In "Mr. Harrigans Telefon" arbeitet der junge Craig bei dem alten Mr. Harrigan. Die beiden erleben zusammen die Einführung der ersten iphone Generation, so dass Craig Mr. Harrison bei dessen Begräbnis das iphone mit in den Sarg legt. Craig ruft im Laufe seines weiteren Lebens dieses Telefon an, wobei er mysteriöserweise auf den Anrufbeantworter sprechen kann und Mr. Harrison ihm per Textnachricht und mit Schicksalsschlägen gegen Craigs Widersacher antwortet. Diese Geschichte empfand ich als relativ langatmig für eine Kurzgeschichte.
"Chucks Leben" besticht dagegen durch das dystopische Setting, bei dem Naturkatastrophen und zusammenbrechende Technologie das Leben einschränken, aber in dem Chuck durch Werbeanzeigen, Videos und auf weiteren auffälligen wegen gelobt und gedacht wird. In zwei weiteren Kapiteln wird Chucks Leben erzählt, wobei sozusagen anti-chronologisch aufgedeckt wird, was es mit seinem Tod auf sich hat. Diese Story hat mir wegen des Aufbaus gut gefallen und sie war emotional anrührend.
"Blutige Nachrichten" ist der Grund, warum ich den Band überhaupt gelesen habe. Es handelt sich um eine Geschichte mit Holly Gibney als Protagonistin. Bei einer Fernsehberichterstattung über eine Explosion in einer Schule fällt Holly der erste Reporter vor Ort auf. Er erinnert sie an den Outsider aus dem gleichnamigen Roman, ein Wesen, das sich von den schlechten Emotionen leidender Menschen ernährt. Der Verdacht lässt sie nicht los, dass sie auf ein weiteres dieser Wesen gestoßen ist. Ihr Weg in die Ermittlungen wird ihr dadurch erleichtert, dass bereits andere die Informationen und Beweise zusammengetragen haben, ihr fällt nur noch die Aufgabe zu, mutig zu sein und das Wesen zur Strecke zu bringen. Nebenbei geraten auch wieder ihre Freunde in Gefahr und sie kämpft gegen ihre inneren Dämonen wegen den Konflikten mit ihrer Familie. "Blutige Nachrichten" hat einerseits Längen, was Hollys Psyche und Gedankengänge angeht, andererseits ist der Plot stellenweise verkürzt, was eine gewissen Unausgeglichenheit mit sich bringt. Dennoch war das Wiedersehen mit Holly es wert.
In "Ratte" kämpft Drew Larson mit der Tatsache, dass er zwar ein erfolgreicher Literaturdozent und Verfasser von Kurzgeschichten ist, aber ihm in seinem Leben kein Roman gelungen ist. Als ihm eines Tages eine zündende Idee dazu kommt, zieht er sich in das abgelegene Landhaus der Familie zurück. Das Schreiben gelingt ihm zunächst, gerät aber dann erneut ins Stocken, wie auch schon bei seinen früheren Romanversuchen, was ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruchs brachte. Zusätzlich erliegt er einer Grippe und ein heftiger Sturm erschüttert das Haus. In seinem Fieberdelirium sieht er eine Ratte, die ihm einen Deal anbietet - der fertiggestellte Roman gegen den Tod eines Freundes. Drew geht den Deal ein, weil er fälschlicherweise an den nahen Krebstod des Freundes glaubt. "Ratte" spiegelt eindrücklich die Getriebenheit des Autors und seine Bereitschaft, alles für sein Ziel zu opfern, ist beängstigend.
Die vier Kurzgeschichten zeigen Stephen Kings Stärke, überzeugende, vielschichtige Protagonisten in ein paranormales Setting einzubetten und dabei starke Emotionen zu wecken. Insgesamt waren die Geschichten allesamt lesenswert, auch wenn ich den Kurzgeschichten wohl immer einen Roman vorziehen werde. Die Lesung von David Nathan hat den Geschichten wieder einmal besonderes Leben gegeben.
Stephen King, Blutige Nachrichten. Random House Audio 2020.
