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Sunday, October 04, 2026

Sofia Segovia - Das Flüstern der Bienen

Mit mexikanischer Geschichte kenne ich mich nicht aus, deswegen kann ich den historischen Hintergrund von Das Flüstern der Bienen von Sofia Segovia nicht wirklich gut einschätzen. Der Roman beginnt in den letzten Jahren des Spanischen Bürgerkriegs, umfasst die Epidemie der Spanischen Grippe und thematisiert die Folgen der Agrarreformen in Mexico. 
In der Kleinstadt Linares findet die alte Nana Reja ein Baby unter einer Brücke. Er hat eine Missbildung - einen gespaltenen Gaumen, wegen dem er vermutlich ausgesetzt wurde. Außerdem ist er von einem Bienenschwarm umhüllt, die Bienen schützen ihn und verletzen ihn nie. Die Familie der Hazienda Morales nimmt den Jungen auf und nennt ihn Simonopio. Der Junge hat besondere Gaben und obwohl er sich nur schlecht verständigen kann, bewahrt er die Familie vor einigem Unheil. Zu dem spät geborenen Sohn Francisco der Familie entwickelt er eine besondere Beziehung. Doch auf der Hacienda leben auch Arbeiter, die der Familie den Landbesitz nicht gönnen und Simonopio für den Teufel halten. Der über Jahre unterdrückte Zorn eskaliert schließlich und führt zur Katastrophe. Zuende erzählt wird Simonopios Geschichte von Francisco, der als alter Mann zur Hacienda zurückkehrt und alles verändert vorfindet, aber sich in seine romantischen Erinnerungen zurückziehen kann.  

Das Flüstern der Bienen hatte beträchtlichen Erfolg von seinem Erscheinen 2015 bis heute. Ich kann nachvollziehen, dass die Geschichte dieses besonderen Jungen mit seinen Bienen und seiner vorbehaltslosen Loyalität sehr anrührend, berührend ist. Beide Erzähler jedoch haben einen sehr begrenzten Blick durch die Brille der Gutsbesitzer, die als weitsichtig und sozial-bemüht dargestellt werden. Die Landreformbemühungen und die Auswirkungen des Bürgerkriegs sind klares Feindbild, besonders ersterem wird mit viel Geschick ausgewichen durch Tricks und Kniffe. Die Arbeiter:innen sind entweder treu ergeben und ordnen sich der Familie unter, oder sind der Feind, der aber nicht erkannt wird, weil es natürlich nicht sein kann, dass die durch den Patron so großzügig behandelten Arbeiter sich auflehnen und etwas anderes wollen als ihre Leibeigenschaft. So liegt die Stärke des Romans sicherlich nicht in einer differenzierten Darstellung der geschichtlichen Ereignisse, sondern bei der Darstellung der Charaktere. So ist Simonopio mit seinen erweiterten Sinnen eine interessante Figur, doch kann mich der naive, in seiner Betrachtung eingeschränkte Francisco nicht überzeugen. Auch die als starke Frauenfigur angelegte Mutter Beatrice agiert ihre Trauer und Wut schlussendlich an der Nähmaschine aus, anstatt wirklich etwas zu bewegen. Insgesamt ist dieser Roman mit seinen Wundern und dem magischen Realismus nicht ganz nach meinem Geschmack. 

Sofia Segovia, Das Flüstern der Bienen. HörbuchHamburg 2021. 

 


Sunday, September 20, 2026

V.E. Schwab - Das unsichtbare Leben der Addie LaRue

Das unsichtbare Leben der Addie LaRue beginnt eines Tages in einem kleinen französischen Dorf im Jahr 1714. Adeline LaRue will nicht heiraten, sie will ihre Freiheit behalten - zu ihrer Zeit kein kleiner Wunsch. Als Tochter eines Tischlers, der auch filigrane Dinge schnitzen kann, hat sie noch nicht viel von der Welt gesehen, gerade mal die nächste Kleinstadt und deren Markt. Sie selbst ist eine begabte Zeichnerin und als sie man sie zur Hochzeit zwingen will, greift sie verzweifelt zum letzten Mittel, das ihr einfällt: Sie ruft die Götter um Hilfe an - leider ist es ein dunkles Wesen, das ihr antwortet und mit dem sie einen folgenschweren Pakt eingeht. Das Wesen, glücklicherweise in Gestalt eines wunderschönen Mannes, verspricht ihr unbegrenzte Lebenszeit für ihre Seele, versieht den Pakt aber mit einem Haken: Niemand der Adeline sieht, sich dann von ihr abwendet, kann sich später an sie erinnern. Geschildert wird Addies Geschichte auf zwei Zeitebenen, die eine spielt im New York der Gegenwart, die andere geht chronologisch mit ihr durch ihre 300 Jahre Lebenszeit. Im Jetzt trifft sie nach all der Lebenszeit in einem Antiquariat (wo auch sonst) auf Henry, der sich unglaublicherweise an sie erinnert. Er ist es auch, dem sie ihre Lebensgeschichte in die Feder diktiert, der sie für sie aufschreibt, so dass ein Zeugnis von ihr bleibt. Natürlich verlieben sich Addie und Henry ineinander, denn sie sind wie füreinander geschaffen - denn bald wird klar, dass auch Henry einen Pakt eingegangen ist. So ist nicht der Zufall, sondern der dunkle Schatten in Addies Leben für ihre Begegnung verantwortlich. 
V.E. Schwabs Idee einer Frau, die durch die Jahrhunderte hindurch lebt, aber keine Spuren hinterlassen kann, finde ich spannend. Was für Möglichkeiten, was für eine spannende Prämisse! Leider ist dagegen der Roman bzw. vor allem sein Plot recht klein geraten. Nicht an Seiten, sondern an Handlung. Immer wieder erlebt Addie die gleichen Dinge, reagiert auf die gleiche Weise, ist immer wieder enttäuscht und verzweifelt über das Vergessen der anderen. In Henry erfährt sie am Ende eine Art von Erlösung, auch wenn ihr die nur so nebenbei von ihrem dunklen Gefährten geschenkt wird dafür, dass sie bei ihm bleibt. All die Geschichte, die in Addies 300 Jahren auf der Welt passiert, nimmt dagegen kaum Raum ein, wird nur als Randbemerkung und in Form von einigen Begegnungen mit Künstlern dargestellt. Addies Horizont wird dadurch nicht größer, ihre Erkenntnisse helfen ihr nicht zu größerem Denken, wertvollerem Handeln. Ihr Leben bleibt flach und unsichtbar, aber ihre Wahrnehmung der Welt ebenso. Hier wurde erzählerisches Potential verschenkt, auch wenn Addies Geschichte und ihre Romanzen unterhaltsam waren. 

V.E. Schwab, Das unsichtbare Leben der Addie LaRue. Argon 2021.

Thursday, September 10, 2026

Ann Patchett - Whistler

Ann Patchett's novel Whistler starts with Daphne Fuller and her husband Jonathan visiting the Metropolitan Museum of Art. An older man starts following them - and Daphne realizes that this man is one of her stepfathers, called Eddie Triplett. She was nine when her mother and Eddie were married for only a short period of time and he disappeared from her and her sister's lives quite suddenly shortly after a mysterious accident. Eddie accidentally drove off the side of a remote road when he took Daphne out to watch the stars far away from the city. The two of them were trapped in the car for a long night before they could be rescued. 
After being apart for more than 40 years they catch up and realize that the events of that night are not only important to them but tied a connection between them that is easily renewed today. Together, they reflect on what happened in their lives, what choices they made, good and bad ones, and what impact other people's decisions had on them. In remembering and retelling the details of the accident they reconnect not only to themselves but also to other members of their family. Embedded 
within the plot is a tale that Eddie tells young Daphne to distract her. It is one he had as a book proposal on his desk. Being an editor he knows the power of stories but is not sure if this one - the story of Whistler, a special horse - was a good choice in the situation they are in. Whistler's owner suffers an accident too and is close to dying. While lying outdoors, unable to move (just like Eddie), she sees her favourite dog, an old friend and other people - all of them being dead in real life. Although it is a sad tale there is a good ending to it because of Whistler, the great horse. 
While Daphne still has to tell her family the last part of Eddie's and her accident story, Eddie's health takes a bad turn due to leukemia and his old age. Loss, grief and death are recurring themes in Whistler but also love and being known by a person are important topics. 
It is not an overly complicated story but the way Ann Patchett intertwines the two perspectives with Eddie and Daphne's relationship then and now is extremely well done. There are symbols and themes that reoccur and relate to one another and add another layer of meaning to the story. Both protagonists are interesting characters, Daphne even more so as she reconnects with her younger self while meeting Eddie again and by telling the story of the accident. The ending is very moving, quiet, but brilliantly done, and made me listen to the last part of the novel for a second time. This audiobook is read by the author, not always the best choice, but she brought her story to life perfectly. I thoroughly enjoyed Whistler. 

Ann Patchett, Whistler. Harper 2026.



Saturday, September 05, 2026

Stephen King - Blutige Nachrichten

Blutige Nachrichten von Stephen King ist eine Sammlung von vier Kurzgeschichten, andere Autoren hätten diese vielleicht eher als Novelle einzeln veröffentlicht, aber dies ist Stephen King. 

In "Mr. Harrigans Telefon" arbeitet der junge Craig bei dem alten Mr. Harrigan. Die beiden erleben zusammen die Einführung der ersten iphone Generation, so dass Craig Mr. Harrison bei dessen Begräbnis das iphone mit in den Sarg legt. Craig ruft im Laufe seines weiteren Lebens dieses Telefon an, wobei er mysteriöserweise auf den Anrufbeantworter sprechen kann und Mr. Harrison ihm per Textnachricht und mit Schicksalsschlägen gegen Craigs Widersacher antwortet. Diese Geschichte empfand ich als relativ langatmig für eine Kurzgeschichte.

"Chucks Leben" besticht dagegen durch das dystopische Setting, bei dem Naturkatastrophen und zusammenbrechende Technologie das Leben einschränken, aber in dem Chuck durch Werbeanzeigen, Videos und auf weiteren auffälligen wegen gelobt und gedacht wird. In zwei weiteren Kapiteln wird Chucks Leben erzählt, wobei sozusagen anti-chronologisch aufgedeckt wird, was es mit seinem Tod auf sich hat. Diese Story hat mir wegen des Aufbaus gut gefallen und sie war emotional anrührend.  

"Blutige Nachrichten" ist der Grund, warum ich den Band überhaupt gelesen habe. Es handelt sich um eine Geschichte mit Holly Gibney als Protagonistin. Bei einer Fernsehberichterstattung über eine Explosion in einer Schule fällt Holly der erste Reporter vor Ort auf. Er erinnert sie an den Outsider aus dem gleichnamigen Roman, ein Wesen, das sich von den schlechten Emotionen leidender Menschen ernährt. Der Verdacht lässt sie nicht los, dass sie auf ein weiteres dieser Wesen gestoßen ist. Ihr Weg in die Ermittlungen wird ihr dadurch erleichtert, dass bereits andere die Informationen und Beweise zusammengetragen haben, ihr fällt nur noch die Aufgabe zu, mutig zu sein und das Wesen zur Strecke zu bringen. Nebenbei geraten auch wieder ihre Freunde in Gefahr und sie kämpft gegen ihre inneren Dämonen wegen den Konflikten mit ihrer Familie. "Blutige Nachrichten" hat einerseits Längen, was Hollys Psyche und Gedankengänge angeht, andererseits ist der Plot stellenweise verkürzt, was eine gewissen Unausgeglichenheit mit sich bringt. Dennoch war das Wiedersehen mit Holly es wert. 

In "Ratte" kämpft Drew Larson mit der Tatsache, dass er zwar ein erfolgreicher Literaturdozent und Verfasser von Kurzgeschichten ist, aber ihm in seinem Leben kein Roman gelungen ist. Als ihm eines Tages eine zündende Idee dazu kommt, zieht er sich in das abgelegene Landhaus der Familie zurück. Das Schreiben gelingt ihm zunächst, gerät aber dann erneut ins Stocken, wie auch schon bei seinen früheren Romanversuchen, was ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruchs brachte. Zusätzlich erliegt er einer Grippe und ein heftiger Sturm erschüttert das Haus. In seinem Fieberdelirium sieht er eine Ratte, die ihm einen Deal anbietet - der fertiggestellte Roman gegen den Tod eines Freundes. Drew geht den Deal ein, weil er fälschlicherweise an den nahen Krebstod des Freundes glaubt. "Ratte" spiegelt eindrücklich die Getriebenheit des Autors und seine Bereitschaft, alles für sein Ziel zu opfern, ist beängstigend. 

Die vier Kurzgeschichten zeigen Stephen Kings Stärke, überzeugende, vielschichtige Protagonisten in ein paranormales Setting einzubetten und dabei starke Emotionen zu wecken. Insgesamt waren die Geschichten allesamt lesenswert, auch wenn ich den Kurzgeschichten wohl immer einen Roman vorziehen werde. Die Lesung von David Nathan hat den Geschichten wieder einmal besonderes Leben gegeben.

Stephen King, Blutige Nachrichten. Random House Audio 2020. 

Saturday, August 22, 2026

Jenny Han - Der Sommer, als ich schön wurde

Die Summer-Trilogie von Jenny Han erfreut sich großer Popularität, die auch die Fernsehserie einschließt. Der erste Band Der Sommer, als ich schön wurde erzählt von den Sommerferien der  15jährigen Belly, die sie jedes Jahr mit ihrer Mutter und ihrem Bruder bei einer befreundeten Familie in Cousins Beach verbringt. In Rückblicken erinnert sie sich an die vorangegangenen Sommer und ihre Erlebnisse mit den beiden Söhnen Jeremiah und Conrad. Im Mittelpunkt steht die zentrale Frage, wen der beiden Jungen sie nun liebt und wie diese auf sie reagieren. 
Ich habe knapp die Hälfte des Audiobooks gehört und lasse dieses Buch nun ziehen. Es ist seicht, das war zu erwarten. Die Gedankengänge, denen Belly sich hingibt, und ihr Verhalten sind schlichtweg nervig. Sie definiert sich nur über die Reaktionen der Jungen auf sich, die Anekdoten ihrer Erlebnisse sind banal und bisher ist auch keine echte Coming-of-Age-Geschichte (wie man bei dem Titel erwarten könnte) erkennbar. Sie wächst nicht, zumindest nicht innerlich, sie wirkt unreif und oberflächlich auf mich, als besonderes Beispiel fallen mir hier die fehlenden Emotionen bezüglich der Krebserkrankung der Freundin ihrer Mutter ein. Auch als sie sich an den Besuch ihrer Freundin im Sommerhaus erinnert, geht es zwischen den beiden nur um die Jungen. Ja, natürlich ist das das Konzept des Buches, aber ein bisschen mehr Charakterstärke hätte man ihr schon geben können anstatt sie sich ständig weinerlich über die Ignoranz der Jungen beschweren zu lassen als alleiniger Lebensinhalt. Jedenfalls gebe ich das Audiobook nun auf, es ist mir die Lebenszeit nicht wert. 

Jenny Han, Der Sommer, als ich schön wurde. Audio Verlag München 2022.

Wednesday, August 19, 2026

Fredrik Backmann - Die Gewinner

Wir kehren im dritten Band Die Gewinner von Fredrik Backman zurück nach Björnstadt. Nach die Kleine Stadt der großen Träume und Wir gegen euch ist dies der dritte Band um die kleine Eishockeystadt in den Wäldern Schwedens. Es wird angeknüpft an die Charaktere und Ereignisse der beiden Vorgänger und eine Beerdigung bringt alle wieder in Björnstadt zusammen. Während in den ersten Kapiteln mit einem Sturm ein ereignisreicher Anfang geschaffen wird, nimmt der allwissende und wieder etwas von oben herab sprechende Erzähler sich danach sehr viel Zeit, die Ereignisse, von denen er selbstverständlich schon alles weiß, nach und nach vor uns auszubreiten. 
Die Zutaten des Romans sind dieselben wie zuvor, und das sind nicht wenige: die rivalisierenden Vereine, die Bedeutung eines Sports als Symbol der Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft, Korruption und Gemauschel, der Ehrgeiz, dies aufzudecken, um für sich (oder den favorisierten Verein) Vorteile zu schaffen bzw. das Überleben zu sichern, Freundschaften und - mit zunehmend größerer Bedeutung - die Übergriffe und Vergewaltigungen von jungen Männern auf die jungen Frauen des Romans. Die Vergewaltigung war die Katastrophe im ersten Band, aber das Opfer geht dank intensiver Unterstützung durch die Familie trotz großer Schwierigkeiten und weiterem Mobbing mit gewisser Gerechtigkeit aus der Situation hervor, obwohl sie nicht völlig heil ist und vermutlich niemals sein kann. Dieses Glück einer Chance auf Gerechtigkeit wird nicht allen zuteil und dies nutzt Backman als Triebfeder für die Katastrophe von Die Gewinner. Alle Charaktere des Romans haben Fehler in ihrem Leben gemacht, wir sehen ihnen zu, wie sie neue Fehler machen und auch die alten bereuen. Können Fehler wieder gut gemacht werden? Kann man Ausgleich schaffen für das Schlechte, was man getan hat? Wie vergibt man, wie wird einem vergeben? Und wie entsteht Hass und Zerstörungswut, wie Zusammengehörigkeit und Loyalität? Backman beleuchtet diese Themen in und an seinen Charakteren, facettenreich, meistens interessant und emotional angreifend, nur manchmal etwas langatmig. In dem Bemühen, allen Charakteren den Raum und den Ab- und Anschluss zu geben, den sie verdienen, verliert sich die Geschichte manchmal im Kleinen, wird auch in Details kitschig oder zu symbolträchtig. Man gönnt es diesen besonderen Menschen, dass ihre Geschichte erzählt wird, aber die Stringenz des Plots leidet darunter. Dennoch habe ich das Wiedersehen mit Björnstadt und seinen Menschen sehr genossen und wer die ersten beiden Bände mochte, der wird sich auch auf die emotionale Achterbahnfahrt mit Die Gewinner machen wollen. 

Fredrik Backmann, Die Gewinner. Der Hörverlag 2023.

PS: Backman war das Thema Vergewaltigung wichtig, dazu hier noch das passende Zitat aus dem letzten Teil des Romans: 

“Parents always think they have to talk to their daughters about guys. We shouldn’t wear short skirts and shouldn’t go out alone and shouldn’t get drunk and shouldn’t let guys like us too much. But you don’t have to talk to us about guys because we already know all that, for fuck’s sake, because we’re the ones they rape!! Talk to your damn sons instead!!! Teach them to talk to one another and teach them to stop one another. Raise just one fucking boy somewhere who can become a head teacher who understands that when boys pull girls by the hair, it’s the fucking boys there’s something wrong with. Tell your sons that if they have to THINK about whether or not they’ve had sex with a girl who didn’t want it, then they HAVE!!! If you can’t understand if the girl you’re having sex with wants it or not, then you’ve never had fucking sex with a girl who wants it. Stop telling your daughters. We already know it all.”

 



Tuesday, August 11, 2026

Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb

Nach Alles, was wir geben mussten ist Was vom Tage übrig blieb mein zweiter Roman von Kazuo Ishiguro. Er gewann damit 1989 den Booker Preis. 
Wie Kathy in Alles, was wir geben mussten haben wir einen sehr subjektiven personalen Erzähler: Stevens ist Butler. Damit ist schon viel über ihn gesagt, denn sein Beruf ist es, über den er sich definiert. Der Roman ist eher handlungsarm, auch wenn Stevens ungewöhnlicherweise eine Reise mit dem Auto in den Süden Englands unternimmt. Es ist 1956 und er bekommt das Auto von seinem Dienstherrn geliehen, einem neureichen Amerikaner, der Darlington Hall nach dem Tod von Lord Darlington gekauft hat. Stevens gehört als Butler zum Inventar, tut sich aber schwer damit, sich an die neuen Gegebenheiten mit amerikanischer Lebensweise, Humor und vor allem der geringeren Personaldecke zu gewöhnen. So sind es auch hauptsächlich seine Erinnerungen an seine Dienstzeit unter dem Lord, die den Roman füllen. Im Zentrum stehen immer wieder die Themen Würde und Loyalität, hier sieht sich Stevens in der Rolle eines großen Butlers, wie es sie nur in Großbritannien geben kann. Hinzu kommt die Beschäftigung mit dem politischen Engagement seines Herren in den Jahren zwischen den zwei Weltkriegen. Dieser sympathisierte mit den Deutschen, zunächst hinsichtlich der Lockerung der Reparationszahlungen, später aber auch mit den Nationalsozialisten - als dies herauskam, war Lord Darlington ein geächteter Mann. Diese Tatsache findet Stevens zutiefst ungerecht, wobei er sich der Fehleinschätzungen Darlingtons zwar bewusst ist, diese aber nicht als solche akzeptieren kann, denn er als großer Butler kann keinem Mann gedient haben, der derart befleckt ist. Die Fassade, die Optik muss stets erhalten bleiben. Zutiefst verstörend ist dies, weil Stevens dies auch auf seine persönlichen Beziehungen ausweitet. Er bewundert seinen Vater, auch Butler, als sein großes Vorbild, doch als dieser alt wird und schließlich erkrankt und stirbt, kann er nicht aus seiner Rolle und sich nicht verabschieden - eine herzzerbrechende Szene. Seine Reise, eigentlich ein unnötiger Luxus in seinen Augen, begründet er vor sich selbst auch mit der Tatsache, er könne dann Mrs Benn (ehemals Miss Kenton und Haushälterin auf Darlington Hall) aufsuchen, ob sie vielleicht wieder mit ihm zusammenarbeiten möchte. Unausgesprochen bleibt, dass die beiden eine große Sympathie verband, bei der es Stevens versäumt hat, die nötigen Schritte zu unternehmen, um seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Dies schafft er noch nicht einmal bei der Rückschau auf die zahlreichen Gegebenheiten, in denen Miss Kenton versucht hat, ihm diese Gefühle zu entlocken. So verstreicht auch das Treffen mit ihr in einer geradezu schmerzhaften Sachlichkeit. 
Bewunderswert an Was vom Tage übrig blieb ist die sprachliche Kontinuität, die distinguierte Sprache des Butlers, seine Unfähigkeit, sich seinen Emotionen auch nur zu nähern, und seine missgeleitete Vorstellung von Würde, die ihn in einem freudlosen Leben verharren lässt. In der letzten Szene rät ihm ein Unbekannter, nicht an der Vergangenheit festzuhalten, sondern in der Gegenwart zu leben, doch es bleibt ungewiss, ob dies für Stevens im Bereich des Möglichen liegt. 
Die exzellente Lesung von Gert Heidenreich passt inhaltlich hervorragend zu diesem Roman und hat beim Hören sehr viel Freude gemacht. 

Kazuo Ishiguro, Was vom Tage übrig blieb. Random House Audio 2017. 

Monday, August 10, 2026

Samuel Burr - Das größte Rätsel aller Zeiten

In Samuel Burrs Das größte Rätsel aller Zeiten versucht der 25jährige Clayton Stumper nach dem Tod seiner Pflegemutter Pippa herauszufinden, wer seine leiblichen Eltern sind. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er mit Pippa und einer besonderen Gruppe von Menschen, die sich die "Gemeinschaft der Rätselmacher" nennt. Die Gruppe wohnt in dem alten Herrenhaus Creighton Hall und verdient ihr Geld mit dem Erstellen von Rätseln, Puzzlen, Labyrinthen, etc. So ist es naheliegend, dass Pippa die Spur zu seiner Herkunft in verschachtelten Rätselherausforderungen legt. 
In einem parallen Erzählstrang folgen wir Pippa bei den Ereignissen von der Gründung der Gemeinschaft bis zu Claytons Ankunft in Creighton Hall als Baby in einer Hutschachtel. 
Auf der Proseite des Romans stehen die illustren, verschrobenen Charaktere, die der Autor zusammenwürfelt, um jede:r auf ihre/seine Weise zum Gelingen der Gemeinschaft und zu Claytons Erziehung beizutragen. Vielleicht kann man auch die durch den Roman verteilten Rätselfragen (im Audiobook natürlich nur eingeschränkt) positiv verbuchen, die sicher zum Miträtseln anregen. 
Leider haben mich die beiden Protagonisten der Erzählstränge nicht überzeugt, obwohl sie in ihrer Grundanlage durchaus Potenzial hatten. Clayton ist aufgrund des Aufwachsen unter den ältlichen Rätselmachern ein wenig aus der Welt gefallen, was soweit noch glaubhaft scheint, aber dass dies dazu führen soll, dass er sich der wesentlichen Emotionen (und seiner eigenen sexuellen Orientierung) im Alter von 25 nicht gewahr sein soll, ist nicht plausibel. Pippa startet als starke Persönlichkeit, die sich als Frau unter Männern durchsetzt und ihre Ideen und Träume gegen Widerstände umsetzt. Dann fällt ihr jedoch ein, dass sie doch noch ein Kind will, eigentlich auch einen Mann, aber auf gar keinen Fall kann sie überblicken, dass sie für Finanzielles kein Händchen hat, und führt die Gemeinschaft fast in den Ruin. Damit wird ihre angeblich so hohe Intelligenz und Durchsetzungkraft ad absurdum geführt und auch sie ist als Charakter im Wesentlichen unglaubhaft. Auch finde ich die Grundprämisse des Romans schwierig: Die Pflegemutter Claytons kennt seinen Hintergrund und kann ihm das ersehnte Wissen beschaffen, aber sie hält es vor ihm verborgen, um es dann in einem Rätselspiel posthum zu enthüllen? Das gibt der Botschaft der selbstgewählten Gemeinschaft für das Zusammenleben, die vielleicht sogar vorteilhafter sein kann als die genetische Familie, einen seltsamen, fast grausamen Beigeschmack in dem sonst aber ganz unterhaltsamen Roman.

Samuel Burr, Das größte Rätsel aller Zeiten. Dumont 2024. 

Saturday, August 08, 2026

M.L. Stedman - Ein weites Leben

Nach Das Licht zwischen den Meeren (The Light Between Oceans, 2012) ist Ein weites Leben (A Far-Flung Life, 2026) M.L. Stedmans
zweiter Roman. Auch dieser spielt in Australien, auf einer Schaffarm im Westen Australiens. Er erzählt vom Schicksal der Familie MacBride, beginnend mit dem fürchterlichen Moment 1958, als der Vater mit seinen zwei Söhnen im Jeep einen durch ein Känguru verursachten Unfall erleidet. Nur der jüngere Sohn Matthew überlebt, allerdings mit schweren Folgen, die längere Therapie benötigen. Doch dies ist nicht der einzige schwere Schicksalsschlag, den die Familie erleidet. Die Tochter Rosie sieht nach der Geburt ihres unehelichen Sohnes keinen Ausweg und springt mit dem Kind in einen Minenschacht. Doch das Baby überlebt und ist Belastung und Hoffnung der Familie zugleich. 
Allein dies würde in anderen Romanen bereits völlig für einen Plot ausreichen, doch Stedman mutet den MacBrides und den Nebencharakteren noch einiges mehr zu. So erstreckt sich die Erzählung mit einigen Sprüngen bis in die 2000er Jahre und endet mit positiven Aussichten und einem versöhnlichen Ende. 
Es ist eine lange und zum Teil emotional belastende Reise, zu der man in Ein weites Leben aufbricht. Das Schicksal, aber auch menschliches Versagen, Unachtsamkeit und hohe Emotionalität treffen hier schonungslos, aber auch aufrichtig aufeinander. Zeitgleich erleben wir die Historie des australischen Hinterlands authentisch mit, Flora, Fauna und Menschen, was für mich ein interessanter Nebenaspekt war. Einige der Tiefschläge für die MacBrides sieht man kommen und denkt sich „nicht das auch noch“, aber interessant ist dennoch, wie die Autorin ihre Protagonisten darüber hinauswachsen lässt. Nicht immer sofort und offensichtlich, aber die Botschaft tritt deutlich hervor: Auch wenn die Katastrophe übermächtig erscheint, so lohnt es immer, daran zu glauben, dass das Leben weiter lebenswert bleibt und auch wieder Gutes geschehen wird. Trotz der unvermeidlichen Längen, die dieser Roman mit sich bringt, allein wegen der Zeitspanne, den er umfasst, hat mir auch diese zweite Geschichte von Stedman sehr gut gefallen.  

M.L. Stedman, Ein weites Leben. Random House Audio 2026.

Sunday, August 02, 2026

Martha Wells - Der Netzwerkeffekt

Martha Wells hat mit ihrem Roboter-Mensch-Hybriden einen ungewöhnlichen und interessanten Protagonisten geschaffen, der mich bereits in Tagebuch eines Killerbots angenehm überrascht hat. Während die ersten vier Teile eher Novellen als Romane darstellen und in einer deutschen Gesamtausgabe (#1-4) zusammengefasst sind, ist Der Netzwerkeffekt ein Roman mit einem komplexen Plot. Der Killerbot mit seinen hypersarkastischen und dennoch allzu menschlichen Sichtweisen und Emotionen (auch wenn er das nie zugeben würde) wird zusammen mit einem Menschen (noch dazu der minderjährigen Tochter seines Lieblingsmenschen) bei einem Angriff auf das Raumforschungsschiff, auf dem sie sich befinden, entführt. Sie erwachen auf einem anderen Raumschiff, das Killerbot seltsam vertraut vorkommt - denn er ist befreundet mit dem Steuerbot des Schiffes, doch der scheint ...tot... zu sein, denn er kann keine Signale von ihm empfangen. Stattdessen sind bizarr handelnde Alienmenschhybriden auf dem Schiff und machen Killerbot das Leben und vor allem dias Beschützen seines Menschen schwer. Dahinter verbirgt sich eine komplizierte Geschichte von Kolonien, Korporationsfirmen, Alienvirusbefall und vielem mehr. 
Der Netzwerkeffekt ist ein Rausch von Actionszenen, dem besonderen Humor von Killerbot, sensiblen Blicken auf Freundschaft unabhängig von Gender und "Rasse" und einem spannenden Rätsel, das Schicht für Schicht aufgedeckt wird. 
Ich gebe zu, der Anfang war ein verwirrendes Durcheinander, weil ich mich erst einmal wieder in Killerbots Narrativ einlesen musste und die Tech-Begriffe und die Namensgebung der Gegner generell gewöhnungsbedürftig sind, aber insgesamt halte ich die zahlreichen Preise, die der Roman erhalten kann, für gerechtfertigt. (Die da wären: Hugo Award for Best Novel 2021, Nebula Award for Best Novel 2020, Locus Award for Best SF Novel 2021 - beachtlich!)
Weiterhin klare Leseempfehlung für die Reihe. 

Martha Well, Der Netzwerkeffekt. Random House Audio 2021. 

Thursday, July 30, 2026

Linda Castillo - Quälender Hass

Man könnte meinen, Amish County würde irgendwann seinen Reiz verlieren, aber irgend etwas bringt mich immer wieder zurück zu Kate Burkholder. In Quälender Hass verliert sie sich glücklicherweise nicht allzu sehr in Selbstzweifeln, sie bleibt hartnäckig an ihrem Fall dran. Und der ist selbstverständlich wieder einmal höchst brutal. Eine amische Großmutter wird mit zahlreichen Messerstichen abgeschlachtet, eine Enkelin entkommt dem Täter verstört, die andere wird entführt. So stehen alle Ermittlungsbeamten unter hohem Zeitdruck, um das Mädchen - und natürlich auch den Mörder - zu finden. Schnell wird klar, dass die Ursprünge des Falls in der Vergangenheit liegen und die Beteiligten geben ihr Wissen nur widerwillig preis. 

Dieser elfte Band von Linda Castillos Reihe weist ein hohes Erzähltempo und mit hohem Spannungsniveau auf. Ein Kritikpunkt ist allerdings die Plausibilität des Motivs hinsichtlich der hohen Gewaltbereitschaft des Täters, besonders vor dem Hintergrund des amischen Glaubenssystems.

Linda Castillo, Quälender Hass. Argon 2019.

Wednesday, July 29, 2026

Louise Penny - Lange Schatten

Armand Gamache und seine Frau sind anlässlich ihres Hochzeitstages in einem alten, aber edlen Hotel mitten in den kanadischen Wäldern. Alles könnte sehr friedlich sein, wenn nicht gleichzeitig die nicht sehr harmonische Familienfeier der Finneys dort stattfinden wird. Zunächst beobachtet Gamache die Familienmitglieder interessiert, schließlich soll auch noch eine Statue zu Ehren des Patriarchen errichtet werden. Doch kurz nach der Enthüllung kippt die Statue von ihrem Sockel und erschlägt eine der Töchter. Ein Unfall kann ausgeschlossen werden, aber was für eine bizarre Mordmethode? Motive lassen sich innerhalb der verkrachten Familien zahlreiche finden, aber das "Wie" lässt Gamache lange keine Ruhe, bis ihm der Besuch bei einem Fest in Three Pines (das Dorf kann ja nicht nicht vorkommen) den Geistesblitz zur Lösung des Falls beschert. 
Lange Schatten bietet die üblichen sympathischen Elemente der Reihe von Louise Penny, mit langem Anlauf, einigen Irrwegen und vielen menschlichen Abgründen. Solide.

Louise Penny, Lange Schatten. DAV 2008.

M.L. Wang - Blood over Bright Haven

M.L. Wang Fantasy-Dystopie Blood over Bright Haven hat mich positiv überrascht. Das ein oder andere Fantasy-Epos der letzten Jahre hat sich als eher schwach erwiesen, hier passt alles gut zusammen. Einziger Kritikpunkt, um dies vorwegzunehmen, ist einmal mehr die etwas ausufernde Länge des Romans, mit denen auch einige erzählerische Längen einhergehen und die stellenweise etwas, aber nicht zu sehr klischeebelasteten Charaktere, aber beides fällt nicht allzu sehr ins Gewicht. 

Tiran ist eine industriell geprägte Stadt, die durch eine magische Kuppel von der sie umgebenden unwirtlichen Welt geschützt wird. Außerhalb ist das Überleben so schwer geworden, dass die dort lebenden Völker versuchen in die Stadt zu fliehen, auch wenn der Weg gefährlich ist und ihnen von den Tiraner eher Diskriminierung und Ausbeutung droht. Thomil ist einer der wenigen, der den Weg in die Stadt schafft, während seine Sippe vom Feuerbrand - vom Himmel herabschießende, tödliche Blitze - ausgelöscht wurde. Es sollte eigentlich nur ein Scherz von einem fiesen Magier sein, als ausgerechnet Thomil als Assistent für Sciona eingeteilt wird, denn eigentlich arbeitet er als Hausmeister. Sciona ist die erste weibliche Hochmagierin, deren besondere Begabung und hartnäckiger Ehrgeiz sie in den elitären Kreis gebracht hat. Doch Sciona betrachtet auch Thomil als Herausforderung, führt ihn an die Magie heran und findet in ihm einen argumentativen Gegner und Partner, der sie bei ihren Projekten voranbringt. 
Die Magie Tirans scheint in Mathematik und Ingenieurswissenschaften verwurzelt. Zugrunde liegen ihr zahlreiche Formeln, mit deren Hilfe Energie für die Wirtschaft und das alltägliche Leben der Stadt gewonnen werden kann. Dabei ist dies fest verwoben mit dem Glaubenssystem der Gründer der Stadt, das voraussetzt, dass die Regeln der Magie gottgegeben und unumstößlich sind. Der Wissens- und Erfolgsdrang Scionas bringt sie aber dazu, die Grenzen des Systems zu überschreiten und entdeckt die schockierende Wahrheit über die Basis für Tirans Wohlstand. 
Auch wenn das Worldbuilding und vor allem die Erklärungen zu dem Magiesystem anfangs viel Raum einnimmt, treten schon bald die großen Fragen des Romans in der Vordergrund. 

  • die Rolle der Frau in der Gesellschaft: starke Restriktionen, patriarisch definierte Rollenbilder, die von Religion und Staat rigoros aufrecht erhalten werden
  • Diskriminierung von angeblich minderwertigen Bevölkerungsgruppen im beruflichen und im sozial-gesellschaftlichem Umfeld und sogar in der Rechtsprechung, wobei alles getan wird, um die weitverbreiteten Vorurteile und Bildungsrückstand aufrechtzuerhalten
  • rücksichtslose Ausbeutung von Natur und Menschen für den Wohlstand einzelner Personengruppen ohne die Begrenztheit der Resourcen zu berücksichtigen

Die beiden Protagonisten sind in ihren Gegensätzen gut konstruiert, um in einen argumentativen, aber auch emotionalen Dialog zu treten, der diese Probleme beleuchtet. Die Gegensätze sind vielleicht ein bisschen offensichtlich, aber darüber kann man hinwegsehen. Gut gefallen hat mir, wie dabei ihre außerdem wachsende Beziehung ihre Sichtweisen nach und nach verschiebt und ihnen reflektiertere Handlungen ermöglicht. Während in den ersten zwei Dritteln des Romans die Handlung hauptsächlich dialogbasiert voranschreitet (entsprechend dem Dark Academia Genre), zieht das Erzähltempo und die Ereignisse im letzten Teil deutlich an und daraus entwickelt sich ein deutlich überraschendes Finale. Auf der Plusseite verbuche ich außerdem das Fehlen von unpassenden romantisch-sexualisierenden Szenen - hier tut die Autorin ihrem Genre einen Gefallen und driftet nicht ins (sich zur Zeit so gut verkaufende) Romantasy ab. Sehr gut ist auch Sprecherleistung von Uta Simone – sie verleiht dem Hörbuch eine  zusätzliche Atmosphäre und Qualität. 
Insgesamt ist Blood over Bright Haven ein empfehlenswerter Roman für Fantasyliebhaber, die kritische Bezüge zu unseren eigenen gesellschaftlichen Defiziten nicht scheuen. 

M.L. Wang, Blood over Bright Haven. Silberfisch 2025.

Sunday, July 26, 2026

Kristina Ohlsson - Die Tote im Sturm

Kristina Ohlssons neue Krimireihe spielt im beschaulichen Südschweden. In der gleichen Nacht in der August Strindberg (nein, nicht der berühmte Autor, wie er selbst mehrfach erklären muss) in dem kleinen Ort Hovenäset ankommt, verschwindet Die Tote im Sturm. Nachdem ihr Mann Agnes Eriksson vermisst gemeldet hat, starten Polizistin Maria und ihre Kollegen die Suche und ihre Ermittlungen, kommen jedoch kaum weiter, weil es keine Spuren zu geben scheint. 
Die Erzählung wechselt zwischen mehreren mehr oder wenig Beteiligten, der Familie Eriksson, einer befreundeten Familie, Maria und August. Der Untertitel des Romans "August Strindberg ermittelt" ist eher irreführend, denn August hat gar keine Ambitionen zu ermitteln, er gerät nur durch seine außergewöhnliche Situation mitten ins Geschehen. Er hat nämlich das Gebäude eines alten Bestattungsunternehmen erworben, um dort einen Second-Hand-Laden zu eröffnen und sein altes Stockholmer Bänkerleben hinter sich zu lassen. Er wohnt außerdem in einem Haus mit finsterer Vergangenheit, denn vor 30 Jahren wurde dort die zerstückelte Leiche einer ebenfalls zunächst vermissten Person gefunden. Das findet er aber erst nach zahlreichen mysteriösen Bemerkungen und Andeutungen heraus. Zudem bieten ihm einige der Anwohner Dinge zum Verkauf an, die alle irgendwie mit den Geschehnissen damals und/oder heute zu tun haben. Er ermittelt also weniger, sondern ihm werden die Dinge vor die Nase gehalten, sodass er sich zwangsläufig damit beschäftigen muss. Praktisch aber auch, dass er Maria sehr sympathisch findet, wenngleich die erst noch durch einen Kollegen von dem gewalttätigen Ehemann getrennt werden muss (weil sie selbst es nicht hinbekommt, argh!). Dazu kommt noch ein höchst problematisches Liebesverhältnis und einige sehr gestörte Familiendynamiken. Alles in allem wirkt Die Tote im Sturm ein bisschen zu überladen auf der emotional-sozialen Seite und ein bisschen blass bzw. zu konstruiert in Bezug auf den Kriminalplot. Auf der Plusseite würde ich - neben dem Setting in dem wilden, schwedischen Kaff - den Protagonisten August verbuchen, der ausreichend anders und skurril ist, um vielleicht in den nächsten Bänden eine gute Figur abzugeben, so ganz ausgereift ist dieser erste Band aber nicht. 

Kristina Ohlsson, Die Tote im Sturm. DAV 2022. 

Thursday, July 23, 2026

E.M. Forster - A Room with a View

A Room with a View was first published in 1908 by English writer E. M. Forster. It deals with a young woman named Lucy who struggles with her place in the society of early 20th century England. 

The novel starts in Italy where Lucy and her cousin and chaperone Miss Charlotte are on a cultural vacation. They are disappointed because they didn't get A Room with a View as promised which leads to Mr Emerson and his son George giving up their rooms to them. They accept but only after having discussed in length if it is appropriate to do so. From this moment on "something is going on" between Lucy and George but of course this is not appropriate and many complications including an engagement to another (apparently wrong) young man, bathing naked and some kissing.
From today's point of view the whole thing is kind of boring as we watch Lucy trying to find her way out of an entanglement that her family or rather society has woven for her. Seen in its context the novel does a very good job to show the extreme contrast between how women at the time were supposed to behave and how they were expected to do and even think what men wanted them to and the slow awakening of Lucy's own mind as she starts to realize that she can have her own knowledge, opinions and at last the life she wants to lead. Of course she isn't really free or emancipated at the end of this novel but she gained new perspectives and some happiness in her life - even though it costs her the loss of some people in her life.

Wanda McCaddon’s narration makes this audiobook a pleasure to listen to and brings life to the story. 

 

 


Tuesday, July 21, 2026

Terry Pratchett - Der Club der unsichtbaren Gelehrten

Re-read als deutsches Audiobook im Juli 2026, ursprünglich gelesen Oktober 2010: An meiner Bewertung würde ich nichts ändern, das Audiobook wurde gekonnt gelesen von Volker Niederfahrenhorst. Es ist dennoch nicht der beste Pratchett. Hier meine damalige Einschätzung:

Mit der Scheibenwelt, also Pratchetts literarischer Welt, verhält es sich so, dass man sie entweder liebt oder grundsätzlich nicht versteht, warum man so einen Blödsinn lesen soll. Ich gehöre zur ersten Kategorie: Hexen, Trolle, die Wache, die Magier,... - das alles ist großartig und fantastisch in jeder Hinsicht. Pratchett schafft eine Welt, in der alles möglich ist, die aber der unseren ähnlich genug ist, um sie ironisch zu kommentieren und den Finger genau auf unsere eigenen bizarren Wirklichkeiten zu legen.
In "Unseen Academicals" geraten die Magier von Ankh-Morpork in den Zwang, Fußball spielen zu müssen, was eigentlich ein Spiel des Volkes ist, das brutal und nahezu regellos auf den Straßen der Stadt gespielt wird. Nun braucht es ein neues (teilweise schwachsinnig anmutendes) Regelwerk (nette Episode zur Abseits-Regel!) und vor allem eine Mannschaft. Pratchett kontrastiert die Welt der kleinen Leute, die kochen, Fußball spielen und die Kerzen in der Unsichtbaren Universität austauschen, mit der Welt der Magier und Reichen.
Zunächst: Es war ein Pratchett und die Charaktere waren liebevoll entwickelt und sprachlich war es im Original ein Genuss.
Die Geschichte gefiel mir aufgrund der Fußballthematik nicht besonders, auch entwickelte sich die Handlung eher langsam, laut lachen konnte ich dennoch, etwa ab dem letzten Drittel, ab da wurde es auch spannender. Wenn man den amazon-Rezensionen Glauben schenken kann, muss die deutsche Übersetzung jedoch katastrophal ausgefallen sein. Wer kann, lese also im Original.

Terry Pratchett, Der Club der unsichtbaren Gelehrten. Random House Audio 2022.

Thursday, July 16, 2026

Kathy Reichs - Die Spur der Angst

Kathy Reichs hat mit Die Spur der Angst den 24. Band einer vormals großartigen Reihe um die forensische Anthropologin Tempe Brennan veröffentlicht. Was war daran großartig? Die Protagonistin, die sich mit wissenschaftlicher Akribie und viel Anteilnahme den unidentifizierten Toten widmete, überzeugte durch Wortwitz, Empathie und ihrer Fähigkeit, sich gegen die vor männlichem Ego strotzenden Ermittler zu behaupten und mit ihnen gut zusammenzuarbeiten. Dazu kamen spannende Fälle, bei denen man sich dem Täter Schritt für Schritt näherte mit solider Ermittlungsarbeit. Die Nebencharaktere wurden nach und nach ausgestaltet und wuchsen den Lesenden ans Herz, inklusive Katze Birdy und dem Chowchow. 

Was Die Spur der Angst bietet, ist leider ein schwacher Abgesang darauf. Während die ursprüngliche Idee eines Täters, der zunächst Tierkadaver makaber dekoriert und dann in seinen weiteren Taten eskaliert, recht interessant ist, verschwimmt dieser Fall in einem Gemisch aus Familiengeplänkel, nutzloser Auseinandersetzung mit dem leicht abstoßenden Detective Slidell und Tempes hirnlosem und ignorantem Verhalten. Schon in einigen der letzten Bände rannte sie im Showdown kopflos in die Falle, hier geht sie nachts allein ihren Kater suchen, obwohl sie weiß, dass ein Killer und ein Stalker unterwegs sind. Die persönlichen Probleme ihrer Familienmitglieder werden von ihr ignoriert und abgetan, es bleibt wenig übrig von ihrer Empathie und Besonnenheit. Die Forensik und die Wissenschaft bekommt keinen Raum in diesem Fall, stattdessen muss man ausführlich psychologischen Gemeinplätzen und philosophischen Ideen über das wahre Böse beiwohnen. Über die Auflösung des Falls will ich besser nichts sagen - nur so viel, dass er mit dem Rest des Romans fast nichts zu tun hat. 
Es tut mir wirklich leid um diese Protagonistin und eine meiner Lieblingsreihen, aber es ist nun einmal kein gutes Buch. 

Kathy Reichs, Die Spur der Angst. Random House Audio 2026.

 

Monday, July 13, 2026

Colson Whitehead - The Nickel Boys

Colson Whitehead’s The Nickel Boys is a precisely crafted novel that shows why he is a prominent voice in contemporary fiction. Following The Underground Railroad, Whitehead revisits the theme of systemic racism, yet finds a sharper, more personal focus here by centering the narrative on the claustrophobic environment of a juvenile reformatory in the 1960s in Florida.

The Pulitzer Prize (2020) it received is warranted. Whitehead dissects the brutality of the institute without using pure sensationalism. He captures the suffocating atmosphere of the Nickel Academy. It is a fictionalized version of the real-life Dozier School for Boys, which operated until the early 2000s. The descriptions of the abuse suffered by the students are drastic and leave little room for comfort.
At the center of the story is Elwood Curtis, whose idealism serves as the novel’s moral anchor. He is a dedicated follower of Martin Luther King Jr., and finds hope in the Civil Rights movement. This idealism makes his experience at the academy especially grim. While his friend Turner advises him to prioritize survival through compliance, Elwood’s refusal to abandon his principles makes him a target. Watching an optimistic character be systematically broken by the institution is a very effective way of showing the brutality and injustice of the system. 
I am a bit less convinced by the plot twist following the climactic showdown when Elwood and Turner try to get away. It feels somewhat detached, just to show the long-lasting effects the Nickel Academy had on its victims. 
Ultimately, The Nickel Boys is a disquieting read. By grounding the narrative in the lives of two distinct teenagers, Whitehead demonstrates how systemic racism destroys
individual lives. It is a cynical, yet necessary, look at a dark chapter of history.

Colson Whitehead, The Nickel Boys. Penguin Random House Audio 2019.

Sunday, July 12, 2026

Charlotte McConaghy - Die Rettung

Nach Zugvögel erhält auch der neue Roman von Charlotte McConaghy einige Aufmerksamkeit. Die Rettung (besser im Original Wild Dark Shore) spielt auf einer verlassenen Insel zwischen Australien und der Antarktis namens Shearwater. In der von der Autorin geschaffenen dystopischen Welt, die unter den Folgen des Klimawandels leidet, hat man dort einen Bunker mit Pflanzensamen angelegt. Da das Wasser zunehmend steigt, ist dieser nicht mehr sicher und das dazugehörige Forscherteam ist bis auf Dominic Salt und seine drei Kinder bereits abgereist. Dominic fällt die Aufgabe zu, die Samen noch zu verpacken, bis auch seine Familie in Kürze abreisen soll. In einer Sturmnacht wird dann eine Frau angespült, schwer verletzt, ihr Boot inklusive Bootsführer haben den Sturm nicht überlebt. Die Familie in ihrem Leuchtturm nehmen sie auf, aber alle misstrauen einander. Was will die Frau, Rowan, auf Sheerwater? Wer ist sie? Was verschweigt Dominic? Welche Geheimnisse haben die Kinder vor ihrem Vater? Hinzu kommen noch zwei Personen, die das Geschehen beeinflussen, ohne anwesend zu sein: Der Geist von Dominics Frau und Hank, Rowans Ehemann.

Ähnlich wie in Zugvögel habe ich nach dem Beenden des Romans das Gefühl, die Autorin wollte zuviel. Das Setting auf der wunderschönen, von bezaubernden Tieren wie Albatrossen und Seelöwen bevölkerten Insel ist atemberaubend. Dazu der Leuchtturm, interessant charakterisierte Kinder, die ihre eigenen Forscherwege gehen, vor dem Hintergrund einer zutiefst misshandelten Umwelt. Nun gut, der unkommunikative Dominic, der mit seiner toten Frau spricht, hat schon von Beginn an etwas hölzern Klischeehaftes. Rowan kämpft mit ihren eigenen Dämonen ihrer Kindheitstraumata und dem Verlust ihres Hauses an einen Buschbrand, auch nicht gerade wenig an Ballast. Wie diese beiden miteinander interagieren, sich annähern, wäre schon eine ausreichend interessante Geschichte gewesen. Doch die Autorin packt noch eine Kriminalgeschichte obendrauf: Was ist mit Hank auf der Insel passiert, nachdem er einen Hilferuf per Mail an Rowan abgesetzt hat? Die Auflösung dieser Frage wirft gleich noch mehrere Fragen nach psychischen Erkrankungen, Missbrauch und Gerechtigkeit auf.  --- ich glaube, damit wird deutlich, was ich mit "zuviel" meine. Dabei ist die Geschichte schön, phasenweise poetisch erzählt. Man möchte diese Charaktere, besonders die Kinder, besser kennenlernen, wünscht ihnen eine Zukunft, die das durchaus geschickt kreierte Ende aber offen lässt. Mich hat Die Rettung trotz der zu großen Fülle an Themen und Blickwinkeln durchaus gefesselt und ich fand es lesenwert.

Charlotte McConaghy, Die Rettung. Bonnevoice 2025.

Sunday, July 05, 2026

Lars Kepler - Der Nachtgänger

Im zehnten Band der Reihe um Joona Linna kehrt das Autorenduo Lars Kepler (alias Alexander and Alexandra Coelho Ahndoril) in gewisserweise thematisch zum ersten Band Der Hypnotiseur zurück. Den Einstieg damals in die Reihe fand ich nicht ganz so gelungen, aber inzwischen ist einem Joona irgendwie ans Herz gewachsen, wie das bei manchen Krimireihen so ist, wobei diese zusätzlich auch noch ausgesprochen brutal ist. 
Da macht auch Der Nachtjäger keine Ausnahme: Diesmal werden die Opfer des Serientäters mit einer Axt brutal zerstückelt - nicht nur ein bisschen... Beim ersten Fall wird ein junger Mann verdächtigt, der am Tatort, einem Campingwagen, schläft und erst von den Polizisten geweckt werden muss. Nach einigem Hin und Her kann etabliert werden, dass er Schlafwandler ist (Originaltitel Sömngångaren) und wird fortan als Hauptzeuge betrachtet. Um seine Aussage zu bekommen, ist Erik Berg, der Hypnotiseur, zur Stelle und in mehreren Sessions kann der Zeuge tatsächlich Hinweise geben, wer der Täter ist. Es wird mit den verschiedenen Ebenen von Traum und Schlaferwandel-Erinnerung gespielt, vieles bleibt erklärlicherweise vage, und Joona folgt auch falschen Spuren, die den Täter aber immer mehr in die Enge treiben. Parallel verändert sich der Schlafwandler von einem unsympathischen Kotzbrocken zu einem verantwortungsvollen Menschen. 
Wenn man, wie ich, die sehr blutig-detailreichen Schilderungen der Zerstückelungen ausblendet, so bleibt eine Geschichte mit einem etwas erzwungenen psychologischen Hintergrund (Motiv), einem gewohnt temporeichen Fall mit fähigen Ermittlern (leider ohne Saga Bauer) und erneut einem überzogenen Showdown (Schneesturm). Muss man mögen. 😉 

Lars Kepler, Der Nachtjäger. Lübbe Audio 2025.