Saturday, April 18, 2026

Lisa Jewell - Kein Hauch von Wahrheit

Lisa Jewells Thriller Kein Hauch von Wahrheit trägt seine Prämisse im Titel - den Aussagen der Protagonisten ist nicht zu trauen. Podcasterin Alix feiert in einem hippen Londoner Restaurant ihren 45. Geburtstag - genauso wie die eher unscheinbare Josie, die dort mit ihrem Ehemann zu Abend isst, der eher wie ihr Vater aussieht. Aus der Zufallsbegegnung mit dem "Geburtstagszwilling" entwickelt sich ein zutiefst düsteres Verwirrspiel von (un)wahren Erzählungen und Erfindungen, als Josie vorschlägt, Alix solle einen Podcast über sie und ihr Leben machen.  
Erzählt wird chronologisch, mal aus der Perspektive von Alix, mal aus der von Josie, durchbrochen aber durch vorweggenommene "Einblendungen" einer Netflix-Dokuserie, die auf der Basis ihrer Geschichte gedreht werden wird und die verschiedene Podcast-Aufnahmen anderer Personen einschließt. Das ist nicht so verwirrend, wie es klingt, denn eigentlich macht die Autorin durch bedeutungsschwangere Andeutung und Alix' "Bauchgefühl" von Anfang an klar, dass Josies Geschichte nicht die Wahrheit ist. Diese entwickelt eine Geschichte von ihrer eigenen Verführung als Minderjährige durch ihren jetzigen Ehemann, der sich auch an weiteren Mädchen und seiner eigenen Tochter vergriffen haben soll. Alix ist entsetzt über die Teilnahmslosigkeit, mit der Josie von diesen Taten berichtet, greift aber dem Podcast zuliebe nicht ein, sie tut nichts. Dabei erschleicht sich Josie immer mehr Zugang zu Alix' Leben, bis schließlich alles - wie geplant? - eskaliert. 

Ja, Kein Hauch von Wahrheit erzeugt eine gewisse voyeuristische Spannung. Man weiß, dass gruselige Dinge geschehen sind, geschehen werden, nur lässt die Autorin lange darauf warten. Beide Protagonistinnen sind unzuverlässige Erzählerinnen, man kann ihnen nicht trauen, man weiß, dies alles ist nicht die Wahrheit. Ja, es kommt zu einer Auflösung, einer Aufdeckung der Gräueltaten, aber dies bleibt zutiefst unbefriedigend, zumal die Schuldige entkommt und sogar noch das Schlusswort erhält. Die Themen Missbrauch von Minderjährigen, Gewalt in der Ehe und Alkoholismus sind präsent, werden aber unter den Teppich gekehrt. Die eine würde den Alkoholismus und die Unzuverlässigkeit des Gatten liebend in Kauf nehmen, wenn sie ihn wiederbekäme - der Missbrauch steht im Raum, aber niemand thematisiert, wie sehr alle Beteiligten (Mutter, Bekannte, Josie selbst, Alix...) wegschauen und untätig bleiben. 
Auf dem Cover der deutschen Ausgabe steht der Kommentar von Katherine Heiny (selbst Autorin): "So spannend, so klug, so einfühlsam." Dem kann ich nur widersprechen: Spannend vielleicht noch, wenngleich mir die Sicht der Voyeuristin, die sich an dem sich ankündigenden Drama ergötzt, in die ich als Leserin gedrängt wurde, nicht gefallen hat. Klug handelt keine der Protagonistinnen, ihr Verhalten ist sogar abstoßend naiv, - und in Bezug auf den Aufbau möchte ich auch nicht von klug sprechen, denn die meisten der Ereignisse sind schrecklich vorhersehbar bzw. werden vorher zaunpfahlwinkend vorbereitet. Einfühlsam? Was soll das in Bezug auf diese Charaktere heißen? Soll ich Verständnis aufbringen, mitfühlen für diese verantwortslos bzw. im Fall von Josie böse berechnend handelnden Frauen? Das kann ich nicht. Die Geschichte wirkt nach, das vielleicht schon, aber auf eine sehr bittere, dunkle Weise, die mir persönlich nicht gefällt.

Lisa Jewell, Kein Hauch von Wahrheit. Ronin 2025.

Saturday, April 11, 2026

Stephen King - Der Outsider

In Flint City, Oklahoma, wird Terry Maitland, Englischlehrer und Coach der Jugendbaseballmannschaft, verdächtigt, einen elfjährigen Jungen misshandelt und getötet zu haben. Mehrere Augenzeugen haben ihn blutbefleckt und in der Nähe des Tatorts gesehen. Detective Ralph Anderson lässt ihn in aller Öffentlichkeit festnehmen. Erst danach kann Maitland sich verteidigen, denn er hat ein stichhaltiges Alibi, dass er mit Kollegen auf einer Tagung in der Nachbarstadt war. Wie kann das sein? Maitland scheint schuldig und unschuldig zur gleichen Zeit zu sein. Hat er einen Doppelgänger mit gleicher DNA? Unmöglich? Nachdem Maitland auf schreckliche Weise vor dem Gerichtsgebäude vom Bruder des Opfers getötet wird, kommen Anderson Gewissenbisse und Zweifel. Er beginnt anders über den Fall zu denken und arbeitet mit dem Anwalt von Maitland zusammen an neuen Indizien. Weil eine Spur in einen anderen Bundesstaat führt, wird Holly Gibney beauftragt, dieser nachzugehen. Diese findet einen weiteren Mord, bei dem nach den Spuren gesicherte Täter ein Alibi vorweisen konnte. Als Filmgeek erinnern sie diese Fälle an etwas und sie äußert schließlich eine gewagte These: Der Täter, den sie den Outsider nennen, ist kein gewöhnlicher Mensch. Nachdem sie auf beeindruckende Weise die anderen Ermittler und Beteiligten überzeugt, dass sie dieser Idee nachgehen müssen, um weitere Morde zu vermeiden, kommt es schließlich zu einem Showdown mit beeindruckendem Setting.

Was in Der Outsider als Kriminalfall beginnt, nimmt schon bald die Wendung ins Übernatürliche, womit man bei Stephen King immer rechnen muss.  Holly Gibney ist mit ihren Erfahrungen mit Brady Hartsfield aus Mr Mercedes und  Mind Control vermutlich die einzige, die diese Interpretation glaubhaft vermitteln kann. Leider muss man in diesem Band lange warten, bis sie ihren Auftritt hat, und endlich Bewegung in die Sache kommt. Natürlich baut der Beginn mit den immer merkwürdiger werdenden Diskrepanzen von Zeugenaussagen und Spurenlage und den dramatischen Fehlentscheidungen der Ermittler und der Justiz Spannung auf. Das wäre aber auch mit einigen Seiten weniger auch noch plausibel möglich gewesen. Es gibt wieder einmal reichlich Charaktere, die der Autor gekonnt anlegt - wiederum: einige weniger hätten es vielleicht auch getan. Es ist ein bedrückendes und athmosphärisch dichtes Szenario in Der Outsider und das Wiedersehen mit Holly zeigt ihre Stärken als verletzliche, ambivalente Protagonistin, aber der Plot rechtfertigt meines Erachtens nicht die ausufernde Länge des Romans. 

Stephen King, Der Outsider. Random House Audio 2018. 

Monday, April 06, 2026

Jeffery Deaver - Wahllos

Wahllos ist der vierte Band von Jeffery Deavers Reihe um Kinesik-Expertin Kathryn Dance. Leider ist sie in diesem Band keine Expertin. Zu Beginn soll sie ihre Expertise an einem Zeugen ausüben, was leider misslingt, sie "liest" den Zeugen falsch. Bizarrerweise wird sie deswegen vom ganzen Fall abgezogen und soll nur noch einen Fall von Brandstiftung, der leider in eine Massenpanik ausartete, überprüfen. Dabei stellt sie fest, dass der Täter genau diese Massenpanik herbeiführen wollte, und steckt damit gleich in einem neuen Fall. Parallel dazu müssen wir die Beweggründe des Täters, der sich am Leid und Tod anderer ergötzt, miterleben. Das ist eine Perspektive, die Dea
ver seiner Leseschaft des öfteren zumutet. Natürlich folgen weitere Taten und als der Täter in Bedrängnis gerät, nimmt er Kathryn selbst ins Visier. Vielleicht sind die logischen Lücken in der Erzählung den Kürzungen für das Hörbuch geschuldet, aber dieser Band stolpert durch zahlreiche Nebenhandlungen, wie die Erlebnisse der zwei Kinder von Kathryn, den emotionalen Verwicklungen mit gleich zwei Männern (m.E. sehr unglaubwürdig), einer Eskapade in US-amerikanischer Geschichte (Internierung japanischstämmiger Amerikaner) und ähnlichem. An einigen Stellen sehen Kathryn und ihr Team einige der Bedrohungen kommen und können elegant dagegenhalten - allerdings wird nur unzulänglisch erklärt, wieso. 
Insgesamt erscheint mir Wahllos auch ein bisschen planlos zu sein, welche Geschichte es nun eigentlich erzählen will, gleich zwei Thriller-Handlungen konkurrieren mit Familiendrama und Romantik. Dazu kommen die wirklich fürchterlichen Schilderung, wie sehr der Täter Gewalt und Tod genießt und wie einfach dies doch via Internet alles zu haben sei. Puh. Die Stärke und Hauptmerkmal der Protagonistin kommt in diesem Band nicht zum Tragen und sie konnte mich absolut nicht überzeugen. Der Fall auch nicht. Dieser Deaver ist eher am unteren Ende der Skala einzuordnen. 

Jeffery Deaver, Wahllos. Random House Audio 2016. 

Saturday, April 04, 2026

Jennifer Egan - Der größere Teil der Welt

Selbst die Autorin Jennifer Egan war sich nicht sicher, ob sie Der größere Teil der Welt (Original: A Visit from the Goon Squadals Roman oder als Kurzgeschichtensammlung bezeichnen möchte. Tatsächlich besteht das 2011 mit dem Pulitzer Prize for Fiction ausgezeichnete Werk aus nur sehr lose miteinander verknüpften Episoden, die in mehreren Jahrzehnten spielen. Der häufigste Handlungsort ist NYC, die Charaktere stehen in unterschiedlichen Beziehungen zu Bennie und Sasha, die beide zu einem gewissen Zeitpunkt in der Musikindustrie tätig sind. Musik ist ein verbindendes Element, weitgehend in positivem Sinne, während den Charakteren gemein ist, dass sie ein eher selbstzerstörerisches und negatives Selbstbild haben. Drogen, berufliche Misserfolge und private Entfremdung von Freunden und Geliebten ziehen sich ebenfalls durch fast alle Geschichten. Bis auf wenige lichte Momente, in denen Hoffnung auf Besserung oder wahre Zuneigung aufblitzen, herrscht eher eine düstere, bedrückende Atmosphäre und Lebenseinstellung. Bei allem Geschick für das Zeichnen der sehr abwechslungsreichen und interessanten Charaktere und den unterschiedlichen Erzählstilen (bis hin zu einem Kapitel, das als Powerpoint Präsentation angelegt ist) drückt einen die Perspektivlosigkeit zuweilen nieder. Alle, die schön, jung und erfolgreich waren, werden durch das Vergehen der Zeit zu blassen, deprimierenden, wenig begehrenswerten Wesen. Das ist eine Sichtweise auf das Älter- und Altwerden, die niederschmetternd ist, die aber zum Zeitalter von "Social Media Fakeness" und der Besessenheit, weiter jung auszusehen, koste es was es wolle, passt. Damit zeichnet Egan wahrscheinlich ein allzu treffendes gesellschaftliches Bild - und das schon 2011. 

Jennifer Egan, Der größere Teil der Welt. Schöffling 2013. 

Friday, April 03, 2026

Arthur Conan Doyle - Eine Studie in Scharlachrot

In Eine Studie in Scharlachrot (1887) hat der berühmteste Detektiv der Literaturgeschichte seinen ersten Auftritt. Gemeinsame Wohnungsnot und mangelnde Finanzen bringen Dr. Watson und Sherlock Holmes in die gemeinsame Unterkunft in der Baker Street. Watson ist - wie auch in den folgenden Geschichten - schlichtweg begeistert von Holmes' Fähigkeiten, während er selbst manchmal leicht begriffsstutzig wirkt. 
Interessant an diesem ersten Fall ist jedoch die ausführlich dargestellte Hintergrundgeschichte für das Rachemotiv der Morde, die vor dem Hintergrund der frühen Mormonengemeinde von Salt Lake City spielt. Dafür verwendet Arthur Conan Doyle viel Erzählzeit, vielleicht auch um Verständnis für den Mörder zu wecken, der dann gnädig noch vor seinem Prozess an einem Aneurysma stirbt. Ansonsten bietet dieser erste Roman bereits viele bekannte Charakteristiken der folgenden Holmes-Geschichten, auch wenn der Protagonist noch nicht vollständig ausgearbeitet zu sein scheint. Dazu passt aber die bereits angelegte subjektive Erzählperspektive des treuen Dr. Watson, welcher den Detektiv auch gerade erst besser kennenlernt. 
Wahre Begeisterung für die Geschichte konnte ich nicht aufbringen - ich kann mich in der Tat nicht erinnern, sie schon vorher einmal gelesen zu haben, wenngleich es interessant war, diesen ersten Band und damit die Anfänge Sherlock Holmes kennenzulernen. 
Die Lesung durch 
Peter Kortz-Frankemoelle hat mir persönlich nicht so gut gefallen, wirkt sie doch streckenweise sehr nüchtern und gleichbleibend. So stelle ich mir Sherlock Holmes eigentlich nicht vor, aber vermutlich ist das nur eine persönliche Präferenz. 

Arthur Conan Doyle, Eine Studie in Scharlachrot. Publius 2023. 

Simon Beckett - Knochenkälte

In Knochenkälte von Simon Beckett verschlägt es den forensisches Anthropologen David Hunter in einem Schneesturm und bei ausgefallenem Navi ungeplant in ein walisisches Kaff. Ein bisschen konstruiert ist es schon, dass nicht nur die einzige Zugangsstraße weggeschwemmt wird, sondern auch noch mangels Strom sämtliche Telefonverbindungen ausfallen. Hunter sitzt fest, landet in einem gruseligen alten Hotel, wo ihn die Besitzer nur widerwillig aufnehmen. Überhaupt ist die Atmosphäre in dem Dorf latent aggressiv, untereinander und auch gegenüber dem fremden Hunter. Auf der Suche nach einem Telefonsignal wandert er am nächsten Tag in den Wald und findet - natürlich - menschliche Überreste. Von da an entwickeln sich die Ereignisse dynamisch, die verfeindeten Dorfbewohner scheinen an keinerlei Gesetz und stattdessen an Selbstjustiz zu glauben, so dass nicht nur Hunter um sein Leben fürchten muss. 
Erwartet man in Knochenkälte einen sauberen Kriminalfall mit Ermittlungen, so wird man zwangsläufig enttäuscht. Hier sind das Wetter, Zufälle und marodierende Dorfbewohner die Handlungstreiber, bei denen Hunter nur sein Bestes tut, um den Kopf über Wasser zu halten und maximalen Schaden abzuwenden, damit eine gerechte Aufklärung möglich bleibt. Dennoch entstehen allerhand spannende Momente, in denen Hunter an seine physischen und zum Teil auch moralischen Grenzen kommt. Die Schilderung der düsteren, schneeumtosten Wälder und der dort verborgenen Geheimnisse haben mich durchaus gefesselt. Als Kritikpunkt bleibt, dass die Zusammenhänge am Ende dann durch detaillierte Geständnisse aufgeklärt werden, so dass einiges schon viel früher hätte bekannt sein können. Das ist eine erzählerische Krücke, die mir nicht sonderlich gefallen hat. Erzählstil und der Protagonist sind aber gewohnt überzeugend, weswegen die Reihe auch nach diesem siebten Band nach wie vor zu meinen Favoriten zählt. 

Simon Beckett,  Knochenkälte. Argon 2026.

Wednesday, April 01, 2026

Kelly Mullen - Die Einladung

Kelly Mullens Die Einladung bedient sich eines klassischen Krimisettings: Eine Gruppe von Leuten mit unterschiedlichsten Lebensgeschichten und Hintergründen verschlägt es an einen abgeschiedenen Ort und ein Mord geschieht - einer von ihnen muss der Täter sein. 
Anlass für die Versammlung ist die Einladung von Jane Ireland, die in einem Herrenhaus auf Mackinac Island, Michigan, lebt. Viele der Gäste sind Opfer von miesen Erpressungsschreiben und deswegen dort. Unter ihnen auch die 76jährige Rosemary "Mimi" McLane, die vorsichtshalber ihre Enkelin Addie mitbringt. Diese ist Krimiexpertin und Entwicklerin von Onlinespielen für eben dieses Genre. Natürlich zieht auch der passende Schneesturm auf, der die Gäste im Herrenhaus einschließt. Die Gastgeberin erwischt es als erstes und so beginnen die Befragungen... 
Um es kurz zu machen: Prinzipiell ist nichts grundlegend verkehrt an Die Einladung. Die Protagonistinnen sind nicht uninteressant und haben auch privat noch einige Reibungspunkte, die ihre Dialoge und Interaktionen bereichern. Auch die übrigen Charaktere sind bunt gemischt, es gibt geheime Räume und Beweise, die nach und nach entdeckt werden, die Aussagen und Hinweise, die man mit Mimi und Addie zusammen aufdeckt, bauen aufeinander auf. Vielleicht ist das alles zu glatt konstruiert, vielleicht hat man es auch schon zu oft so gelesen, obwohl die Protagonistinnen selbst damit spielen und sich darüber lustig machen, dass das alles wie aus einem Agatha Christie Roman zu sein scheint. Jedenfalls sprang bei mir kein Funke über, entwickelte ich kein echtes Interesse an dem Fall und im Grunde war es mir egal, wie es ausging. Natürlich gut, das war von Anfang an gesetzt. Auch die privaten Probleme und Unstimmigkeiten werden ideal aufgelöst. Tatsächlich hätte dies auch tatasächlich ein Krimicomputerspiel sein können, die Pfade vorgegeben, man muss sich nur hindurchklicken, um ans vorhersehbare Ende zu kommen. Zurück bleibt der Gedanke, dass es an vielen Stellen einfach "besser" und spannender hätte sein können. 

Achja: Popsugar made me read this - 
A book set in Michigan or written by an author from Michigan.

Kelly Mullen, Die Einladung. Mord nur für geladene Gäste. Argon 2025.