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Friday, February 14, 2025

Botho Strauß - Paare, Passanten

Vielleicht ist dies mal wieder ein Buch, mit dem ich nicht geduldig genug bin. Paare, Passanten von Botho Strauß (*1944) besteht aus vielen kleinen Beobachtungen und Erzählungen. Einige davon sind nur wenige Zeilen lang und andere vielleicht ein oder zwei Seiten. Dabei ist jeder einzelne Satz ausgefeilt und bedeutungsschwer. Der Band erschien erstmals 1981 und zeigt ein facettenreiches Bild der Zeit. Es geht um Beziehungen, Kommunikation und den Einfuss von Gesellschaft auf Menschen. Häufig sind die dargestellten Szenen düster und eher freudlos, von Einsamkeit des Einzelnen in der Masse geprägt. 
Trotz der beeindruckenden Sprache, den gedrechselten Sätzen, kann mich das ständige Springen zwischen den einzelnen Beobachtungen nicht bei der Stange halten und ich lege den Band nach etwa einem Drittel beiseite, weil mir ein zusammenhänger Plot fehlt.

Botho Strauß, Paare, Passanten. Süddeutsche Zeitung Bibliothek Edition 2004.

 

Friday, December 30, 2022

Arthur Schnitzler - Traumnovelle

Die Traumnovelle von Arthur Schnitzler erschien 1925 und war damals sicher anstößiger als wir das Werk heute wahrnehmen. Die Ehe des Arztes Fridolin und seiner Frau Albertine ist nur scheinbar harmonisch, denn beide hängen erotischen Phantasien nach und entfremden sich dadurch voneinander. Während Albertine nur in ihren Träumen ihren Begierden nachgeht, sucht ihr Mann aktiv auf der Straße und auf mysteriösen geheimbündlerischen Bällen nach seiner Erfüllung. Obwohl sich ihm allerhand Gelegenheiten bieten, schlägt er es aber weitgehend aus, darauf körperlich einzugehen. 

Es geht Schnitzler eindeutig um das Innere, den psychischen Effekt, den das Korsett der Ehe auf die Partner hat. Und obwohl Fridolin und Albertine relativ offen über ihre Träume und Erlebnisse sprechen, bringt es sie nicht näher zueinander, lässt es eher noch unmöglicher werden, dass sie wieder zueinander finden. Dem Arzt erscheint sein Alltag kurzfristig als Rettung, aber bricht er doch kurz darauf wieder aus, um nach den Gestalten der vergangenen Nacht zu suchen.

Es ist ein düsterer Ausflug in die Psychologie der Ehe und unerfüllter Leidenschaften.

Arthur Schnitzler, Traumnovelle. SZ Edition 2004.
und HörGut Verlag 2012, gelesen von Markus Stolberg.



 

Saturday, July 16, 2022

Eduard von Keyserling - Wellen

Eduard von Keyserling (1855-1918) veröffentlichte seinen Roman Wellen 1911 in der Zeit des literarischen Impressionismus. 

Die Figuren des Romans befinden sich alle zur Sommerfrische an der Ostsee in eigens für sie eingerichteten Häusern, während die einheimischen Fischer und ihre Familien sich in Nebengebäude zurückziehen. Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist das aufsehenerregende Pärchen Doralice und Hans. Doralice hat ihren adligen Ehegatten verlassen, um mit dem Maler Hans zusammen sein zu können. Ihre Anwesenheit stört das gesellschaftliche Denken der Familien von Buttlär und Palikow, aufgrund der räumlichen Nähe am Strand begegnen sie sich jedoch zwangsläufig, was zu emotionalen Wirrungen führt, als die Töchter der Familie Doralice anhimmeln und der Verlobte einer der Töchter glaubt, sich in sie verliebt zu haben. Einzig der Geheimrat Knospelius scheint die Lage so hinzunehmen, wie sie ist, und sich mit allen gut verstehen zu wollen. Eine besondere Rolle fällt dem stets gegenwärtigen Meer zu, dessen titelgebende Wellen das Geschehen und vor allem die Stimmungen stark beeinflussen. Getreu dem impressionistischen Gedanken spielen die Wahrnehmung und der Ausdruck dieser Wahrnehmung – sei es in tatsächlichen Schilderungen oder in Träumen – eine gravierende Rolle. Die Darstellung des Meeres als natürlichem Protagonisten der Geschichte war sehr interessant, während mir Doralice als übernatürliche Schönheit, der alle erliegen, mir zu konstruiert und zu bedürftig erschien. Ihre Unzufriedenheit und ihr ständiges Bedürfnis nach Bestätigung wird schlussendlich durch das Meer abgestraft. 

Insgesamt ein recht lesenswerter Klassiker, der zu Unrecht wenig beachtet wird.

 

Eduard von Keyserling, Wellen. SZ Bibliothek Band 30, München 2004.

Monday, March 07, 2022

Jurek Becker - Bronsteins Kinder

Bronsteins Kinder von Jurek Becker (1938-1997) erschien erstmals 1986. Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht des 19jährigen Hans Bronstein, ein Jahr nach dem Tod des Vaters 1973. Hans ist bei der Familie seiner Freundin Martha untergekommen, inzwischen sind die beiden nicht mehr zusammen und er findet seine Situation unerträglich und will ausziehen.
Gleichzeitig erinnert er sich an die Ereignisse vor dem Tod des Vaters. Eines Nachmittags trifft er im Wochenendhaus des Vaters auf eine für ihn unbegreifliche Situation: Der Vater quält dort zusammen mit zwei Freunden einen Gefangenen! Er findet heraus, dass dieser Gefangene ein ehemaliger KZ-Aufseher war, den die drei jüdischen Männer nun zu einem Geständnis bringen wollen. Hans begreift nicht, warum sein Vater dies tut, alle Versuche, mit ihm darüber zu sprechen, schlagen fehl. Die ohnehin schwer angeschlagene Familie - die Mutter schon lange verstorben, die Schwester in einer "Irrenanstalt" - zerbricht immer mehr.

Während Hans in der Gegenwart vorsichtig versucht, seine Zukunft in den Blick zu nehmen, durchlebt er in den Erinnerungen erneut, wie der Vater nicht bereit ist, mit ihm über die Ereignisse der NS-Zeit zu sprechen und dem Sohn jegliches Recht auf eine eigene Meinung verbietet und ihm gleichzeitig keine Chance gibt, seine Erinnerungen und jüdische Sichtweise auf die Vergangenheit kennenzulernen. Er grenzt den Sohn bewusst aus und zerstört damit die familiären Bande, die Hans sowieso kaum empfindet. In die Opposition getrieben und mit der Selbstjustiz der älteren Männer nicht einverstanden, entschließt er sich, den Gefangenen zu befreien. Im Wochenendhaus angekommen, findet er den Vater tot am Boden vor, vermutlich ist er an einem Herzinfarkt gestorben. 

Die beiden Ebenen wechseln sich stets ab und werden noch ergänzt durch die Briefe der Schwester, die einen ganz eigenen, fast sphärischen Gestus haben. Trotz der vielen Zeitbrüche bleibt die Geschichte durchgehend im Fluss, entwickelt eine Dynamik, die den Leser mitnimmt. Es bleiben Leerstellen, Fragen nach dem Warum müssen selbst beantwortet werden, und ob Hans sein Leben erfolgreich wieder aufnehmen kann nach dem einen Jahr der Starre nach dem Tod des Vaters bleibt ebenfalls unklar. Er wirkt nach wie vor verloren - und zeigt damit eine fast unheimliche Ähnlichkeit zu seinem Vater, der nach seinen Erlebnissen im KZ nie wieder zu sich und seiner Familie zurückgefunden hat.

Obwohl mir der Erzählstil durchaus gefallen hat, bin ich dennoch froh, dass ich mir die Geschichte von Christoph Grube sehr bequem vorlesen lassen konnte und mich nicht durch das minimalistische Schriftbild meiner SZ Edition (Band 45) kämpfen musste.


Jurek Becker, Bronsteins Kinder. Random House Audio 2012.

Monday, January 25, 2021

Erich Kästner - Pünktchen und Anton

Erich Kästners Klassiker Pünktchen und Anton erzählt von der Freundschaft zweier ungleicher Kinder - die freche Pünktchen ist Tochter eines wohlhabenden Direktors, Anton der Sohn einer alleinerziehenden und kranken Mutter. Und dennoch ist nicht eindeutig zu sagen, wer von den beiden Glück oder Pech hat, denn die Eltern von Pünktchen nehmen sich kaum Zeit für sie, während Anton erfolgreich sein eigenes Leben und das der Mutter organisiert und dabei über sich hinauswächst.
In seinen Kommentaren nach jedem der 16 Kapitel bemüht sich der Autor um Reflexion des Geschehenen, misst das Verhalten und die Charakterstärke aller seiner Figuren an einem Idealbild, das auch heute noch Bestand hat. Es geht um große Dinge wie Gerechtigkeit, Mut, Ehrlichkeit oder Freundlichkeit gegenüber allen. Und doch wirkt Kästners Text auch heute nicht altklug oder vermessen, seine Werte haben Gültigkeit und seine humorvolle und einfache Art, sie den jungen Lesern seiner Zeit zu vermitteln, funktioniert auch heute noch. Und trotz aller gesellschaftlich schwierigen Aspekte behält die Geschichte eine Leichtigkeit, die den witzigen Charakteren einerseits und andererseits den flapsigen und witzigen Dialogen entspringt, ein bisschen Berliner Schnauze ist natürlich auch dabei.
Mir hat Kästners Erzählstil und auch die Geschichte viel Freude gemacht. 

Erich Kästner, Pünktchen und Anton. Süddeutsche Zeitung, Junge Bibliothek 25, München 2005.

Wednesday, March 18, 2020

Hugh Lofting - Dr. Dolittle und seine Tiere

Aktuell bekommt Dr. Dolittle viel Aufmerksamkeit durch die animierte Verfilmung mit Robert Downey Jr. in der Hauptrolle. Hugh Lofting (1886-1947) schuf die Figur des tierliebenden Doktors zunächst in Form von Briefen an seine zwei Kinder im Jahr 1917, als er im ersten Weltkrieg in den Schützengräben kämpfte.
Dr. Dolittle lebt in englischen Puddelby und ist so tierlieb, dass sein ganzes Haus von Tieren bevölkert ist. Schließlich lernt er auch noch, mit den Tieren zu sprechen, was sich im Tierreich natürlich herumspricht. So wird er schließlich aufgefordert, nach Afrika zu reisen, um dort den erkrankten Affen zu helfen. Begleitet von seinen besten Tierfreunden begibt er sich auf die abenteuerliche Reise.
In kleinen Kapiteln werden Dolittles unglaubliche Erlebnisse geschildert. Immer wieder geraten er oder andere in Schwierigkeiten und während er nahezu alles mit großes Gelassenheit und Fatalismus hinnimmt, so sind es meistens die Tiere, die für das Problem eine Lösung finden. Freundschaft und Hilfsbereitschaft sind die großen Themen dieser Anekdoten, die Unwahrscheinliches, Fantastisches und Lustiges gelassen miteinander verbinden. Problematisch aus der heutigen Sicht ist die Darstellung der afrikanischen Menschen, die eindeutig rassistische Züge trägt, gründend auf der damaligen Überzeugung, auf dem Kontinent nur primitive und minderwertige Menschen anzutreffen. So erhält die Geschichte über den netten, etwas ungeschickten, aber liebenswerten Doktor einen unschönen Beigeschmack.

Hugh Lofting, Dr. Dolittle und seine Tiere. SZ-Edition Junge Bibliothek, München 2005.
 

Monday, December 02, 2019

SZ Edition 20th Century Novels

In 2004/2005 the "Süddeutsche Zeitung" published a collection of 50 novels and novellas from the 20th century to a very reasonable price. I bought several of them then but haven't read them all yet. This edition/list includes more German speaking authors - so it's a good complement to the Radcliffe list.
Update: I moved this list to being a regular post in December 2019 because of a few other changes I made on the bookish elements of my blog. I see I totally neglected these books - maybe this will change with the new SuB challenge in 2020. [or 2022 or 2023]

16.04.2025   19/50

01 Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins - Juli 2022
    Umberto Eco: Der Name der Rose
03 Günter Grass: Katz und Maus - July 2019
04 Francis Scott Fitzgerald: Der große Gatsby - July 2005
    Thomas Bernhard: Der Untergeher
06 Paul Auster: Stadt aus Glas - Februar 2005
    Elias Canetti: Die Stimmen von Marrakesch
    Edward M. Forster: Wiedersehen in Howards End
    Martin Walser: Ehen in Philippsburg
10 John Irving: Das Hotel New Hampshire - April 2025
    Juan Carlos Onetti: Das kurze Leben
 12 Arthur Schnitzler: Traumnovelle - Dezember 2022
    Peter Handke: Die Angst des Tormanns beim Elfmeter
    James Joyce: Ein Porträt des Künstlers als junger Mann [Dubliner]
    Marguerite Yourcenar: Der Fangschuss
16 Patricia Highsmith: Der talentierte Mr Ripley - Februar 2005
    Jorge Semprún: Was für ein schöner Sonntag!
    Uwe Johnson: Mutmaßungen über Jakob
    Harry Mulisch: Das Attentat
20 Joseph Conrad: Herz der Finsternis - July 2009
    Julio Cortázar: Der Verfolger
    Claude Simon: Die Akazie
    Michael Ondaatje: Der englische Patient
    Georges Simenon: Der Mann, der den Zügen nachsah
    William Faulkner: Die Freistatt
    Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge
    Wolfgang Koeppen: Das Treibhaus
    Siegfried Lenz: Deutschstunde
29 Graham Greene: Der dritte Mann - August 2013
30 Eduard von Keyserling: Wellen - Juli 2022
31 Ian McEwan Der Zementgarten - Februar 2017
32 Max Frisch: Mein Name sei Gantenbein - July 2005
    Cees Nooteboom: Allerseelen
    William Somerset Maugham: Der Magier
    Carson McCullers: Das Herz ist ein einsamer Jäger
    Franz Kafka: Amerika
    Bruce Chatwin: Traumpfade
38 Botho Strauß: Paare, Passanten - Februar 2025
    Marcel Proust: Eine Liebe Swanns
40 John Steinbeck: Tortilla Flat - April 2013
    Andrzej Szczypiorski: Die schöne Frau Seidenmann
42 Friedrich Dürrenmatt - Der Richter und sein Henker - Februar 2017
    Julien Green: Leviathan
44 Oscar Wilde: Das Bildnis des Dorian Gray - Februar 2016
45 Jurek Becker: Bronsteins Kinder - März 2022
    Hermann Hesse: Unterm Rad
47 Peter Høeg: Fräulein Smillas Gespür für Schnee - Juli 2020
    Primo Levi: Das periodische System
    Marguerite Duras: Der Liebhaber
50 Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht - August 2014

Sunday, February 12, 2017

Friedrich Dürrenmatt - Der Richter und sein Henker


Friedrich Dürrenmatt veröffentliche seinen Kriminalroman Der Richter und sein Henker 1950/51 in acht Folgen in einer schweizer Wochenzeitung.
Kommissar Bärlach ermittelt im Fall der Ermordung seines besten Mitarbeiter Schmied. Da er selbst krank ist, übergibt er vieles an den Kriminalbeamten Tschanz. In Verdacht steht Gastmann, jedoch soll gegen diesen eigentlich nicht ermittelt werden, weil Gastmann wichtige politische Kontakte hat. Es stellt sich außerdem heraus, dass Bärlach und Gastmann sich nicht nur kennen, sondern dass sie eine jahrzehntelange Fehde verbindet. Bisher konnte Gastmann immer triumphieren und kam mit seinen Verbrechen davon.
Doch diesmal ist Bärlach schlauer und trickst ihn mit Hilfe von Tschanz, den er ihm als "Henker" auf den Hals hetzt, mit einem Verbrechen aus, dass Gastmann gar nicht begangen hat. Bärlach gewinnt scheinbar auf allen Ebenen, denn er entlarvt zugleich auch den echten Mörder von Schmied - dieser richtet sich am Ende selbst.

Das Genre des Kriminalromans hat Dürrenmatt mehrfach beschäftigt - in Die Physiker kommt der Kommissar moralisch und fachlich an seine Grenzen und scheitert kläglich an seiner Aufgabe, das Verbrechen aufzuklären. Hier spielt sich Bärlach - wie im Titel verankert wird - als Richter auf , eine echte Ermittlung findet nicht statt, da Bärlach von Beginn an weiß, wer der Mörder ist. Zwar konnte er seinen Gegenspieler Gastmann nie auf legalem Wege überführen, aber schafft er es in dem Moment, als er zu unrechten Methoden greift. Ein solcher Handlungsaufbau widerspricht dem klassischen Krimigenre und stiehlt dem Krimileser auch das übliche Vergnügen der Spannung, des Mitratens und der moralischen Befriedrigung, dass Unrecht gerecht bestraft wird. 
Literarisch betrachtet und in Bezug auf das Genre Kriminalroman ist Der Richter und sein Henker sicherlich interessant, Spannung kommt dagegen weniger auf, zum Glück ist der Roman auch nicht sehr lang.

Friedrich Dürrenmatt, Der Richter und sein Henker. Süddeutsche Zeitung Bibliothek, München 2004.

Sunday, February 05, 2017

Ian McEwan - Der Zementgarten

Das Wort, das man in vielen englischsprachigen Rezension von Der Zementgarten von am häufigsten liest, ist "disturbing". Und verstörend ist dieses Buch in jedem Fall.
Der Plot ist schnell zusammengefasst: Innerhalb weniger Wochen sterben Vater (Herzinfarkt) und Mutter (schwere Krankheit/Krebs) der vier Geschwister. Nach dem Tod der Mutter beschließen die beiden Älteren, sie im Keller in Zement zu begraben, um zu vermeiden, dass die Geschwister getrennt werden. Darauf folgt ein langer, heißer Sommer, in dem alle vier unter den psychologischen Folgen auf unterschiedliche Arten leiden. Das Haus verkommt, die vier sind vollkommen von der Außenwelt, aber auch seltsam voneinander isoliert. Der Haushalt verkommt, Jack, der Ich-Erzähler, stellt jegliche Körperhygiene ein und masturbiert nur noch, Sue verschwindet in ihren Büchern und der kleine Tom will erst ein Mädchen und dann ein Baby sein. Julie versucht kurzfristig, die Mutter zu ersetzen und kapituliert. Derweil bricht der Zement unter dem Druck der Verwesung auf und die Realität bahnt sich durch den Geruch ihren Weg. Julies Freund Derek, der einzige Fremde, der das Haus betritt, zählt schließlich eins und eins zusammen, unternimmt jedoch erst nichts. Erst als er Zeuge der inzestuösen Beziehung von Julie und Jack wird, schlägt er Alarm.
Der Autor schockiert mit seiner beiläufigen, aber detailreichen Schilderung von abstoßenden Szenen, sei es die sexuelle Weise, wie die Geschwister miteinander umgehen oder die Einzelheiten der fehlenden Hygiene von Jack. Insgesamt will die sachliche Sprache nicht zu den höchst emotionalen Geschehnissen passen. Besonders Jackist verstörend emotionslos, was den Tod der Eltern angeht, die Andeutungen über die schwierige Beziehung zum Vater sind die einzigen Hinweise auf mögliche Ursachen der seltsamen Familienbeziehungen. Man kann sagen, man ist ein bisschen erleichtert, nicht noch mehr dieser gruseligen Szenen miterleben zu müssen, die dichte Atmosphäre des Romans drückt auf die Stimmung und zeigt damit aber auch McEwans Stärken als Autor.

Ian McEwan, Der Zementgarten. SZ-Edition Band 31, München 2004.


Sunday, February 21, 2016

Oscar Wilde - Das Bildnis des Dorian Gray


Gern hätte ich gesagt, was lange währt, wird endlich gut, denn lange schiebe ich diesen Roman vor mir her. Ich habe ihn angefangen, weggelegt, musste wieder von vorn beginnen... Leider ist es ein Lesekampf geblieben mit Oscar Wildes Klassiker aus dem Jahr 1891 und ich muss zugeben, dass ich einige Passagen großzügig quer gelesen habe. Seitenlange Beispiele für die verschiedenen Leidenschaften des Dorian Gray in seinem Wahn auf der Suche nach Schönheit und Ablenkung (11. Kapitel) vermochten mich nicht zu fesseln. Die Handlung mag jeder nachlesen.
Ich kann das Skandalöse und Kritische des Romans vor dem Hintergrund seiner Entstehung nachvollziehen, diesbezüglich ist es vielschichtig und bietet zahlreiche Deutungsmöglichkeiten. Es bietet sicherlich auch eine interessante Darstellung der britischen oder besser der Londoner Gesellschaft zu Wildes Zeiten. Vor allem die Dekadenz der Reichen und Adligen, die der allwissende Erzähler mit einer gewissen Nüchternheit durch die Schilderung von Grays Lebensstil abzeichnet, erzeugt die vermutlich gewollte Abscheu beim Leser.
Im Werk Wildes nimmt Das Bildnis des Dorian Gray eine Sonderstellung ein, da es sein einziger Roman ist. Zu meinen Lieblingsklassikern wird es dennoch auf keinen Fall.

Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray. Süddeutsche Zeitung Bibliothek, München 2004.

Sunday, August 24, 2014

Pamela Lyndon Travers - Mary Poppins

Mary Poppins ist vielen ein Begriff und sofort hat man Julie Andrews aus dem gleichnamigen Disney-Film (1964) vor Augen. Doch den Namen der australisch-britischen Autorin Pamela Lyndon Travers (1899-1996) kennt man weniger. Als Kinderbuch-Klassiker erschien Mary Poppins auch 2005 in der Reihe "Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek" in einer hübschen und illustrierten Hardcover-Ausgabe. Im Original erschien es bereits 1934 in London und spiegelt selbstverständlich auch die Atmosphäre Londons in dieser Zeit.
Mary Poppins ist nicht wie andere Kindermädchen, sie hat einen sehr eigenwilligen Charakter, ist sehr eitel und ordnet sich gesellschaftlich nicht unter. Dennoch stört sich ihre Umwelt offensichtlich wenig daran bzw. lässt sie gewähren. Sie hat magische Fähigkeiten, warum und wieso erfährt man nicht - dies muss man auch als Leser ebenso wie die Kinder der Familie Banks, bei der Mary Poppins arbeitet, einfach hinnehmen.

Das Buch besteht aus zwölf Kapiteln, die eher eine lose Geschichtensammlung darstellen als eine zusammenhängende Erzählung. Die einzelnen Episoden sind Abenteuer, die die Kinder aufgrund der Magie ihres Kindermädchen erleben dürfen und die häufig mit den skurrilen Bakannten von Mary Poppins zu tun haben. Nach einem Besuch im Süßwarenhandel von Mrs Corry beobachten die Kinder beispielsweise, wie Mrs Corry, deren Töchter und Mary Poppins die Papiersterne, die als Dekoration auf den Pfefferkuchen klebten und die die Kinder aufgehoben haben, nachts an den Himmel kleben. Wunderbar. 
Das Lokalkolorit und auch die an einigen Stellen zu erkennende unterschwellige Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen, die allerdings Kindern vermutlich größtenteils verborgen bleiben, geben Mary Poppins einen ganz besonderen Charme. Als Märchen- und Geschichtenbuch hat es eine starke und fantasievolle Ausstrahlung und ist sicherlich auch heute noch gut vorzulesen. 

Pamela Lyndon Travers, Mary Poppins. Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek 2005. 

Saturday, August 16, 2014

Italo Calvino - Wenn ein Reisender in einer Winternacht

Wenn meine SuB-Buchchallenge nicht nach einem orangen (jaja, es ist eher ein sehr gelbes Orange) verlangt hätte, wäre Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino (1923-1985) sicher noch weitere Jahre im Regal geblieben und ich würde den Autor immer noch nicht kennen. Er gehört zu den italienischen Klassikern und wird dort auch in Schulen gelesen.

Persönlicher Untertitel: Leseabenteuer, postmoderner Roman, zehn Anfänge und (k)ein ordentliches Ende.
Den Plot zusammenzufassen fällt schwer, es ist die Geschichte einer Suche nach einem/dem Roman, der Protagonist ist zugleich der Leser selbst (oder besser der fiktive Leser, je nachdem, wie sehr man sich darauf einlassen will), den Calvino mit auf eine philosophische Reise nimmt, auf der er über das Lesen und Schreiben, das Verhältnis von Buch zu Leser, von Leser zu Autor, der Welt zum Autor oder zum Leser, ... nachdenkt. Dazwischen werden zehn Romane begonnen, die aus unterschiedlichsten Gründen abbrechen und den Leser (in doppeltem Sinne, Protagonist und tatsächlichen Leser) frustriert zurücklassen. Dabei wimmelt es von nachdenkenswerten Zitaten über Bücher, das Lesen und die Bedeutung von Literatur.
Trotz (oder gerade wegen) der Fragmenthaftigkeit des ganzen Buches hat man das Gefühl, sich viele Aspekte merken zu wollen, später noch einmal dahin zurückkommen zu wollen, um einzelne Gedanken besser würdigen zu können und erfreut sich an Calvinos Ideen und Schreibstil. Trotzdem ist der Roman phasenweise anstrengend und verstrickt sich zu sehr in seinen Ebenen und verschachtelt die Geschehnisse so sehr ineinander, dass man trotzig sagt, dass es jetzt doch bitte auch mal reicht und der Autor zum Punkt kommen soll. Insgesamt war es aber eine höchst interessante Leseerfahrung, im wahrsten Sinne des Wortes, zumal in meinem Fall noch die verblüffende Verwandtschaft mit Hakan Nessers Roman Himmel über London hinzu kam.

Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht. Süddeutsche Zeitung Bibliothek 2004.
 


 

Wednesday, August 07, 2013

Graham Greene - Der dritte Mann

Graham Greene schrieb Der dritte Mann 1949. Im Vorwort dieser Ausgabe steht im ersten Satz:
"Der dritte Mann wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern um gesehen zu werden."
Die Idee zu der Geschichte entwickelte sich als visuelle Idee: Bevor das Drehbuch verfasst wurde, schrieb Greene diese Novelle als Vorlage, den Film dabei schon im Kopf und in der Planung. Die Story ist entsprechend nahezu identisch mit dem Filmplot, einige Namensänderungen wurden noch vorgenommen, bevor der Film von Carol Reed mit Orson Wells in der Hauptrolle erfolgreich verfilmt wurde. Am eindrucksvollsten sind dabei sicher die Szenen in der Wiener Unterwelt.
Als Lesestoff empfand ich Story als sehr zäh, Lesefreude kam nicht auf. Die Identitätsverschiebungen des Protagonisten, der unterschiedliche Namen erhält, je nachdem welcher Aspekt seines Charakters ihn gerade zu seinen Handlungen antreibt, der aber wiederum nicht der Ich-Erzähler ist, waren eher anstrengend als spannend. Wäre es länger als die schlappen 122 Seiten gewesen, hätte ich es sicher nicht zuende gelesen.

Graham Greene, Der dritte Mann. SZ Bibliothek Band 29, München 2004.

Sunday, July 14, 2013

Bjarne Reuter - So einen wie mich...

Bjarne Reuter ist dänischer Kinderbuchautor, So einen wie mich kann man nicht von den Bäumen pflücken, sagt Buster erschien bereits 1987. Der Roman wurde 2005 als Band 23 in die Reihe "Junge Bibliothek" der Süddeutschen Zeitung aufgenommen.
Buster ist anders - er ist Optimist und Lebenskünstler, obwohl seine Voraussetzungen im Leben nicht die besten sind: Sein Vater ist ein arbeitsloser Zauberkünstler, dem er dennoch nacheifert, seine Mutter versucht die Familie zu ernähren und seine Schwester wird wegen einer Körperbehinderung geärgert. Buster selbst eckt in der Schule durch seine Art immer wieder an, findet aber auch Verbündete, die ihn unterstützen. Seine Konflikte überspielt er oft durch Flucht in Fantasiewelten, was es ihm möglich macht, auch tragische und schmerzliche Situation durchzustehen.
Seine Lebensfreude ist beim Lesen ansteckend, man möchte diesen verrückten Jungen gern kennenlernen und mit ihm befreundet sein, ihm Mut machen auf seinem Lebensweg.
Tatsächlich ist es der anrührende Charakter Busters, der dieses Buch interessant macht, die Handlung - die kleinen und großen, aber doch alltäglichen Hürden des Jungen - dagegen vermag wenig zu fesseln. In Zeiten von durchaus actionreicheren Kinder- und Jugendbüchern merkt man Reuters Roman sein Alter an.

Bjarne Reuter, So einen wie mich kann man nicht von den Bäumen pflücken, sagt Buster. SZ - Junge Bibliothek, München 2005.
 

Thursday, April 18, 2013

John Steinbeck - Tortilla Flat

John Ernst Steinbeck (1902-1968) ist einer der bedeutendesten amerikanischen Autoren, er gewann Pulitzer-Preise und schließlich 1962 auch den Nobelpreis für Literatur. Am bekanntesten sind vielleicht Jenseits von Eden (verfilmt mit James Dean) oder Von Mäusen und Menschen.
Tortilla Flat war 1935 sein erster kommerzieller Erfolg und ist ebenfalls verfilmt worden.
Der Inhalt ist relativ schnell erzählt: Oberhalb der kleinen Stadt Monterey, gelegen an der kalifornischen Küste, wohnt in der Tortilla Flat eine Ansammlung von armen, zum Großteil arbeitslosen Menschen, mit mexikanisch-indianisch-spanischen Wurzeln. Sie nennen sich paisanos.
Der Protagonist Danny kommt aus dem ersten Weltkrieg zurück und stellt fest, dass er zwei Häuser geerbt hat. Nach dem ersten Schock über diesen unverhofften Wohlstand ziehen Danny und nach und nach auch seine Freunde dort ein, erst in beide Häuser, doch das eine brennt bald ab. Das ist auch kein Wunder, denn eine der Hauptvergnügungen der Freunde ist das Weintrinken - und dabei kann man schon mal die Kerzen aus dem Blick verlieren.
In kurzgeschichtsähnlichen Kapiteln werden die verschiedenen Abenteuer der einzelnen Freunde und anderer Charaktere von Tortilla Flat erzählt, die oft aus einer Art Beschaffungskriminalität für die nächste Gallone Wein bestehen. Das wichtigste Thema ist jedoch die Freundschaft mit allen Höhen und Tiefen, die Dannys Freunde verbindet.
In der Rezeptionsgeschichte liest man von Parallelen zu den Mythen um Arthurs Tafelrunde, andere werfen Steinbeck eine rassistische Darstellung der Lebensverhältnisse und Charaktere vor. All dies ist mir beim Lesen nicht aufgefallen.
Beeindruckt hat mich hingegen wieder einmal der klare, schlichte Erzählstil Steinbecks, der auch nach 80 Jahren seine Wirkung tut. Die kleinen Geschichten sind, lässt man Ort und Zeit und auch ihren primären Unterhaltungswert außen vor, universell. Die Charaktere, obwohl sie oberflächlich betrachtet schlicht und fast tölpelhaft erscheinen, wachsen in einigen Momenten der Erzählung über sich hinaus, leuchten und wirken nach.
Große Literatur, in der Tat.

John Steinbeck, Tortilla Flat. Süddeutsche Zeitung Bibliothek, Band 40, München 2004.

Wednesday, July 15, 2009

Joseph Conrad: Herz der Finsternis


Joseph Conrad (1857-1924) ist ein in Polen geborener englischer Schriftsteller, der erst mit Leidenschaft reiste und zur See fuhr, danach darüber schrieb und mit seinen Erzählungen und Romanen viele Schriftsteller der modernen Literatur beeinflusste.
Die entscheidenste, aber auch traumatische Reise war die auf dem damals unter belgischer Macht stehenden Kongo.

Als Kapitän eines Dampfschiffs kommt Conrad in Kontakt mit korrupten und gewalttätigen Weißen und den unterdrückten Ureinwohnern des Gebietes. "Herz der Finsternis" erzählt ziemlich getreu die Erlebnisse dieser Reise aus der Perspektive eines Kapitäns namens Marlow und beleuchtet die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents und die Gewalttätigkeit der profitgierigen Besetzer, während gleichzeitig die Natur und die Andersartigkeit der Afrikaner ebenfalls manchmal angsteinflößend sind.

Die biografischen und historischen Zusammenhänge werden im Nachwort von Urs Widmer verständlich erklärt, worum ich dankbar war, da mir diese nicht in den Details bekannt waren.
Sprachlich fand ich Conrad während des Studiums im Original sehr schwierig und auch in der deutschen Übersetzung bleibt es manchmal etwas sperrig, wenngleich manche Passagen beeindruckend sind.
"Ich betrachtete die Küste. Eine Küste zu betrachten, wie sie am Schiff vorbeigleitet, das ist, als ob man über ein Rätsel nachdächte. Da ist sie vor dir - lächelnd, abweisend, einladend, großartig, trostlos, unscheinbar oder wild, und immer stumm, obwohl sie stets zu flüstern scheint. Komm her und find es heraus." (S. 21f.)
Joseph Conrad, Herz der Finsternis, Süddeutsche Zeitung Bibliothek Band 20, München 2004.

Saturday, April 25, 2009

Mein Urgroßvater und ich

Erneut gelesen: Mein Urgroßvater und ich von James Krüss, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendbuchpreis. Der 10jährige Boy und sein Urgroßvater sitzen in einem Schuppen, erzählen sich Geschichten und dichten gemeinsam und um die Wette. James Krüss schrieb die ersten Geschichten über diese beiden schon 1956 in Der Leuchtturm auf den Hummerklippen. Vielleicht gibt es die Welt dieser beiden auch nicht mehr, diese heile Inselwelt (Sylt, dort wuchs auch James Krüss auf) mit Fischern und urigen Charakteren, alle mit einem Spitznamen versehen, jeder kennt jeden. Nach Mein Urgroßvater und ich wünscht man sich aber, es gäbe sie noch!
"Haltet die Uhren an, vergesst die Zeit, ich will euch Geschichten erzählen!"
- James Krüss


James Krüss, Mein Urgroßvater und ich. Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek Band 7, München 2005.

Friday, December 05, 2008

Banana Yoshimoto: Dornröschenschlaf


Japanische Autoren bleiben irgendwie immer ein wenig fremd.
Ich kann nicht genau sagen, woran das liegt, aber so ganz verstehe ich die Emotionen, die Beweggründe, die Handlungsweisen der Charaktere nie.
Ging mir bei "Dornröschenschlaf" auch so, ich bin mir auch nicht sicher, ob es einen bleibenden Eindruck hinterlassen wird. Anna Thalbach liest es aber überzeugend - und man soll sich ja auch immer mal wieder Neuem und Ungewohntem aussetzen... 

Banana Yoshimoto: Dornröschenschlaf, gelesen von Anna Thalbach, Süddeutsche Zeitung, Bibliothek der Erzähler 4, 2006.

Sunday, November 30, 2008

Vladimir Nabokov: Der Zauberer



"Don't stand so close to me [...]
It's no use, he sees her
He starts to shake and cough
Just like the old man in
That famous book by Nabokov
Don't stand, don't stand so
Don't stand so close to me..."
Den Song von Police kannte ich, bevor ich wusste, wer Nabokov war. Der Autor von "Lolita" nämlich, verfilmt von Kubrick (1962) und von Adrian Lyne (1997 u.a. mit Jeremy Irons und Melanie Griffith) hat eine recht aufregende Biographie, die ich hier gar nicht erst versuchen möchte zusammenzufassen.
"Lolita" habe ich vor Jahren gelesen, die Filme während des Studiums gesehen.
Nun tauchte der Autor in meiner Ausgabe der Bibliothek der Erzähler der Süddeutschen Zeitung wieder auf: Hanns Zischler liest Nabokov "Der Zauberer" (Band 5), 2006.
Zugegeben, ich war erschreckt, dass die Thematik die gleiche war: "Ein Mann in den Vierzigern stellt einem Nymphchen nach und heiratet dessen kranke Mutter, um nach deren Tod das zwölfjährige Mädchen endlich in seine Gewalt zu bringen." (Zitat Klappentext)
So dachte ich im ersten Moment, dass Nabokov sich vielleicht ein bisschen zu sehr mit der Thematik identifizierte, was ich aber nach einer Durchsicht seiner übrigen Werke und Biographie aber nicht mehr glaube. Dennoch überläuft es einen beim Zuhören eiskalt, wenn man merkt, wie der Erzähler (verstimmlicht von Hanns Zischler) einen mit seiner Hin-und Hergerisssenheit zwischen Versuchung, Begierde und Gewissensbisse in den Bann schlägt. Fast kann man ihn verstehen, wie er schließlich nicht anders kann als so zu handeln, erschreckt aber selbst vor diesem gruseligen Gedankengang - man kann keinem Pädophilen Verständnis entgegen bringen. Dieser hier schlägt am Ende jedenfalls den Pfad des Bösen ein und kommt dabei - zum Glück - um. Auf jeden Fall war es ein fesselndes Hörbuch.

Monday, July 25, 2005

F. Scott Fitzgerald - Der große Gatsby

Francis Scott Fitzgerald – grandioser Name schon. Natürlich fällt der Name, gerade wenn man sich mal mit amerikanischer Literatur beschäftigt. „Der große Gatsby“ stand schon lange auf meiner Wunschleseliste (diese wächst übrigens stetig, egal wie viel ich lese, ein aussichtsloses Unterfangen im Grunde...), daher war der Band natürlich bei meinen Käufen von der Süddeutsche Zeitung Bibliothek dabei. Nachdem sich der olle Gantenbein zog wie zu altes Kaugummi, war der Gatsby sehr frisch (haha) und gut lesbar, obwohl älteren Datums, nämlich von 1925. Die Atmosphäre des quirlenden New York und der Reichen und Erfolgreichen ist überzeugend, so stelle ich mir New York in den 20ern vor.
Die Story: Der mittellose James Gatz erfindet sich selbst neu als den erfolgreichen Jay Gatsby. Zunächst tut er nur so, aber schließlich wird er auch reich und erfolgreich. Die Liebe seines Lebens, die wunderbare Daisy, schnappt ihm allerdings ein anderer
vor der Nase weg. Alle Intrigen, um Daisy zurück zu erobern, scheitern und enden am Ende tödlich.
Spannend fand ich die Erzählperspektive des jungen und hoffnungsvollen Ich-Erzählers, der nur zum Teil unbeteiligte Nachbar, der die rauschenden Feste Gatsbys erst von außen und dann von innen miterlebt. Seine vielschichtige Meinung über Gatsby beleuchtet die Geschichte von allen Seiten. American Dream, natürlich, auch in seiner reinsten Form, aber mit bitterem Ende.
„Gatsby glaubte an das grüne Licht, an die rauschende Zukunft, die Jahr um Jahr vor uns zurückweicht. Sie ist uns gestern entschlüpft, doch was tut’s – morgen schon eilen wir rascher, strecken weiter die Arme aus... Und eines schönen Tages...
So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.“

F. Scott Fitzgerald, Der große Gatsby. Süddeutsche Zeitung Bibliothek 2004, Band 4.