Jennifer Egan, Der größere Teil der Welt. Schöffling 2013.
Saturday, April 04, 2026
Jennifer Egan - Der größere Teil der Welt
Saturday, September 10, 2022
J.D. Salinger - Der Fänger im Roggen
Ich weiß, ich habe das Buch als Jugendliche schon einmal gelesen, erinnerte mich aber an fast nichts, außer, dass es mich beeindruckt hat.
Über den Inhalt kann man viel oder nichts sagen, in aller Kürze dies: Der 16jährige Holden fliegt zum dritten Mal wegen mangelnder Leistungen von einer Schule, ist angenervt von den Lehrern, den Mitschülern und der Gesellschaft im Allgemeinen. Er flieht eines Abends aus dem Zimmer seines Internats nach New York, vermeidet dort aber die Rückkehr in die elterliche Wohnung und streunt einige Zeit durch die Stadt.
Entscheidend sind dabei seine Begegnungen mit verschiedenen Menschen, von denen er manchen zufällig trifft, mit anderen verabredet er sich. Viele dieser Kontakte enden problematisch, mit Ablehnung, Streit oder sogar Gewalt. Holden ist deprimiert, wütend und hat keine Idee, was er mit seinem Leben anfangen will. Die meisten Menschen widern ihn an, er fordert mehr Mitgefühl einerseits, empfindet andererseits aber Abscheu gegenüber den Normen, die Gesellschaft in geordnete Bahnen lenken. Der Tod seines Bruders und der Selbstmord eines Mitschülers haben ihn tief getroffen und sind kaum verarbeitet. Einzig die Beziehung zu seiner Schwester Phoebe hat für ihn großen Stellenwert, ansonsten kann er kaum Dinge benennen, die er mag.
Passend zum Weltschmerz Holdens ist der Erzählstil geprägt durch den häufig thematisch springenden, emotional-aufgeladenen Stream-of-Consciousness, wobei die Jugendsprache der in die Jahre gekommenen Übersetzung meiner Ausgabe inzwischen ein wenig antiquiert wirkt. Er ist ein zutiefst unzuverlässiger Erzähler, dennoch folgt man ihm und seiner ganz eigenen Wahrnehmung bereitwillig durch die New Yorker Nacht.
Hat mich Der Fänger im Roggen wieder beeindruckt bei der Wiederbegegnung? Ja. Vielleicht aber anders. Eine andere Wahrnehmung von Sprache, zahlreiche andere Coming-of-Age-Stories später,... Gefallen hat mir der Roman auch als Spiegel der 50er Jahre, mit gesellschaftlichen Klischees und einer ganz anderen Wahrnehmung von Gender und Sexualität. Faszinierend finde ich, wie dieses Buch gleichzeitig eines der am meisten zensierten und "verbotenen" Bücher sein kann und sich gleichzeitig auf zahlreichen Literaturkanons und unter den "100 best novels" (Radcliffe list) befindet. Viele Widersprüche, viele Fragen, auf die der junge Holden keine Antworten weiß, aber die man sich vielleicht in allen Alterstufen noch einmal neu stellen kann.
J.D. Salinger, Der Fänger im Roggen. rororo, Reinbek 1977.
Thursday, April 28, 2022
Paul Auster - Mond über Manhattan
Foggs Mutter stirbt früh und da sein Vater ihm unbekannt ist, lebt er bei seinem Onkel Victor. Nach dessen Tod bringt er das Collegestudium nur knapp zuende, er gerät in finanzielle Schwierigkeiten und unternimmt nichts dagegen. Anstatt sich Arbeit zu suchen, hungert er und wird schließlich sogar obdachlos. Ein Freund und seine zukünftige Freundin retten in schließlich nach einer Phase des Dahinvegetierens im Central Park.
Er findet Arbeit als Vorleser bei einem alten Mann namens Thomas Effing, der blind und auf den Rollstuhl angewesen ist. Effing erzählt ihm seine Lebensgeschichte, die zum Teil im "Wilden Westen" der USA spielt.
Nach Effings Tod lebt er mit für eine Weile mit Kitty zusammen und lernt im Zuge der Nachlassverwaltung Effings Sohn kennen. Erst nachdem er sich mit diesem angefreundet hat, enthüllt dieser ihm, dass Fogg sein Sohn ist und damit Effing sein Großvater war. Doch kurz nach dieser Mitteilung verstirbt er, was Fogg in tiefe Verzweiflung und zu einer Odyssee durch den Westen der USA treibt.
Fogg ist in weiten Teilen des Romans ein bedauernswerter Charakter, der sich von seinen Gedanken treiben oft ziellos treiben lässt. Seine Unsicherheit und Unkenntnis über seine Herkunft und die Ungewissheit, was er mit seinem Leben anfangen möchte, führen zu Passivität und Unglück. Auch am Ende bleibt unklar, worin denn der Neubeginn seines Lebens bestehen soll.
Aktuelle und historische Geschehnisse und die Bedeutung von Literatur und Malerei begleiten Austers Erzählung und wie auch in anderen seiner Werke spielt er intensiv mit den Identitäten und ihren Wechselwirkungen. So wird die Geschichte Effings, der in der Mitte seine Lebens eine neue Identität annimmt und von seiner Familie für tot gehalten wird, später auch zu Foggs Geschichte, als dieser erfährt, wer sein Vater ist.
Mond über Manhattan ist voller Querverweise und Symbole, wirkt aber stellenweise auch deswegen langatmig und einige der erzählerischen Schleifen über die Hintergründe von weiteren Charakteren scheinen wenig zur eigentlichen Geschichte beizutragen. Dennoch habe ich es nach einigen Anfangsschwierigkeiten gern gelesen, denn wenn man sich auf Paul Austers Stil und Gedankenwelt einlässt, ist ein Roman von ihm eine interessante Reise.
Paul Auster, Mond über Manhattan. Rowohlt, Reinbek 2014.
Sunday, February 06, 2022
Dorothy Parker - New Yorker Geschichten
Dorothy Parker (1893-1967) war eine schillernde Persönlichkeit und galt als eine der bedeutendsten Autorinnen ihrer Zeit. Sie schrieb Gedichte, Kurzgeschichten, Theaterstücke und Drehbücher. Sie gehörte dem Literaturzirkel Algonquin Round Table an, der sich in den 1920er Jahren im New Yorker Hotel Algonquin traf.
Dabei sind diese Kurzgeschichten wirklich gut! Die meisten ihrer Erzählerinnen sind Frauen unterschiedlicher Gesellschaftsschichten, häufig werden ihre Beziehungen zu Männern, zu anderen Frauen und die New Yorker Gesellschaft karikiert. Dabei sind der Tonfall und der Erzählstil von Geschichte zu Geschichte sehr unterschiedlich (was Elke Heidenreich in dieser Lesung ausgesprochen trefflich umsetzt). Da wäre beispielsweise die Dame, die von einem Herren zum Tanz aufgefordert wird, diesen auch annimmt und dem Herren beständig sagt, wie gern sie doch mit ihm tanzt - während der Leser mit voller Wucht ihren Gedankenstrom zu hören bekommt, wie schrecklich dieser Mann ist, dass er nicht tanzen kann und dass sie ihn absolut nicht leiden kann. Oder die Geschichte, in der man nur den endlosen Monolog einer "Freundin" beim Krankenbesuch zu hören bekommt, die nur scheinbar die Kranke bemitleidet, sie und ihre Gefühle aber mit unbarmherzigem Redestrom niedermacht, bis diese gänzlich aus der Fassung gerät. Alle Geschichten zeichnet eine äußerst gewitzte und zynische Sprache aus, so dass man kaum glauben mag, dass sie aus den 30er und 40er Jahren stammen. Ihre Sichtweise auf das Verhalten der New Yoker und der Frauen im Allgemeinen ist vielschichtig, reflektiert und für die damalige Zeit sicher modern und emanzipiert.
Dorothy Parker, New Yorker Geschichten. Random House Audio 2005.


