Showing posts with label 2022SuBaP. Show all posts
Showing posts with label 2022SuBaP. Show all posts

Wednesday, July 19, 2023

JP Delaney - The Girl Before

JP Delaney ist das Pseudonym, das Anthony Capella für seine Thriller gewählt hat, während er Bücher eines anderen Genres unter seinem richtigen Namen publiziert. The Girl Before stammt aus dem Jahr 2017 und war recht erfolgreich. 
Da das Buch abwechselnd aus der Perspektive von Jane (heute) und Emma (damals) erzählt wird, wechseln sich bei dem Audiobook auch zwei Sprecherinnen, Petra Schmidt-Schaller und Anneke Kim Sarnau ab. Beide Protagonistinnen bewohnen - wie gesagt heute und damals - das gleiche minimalistische Haus des Architekten Edward Monkford und haben eine Affäre mit demselben. Interessant am Aufbau ist, dass beide Erzählstränge mit der Besichtigung des Hauses und der Entscheidung dort einzuziehen beginnen. Chronologisch, aber zeitversetzt erzählen beide ihre Erlebnisse. Jane erfährt, dass Emma in dem Haus zu Tode gekommen ist und versucht, ihre Geschichte zu rekonstruieren, während Emma eine sehr unzuverlässige Erzählerin ist und ihre Mitmenschen und auch den Lesenden an der Nase herumführt. Schwer einzuschätzen bleibt Edward, der die Frauen manipuliert und dessen Ziele unklar bleiben. Natürlich ist dann alles doch anders als es scheint und man bleibt mit einem sehr unguten Gefühl am Ende zurück.
Die kontinuierlichen Perspektivwechsel halten die Spannung über den ganzen Roman hinweg aufrecht, aber mir persönlich waren alle Figuren ausgesprochen unsympathisch, auch die beiden Frauen, die Männer sowieso. Auch das Haus, das nahezu zu einem eigenen Charakter hochstilisiert wird, löst großes Unbehagen aus, davon abgesehen, dass die lebensverändernde Rolle, die ihm zugeschrieben wird, für mich einfach nicht stimmig war. Am meisten gestört hat mich das bizarre und stereotype Rollenbild das den Frauen zugeschrieben wird - die eine promiskuitiv, die andere nur auf das Kinderkriegen aus - und der noch viel bizarrere Umgang mit dem Thema Vergewaltigung... Von dem Essen von noch lebenden Fischen und anderen Fürchterlichkeiten ganz zu schweigen... Je länger ich über das Buch nachdenke, desto schlechter finde ich es. Definitiv keine Leseempfehlung. 

JP Delaney, The Girl Before. Hörverlag 2017.

Tuesday, July 11, 2023

Martin Walker - Revanche

Revanche von Martin Walker ist der 10. Band um Bruno, Chef de Police. Bruno freut sich auf die Hochzeit seiner Freunde Clauthilde und Horst, kümmert sich um Garten, Pferd und Hund und pflegt in seiner umsichtigen und jovialen Art sein kleines Städtchen St. Denis.
Doch eine Tote stört die beschauliche Ruhe - eine Frau ist an der Burg Commarque abgestürzt, ist sie gefallen oder gestoßen worden? Während Bruno gerade erst beginnt, sich erste Gedanken zur Identität der Toten zu machen, steht die nächste Überraschung vor ihm, nämlich in Form eine Pariser Juristin, die sich seine Arbeitsabläufe und -weisen anschauen will. Zum Glück nervt sie weniger als befürchtet und erweist sich sogar als hilfreich. Denn der Fall nimmt schnell ungeahnte Ausmaße an, als herauskommt, dass die Tote eine pro-palästinensische, israelische Aktivistin war. Ihre Begleiter haben wahrscheinlich terroristische Absichten, doch wo sind sie und was ist ihr Ziel? Begleitet wird die Jagd nach ihnen von zahlreichen Spekulationen über historische Mythen und Dokumente, zahlreiche archäologische und mittelalterliche Zusammenhänge werden aufgezeigt und nebenbei gibt Bruno wieder seine Kochkünste zum Besten. Irgendwann habe ich aufgegeben, die Zusammenhänge ganz verstehen zu wollen, und mich dem Showdown (Attentäter bei der Hochzeit, in einem steinzeitalterlichen Museum, ...) hingegeben. Der Band weist die üblichen Wohlfühlelemente eines Bruno-Romans auf, der Plot hingegen war für mich nicht schlüssig, zu extrem und zu konstruiert, ohne wirklich nachvollziehbar zu sein. 

Martin Walker, Revanche. Diogenes, Zürich 2018.

Sunday, June 12, 2022

George Saunders - Lincoln im Bardo

Lincoln, genau, der amerikanischer Präsident Abraham Lincoln, ist eine der Hauptfiguren des Romans Lincoln im Bardo von George Saunders. Eine weitere ist sein Sohn Willie, der mit nur elf Jahren im Jahr 1862 verstarb. Basierend auf einer Zeitungsmeldung, nach der der trauernde Präsident nachts den Friedhof aufsuchte, um seinen Sohn noch einmal in den Armen zu halten, baut George Saunders eine ungewöhnliche Story auf. 

Nach seinem Tod befindet sich Willie in einem Zwischenreich, bei den Tibetern Bardo genannt, und "geistert" über eben jenen Friedhof. Bei ihm sind hunderte anderer skurriler Gestalten, die sich aus den unterschiedlichsten Gründen noch nicht von der hiesigen Welt verabschieden wollen. Sie alle kommen mit ihren vielfältigen Stimmen zu Wort, einige nur kurz, andere öfter und erzählender. An verschiedenen Stellen werden auch die Geschehnisse in der realen Welt wiedergegeben, Saunders nutzt historische Quellen - Briefe, Erinnerungen, Zeitungsberichte... - und fügt fiktive hinzu, um die Situation von Lincoln und seiner Frau zu schildern und in den historischen Kontext des Civil War einzuordnen. So werden Fiktion und Realität, Geschichtliches und persönliches Schicksal intensiv miteinander verwoben. 

Das Leseerlebnis bei diesem Roman ist schon ein besonderes: Man treibt durch die zahlreichen Stimmen und Quellen, wird von einem gefühlsintensiven Moment in den nächsten geworfen. Einige der Bruchstücke fügen sich zwar zu einer Chronologie zusammen, aber das Lesen ist mehr Gefühl als Plot. Ich kann gut verstehen, dass man das Buch entweder faszinierend oder grundweg nervtötend finden muss. Lässt man sich darauf ein, so ergeben sich möglicherweise einige Fragen nach dem Sinn des Lebens, der Liebe und des Todes... Es ist absolut nachvollziehbar, dass dieses ungewöhnliche Werk den Booker Prize (2017) gewonnen hat und ich bin froh, es gelesen zu haben. 

George Saunders, Lincoln im Bardo. Luchterhand, München 2017.

 

 

Thursday, April 28, 2022

Paul Auster - Mond über Manhattan

Paul Austers Mond über Manhattan (original Moon Palace) erschien 1989. Es erzählt die Geschichte von Marco Stanley Fogg auf der Suche nach seiner Identität in sieben langen Kapiteln.

Foggs Mutter stirbt früh und da sein Vater ihm unbekannt ist, lebt er bei seinem Onkel Victor. Nach dessen Tod bringt er das Collegestudium nur knapp zuende, er gerät in finanzielle Schwierigkeiten und unternimmt nichts dagegen. Anstatt sich Arbeit zu suchen, hungert er und wird schließlich sogar obdachlos. Ein Freund und seine zukünftige Freundin retten in schließlich nach einer Phase des Dahinvegetierens im Central Park.
Er findet Arbeit als Vorleser bei einem alten Mann namens Thomas Effing, der blind und auf den Rollstuhl angewesen ist. Effing erzählt ihm seine Lebensgeschichte, die zum Teil im "Wilden Westen" der USA spielt.
Nach Effings Tod lebt er mit für eine Weile mit Kitty zusammen und lernt im Zuge der Nachlassverwaltung Effings Sohn kennen. Erst nachdem er sich mit diesem angefreundet hat, enthüllt dieser ihm, dass Fogg sein Sohn ist und damit Effing sein Großvater war. Doch kurz nach dieser Mitteilung verstirbt er, was Fogg in tiefe Verzweiflung und zu einer Odyssee durch den Westen der USA treibt.

Fogg ist in weiten Teilen des Romans ein bedauernswerter Charakter, der sich von seinen Gedanken treiben oft ziellos treiben lässt. Seine Unsicherheit und Unkenntnis über seine Herkunft und die Ungewissheit, was er mit seinem Leben anfangen möchte, führen zu Passivität und Unglück. Auch am Ende bleibt unklar, worin denn der Neubeginn seines Lebens bestehen soll.
Aktuelle und historische Geschehnisse und die Bedeutung von Literatur und Malerei begleiten Austers Erzählung und wie auch in anderen seiner Werke spielt er intensiv mit den Identitäten und ihren Wechselwirkungen. So wird die Geschichte Effings, der in der Mitte seine Lebens eine neue Identität annimmt und von seiner Familie für tot gehalten wird, später auch zu Foggs Geschichte, als dieser erfährt, wer sein Vater ist.
Mond über Manhattan
ist voller Querverweise und Symbole, wirkt aber stellenweise auch deswegen langatmig und einige der erzählerischen Schleifen über die Hintergründe von weiteren Charakteren scheinen wenig zur eigentlichen Geschichte beizutragen. Dennoch habe ich es nach einigen Anfangsschwierigkeiten gern gelesen, denn wenn man sich auf Paul Austers Stil und Gedankenwelt einlässt, ist ein Roman von ihm eine interessante Reise. 

Paul Auster, Mond über Manhattan. Rowohlt, Reinbek 2014.

Wednesday, April 20, 2022

Marco Sonnleitner - Die drei Fragezeichen - Nacht der Tiger

Die Popsugar Reading Challenge sagte: Ein Buch über Tiger oder mit Tiger auf dem Cover - dies hier war die einfache Lösung. Band 158 der drei Fragezeichen. 

Obwohl ich die Hörspiele als echter Fan alle mehrfach gehört habe, konnte ich mich an diesen Fall zunächst nicht erinnern. Es ist eine etwas umständliche und auch abwegige Geschichte: Jemand bricht nachts in die Zentrale der drei Fragezeichen ein, aber es scheint nichts gestohlen worden zu sein. Dann entdecken sie ein Programm, mit dem jemand Rätseltexte auf ihrem PC hinterlässt und ihnen damit anonym den Auftrag erteilt Ermittlungen in einer Autodiebstahlserie anzustellen. Es stellt sich heraus, dass die Diebe in den Reihen der Polizei zu suchen sind und sogar ihr Inspektor Cotta beteiligt sein könnte. Mit Hilfe von Morton und dem Rolls Royce stellen sie den Dieben eine gefährliche Falle...
Für die humoristischen Einlagen sorgt Bob mit der neu erlernten Fähigkeit des Bauchredens.
Mir hat der Band wenig Spaß gemacht, ich fand die Idee mit den kriminellen Polizisten inhaltlich nicht gut, handlungstechnisch ging es viel um die Planung und Durchführung von Observationen. Ganz unterhaltsam war Mortons Auftritt, der im Buch in seiner ganzen steifen, überkorrekten Art gut dargestellt wird und dabei gleichzeitig sympathisch und freundschaftlich verbunden für die drei Detektive eintritt. Achso, Nacht der Tiger heißt der Band deswegen, weil die Autodiebe Tigermasken tragen, um nicht erkannt zu werden. Definitiv keiner der besseren Fälle und ich erinnere mich nun wieder, dass ich auch die Hörspielversion nur mäßig fand.

Marco Sonnleitner, Die drei Fragezeichen - Nacht der Tiger. Kosmos, Stuttgart 2011.

Friday, April 15, 2022

H.G. Wells - The Time Machine

H.G. Wells' (1866-1945) classic novella The Time Machine (1895) was the first science fiction story that mentioned a device with which one can travel through time. In fact, he coined the phrase for all other time travellers' stories.
The story is not too complicated: The protagonist, a Victorian English scientist, tells his guests at a dinner party that a) time is the fourth dimension and b) he invented a device with which he can travel through time. He also tries to prove his theory with a smaller prototype of this device which disappears from a table.
A week later he arrives disheveledly in front of his guests and tells the story of his time travel from which he has just returned. On his own recount, he went to the year A.D. 802,701. He found two different kinds of creatures there, the small and peaceful Elois and the frightening Morlocks. While the Elois live happily above ground and seem to be content with a very simple life, the Morlocks exist underground and only come out in the darkness and apparently feed on the Elois although they also seem to work to keep them carefree.
The Morlocks had taken the time traveller's machine and he had to fight to get it back. After several adventures and a somehow romantic relationship with one of the Eloi he suceeded and was able to return home after some more time travelling into the far future of the earth.
His dinner guests aren't sure whether to believe him. One of them returns on the next day only to witness the time traveller disapperaring with his machine - never to come back. 

Apart from the fascinating idea of the time machine, H.G. Wells' readers might have been interested to read about his time traveller's theories on how the Elois and the Morlocks descended from the present humans in the 19th century. As a socialist, these theories had to do with industrialism, capitalism and the working class. Though things have definitely changed since Wells' times, the gap between rich and poor couldn't be greater which is why The Time Machine - apart from being an important story in the development of science fiction literature - is still a valuable read and rightly a classic. 

I enjoyed listening to this librivox recording of the story - I like to thank all the volunteers who put a lot of time and effort into recording these audiobooks. 

H.G. Wells, The Time Machine. Librivox 2011. 

Tuesday, April 12, 2022

Stefanie Höfler - Mein Sommer mit Mucks

Stefanie Höflers Mein Sommer mit Mucks erzählt die Geschichte der 11jährigen Zonja (mit Z), die wie ihr Name ein bisschen anders ist. Sie ist neugierig, stellt eine Menge Fragen und eckt damit auch oft bei ihren Mitschülern an. Deswegen ist sie nicht sehr begeistert von den Sommerferien, in denen sie ihre Lehrer und den Hausmeister nicht mehr nach den skurilen Sachen fragen kann, die sie in einer Liste mit sich herumträgt. Statt dessen geht sie ins Freibad, weil sie dort am besten Menschen beobachten kann. Und plötzlich fällt ihr ein schlacksiger Junger auf, der beinahe im Schwimmbad ertrinkt und den sie - ein bisschen - rettet. Sie freunden sich an, verbringen den Sommer Scrabble spielend im Freibad. Zonja, die mit einer sehr liebevollen und unterstützenden Familie aufwächst, begreift nach und nach, dass bei Mucks - so nennt sich der Junge - einiges nicht ganz so gut läuft... Dahinter verbirgt sich die Geschichte eine Familie auf der Flucht vor einem gewalttätigen Vater, der schließlich Zonja und Mucks wieder auseinandertreibt. 

Die Autorin verpackt die Geschichte äußerst sensibel und aus dem Blickwinkel der wohlbehüteten Zonja öffnet sich auch der Blick auf für die Leser auf die Probleme gewaltbelasteter Familien. Mein Sommer mit Mucks hat das Potenzial aufmerksam zu machen auf die Anzeichen von Gewalt in Familien und vor allem Verständnis zu wecken. Das Buch war meines Erachtens zu Recht nominiert für den Deutschen Kinderbuchpreis.

Stefanie Höfler, Mein Sommer mit Mucks. Beltz und Gelberg, Weinheim 2015.

Monday, March 07, 2022

Jurek Becker - Bronsteins Kinder

Bronsteins Kinder von Jurek Becker (1938-1997) erschien erstmals 1986. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des 19jährigen Hans Bronstein, ein Jahr nach dem Tod des Vaters 1973. Hans ist bei der Familie seiner Freundin Martha untergekommen, inzwischen sind die beiden nicht mehr zusammen und er findet seine Situation unerträglich und will ausziehen.
Gleichzeitig erinnert er sich an die Ereignisse vor dem Tod des Vaters. Eines Nachmittags trifft er im Wochenendhaus des Vaters auf eine für ihn unbegreifliche Situation: Der Vater quält dort zusammen mit zwei Freunden einen Gefangenen! Er findet heraus, dass dieser Gefangene ein ehemaliger KZ-Aufseher war, den die drei jüdischen Männer nun zu einem Geständnis bringen wollen. Hans begreift nicht, warum sein Vater dies tut, alle Versuche, mit ihm darüber zu sprechen, schlagen fehl. Die ohnehin schwer angeschlagene Familie - die Mutter schon lange verstorben, die Schwester in einer "Irrenanstalt" - zerbricht immer mehr.

Während Hans in der Gegenwart vorsichtig versucht, seine Zukunft in den Blick zu nehmen, durchlebt er in den Erinnerungen erneut, wie der Vater nicht bereit ist, mit ihm über die Ereignisse der NS-Zeit zu sprechen und dem Sohn jegliches Recht auf eine eigene Meinung verbietet und ihm gleichzeitig keine Chance gibt, seine Erinnerungen und jüdische Sichtweise auf die Vergangenheit kennenzulernen. Er grenzt den Sohn bewusst aus und zerstört damit die familiären Bande, die Hans sowieso kaum empfindet. In die Opposition getrieben und mit der Selbstjustiz der älteren Männer nicht einverstanden, entschließt er sich, den Gefangenen zu befreien. Im Wochenendhaus angekommen, findet er den Vater tot am Boden vor, vermutlich ist er an einem Herzinfarkt gestorben. 

Die beiden Ebenen wechseln sich stets ab und werden noch ergänzt durch die Briefe der Schwester, die einen ganz eigenen, fast sphärischen Gestus haben. Trotz der vielen Zeitbrüche bleibt die Geschichte durchgehend im Fluss, entwickelt eine Dynamik, die den Leser mitnimmt. Es bleiben Leerstellen, Fragen nach dem Warum müssen selbst beantwortet werden, und ob Hans sein Leben erfolgreich wieder aufnehmen kann nach dem einen Jahr der Starre nach dem Tod des Vaters bleibt ebenfalls unklar. Er wirkt nach wie vor verloren - und zeigt damit eine fast unheimliche Ähnlichkeit zu seinem Vater, der nach seinen Erlebnissen im KZ nie wieder zu sich und seiner Familie zurückgefunden hat.

Obwohl mir der Erzählstil durchaus gefallen hat, bin ich dennoch froh, dass ich mir die Geschichte von Christoph Grube sehr bequem vorlesen lassen konnte und mich nicht durch das minimalistische Schriftbild meiner SZ Edition (Band 45) kämpfen musste.


Jurek Becker, Bronsteins Kinder. Random House Audio 2012.

Saturday, March 05, 2022

Bernardine Evaristo - Mädchen, Frau, etc.

Bernardine Evaristo erhielt für ihren Roman Mädchen, Frau, etc. 2019 den Booker Prize. 

Es ist ein besonderes Buch mit einem ungewöhnlichen Aufbau. In den ersten vier Kapiteln werden jeweils drei Frauen vorgestellt. Sie sind Mutter, Tochter, Großmutter, Freundin,... Die Gedanken und Erlebnisse dieser Frauen bewegen sich in einem Spannungsfeld von Rassismus, Feminismus, Sexualität, Gender, Geschichte, Politik, beruflichem Erfolg in den verschiedensten Bereichen, Liebe und vielem mehr. Alle sind "people of colour", womit Evaristo nach eigener Aussage eine Lücke in der britischen Literatur schließen wollte. Sie sagte in einem Interview mit dem Guardian (04/2019): 

I wanted to put presence into absence. I was very frustrated that black British women weren’t visible in literature. I whittled it down to 12 characters – I wanted them to span from a teenager to someone in their 90s, and see their trajectory from birth, though not linear. There are many ways in which otherness can be interpreted in the novel – the women are othered in so many ways and sometimes by each other. I wanted it to be identified as a novel about women as well.

Erst im fünften und letzten Kapitel kommen einige der Frauen bei einer Premierenfeier zusammen und interagieren. Vorher setzt die Autorin sie innerhalb ihrer Kapitel miteinander in Beziehung. Sie sprechen oder handeln zwar nicht direkt miteinander, aber durch die Perspektivwechsel erhält man weitere Eindrücke zu den vorangegangenen Charakteren. Bei manchen der Frauen hätte ich gern länger verweilt, bei einigen könnte ich mir sogar einen ganzen Roman vorstellen. Jede einzelne Geschichte beleuchtet neue Aspekte, was es heißt, eine Woman of colour in einer von Weißen und Männern dominierten Gesellschaft zu sein.

Es ist ein sehr intensives, sehr vielfältiges Buch mit vielen Themen, Denkanstößen, Fragen. Es ist schwer, eine Quintessenz zu ziehen - ich glaube aber, dass es ein Buch ist, das nachwirkt. Die schriftstellerische Leistung der Autorin ist definitiv zu Recht gewürdigt worden. 

 Bernardine Evaristo, Mädchen, Frau, etc. Tropen, Berlin 2021.

Thursday, March 03, 2022

Karsten Dusse - Achtsam morden

Die Hörbuchproduktion von Achtsam morden des Autors und Rechtsanwalts Karsten Dusse erhielt 2020 den Deutschen Hörbuchpreis. Der Schauspieler Matthias Matschke liest den Roman mit genau der passenden Mischung aus Ironie und Seriösität, die sehr gut zum Protagonisten der Geschichte passt.
Björn Diemels Ehe droht zu scheitern. Obwohl er als hart arbeitender, stets gestresster Rechtsanwalt kein bisschen daran glaubt, besucht er unter dem Druck seiner Frau ein Achtsamkeits-Seminar. Wider Erwarten erweisen sich die dort erlernten Übungen als hilfreich und schon bald nimmt er sich eine Auszeit vom Job, um mit seiner Tochter ein Wochenende zu verbringen. Doch leider hat er die Rechnung ohne seinen kriminellen Mandanten gemacht, der ausgerechnet an diesem Wochenende Hilfe braucht, weil er einen Mord begangen hat. Doch Björn setzt die Tipps des Achtsamkeitstrainers äußerst konsequent um... was leider zum Tod seines Mandanten führt und im Anschluss zu einer Verkettung weiterer unerfreulicher Ereignisse. Doch wundersamerweise bringt die Achtsamkeit ihn durch all das Schlamassel hindurch, natürlich nicht ohne weitere Todesfälle. 

Achtsam morden ist kein Krimi im eigentlichen Sinne, trotz der kriminellen Handlungen und brutalen Szenen, die das Buch enthält. Die Art, wie die Achtsamkeit hier zwar angewandt, aber dennoch auf den Kopf gestellt wird, ist unterhaltsam und enttarnend zugleich - nicht alles kann man "wegatmen", nicht immer kann alles in dem einen Moment wertneutral wahrgenommen werden. Aber Karsten Dusses satirischer Ansatz sitzt, macht sich einerseits lustig, aber birgt dennoch eine Wertschätzung für Entschleunigung und nun... eben Achtsamkeit. Ein Kritikpunkt ist, dass es ein Roman mit ausschließlicher Männerperpektive ist, Frauen bleiben ohne Stimme und werden eher geringschätzig behandelt - Klischees, die man leicht hätte vermeiden können.

Karsten Dusse, Achtsam morden. Random House Audio 2019.

Sunday, January 16, 2022

Agatha Christie - Mord in Mesopotamien

Anstelle des vertrauten Sidekicks von Hercule Poirot - Hastings - erzählt uns die Krankenschwester Amy Leatheran von dem Mord in Mesopotamien. Sie berichtet von ihrem Engagement an einer Ausgrabungsstelle bei Bagdad, bei dem sie sich um Mrs Leidner, die Frau des Archäologen, kümmern soll. Diese ist nicht im eigentlichen Sinne krank, aber fühlt sich verfolgt und ist entsprechend nervös. Miss Leatheran lernt die mit der Ausgrabung befassten Personen kennen - als am hellichten Tag Mrs Leidner ermordet aufgefunden wird. Zunächst scheinen alle ein Alibi zu haben... Auftritt Hercule Poirot. Dieser befindet sich auf der Durchreise und wird um Hilfe gebeten. Wie üblich verfolgt er alle Spuren und befragt alle Beteiligten und zieht seine Schlüsse. Lange scheint auch er keine Erklärung und vor allem kein solides Motiv für den Mord zu finden. Im unvermeidlichen Showdown versammelt er alle Beteiligten um sich, deckt nebenbei noch einige weitere Verbrechen auf, um schließlich den Täter zu präsentieren.

Mir hat die Schilderung Poirots durch die Augen der Krankenschwester weniger gut gefallen. Die Exzentrizitäten des Detektivs treten weniger zu Tage (in der Lesung von Céline Fontanges spricht Poirot auch akzentfrei) und während Hastings in seiner Persönlichkeit zu Gesamtfeeling der Krimis beiträgt, empfand ich die Ich-Erzählerin hier als eher sehr begrenzt, fragwürdig in ihren Ansichten (was selbstverständlich der Zeit des Erscheinens 1936 geschuldet ist) und ohne großen Mehrwert. Der Fall selbst war gewohnt unterhaltsam, aber insgesamt war es - zumindest als Audiobook, das wohl leicht gekürzt war - eher ein durchschnittlicher Agatha Christie Roman. 

Agatha Christie, Mord in Mesopotamien. Hörverlag 2006.