende Weise die anderen Ermittler und Beteiligten überzeugt, dass sie dieser Idee nachgehen müssen, um weitere Morde zu vermeiden, kommt es schließlich zu einem Showdown mit beeindruckendem Setting.

Was in Der Outsider als Kriminalfall beginnt, nimmt schon bald die Wendung ins Übernatürliche, womit man bei Stephen King immer rechnen muss.  Holly Gibney ist mit ihren Erfahrungen mit Brady Hartsfield aus Mr Mercedes und  Mind Control vermutlich die einzige, die diese Interpretation glaubhaft vermitteln kann. Leider muss man in diesem Band lange warten, bis sie ihren Auftritt hat, und endlich Bewegung in die Sache kommt. Natürlich baut der Beginn mit den immer merkwürdiger werdenden Diskrepanzen von Zeugenaussagen und Spurenlage und den dramatischen Fehlentscheidungen der Ermittler und der Justiz Spannung auf. Das wäre aber auch mit einigen Seiten weniger auch noch plausibel möglich gewesen. Es gibt wieder einmal reichlich Charaktere, die der Autor gekonnt anlegt - wiederum: einige weniger hätten es vielleicht auch getan. Es ist ein bedrückendes und athmosphärisch dichtes Szenario in Der Outsider und das Wiedersehen mit Holly zeigt ihre Stärken als verletzliche, ambivalente Protagonistin, aber der Plot rechtfertigt meines Erachtens nicht die ausufernde Länge des Romans. 

Stephen King, Der Outsider. Random House Audio 2018. 

Monday, April 06, 2026

Jeffery Deaver - Wahllos

Wahllos ist der vierte Band von Jeffery Deavers Reihe um Kinesik-Expertin Kathryn Dance. Leider ist sie in diesem Band keine Expertin. Zu Beginn soll sie ihre Expertise an einem Zeugen ausüben, was leider misslingt, sie "liest" den Zeugen falsch. Bizarrerweise wird sie deswegen vom ganzen Fall abgezogen und soll nur noch einen Fall von Brandstiftung, der leider in eine Massenpanik ausartete, überprüfen. Dabei stellt sie fest, dass der Täter genau diese Massenpanik herbeiführen wollte, und steckt damit gleich in einem neuen Fall. Parallel dazu müssen wir die Beweggründe des Täters, der sich am Leid und Tod anderer ergötzt, miterleben. Das ist eine Perspektive, die Dea
ver seiner Leseschaft des öfteren zumutet. Natürlich folgen weitere Taten und als der Täter in Bedrängnis gerät, nimmt er Kathryn selbst ins Visier. Vielleicht sind die logischen Lücken in der Erzählung den Kürzungen für das Hörbuch geschuldet, aber dieser Band stolpert durch zahlreiche Nebenhandlungen, wie die Erlebnisse der zwei Kinder von Kathryn, den emotionalen Verwicklungen mit gleich zwei Männern (m.E. sehr unglaubwürdig), einer Eskapade in US-amerikanischer Geschichte (Internierung japanischstämmiger Amerikaner) und ähnlichem. An einigen Stellen sehen Kathryn und ihr Team einige der Bedrohungen kommen und können elegant dagegenhalten - allerdings wird nur unzulänglisch erklärt, wieso. 
Insgesamt erscheint mir Wahllos auch ein bisschen planlos zu sein, welche Geschichte es nun eigentlich erzählen will, gleich zwei Thriller-Handlungen konkurrieren mit Familiendrama und Romantik. Dazu kommen die wirklich fürchterlichen Schilderung, wie sehr der Täter Gewalt und Tod genießt und wie einfach dies doch via Internet alles zu haben sei. Puh. Die Stärke und Hauptmerkmal der Protagonistin kommt in diesem Band nicht zum Tragen und sie konnte mich absolut nicht überzeugen. Der Fall auch nicht. Dieser Deaver ist eher am unteren Ende der Skala einzuordnen. 

Jeffery Deaver, Wahllos. Random House Audio 2016. 

Saturday, April 04, 2026

Jennifer Egan - Der größere Teil der Welt

Selbst die Autorin Jennifer Egan war sich nicht sicher, ob sie Der größere Teil der Welt (Original: A Visit from the Goon Squadals Roman oder als Kurzgeschichtensammlung bezeichnen möchte. Tatsächlich besteht das 2011 mit dem Pulitzer Prize for Fiction ausgezeichnete Werk aus nur sehr lose miteinander verknüpften Episoden, die in mehreren Jahrzehnten spielen. Der häufigste Handlungsort ist NYC, die Charaktere stehen in unterschiedlichen Beziehungen zu Bennie und Sasha, die beide zu einem gewissen Zeitpunkt in der Musikindustrie tätig sind. Musik ist ein verbindendes Element, weitgehend in positivem Sinne, während den Charakteren gemein ist, dass sie ein eher selbstzerstörerisches und negatives Selbstbild haben. Drogen, berufliche Misserfolge und private Entfremdung von Freunden und Geliebten ziehen sich ebenfalls durch fast alle Geschichten. Bis auf wenige lichte Momente, in denen Hoffnung auf Besserung oder wahre Zuneigung aufblitzen, herrscht eher eine düstere, bedrückende Atmosphäre und Lebenseinstellung. Bei allem Geschick für das Zeichnen der sehr abwechslungsreichen und interessanten Charaktere und den unterschiedlichen Erzählstilen (bis hin zu einem Kapitel, das als Powerpoint Präsentation angelegt ist) drückt einen die Perspektivlosigkeit zuweilen nieder. Alle, die schön, jung und erfolgreich waren, werden durch das Vergehen der Zeit zu blassen, deprimierenden, wenig begehrenswerten Wesen. Das ist eine Sichtweise auf das Älter- und Altwerden, die niederschmetternd ist, die aber zum Zeitalter von "Social Media Fakeness" und der Besessenheit, weiter jung auszusehen, koste es was es wolle, passt. Damit zeichnet Egan wahrscheinlich ein allzu treffendes gesellschaftliches Bild - und das schon 2011. 

Jennifer Egan, Der größere Teil der Welt. Schöffling 2013. 

Friday, April 03, 2026

Arthur Conan Doyle - Eine Studie in Scharlachrot

In Eine Studie in Scharlachrot (1887) hat der berühmteste Detektiv der Literaturgeschichte seinen ersten Auftritt. Gemeinsame Wohnungsnot und mangelnde Finanzen bringen Dr. Watson und Sherlock Holmes in die gemeinsame Unterkunft in der Baker Street. Watson ist - wie auch in den folgenden Geschichten - schlichtweg begeistert von Holmes' Fähigkeiten, während er selbst manchmal leicht begriffsstutzig wirkt. 
Interessant an diesem ersten Fall ist jedoch die ausführlich dargestellte Hintergrundgeschichte für das Rachemotiv der Morde, die vor dem Hintergrund der frühen Mormonengemeinde von Salt Lake City spielt. Dafür verwendet Arthur Conan Doyle viel Erzählzeit, vielleicht auch um Verständnis für den Mörder zu wecken, der dann gnädig noch vor seinem Prozess an einem Aneurysma stirbt. Ansonsten bietet dieser erste Roman bereits viele bekannte Charakteristiken der folgenden Holmes-Geschichten, auch wenn der Protagonist noch nicht vollständig ausgearbeitet zu sein scheint. Dazu passt aber die bereits angelegte subjektive Erzählperspektive des treuen Dr. Watson, welcher den Detektiv auch gerade erst besser kennenlernt. 
Wahre Begeisterung für die Geschichte konnte ich nicht aufbringen - ich kann mich in der Tat nicht erinnern, sie schon vorher einmal gelesen zu haben, wenngleich es interessant war, diesen ersten Band und damit die Anfänge Sherlock Holmes kennenzulernen. 
Die Lesung durch 
Peter Kortz-Frankemoelle hat mir persönlich nicht so gut gefallen, wirkt sie doch streckenweise sehr nüchtern und gleichbleibend. So stelle ich mir Sherlock Holmes eigentlich nicht vor, aber vermutlich ist das nur eine persönliche Präferenz. 

Arthur Conan Doyle, Eine Studie in Scharlachrot. Publius 2023. 

Simon Beckett - Knochenkälte

In Knochenkälte von Simon Beckett verschlägt es den forensisches Anthropologen David Hunter in einem Schneesturm und bei ausgefallenem Navi ungeplant in ein walisisches Kaff. Ein bisschen konstruiert ist es schon, dass nicht nur die einzige Zugangsstraße weggeschwemmt wird, sondern auch noch mangels Strom sämtliche Telefonverbindungen ausfallen. Hunter sitzt fest, landet in einem gruseligen alten Hotel, wo ihn die Besitzer nur widerwillig aufnehmen. Überhaupt ist die Atmosphäre in dem Dorf latent aggressiv, untereinander und auch gegenüber dem fremden Hunter. Auf der Suche nach einem Telefonsignal wandert er am nächsten Tag in den Wald und findet - natürlich - menschliche Überreste. Von da an entwickeln sich die Ereignisse dynamisch, die verfeindeten Dorfbewohner scheinen an keinerlei Gesetz und stattdessen an Selbstjustiz zu glauben, so dass nicht nur Hunter um sein Leben fürchten muss. 
Erwartet man in Knochenkälte einen sauberen Kriminalfall mit Ermittlungen, so wird man zwangsläufig enttäuscht. Hier sind das Wetter, Zufälle und marodierende Dorfbewohner die Handlungstreiber, bei denen Hunter nur sein Bestes tut, um den Kopf über Wasser zu halten und maximalen Schaden abzuwenden, damit eine gerechte Aufklärung möglich bleibt. Dennoch entstehen allerhand spannende Momente, in denen Hunter an seine physischen und zum Teil auch moralischen Grenzen kommt. Die Schilderung der düsteren, schneeumtosten Wälder und der dort verborgenen Geheimnisse haben mich durchaus gefesselt. Als Kritikpunkt bleibt, dass die Zusammenhänge am Ende dann durch detaillierte Geständnisse aufgeklärt werden, so dass einiges schon viel früher hätte bekannt sein können. Das ist eine erzählerische Krücke, die mir nicht sonderlich gefallen hat. Erzählstil und der Protagonist sind aber gewohnt überzeugend, weswegen die Reihe auch nach diesem siebten Band nach wie vor zu meinen Favoriten zählt. 

Simon Beckett,  Knochenkälte. Argon 2026.

Wednesday, April 01, 2026

Kelly Mullen - Die Einladung

Kelly Mullens Die Einladung bedient sich eines klassischen Krimisettings: Eine Gruppe von Leuten mit unterschiedlichsten Lebensgeschichten und Hintergründen verschlägt es an einen abgeschiedenen Ort und ein Mord geschieht - einer von ihnen muss der Täter sein. 
Anlass für die Versammlung ist die Einladung von Jane Ireland, die in einem Herrenhaus auf Mackinac Island, Michigan, lebt. Viele der Gäste sind Opfer von miesen Erpressungsschreiben und deswegen dort. Unter ihnen auch die 76jährige Rosemary "Mimi" McLane, die vorsichtshalber ihre Enkelin Addie mitbringt. Diese ist Krimiexpertin und Entwicklerin von Onlinespielen für eben dieses Genre. Natürlich zieht auch der passende Schneesturm auf, der die Gäste im Herrenhaus einschließt. Die Gastgeberin erwischt es als erstes und so beginnen die Befragungen... 
Um es kurz zu machen: Prinzipiell ist nichts grundlegend verkehrt an Die Einladung. Die Protagonistinnen sind nicht uninteressant und haben auch privat noch einige Reibungspunkte, die ihre Dialoge und Interaktionen bereichern. Auch die übrigen Charaktere sind bunt gemischt, es gibt geheime Räume und Beweise, die nach und nach entdeckt werden, die Aussagen und Hinweise, die man mit Mimi und Addie zusammen aufdeckt, bauen aufeinander auf. Vielleicht ist das alles zu glatt konstruiert, vielleicht hat man es auch schon zu oft so gelesen, obwohl die Protagonistinnen selbst damit spielen und sich darüber lustig machen, dass das alles wie aus einem Agatha Christie Roman zu sein scheint. Jedenfalls sprang bei mir kein Funke über, entwickelte ich kein echtes Interesse an dem Fall und im Grunde war es mir egal, wie es ausging. Natürlich gut, das war von Anfang an gesetzt. Auch die privaten Probleme und Unstimmigkeiten werden ideal aufgelöst. Tatsächlich hätte dies auch tatasächlich ein Krimicomputerspiel sein können, die Pfade vorgegeben, man muss sich nur hindurchklicken, um ans vorhersehbare Ende zu kommen. Zurück bleibt der Gedanke, dass es an vielen Stellen einfach "besser" und spannender hätte sein können. 

Achja: Popsugar made me read this - 
A book set in Michigan or written by an author from Michigan.

Kelly Mullen, Die Einladung. Mord nur für geladene Gäste. Argon 2025.

Monday, March 30, 2026

Ashley Audrain - Der Verdacht

Ashley Audrains Roman Der Verdacht ist eine dunkle Geschichte. Als Psychothriller würde ich es nicht bezeichnen, auch wenn es so gelabelt wird. Der Originaltitel The Push fokussiert auf das schwer zu ertragende dramatischste Moment des Romans, aber dazu später. 

Blythe ist Tochter und Enkelin zweier disfunktionaler Mütter, beide  sind (vermutlich) psychisch krank, vom Leben enttäuscht, und entscheiden sich dagegen, für ihre jeweilige Tochter da zu sein. Liebesentzug und sogar klare Vernachlässigung bestimmen diese Kindheiten. Das alles will Blythe überwinden und sie freut sich maßlos auf ihr erstes Kind. Doch als es zur Welt kommt, fühlt sich das nicht richtig an. Als extrem subjektive Erzählerin kann man ihr nicht so recht trauen, was zuerst da war - ihre eigene, vielleicht durch postnatale Depression ausgelöste Ablehnung der Tochter, oder das schwierig zu deutende Verhalten derselben. Kann ein Kleinkind so planend agieren? Die Mutter ablehnen und destruktives Verhalten zeigen und beim Auftritt des Vaters komplett anders zu agieren? Ist Blythe Wahrnehmung realistisch oder geprägt von eigenen Ängsten und familiären Traumata? Wächst da ein zweigesichtiges Monster in ihrer Familie auf? 
Feststeht, Blythe ist in der Lage zu lieben, denn sie erlebt kurzes Mutterglück bei ihrem zweiten Kind, bis dieses im Kinderwagen an einer Ampel in den vorbeifahrenden Verkehr rollt und stirbt. Hatte ihre Tochter zuvor ihre Hand am Griff des Kinderwagens? War es wirklich ein Unfall? Blythe zweifelt an sich und an der Tochter, der Mann sucht sich stillschweigend eine neue Frau und einen neuen Sohn für seine Traumfamilie. 
Interessant an Der Verdacht ist die Vielschichtigkeit. Blythe ist eine subjektive, vermutlich auch eine unzuverlässige Erzählerin. Sie zweifelt an sich selbst, ist sich dann wieder sicher über das Böse (oder das Gute) in ihrer Tochter, trifft zweifelhafte Entscheidungen, belügt sich selbst, verweigert professionelle Hilfe, kommuniziert miserabel und vieles mehr. An manchen Stellen kann man entnervt sein darüber, aber es ist auch eine umfassende Darstellung der Komplexität und der allgegenwärtigen Selbstzweifel über die Identität als Mutter und Frau. 

Ashley Audrain, Der Verdacht. Penguin 2021. 

Saturday, March 28, 2026

Brian Jay Jones - Jim Henson: The Biography

Die Jim Henson Biography von Brian Jay Jones schildert detailreich den beruflichen Werdegang des Ausnahmekünstlers Jim Henson. Natürlich werden auch die persönlichen, familiären Meilensteine beleuchtet, vor allem wird immer wieder seine enge Beziehung zu seinen fünf Kindern hervorgehoben, sie steht aber nicht im Zentrum des Buches. 
War man Kind im Zeitraum der 60er bis 80er Jahre, so ist man zwangsläufig mit Jim Hensons Figuren aufgewachsen, sei es mit der Sesamstraße, der Muppet Show oder Fraggle Rock. Dies sind seine bekanntesten Kreationen, wenngleich Henson selbst immer auf der Suche nach kreativem Ausdruck auch jenseits der Muppets/Puppets war, wovon zahlreiche alternative (Film-) Projekte zeugen. 
Ich lese selten Biografien, doch diese hat mich berührt. Hensons Figuren und Geschichten sind fester Bestandteil meiner eigenen Geschichte, in gewisser Weise bin ich ein Fan. Es war spannend, herauszufinden, was für ein Mensch dahinter stand. Henson war Workaholic, jonglierte mit verschiedenen Arbeitsbereichen, verschienenen Projekten und Verantwortlichkeiten an mehreren Standorten (hauptsächlich NYC und London). Im Vordergrund stand dabei immer der Spaß, für ihn war es keine Arbeit im eigentlichen Sinne, er war freundlich, gütig, begeisterungsfähig. Am Ende des Buches hatte ich den Eindruck, ihn kennengelernt zu haben, die Schilderung seines plötzlichen Todes im Alter von 53 Jahren wegen einer Streptokokkeninfektion und der Trauer, die dies auslöste, war ergreifend. Meines Erachtens wird Brian Jay Jones mit seiner Biografie Jim Henson und seinem kreativen Vermächtnis in jeglicher Hinsicht gerecht. 

Brian Jay Jones, Jim Henson: The Biography. Ballantine 2013. 

Friday, March 27, 2026

Robert Galbraith - Der Tote mit dem Silberzeichen

Robert Galbraith (alias J.K. Rowling) veröffentlicht mit Der Tote mit dem Silberzeichen den achten Fall um die Privatdetektei von Cormoran Strike und Robin Ellacott. Sie ermitteln im Auftrag einer Frau, die bewiesen haben möchte, dass der Tote, der im Tresorraum eines Ladens für Silber extrem verstümmelt aufgefunden wurde, ihr verschwundener Lebensgefährte ist. Die Polizei geht von einem anderen Opfer aus und so sehen sich Cormoran und Robin einer komplexen Aufgabe gegenüber, da auch noch andere vermisste und verschwundene Männer in Frage kommen. Wie immer wird äußerst detailliert ermittelt und nebenbei auch noch andere belanglosere Fälle bearbeitet, so dass alle Mitarbeiter:innen der Detektei sehr beschäftigt sind mit Überwachungen, Überprüfungen und Recherchen. Während ich normalerweise nachvollziehbare Ermittlungsarbeit in Krimis schätze, bei der kein plötzlicher Deus ex machina den Fall löst, verliert sich in Der Tote mit dem Silberzeichen alles in kleinen Kleinigkeiten, vielen Namen und Gedankengängen, das man leicht irgendwann den Faden verlieren kann (erstrecht beim Audiobook, das übrigens fast 32 Stunden umfasst). Das wäre vielleicht nicht so schlimm, wenn dabei die persönliche Beziehung der beiden Ermittler nicht so unfassbar anstrengend mitzuerleben wäre. Dieses Hin und Her ist nahezu lächerlich und ließ mich mehr oder weniger alle paar Kapitel genervt die Augen verdrehen. Eine gescheiterte Ehe hat Robin hinter sich, bei der sie wusste, dass der Typ nicht der richtige war. Nun bleibt sie mit einem rückfälligen und jähzornigen Alkoholiker zusammen, nur weil er sich nicht wie ein Arsch verhalten hat, als es ihr schlecht ging. Cormorans Gedankengänge/Eifersucht sind nicht nachvollziehbar, immerhin weiß er, dass er ein Depp ist. Ihre Freundschaft ist kaum glaubhaft, wenn sie auch nach Jahren der engsten Zusammenarbeit immer noch unsicher sind, was der jeweils andere für ein Mensch ist und voneinander das Schlechteste annehmen. Wie immer bedroht auch diesmal wieder die Presse den Ruf der Detektei und wie immer wird Robin von fiesen Männern verfolgt und bedroht. Achja, der Beinstumpf tut auch wieder weh, Exfreundinnen sind böse und Cormoran muss sich prügeln, rettet aber trotzdem die Welt. --- ich werde zynisch, sorry. Aber tatsächlich war mir die Aufklärung des Falls / der Fälle am Schluss so gut wie egal. Das sollte nicht so sein. Die eigentlich toll angelegten Charaktere der ersten Bände verkommen in diesem achten Band zu einer Karikatur ihrer selbst und die Krimihandlung bekommt an vielen Stellen zu absurde Züge. Nein, das kann ich nicht mehr wirklich als gut bewerten.  

Robert Galbraith, Der Tote mit dem Silberzeichen. Random House Audio 2025.

Sunday, March 15, 2026

Ruth Ware - Im dunklen, dunklen Wald

Mal wieder: Popsugar made me read this.
Der Prompt lautet "A book about a bachelorette trip" - da war ich froh, dass ein Thriller von Ruth Ware mit auf der Liste war (Romance wäre schlimmer). Also kam das Audiobook auf die Liste, auch wenn mir die anderen Bücher, die ich bisher von der Autorin gelesen habe, nicht allzu sehr gefallen haben: Woman in Cabin 10, Das Chalet und Hinter diesen Türen. Alle sind in einer Form "Locked-Room" Szenarien, dabei macht auch Im dunklen, dunklen Wald keine Ausnahme.

Die sehr isoliert lebende Schriftstellerin Nora erhält eine Einladung zum Junggesellinnenabschied ihrer besten Highschool-Freundin Clare, obwohl sie diese jahrelang nicht mehr gesehen (und nicht vermisst) hat. Aber es gäbe keinen Roman, wenn sie nicht dennoch hinfährt, zusammen mit einer anderen Schulfreundin. Das Haus Im dunklen, dunklen Wald soll mit seiner Glasfassade und Abgeschiedenheit wohl schon Beklemmung auslösen, doch die Anzahl an merkwürdigen Charakteren, allen voran die Ich-Erzählerin Nora, macht von Beginn an klar, was geschehen wird. Offen bleibt nur noch das wie. Denn neben dem Bericht von diesem Wochenende steht ein Erzählstrang, bei dem Nora mit Gedächtnislücken im Krankenhaus liegt - was ist nur geschehen? Die Polizei ermittelt, sagt aber nichts. Sie erinnert sich teilweise, denkt aber nicht nach. Sie erinnert sich ein bisschen mehr, handelt aber kopflos und dumm. Sie schlussfolgert ein bisschen, handelt aber immer noch kopflos und dumm. Am Ende ist sie mehrmals halbtot durch den Wald gerannt, aber immerhin überlebt sie. 
Insgesamt ist der ganze Roman schrecklich vorhersehbar, klischeehaft und man hat die ganze Zeit das Gefühl, das alles doch schon einmal irgendwo gelesen zu haben. Gerade die Einfältigkeit der Protagonistin hat mich massiv gestört, auch die Aufbauschung eines Teenagerdramas von vor zehn Jahren ist als Motiv einfach nicht plausibel. Nicht zu empfehlen, passt aber hundertprozentig zu meinen Einschätzungen ihrer anderen Romane. 

Ruth Ware, Im dunklen, dunklen Wald. DAV 2016.

Saturday, March 14, 2026

Goodreads Winter Challenge - finished!

Parallel to the normal goodreads reading challenge (how many books do you want to read this year?) they implemented more specific challenges. There are twelve bookmarks to be earned for every season, every three months. I finished the "winter challenge". For most categories there was a specific list of books, pre-selected. If you read a book from the list, the bookmark was added. I was able to cross of some with books from my to-read-list, some I especially read for the challenge - sometimes it is nice to leave your comfort zone. 

 


Claire Mitchell + Zoe Venditozzi - How to Kill a Witch

Claire Mitchell and Zoe Venditozzi haben gemeinsam ein Buch geschrieben mit dem Titel How to Kill a Witch mit dem Untertitel A guide to Patriarchy. Wie gut, dass sie dies in ihrem Vorwort erklären.

Beide Autorinnen begannen mit einem Interesse, Frauen im Stadtbild Edinburghs bzw. Schottlands mehr mit Denkmälern und Standbildern zu repräsentieren. Dies führte sie schließlich zum Thema der Hexenverfolgungen, zu dem sie einen erfolgreichen Podcast mit dem Titel Witches of Scotland starteten. Sie recherchierten, knüpften Kontakte zu Geschichts- und anderen Wissenschaftlern und hatten schließlich die Idee zu einem Buch. Das verfolgte zunächst die sarkastische Idee, eine Art Anleitung zu schreiben - von der Identifizierung von Hexen bis hin zur Entsorgung ihrer Körper nach der Exekution. In Teilen folgt das folgende Buch auch noch dieser Idee, ergänzt mit fiktionalen, tagebuchartigen Abschnitten (von Opfern und Tätern) und Berichten von der Recherchetätigkeit der Autorinnen in verschiedenen Bereichen. 
Der Großteil des Buches bezieht sich auf die Hexenprozesse in Schottland (hauptsächlich 17. Jahrhundert) und ihrer Einordnung in den historischen Kontext. Am interessantesten ist unter anderem die Argumentation, dass es natürlich die unbequemen, die auffälligen, aber zugleich wehrlosen Mitglieder der Gesellschaft - meistens Frauen - waren, die leichte Opfer der Verfolgungen waren und in schlechten, politisch unsicheren Zeiten gute Sündenböcke abgaben. Und so zieht sich das Thema der Hexenverfolgungen aus genau diesen Gründen auch in die heutige Zeit. Hier führen die Autorinnen aktuelle Geschehnisse in afrikanischen Ländern an, in denen Frauen als Hexen geächtet, verfolgt und sogar getötet werden. 
Zusammenfassend kommen sie zu dem Schluss, dass durch den aktuellen Bezug und auch durch die weiterhin fehlende Gleichberechtigung (auch in den westlichen Gesellschaften) und Unterdrückung von Frauen der Erinnerung an die Geschichte der Hexenverfolgungen und der Aufklärung über Beweggründe und Zusammenhänge große Bedeutung zukommen muss, um zu verhindern, dass Geschichte sich wiederholt. In ihrem Schlusswort rufen die Autorinnen ihre Leser:innen dazu auf:

"[...] we urge you: embrace the title of 'quarrelsome dame' in your daily lives. Take up space, get involved in grassroots politics, educate people around you what happened during the witch trials and draw the parallel with today. When you are met with resistance, call it out.
Do not let the patriarchy silence you.
We need to make sure we elect those who will actively protect our safety and the rights we have and promote real equality going forward."

Claire Mitchell + Zoe VenditozziHow to Kill a Witch: A Guide for the Patriarchy. Monoray 2025.

Friday, March 13, 2026

Linda Castillo - Brennendes Grab

In Linda Castillos 10. Fall Brennendes Grab um Kate Burkholder im beschaulichen Painters Mill sind wir zu Beginn Zeug:in eines Mordes. Daniel Gingerich, ein junger amischer Mann, wird in eine Sattelkammer eingesperrt, das Gebäude wird angezündet und brennt ab. Auch den Ermittlern ist schnell klar, dass es Brandstiftung war und Kate beginnt, alle zu fragen, mit denen Daniel zu tun hatte. Bald kommt heraus, dass das Bild vom freundlichen, hilfsbereiten Mann nicht stimmen kann - zu viele Mädchen und junge Frauen verschweigen Kate etwas.  
Brennendes Grab zeichnet sich aus durch solide Ermittlungsarbeit und Kates Hartnäckigkeit, ihr Mitgefühl für die besonderes Lebensumstände der amischen Mädchen und Frauen. Auch wenn sie selbstverständlich gegen Ende wieder persönlich in Gefahr gerät, so ist dies plausibel und nicht grob leichtsinnig wie in anderen Fällen. Die Atmosphäre zwischen Kate, ihrem Partner und ihren Kolleg:innen gefällt mir nach wie vor, weswegen ich immer wieder nach Painters Mill zurückkehre.

Linda Castillo, Brennendes Grab. Argon 2019.

Monday, March 09, 2026

Martin Walker - Französisches Roulette

Bruno, Chef de Police, in St. Denis ermittelt in seinem nun schon 13. Fall. Das ist für jede Krimireihe eine große Zahl von Fällen und oft zeigen sich dann Ermüdungserscheinungen. So scheint es, als seien auch Martin Walker die Ideen ausgegangen für plausible Fälle in seinem beschaulichen Perigord. So geht es in Französisches Roulette zwar um einen ungeklärten Todesfall, erste Spuren weisen auf eine betrügerische Versicherungsgesellschaft hin. Dann kippt das Ganze aber und bekommt eine weltpolitische Schräglage mit russischen Oligarchen, Flüchtlingen und ukrainischen Konflikten (der Band erschien 2021, vor dem russischen Angriffskrieg). Plötzlich sind wieder nationale Polizeikräfte/Geheimdienste involviert und Bruno wird quasi zum Handlanger. Dieser Plot geschieht aber bis zum letzten Drittel mehr so "nebenbei". Mehr Erzählzeit, viel mehr Erzählzeit, wird für Einkäufe, Kochen, Ausritte, Schwimmunterricht, dem Bau eines Hühnerstalls und (!) dem Deckvorgang seines Hundes Balzac verwendet. Nebenbei die immer gleiche Leier, dass Bruno Isabelle liebt, aber sie ihren Job mehr liebt. 
Diesmal geriet das ganze wirklich in einer absolutes Ungleichgewicht - wenn man denn (wie ich) eine halbwegs stringente Krimihandlung erwartet. Vielleicht ist es nun also Zeit, die Reihe allein zu lassen. An Johannes Steck gewohnt guter Lesung lag es jedenfalls nicht. 


Martin Walker, Französisches Roulette. Diogenes 2021. 

Saturday, March 07, 2026

Monika Helfer - Die Jungfrau

Ein weiterer Fall von "Popsugar Reading Challenge made me read this": Monika Helfers kurzer Roman Die Jungfrau handelt von der Freundschaft zweier Frauen, Monika, der Ich-Erzählerin, und Gloria. Sie wachsen in Bregenz auf, Monika kommt aus ärmlichen und beengten Verhältnissen, während Gloria nur mit ihrer Mutter in einer Villa und mit viel Geld aufwächst. 
Anlässlich eines Wiedersehens als beide schon 70 Jahre alt sind, schreibt Monika ihre Erinnerungen an ihre Freundschaft auf. Sie springt dabei zwischen Kindheitsszenen, Abenteuern ihrer Teenagerzeit und Betrachtungen über ihre Beziehung allgemein. Dabei kommt in der Retrospektive weder die Freundschaft noch Gloria selbst besonders gut weg, so mein persönlicher Eindruck. Gloria mit der Neigung zur Schauspielerei ist selten ehrlich zu ihrer Freundin, nutzt sie quasi als Projektionsfläche ihres Lebens, das nun recht armselig endet. Beziehungslos (außer der Betreuung durch eine Nichte, die nur auf das Erbe aus ist) und ohne in ihrem Leben gearbeitet oder etwas anderes erreicht zu haben, vegetiert sie - wie ihre Mutter vor ihr - in der Villa vor sich hin. Eines ihrer Hauptthemen: Sie ist noch Jungfrau. Daher der Titel. Monika stellt dem zwei Ehen, die letzte glücklich, und vier Kinder entgegen, Mitleid und eine Art sentimentale Verbundenheit wegen ihrer gemeinsamen Geschichte sind die maßgeblichen Gefühle, die sie für Gloria aufbringt. Kritisch sieht sie auch ihre persönlichen Gründe für die Freundschaft - warum hat sie keine anderen Freundschaften mehr verfolgt, sondern sich nur mit Gloria zusammengetan? Eine definitive Antwort erhalten wir nicht. 
Die Jungfrau ist eine Art zufällig zusammengesetzter Rückblick auf eine Freundschaft, die zwar überdauert hat, aber an deren Qualität man zweifeln kann. 

Monika Helfer, Die Jungfrau. Hanser 2023. 

 

 

Wednesday, March 04, 2026

David Baldacci - Memory Man

David Baldaccis Memory Man ist der erste Band seiner Reihe um Amos Decker, die immerhin sieben Bände umfasst. Deckers Besonderheit ist, dass sein Gehirn nach einem Zusammenstoß beim Football umstrukturiert wurde und er nun synästhetisch denkt und nichts vergisst. Das machte ihn zu einem hervorragend Ermittler, doch der brutale Mord an seiner Familie wirft ihn komplett aus der Bahn, umso mehr, weil der oder die Täter nie gefunden wurden. Für einige Zeit ist er sogar obdachlos, bis er sich wieder aufrafft und als Privatdetektiv kleine Jobs übernimmt, mit denen er sich wenigstens das Nötigste leisten kann. Der Wendepunkt tritt ein, als eines Tages ein Mann in seine alte Polizeiwache tritt und den Mord an Deckers Familie gesteht. Fast gleichzeitig erschießt an der lokalen Highschool jemand mehrere Menschen und entkommt. Die Ermittlungen überschlagen sich und Decker wird als externer Berater angestellt, um mit seinen besonderen Fähigkeiten zu helfen. 
So weit, so gut. Dann findet der Memory Man irgendwie hier einen Hinweis und dort einen Hinweis und dann klickt wieder eine Erinnerung puzzlestückartig an die richtige Stelle. Währenddessen stehen Polizei und FBI und dann auch noch eine zufällig herbeigelaufene Journalistin daneben, sehen und finden nix. Im Prinzip laufen ihm alle hinterher, es ist fast ein bisschen zum Fremdschämen. Das alles wäre vielleicht okay, wenn nicht auch noch die Motive und der Modus Operandi der Täter so unglaubhaft wären. Zugegeben, viele Psychothriller haben einen unglaubwürdigen Plot und Täter, die unfassbar schräge Motive und Denkweisen haben. Sonst wären sie vermutlich keine Serienmörder. Aber hier? Symbolhafte Rachemorde? Und dieser Showdown? Meh. 
Prinzipiell finde ich Amos Decker als Protagonisten nicht uninteressant, aber der Rest des Buches lässt einiges zu wünschen übrig. Die Lesung von Dietmar Wunder allerdings nicht, die hat mich bis zum Ende durchhalten lassen. 

David Baldacci, Memory Man. Random House Audio 2015.

Tuesday, March 03, 2026

Nnedi Okorafor - Binti - Nachtmaskerade

Nach Allein und Heimat bringt Nachtmaskerade die Sci-Fi-Trilogie von NNedi Okorafor zu einem Abschluss. 
Binti ist noch aufgewühlt von der neuen Erkenntnis und Erfahrung, dass sie DNA einer außerirdischen Rasse in sich trägt, die ihr neue Erinnerungen und Kommunikationsmöglichkeiten bringt, als sie von einem Angriff der Khoush auf ihr Himbadorf und ihren Medusenfreund Okwu erfährt. Nun droht wieder Krieg zwischen den Khoush und den Medusen. In dem Glauben, ihre ganze Familie sei tot, eilt sie zurück und ihr bleibt nur das eine Ziel, endlich Frieden zu stiften. Doch der Ältestenrat ihres Dorfes akzeptiert sie nicht mehr, zu andersartig und fortschrittlich ist sie. Allen Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz gelingt ihr die Vermittlung zwischen dem König der Khoush und dem Medusenhäuptling, doch etwas geht schief und die Khoush greifen trotzdem an. Binti stirbt. Doch die Autorin zaubert mit den lebenden Raumschiffen, mit denen Binti schon in den ersten beiden Bänden gereist ist, ein Wunder aus dem Hut - und Binti wird gerettet. Allerdings muss sie dafür noch eine Verbindung eingehen und wir erleben das All aus der Sicht eines garnelenartigen Schiffes!

Es sind sehr fantastische Strukturen und Welten, welche die Autorin in ihrer Trilogie erschafft, das ist faszinierend und man würde gern mehr erfahren, länger verweilen. Binti als Protagonistin ist zusammen mit der Leserin ein wenig überfordert mit allem, was geschieht. Ein vollkommen geschlossenes Bild ergibt sich nicht, es entstehen logische Lücken und Fragezeichen. Insgesamt ist es aber ein erzählerisches Feuerwerk, eine wilde Reise - und die kann man genießen, wenn man will. 

Nnedi Okorafor, Binti - Nachtmaskerade. CrossCult 2018.

Monday, March 02, 2026

Nnedi Okorafor - Binti - Heimat

Die Novelle Allein (Hugo Award 2016, Nebula Award 2015) von Nnedi Okorafor habe ich bereits 2022 das erste Mal gelesen - leider hat sich das Weiterlesen etwas verzögert. 
Die vielschichtige Protagonistin Binti kehrt in Heimat zu ihrer Familie auf der Erde zurück, nachdem sie eine Zeit lang auf einem anderen Planeten studiert hat. Ihre Erlebnisse in Allein haben sie verändert, genetisch und psychisch. Ihr Zusammenschluss mit dem Volk der Medusen, eigentlich verfeindet mit den Menschen, hat ihre afrikanisches Haar in fühlende Tentakel verwandelt und ihre Freundschaft mit dem Medusen Okwu begründet. Okwu begleitet sie nun auf die Erde, was beinahe katastrophal endet. Zuhause in ihrem Heimatdorf am Rande der Wüste ist allerdings nichts so, wie Binti es sich erhofft. Sie hat sich ihrer Familie entfremdet, fühlt Wut und Verzweiflung. Wer ist sie, wenn sie nicht mehr eine Himba sein kann?
Das ganze gewinnt an Komplexität, als das sogenannte Wüstenvolk auftaucht und Binti entdeckt, dass sie außer Himba- auch noch andere Wurzeln in sich trägt. 

Als mittlerer Band wirft Heimat mehr Fragen auf, als er beantwortet, und er endet auch sehr abrupt. Binti funktioniert fast noch zu gut in all dem Durcheinander von genetischem Neuland, kulturellen Zwängen, persönlichen Enttäuschungen, posttraumatischer Belastungsstörung und gesellschaftlicher Verantwortung. Vielleicht ist das etwas viel, was Nnedi Okorafor ihrer Protagonistin da zumutet oder sie hätte der Geschichte mehr Raum geben müssen. Mal schauen, wir das im dritten Band Nachtmaskerade aufgelöst werden kann. 

Nnedi Okorafor, Binti - Heimat. Cross Cult 2017.

Sunday, March 01, 2026

Alison Espach - Wedding People

Ein Hotel, unterschiedliche Reiseanlässe. Phoebe will nach der Scheidung und dem Tod ihres Katers ihrem Leben ein Ende setzen - das aber bitte mit Stil in ihrem besten Kleid und in dem schönen Hotel, zu dem sie eigentlich immer mal mit ihrem Exmann reisen wollte. Das übrige Hotel ist belegt mit Hochzeitsgästen, denn Lila und Gary sollen heiraten - die Feierlichkeiten sind auf eine ganze Woche ausgelegt. Statt der offensichtliche Fremdkörper zu sein - und natürlich ihren Suizidplan umzusetzen - lässt sich Phoebe von Lila in das minutiös geplante Hochzeitsdurcheinander ziehen und muss schließlich sogar die Rolle der Trauzeugin übernehmen. Dieses Grundsetting ist vielleicht etwas schräg, aber doch einigermaßen interessant - danach läuft der Roman leider sehr vorhersehbar ab.

(Achtung Spoiler:) Natürlich passen Braut und Bräutigam nicht zueinander, alles eigentlich nur ein Missverständnis, der Bruder der verstorbenen ersten Frau und die Braut gehören eigentlich zusammen und Phoebe und der Bräutigam haben natürlich Chemie. Natürlich verträgt sie sich auch super mit Gregs Tochter, kann selbst keine Kinder bekommen, perfekt. Kurzer dramatischer Zwischenauftritt von ihrem Exmann, den sie dann nach kurzem Sentimentalitätssex abserviert, um ihr Leben neu und hoffnungsvoll zu beginnen. Die Depression und der Suizidgedanke verschwinden nach kurzem Interemzzo mit dieser wildfremden Hochzeitsgesellschaft, wo jahrelange Therapie nichts ausrichten konnte. Pff. 

Wedding People von Alison Espach war auf der Bestseller-Liste der New York Times, aber auch wenn einige Szenen milde unterhaltsam waren, so fand ich das ganze doch aufgrund der absehbaren Entwicklungen wenig spektakulär. Phoebes Entwicklung, so großartig sie auch angelegt ist, bleibt aufgrund des Szenarios und des Zeitrahmens unglaubwürdig. 

Alison Espach, Wedding People. Lübbe 2025.  

Saturday, February 28, 2026

Terry Pratchett - Der Zeitdieb

Diese Audiobook-Fassung von Der Zeitdieb von Terry Pratchett wird großartig in Szene gesetzt von Dirk Bach. Der Zeitdieb ist Teil der Discworld-Unterreihe um Tod und seine Enkelin Susanne Sto Helit. 

Die Revisoren sind unzufrieden mit der Unberechenbarkeit menschlichen Lebens und möchten dies endgültig beenden, dürfen dies aber nur indirekt tun. Dafür geben sie eine besondere Uhr bei dem talentiertesten Uhrmacher der Scheibenwelt in Auftrag, durch die die Zeit für immer angehalten werden soll. Tod erfährt von diesem fatalen Plan, kann selbst aber nicht eingreifen, aber er schickt Susanne mit ihren "zeitlosen" Fähigkeiten. Auch die Geschichtsmönche und die Personifikation der Zeit versuchen die Pläne zu vereiteln und die Uhr zu zerstören. Im Kampf gegen die Revisoren kommen ungewöhnliche Mittel zum Einsatz, die diese in ihrer menschlichen Gestalt irritieren, Schokolade spielt dabei keine unwesentliche Rolle. Pratchett karikiert in den Actionszenen das Genre von Konfu- und anderen Actionfilmen und es gibt natürlich Querverweise auf andere Werke zum Thema Zeit und Zeitreisen. Insgesamt hat Der Zeitdieb eine eher komplexe Handlung, Nebenstränge wie Tod, der die Reiter der Apokalypse zusammenbringen will, aber eher auf in Bequemlichkeit erstarrte "Kollegen" trifft, sind typisch Pratchett-Humor. Es ist sicher kein Roman, mit dem man seine Scheibenwelt-Reise beginnen sollte.

Terry Pratchett, Der Zeitdieb. Random House Audio 2005. 

Friday, February 27, 2026

Nicole Neubauer - Moorfeuer

 Nach Kellerkind ist Moorfeuer von Nicole Neubauer der zweite Band um die Münchner Ermittlungsgruppe um Hauptkommissar Waechter. Eigentlich liegt der Tatort nicht in ihrem Zuständigkeitsbereich, doch die Gruppe wird zur SOKO hinzugerufen: Eine Frau wird verbrannt in einer Art Scheiterhaufen im Moor gefunden. Es gibt wenig Hinweise, denen man nachgehen kann, aber das alte Bauernhaus, in dem die Tote zuletzt auf ihre Enkelin aufgepasst hat, birgt einige Geheimnisse. Schon bald ermittelt das Team in obskure Richtungen über Hexen, Geister und Volksaberglauben. Klar ist, dass der Fall in die Vergangenheit reicht, auch wenn der Leiter der SOKO das zunächst nicht wahrhaben will.

Wie schon im ersten Band, sind der Autorin ihre Charaktere sehr wichtig und besonders Waechter und Hannes Brandl stehen hier im Fokus. Letzterer geht hohe Risiken ein bei seinen Nebenermittlungen, überschreitet seine Kompetenzen und geht bewusst über seine physischen und psychischen Grenzen. Dadurch wird er als Ermittler fast unglaubhaft, denn mit einer Neigung zu so offensichtlichem Fehlverhalten könnte er diesen Job nicht innehaben, schlichtweg unprofessionell, egal, in welchen psychologisch-biografischen Kontext man das einbettet. Waechter ist auch hochgradig problematisch, bleibt aber deutlich menschlich. Am Ende stellt sich die Frage, welche Krise eigentlich die dramatischere war: Der Fall mit seinem fanatischen Mörder oder die Sinn- und Beziehungskrise des Ermittlungsteams. Insgesamt war der Fall schon okay, aber so ganz begeistern konnte mich dieser zweite Band nicht. 

Nicole Neubauer, Moorfeuer. Random House Audio 2016. 

Sunday, February 22, 2026

Paul Harding - Sein Garten Eden

Paul Harding ist 2010 für seinen Roman Tinkers mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet worden, was der Verlag Luchterhand auch gleich auf dem Cover von seinem neuen Roman Sein Garten Eden hervorhebt. Dieser war shortlistet für den Booker Preis, hat diesen aber nicht gewonnen. Sein Garten Eden basiert auf einer realen Geschichte: Auf Malaga Island vor der Küste Maines lebte bis 1912 eine Gruppe von Menschen, die "gemischtrassig" waren und auf ihrer Insel so fernab der Gesellschaft lebten, dass sie dies auch zunächst ungestört tun konnten. In Hardings Roman liegen die Ursprünge der Bewohner bei einem Paar namens Benjamin Honey, ein ehemaliger Sklave, und seiner irischen Frau Patience. Honey brachte auch Samen für Apfelbäume mit auf die Insel, weswegen die Insel fiktiv Apple Island genannt wird. Die Lebensverhältnisse sind ärmlich, die Hautfarben der Bewohner bunt und ihre Charaktere besonders. Als der pensionierte Lehrer Matthew Diamond auftaucht und beginnt, die Kinder der ansässigen Familien zu unterrichten und Hilfsgüter einzuwerben, werden die Obrigkeiten auf Apple Island aufmerksam und die Bewohner werden deportiert und zum Teil für geisteskrank erklärt. In einem weiteren Teil des Romans wird die Figur des Ethan Honey herausgestellt, dessen künstlerisches Talent und helle Hautfarbe ihm eigentlich einen Ausweg in ein anderes und besseres Leben bieten sollte. Doch als er sich in ein irisch-stämmiges Hausmädchen verliebt, wird seine Abstammung aufgedeckt und er muss fliehen. 
Es ist ein interessantes, aber auch grausames Stück Geschichte, dass sich Harding für seinen Roman ausgewählt hat. Das Setting und die Charaktere sind außergewöhnlich. Die Sprache ist sehr ausschmückend, lyrisch, aber ich habe sie nicht immer als passend empfunden. Die Figuren sind in ihrer ärmlichen Lebenssituation auf der Insel gefangen und sind dadurch zugleich frei von den Anfeindungen, die sie auf dem Festland wohl zu erwarten hätten. Mir als Leserin bleiben sie durchgehend fremd(artig), tragen schwere Belastungen mit sich, kämpfen sich nicht frei, können dies vielleicht auch nicht. Es findet kaum Reflexion über ihre eigene Situation statt, sie ertragen viel und leben nur wenig. Erzählerisch nimmt der Autor ihr Schicksal schon zu Beginn des Romans vorweg und fügt dem auch nichts hinzu, man erfährt nicht, was aus ihnen im Detail geworden ist. Sein Garten Eden ist als Titel fast höhnisch. Ich bleibe sehr unzufrieden zurück. 

Paul Harding, Sein Garten Eden. Luchterhand 2024. 

 

Peter Brown - Das Wunder der wilden Insel

Peter Brown erzählt in Das Wunder der wilden Insel die anrührende Geschichte des Robotermädchens Roz. In ihrer Transportkiste strandet sie auf einer einsamen Insel, einige neugierige Otter aktivieren sie versehentlich und so gelangt sie erstmals zu Bewusstsein. Zwar ist ihre Programmierung eigentlich nicht darauf ausgelegt, im Wald, schlechtes Wetter und wilde Tiere zu überleben, aber Roz hat einen Selbsterhaltungstrieb und so passt sie sich an. Sie wartet ab, sie beobachtet, sie erlernt die Sprachen der Tiere, die ihr zunächst feindlich gesonnen sind. Der Durchbruch gelingt ihr, als sie sich eines Gänsekükens annimmt, zu dessen Mutter sie wird. Das bricht das Eis und ihre Freundlichkeit und Hilfbereitschaft schaffen tiefe Freundschaft zwischen ihr und den Tieren der Insel, die ihr schließlich auch in großer Gefahr beistehen. 

Peter Brown weckt tiefes Mitgefühl für diesen selbstlosen, freundlichen Roboter und man ist schnell Teil der mit bunten Tiercharakteren bevölkerten Insel, die allesamt menschlicher sind, als die Gesellschaft, in der wir leben. Die Botschaft könnte klarer nicht sein. 
Mit Stefan Kaminskis Lesung bekommt Das Wunder der wilden Insel definitiv auch noch eine große Aufwertung, denn seine Interpretation der Stimmen von Roz und den Tieren macht viel Spaß.

Peter Brown, Das Wunder der wilden Insel. DAV 2017. 

Friday, February 20, 2026

Katja Brandis - Carags Verwandlung

Katja Brandis Erfolgsserie "Woodwalkers" startet mit der Geschichte von Carag und seiner ersten Zeit auf der Clearwater High, einer Schule für Gestaltwandler. 
Carag ist kein normaler Junge, sondern auch ein Puma, der mit seiner tierischen Familie in den Rocky Mountains aufwächst. Doch die Welt der Menschen fasziniert ihn und so verlässt er seine Familie eines Tages. Er zweifelt schon an seiner Entscheidung - bei seiner Pflegefamilie und auf der Menschenschule läuft es nicht sehr gut - als er an die Clearwater High wechselt. Dort findet er erstmals Freunde, Freunde, die Gestaltwandler sind wie er. Doch er muss sich bald neuen Herausforderungen und Gefahren stellen, um sich in seinem neuen Leben zurechtzufinden...

Mir hat dieser erste Band gut gefallen, eine gute Mischung aus fantastischen Elementen und klassischen Jugendthemen. Die Idee der Gestaltwandler überzeugt, auch wenn der Plot wenig komplex ist. Hier ist schon deutlich, dass die Geschichte als Serie angelegt ist, der Faden soll weitergesponnen werden. 

Katja Brandis, Carags Verwandlung. Arena Audio 2018. 

Monday, February 16, 2026

Stephen King - Mind Control

Mind Control ist der deutsche Titel des dritten und letzten Stephen King Romans mit Bill Hodges. In Band 1 Mr. Mercedes rast Brady Hartsfield mit dem genannten Fahrzeug in eine Menschenmenge. Der Fall wird erst verspätet gelöst, als Brady den ehemaligen Detective Hodges herausfordert. Hartsfield landet mit Hirnschäden in einer Klinik für Neurotraumatologie. In Band 2 Finderlohn geht es maßgeblich um einen anderen Fall, aber Hodges kann es nur schlecht ertragen, dass Hartsfield noch lebt und nicht zur Rechenschaft gezogen werden kann. Doch es wird schon angedeutet, was in Mind Control schließlich sein Finale findet: Hartsfield ist doch noch bei Verstand und hat telepathische und telekinetische Fähigkeiten. Hier verlässt King nun auch das bis dahin realistische Krimisetting und driftet ins Fantastische. Denn Hartsfield kontrolliert schließlich nicht nur die Gedanken von den ihn umgebenden Menschen, sondern findet auch Wege, seinem liebsten Hobby, dem Morden, nachzugehen...
Erstaunlicherweise nimmt man den Wechsel des Genres einfach hin, folgt dem Autor und den liebgewonnenen Charakteren auf der wilden Gedankenreise. Nicht alles ist plausibel, das meiste nur schwer vorstellbar, aber es funktioniert irgendwie doch, während man sich mit Hodges, Holly Gibney und Jerome auf die Jagd macht, um das Böse endgültig zu besiegen. Wie das alles für Hodges enden wird, weiß man schon recht früh im Roman, aber das bleibt erträglich, wenn man weiß, dass King Holly Gibney als Protagonistin weiterer Bücher am Leben lässt. 

Stephen King, Mind Control. Random House Audio 2016.

Saturday, February 14, 2026

Amal El-Mohtar und Max Gladstone - Verlorene der Zeiten

Amal El-Mohtar und Max Gladstone haben zusammen ein außergewöhnliches Buch geschrieben: Verlorene der Zeiten hat zahlreiche Awards im Bereich Fantasy/Science Fiction gewonnen. Die Autor:innen haben jeweils die Perspektive einer der beiden Protagonistinnen, genannt Blue und Red, verfasst, die sich Briefe schreiben. Neu und ungewöhnlich wird dies dadurch, dass beide Zeitreisende sind und hochtechnologisiert in verschiedenen Epochen ihre Nachrichten hinterlassen. Dabei führen ihre Regimes gegeneinander Krieg. Zeitstränge sollen verändert, Dinge beeinflusst werden. Dabei wählen  beide Autor:innen sehr individuelle, stilistisch anspruchsvolle Sprachstile, die durch sprachliche Bilder einerseits beeindrucken, andererseits aber einen Handlungsfaden noch weniger erkennen lassen als durch das Setting sowieso schon. Nachrichten werden in den Wachstumsringen uralter Bäume oder im Leib einer Robbe versteckt, Hinweise gegeben, in welchem Jahrtausend man vielleicht die nächste Nachricht finden könnte. Ansatzweise werden die Unterdrückungsmechaniken ihrer Gesellschaftsformen thematisiert, nebenbei schreiben sie über ihre Lieblingsfiguren der Geschichte und über Bücher. 

So bin ich zu etwa einem Drittel durch das Buch geschlittert. Verwirrt, verblüfft und etwas verloren. Ich bin mir sicher, das in dieser absolut ungewöhnlichen Erzählweise Schönheit steckt. Die Handlung, sofern denn vorgesehen (!?), bleibt mir bisher verborgen. Es soll sich aus diesem Briefwechsel eine ungewöhnliche Liebesgeschichte ergeben. Das will ich gern glauben. Derweil reicht es mir, das Buch kennengelernt, wenn auch nicht zuende erfahren zu haben.  

Das Audiobook wird von Vera Teltz und Yesin Meisheit hervorragend gelesen. 

Amal El-Mohtar und Max Gladstone, Verlorene der Zeiten. Osterwold 2022.

Monday, February 09, 2026

T.J. Klune - Jenseits des Ozeans

T.J. Klune legt mit Jenseits des Ozeans die Fortsetzung seines erfolgreichen Bands Mr. Parnassus' Heim für magisch Begabte vor. Die Geschichte knüpft nahtlos daran an: Die Kinder sind auf der Insel mit ihren besonderen Fähigkeiten unter der Fürsorge ihrer zweier Väter gut aufgehoben. Jedoch ist der Status und die Zukunft der Kinder unsicher, da der Staat ihnen nicht die gleichen Rechte einräumt wie normalen Menschen, sie im Gegenteil eher als Gefahr für die Gesellschaft sieht. Nach einer Aussage vor einem Gremium, wo Arthur Parnassus von seinen eigenen Erfahrungen in einem magische Wesen diskriminierenden und misshandelnden System schildert, das sich aber eher zu einer Art Gerichtsverhandlung entwickelt, droht dem ungewöhnlichen "Waisenheim" wieder der Besuch einer Kontrolleur:in durch die Behörde. Natürlich verfolgt diese ganz andere Ziele als nur zu schauen, ob es den Kinder gut geht, vielmehr ist es eine Art Verschwörung, um die Kinder von der Insel fortzuschaffen. 

Ähnlich wie beim ersten Band gibt es sehr unterhaltsame Passagen, die geprägt sind von den interessanten Eigenschaften und Talenten der Kinder und ihren witzigen Dialogen, während Arthur und Linus wohlwollend und tolerant auf sie schauen. Die Bedrohung durch die Behörde bleibt abstrakt, da unklar ist, was diese eigentlich mit den Kindern anfangen will, sollte es ihr gelingen, sie von der Insel fortzuschaffen. Die Maßnahmen scheinen schlichtweg überzogen und ein wenig zu böse, da die Beweggründe und die Historie fehlen. Die Botschaft von Toleranz, Akzeptanz und Freundschaft hingegen wird überdeutlich gezeichnet (wieder ein bisschen süßlich stellenweise) und es ist ergreifend, wie die Haltung der Inselbewohner auch immer mehr den auf dem Festland gelegenen Ort Fuß fasst und so eine Oase für magische und nicht-magische Menschen entsteht. Um es mit dem Emily Dickinson Zitat zu sagen, das Arthur diverse Male im Roman anbringt:

"Hope is the thing with feathers..."

T.J. Klune, Jenseits des Ozeans. Random House Audio 2024.
 

Percival Everett - James

James von Percival Everett ist eine komplexe, auf den Kopf gestellte Nacherzählung von Mark Twains Huckleberry Finn. Auch wenn es nah an der Handlung seines Vorlagenromans bleibt, so ist es literarisch und erzählerisch eine völlig andere Geschichte. Der Sklave Jim erlebt mit dem jungen Huck Abenteuer auf dem Mississippi, ja, James hingegen zeigt uns eine (leider fiktive) Parallelwelt, in der Sklaven es geschafft haben, das Lesen zu erlernen, Bildung zu erlangen und sich selbst philosophisch mit den Grundlagen ihrer miesen Existenz und Ausbeutung auseinanderzusetzen. Äußerst anschaulich hat der Autor hierfür die Sprache als Indikator gewählt. Ich ziehe den Hut vor der Leistung des Übersetzers Nikolaus Stingl. Denn Everett gibt seinen Schwarzen eine eigene Sprache, ein Südstaatenenglisch, mit anderer Grammatik und vor allem verschliffener Aussprache. Eine deutsche Variante davon zu erzeugen, kann nicht einfach gewesen sein, ist aber essentiell für die Wirkung des Romans. Denn sobald James in Gegenwart von Weißen ist, nutzt er diesen Sprachgestus, der ihn als dumm und ungebildet kennzeichnet und verbirgt seine differenzierte Bildungssprache. Everett spielt in vielen Szenen mit diesen sprachlichen Ebenen, dabei tritt auch James' Dilemma mit seiner eigenen Identität zu Tage. Wer ist er, wer kann er sein? Schwarz und weiß verschwimmen in zahlreichen Szenen: Die Blackface Minstrel Gruppe (Weiße, die sich als Schwarze schminken, um sich dann musikalisch über die Schwarzen lustig zu machen und sie zu karikieren), der äußerst weißhäutige Norman, der sich aber als Schwarzer fühlt, oder am Ende auch Huck, der seine Identität in Frage stellen muss. Dazwischen immer wieder Referenzen zum Abolitionismus, dem beginnenden Bürgerkrieg, der Underground Railroad, bei denen sich James nicht sicher ist, ob sie für ihn wirklich Freiheit bedeuten. Zudem stellen sich beständig Fragen nach Recht und Unrecht, Besitz, Diebstahl, Mord, Rache, Freiheit,... 
Natürlich enthält der Roman auch abenteuerliche Elemente und dramatische Szenen (wie zum Beipsiel die Explosion des Raddampfers) und zieht dadurch auch kontinuierlich die Parallele zu seiner literarischen Vorlage, die aber frei fortgeführt oder umgedeutet wird. 
Mir hat James insgesamt sehr gut gefallen, sowohl das Storytelling als auch die Vielschichtigkeit. Ich wünschte nur, ich hätte noch viel mehr der vielen Referenzen einordnen können, aber dazu bräuchte man wohl ein wenig Zeit für Hintergrundrecherchen. 

Percival Everett, James. Hanser 2024.

 

 

Monday, February 02, 2026

Louise Penny - Das verlassene Haus

In Das verlassene Haus lässt Louise Penny ihre schrulligen Three Pines Charaktere eben in dem besagten verlassenen Haus am Ortsrand (und Schauplatz eines früheren Falls) eine Seance abhalten - natürlich stirbt dabei jemand. Armand Gamache erscheint wieder im Ort und entdeckt viele, viele Motive und Geheimnisse der Dorfbewohner und Besucher. Gleichzeitig gibt es aber noch eine Verschwörung/massive Intrige gegen ihn selbst aufzudecken, so dass er in Wahrheit nicht nur im Dorf ermittelt, sondern auch noch alles verdeckt in eigener Sache beobachtet. Ehrlich gesagt habe ich bei dem Audiobook zwischendurch den Faden verloren, wohl auch, weil ich mir die Namen so schlecht merken konnte... Insgesamt war das ganze wieder einmal etwas langatmig, aber dieses bizarre Dorf hat irgendwas an sich, was einen zurückkehren lassen will. Für die nächste Zeit war es aber mal wieder genug. 

Louise Penny, Das verlassene Haus. DAV 2007. 

Saturday, January 31, 2026

Charlie Mackery - Always Remember

Charlie Mackery wrote and illustrated a second book. It is called Always Remember. The Boy, the Mole, the Fox, the Horse and the Storm. 

The characters are beautiful in every meaning of the word.

The story (if you want to call it that) is simple - you can live through the storm if you have friends, courage, self-love and hope. Always be kind to others and to yourself.

The illustrations, drawings, paintings are gorgeous.

I love everything about this book. 

Thank you, Charlie Mackery.  

"Hope is the quiet song in your heart that can sing in spite of everything." 

Charlie Mackery, Always Remember. Penguin 2025.

 

 

Haruichi Furudate - Haikyu!

Popsugar Reading Challenge made me read this... 
Prompt 41 called for "A book in a different format than your usual: physical, audio, eBook"

I read all the above regularly but I figured I almost never read mangas and it is a different format - in the sense of the actual reading process. That was not really a problem, it took a few pages to get used to the right to left eye movement.   
I can't say that I enjoyed Haruichi Furudates Haikyu! very much but it was okay. I guess volleyball is quite an exotic topic and as I am not very interested in the sport. The relationship between the two main characters was well-constructed but classic: from rivals to team players, adding each other's strengths to build something better and bigger. And that is as deep as the story went. The drawing are skillful, detailed and the sports movements are well done. It definitely was different from my "usual" but I don't want to extend my visit to the manga world at the moment. 

Haruichi Furudate, Haikyu! Kaze 2022.


 

Monday, January 26, 2026

Taylor Jenkins Reid - Atmosphere

Nach den ersten Kapiteln von Atmosphere von Taylore Jenkins Reid dachte ich zunächst, es würde ein Abbruchbuch. Zunächst konnte mich Joan Goodwins Charakter nicht so recht abholen, vielleicht weil sie in sich so ungewöhnliche, unwahrscheinliche Eigenschaften verbindet. Musikalisch und zeichnerisch talentiert, Professorin für Astrophysik, die perfekte Tante und dann bewirbt sie sich bei der NASA. Da passt einiges nicht zusammen. Während wir in Rückblenden einiges über sie erfahren, kommen einige der übrigen Astronautenkolleg:innen und eine Menge Astrophysisches hinzu. Der Tech-Anteil war noch zu verkraften und Joans Beobachtungen ihrer Kolleg:innen machten sie sympathischer. Als sich dann die Liebesgeschichte mit Vanessa abzeichnet, hatte ich wieder einen Moment der starken Ablehnung - wie kann Joan nicht wissen, dass sie Frauen liebt, wie kann sie als intelligente Wissenschaftlerin das übersehen, nicht durchblicken? Parallel zur der Beziehung der Frauen reflektiert Atmosphere aber auch zunehmend stärker über Frauen in den Naturwissenschaften, die Frauenrollen in den später 70ern und frühen 80ern, Vorurteile, Zwänge und Diskriminierung. Dies wertete die Geschichte deutlich auf und auch die Charaktere wurde zunehmend plastischer, glaubhafter. Den Knalleffekt der dramatischen Ereignisse von Vanessas Mission im All hatte die Autorin an den Anfang ihres Romans gestellt - zu einem Abschluss bringt sie ihn schlussendlich in höchst emotionaler und ergreifender Form, was mich - und das geschieht nicht oft - zu Tränen rührte. So hat mich Atmosphere am Ende "erwischt". Es ist weniger ein Roman über die Erkundung des Weltalls oder Frauen in der NASA, schlussendlich ist es eine Liebesgeschichte, die sich über gesellschaftliche Normen und wirtschaftliche Zwänge hinwegsetzen muss. 

Taylor Jenkins Reid, Atmosphere. avm 2025. 

Sunday, January 25, 2026

Liz Moore - Der Gott des Waldes

Der Gott des Waldes von Liz Moore ist ein ungewöhnlicher Roman, der in den Adirondack Mountains im Norden der USA im Staat New York spielt. Handlungsort ist ein Feriencamp, das von der Bankiersfamilie Van Laar gegründet und betrieben wird. Zentrales Element des Romans sind die unterschiedlichen Zeitebenen, in denen die Geschichte zusammengesetzt wird. Im Jahr 1975 verschwindet ein Mädchen aus dem Camp - ausgerechnet Barbara Van Laar! Das ist auch deshalb so dramatisch, weil 14 Jahre zuvor, 1961, ihr Bruder Bear ebenfalls verschwand und nie gefunden wurde. Verschiedene Szenarien, wer etwas damit zu tun haben könnte, vom Schwerverbrecher bis hin zur Campbetreuerin, werden aufgezeigt. Dabei treten auch andere Geheimnisse und Vergehen zu Tage, die auf den ersten Blick nicht erkennbar sind. 
Das langsame Aufdecken der Schichten dieser Geschichte(n) gelingt Liz Moore durch die verschiedenen Ebenen sehr gut, zumal die unterschiedlichen, meist weiblichen Erzählpersepktiven ein breites Spektrum von Charakteren bieten. Ja, einige der Erzählerinnen bleiben ein wenig blass, hätten vielleicht mehr Entwicklung verdient, aber sie alle tragen auch zu einem gesellschaftlichen Querschnitt der Zeit bei. Die Frauen in den 60er und 70er Jahren bewegen sich im Konflikt zwischen Anpassung und Aufbegehren, zwischen männlicher Dominanz und Emanzipation. Und auch da gibt es kein Schwarz und kein Weiß, sondern Grauzonen, unterschiedliche Wege, die gegangen werden können. Betrachtet man Der Gott des Waldes weniger als Thriller, sondern eher als Drama, dann kann man sich auch mit den erzählerischen Längen und Brüchen (die Perspektivwechsel an den Wendepunkten sind manchmal etwas störend und bremsen das Erzähltempo oft erheblich) arrangieren und sogar genießen.

Liz Moore, Der Gott des Waldes. C.H. Beck 2025.

Thursday, January 22, 2026

Viveca Sten - Kalt und still

Kalt und still von Viveca Sten spielt in der schwedische Stadt Åre, bekannt für sein Skigebiet. Hanna Ahlander durchlebt eine schwierige Zeit: An ihrem Arbeitsplatz bei der Stockholmer Polizei hat sie sich unbeliebt gemacht, als ihr langjähriger Lebensgefährt mit ihr Schluss macht und sie aus der gemeinsamen Wohnung wirft. Sie findet Zuflucht im Haus ihrer Schwester in Åre, aber das Nichtstun ist eine Qual. Als eine vermisste Teenagerin mit einer Suchaktion im Schnee gesucht werden soll, ist sie mit dabei. Sie lernt die Kollegen von der notorisch unterbesetzten Polizeistelle kennen und lässt sich vorläufig einstellen.
Der Vermisstenfall wird bald zu einem Mordfall, als man die tote Amanda in einem Sessellift findet. 
Einer der Pluspunkte von Kalt und still ist für mich die Nordic Noir Atmosphäre: Es ist Winter, eiskalt, dunkel. 
Åre, obwohl voller hilfsbereiter Charaktere und scheinbar gemütlich, steckt voller Geheimnisse und Betrug, sobald man hinter die Fassaden schaut. So werden einige mögliche Motive aufgezeigt. Weniger gefallen hat mir die Ermittlungsarbeit, hier ist der Zufall ein paar Mal zuviel tätig, die Recherchen erzielen letztlich nicht die Aufklärung und Hanna selbst handelt irrational (und auch illegal) und bringt sich unnötig in Gefahr. 

Viveca Sten, Kalt und Still. DAV 2022.