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Monday, March 27, 2023

Es ist wieder Zeit...

by inbetween, 27/03/2023
#the100daysproject - day 034 
 
"Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt."
Erich Fried
 

Monday, July 06, 2020

Poesiealbum 22 - Erich Fried

1967 wurde in der DDR die Lyrik-Reihe Poesiealbum gegründet. Sie erschien bis 1990, also 23 Jahre lang, im Verlag Neues Leben Berlin und wurde mit der Wende aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Seit 2007 veröffentlicht
der Märkische Verlag Wilhelmshorst die Autoren-Hefte, inzwischen gibt es über 350 Ausgaben.  
Bereits 1969 erschien ein Poesiealbum über Erich Fried unter der Nummer 22. Enthalten waren damals 23 Gedichte. 
Als Betreiberin von erichfried.de erhielt ich freundlicherweise ein Rezensionsexemplar.In dieser Neuauflage sind nun insgesamt 40 Gedichte abgedruckt, die einen guten Überblick über Frieds Schaffen geben. Es sind politische sowie Liebesgedichte enthalten, die Auswahl wurde ergänzt mit einigen nach 1969 erschiedenen Gedichten.
Herausgekommen ist ein kleiner, feiner Band mit Erich Frieds Lyrik, in dem man Vertrautes wiederfinden, aber auch Neues entdecken kann. 
Links:
Klaus Siblewski (Hrsg.), Poesiealbum 22 Erich Fried. Märkischer Verlag, Wilhelmshorst 2020. 

Sunday, April 26, 2020

Erich Fried - Angst vor der Angst

Gedicht auf Aquarell by InBetween, 04/2020

Neuer Blogbeitrag auf meiner Autorenwebsite erichfried.de zur digitalen Aussstellung KEINE | ANGST vor der Angst der Internationalen Erich Fried Gesellschaft. 

Irgendwie passt das Gedicht (das auch die Grundlage für die Ausstellung darstellt) zur Lage der Welt... 

Tuesday, February 21, 2017

Erich Fried - Schwarz auf weiß

Beim Papier
an dem mein zerknittertes Leben
ersticken wird
suche ich Schutz
vor deinem Schweigen


Im langsamen
Korrigieren
suche ich
ein Gegengewicht
gegen meine voreiligen Worte

Tusche, Sylt 2016, by In Between

Trennung
meiner Trauer von Bitterkeit
Trennung
meiner Ungeduld
von meiner Liebe


Ich suche
geduldig
aber Papier
hat wenig
Geduld


aus: Lebensschatten. Wagenbach-Verlag, Berlin 1981.

Monday, August 22, 2011

Erich Fried: In der untergehenden Welt

Der schlägt sich an die Brust
der schafft Gold fort an heimliche Orte
Fast alle suchen noch Lust
auch ich – doch ich such auch noch Worte

In der untergehenden Welt
Wohin können Worte gehen?
Wenn sie in Flammen zerfällt,
wer soll das Lied verstehen?

Aber wenn es noch nicht geschieht
dann werden einige lang
lachen über mein Lied
vom Weltuntergang.

aus: Erich Fried, Um Klarheit. Gedichte gegen das Vergessen. Wagenbach-Verlag, Berlin 1985

Saturday, February 19, 2011

Erich Fried: Das Schwere



Die Landschaft sehen
und die Landschaft hören
und nicht nur hören und sehen
die eigenen Gedanken
die kommen und gehen
beim Denken an die Landschaft
an die Landschaft ohne dich
oder an dich in der Landschaft

Vögel die steigen
hinauf in den Morgenhimmel
sind keine Raumschiffe
keine singenden Skalpelle
Nicht einmal Kinderdrachen sind sie
denn die gehören
nur dann zur Landschaft
wenn wirkliche Kinder
wirkliche Drachen steigen lassen im Wind

Und das Grau
unter den Bäumen
an einem verregneten Mittag
ist keine Höhle
für lauernde Meerungeheuer
sondern es ist nur das Grau unter den Bäumen
die vielleicht Unterschlupf sein können
vor dem Regen

Und auch die Sonne hat
keine rotblonden Haare
und der Mond hat auch ohne dich
keinen wehenden weißen Bart
Und der Abend ist der Abend
und die Nacht ist die Nacht
und Spätherbst ist immer die Zeit
zwischen Ernte und Sterben

aus: Erich Fried, Liebesgedichte. Wagenbach-Verlag, Berlin 1979.
Foto: Korsika 2010

Tuesday, January 04, 2011

Erich Fried: Worte




Wenn meinen Worten die Silben ausfallen vor Müdigkeit
und auf der Schreibmaschine die dummen Fehler beginnen
wenn ich einschlafen will und nicht mehr wachen zur täglichen Trauer
um das was geschieht in der Welt und was ich nicht verhindern kann

beginnt da und dort ein Wort sich zu putzen und leise zu summen
und ein halber Gedanke kämmt sich und sucht einen anderen
der vielleicht eben noch an etwas gewürgt hat was er nicht schlucken konnte
doch jetzt sich umsieht
und den halben Gedanken an der Hand nimmt und sagt zu ihm: Komm

Und dann fliegen einigen von den müden Worten
und einige Tippfehler die über sich selber lachen
mit oder ohne die halben und ganzen Gedanken
aus dem Londoner Elend über Meer und Flachland und Berge
immer wieder hinüber zur selben Stelle

Und morgens wenn du die Stufen hinuntergehst durch den Garten
und stehenbleibst und aufmerksam wirst und hinsiehst
kannst du sie sitzen sehen oder auch flattern hören
ein wenig verfroren und vielleicht noch ein wenig verloren
und immer ganz dumm vor Glück daß sie wirklich bei dir sind

aus: Erich Fried, Liebesgedichte. Wagenbach-Verlag, Berlin 1979.
postcrossing Karte von Minna, Finland, vom 4.1.2011

Friday, December 03, 2010

Erich Fried: Wintergarten



Wintergarten
Deinen Briefumschlag
mit den zwei gelben und roten Marken
habe ich eingepflanzt
in den Blumentopf

Ich will ihn
täglich begießen
dann wachsen mir
deine Briefe

Schöne
und traurige Briefe
und Briefe
die nach dir riechen

Ich hätte das
früher tun sollen
nicht erst
so spät im Jahr

aus: Erich Fried, Liebesgedichte. Wagenbach, Berlin 1979.
postcard by Mari from Estonia

Saturday, November 27, 2010

Erich Fried: 28 Fragen



Achtundzwanzig Fragen
(ein verspätetes Geburtstagsgedicht)

Ich habe sieben Fragen:
Wie kannst du glücklich werden?
Ich habe sechs Fragen zu fragen:
Wie wird es den Menschen gehen?
Ich habe fünf Fragen
(eine für jeden Finger):
Wie kann ich die Zeit ertragen
bis wir uns wiedersehen?

Ich habe vier Fragen
(für dich) nach vierblättrigem Klee
Ich habe drei Fragen
(die alten) für dich nach deinen drei Wünschen
Ich habe zwei Fragen:
was ich dir sein und nicht sein darf?
Ich habe eine Frage:
Wie ich dich glücklich seh?

Aus: Erich Fried, Liebesgedichte. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1979.

Saturday, November 20, 2010

Erich Fried im Gespräch



Per Mail flatterte mir da der Hinweis auf eine Wiederholung einer Sendung des ORF Radios (Ö1) vom 18. November 1993 in den E-Mail-Postkasten. [Dank an Michael Palfinger aus Wien!]

Erich Fried hat sich 1986 mit dem Literaturwissenschaftler Thomas Rothschild im Stuttgarter Schlossgartencafé unterhalten. Er hatte bereits seine Krebsdiagnose und starb zwei Jahre später. Weil das Gespräch ursprünglich nicht als Radiosendung geplant war, sondern lediglich als eine Materialsammlung für eine geplante Publikation Rothschilds dienen sollte, hört man im Hintergrund Cafégeräusche und die Fragen waren nicht vorbereitet.
Rothschild und Fried kannten sich schon länger, das Gespräch ist eher entspannt und Fried beantwortet die Fragen sehr offen. Gleichzeitig gehen die beiden sowohl literarisch und literaturkritisch als auch politisch-ideologisch sehr in die Tiefe.
Mich begeistert einmal mehr Frieds Geradlinigkeit, Toleranz und Überzeugungskraft, vor allem aber die Authentizität. Ich bedaure sehr, ihn niemals getroffen zu haben, bin aber froh, ihm wenigstens in Form eines weiteren Tondokuments begegnen zu können.
Der Beitrag dauert eine knappe Stunde und kann beim ORF zur Zeit noch als Stream kostenlos abgerufen werden, vermutlich aber nur eine kurze Zeit lang.

Friday, November 05, 2010

Fried-liche Mauer


Status Quo
zur Zeit der Wettrüstens

Wer will
daß die Welt
so bleibt
wie sie ist
der will nicht
daß sie bleibt

aus: Erich Fried, Lebensschatten. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1981.
Foto: I. Janzen, Berlin EastSideGallery, September 2010

Saturday, May 08, 2010

Erich Fried: Auf welches Instrument...




Auf welches Instrument sind wir gespannt?

Unglück
gebettet
zwischen ein
und ein anderes
Glück

Und Glück
gelegt
zum Spiel
zwischen Unglück
und Unglück

Endlos
nach beiden Seiten
die schwarzen
und weißen
Tasten

aber
kein Tastsinn
kein Sinn
kein Spieler
kein süßes Lied

von Erich Fried, aus: Lebensschatten, Verlag Wagenbach, Berlin 1981.
Der Titel des Gedichts und seine beiden letzten Worte zitieren ein Gedicht von Rainer Maria Rilke.

Saturday, December 26, 2009

Catherine Fried: Über kurz oder lang

Über kurz oder lang von Catherine Fried ist untertitelt mit Erinnerungen an Erich Fried und genau das sind die kurzen Erzählungen aus dem gemeinsamen Leben der Eheleute auch.
So schreibt Catherine Fried in der Vorbemerkung zu ihrem Buch, dass sie im Prozess des Schreibens auf viele Freunde und Bekannte gestoßen sei, die, nachdem sie hörten, dass sie ein Buch schriebe, alle ihre persönlichen Lieblings-anekdoten über Erich zum Besten gegeben hätten – sie aber kein Buch der gesammelten Anekdoten hätte machen wollen, sondern eben ihre persönlichen Erinnerungen.
So tragen die einzelnen Geschichten Titel wie „Die Werbung“, „Umzug“, „Meine Flitterwochen“ oder „Nellie“, die Catherines ganz persönliche Wahrnehmung des Lebens mit Erich Fried spiegeln. Die Erinnerungen sind nicht romantisch verklärt oder für den Erich Fried verehrenden Leser schön geschrieben, sondern zeigen durchaus auch die Schwierigkeiten mit einem von seiner Arbeit, der Politik, Lesereisen und vielen Bekannten und Freunden stark beanspruchten Mann, der zudem später auch noch krank wurde und vor allem auch zum Zeitpunkt ihrer Heirat, schon Kinder und andere Altlasten aus zwei vorangegangenen Ehen hatte. Dennoch ist die Liebe zu ihrem Ehemann auf jeder Seite des Buches zu spüren, nicht verklärend, sondern realistisch, real und überraschenderweise ihn auch 20 Jahre nach seinem Tod immer noch vermissend.
Das Buch hat mich sehr gefesselt und mich eine durchlesene Nacht gekostet, nebenbei ist es auch noch ein wunderschönes, leinengebundenes Wagenbach Quartbuch aus der Salto Reihe. Es enthält auch einige sehr persönliche Fotos als Zeugnisse aus dem Familienleben der Frieds.

Catherine Fried, Über kurz oder lang. Erinnerungen an Erich Fried. Wagenbach, Berlin 2008.

Monday, December 21, 2009

Erich Fried: Haus des Brotes

Haus des Brotes

Der Stern steht über dem Haus
aber das Dach ist zerfallen

zerfressen
von den Strahlen des Sternes

oder zerbrochen
als man den Stern hinaufschoss

oder spröde geworden
von der Kälte der Nacht

und zersprungen
mit dem Knacken von Knochen

Beth-lehem: hebr. Haus des Brotes.

Aus: Erich Fried: Warngedichte. Hanser-Verlag, München 1964.

Saturday, October 31, 2009

Erich Fried: Klage um Picasso



Pablo Picasso ist tot und hat Spanien nicht wieder betreten.
Hippies aus USA machen dort billigen Urlaub und sagen:
"Mit Politik haben wir nichts zu schaffen.
Freiheit ist dort, wo wir unsere Füße hinsetzen können."

Picasso hat gesagt: "Solang der Faschismus im Land ist,
setze ich keinen Fuß mehr in meine Heimat."
Er ist tot, der lebendigste Proteus der tausend Gestalten!
Und Francos Mumie lebt noch und hebt noch den Arm.

Der Leitartikel im "Guardian" in London erwähnt,
Picasso sei Kommunist und für die klassenlose Gesellschaft gewesen,
und er erklärt das im rühmenden Nachruf
nachsichtig mit den Worten: "Er war zweifelsohne naiv."

Zweifelsohne naiv wie sein Guernica-Bild. -
Und zweifelsohne naiv halten Mütter noch immer
ihre ermordeten Kinder im Arm, in Kambodscha
und in den Flüchtlingslagern der vertriebenen Palästinenser.

Zweifelsohne naiv brüllen noch immer die Ochsen
und krepieren noch immer Pferde, wo Bomben fallen und Napalm,
und zweifelsohne naiv verstand Picasso das Leben,
das er aufstehen ließ in tausend Spiegelfacetten,

In zerweinten Gesichtern und in verrenkten Leibern,
in Mensch und Tier und lebendigen Fabelwesen,
in Krampf und Erstarren, in Fülle und Kampf und Zeugung.
Proteus ist tot, und Guernica stirbt noch und lebt noch immer.

Gedicht aus: Erich Fried, Einbruch der Wirklichkeit, 1991. In: Gesammelte Werke. Gedichte 3. Wagenbach, Berlin 1998.
Bild: Pablo Picasso, Guernica. 1937.

Tuesday, August 04, 2009

Erich Fried: Ablösung


Ablösung

Der Wald kommt!
(Schenk mir ein leeres Baumbuch!)
Auf das erste Blatt schreibe ich
ein Wort nur:
GRÜN

Auf das zweite Blatt
schreibe ich:
DUNKELGRÜN
auf das dritte Blatt:
DUNKEL

Jetzt kommt die Nacht:
Auf das vierte
und fünfte
und zehnte Blatt
schreibt schon der Wald

aus: Erich Fried: Gesammelte Werke. Gedichte 3, Berlin, Verlag Klaus Wagenbach 1998. S. 236.
Foto: Kanada, Juli 2008.

Tuesday, March 24, 2009

Erich Fried: Diese Toten



Diese Toten

Im Gedenken an die Nacht der Judenverfolgung ("Reichskristallnacht")
in Deutschland am 9. /10. November 1938

Hört auf, sie immer Miriam
und Rachel und Sulamith
und Aron und David zu nennen
in eueren Trauerworten!
Sie haben auch Anna geheißen
und Maria und Margarete
und Helmut und Siegfried:
Sie haben geheißen wie ihr heißt

Ihr sollt sie euch nicht
so anders denken, wenn ihr
von ihrem Andenken redet,
als sähet ihr sie
alle mit schwarzem Kraushaar
und mit gebogenen Nasen:
Sie waren manchmal auch blond
und sie hatten auch blaue Augen

Sie waren wie ihr seid.
Der einzige Unterschied
war Stern den sie tragen mußten
und was man ihnen getan hat:
Sie starben wie alle Menschen sterben
wenn man sie tötet
nur sind nicht alle Menschen
in Gaskammern gestorben

Hört auf, aus ihnen
ein fremdes Zeichen zu machen!
Sie waren nicht nur wie ihr
sie waren ein Teil von euch:
wer Menschen tötet
tötet immer seinesgleichen.
Jeder der sie ermordet
tötet sich selbst

Erich Fried: Gesammelte Werke. Gedichte 3, Berlin, Verlag Klaus Wagenbach 1998. S. 444-445.
Illustration von David Fried.

Monday, January 26, 2009

Erich Fried: Eigentliche Nichtigkeit



Eigentlich
heißt eigentlich
eigentlich nicht
Das weiß man

und daher auch
dass eigentlich nicht
eigentlich
eigentlich heißt

Dann heißt aber
eigentlich nicht
eigentlich nicht
eigentlich nicht

und das hieße
dass eigentlich
eigentlich
eigentlich heißt

Wenn dem so ist
was heißt dann noch
eigentlich
irgendetwas?

aus: Erich Fried: Beunruhigungen. Gedichte. Wagenbach-Verlag, Berlin 1984.
Foto: Island, Juli 2008.

Sunday, December 28, 2008

Erich Fried: Verwehrte Kelt

Verwehrte Kelt
(für Ernst Jandl)

Im Esten
genau wie
im Wosten
verresten
oft grade
die Bosten
aus: Erich Fried, Um Klarheit. Gedichte gegen das Vergessen. Berlin 1985 .