Showing posts with label Canada. Show all posts
Showing posts with label Canada. Show all posts

Saturday, February 14, 2026

Amal El-Mohtar und Max Gladstone - Verlorene der Zeiten

Amal El-Mohtar und Max Gladstone haben zusammen ein außergewöhnliches Buch geschrieben: Verlorene der Zeiten hat zahlreiche Awards im Bereich Fantasy/Science Fiction gewonnen. Die Autor:innen haben jeweils die Perspektive einer der beiden Protagonistinnen, genannt Blue und Red, verfasst, die sich Briefe schreiben. Neu und ungewöhnlich wird dies dadurch, dass beide Zeitreisende sind und hochtechnologisiert in verschiedenen Epochen ihre Nachrichten hinterlassen. Dabei führen ihre Regimes gegeneinander Krieg. Zeitstränge sollen verändert, Dinge beeinflusst werden. Dabei wählen  beide Autor:innen sehr individuelle, stilistisch anspruchsvolle Sprachstile, die durch sprachliche Bilder einerseits beeindrucken, andererseits aber einen Handlungsfaden noch weniger erkennen lassen als durch das Setting sowieso schon. Nachrichten werden in den Wachstumsringen uralter Bäume oder im Leib einer Robbe versteckt, Hinweise gegeben, in welchem Jahrtausend man vielleicht die nächste Nachricht finden könnte. Ansatzweise werden die Unterdrückungsmechaniken ihrer Gesellschaftsformen thematisiert, nebenbei schreiben sie über ihre Lieblingsfiguren der Geschichte und über Bücher. 

So bin ich zu etwa einem Drittel durch das Buch geschlittert. Verwirrt, verblüfft und etwas verloren. Ich bin mir sicher, das in dieser absolut ungewöhnlichen Erzählweise Schönheit steckt. Die Handlung, sofern denn vorgesehen (!?), bleibt mir bisher verborgen. Es soll sich aus diesem Briefwechsel eine ungewöhnliche Liebesgeschichte ergeben. Das will ich gern glauben. Derweil reicht es mir, das Buch kennengelernt, wenn auch nicht zuende erfahren zu haben.  

Das Audiobook wird von Vera Teltz und Yesin Meisheit hervorragend gelesen. 

Amal El-Mohtar und Max Gladstone, Verlorene der Zeiten. Osterwold 2022.

Monday, February 02, 2026

Louise Penny - Das verlassene Haus

In Das verlassene Haus lässt Louise Penny ihre schrulligen Three Pines Charaktere eben in dem besagten verlassenen Haus am Ortsrand (und Schauplatz eines früheren Falls) eine Seance abhalten - natürlich stirbt dabei jemand. Armand Gamache erscheint wieder im Ort und entdeckt viele, viele Motive und Geheimnisse der Dorfbewohner und Besucher. Gleichzeitig gibt es aber noch eine Verschwörung/massive Intrige gegen ihn selbst aufzudecken, so dass er in Wahrheit nicht nur im Dorf ermittelt, sondern auch noch alles verdeckt in eigener Sache beobachtet. Ehrlich gesagt habe ich bei dem Audiobook zwischendurch den Faden verloren, wohl auch, weil ich mir die Namen so schlecht merken konnte... Insgesamt war das ganze wieder einmal etwas langatmig, aber dieses bizarre Dorf hat irgendwas an sich, was einen zurückkehren lassen will. Für die nächste Zeit war es aber mal wieder genug. 

Louise Penny, Das verlassene Haus. DAV 2007. 

Tuesday, November 18, 2025

Amanda Peters - Beeren pflücken

Beeren pflücken von Amanda Peters wird aus zwei Erzählperspektiven erzählt, von Norma und Joe. Die Geschichte beginnt im Sommer 1962, als eine Mi'kmaq-Familie aus Nova Scotia nach Maine reist, um dort auf den Blaubeerfeldern zu arbeiten. Joe erinnert sich sehr deutlich an diesen Sommer, denn seine vierjährige Schwester Ruthie verschwindet eines Tages spurlos. Trotz intensiven Suchens (ohne polizeiliche Hilfe, denn die interessiert ein Kind der Indigenen nicht) taucht sie nicht wieder auf. Norma wächst bei einer reichen weißen Familie in Maine auf. Sie erinnert sich in ihrer Kindheit an Dinge, die sie nicht einordnen kann, die ihre Mutter ihr aber als böse Träume abtut. Norma ist klar, dass in ihrem Zuhause nicht alles in Ordnung ist und ihre Eltern ihr etwas verschweigen. 
Über 50 Jahre erstrecken sich die Erzählungen von Norma und Joe, die im Gegensatz zum Lesenden nicht wissen, was geschehen ist. Für Joe ergibt sich aus dem Verlust der Schwester - an  dem er sich, dem Sechsjährigen, die Schuld gibt - ein Trauma, dass zu Alkoholismus und Abgrenzung gegenüber seiner Familie führt, und das er nur spät im Leben auflösen kann. Norma hingegen ist ruhelos und bleibt unsicher, was ihre Identität angeht, obwohl sie lange nicht weiß, was ihr eigentlich fehlt. Erst der Tod der Mutter ermöglicht ihr die Chance, das Geheimnis ihrer Herkunft und der Vergangenheit aufzudecken. 
Norma findet ihre eigentliche Familie wieder und Heilung kann beginnen, auch wenn Joe nicht mehr lange zu leben hat. 

Mir hat Beeren pflücken sehr gut gefallen. Die beiden Protagonisten, gut umgesetzt im Audiobook von Suzanne von Borsody und Jörg Schüttauf, sind authentische und interessante Charaktere. Emotionen wirken direkt, ungeschönt und intensiv, es wird nichts romantisiert. Joe ist gnadenlos in seinem Urteil über seine Alkoholsucht, seine damit verbundenen Taten und seine Schwäche, anderen vergibt er leicht. Norma schafft es, den Menschen, die sie ihr Leben lang belogen haben, dennoch zu verzeihen und selbst im Rückblick Verständnis für sie aufzubringen, trotz ihrer gerechtfertigten Wut, die sie auch zulässt. Auch die anderen im Buch angesprochenen Themen wie beispielsweise Kindesverlust oder Rassismus finden angemessen Raum, wenngleich ich gerade im Bereich der Diskriminierung der indigenen Familien noch mehr erwartet hätte. Klare Lese-/Hörempfehlung.

Amanda Peters, Beeren pflücken. HarperCollings 2023.

Wednesday, July 30, 2025

Louise Penny - Tief eingeschneit

Nach Das Dorf in den roten Wäldern war ich mir nicht sicher, ob ich weitere Bände von Louise Pennys Reihe um Armand Gamache lesen wollte, denn trotz des pittoresken Settings und der liebenswerten Charaktere war das ganze doch etwas langatmig. Tief eingeschneit ist da leider nicht anders und ich wollte das Audiobook schon aufgeben, da besonders dies zu Beginn mit einer großen Zahl von Charakteren und losen Handlungssträngen aufwartet. Auch die Leiche lässt auf sich warten, aber dann tritt Gamache auf und alles ordnet sich etwas. So blieb ich doch an diesem sehr skurillen Fall dran. Ermittelt wird zwar ordentlich, aber insgesamt ist alles doch sehr konstruiert und wirkt unwahrscheinlich. So bleibe ich bei meinem Urteil, siehe oben, sehr cozy, aber auf der Krimiebene nicht sehr spannend. 

Louise Penny, Tief eingeschneit. DAV 2019.

Sunday, March 02, 2025

Emily St. John Mandel - Das Licht der letzten Tage

Emily St. John Mandel veröffentlichte Das Licht der letzten Tage im Jahr 2014. Ein agressiver Grippevirus breitet sich rasant aus und tötet weite Teile der Bevölkerung. Die Zivilisation bricht zusammen, nur Einzelne überleben und schließen sich zu kleinen Gemeinschaften zusammen.
Der Roman wird aus der Sicht verschiedener Charaktere erzählt und springt immer wieder zwischen der Zeit vor und nach dem Ausbruch der Krankheit hin und her. Die Personen sind lose miteinander verknüpft, auch wenn sie sich in Alter und in ihren Erlebnissen stark unterscheiden. Kunst und Kultur sind Thema - was bleibt, wenn alle Technologie plötzlich ausfällt? Worauf kann man hoffen, wie lange muss man warten? Das ist den Charakteren gemein - sie glauben an die Schönheit, sie halten fest an Freundschaften, auch wenn es ebenso Böses und Tod um sie herum gibt. Diese Resilienz traut man den Figuren nicht immer zu, gerade in den Rückblenden und zu Beginn des Romans hat man Zweifel, ob sie es in dieser schwierigen neuen Welt schaffen können. Der Autorin gelingt es, am Ende der Hoffnung vielfältig Ausdruck zu verleihen, mit feinen, leisen Tönen, was mir sehr gut gefallen hat.
Das Licht der letzten Tage
führt uns die Vergänglichkeit und Anfälligkeit unserer zivilisierten Welt vor Augen - im Roman ist es ein Virus, während es aktuell in unserer Wirklichkeit andere Dinge sind, die unseren Status Quo bedrohen. Umso wichtiger, sich auf das Wesentliche zu besinnen, sich selbst und die Menschen um sich herum nicht zu verlieren. 

Emily St. John Mandel, Das Licht der letzten Tage. Audio Media Verlag 2015.

Sunday, August 11, 2024

Joy Fielding - Home Sweet Home

Home Sweet Home von Joy Fielding nimmt im Prolog vorweg, dass eines Nachts im Juli etwas Schreckliches geschehen ist. Die Bewohner der wenigen Häuser rund um die ruhige Sackgasse sind fassungslos. 
Alles, was folgt, ist die Darstellung der Untiefen dieser Vorortidylle: In jedem der fünf Häuser spielt sich ein eigenes Drama ab und wir blicken mit wechselnder Erzählperspektive buchstäblich hinter die Fassaden. Das vebindende Element: Alle haben Zugang zu einer Schusswaffe, jeder oder jede könnte der Täter oder die Täterin sein. Häusliche Gewalt, eine posttraumatische Belastungsstörung eines Veteranen, Angst, Schulden, Alkoholismus, Arbeitslosigkeit, gestörte Beziehungen... Die Motive sind vielfältig - man traut die Tat niemandem und allen zu und man kann sich verschiedene Opfer vorstellen.
So ist Home Sweet Home kein Krimi, wohl aber ein gelungener Psychothriller mit abwechslungsreichen Charakteren, die ihr Gesicht im Laufe der Geschichte verändern, je mehr man von ihnen erfährt. 

Joy Fielding, Home Sweet Home. Der Hörverlag 2021.

Sunday, January 21, 2024

Alan Bradley - Eine Leiche wirbelt Staub auf

In diesem siebten Band um Flavia de Luce schickt Alan Bradley seine Protagonistin nach Kanada auf ein Internat. Völlig unversehens findet sie sich allein in Miss Bodycote’s Female Academy in Toronto wieder, wo auch bereits ihre verstorbene Mutter Schülerin war. Gleich zu Beginn fällt ihr eine verkohlte und mumifizierte Leiche aus dem Kamin vor die Füße und so ermittelt sie auch unter diesen neuen und unbehaglichen Bedingungen. Denn die Lehrer- und Schülerschaft verhalten sich allesamt merkwürdig und undurchsichtig. Flavia weiß von einer Geheimgesellschaft, der auch ihre Mutter angehörte, aber wer von all den Mädchen und Frauen gehört dazu, wer ist auf ihrer Seite, wer nicht? Weitere Rätsel tun sich auf, verschwundene Mitschülerinnen, ein ermordetes Mitglied des Schoolboards...

Die Grundidee, Flavia aus ihrer gewohnten Umgebung zu nehmen und sie anderswo ermitteln zu lassen, ist nicht schlecht. Auch Internatsgeschichten bin ich prinzipiell nicht abgeneigt. Aber in Eine Leiche wirbelt Staub auf passt das alles irgendwie nicht zusammen. Zu keinem der Charaktere, derer es zahlreiche gibt, kann man eine Beziehung aufbauen, weil auch Flavia sich keine Mühe gibt, Freundschaften zu schließen. Sie ist stets auf der Suche nach weiteren Informationen, lässt sich dabei aber treiben, vergisst ihre eigenen Ermittlungsideen und damit wird dieser Band recht chaotisch. Dazwischen dann kurze Ausbrüche von Heimweh und Verzweiflung, weil ihre Familie sie scheinbar ignoriert und ihr keine Briefe sendet. Auch fehlt die rechte Struktur, woran man denn als Leser Freund und Feind ausmachen soll, wie Flavia fühlt man sich allein gelassen in all dem Durcheinander. Man weiß hinterher genauso wenig über diese angebliche Geheimorganisation wie vorher. Auch die Aufklärung des Mordfalls auf den letzten Seiten und das Ende des kanadischen Ausflugs wirken erzwungen bzw. willkürlich. Nein, dieser Band ist der bisherige Tiefpunkt der Serie, das muss man leider sagen.

Alan Bradley, Eine Leiche wirbelt Staub auf. Penhaligon, München 2016.

Thursday, September 21, 2023

Nita Prose - The Maid

Nita Proses Debutroman The Maid - Ein Zimmermädchen ermittelt war 2022 ein großer Erfolg, inzwischen ist der Roman in zahlreiche Sprachen übersetzt worden. 

Erzählt wird die Geschichte von Molly Gray, die als Zimmermädchen im Regency Grand Hotel in London arbeitet. Sie liebt ihren Job sehr, die Ordnung und die Sauberkeit, vor allem aber wohl auch die Struktur, die er ihr bietet. Soziales Miteinander und das Führen von echten Beziehungen hingegen fallen ihr sehr schwer. Die Großmutter, die sie aufgezogen hat, ist kürzlich verstorben und seitdem ist Molly sehr einsam und hat auch Probleme ihr Leben, vor allem finanziell, zu führen. Ihre Naivität und Unfähigkeit, Lügen und Betrug zu erkennen, führt oft dazu, dass sie ausgenutzt wird.
Völlig aus dem Lot gerät ihre Situation, als sie eines Tages Mr. Black tot in seiner Suite auffindet. Sie gerät unverschuldet und unfreiwillig in den Fokus der Ermittlungen und wird sogar des Mordes beschuldigt. Als die Situation ausweglos scheint, stellt sich heraus, dass sie auch echt Freunde unter ihren Hotelkollegen hat und die Geschichte nimmt eine positive Wendung, der echte Mörder kann überführt werden.
Mit Molly zusammen lernt der Leser mehr über die wahre Persönlichkeit und Motive der Beteiligten, der Blick weitet sich zunehmend, so dass man Mollys Wahrnehmungs- und Deutungsschwierigkeiten, aber auch ihre positive Einstellung zum Leben (mit den immer wieder eingeworfenen Lebensweisheiten der Großmutter, an die sie fest glaubt) quasi aus erster Hand miterlebt. Das macht sicherlich den erzählerischen Charme von The Maid aus. Deswegen fällt der Roman wohl auch eindeutig in die Cosy Crime Kategorie, denn man fühlt sich wohl in der Gewissheit, dass Molly zu nett ist, als das die Geschichte für sie schlecht ausgehen kann. Vielleicht liegt es in der Natur der Sache, dass die übrigen Charaktere ein wenig stereotypenhaft sind, mich hat das in diesem "netten Buch" wenig gestört. Lediglich die Art und Weise der Auflösung vor Gericht - Mollys Moment der Wahrheit - war ein bisschen ärgerlich und unglaubwürdig. Insgesamt aber sehr gemütliche Unterhaltung, die mir Spaß gemacht hat. 

Nita Prose, The Maid. Argon 2022.

Friday, July 07, 2023

Louise Penny - Das Dorf in den roten Wäldern

Three Pines ist ein kleines beschauliches Dorf in Quebec, Kanada, namentlich Das Dorf in den roten Wäldern. Inspektor Arnaud Gamache wird ausgerechnet am Thanksgiving Wochenende dorthin beordert, als die ehemalige Grundschullehrerin und allseits beliebte Jane Neal von einem Pfeil durchbort im Wald aufgefunden wird. Ein Jagdunfall oder doch Mord? Doch wer von all diesen sympathischen Dorfbewohnern hätte sie umbringen wollen?
Gamache lernt das Dorf und seine Bewohner langsam kennen und lieben (scheinbar spielen auch weitere Bände in Three Pines) und bleibt hartnäckig bis zur Lösung des Falls.
Das Dorf in den roten Wäldern von Louise Penny schafft viel Atmosphäre und die Autorin geht sehr sorgfältig mit ihren Charakteren um, allerdings ist die Entwicklung des Plots eher langatmig bis zäh und die Auflösung nicht sonderlich überraschend. Der Erfolg mag der Autorin Recht geben, inzwischen umfasst die Reihe bereits 18 Bände, allerdings bin ich mir noch nicht sicher, dass ich daran weiterlesen möchte. 

Louise Penny, Das Dorf in den roten Wäldern. Kampa, Zürich 2019.

Sunday, May 28, 2023

Denis Thériault - Das Lächeln des Leguans

Von Denis Thériault habe ich 2014 ein kleines Buch namens Siebzehn Silben Einsamkeit gelesen. Zeitgleich wanderte wohl auch Das Lächeln des Leguans auf den Stapel - es hat bis heute dort gelegen. Es handelt von einer besonderen Freundschaft zwischen dem Ich-Erzähler und Luc. Ersterer lebt zur Zeit bei seinen Großeltern in einem kleinen Ort in Quebec, nachdem seine Eltern mit ihren Schneemobilen schwer verunglückten. Nur die Mutter überlebte, liegt aber im Koma. Luc hat seine Mutter verloren, sie beging Selbstmord, als die Situation mit Lucs brutalem Vater für sie unerträglich wurde. Die Tatsache, dass sie ins Wasser gegangen ist, bewegt Luc dazu der Unterwasserwelt ganz besondere Bedeutung beizumessen. In seinen Träumen kann er unter Wasser atmen und besucht sein eigentliches Zuhause. Er glaubt nicht, dass seine Mutter tot ist, sondern dass sie in einer Stadt im Meer auf ihn wartet.

Beide Jungen empfinden Trauer und Einsamkeit und sind sich gegenseitig eine Stütze. Luc schafft es mit seiner Fantasie und seiner künstlerischen Begabung eine Parallelwelt für die beiden Freunde zu schaffen. In dieser Welt spielt ein präparierter Leguan eine besondere Rolle, den Luc in einer Höhle am Wasser gottesgleich untergebracht hat. Die Grenzen zwischen Realität und Traumwelt verschwimmen, beeinflussen sich jedoch. Als die Jungen recherchieren, was mit Lucs Mutter tatsächlich geschehen ist und die Geschichte seiner Herkunft erfahren, nimmt das Ganze eine böse Wendung. Luc kann und will nicht akzeptieren, was sie herausgefunden haben, und trifft die Entscheidung zu einer endgültigen Flucht ins Wasser - eine Flucht, die sein Freund zwar nicht gutheißen kann, aber dennoch begleitet.

Selbst in der Übersetzung wird deutlich, wie meisterlich Denis Thériault auch sprachlich die Welten der beiden Jungs sich überlagern lässt. Die reale Welt mit Schule und anderen Verpflichtungen tritt zurück hinter die mystische, surreale Welt des Leguans und des Meeres. Während Luc immer weiter entgleitet, bleibt dem Ich-Erzähler der Anker seiner Familie, zu der er sich zugehörig fühlt, so dass er zurückkehren kann. 

Denis Thérialt, Das Lächeln des Leguans. dtv, München 2010.

Sunday, January 09, 2022

Kathy Reichs - Der Code der Knochen

Der Code der Knochen von Kathy Reichs ist der 20. Band um die forensische Anthropologin Temperance Brennan und dem - inzwischen ehemaligen - Detective Ryan.

Tempe hält sich in Charlotte in North Carolina auf, als ein Hurricane die Stadt erreicht. Der Hurricane ist auch dafür verantwortlich, dass zwei skelettierte Leichen in einem Plastikcontainer an die Küste gespült werden. Die Art und Weise, wie die Leichen getötet und verpackt wurden, erinnert Tempe sofort an einen alten Fall in Montreal, den sie und Ryan vor 15 Jahren nicht aufklären konnten. Aber wie können die beiden Fälle zusammenhängen bei der großen zeitlichen und räumlichen Distanz?
Genetische Analysen, vor 15 Jahren noch nicht in der Form möglich, bringen neue Ermittlungsansätze und sind plötzlich auch Teil der Ermittlung, denn ein entfernter Verwandter eines Opfers arbeitet bei einer Firma für Gen-Analysen... Schicht für Schicht nähern sich Tempe und die beteiligten Ermittler dem Motiv für die Morde. 

Der Code der Knochen enthält wissenschaftliche Hintergründe zu einem aktuell brisanten Thema. Denn es geht um Genetik und Impfstoffe, genauer um mRNA-Impfstoffe, die auch gegen  Covid-19 zum Einsatz kommen. Zum besseren Verständnis lässt sich Tempe alles recht einfach erklären. Zur Aufklärung ihres Falls ist sie auf die Informationen verschiedenster Quellen sowohl in Montreal als auch in Charlotte angewiesen und die Puzzlesteine fügen sich nur langsam zu einem Gesamtbild zusammen. Etwas anstrengend waren die steten Kapitel-Cliffhanger, die stets nur aussagen, dass sie jetzt wieder einen Zusammenhang herstellen konnte oder dass die nächste Katastrophe drohte. Ansonsten ist das Geplänkel zwischen Tempe und Ryan wie immer amüsant und auch die übrigen Figuren sind abwechslungsreich und überzeugend. Als Fan der Reihe habe ich mich mit Band 20 gut unterhalten gefühlt, wenngleich er als Einsteigerband vielleicht weniger überzeugen würde. 

Kathy Reichs, Der Code der Knochen. Blessing, München 2021.


Sunday, August 22, 2021

Rupi Kaur - Home Body - zu hause in mir

Home Body ist der dritte Lyrik-Band der indisch-kanadischen Künstlerin Rupi Kaur. Ihre Gedichte ordnet sie in vier Teilen mit den deutschen Überschriften denken, fühlen, ausruhen und erwachen an.
Ich vermute, dass die Gedichte doch etwas unter der Übersetzung leiden (es war eine Ausleihe aus der Bibliothek), da mich Home Body weniger beeindruckt hat als Milk and Honey, das ich auf Englisch gelesen hatte. Das Zusammenspiel von Rupi Kaurs Illustrationen und Texten funktioniert weiterhin gut, vereinzelt haben mich die Zeilen durchaus ergriffen, anderes wirkte kaum auf mich. Die Botschaft dahinter trifft aber dennoch den Kern: Liebe dich selbst, deinen Körper und Geist. Verlass dich nicht auf das Urteil anderer (schon gar nicht das der Männer) und sei gut zu dir und anderen. Das ist etwas, das man sicher immer wieder lesen und anerkennen sollte.

Rupi Kaur, Home Body - zu hause in mir. Fischer, Frankfurt am Main 2020.

Website der Autorin

Friday, July 03, 2020

Kathy Reichs - Das Gesicht des Bösen

Auf den 19. Band der Reihe um Tempe Brennan musste die Leserschaft etwas warten, weil Kathy Reichs wegen der Behandlung eines Aneurysmas nicht schreiben konnte. Diese Erfahrung übertrug sie kurzerhand auch auf ihre Protagonistin.

Tempe traut sich und ihrer Wahrnehmung nicht recht, Migräne plagt sie und sie ist verunsichert und verärgert wegen ihrer neuen Vorgesetzten in Charlotte, als sie anonym Fotos von einer Leiche ohne Gesicht zugespielt bekommt. Obwohl ihre Mithilfe nicht offiziell angefordert wird, beginnt sie zusammen - zum Teil mit Skinny Slidell, der jetzt eigentlich für Cold Cases zuständig ist -  ihre Ermittlungen. Trotz mehrfachen Fehlentscheidungen und viel Ärger mit Skinny und der Vorgesetzten macht sie weiter und deckt auf vielen Umwegen und unter persönlichem Risiko tatsächlich die Hintergründe des Todesfalls auf. 
Im Nachwort des e-books erläutert Reichs ihre Herangehensweise beim Schreiben eines neuen Tempe-Thrillers: Sie sammelt verschiedene interessante Themen und Charaktere und entwickelt aus den Komponenten den Fall. Genau dieses Gefühl drängt sich beim Lesen von Das Gesicht des Bösen auf - es gibt viele zusammengewürfelte Aspekte und Ideen, von denen am Ende viele verworfen werden bzw. unter der Überschrift Verschwörungstherien zusammengefasst werden. Als roter Faden kann höchstens der unbändige Drang Tempes gelten, im Alleingang riskante Ermittlungen anzustellen, für die sie keine Befugnisse hat. Der Plot ist ansonsten etwas holprig, am Ende werden die Fäden aber dennoch ordentlich zusammengeführt und auch Tempe fasst wieder Hoffnung, dass ihr aus den Fugen geratenes Leben dennoch glücklich weitergehen kann. Die Dialoge mit Skinny und Ryan und die inneren Monologe Tempes machen nach wie vor Freude, die Charaktere sind einem im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen, so dass man die Plotmängel weitgehend verzeihen kann.

Kathy Reichs, Das Gesicht des Bösen. Blessing, München 2020.

Wednesday, January 01, 2020

Katharina Hagena - Das Geräusch des Lichts

Im Gegensatz zu Der Geschmack von Apfelkernen, das mich begeisterte, und Vom Schlafen und Verschwinden, das ich sehr gut fand, konnte mich Das Geräusch des Lichts von Katharina Hagena nicht vollends überzeugen.
Es ist eine sehr unzuverlässige Erzählerin, die sich in der unsäglichen Warterei in einer Arztpraxis, in der sie eine unangenehme Diagnose erwartet, in Geschichten eine Ablenkung, eine Flucht zu erfinden sucht. So sieht sie sich die anderen Menschen im Wartezimmer an und erfindet deren Lebensgeschichten, dramatisch, fantasievoll, zum Teil miteinander verwoben, da sie alle nach Kanada führen, zum Teil sich widersprechend. Sprachlich gewohnt und ungewöhnlich gut, beginnen hier mehrere gute Geschichten, die jede für sich größeren Raum verdient hätten. Und doch brechen sie ab, werden nicht bis zum Ende erzählt, werden variiert, in Frage gestellt, abgelöst von der nächsten und wieder nächsten. Vermutlich bewusst bleiben viele Leerstellen, die zu füllen dem Leser überlassen bleiben. Auch wenn dies gewollt ist, so bleibt es dennoch zum Teil irritierend.
Die verschiedenen Geschichten werden in der Audiobookproduktion von GoyaLit durch verschiedene Stimmen sehr gut umgesetzt, besonders anrührend dabei David Hofner (*2005), der in die Rolle eines Jungen schlüpft, der den Tod von Mutter und Schwester als Weiterreise zum Planeten Tschu umdeutet. So ist Das Geräusch des Lichts als Audiobook durchaus empfehlenswert, wenn man sich auf dies ungewöhnliche Stück Literatur einlassen möchte.

Katharina Hagena, Das Geräusch des Lichts. GoyaLit 2016.


Monday, September 16, 2019

Chevy Stevens - That Night

Im Alter von 18 Jahren wird Toni unschuldig für den Mord an ihrer jüngeren Schwester Nicole verurteilt. Nun ist sie auf Bewährung aus dem Gefängnis - und obwohl sie sich dies nicht wirklich vorgenommen hat, beginnt sie, den Ereignissen damals auf den Grund zu gehen.
In Rückblenden erfahren wir von Tonis Leben damals, ihre familiären Probleme, Mobbing in der Schule und die Beziehung zu ihrem Freund Ryan, der als Mittäter ebenfalls verurteilt wurde.
Gleichzeitig scheint jemand aus eben dieser Vergangenheit dafür sorgen zu wollen, dass Toni es nicht schafft, ihr neues Leben zu beginnen. Immer wieder werden ihr Steine in den Weg gelegt, ihr Leben regelrecht sabotiert.

Der Showdown und die Aufklärung am Ende überraschen nur teilweise, denn es wird früh klar, dass Tonis Feinde aus der Schulzeit verantwortlich sein müssen, denn sie haben bei Tonis Gerichtsverhandlung Falschaussagen gemacht. So geht es nur noch um die genauen Abläufe in 'jener Nacht' und darum, wie Toni es schafft, die Täter zu überführen.
Die von Christiane Marx gelesene und gekürzte Audiobook-Fassung von Chevy Stevens Roman That Night hält durch den Wechsel der Erzählebenen durchaus den Spannungsbogen. Man will wissen, was passiert ist und wie es Toni gelingen kann, Gerechtigkeit zu erlangen. Allerdings wirkt ihr schweres Schicksal an vielen Stellen doch überzogen und viele Menschen und Instanzen um sie herum, müssen versagen, um es dazu kommen zu lassen, dass ein unschuldiges Mädchen für den Mord an ihrer Schwester verurteilt wird. Toni spricht mit niemandem über die massiven Drohungen ihrer Gegnerin, diese fallen anderen zwar auf - aber im Prozess oder während der Ermittlungen kommt dies nicht zum Tragen? Ihre Familie bemerkt nichts? Bei der völlig herzlos gezeichneten Mutter vielleicht noch denkbar, aber der Vater zumindest hat seine Tochter im Blick. Die schweigende Schwester, deren Charakter sich plötzlich dreht, ohne dass es jemand bemerkt? Die Bedrohungen in der Haftanstalt bleiben auch unbemerkt, ungestraft? Einem Richter oder der Jury fällt die unzureichende Ermittlung in dem Fall nicht auf?
Hier wurde viel menschliche Unlogik konstruiert, um den Fall zu dramatisieren. Das gefällt mir bei einem Thriller nicht besonders, auch wenn er ansonsten halbwegs spannend erzählt wird.

Chevy Stevens, That Night. Argon 2015.



Saturday, June 24, 2017

Margaret Atwood - Der Report der Magd

Die kanadische Autorin Margaret Atwood (*1939) veröffentlichte The Handmaid's Tale bereits 1985. Die erste deutsche Übersetzung des Titels lautete Die Geschichte der Dienerin, neuere Ausgabe sind Der Report der Magd überschrieben, letzteres vermutlich die passendere Übersetzung.
Die Ich-Erzählerin beschreibt in Erinnerungen ihre Erlebnisse als "Magd" in einer höher gestellten Familie zur Zeit eines fiktiven totalitären Regimes auf dem Terrain der USA. Umweltbedingungen haben zu einer hohen Sterilität in der Bevölkerung geführt, auf der Basis einer zweifelhaften Bibelauslegung werden nun fruchtbare Frauen Familien unterstellt, die von den Ehemännern anstelle ihrer Ehefrauen geschwängert werden sollen. Dabei werden skurrile Formalitäten eingehalten, die Mägde und die übrigen Angestellten der Haushalte haben keinerlei Rechte. Jedoch ist die alte Regierung noch nicht so lange gestürzt, die alte Gesellschaftsform noch nicht so lange her, als dass sich die Protagonisten nicht mehr daran erinnert. Sie hatte einen Mann, eine Tochter und einen Beruf. All dies wurde ihr systematisch genommen. Der Prozess der Umstrukturierung der Gesellschaft, die von Denunziation und Angst geprägt ist und die vollkommene Entrechtung der Frauen, wird teils fragmentarisch in Erinnerungen und erst nach und nach erzählt. So ist man als Leser zunächst darauf konzentriert, sich erst einmal in der geschilderten Gegenwart zurechtzufinden, widerstrebend nimmt man die Gegebenheiten hin, versucht dem Gedankenstrom, der Erinnertes und Geschehendes, Erträumtes und Reales vermengt, zu folgen. Es ist ein sehr emotionaler und sehr intensiver Erzählstil, der tief hineingeht in die Ungerechtigkeit und die Ohnmacht der Erzählerin. Und dennoch ist alles seltsam vorstellbar: Es sind Strukturen, die aus der Geschichte oder anderen Ländern nicht unbekannt sind - was den Schrecken noch verstärkt. Diese Dystopie ist denkbar, nicht absurd oder unvorstellbar. 
Die Erzählung endet abrupt - die Protagonistin wird eines Tages aus dem Haushalt abgeholt, nachdem sie immer tiefer auf Abwege geraten ist, verursacht durch den Kommandanten (dem Ehemann), seiner Frau und ihrem eigenen Bedürfnis nach menschlichem Kontakt. Dabei bleibt unklar, ob sie von einer Untergrundbewegung gerettet oder von dem Regime verhaftet wird. Beides ist denkbar.
In einer Art Nachwort wird der Leser mitgenommen in die Zukunft, in der Historiker sich mit dem wissenschaftlichen Gehalt des Reports beschäftigen. Dabei werden Fragen und Vermutungen gestellt, wer die historischen Personen waren, da die Erzählerin ihre eigene Identität nicht aufgedeckt, wie ihr Schicksal war und es werden einige Andeutungen gemacht über den größeren historischen Zusammenhang. Auch wenn dies einiges verdeutlicht, bleibt der Leser mit Fragen zurück - was sicherlich beabsichtigt ist.
Eine beeindruckend und erschreckend nachvollziehbare Dystopie, die daran erinnert, wie wichtig es ist, weiter den Weg zur Gleichberechtigung zu gehen und nicht nachzulassen, sich gegen frauenfeindliche und frauenherabsetzende Strukturen auszusprechen und dagegen anzukämpfen.

Margaret Atwood, Der Report der Magd. Piper, München 2017.

Friday, December 23, 2016

Baby in a strange place

Larry Towell: A Mennonite Child Kent County, Ontario, Canada 1996.
postcrossing card sent by Ethan, Denver, USA

Sunday, January 31, 2016

Loisel & Tripp - Das Nest - Ernest

Das Nest ist eine Comic-Serie von einem kanadischen Autoren-Duo, Ernest ist der sechste Band. In Deutschland erscheinen ihre Geschichten im Carlsen Verlag. Das Nest schildert die Geschehnisse in einem kanadischen Dorf in Quebec in den 1920er, 1930er Jahren.
In dem vorangegangenen Band ist Marie, die Kauffrau des Dorfes, nach Montréal gegangen und nun beginnt das Dorf die Auswirkungen ihres Fehlens zu spüren. Zum Glück kehrt sie zurück, aber dann bringt Ernest, ein Waldläufer, die nächste schlimme Nachricht - sein Bruder wurde von einem Bären schwer verletzt - und so startet eine Expedition in die entfernte Hütte der beiden Brüder...

Das Nest wimmelt von schrulligen Charakteren, die ausgesprochen detailreich gezeichnet sind. Es überwiegen Szenen mit vielen Personen, was für den Leser, der die vorangegangenen Bände nicht kennt, etwas unübersichtlich ist. Auch die teilweise Panel-übergreifenden Sprechblasen, die oft aneinandergereiht werden, trag nicht unbedingt zur Klarheit der Geschichte bei. Viele Einzelbilder sind sehr anrührend und sehr atmosphärisch, die Stimmungen und Kontraste von Land, Leuten und den Stadtszenen sind wunderbar herausgearbeitet.
Künstlerisch finde ich diese Graphic Novel sehr ansprechend, die Geschichte hingegen mochte mich kaum zu fesseln.

Loisel & Tripp, Das Nest - Ernest. Carlsen Comic, Hamburg 2012.

Saturday, August 29, 2015

Kathy Reichs - Bones in Her Pocket

Another short story by Kathy Reichs, Bones in Her Pocket, counts as 15,5 in the Tempe Brennan series.
On 80 pages Tempe determines identity and cause of death of a young woman and helps detective Slidell to investigate suspects. The owl droppings she finds with the body give the case a new direction but in the end there is another unexpected turn of events.

After reading a few short stories of several authors in between the real novels I think Kathy Reichs' is the one who manages best to adjust pace and tension to make it work. Although short they have the same good mix of funny dialogues and sound investigation, without continueing the main character's story of course. Short, but enjoyable.

Kathy Reichs, Bones in Her Pocket. Scribner 2013.