Showing posts with label dystopia. Show all posts
Showing posts with label dystopia. Show all posts

Sunday, August 09, 2026

Jacqueline Harpman - Ich, die ich Männer nicht kannte

Eine Dystopie  (aus dem Jahr 1995), wie sie finsterer nicht möglich ist: In einem Käfig unter der Erde werden 40 Frauen gefangen gehalten, drei Wärter versorgen sie mit dem Nötigsten an Essen und Kleidung. Eine davon, die jüngste unter ihnen, ist unsere Erzählerin. Sie erinnert sich als Einzige nicht an ein "davor", hat eine andere, eine teils fatalistische, teils aber auch neugierigere Sicht auf die beschränkte Welt. Als eine Sirene ertönt, fliehen die Wärter und nur durch Glück bleibt der Schlüssel zum Käfig in Reichweite zurück. Doch an der Oberfläche erwartet die Frauen nur eine andere Form von Gefangenschaft in einer kargen Landschaft mit wenig Ressourcen. Die Erzählerin berichtet sachlich von den Emotionen in der Gruppe, bleibt unklar über ihre eigenen Empfindungen. Während man, wie sie, darauf hofft, am Ende doch noch eine Erklärung für all das, eine Auflösung des Mysteriums, wo sie sich befinden, wie sie dorthin gelangt sind und was der Auslöser für diese finstere Situation ist, zu erlangen, so wird man enttäuscht. Die Protagonistin schreibt ihren Lebensbericht, mehr nicht. 
Insgesamt ist Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman eine sehr dunkle, sehr niederschmetternde Erzählung. Sprachlich hat sie mir nicht sonderlich gefallen, die Gedankengänge sind teils redundant, was aber sicher gewollt ist. Was bleibt übrig in einer derart entmenschlichten Welt? Welche kulturellen Elemente schimmern durch die Not hindurch, wie begegnen sich Frauen unter diesen Bedingungen? Es sind die Fragen, die das Buch ausmachen, weniger die weniger Antworten, die man erhält. 

 Jacqueline Harpman, Ich, die ich Männer nicht kannte. Klett-Cotta 2026.

Sunday, July 12, 2026

Charlotte McConaghy - Die Rettung

Nach Zugvögel erhält auch der neue Roman von Charlotte McConaghy einige Aufmerksamkeit. Die Rettung (besser im Original Wild Dark Shore) spielt auf einer verlassenen Insel zwischen Australien und der Antarktis namens Shearwater. In der von der Autorin geschaffenen dystopischen Welt, die unter den Folgen des Klimawandels leidet, hat man dort einen Bunker mit Pflanzensamen angelegt. Da das Wasser zunehmend steigt, ist dieser nicht mehr sicher und das dazugehörige Forscherteam ist bis auf Dominic Salt und seine drei Kinder bereits abgereist. Dominic fällt die Aufgabe zu, die Samen noch zu verpacken, bis auch seine Familie in Kürze abreisen soll. In einer Sturmnacht wird dann eine Frau angespült, schwer verletzt, ihr Boot inklusive Bootsführer haben den Sturm nicht überlebt. Die Familie in ihrem Leuchtturm nehmen sie auf, aber alle misstrauen einander. Was will die Frau, Rowan, auf Sheerwater? Wer ist sie? Was verschweigt Dominic? Welche Geheimnisse haben die Kinder vor ihrem Vater? Hinzu kommen noch zwei Personen, die das Geschehen beeinflussen, ohne anwesend zu sein: Der Geist von Dominics Frau und Hank, Rowans Ehemann.

Ähnlich wie in Zugvögel habe ich nach dem Beenden des Romans das Gefühl, die Autorin wollte zuviel. Das Setting auf der wunderschönen, von bezaubernden Tieren wie Albatrossen und Seelöwen bevölkerten Insel ist atemberaubend. Dazu der Leuchtturm, interessant charakterisierte Kinder, die ihre eigenen Forscherwege gehen, vor dem Hintergrund einer zutiefst misshandelten Umwelt. Nun gut, der unkommunikative Dominic, der mit seiner toten Frau spricht, hat schon von Beginn an etwas hölzern Klischeehaftes. Rowan kämpft mit ihren eigenen Dämonen ihrer Kindheitstraumata und dem Verlust ihres Hauses an einen Buschbrand, auch nicht gerade wenig an Ballast. Wie diese beiden miteinander interagieren, sich annähern, wäre schon eine ausreichend interessante Geschichte gewesen. Doch die Autorin packt noch eine Kriminalgeschichte obendrauf: Was ist mit Hank auf der Insel passiert, nachdem er einen Hilferuf per Mail an Rowan abgesetzt hat? Die Auflösung dieser Frage wirft gleich noch mehrere Fragen nach psychischen Erkrankungen, Missbrauch und Gerechtigkeit auf.  --- ich glaube, damit wird deutlich, was ich mit "zuviel" meine. Dabei ist die Geschichte schön, phasenweise poetisch erzählt. Man möchte diese Charaktere, besonders die Kinder, besser kennenlernen, wünscht ihnen eine Zukunft, die das durchaus geschickt kreierte Ende aber offen lässt. Mich hat Die Rettung trotz der zu großen Fülle an Themen und Blickwinkeln durchaus gefesselt und ich fand es lesenwert.

Charlotte McConaghy, Die Rettung. Bonnevoice 2025.

Tuesday, October 14, 2025

Jonathan Stroud - Scarlett & Browne - Die Legendären

Scarlett & Browne - Die Legendären ist der dritte und finale Band von Jonathan Strouds Trilogie um zwei Outlaws in einem dystopischen England. Nach einer schrecklichen Katastrophe, der großen Verheerung, bei der eine hochtechnologisierte Gesellschaft untergegangen ist, herrschen nun die Glaubenshäuser mit Gewalt und Unterdrückung. Sklaverei und die Verfolgung aller Andersartigen ist allgegenwärtig, gleichzeitig bedrohen mysteriöse Wesen und Untote alle, die ihnen zu nahe kommen. 
Nach den Vorgängerbänden Die Outlaws und Die Berüchtigten suchen Scarlett und Albert nach ihren Wurzeln und den Schatten ihrer Vergangenheit. Scarlett muss herausfinden, was mit ihrem kleinen Bruder geschehen ist, während Albert das Trauma seiner Kindheit als magisches Versuchskaninchen aufarbeiten will. Sie gehen dabei viele Risiken ein und das hat mehr als eine actionreiche Kampfszene zur Folge, die von Anna Thalbach gewohnt intensiv umgesetzt werden. Gleichbleibend gut sind auch die Charaktere und die Dialoge, wie immer bei Stroud. Nicht alle der aufgeworfenen Fragen werden jedoch beantwortet, die Zukunft bleibt offen, das Schicksal dieser ungemütlichen Welt auch. Dennoch findet die belastende emotionale Reise der beiden Protagonisten, mit sich selbst, miteinander und innerhalb ihrer Gemeinschaft, ein gutes Ende, eine innere Zufriedenheit, mit der wir sie ziehen lassen können.  

Jonathan Stroud, Scarlett & Browne - Die Legendären. cbj 2025.

Saturday, September 13, 2025

Suzanne Collins - Der Tag bricht an

Der Tag bricht an von  Suzanne Collins erzählt die Geschichte von Haymitch Abernathy, den Leser:innen der Panem-Trilogie als einzigen Sieger aus Distrikt 12 kennen. Er ist in der Trilogie zunächst kein Sympathieträger, aber dieser Band erklärt, wie er zum dem Menschen wurde, mit dem sich Katniss Everdeen und Peeta Mellark auseinandersetzen müssen. Wie die bekannten Trilogie-Bände ist auch Der Tag bricht an erzählerisch in drei Teile gegliedert - die Zeit vor der Hunger Games, die Zeit in der Arena und die Zeit nach Haymitches Sieg. 
Es ist ein vertrautes Setting, in das man sich begibt, man trifft 
(vielleicht zuviele) bekannte Figuren wieder, deren Hintergründe ergänzt werden. An einigen Stellen wird die Perspektive für die Panem-Welt und die Geschehnisse der Trilogie erweitert, alles in allem geschieht aber nicht viel Überraschendes. Tatsächlich wirkt Der Tag bricht an an manchen Stellen wie eine Kopie des ersten Bandes Tödliche Spiele, und so würde ich abschließend sagen, es ist ein "gemütliches" Wiedersehen ohne echten Mehrwert und eher etwas für Fans. 

Suzanne Collins, Der Tag bricht an. Oetinger 2025.

Sunday, March 02, 2025

Emily St. John Mandel - Das Licht der letzten Tage

Emily St. John Mandel veröffentlichte Das Licht der letzten Tage im Jahr 2014. Ein agressiver Grippevirus breitet sich rasant aus und tötet weite Teile der Bevölkerung. Die Zivilisation bricht zusammen, nur Einzelne überleben und schließen sich zu kleinen Gemeinschaften zusammen.
Der Roman wird aus der Sicht verschiedener Charaktere erzählt und springt immer wieder zwischen der Zeit vor und nach dem Ausbruch der Krankheit hin und her. Die Personen sind lose miteinander verknüpft, auch wenn sie sich in Alter und in ihren Erlebnissen stark unterscheiden. Kunst und Kultur sind Thema - was bleibt, wenn alle Technologie plötzlich ausfällt? Worauf kann man hoffen, wie lange muss man warten? Das ist den Charakteren gemein - sie glauben an die Schönheit, sie halten fest an Freundschaften, auch wenn es ebenso Böses und Tod um sie herum gibt. Diese Resilienz traut man den Figuren nicht immer zu, gerade in den Rückblenden und zu Beginn des Romans hat man Zweifel, ob sie es in dieser schwierigen neuen Welt schaffen können. Der Autorin gelingt es, am Ende der Hoffnung vielfältig Ausdruck zu verleihen, mit feinen, leisen Tönen, was mir sehr gut gefallen hat.
Das Licht der letzten Tage
führt uns die Vergänglichkeit und Anfälligkeit unserer zivilisierten Welt vor Augen - im Roman ist es ein Virus, während es aktuell in unserer Wirklichkeit andere Dinge sind, die unseren Status Quo bedrohen. Umso wichtiger, sich auf das Wesentliche zu besinnen, sich selbst und die Menschen um sich herum nicht zu verlieren. 

Emily St. John Mandel, Das Licht der letzten Tage. Audio Media Verlag 2015.

Friday, February 21, 2025

Paul Lynch - Das Lied des Propheten

Das Lied des Propheten des irischen Autors Paul Lynch gewann 2023 den Booker Prize. Der dystopische Roman spielt in einem fiktiven Irland, das sich innerhalb des Romans in einen totalitären Staat verwandelt. Dabei wird nicht erzählt, was politisch konkret geschieht, sondern man erlebt die Auswirkungen der voranschreitenden Kontrolle und Unterdrückung durch die Augen von Eilish Stack. Sie ist verheiratet, hat vier Kinder und kümmert sich auch noch um ihren Vater, der an Demenz leidet. Der Erzählstil ist eigenwillig, wir erleben alles im Präsens und einem sprunghaften und emotionalen Gedankenstrom von Eilish. An der Stelle hat sich das Audiobook als Vorteil erwiesen, denn die Sätze ziehen sich über halbe (oder gar ganze) Seiten hin und es werden kaum Absätze gesetzt (siehe den "Satz" unten).
Man erahnt bereits nach den ersten Seiten, wo die Geschichte enden wird, sieht Eilish die Zeichen in den Wind schlagen, sie ignoriert, was passiert, glaubt naiv an die Kehrtwende und schlägt konkrete Hilfsangebote aus. Gleichzeitig versucht sie sich selbst stets zu überzeugen, dass sie nur das Beste für ihre Kinder tut, nur um am Ende in einem Worst-Case-Flucht-Szenario zu landen. Und hier liegt wohl auch Lynchs Botschaft: Wir haben all das schon oft gesehen - die Entwicklung eines Staates hin zu einem totalitären Gebilde, die die Freiheit einschränkenden Gesetze, die Verfolgung von politischen Gegnern und Randgruppen, die Bildung von militärischen Gruppen zur Kontrolle, das brutale Niederschlagen des Widerstand, die Inhaftierung, Folter und Tötung - all das kennen wir. Und niemals, so glauben wir, wird das in unserem Staat geschehen. Wie könnte es?
Die Geschehnisse überfordern die Einzelnen, so wie es Eilish überfordert, lassen sie ungläubig und in Schockstarre im Moment verweilen, während die Emotionen sie zusätzlich überwältigen, weil alle Menschen, die ihr etwas bedeuten, bedroht sind. Diese zunehmende Bedrohung habe ich während des Hörens stark mitempfunden, sie schreitet zunächst langsam, aber sehr konkret und dann auch schneller voran. Man möchte sich selbst glauben machen, man würde in der gleichen Situation schneller verstehen, anders handeln als Eilish, aber kann man sich da sicher sein? 

Paul Lynch, Das Lied des Propheten. Klett Cotta 2024.

 

"Sie schaut zum Himmel, sieht zu, wie der Regen durch den Raum fällt, und auf dem verrotteten Hof ist nichts zu sehen, nur die Welt, wie sie auf sich selbst beharrt, der gemächlich bröckelnde Zement dem aufsteigenden Saft darunter weicht, und wenn der Hof einmal Vergangenheit ist, bleibt noch das Beharren der Welt, einer Welt, die darauf beharrt, kein Traum zu sein, und dennoch gibt es für den Betrachter kein Entrinnen aus dem Traum und dem Preis des Lebens, der Leiden ist, und sie sieht ihre Kinder in eine Welt von Hingabe und Liebe geboren und sieht sie verdammt zu einer Welt des Terrors, sie wünscht, dass es mit einer solchen Welt zu Ende geht, wünscht der Welt ihre Zerstörung, und sie blickt auf ihren kleinen Sohn, dies Kind, das unschuldig bleibt, und sie sieht, wie sie mit sich selbst in Konflikt geraten ist, und ist bestürzt, sieht, dass aus Terror Mitleid entsteht und aus Mitleid Liebe, und mit Liebe kann die Welt wieder errettet werden, und sie kann sehen, dass die Welt doch nicht endet, dass die Vorstellung, die Welt ende durch ein plötzliches Ereignis zu ihren Lebzeiten, nur selbstgefällig ist, dass das eigene Leben endet und nur das, dass das, was die Propheten singen, nur das Lied ist, das in allen Zeiten gesungen wird, die Zukunft des Schwerts, die Welt von Feuer verzehrt, die Sonne um Mittag in die Erde gesunken und die Welt in Dunkelheit gehüllt, der Zorn eines Gottes im Mund eines Propheten inkarniert, der gegen die Gottlosigkeit wettert, die vertrieben werden wird, und der Prophet singt nicht vom Ende der Welt, sondern davon, was getan worden ist und was getan werden wird und was manchen angetan wird, aber nicht anderen, dass die Welt immer wieder aufs Neue an einem Ort endet, aber nicht an einem anderen, und dass das Ende der Welt immer ein lokales Ereignis ist, es kommt in dein Land und besucht deine Stadt und klopft an die Tür deines Hauses und wird für andere nur eine ferne Warnung, ein kurzer Bericht in den Nachrichten, ein Echo von Ereignissen, das in die Folklore eingegangen ist, Bens Lachen hinter ihr, sie dreht sich um und sieht, wie Molly ihn auf ihrem Schoß kitzelt, und sie betrachtet ihren Sohn und sieht in seinen Augen eine strahlende Intensität, die von der Welt vor dem Sündenfall kündet, und sie geht weinend auf die Knie und nimmt Mollys Hand."

Saturday, February 01, 2025

Lauren Oliver - Delirium

Nope. Leider nein.
Die Grundidee von Delirium von Lauren Oliver ist milde interessant: Liebe ist eine Krankheit und in einem dystopischen Überwachungsstaat wird alles daran gesetzt, diese Krankheit auszurotten. Das Bildungssystem vermittelt dies rigoros, Jungen und Mädchen werden strikt getrennt und ihnen fast alle Optionen genommen, sich ungezwungen zu begegnen, und all das gipfelt in einem krassen physischen Eingriff, der allen die Fähigkeit zur Liebe nehmen soll. Daraufhin leben alle kastriert zufrieden mit ihren vom Staat ausgewählten Partnern. Natürlich gibt es die Querulanten, die Rebellen, die hier Invaliden heißen und draußen "in der Wildnis" leben. Unsere Protagonistin Lena steht kurz vor ihrem Eingriff und natürlich passiert, was passieren muss, sie begegnet Alex und verliebt sich. Was folgt ist ein langwieriges Hin und Her mit inneren und äußeren Konflikten, in dessen Verlauf sie einige Entdeckungen macht und schließlich eine Entscheidung für sich und ihr Leben trifft.
Für meinen Geschmack passte hier wenig zusammen. Die eigentlich linientreue Lena denkt und fühlt viel zu blumig, sucht praktisch nach den Lücken im System, nur um dann erschrocken zurückzuziehen und sich zu fürchten. Die Backgroundgeschichte um ihre Mutter ist unglaubwürdig, das Worldbuilding insgesamt eher lückenhaft. Nun, es war einmal wieder ein Fall von " the Popsugar reading challenge made me read this". And that's that.

Lauren Oliver, Delirum, Silberfisch 2011.

Friday, October 18, 2024

Jonathan Stroud - Scarlett und Browne - Die Berüchtigten

Scarlett und Albert sind im zweiten Band (Die Berüchtigten) ein eingespieltes Team. Alberts Fähigkeiten helfen Scarlett, immer gewagtere und ertragreichere Raubüberfälle zu unternehmen. Weiterhin sind ihnen ihre Verfolger auf den Fersen - inzwischen gibt es aber auch ein Kopfgeld und sogar eine Ballade über ihre finsteren Taten.
Im ersten Band (Scarlett und Browne - Die Outlaws) war uns Jonathan Stroud die Hintergründe seiner beiden Protagonisten schuldig geblieben, dies holt er Schritt für Schritt in Rückblenden und Erinnerungen in diesem Band nach. Während die beiden actionreiche Abenteuer erleben, erfahren wir, mit welchen Erfahrungen die beiden zurechtkommen müssen. Diese miteinander zu teilen, gibt ihnen neue Möglichkeiten, in die Zukunft zu blicken. Wie immer machen Strouds Charaktere viel Spaß, die Dialoge sind humorvoll, Setting und Plot passen.
Die Lesung von Anna Thalbach war hochengagiert, nur bei einigen wenigen Figuren hat sie ein wenig dick aufgetragen für meinen Geschmack - zuviel Schauspiel.
Insgesamt ein wieder ein gelungener Band dystopischer Fantasy und ich freue mich auf den Abschlussband der Reihe im kommenden Jahr, wenn noch die letzten Rätsel betreffend der Entstehung dieser bedrückenden Welt aufgedeckt werden.

Jonathan Stroud, Scarlett und Browne - Die Berüchtigten. cbj Audio 2022.

Tuesday, August 15, 2023

Marissa Meyer - Wie Blut so rot

Wie Blut so rot ist nach Wie Monde so silbern der zweite Band von Marissa Meyers Luna-Chroniken, eine Reihe von vier Bänden, die Märchenmotive in eine dystopische Sci-Fi-Welt integrieren. Der Originaltitel dieses Bandes lautet Scarlet und spielt mit dieser Farbkennzeichnung deutlich auf Rotkäppchen an. Es gibt eine rothaarige Hauptfigur, eine Großmutter und den bösen Wolf... Damit hat sich die Motivik aber auch im Grunde schon erschöpft, der Rest dreht sich um die Verwicklung der entführten Großmutter in Cinders Überleben auf der Erde. Zur Erinnerung, Cinder(ella) ist das Cyborg-Mädchen aus Band eins, dass sich als lunarische Prinzessin entpuppte. Die aktuelle lunarische Königin ist selbstverständliche böse und integriert gegen die Menschheit als Gesamtheit, wofür sie eine perfide, wölfische Armee herangezüchtet hat.
Ziemlich geschickt verwebt die Autorin die Geschichte Cinders mit der neu hinzugekommenen Protagonistin Scarlet, die parallel und jeweils mit einem interessanten Sidekick ausgestattet (entflohener Sträfling mit Raumschiff einerseits und abtrünninger Wolfssoldat andererseits) daran arbeiten, mehr über Cinders Herkunft und Vergangenheit herauszufinden und die Großmutter zu retten. Die Geheimnisse über Cinders Kindheit können zwar größtenteils enthüllt werden, derweil spitzt sich der Konflikt zwischen der lunarischen Königin und der Menschheit dramatisch zu - so dass man annehmen darf, dass die vier im dritten Band zusammen weiterkämpfen werden...
Die Lesung von Vanida Karun hat mir auch beim zweiten Band über einige langsamere Teile der Geschichte hinweggeholfen, sie bringt die Charaktere zum Leben, wobei ihr sowohl knurrige Wolfsbösewichte als auch quietschige Androiden wunderbar gelingen. Kontrastreiche und unterhaltsame Lesung eines story-technisch deutlich besseren zweiten Bandes (wenngleich der deutsche Titel ein wenig peinlich ist, deutet er doch inhaltlich auf ein Schneewittchen und nicht auf Rotkäppchen hin, nur die Farbe passt?!). Nun werde ich wohl irgendwann auch noch den dritten Band lesen müssen.

Marissa Meyer, Wie Blut so rot. Silberfisch 2014.

Wednesday, January 18, 2023

Kazuo Ishiguro - Alles, was wir geben mussten

Viele Leserinnen und Leser merken in ihren Rezensionen von Alles, was wir geben mussten von

Monday, November 14, 2022

Cecilia Ahern - Perfect: Willst du die perfekte Welt?

Es war noch der zweite Teil der Duologie für die Popsugar Reading Challenge offen:

Nach Flawed - Wie perfekt willst du sein? folgt nun Perfect - Willst du die perfekte Welt?
Die gebrandmarkte Celestine versteckt sich vor der bösen Gilde zunächst bei ihrem Großvater, muss aber bald fliehen und wird zum Glück aufgegriffen von Carrick, in den sie sich im Gefängnis aus unbekannten Gründen verliebt hatte und der auch ein "Flüchtiger" ist. Alle glauben fest daran, dass Celestine die Rolle der Gallionsfigur im Kampf gegen die Gilde zukommen muss - nur ist sie selbst die meiste Zeit über weiterhin das unsichere, naive Mädchen. Instinktiv weiß sie dann aber in den brenzligen Situationen dennoch immer, was zu tun ist, um sich selbst und die anderen zu retten. Zugleich bemüht Ahern den unerbittlichen Klassiker der Dreiecksbeziehung, denn natürlich ist Carrick ein schwieriger Partner und der Ex-Freund mit unklarer Rolle in dem politischen Gewirre taucht wieder auf. Es wimmelt von Klischees und die Geschichte zieht sich im letzten Drittel zäh dahin. Gestört haben mich dann die neu auftauchenden erzählerischen Flashbacks ("16 Stunden zuvor"), die dann Auswege aus den Sackgassen bieten, in die sich Celestine gerade wieder einmal manövriert hatte. Nun, da war ja der erste Band fast besser... Seufz. 

Cecilia Ahern, Perfect: Willst du die perfekte Welt? Argon 2016.

Monday, October 24, 2022

Ursula Poznanski - Cryptos

In Ursula Poznanskis Dystopie Cryptos leben nur noch wenige Menschen in der realen Welt, denn diese ist ausgesprochen unwirtlich: Das Klima ist gekippt, weite Landstriche sind verwüstet und zu heiß für Landwirtschaft und jede Form von Leben. Die Ressourcen werden immer knapper, dennoch beschäftigen sich die meisten Menschen nicht damit, denn sie leben in virtuellen Welten, in die sie sich mehr als 23 Stunden des Tages transferieren. Die Protagonistin Jana ist eine junge und sehr erfolgreiche Weltendesignerin - Probleme gibt es erst, als in einer ihrer Welten Unregelmäßigkeiten auftreten. Eine junge Frau wird ermordet, was eigentlich kein Problem ist, denn schließlich stirbt man in einer virtuellen Realität nicht wirklich - doch dann erfährt Jana, dass die Frau tatsächlich tot ist. Sie geht diesen Unregelmäßigkeiten auf die Spur und bringt sich dabei selbst in Gefahr. 

Was als eine Art Schnitzeljagd durch die verschiedenen Welten beginnt, wandelt die Autorin im letzten Drittel in eine ethisch-wissenschaftliche Diskussion, wie die Menschheit mit Ressourcenknappheit, sozialer Ungerechtigkeit und Überbevölkerung umgehen sol
lte. Wenngleich dies erzählerisch recht gut gelingt und Jana in ihren Handlungen authentisch bleibt, ist der Lösungsansatz am Ende doch etwas plump angesichts der Größe der Probleme und der Tiefe der Korruption in dem herrschenden Gesellschaftssystem. Berücksichtigt man jedoch die Zielgruppe des Romans, so funktioniert es schlussendlich doch ausreichend - dazu passt auch die etwas zu rosarote anmutende Liebesgeschichte am Ende. Hier gibt es Hoffnung auf eine bessere Welt und Hoffnung, dass sich Menschen am Ende doch für das Gute entscheiden.
Die Schilderungen der Welten und Janas schlagfertige und selbstironische Art und Weise auf ihren Reisen zurechtzukommen hat mir gefallen. Wenngleich Idee und Setting natürlich nicht neu sind (Ready Player One u.a.), so hat Poznanski mit Cryptos eine lesenswerte Dystopie mit aktueller Relevanz geschaffen.

Ursula Poznanski, Cryptos. Hörverlag 2020.

Wednesday, October 05, 2022

Justin Cronin - Der Übergang

Der Übergang von Justin Cronin beginnt vielversprechend, wenn auch nicht unfassbar originell. Ein viraler Zufallsfund lässt die Armee der USA und ihre Wissenschaftler aufhorchen - daraus lässt sich doch bestimmt eine Waffe machen?

Wie zu erwarten war, geht alles schief und die Infizierten (allesamt Straftäter, die zum Tode verurteilt wurden, also ganz liebenswerte Charaktere) mutieren auf ungünstige Weise und brechen - natürlich - aus. Sonst wäre Der Übergang ja auch keine Dystopie. Das Virus, das mental (!) übertragen wird, verbreitet sich rasend schnell. Doch halt, da ist noch die letzte Probandin, ein kleines Mädchen namens Amy, die mutiert nicht zu einem blutsaugenden tödlichen Monster, sondern überlebt mit Hilfe eines väterlich-sympathischen FBI-Agenten. Leider geht der aber bei dem nuklearen Aufräumversuch der US-amerikanischen Regierung drauf und Amy muss sich allein durchschlagen. Praktischerweise altert sie nicht und kann sich selbst heilen - leider ist sie aber eben trotzdem auch ein Kind und versteht das alles nicht so richtig... Ende des spannenden ersten Teils des Romans.

Etwa 90 Jahre später sind ganze Teile der USA nur noch von Viral-Mutanten bevölkert und Menschen leben in versprengten Kolonien und versuchen mit den Resten von Technologie und Wissen zu überleben - mit beidem ist es nicht weit her.
Was dann folgt ist eine Fülle von Charakteren, die ich beim Hören manchmal schwer auseinander halten konnte. Die häufig wechselnden Erzähler unterschieden sich nicht immer deutlich genug voneinander, wenngleich sich Cronin durchaus Mühe gegeben hat, seine Charaktere auszuarbeiten. Gut gefallen haben mir die eingestreuten Dokumente (Tagebücher, Berichte von Augenzeugen), die das Erlebte authentischer machten. 

Da sich diese Dystopie zwischen Horror und Fantasy bewegt, hatte ich manchmal Schwierigkeiten mit den drastischen Gewaltschilderungen; manchmal erwischte ich mich dabei, dann einfach wegzuhören. Das mag aber auch an den erzählerischen Längen gelegen haben, phasenweise empfand ich das ganze auch als Audiobook sehr zäh und langatmig. Natürlich kommen Amys Fähigkeiten und ihr Sonderstatus gegen Ende noch zum Tragen, das wiederum war vorhersehbar.

Andere Rezensenten kritisieren die große Ähnlichkeit (in Plot oder Thematik) mit andere Romanen des Genres. Ich habe diesbezüglich zu wenig gelesen, um mitreden zu können. Für mich hatte der Roman erzählerisch und auch von der Story her vor allem im zweiten Teil Längen und hat mich daher nicht begeistern können. Als Trilogie geplant, wird die Geschichte auch nicht abgeschlossen, sondern bleibt nach bester Cliffhanger-Manier in der Luft hängen. In diesem Fall berührt mich das wenig, da mir die Charaktere nicht ans Herz gewachsen sind und ich sie also gut allein lassen kann. 

Vielleicht ist Cronins Der Übergang dann doch eher was für überzeugte Fans von gruseligen Hardcore-Dystopien.

Justin Cronin, Der Übergang. Random House Audio 2011.

Friday, June 17, 2022

Cecilia Ahern - Flawed - Wie perfekt willst du sein?

Meine Erwartungen für Flawed - Wie perfekt willst du sein? waren nicht hoch. Schließlich kommt von der Erfolgsautorin Cecilia Ahern eher romantische Unterhaltung als ein literarischer Höhenflug. Ich war für die Popsugar Challenge 2022 auf der Suche nach einer Duologie und Flawed hat nun einmal zwei Teile und war vorhanden (Stadtbibliothek). Ungewöhnlich, dass es sich dabei um eine Young Adult Dystopie handelt, schließlich ist das auch nicht das übliche Schreibrevier der Autorin.

Das Setting ist der realen Welt recht ähnlich in Bezug auf Technologie und auf die generellen sozialen Gepflogenheiten. Jedoch gibt es neben der normalen Gesetzgebung auch noch eine moralische Überwachung: Man muss sich perfekt und integer verhalten, lügt man, verhält sich "inakzeptabel" oder gesellschaftlich illoyal, so kann einen die Gilde verhaften und verurteilen. Die Strafe ist immer Brandmarkung (ja, so mit Brandeisen und einem dicken F für Flawed oder fehlerhaft!) und lebenslängliche gesellschaftliche Ächtung. Diese Regeln - erschaffen, um einen hohen moralischen Standard zu kreieren - führen zu Angst und auch zu Lügen und zu einer Überheblichkeit der "Perfekten" gegenüber den "Fehlerhaften".
Die Protagonistin Celestine gehört mit ihrer Familie zu den perfekten Exemplaren des Systems. Sie ist glücklich und kennt scheinbar keine Probleme. Eines Abends erlebt sie, wie eine Frau in der Nachbarschaft von den Abgesandten der Gilde verhaftet wird - eine Frau, bei der sie sich beim besten Willen nicht vorstellen kann, was sie falsch gemacht haben kann. Erst ab diesem Moment setzt sich Celestine mit dem System, in dem sie lebt, auseinander. Auf einer Busfahrt (Rosa Parks Bezug vermutlich beabsichtigt) fällt sie dann plötzlich aus der Rolle: Sie hilft spontan einem kranken alten Mann, der aber ein Fehlerhafter ist und dem sie laut Gesetz nicht helfen darf. Sie wird verhaftet, verurteilt und mehrfach gebrandmarkt. Der Richter, eigentlich ein Freund ihrer Familie, wird wütend, weil sie sich nicht so verhält, wie er es wünscht, und straft sie mit ungewöhnlicher Härte.
Nach dem ersten Schock und den körperlichen Schmerzen muss sich Celestine nun an neue Regeln gewöhnen, aber auch an das intensive Interesse von Medien, politischen Gruppen und hassenden Mitschülern. Nur sehr langsam verliert sie ihre Naivität und Vertrauensseligkeit und beginnt, über das System und ihre Rolle an dem wachsenden Widerstand gegen die absurde Moralität und Härte der Gilde nachzudenken.

Ich habe schon schlechter konstruierte Dystopien gelesen, allerdings auch bessere. Ich ärgere mich immer über diese naiven Mädchen, die keine Ahnung von gar nichts haben und höchst egozentrisch und unsensibel durchs Leben laufen, um dann plötzlich zu gesellschaftlichen Umstürzlerinnen wider Willen zu werden. Celestine gehört zum Teil auch in diese Kategorie Protagonistin. Die weiteren Charaktere werden im Vergleich eher wenig entwickelt, hätten aber vielleicht Potenzial gehabt, wie beispielsweise Celestines glatt gebürsteter Freund Art, ihre schwer zu durchschauende Schwester Juniper oder auch Celestines Großvater. Nun, vielleicht ergibt sich dafür ja noch Platz im Band zwei. Nahezu völlig unsinnig für den Plot ist hingegen ein junger Mann namens Carrick, der in der Nachbarzelle inhaftiert ist, während sie auf ihren Prozess warten. Obwohl sie fast nichts miteinander sprechen, steigert sich Celestine im weiteren Verlauf in eine massive Verliebtheit hinein, die durch nichts gerechtfertigt ist und komplett aufgesetzt wirkt. Klar, dass er später noch eine Rolle spielen wird, aber hier wurde die Liebesgeschichte sozusagen mit dem Holzhammer in die Geschichte gedrückt. Nicht gut gemacht. 
Gelungen ist meines Erachtens wie geschildet wird, dass man in dieser moralisch höchst anspruchsvollen Gesellschaft niemandem trauen kann. Die wahren Motive der Menschen bleiben stets verborgen, ihre Handlungen sind doppeldeutig, ihr Interesse an Celestine nie ohne Hintergedanken. Manipulation ist allgegenwärtig. Obwohl sie lange nur eines will, nämlich sich wieder anzupassen und ein halbwegs normales Leben zu leben trotz ihrer Brandmarkung, muss sie schließlich erkennen, dass dies nicht mehr möglich ist, weil sie ungewollt ein Instrument einer Widerstandsbewegung geworden ist, deren Ausmaß und Motive sie nicht erfassen kann. Zu welchen Konsequenzen dies führt und wie dieser Umbruch weiter verläuft, hat sich die Autorin für Band zwei aufgehoben, Ende Band eins offen.

Cecilia Ahern, Flawed - Wie perfekt willst du sein? Argon 2016.

Monday, December 27, 2021

Sally Gardner - Zerbrochener Mond

Andreas Steinhöfel gibt dem Protagonisten von Zerbrochener Mond von Sally Gardner seine Stimme. Das Buch wurde 2012 veröffentlicht und gewann zahlreiche Preise in Großbritannien.

Zerbrochener Mond ist eine Dystopie, die in etwa in den 1950er Jahren angesiedelt wird. Eine Nazi-ähnliche Macht regiert und sperrt unerwünschte Personen in Zone 7 ein. Standish Treadwell darf zwar zunächst zur Schule gehen, ist dort aber wegen seiner Leseschwäche ständigen Misshandlungen psychischer und physischer Art ausgeliefert. Seine Eltern sind bereits geflohen, er lebt mit seinem Großvater zusammen. Als eine neue Familie in sein Elternhaus einzieht, entwickelt sich eine intensive Freundschaft zu deren Sohn Hector. Während die beiden sich in eine alternative Welt träumen, in denen sie zu friedlichen und freundlichen Planeten fliegen, plant "das Mutterland" die Mondlandung, um dem Rest der Welt ihre Überlegenheit zu beweisen. Doch als der "Mondmann" - ein Astronaut auf der Flucht vor den Schergen des Systems - bei den Treadwells Zuflucht sucht, wird klar, dass diese Mondlandung nur inszeniert werden soll. Standish und sein Großvater werden bereits intensiv beobachtet von den "Ledermänteln" der Nazis, dennoch fassen sie einen wagemutigen Plan, der das Mutterland vor den Augen der Welt bloßstellen soll. Was Standish tun soll, übersteigt fast seine Kräfte, und mehr als einmal entscheidet er sich entgegen seiner Instinkte für mutiges, selbstloses Handeln im Widerstand.

Zerbrochener Mond ist keine leichte Kost, sondern verlangt dem Leser einiges ab. Das System, das die Autorin mit groben, erzählerischen Pinselstrichen zeichnet, ist schrecklich genug: Hunger, Misshandlungen, Überwachung und Ausweglosigkeit - keine Hoffnung auf Verbesserung. Viele kleine Hinweise machen deutlich, dass es sich um ein dem Nationalsozialismus sehr ähnliches Machtgefüge handelt und den Mächtigen ist jedes Mittel recht, um das System aufrecht zu erhalten. Es ist also eine Widerstandsgeschichte, Standish ist einer der Unterdrückten, wenngleich er zunächst für sich selbst keine aktive Rolle vorsieht. In diese rutscht er durch seine Freundschaft zu Hector und durch das Betreiben seines Großvaters erst hinein, schließlich ist sie aber unausweichlich und er wächst über sich hinaus. Ein positives Ende scheint unmöglich, wenngleich ein Funke Hoffnung bleibt, dass Standishs Opfer etwas bewegen könnte.

Sally Garner, Zerbrochener Mond. Silberfisch 2014.

Friday, July 09, 2021

Jonathan Stroud - Scarlett und Browne - Die Outlaws

Im ersten Band seines neuen Projekts Scarlett und Browne bringt uns Jonathan Stroud in eine ungemütliche, dystopische Version Englands. Scarlett McCain zieht als Gesetzlose durch die Wildnis, in der zu Monstern mutierte Wesen sie bedrohen, in den Städten hingegen gilt ein strenges Regime, in der alles ausgegrenzt und gar getötet wird, was von der Norm abweicht. Ihr Geld verdient sie mit Raubüberfällen, gerade ist sie auf dem Weg, ihren Schuldnern das Geld aus ihrem letzten Banküberfall zu bringen. Das Wrack eines Busses zieht ihre Aufmerksamkeit auf sich, in diesem entdeckt sie Albert Browne inmitten von Leichen. Obwohl sie keinesfalls der fürsorgliche Typ ist, nimmt sie sich seiner an - und bereut es innerhalb weniger Stunden. Nicht nur ist Albert wirklich seltsam und verschwiegt ihr so einiges, sondern ihm sind auch einige Menschen auf den Fersen. Das ungleiche Paar muss sich zusammentun, um zu überleben. Bald entdeckt Scarlett, dass Albert ungewöhnliche Fähigkeiten hat, die ihr nutzen können, die aber auch gefährlich sind. Gemeinsam begeben sie sich auf eine gefährliche Reise. 

Wie man es von Stroud aus Bartimäus und Lockwood gewohnt ist, konstruiert er seine beiden Protagonisten mit spannenden Gegensätzen und stattet sie mit interessanten Fähigkeiten aus. Es wird angedeutet, dass das ungleiche Paar noch viel aneinander zu entdecken hat, denn Stroud verzichtet in diesem Band darauf, Scarletts Geschichte näher zu beleuchten. Und auch wie Alberts Gaben genau funktionieren, bleibt offen, wenngleich klar wird, dass sich in dieser dystopischen Welt noch mehr Menschen in dieser und anderen Formen verändert haben. Die Gründe für diese Veränderung und welche Ereignisse, besser welche Katastrophe zu der starren Gesellschaftsform geführt hat, in die weder Scarlett noch Albert hineinpassen, bleibt Stroud uns ebenfalls schuldig. Es ist düster und gefährlich in dieser Welt mit unnachgiebigen, religiösen Fanatikern, Monstern und zombieartigen Menschenfressern. Hier kann man auf einiges gespannt sein.
Am besten gefällt mir an allen Welten, die Stroud bisher erschaffen hat, der Humor und Wortwitz der Charaktere (hier von Anna Thalbach im Audiobook großartig umgesetzt), die Stärke seiner weiblichen Protagonisten und die Mehrdimensionalität der Beziehungen der Charaktere. Das macht Freude - nahezu unabgängig von der Story. Die fiel bei Scarlett und Brown vielleicht ein wenig schwächer aus als bei Lockwood und Co., war aber dennoch spannend und wird abgeschlossen - auch wenn klar ist, dass wir den beiden wiederbegegnen werden. 

Jonathan Stroud, Scarlett und Browne - Die Outlaws. cbj Audio 2021.


Wednesday, December 23, 2020

E.M. Forster - Die Maschine steht still

Die in ihrer Kürze sehr beeindruckende Kurzgeschichte Die Maschine steht still von E.M. Forster (1879-1970) wurde erstmals 1909 veröffentlicht. Darin wird geschildert, wie eine unterirdisch, in kleinen Zellen lebende Menschheit von "der Maschine" versorgt wird. Diese wurde von der Menschheit zu eben diesem Zweck erschaffen, aber sie kontrollieren sie nicht mehr. Verschiedene technische und technologische Errungenschaften füttern die in Selbstisolation lebenden Menschen mit Nahrung und ermöglichen Informationsaustausch und Kommunikation über etwas, das entfernt an das Internet und Messengerdienste erinnert. Reale physische Kontakte kommen so gut wie nicht vor, da sich die Menschen kaum aus ihren Zellen bewegen und sich vor dem Draußen sogar fürchten.
So hat die Protagonistin Vashti ihren Sohn Kuno jahrelang nicht gesehen, bis er sie drängt, sie zu besuchen, was sie nur widerwillig tut. Sie ist entsetzt, als er ihr von seinem nicht genehmigten Ausflug auf die Erdoberfläche berichtet und distanziert sich von ihm.
Die Kurzgeschichte endet mit dem Zusammenbruch des Systems und erfüllt damit den Titel - Die Maschine steht still. Die Menschen geraten in Panik und Kuno und Vashti erkennen in ihren letzten Augenblicken, dass persönliche Beziehungen am wertvollsten sind und die Maschine ein Irrtum war.

Selbstgewählte, totale mentale Abhängigkeit von technischen Geräten, die uns von den wahrlich wichtigen Beziehungen in unserem Leben ablenken, wahre Kommunikation und Begegnung verhindern. Es ist erschreckend, was uns eine über 100 Jahre alte Dystopie vor Augen führen kann.
[legt Smartphone zur Seite...]

E.M. Forster, Die Maschine steht still. Hoffmann und Campe, Hamburg 2016.

Monday, December 30, 2019

Ernest Cline - Ready Player One

Ernest Clines Ready Player One (2011) ist bereits ein Klassiker und spätestens seit der Verfilmung durch Steven Spielberg 2018 einer breiten Masse bekannt. Cline, geboren 1972, versetzt die Leser in ein dystopisches Jahr 2045, die Lebensbedingungen sind denkbar schlecht und die einzige Zuflucht aller ist die OASIS, eine virtuelle Realität. Ihr Erschaffer James Halliday verzichtete auf die vollständige kommerzielle Ausbeutung der OASIS und in Ermangelung eines Erben, programmiert er eine virtuelle Schnitzeljagd, ein Easter-Egg, in der OASIS. Als Fan der 80er Jahr Pop- und Trashkultur beziehen sich alle Hinweise und Aufgaben dieser Jagd auf diese Zeit - wer das Easter-Egg findet, wird zum Erben von Hallidays Welt und Milliarden. Die böse Konkurrenz, ein Konzern namens IOI, versucht selbstverständlich auch mit allen Mitteln, die Kontrolle über OASIS zu erlangen und ist dabei besser ausgestattet als die kleinen privaten Jäger.
Der Protagonist Wade ist entsprechend als Gegensatz ein mittelloser, verwaister Jugendlicher, augenscheinlich chancenlos, aber durch seine Obsession mit den 80ern eben doch nicht. Es beginnt ein Wettlauf im Rätsellösen, Kräftemessen auf dem popkulturellen Wissen und im Spielen alter Computer- und Arcadespiele. Doch kann Wade es nicht allein schaffen, er findet Mitstreiter und obwohl es zum Ehrenkodex der Jäger gehört, allein zu suchen, kommt er nur mit ihrer Hilfe die Lösung.
Um es vorweg zu nehmen, Kritiker bemängeln zu Recht die etwas schlicht und sehr vorhersehbar angelegte Prämisse des Romans. Natürlich gewinnt der Underdog gegen die böse Übermacht, allen Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz. Man muss an manchen Stellen schon fest die Augen zukneifen, um einfach so hinzunehmen, dass beispielsweise ein Hinweis auf einen Songtext mit drei Wörtern erst entschlüsselt wird, als die Reihenfolge der Wörter geändert wird - Google lehrt uns anderes. Plausible, glaubhafte Plotführung geht anders. Auch über die Anlage der (Neben-) Charaktere ließe sich viel Negatives sagen, natürlich. Und die Liebesgeschichte... ohne Worte.
Aber vielleicht kommt es darauf nicht an.
Ready Player One ist eine Pop-Geschichte, voller Songs, Spiele und Kultur aus eine Ära, in der sich der Autor auskennt und die er offensichtlich liebt. Das Universum der OASIS ist ein Traum, eine Welt, in der sich Identitäten schaffen lassen, Nachteile ausgeglichen werden können. Auch hier kann man einwerfen, dass Cline diese Utopie in der Dystopie nicht bis zum Ende denkt, aber die Vorstellung einer solchen virtuellen Realität macht dennoch Spaß. Genauso wie man auch mit Spaß das Abenteuer der Jagd und des Rätsellösens mitverfolgen kann, wenn man das ganze nicht zu sehr hinterfragt.
Ich kann mir gut vorstellen, dass der Film vielleicht besser funktioniert als das Buch, weil Musik und visuelle Umsetzung sicher noch den Spaß an der Story erhöhen. Trotz augenscheinlicher literarischer Schwachstellen, hat mir das Buch und die kleine Zeitreise in die 80er mit einem Umweg über die Zukunft Freude gemacht.

Ernest Cline, Ready Player One. Fischer, Frankfurt am Main 2017.

Thursday, April 25, 2019

Karen Thompson Walker - Ein Jahr voller Wunder

Dystopien sind in auf dem Buchmarkt - und in der Tat ist es angesichts der vielen Tendenzen zu Katastrophen auf diesem Erdball vielleicht auch nicht abwegig, sich über mögliche tragische Zukunftsversionen Gedanken zu machen. Das heißt leider nicht, dass jede Dystopie es verdient publiziert zu werden. Und nicht jede Geschichte muss in das Setting einer solchen eingebettet werden.
Ein Jahr voller Wunder von Karen Thompson Walker handelt von der jungen Julia und ihrer Familie in Kalifornien. Die Handlung umfasst etwa ein Jahr (siehe Titel) und in diesem Jahr geschieht die Katastrophe, mit der niemand gerechnet hat: Die Erde dreht sich immer langsamer, die Abschnitte von Tag und Nacht verlängern sich, der 24-Stunden-Takt passt nicht mehr zu den natürlichen Gegebenheiten. Die Autorin entwirft vielfältige Konsequenzen, die diese Verlangsamung auf die Erdenbewohner hat, auf Tiere, Pflanzen und Menschen. Das, was Julia aber am meisten beschäftigt, ist das, was junge Menschen überall beschäftigt: Ihre Beziehungen zu Mitschülern, Freunden, der Familie und der Nachbarschaft. Mit durchaus geschärftem Blick beobachtet sie deren Verhalten, das zum Teil durch Veränderungen der Umwelt beeinflusst wird, zum Teil aber auch nicht. Sie hat Angst, Außenseiter zu sein, beobachtet mit Furcht die auseinanderbrechende Ehe ihrer Eltern, sieht Veränderungen in ihrem alternden Großvater und verliebt sich - natürlich.
Während Thompson Walker zwar die Konsequenzen der verlangsamten Erdrotation durchaus in ihre Geschichte einbindet, wäre sie für Julias Geschichte nicht unbedingt nötig gewesen. Im Grunde ist es eine - durchaus gut erzählte - Coming-of-Age Story mit einer Umverpackung aus Katastrophe, die nicht vollständig erklärt wird. Was sie ausgelöst hat, bleibt offen. Ob Überleben möglich sein wird, bleibt offen. Ob Julia noch glücklich werden kann, bleibt offen. Das ist, gelinde gesagt, unbefriedigend...

Karen Thompson Walker, Ein Jahr voller Wunder. Hörverlag 2013. 

Saturday, June 24, 2017

Margaret Atwood - Der Report der Magd

Die kanadische Autorin Margaret Atwood (*1939) veröffentlichte The Handmaid's Tale bereits 1985. Die erste deutsche Übersetzung des Titels lautete Die Geschichte der Dienerin, neuere Ausgabe sind Der Report der Magd überschrieben, letzteres vermutlich die passendere Übersetzung.
Die Ich-Erzählerin beschreibt in Erinnerungen ihre Erlebnisse als "Magd" in einer höher gestellten Familie zur Zeit eines fiktiven totalitären Regimes auf dem Terrain der USA. Umweltbedingungen haben zu einer hohen Sterilität in der Bevölkerung geführt, auf der Basis einer zweifelhaften Bibelauslegung werden nun fruchtbare Frauen Familien unterstellt, die von den Ehemännern anstelle ihrer Ehefrauen geschwängert werden sollen. Dabei werden skurrile Formalitäten eingehalten, die Mägde und die übrigen Angestellten der Haushalte haben keinerlei Rechte. Jedoch ist die alte Regierung noch nicht so lange gestürzt, die alte Gesellschaftsform noch nicht so lange her, als dass sich die Protagonisten nicht mehr daran erinnert. Sie hatte einen Mann, eine Tochter und einen Beruf. All dies wurde ihr systematisch genommen. Der Prozess der Umstrukturierung der Gesellschaft, die von Denunziation und Angst geprägt ist und die vollkommene Entrechtung der Frauen, wird teils fragmentarisch in Erinnerungen und erst nach und nach erzählt. So ist man als Leser zunächst darauf konzentriert, sich erst einmal in der geschilderten Gegenwart zurechtzufinden, widerstrebend nimmt man die Gegebenheiten hin, versucht dem Gedankenstrom, der Erinnertes und Geschehendes, Erträumtes und Reales vermengt, zu folgen. Es ist ein sehr emotionaler und sehr intensiver Erzählstil, der tief hineingeht in die Ungerechtigkeit und die Ohnmacht der Erzählerin. Und dennoch ist alles seltsam vorstellbar: Es sind Strukturen, die aus der Geschichte oder anderen Ländern nicht unbekannt sind - was den Schrecken noch verstärkt. Diese Dystopie ist denkbar, nicht absurd oder unvorstellbar. 
Die Erzählung endet abrupt - die Protagonistin wird eines Tages aus dem Haushalt abgeholt, nachdem sie immer tiefer auf Abwege geraten ist, verursacht durch den Kommandanten (dem Ehemann), seiner Frau und ihrem eigenen Bedürfnis nach menschlichem Kontakt. Dabei bleibt unklar, ob sie von einer Untergrundbewegung gerettet oder von dem Regime verhaftet wird. Beides ist denkbar.
In einer Art Nachwort wird der Leser mitgenommen in die Zukunft, in der Historiker sich mit dem wissenschaftlichen Gehalt des Reports beschäftigen. Dabei werden Fragen und Vermutungen gestellt, wer die historischen Personen waren, da die Erzählerin ihre eigene Identität nicht aufgedeckt, wie ihr Schicksal war und es werden einige Andeutungen gemacht über den größeren historischen Zusammenhang. Auch wenn dies einiges verdeutlicht, bleibt der Leser mit Fragen zurück - was sicherlich beabsichtigt ist.
Eine beeindruckend und erschreckend nachvollziehbare Dystopie, die daran erinnert, wie wichtig es ist, weiter den Weg zur Gleichberechtigung zu gehen und nicht nachzulassen, sich gegen frauenfeindliche und frauenherabsetzende Strukturen auszusprechen und dagegen anzukämpfen.

Margaret Atwood, Der Report der Magd. Piper, München 2017.