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Friday, February 21, 2025

Paul Lynch - Das Lied des Propheten

Das Lied des Propheten des irischen Autors Paul Lynch gewann 2023 den Booker Prize. Der dystopische Roman spielt in einem fiktiven Irland, das sich innerhalb des Romans in einen totalitären Staat verwandelt. Dabei wird nicht erzählt, was politisch konkret geschieht, sondern man erlebt die Auswirkungen der voranschreitenden Kontrolle und Unterdrückung durch die Augen von Eilish Stack. Sie ist verheiratet, hat vier Kinder und kümmert sich auch noch um ihren Vater, der an Demenz leidet. Der Erzählstil ist eigenwillig, wir erleben alles im Präsens und einem sprunghaften und emotionalen Gedankenstrom von Eilish. An der Stelle hat sich das Audiobook als Vorteil erwiesen, denn die Sätze ziehen sich über halbe (oder gar ganze) Seiten hin und es werden kaum Absätze gesetzt (siehe den "Satz" unten).
Man erahnt bereits nach den ersten Seiten, wo die Geschichte enden wird, sieht Eilish die Zeichen in den Wind schlagen, sie ignoriert, was passiert, glaubt naiv an die Kehrtwende und schlägt konkrete Hilfsangebote aus. Gleichzeitig versucht sie sich selbst stets zu überzeugen, dass sie nur das Beste für ihre Kinder tut, nur um am Ende in einem Worst-Case-Flucht-Szenario zu landen. Und hier liegt wohl auch Lynchs Botschaft: Wir haben all das schon oft gesehen - die Entwicklung eines Staates hin zu einem totalitären Gebilde, die die Freiheit einschränkenden Gesetze, die Verfolgung von politischen Gegnern und Randgruppen, die Bildung von militärischen Gruppen zur Kontrolle, das brutale Niederschlagen des Widerstand, die Inhaftierung, Folter und Tötung - all das kennen wir. Und niemals, so glauben wir, wird das in unserem Staat geschehen. Wie könnte es?
Die Geschehnisse überfordern die Einzelnen, so wie es Eilish überfordert, lassen sie ungläubig und in Schockstarre im Moment verweilen, während die Emotionen sie zusätzlich überwältigen, weil alle Menschen, die ihr etwas bedeuten, bedroht sind. Diese zunehmende Bedrohung habe ich während des Hörens stark mitempfunden, sie schreitet zunächst langsam, aber sehr konkret und dann auch schneller voran. Man möchte sich selbst glauben machen, man würde in der gleichen Situation schneller verstehen, anders handeln als Eilish, aber kann man sich da sicher sein? 

Paul Lynch, Das Lied des Propheten. Klett Cotta 2024.

 

"Sie schaut zum Himmel, sieht zu, wie der Regen durch den Raum fällt, und auf dem verrotteten Hof ist nichts zu sehen, nur die Welt, wie sie auf sich selbst beharrt, der gemächlich bröckelnde Zement dem aufsteigenden Saft darunter weicht, und wenn der Hof einmal Vergangenheit ist, bleibt noch das Beharren der Welt, einer Welt, die darauf beharrt, kein Traum zu sein, und dennoch gibt es für den Betrachter kein Entrinnen aus dem Traum und dem Preis des Lebens, der Leiden ist, und sie sieht ihre Kinder in eine Welt von Hingabe und Liebe geboren und sieht sie verdammt zu einer Welt des Terrors, sie wünscht, dass es mit einer solchen Welt zu Ende geht, wünscht der Welt ihre Zerstörung, und sie blickt auf ihren kleinen Sohn, dies Kind, das unschuldig bleibt, und sie sieht, wie sie mit sich selbst in Konflikt geraten ist, und ist bestürzt, sieht, dass aus Terror Mitleid entsteht und aus Mitleid Liebe, und mit Liebe kann die Welt wieder errettet werden, und sie kann sehen, dass die Welt doch nicht endet, dass die Vorstellung, die Welt ende durch ein plötzliches Ereignis zu ihren Lebzeiten, nur selbstgefällig ist, dass das eigene Leben endet und nur das, dass das, was die Propheten singen, nur das Lied ist, das in allen Zeiten gesungen wird, die Zukunft des Schwerts, die Welt von Feuer verzehrt, die Sonne um Mittag in die Erde gesunken und die Welt in Dunkelheit gehüllt, der Zorn eines Gottes im Mund eines Propheten inkarniert, der gegen die Gottlosigkeit wettert, die vertrieben werden wird, und der Prophet singt nicht vom Ende der Welt, sondern davon, was getan worden ist und was getan werden wird und was manchen angetan wird, aber nicht anderen, dass die Welt immer wieder aufs Neue an einem Ort endet, aber nicht an einem anderen, und dass das Ende der Welt immer ein lokales Ereignis ist, es kommt in dein Land und besucht deine Stadt und klopft an die Tür deines Hauses und wird für andere nur eine ferne Warnung, ein kurzer Bericht in den Nachrichten, ein Echo von Ereignissen, das in die Folklore eingegangen ist, Bens Lachen hinter ihr, sie dreht sich um und sieht, wie Molly ihn auf ihrem Schoß kitzelt, und sie betrachtet ihren Sohn und sieht in seinen Augen eine strahlende Intensität, die von der Welt vor dem Sündenfall kündet, und sie geht weinend auf die Knie und nimmt Mollys Hand."

Monday, April 29, 2024

Donal Ryan - Die Stille des Meeres

Vermutlich kam dieses Buch nicht zum passenden Zeitpunkt. Zuerst Titel und Cover und dann auch der Klappentext hatten es mich auf die Leseliste setzen lassen. Aber richtig gepackt hat es mich nicht, obwohl es sicher viele Pluspunkte, allen voran die Sprache und die Charakterinnenschau, hat.

Donal Ryan erzählt die Geschichten dreier Männer in sehr unterschiedlichen Lebenslagen. Farouks Flucht mit seiner Familie aus Syrien endete in einer Tragödie, nun ist er verzweifelt in Irland gestrandet.
Lampys Leben ist durcheinander, weil Chloe ihn verlassen hat und auch seine Familie und der Job, das alles ist irgendwie nicht richtig. 
John beichtet seine Untaten, er ist ein Betrüger und am Ende seines Weges hofft er dennoch auf Gottes Vergebung.
In einer kleinen Stadt in Irland treffen diese drei Männer am Ende aufeinander.

Donal Ryan schreibt auf eine Weise, dass man ihm zuhören möchte, auch als Lesung funktioniert das gut. Farouks Geschichte ist sehr ergreifend und sehr schrecklich. Dagegen wirken Lampys und Johns Leben ein wenig banal und beide Charaktere sind mir nicht sonderlich ans Herz gewachsen. Insgesamt ist Die Stille des Meeres von Donal Ryan durchaus ein interessantes Buch, aber echte Begeisterung kann ich dennoch nicht aufbringen. 

Donal Ryan, Die Stille des Meeres. Diogenes 2021.

Wednesday, August 30, 2023

Sally Rooney - Schöne Welt, wo bist du

Die irische Autorin Sally Rooney wurde mit ihrem Debutroman Conversations with Friends aus dem Jahr 2017 bekannt. Danach veröffentlichte sie Normal People (2018) und es folgte 2021 der dritte Roman mit dem Titel Schöne Welt, wo bist du

Rooney lässt darin Eileen, erfolgreiche, aber von Depressionen gebeutelte und nun in einem irischen Kaff lebende Autorin zweier Romane (!), auf Felix, einen erfolglosen Lagerarbeiter treffen. Gleichzeitig nähern sich Eileens beste Freunde Alice und Felix in Dublin einander an, nachdem sie ihrer gegenseitigen Liebe in ihrem bisherigen Leben intensiv ausgewichen sind.
Unterbrochen werden die recht alltäglichen Beschreibungen und Erlebnisse der beiden Paare von einigen philosophischen E-Mails über die verschiedensten kulturellen und gesellschaftlichen Themen. Dazwischen eingestreut sind einige eher abstoßende, langweilige Beschreibungen über den Sex der beiden Paare. Das alles ergibt eine unfassbar irritierende Mischung. Blabla meets urgh. Dauernd tippt auch irgendwer auf ihrem Handy herum und schaut sich Social Media Pages an, während die Dialoge der Protagonisten oft an Langeweile und Banalität kaum zu überbieten sind. Vielleicht ist dies tatsächlich der Spiegel unserer Gesellschaft, aber außer Ablehnung hat das Geschilderte nichts bei mir ausgelöst. Einige der in den E-Mails geäußerte Gedankengänge mögen beachtenswert sein, hatten für mich aber inmitten des kaum vorhandenen Plots etwas derart unnatürlich Aufgesetztes, dass ich ihnen kaum folgen mochte.
Den Erfolg dieses Romans und die Begeisterung einiger Lesenden kann ich absolut nicht nachvollziehen. 

Sally Rooney, Schöne Welt, wo bist du. Hörbuch Hamburg 2021.

Sunday, July 16, 2023

Caroline O'Donoghue - All Our Hidden Gifts - Die Macht der Karten

Die Macht der Karten ist der erste Band der Trilogie "All Our Hidden Gifts" der in Irland geborenen Autorin Caroline O'Donoghue.
Maeve ist schulisch gesehen eher weniger erfolgreich und eckt mit ihrem Temperament immer wieder an. Ihr Wunsch, dennoch irgendwie dazuzugehören, hat leider dazu geführt, dass sie ihre beste Freundin Lily sitzen gelassen hat. Eines Tages entdeckt sie ein neues Talent in sich, als sie in einem alten Wandschrank Tarotkarten findet und für kurze Zeit bei ihren Mitschülerinnen deswegen sehr beliebt ist. Doch als Lily nach einer dramatischen Tarotsession im Klassenraum verschwindet, steckt Maeve richtig in Schwierigkeiten. Nach und nach erforscht sie die für sie neue Welt der Magie, gewinnt dabei neue Freunde und verfolgt dabei natürlich ein Ziel - ihre Schuld bei Lily wieder gut zu machen und sie wiederzufinden. Doch natürlich gibt es auch Gegner, nämlich die angeblich christliche Vereinigung der Kinders Brigids, die vor allem die LGTBQ-Community des kleinen irischen Ortes schikanieren. Davon betroffen sind auch Maeves Schwester und Lilys Bruder Roe. 
Letzteres wird den Ausschlag gegeben haben, warum das Buch 2022 auf der Liste der "banned books" gelandet ist (scheinbar in Tennessee, USA). Dabei geht die Autorin das Thema angenehm unaufgeregt an, es wird nur dann zu einem Problemthema, wenn diese Personen von außen angegriffen werden. Interessant auch, dass sie formuliert, dass nicht zu erwarten ist, dass der Trend zu einem entspannteren Umgang mit LGTBQ-Menschen, der vielleicht zu beobachten war, sich fortsetzt, sondern dass Hass und Gewalt wieder zunehmen. Maeves magische Fähigkeiten, die sie eher versehentlich entdeckt, und die Schilderung der Magie überzeugen mich nicht so sehr, es bleibt alles ein bisschen vage und nicht ganz stringent.

Caroline O'Donoghue, All Our Hidden Gifts - Die Macht der Karten. Carlsen, Hamburg 2021.

Monday, May 01, 2023

Tana French - Der Sucher

Nachdem Grabesgrün mich nicht überzeugen konnte, hat Tana French in Der Sucher einen deutlich ansprechenderen Ton gefunden. Vielleicht liegt es am Setting, definitiv aber an den Charakteren.
Cal Hooper, ehemaliger Cop aus Chicago, hat sich in einem alten Cottage in einem Dorf in Irland niedergelassen. Er sucht Abstand, Ruhe und Frieden. Zunächst scheint das auch zu klappen, die Nachbarn sind freundlich und er werkelt an seinem Haus herum. Sein innerer Alarm schlägt an, als er bemerkt, dass ein Teenager namens Trey aus der Nachbarschaft Kontakt zu ihm sucht - mit einem Auftrag für ihn, denn Treys Bruder ist verschwunden. Eigentlich will Cal damit am liebsten nichts damit zu tun haben, aber ehe er sich versieht, steckt er mitten in einem seltsamen Fall, der das Dorf plötzlich in einem anderen Licht erscheinen lässt...
Der Sucher ist ein eher langsamer Roman und kein Thriller im eigentlichen Sinne, aber die Charaktere haben es in sich: Die Dorfbewohner scheinen freundlich und harmlos, aber unter der harmonischen Oberfläche verbergen sich Abgründe, die Cal als Außenseiter zwar spürt, aber nur langsam aufdecken kann. Nur durch ihn kommt Bewegung in das dicht verwobene Netz, im Guten wie im Schlechten. Die tatsächliche Auflösung ist letztendlich gar nicht entscheidend, faszinierend sind eher die Veränderungen im Leben und in der Einstellung der Protagonisten im Verlauf der Erzählung. Ich mochte die Atmosphäre des Romans, trotz der Düsternis, die der Plot phasenweise verbreitete. 

Tana French, Der Sucher. Argon 2021.

Monday, January 23, 2023

John Boyne - Der Junge auf dem Berg

Wie schon in Der Junge im gestreiften Pyjama beschäftigt sich der irische Schriftsteller John Boyne in Der Junge auf dem Berg mit der deutsche Geschichte der Nationalsozialisten.
In ersterem beobachtet der naive neunjährige Bruno die Geschehnisse im KZ und man betrachtet die entsetzlichen Geschehnisse durch seine Kinderaugen. Auch Pierrot ist noch sehr klein, als er seine Pariser Heimat verlassen muss. Der deutsche Vater und die französische Mutter sind tot, er muss seinen Hund bei seinem jüdischen Freund zurücklassen. Schließlich wird er von seiner Tante in Deutschland adoptiert, die als Haushälterin im Berghof, Hitlers Residenz in Obersalzberg, arbeitet. Als Leser bemerkt man schnell die vorsichtige und kritische Haltung der Tante gegenüber ihrem "Herren", muss aber mit Entsetzen miterleben, wie der junge Pierrot, nunmehr Peter, der Ideologie des Führers und dessen Macht und Symbolik immer mehr verfällt.
Beeindruckend ist, wie schleichend dieser Prozess vonstatten geht, wie andere Peters Verwandlung mit Entsetzen und Ekel miterleben und wie man selbst sich immer stärker von dem Protagonisten distanziert, der einem durch seine Familiengeschichte und sein Waisenschicksal in den ersten Kapiteln ans Herz gewachsen war. Etwas verstörend ist dabei die sehr private Darstellung Hitlers und der übrigen Nazischurken und die etwas naive Abhandlung ihrer Greueltaten (z.B. die Planung der Todeslager), aber dies ist nicht das zentrale Thema des Romans. Boyne schildert die Verführbarkeit eines jungen Geistes, dem erst viel zu spät klar wird, welche Schuld er mit seiner Partizipation an diesem System auf sich lädt. Erleichtert ist man, als Boyne seinem Protagonisten schließlich die Kraft gibt, sich mit dieser Schuld auseinanderzusetzen, wofür er Pierrot an seinen Ursprungsort und zu seinem jüdischen Freund zurückkehren lässt. Im Hörbuch ist diese Szene sehr ansprechend umgesetzt, da nur hier ein weiterer Sprecher eingesetzt wird, sodass die Ebenen der Erzählung und des Erzählten sich mischen. 

Wie schon bei Der Junge im gestreiften Pyjama wäre ich vorsichtig, dieses Buch jungen Lesern ohne Vorkenntnisse über die Zeit des Nationalsozialismus in die Hände zu geben. Zu wichtig sind die historischen Wirklichkeiten, als dass irgendwelche Missverständnisse aufkommen sollten, was für ein Monster Adolf Hitler war. Diese Darstellung war - wie gesagt - nicht die Zielsetzung des Autors, das Setting ist erzählerisches Mittel, kein Realismus. Um Kinder und Jugendliche an die Geschichte dieser Zeit heranzuführen gibt es zahlreiche andere Romane, die ich dafür eher empfehlen würde als Der Junge auf dem Berg. Aus der Erwachsenenperspektive kann man aber wertschätzen, wie Boyne die perfide Attraktion des Systems für junge Menschen höchst eindrucksvoll schildert. Dennoch gewann der Roman 2017 den Buxtehuder Bullen, dem Preis für "das beste in deutscher Sprache veröffentlichte erzählende Jugendbuch".

"Just don't ever tell yourself that you didn't know....
That would be the worst crime of all."


John Boyne, Der Junge auf dem Berg. Igel Records 2017.

Andere Rezensionen zu Büchern von John Boyne:

Monday, November 14, 2022

Cecilia Ahern - Perfect: Willst du die perfekte Welt?

Es war noch der zweite Teil der Duologie für die Popsugar Reading Challenge offen:

Nach Flawed - Wie perfekt willst du sein? folgt nun Perfect - Willst du die perfekte Welt?
Die gebrandmarkte Celestine versteckt sich vor der bösen Gilde zunächst bei ihrem Großvater, muss aber bald fliehen und wird zum Glück aufgegriffen von Carrick, in den sie sich im Gefängnis aus unbekannten Gründen verliebt hatte und der auch ein "Flüchtiger" ist. Alle glauben fest daran, dass Celestine die Rolle der Gallionsfigur im Kampf gegen die Gilde zukommen muss - nur ist sie selbst die meiste Zeit über weiterhin das unsichere, naive Mädchen. Instinktiv weiß sie dann aber in den brenzligen Situationen dennoch immer, was zu tun ist, um sich selbst und die anderen zu retten. Zugleich bemüht Ahern den unerbittlichen Klassiker der Dreiecksbeziehung, denn natürlich ist Carrick ein schwieriger Partner und der Ex-Freund mit unklarer Rolle in dem politischen Gewirre taucht wieder auf. Es wimmelt von Klischees und die Geschichte zieht sich im letzten Drittel zäh dahin. Gestört haben mich dann die neu auftauchenden erzählerischen Flashbacks ("16 Stunden zuvor"), die dann Auswege aus den Sackgassen bieten, in die sich Celestine gerade wieder einmal manövriert hatte. Nun, da war ja der erste Band fast besser... Seufz. 

Cecilia Ahern, Perfect: Willst du die perfekte Welt? Argon 2016.

Friday, June 17, 2022

Cecilia Ahern - Flawed - Wie perfekt willst du sein?

Meine Erwartungen für Flawed - Wie perfekt willst du sein? waren nicht hoch. Schließlich kommt von der Erfolgsautorin Cecilia Ahern eher romantische Unterhaltung als ein literarischer Höhenflug. Ich war für die Popsugar Challenge 2022 auf der Suche nach einer Duologie und Flawed hat nun einmal zwei Teile und war vorhanden (Stadtbibliothek). Ungewöhnlich, dass es sich dabei um eine Young Adult Dystopie handelt, schließlich ist das auch nicht das übliche Schreibrevier der Autorin.

Das Setting ist der realen Welt recht ähnlich in Bezug auf Technologie und auf die generellen sozialen Gepflogenheiten. Jedoch gibt es neben der normalen Gesetzgebung auch noch eine moralische Überwachung: Man muss sich perfekt und integer verhalten, lügt man, verhält sich "inakzeptabel" oder gesellschaftlich illoyal, so kann einen die Gilde verhaften und verurteilen. Die Strafe ist immer Brandmarkung (ja, so mit Brandeisen und einem dicken F für Flawed oder fehlerhaft!) und lebenslängliche gesellschaftliche Ächtung. Diese Regeln - erschaffen, um einen hohen moralischen Standard zu kreieren - führen zu Angst und auch zu Lügen und zu einer Überheblichkeit der "Perfekten" gegenüber den "Fehlerhaften".
Die Protagonistin Celestine gehört mit ihrer Familie zu den perfekten Exemplaren des Systems. Sie ist glücklich und kennt scheinbar keine Probleme. Eines Abends erlebt sie, wie eine Frau in der Nachbarschaft von den Abgesandten der Gilde verhaftet wird - eine Frau, bei der sie sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, was sie falsch gemacht haben kann. Erst ab diesem Moment setzt sich Celestine mit dem System, in dem sie lebt, auseinander. Auf einer Busfahrt (Rosa Parks Bezug vermutlich beabsichtigt) fällt sie dann plötzlich aus der Rolle: Sie hilft spontan einem kranken alten Mann, der aber ein Fehlerhafter ist und dem sie laut Gesetz nicht helfen darf. Sie wird verhaftet, verurteilt und mehrfach gebrandmarkt. Der Richter, eigentlich ein Freund ihrer Familie, wird wütend, weil sie sich nicht so verhält, wie er es wünscht, und straft sie mit ungewöhnlicher Härte.
Nach dem ersten Schock und den körperlichen Schmerzen muss sich Celestine nun an neue Regeln gewöhnen, aber auch an das intensive Interesse von Medien, politischen Gruppen und hassenden Mitschülern. Nur sehr langsam verliert sie ihre Naivität und Vertrauensseligkeit und beginnt, über das System und ihre Rolle an dem wachsenden Widerstand gegen die absurde Moralität und Härte der Gilde nachzudenken.

Ich habe schon schlechter konstruierte Dystopien gelesen, allerdings auch bessere. Ich ärgere mich immer über diese naiven Mädchen, die keine Ahnung von gar nichts haben und höchst egozentrisch und unsensibel durchs Leben laufen, um dann plötzlich zu gesellschaftlichen Umstürzlerinnen wider Willen zu werden. Celestine gehört zum Teil auch in diese Kategorie Protagonistin. Die weiteren Charaktere werden im Vergleich eher wenig entwickelt, hätten aber vielleicht Potenzial gehabt, wie beispielsweise Celestines glatt gebürsteter Freund Art, ihre schwer zu durchschauende Schwester Juniper oder auch Celestines Großvater. Nun, vielleicht ergibt sich dafür ja noch Platz im Band zwei. Nahezu völlig unsinnig für den Plot ist hingegen ein junger Mann namens Carrick, der in der Nachbarzelle inhaftiert ist, während sie auf ihren Prozess warten. Obwohl sie fast nichts miteinander sprechen, steigert sich Celestine im weiteren Verlauf in eine massive Verliebtheit hinein, die durch nichts gerechtfertigt ist und komplett aufgesetzt wirkt. Klar, dass er später noch eine Rolle spielen wird, aber hier wurde die Liebesgeschichte sozusagen mit dem Holzhammer in die Geschichte gedrückt. Nicht gut gemacht. 
Gelungen ist meines Erachtens wie geschildet wird, dass man in dieser moralisch höchst anspruchsvollen Gesellschaft niemandem trauen kann. Die wahren Motive der Menschen bleiben stets verborgen, ihre Handlungen sind doppeldeutig, ihr Interesse an Celestine nie ohne Hintergedanken. Manipulation ist allgegenwärtig. Obwohl sie lange nur eines will, nämlich sich wieder anzupassen und ein halbwegs normales Leben zu leben trotz ihrer Brandmarkung, muss sie schließlich erkennen, dass dies nicht mehr möglich ist, weil sie ungewollt ein Instrument einer Widerstandsbewegung geworden ist, deren Ausmaß und Motive sie nicht erfassen kann. Zu welchen Konsequenzen dies führt und wie dieser Umbruch weiter verläuft, hat sich die Autorin für Band zwei aufgehoben, Ende Band eins offen.

Cecilia Ahern, Flawed - Wie perfekt willst du sein? Argon 2016.

Saturday, February 27, 2021

Rolf Lappert - Nach Hause schwimmen

Rolf Lapperts Nach Hause schwimmen stand 2008 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Deswegen, und auch weil mir Lapperts Jugendroman Pampa Blues gut gefallen hatte, waren meine Erwartungen an den Roman hoch. 

Es beginnt auch vielversprechend - ein kleiner Knirps namens Wilbur, dessen tragischer Start ins Leben von skurillen Schicksalsschlägen nur so wimmelt. Die ihn umgebenden Menschen sind allesamt auch schräg oder gar versehrt, haben ihre eigene schwere Vergangenheit und kämpfen mit ihren Dämonen. Keine gesunde Umgebung für einen Heranwachsenden, der aus den USA nach Irland zu den Großeltern kommt. Stabilität und Zuneigung erfährt er immer nur für kurze Phasen seines Lebens, bis ihn der nächste Schlag, der nächste Todesfall in die nächste schwere und einsame Zeit versetzt. Selten wird er aktiv, um an seiner Situation etwas zu ändern, ausgenommen die Suche nach seinem Vater, die ihn aber lange nur in weitere Sackgassen führt. Stoisch erträgt er seine Lebenssituationen und die Menschen um ihn herum, baut dabei kaum Beziehungen auf. Der Leser hingegen erfährt alles über die Hintergründe und emotionalen Zustand dieser Nebencharaktere, denen Wilbur begegnet. Einige dieser Charaktere hätten vermutlich ihren eigenen Roman füllen können - die Zusammenhänge zur Hauptperson bleiben aber lose. 

Um Wilburs Geschichte zu erzählen, legt der Autor zwei parallele Erzählstränge an: Die Kapitel des einen sind schlicht nummeriert, Wilbur erzählt als Ich-Erzähler beginnend mit dem Moment, als er in der größten Krisensituation seines kurzen Lebens beinahe ertrinkt. Die Kapitel des anderen sind betitelt mit den Jahreszahlen und Titeln von Bruce Willis Filmen (1980 The First Deadly Sin bis 2000 Unbreakable), in denen ein auktorialer Erzähler Wilburs Lebensgeschichte von seiner Geburt an berichtet. Das Ende dieses Erzählstranges liegt zeitlich da, wo der andere anfängt. Man würde also eine Chronologie erreichen, wenn man erst alle mit Filmtiteln überschriebenen Kapitel liest und danach die durchnummerierten... Das ist erzählerisch sicherlich ein Clou, im Lesefluss zunächst etwas unbequem, ebenso wie die unterschiedlichen Erzählperspektiven. In der Konstruktion und in den Querverweisen verschiedener Lebenssituationen liegt sicherlich eine Stärke des Romans.

Nach Hause schwimmen ist mit über 500 Seiten kein kurzes Werk. Die Hauptfigur erlebt in diesem Rahmen eine Unmenge an Schicksalsschlägen und begegnet einer Reihe von bemerkenswerten Charakteren. Viele davon sind ihm zugetan, wollen ihn unterstützen und fördern. Er selbst tut kaum etwas, um diese Zuneigung zu rechtfertigen. Nur zu wenigen baut er eine wirkliche emotionale Bindung auf und selbst bei diesen bleiben die Gefühle unklar, undefiniert und unausgesprochen. Er bleibt in gewisser Weise ein kleiner verlassener Junge ohne einen Platz in der Welt - aber nur, weil er sich nicht bewegt, sich nicht erkennbar entwickelt - und das ist etwas, dass ich auf über 500 Seiten von einem Protagonisten durchaus erwarten würde und was den Nebencharakteren stärker zuteil wird als Wilbur selbst.
Vor diesem Hintergrund ist das Ende des Roman, das nur wenige Seiten umfassende Kapitel 14, kaum nachvollziehbar. Alles ist eitel Sonnenschein, die Charaktere alle fröhlich und glücklich vereint in einem Haus in Irland, das bis dato für Wilbur ein Symbol des Unglücks war. Man wünscht es den Figuren, wünscht es vielleicht sogar Wilbur, der mich aber vergleichsweise wenig berührt hat, aber dennoch weiß man nicht, wie dieses Glück so plötzlich vom Himmel fallen konnte. Ähnlich wie ich es bei Kriminalromanen nicht leiden kann, wenn Kommissar Zufall / Deus Ex Machina die Lösung des Falles herbeiführt, scheint mir dieses Romanende an den Haaren herbeigezogen und zu einfach. 

Rolf Lappert, Nach Hause schwimmen. Hanser, München 2008.




Sunday, December 20, 2020

Hansjörg Schertenleib - Das Regenorchester

Ein Schweizer in Irland gibt sich ganz dem Schmerz hin, nachdem seine Frau in kürzlich verlassen hat. Per Zufall er Niamh, einer sechzigjährigen Irin, die ihn auswählt, um ihm ihr Leben zu erzählen. In ihren Erzählungen erleben wir die Schicksale einer typischen irischen Familie, aber auch ihre ganz persönliche Lebens- und Liebesgeschichte. Dankbar über die Ablenkung lässt sich der Schriftsteller, der von Niamh kurzerhand Sean genannt wird, auf ihre Geschichte ein, findet Freundschaft und schlussendlich eine neue Sichtweise auf das eigene Leben.
Sprachlich hat mir der Roman Freude bereitet, auch die Schilderungen der irischen Landschaften und Stimmungen gefiel mir. Die Musik des Regenorchesters, mit dem Hansjörg Schertenleib seinen Roman enden lässt, klingt mir fast im Ohr. 

Hansjörg Schertenleib, Das Regenorchester. Aufbau, Berlin 2014.


 

Friday, July 10, 2020

Tana French - Grabesgrün

Vielleicht ist die Story für die Hörspielfassung zu sehr gekürzt worden, jedenfalls konnte mich Grabesgrün von Tana French nicht sonderlich fesseln und den weinerlichen Protagonisten mit seinem schlimmen Kindheitstrauma (das noch nicht einmal aufgeklärt wird) habe ich auch nicht gut leiden können.
Nunja, vermutlich keine Reihe, die ich weiter verfolgen möchte.


Tana French, Grabesgrün. Argon 2012.

Wednesday, November 13, 2019

Cecilia Ahern - Zeit deines Lebens

Cecilia Aherns Roman Zeit deines Lebens spielt in der Vorweihnachtszeit. Der Protagonist Lou ist ein unangenehmer, egoistischer Zeitgenosse, der seine Familie für selbstverständlich erachtet, sich weder um Frau und Kinder noch um den 70. Geburtstag seines Vaters oder seine einsame Schwester kümmert. Ihn beschäftigt sein eigenes berufliches Fortkommen (um nahezu jeden Preis) und sein individuelles Vergnügen (Seitensprünge und Saufgelage). Das Schlimmste daran ist, dass er diese Einstellung für völlig in Ordnung hält, schließlich ist er derjenige, der das Geld herbeischafft.
Dies ändert sich auch nur nach und nach, als er aus einem Impuls heraus dem Obdachlosen Gabe (Gabriel!) einen Job in seiner Firma beschafft. Plötzlich ist Gabe überall und zwingt Lou sanft aber beharrlich, die Perspektive zu wechseln. So verändert er sich tatsächlich nach und nach in kleinen Schritten und mit Lou zusammen sinnieren wir über die Werte der Familie und den Sinn des Lebens.
Die Geschichte selbst wird in einer Polizeiwache erzählt von einem ungleichen Polizistenduo, um einem Jugendlichen die gleiche Lehre zu erteilen, die Lou erfahren hat. Und auch die Polizisten selbst bleiben nicht unberührt und treffen ebenfalls Entscheidungen für ihre Familien.
Der Roman endet mit einer dramatischen, tränenprovozierenden Schlusswendung, die aber trotzdem ein moralisches Happy End darstellt.
Mir war Zeit deines Lebens ein bisschen zu offensichtlich, ein bisschen überdeutlich in seiner Botschaft und der Protagonist in seiner Wandlung nicht ganz glaubhaft, auch wenn er insgesamt nicht schlecht konstruiert war.

Cecilia Ahern, Zeit deines Lebens. Argon 2009.

Wednesday, April 17, 2019

John Boyne - Die Geschichte der Einsamkeit

Der Roman Die Geschichte der Einsamkeit von John Boyne startet mit diesem schönen Zitat von E.M. Foster:
"Über das Leben zu schreiben ist leicht - es zu leben ist sehr viel schwieriger."
Boyne schreibt über das Leben eines katholischen Paters in Irland - man ahnt schon an dieser Stelle, worum es gehen könnte. In 16 Kapiteln lässt er Odran Yates berichten, jedes Kapitel ist übertitelt mit der Jahreszahl. Diese reichen von der Jugend Odrans 1964 bis in die Jetztzeit 2013, zusammen mit seinen Erinnerungen springt der Leser zwischen den Jahren hin und her. Die Themen, mit denen sich Odran in seiner persönlichen Lebensrückschau beschäftigt, sind seine Familiengeschichte, seine ganz persönlichen Erfahrungen und vor allem seine Ausbildung zum Priester und die Geschehnisse um seinen Freund Tom Cardle.
Odrans Familienleben wird nachhaltig durch den dramatischen Selbstmord des Vaters erschüttert. Danach wird die Mutter hochgradig religiös und drängt ihn zum Priesteramt. Er glaubt allerdings auch daran, dass dies der richtige Weg für ihn ist, entsprechend hat er kaum Schwierigkeiten, sich an das rigide Leben während der siebenjährigen Ausbildung zu gewöhnen. Allerdings beobachtet er bei anderen durchaus Probleme - zum Beispiel bei seinem Zimmergenossen Tom. Jedoch verschließt er - naiv - die Augen vor den Zusammenhängen.
Exemplarisch an Tom Cardle zeigt Boyne die Auffälligkeiten eines pädophilen, irischen Priesters - sein Verhalten gegenüber kleinen Jungen und den Messdienern - und vor allem die Reaktionen der kirchlichen Obrigkeit darauf: Häufige Versetzungen, abgelegene Posten, Drohungen gegen die Opfer bei Beschwerden und anderes, aber keine Anzeigen. Es wird deutlich, dass Fehlverhalten und Schuld nicht nur bei dem tatsächlichen Täter, sondern beim gesamten kirchlichen Apparat vorliegen.
Parallel dazu erlebt Odran die voranschreitende gesellschaftliche Veränderung in Irland in technischer, globaler, aufklärerischer und emanzipatorischer Hinsicht - von Kirchenseite oft nur als moralischer Verfall gewertet und verurteilt, sieht er schon bald die Verlogenheit dieser kirchlichen Moral. Obwohl er selbst unter den Restriktionen der Kirche zu leiden hat, bleibt er seltsam neutral und inaktiv, er kämpft weder für sich noch für andere. Erst spät erkennt er seine eigene Mitschuld, als sie ihm durch Toms Verurteilung vor Gericht und durch die mediale Aufmerksamkeit überdeutlich vor Augen geführt wird. Als Leser bleibt man skeptisch, wie weit seine Naivität wirklich reichte oder ob es vielmehr Selbstbetrug war, der ihn daran gehindert hat zu erkennen, was rund um ihn vor sich ging. Dennoch scheint ein Neuanfang, ein Aufbruch für Odran möglich, wenngleich dieser offen bleibt.
Die Geschichte der Einsamkeit ist eine beeindruckende Reflexion über das große Unrecht der katholischen Kirche (nicht nur) in Irland, für die Boyne eine Stimme wählt, mit der man eine sehr persönliche Sichtweise, eine Innensicht, einnehmen kann. Dass dieser Erzähler nicht verlässlich ist, ist dabei durchaus gewollt wie auch die Skepsis, mit der man nach dem Lesen zurückbleibt.

John Boyne, Die Geschichte der Einsamkeit. Piper, München/Berlin 2015.

Tuesday, August 14, 2018

Roddy Doyle - Alles super

Gloria und Raymonds Onkel Ben geht es nicht gut, die Großmutter sagt, auf seinen Schulter sitzt der "schwarze Hund". Der sucht zur Zeit der Wirtschaftskrise ganz Dublin heim, so vielen Erwachsenen geht es nicht gut.
Die Kinder beschließen eines Nachts, dass der schwarze Hund gefunden und bekämpft werden muss und schon rennen sie hinaus in die Dunkelheit Dublins! Plötzlich entdecken sie ihn tatsächlich, einen riesigen dunklen Schatten, der vor ihnen davonläuft - oder will er sie irgendwohin locken? Ein wenig Angst haben sie doch, zum Glück merken sie bald, dass der Hund es gar nicht leiden kann, wenn sie laut rufen "Alles super!", dann scheint plötzlich ein helles Licht. Auch finden sie unterwegs noch andere Kinder mit dem gleichen Ziel und gemeinsam geschieht das Unfassbare - passend zum St. Patrick’s Day ist die Stadt von dem schwarzen Hund befreit!
Roddy Doyle hat ein sympathisches und kindgerechtes Buch zum Thema Depression geschrieben. Das Bild vom schwarzen Hund, der den Menschen auf den Schultern lastet und ihnen einredet, sie seien nichts wert, ist beeindruckend schlicht und auch treffend. Die Lösung andererseits - einfach zu sagen, alles sei super (in der Originalausgabe Brilliant!) - greift zu kurz und ist vielleicht irreführend, es gäbe tatsächlich eine so einfache Lösung für diese schwierige Krankheit.

Roddy Doyle, Alles super. cbj, München 2015.

Monday, August 06, 2018

Lucinda Riley - Die sieben Schwestern

Das Setting für Lucinda Rileys Reihe um Die sieben Schwestern ist ein relativ Unwahrscheinliches: Ein alleinstehender reicher Mann mit einem traumhaften Haus am Genfer See adoptiert nacheinander sechs kleine weibliche Babys und lässt sie von einer Haushälterin aufziehen. Erst bei seinem Tod realisieren die Schwestern, wie wenig sie von seinem Leben (womit hat er sein Geld verdient, was hat er gemacht, wenn er nicht zuhause war?) und von ihrer eigenen Herkunft wissen. Zum Glück hat er ihnen einige Hinweise hinterlassen, mit deren Hilfe sie etwas über sich herausfinden können.
Dieser erste Band der Reihe handelt von der ältesten Schwester Maia, die nach einer vor Langem gescheiterten Beziehung im Haus ihres Vaters lebt und als Übersetzerin tätig ist. Ihre Suche nach sich selbst führt sie nach Rio, wo sie mit Hilfe des Schriftstellers Floriano Quintelas, dessen Buch sie übersetzt hat, herausfindet, wer ihre Familie ist.
Parallel dazu wird über weite Passagen die Geschichte ihrer Urgroßmutter Izabela erzählt. Diese wird mit der Entstehungsgeschichte des Wahrzeichens Rios, der Christusstatue, verwoben. Riley bezieht sich dabei auf die historischen Personen, besonders den Bildhauer Paul Landowski.
Während ihrer Recherchen entwickelt sich eine Liebesgeschichte zwischen Maia und Floriano - dies, zusammen mit ihrem neuen Wissen über ihre Familiengeschichte, lässt sie neuen Perspektiven für ihr Leben finden.

Der große Erfolg von Lucinda Rileys Romanen ließ mich trotz des romantischen Genres neugierig werden auf die Autorin. Wenngleich ich die Ausgangssituation, wie oben angedeutet, für eine große Krücke halte, auf deren Basis sich die Stories der Reihe leichter aufbauen lassen (Mystik des reichen, geheimnisreichen Vaters), so ist die Geschichte Maias und Izabelas doch gut erzählt. Die historischen Bezüge funktionieren, interessant sind auch die angedeuteten feministischen Gedanken: Izabela denkt über ihre Frauenrolle nach, entkommt den Zwängen in Brasilien zwar nicht, bemerkt aber den Kontrast zur veränderten Situation der Frauen in Europa/Paris. Das wäre als Thema natürlich ausbaufähig, ist aber ein positiver Aspekt der Geschichte. Dagegen ist Maia nur in sich selbst gefangen, weswegen sie als Charakter auch deutlich hinter Izabela zurückbleibt. Zwar hat sie auch Schwieriges erlebt, aber im Vergleich zu ihrer Urgroßmutter stehen ihr alle Türen in ein selbstbestimmtes Leben in finanzieller Unabhängigkeit offen. Die Liebesgeschichte Maias hat mich ebenfalls weniger berührt als die von Izabela, aber es ist der Autorin zugute zu halten, dass sie hier nicht zu dick aufträgt und nicht schwülstig erzählt.
Insgesamt hat mich der Roman positiv überrascht, es war eine interessante Geschichte, die zwar phasenweise vorhersehbar war (schließlich ist es ein Liebesroman), aber den Spannungsbogen dennoch halten konnte. Der Cliffhanger am Ende wäre meines Erachtens nicht nötig gewesen, aber so ist das wohl üblich bei derartigen Serien.

Lucinda Riley, Die sieben Schwestern. Hörverlag 2015.

Zur Rezension des zweiten Bands: Die Sturmschwester

Friday, August 11, 2017

Frank McCourt - Die Asche meiner Mutter

Als ich vor langen Jahren Die Asche meiner Mutter das erste Mal las, war ich sehr berührt von der Geschichte dieses Frank McCourt und konnte vieles der schrecklichen Geschehnisse in dessen Familie kaum fassen, weil ich nicht allzu viel über Irland wusste. Eine Wiederbegegnung mit der Geschichte ergab sich in Form einer Hörspielbearbeitung passend zu meinem Irland-Urlaub in diesem Sommer.
Unprätentiös erzählt McCourt (in der Rolle des Erzählers der exzellente Harry Rowohlt) vom Schicksal seiner irischen Familie. Diese konnte in New York nicht recht Fuß fassen und kehrt nach Irland zurück. Doch statt die erhoffte Unterstützung zu finden, fallen sie immer weiter in die Armut, einige der Kinder sterben, auch der Protagonist erkrankt schwer. Die Mutter bringt die Kinder nur schwerlich durch, der Vater hat nur unregelmäßig Arbeit unf versäuft den Lohn andauernd und enttäuscht die Familie immer wieder. Er verlässt sie schließlich, um in London Arbeit zu finden, schickt von dort jedoch nicht das erwartete Geld wie andere irische Arbeiter. Frank lernt bald, sich nr auf den eigenen Verstand zu verlassen und spart mit cleveren Jobs, Ehrgeiz und etwas Dieberei das Geld zusammen, um schließlich wieder nach New York auswandern zu können.
Die Inszenierung des Hörbuchs umfasst eine gute Auswahl an Episoden aus den umfangreicheren Erzählungen und zeichnet das Bild des armen Irlands undd die Beharrlichkeit und den Einfallsreichtum McCourts eindrücklich.

Frank McCourt, Die Asche meiner Mutter. Hörverlag 2010.

Monday, August 22, 2016

Irish sports

Three boys stand at the start of the Pac Fada circuit in the Cooley Mountains, Louth, Ireland. The Poc Fada is an annual competition to see who can hit a sliothar a set distance using the least number of pucks.
[=text on the back of the card]
postcard was sent by Ksenia from Russia


Sunday, February 21, 2016

Oscar Wilde - Das Bildnis des Dorian Gray


Gern hätte ich gesagt, was lange währt, wird endlich gut, denn lange schiebe ich diesen Roman vor mir her. Ich habe ihn angefangen, weggelegt, musste wieder von vorn beginnen... Leider ist es ein Lesekampf geblieben mit Oscar Wildes Klassiker aus dem Jahr 1891 und ich muss zugeben, dass ich einige Passagen großzügig quer gelesen habe. Seitenlange Beispiele für die verschiedenen Leidenschaften des Dorian Gray in seinem Wahn auf der Suche nach Schönheit und Ablenkung (11. Kapitel) vermochten mich nicht zu fesseln. Die Handlung mag jeder nachlesen.
Ich kann das Skandalöse und Kritische des Romans vor dem Hintergrund seiner Entstehung nachvollziehen, diesbezüglich ist es vielschichtig und bietet zahlreiche Deutungsmöglichkeiten. Es bietet sicherlich auch eine interessante Darstellung der britischen oder besser der Londoner Gesellschaft zu Wildes Zeiten. Vor allem die Dekadenz der Reichen und Adligen, die der allwissende Erzähler mit einer gewissen Nüchternheit durch die Schilderung von Grays Lebensstil abzeichnet, erzeugt die vermutlich gewollte Abscheu beim Leser.
Im Werk Wildes nimmt Das Bildnis des Dorian Gray eine Sonderstellung ein, da es sein einziger Roman ist. Zu meinen Lieblingsklassikern wird es dennoch auf keinen Fall.

Oscar Wilde, Das Bildnis des Dorian Gray. Süddeutsche Zeitung Bibliothek, München 2004.

Saturday, February 07, 2015

Wings of the Butterfly


photo: Wachau 2003

May the wings of the butterfly
kiss the sun 

And find your shoulder to light on, 
To bring you luck,
happiness and riches 

Today, tomorrow and beyond.



Irish blessing,
send to me from a friendly postcrosser from Finland

Friday, September 20, 2013

Roddy Doyle - Mary, Tansey und die Reise in die Nacht


Selten wählt man ein Buch aus, weil man den Übersetzer schätzt. Aber wenn Andreas Steinhöfel sich die Zeit nimmt, ein Buch zu übersetzen, dann ist da bestimmt etwas dran.
Der Autor Roddy Doyle (geboren 1958) ist Ire und schreibt Romane, Dramen und Drehbücher. Ich war überrascht, als ich herausfand, dass er der Autor der literarischen Vorlage zu dem Film The Commitments (1991) ist.
Mary, Tansey und die Reise in die Nacht ist ein Kinder- und Jugendroman, in dem es um Familie und Tod geht. Mary ist zwölf und übellaunig, weil einerseits gerade ihre beste Freundin weggezogen ist und andererseits ihre geliebte Großmutter Emer im Krankenhaus im Sterben liegt. Auf dem Nachhauseweg wird sie plötzlich von einer altmodisch gekleideten Frau angesprochen, die sich als Tansey vorstellt. Marys Mutter Scarlett stellt sofort fest, dass dies der Name der lange verstorbenen Urgroßmutter von Mary ist. Tansey ist ein Geist!
Anrührend wird in kurzen Rückblicken die Geschichte von Emer und Tansey erzählt, wobei klar wird, dass die Leben der vier Frauen auf besondere Art verbunden ist und verbunden bleiben wird, ungeachtet der Tatsache, das eine bereits tot ist, eine im Sterben liegt und die andere fast noch ein Kind ist.
Zusammen unternehmen sie eine Reise in die Nacht, bei der sie ihren Wurzeln und Gemeinsamkeiten nachspüren und Mary Hoffnung schöpft, dass das Leben auch trotz Verlusten gut sein wird.

Es ist eine leise Geschichte, vorsichtig und mit Fingespitzengefühl erzählt, die mir inhaltlich und sprachlich gut gefallen hat. Die Verbundenheit der Generationen, die Familiengeschichte und vor allem die Kraft, die man daraus schöpfen kann, sind anrührende, berührende Themen.  

Roddy Doyle, Mary, Tansey und die Reise in die Nacht. cbj, München 2011.