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Tuesday, August 11, 2026

Kazuo Ishiguro - Was vom Tage übrig blieb

Nach Alles, was wir geben mussten ist Was vom Tage übrig blieb mein zweiter Roman von Kazuo Ishiguro. Er gewann damit 1989 den Booker Preis. 
Wie Kathy in Alles, was wir geben mussten haben wir einen sehr subjektiven personalen Erzähler: Stevens ist Butler. Damit ist schon viel über ihn gesagt, denn sein Beruf ist es, über den er sich definiert. Der Roman ist eher handlungsarm, auch wenn Stevens ungewöhnlicherweise eine Reise mit dem Auto in den Süden Englands unternimmt. Es ist 1956 und er bekommt das Auto von seinem Dienstherrn geliehen, einem neureichen Amerikaner, der Darlington Hall nach dem Tod von Lord Darlington gekauft hat. Stevens gehört als Butler zum Inventar, tut sich aber schwer damit, sich an die neuen Gegebenheiten mit amerikanischer Lebensweise, Humor und vor allem der geringeren Personaldecke zu gewöhnen. So sind es auch hauptsächlich seine Erinnerungen an seine Dienstzeit unter dem Lord, die den Roman füllen. Im Zentrum stehen immer wieder die Themen Würde und Loyalität, hier sieht sich Stevens in der Rolle eines großen Butlers, wie es sie nur in Großbritannien geben kann. Hinzu kommt die Beschäftigung mit dem politischen Engagement seines Herren in den Jahren zwischen den zwei Weltkriegen. Dieser sympathisierte mit den Deutschen, zunächst hinsichtlich der Lockerung der Reparationszahlungen, später aber auch mit den Nationalsozialisten - als dies herauskam, war Lord Darlington ein geächteter Mann. Diese Tatsache findet Stevens zutiefst ungerecht, wobei er sich der Fehleinschätzungen Darlingtons zwar bewusst ist, diese aber nicht als solche akzeptieren kann, denn er als großer Butler kann keinem Mann gedient haben, der derart befleckt ist. Die Fassade, die Optik muss stets erhalten bleiben. Zutiefst verstörend ist dies, weil Stevens dies auch auf seine persönlichen Beziehungen ausweitet. Er bewundert seinen Vater, auch Butler, als sein großes Vorbild, doch als dieser alt wird und schließlich erkrankt und stirbt, kann er nicht aus seiner Rolle und sich nicht verabschieden - eine herzzerbrechende Szene. Seine Reise, eigentlich ein unnötiger Luxus in seinen Augen, begründet er vor sich selbst auch mit der Tatsache, er könne dann Mrs Benn (ehemals Miss Kenton und Haushälterin auf Darlington Hall) aufsuchen, ob sie vielleicht wieder mit ihm zusammenarbeiten möchte. Unausgesprochen bleibt, dass die beiden eine große Sympathie verband, bei der es Stevens versäumt hat, die nötigen Schritte zu unternehmen, um seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. Dies schafft er noch nicht einmal bei der Rückschau auf die zahlreichen Gegebenheiten, in denen Miss Kenton versucht hat, ihm diese Gefühle zu entlocken. So verstreicht auch das Treffen mit ihr in einer geradezu schmerzhaften Sachlichkeit. 
Bewunderswert an Was vom Tage übrig blieb ist die sprachliche Kontinuität, die distinguierte Sprache des Butlers, seine Unfähigkeit, sich seinen Emotionen auch nur zu nähern, und seine missgeleitete Vorstellung von Würde, die ihn in einem freudlosen Leben verharren lässt. In der letzten Szene rät ihm ein Unbekannter, nicht an der Vergangenheit festzuhalten, sondern in der Gegenwart zu leben, doch es bleibt ungewiss, ob dies für Stevens im Bereich des Möglichen liegt. 
Die exzellente Lesung von Gert Heidenreich passt inhaltlich hervorragend zu diesem Roman und hat beim Hören sehr viel Freude gemacht. 

Kazuo Ishiguro, Was vom Tage übrig blieb. Random House Audio 2017. 

Friday, October 17, 2025

Martin Suter - Elefant

Der Elefant ist nur 30cm groß, rosa und er leuchtet im Dunkeln. Grund genug, dass der obdachlose, alkoholkranke Protagonist Schoch an eine Halluzination glaubt, als er den ersten Blick auf ihn wirft. Er versucht ihn zu füttern, was ihn einige Stunden später, ernüchtert und besorgt, in eine Tierklinik führt. Von da an betreiben er und die Tierärztin ein Versteckspiel, um den kleinen Elefanten vor seinen Verfolgern zu schützen. Er ist das Ergebnis eines Genexperiments und sein Schöpfer Roux will ihn unbedingt zurück, um ihn für weitere Versuche und Profit zu benutzen. Auch der Elefantenpfleger Kaung aus dem Zirkus, aus dem die Leihmutter des rosa Wunders stammt, ist auf der Suche nach dem Tier - allerdings weil er ihn als heilig und deswegen schützenswert findet. 
Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven der Beteiligten und auf mehreren Zeitebenen, um den Lebensweg des Elefanten darzustellen. Die Beschreibungen dieses kleinen Tieres sind sehr liebevoll und niedlich, so dass man auch als Leser:in von dem Elefanten verzaubert wird. Durch ihre Beschäftigung mit dem Tier reflektieren die Schoch, die Tierärztin und auch Kaung ihre eigene Lebenssituation, treffen Entscheidungen und wachsen dadurch. Einige Szenen sind gewollt ironisch-komisch, andere ein wenig kitschig, vor allem am Ende. Die dargestellten Problematiken (Gentechnik, Alkoholismus, ...) gehen nicht so sehr in die Tiefe, dafür ist Elefant von Martin Suter aber durchweg unterhaltsam, auch durch die sehr gute Lesung von Gert Heidenreich.
 
Martin Suter, Elefant. Diogenes 2017.