Sunday, May 09, 2021

Juli Zeh - Nullzeit

In Nullzeit von Juli Zeh treffen wir gleich auf zwei sehr unzuverlässige Erzähler, die uns beide ihre Sicht auf die Ereignisse einiger weniger Tage auf der Insel Lanzarote zu schildern. 

Jola ist als Tauchschülerin auf die Insel gekommen, sie ist eine mittelmäßig erfolgreiche Serienschauspielerin, die nun für eine Hauptrolle in einem Tauchfilm trainieren will. Sie ist mit ihrem Lebensgefährten Theo angereist (Autor, älter als sie, wird von ihr der "alte Mann" genannt). Glaubt man ihrem Tagebuch, so ist Theo ihr gegenüber übergriffig und gewalttätig, während sie sich in den Tauchlehrer Sven verliebt und von ihm verführt wird.
Sven hat Deutschland verlassen, um auf Lanzarote eine exklusive Tauchschule zu eröffnen. Scheinbar neutral berichtet er von den Zwischenfällen, die er in der Beziehung von Jola und Theo beobachtet, wird aber immer mehr hineingezogen und erliegt zudem den Flirtattacken Jolas, die ihn für ihre Machtspiele missbraucht. Erst am Ende wird klar, dass auch er einen Zweck mit seinem Bericht verfolgt, da er juristische Konsequenzen fürchtet und dies seine Darstellung massiv beeinflusst.

Man muss dysfunktionale, ja, unsympatische Charaktere mögen, um sich mit Nullzeit anzufreunden. Während man anfangs dem ruhigen Erzählton Svens noch folgen möchte, disqualifiziert sich Jola schon früh, man merkt sofort, dass sie ganz und gar keine normalen Reaktionen zeigt und zweifelhafte Ziele verfolgt. Doch je mehr man von Svens Vergangenheit und seiner Beziehung zu der Frau erfährt, mit der er zusammenlebt, umso skeptischer und ablehnender wird man ihm gegenüber. Er wird zwar seinerseits von Jola für ihre Machtspiele missbraucht, andererseits ist sein Verhalten alles andere als moralisch integer. So ist dieses Spiel mit der Wahrheit und Wahrnehmung interessant und erzählerisch geschickt konstruiert, der Plot jedoch lässt zu wünschen übrig. Wenn man Nullzeit als Psychothriller liest, dann funktioniert zwar in den ersten zwei Dritteln die Eskalation der Ereignisse von Tag zu Tag, der Showdown und seine Folgen hingegen bleiben unglaubwürdig.
So konnte mich der Roman nicht wirklich überzeugen, er hat seine erzählerischen Stärken, aber eben auch diese durch und durch unsympathischen Protagonisten. Das ist Absicht, ja, aber ich muss es ja nicht mögen!
Die Lesung durch Britta Steffenhagen und Thomas Sarbacher hingegen hat mir gut gefallen.

Juli Zeh, Nullzeit. DAV 2012.


Sunday, May 02, 2021

Jacques Berndorf - Eifel-Schnee

Zu manchen Krimireihen kehre ich zurück wie zu alten Freunden... Die Eifel-Krimis von Jacques Berndorf gehören dazu. 

Eifel-Schnee ist unter den ersten zehn Bänden der Reihe, Baumeister ist noch mit Dinah zusammen, Rodenstock gerade erst pensioniert und er lernt in diesem Band Emma kennen, seine Zukünftige.
Es beginnt - wie fast immer - beschaulich, Baumeister ist zufrieden mit Katzen, Pfeife und Musik am Heiligabend in seinem Häuschen. Der Anruf den kleinen Schappi erreicht ihn mitten in der Nacht, dieser erzählt von einer brennenden Scheune und dem Tod seines Bruders Ole und dessen Freundin Betty. Natürlich handelt es sich um Mord und Baumeister stürzt sich kopfüber in die Ermittlungen, die ihn schnell ins Drogenmilieu der Eifel führen. Mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit befragt er Bekannte und Freunde der Toten und vervollständigt so nach und nach sein Bild von den Ereignissen. Die Hintermänner sitzen in den Niederlanden (wo er und Rodenstock auf Emma treffen) und das Team Baumeister und Co. muss sich anstrengen, gegen deren Übermacht anzukommen und den Verantwortlichen in eine Falle zu locken. 

Ich mag Krimis mit ordentlicher Recherche, in denen sich die Puzzleteile nach und nach zusammenfügen, so dass die Auflösung nicht plötzlich vom Himmel fallen muss. Ich mag die leicht schrägen Charaktere, die Jacques Berndorf in diese besondere Landschaft setzt. Dass er selbst vorliest mit seiner sonoren Rauchstimme, ist auf jeden Fall auch ein Plus. Deswegen immer mal wieder Eifel-Krimi.

Jacques Berndorf, Eifel-Schnee. Radioropa 2008.



Thursday, April 22, 2021

Maja Lunde - Die letzten ihrer Art

Von den vier geplanten Bänden ihres "Klimaquartetts" hat Maja Lunde bisher drei veröffentlicht. Nach Die Geschichte der Bienen und Die Geschichte des Wassers erschien 2019 Die letzten ihrer Art.

Das verbindene Element der drei Erzählebenen ist das Przewalski-Pferd, das ursprünglich in der Mongolei beheimatete Urpferd.
Michail Alexandrowitsch Kowrow, Mitarbeiter des Zoos in St. Petersburg, macht sich im Jahr 1883 zusammen mit dem Tierfänger-Experten Wilhelm Wolf auf, um Exemplare des Urpferds zu fangen, während 1992 die Tierärztin Karin es als ihr Lebenswerk ansieht, die in der Mongolei ausgestorbenen Pferde dort wieder anzusiedeln. Der dritte Erzählstrang spielt 2064, das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben ist in Norwegen aufgrund des Klimawandels zum Erliegen gekommen. Eva lebt mit ihrer Tochter auf einem Bauernhof, der ehemals zu einem Tierpark mit bedrohten Arten gehörte. Dort gibt es auch eine letzte Przewalski-Stute mit ihrem Fohlen. 

Alle Protagonisten befinden sich in schwierigen Lebenssituationen, sind mit sich und ihrer Identität nicht im Reinen und versuchen sich selbst darüber hinwegzutäuschen. Während Michail sich seine Homosexualität selbst nicht eingestehen mag, ist Karin tief entfremdet von ihrem eigenen Sohn, den diese lang andauernde Distanziertheit in die Drogensucht getrieben hat. Sie kann sich ihre Defizite als Mutter nicht eingestehen und bemüht sich stattdessen übermäßig um die Pferde. Letztere treten 2064 in den Hintergrund. Eva harrt auf ihrem Hof in einer vermeintlich sicheren Position aus, glaubt, als einzige die richtige Sicht auf die Zukunft zu haben und muss feststellen, dass sich ihre Lage alles andere als stabil ist und ihnen die Lebensgrundlage zwischen den Fingern zerrinnt. Ob der Aufbruch - was bedeutet, den Hof und die Pferde aufzugeben - eine bessere Alternative bietet, bleibt offen. 

Zwar beschäftigen sich alle Protagonisten phasenweise mit den Pferden und setzen sich mit dem Thema der Arterhaltung auseinander, dennoch bleiben sie symbolhaft. Sie werden von außen geschildert, lösen trotz der geschilderten Nähe wenig Emotionalität aus. Ketzerisch gesagt, könnte auch jede andere Tierart an ihre Stelle treten, für den Roman würde dies kaum einen Unterschied machen. Wenngleich, ähnlich wie bei Die Geschichte der Bienen schwierige Eltern-Kind-Beziehungen vorkommen, interagieren die einzelnen Ebenen wenig bis gar nicht miteinander. Ihr Zusammenhang ist lose, das offen verbindende Element der Przewalskis stellt - meines Erachtens - auch keinen tieferen Bezug her. 

Das heißt nicht, dass Die letzten ihrer Art ein schlechter Roman ist. Die einzelnen Geschichten und Protagonisten haben durchaus Tiefe und ihre Erlebnisse sind interessant, ihre unterschiedlichen Stimmen gut herausgearbeitet. Trotzdem bleibt das Gefühl, dass Idee und Konzept hier noch hätten weiter tragen können (und sollen) und vor allem das Thema des Artensterbens hätte mehr Raum bekommen sollen. So verkommt zum Randgeschehen, die Pferde als lose Verbindung der Geschichten, aber nicht als treibendes inhaltliches Element.

Maja Lunde, Die letzten ihrer Art. Hörverlag 2019.

Wednesday, April 14, 2021

Johanna Spyri - Heidis Lehr- und Wanderjahre

1880 veröffentlichte die Schweizerin Johanna Spyri ihr Buch Heidis Lehr- und Wanderjahre, das zu einem Klassiker der Kinderliteratur wurde und oft verfilmt wurde. Kinder der 80er haben die Zeichentrickserie sicher noch vor Augen...

Das Setting zu Beginn ist tragisch: Die achtjährige Heidi hat beide Eltern verloren, wurde erst von der Großmutter, dann von der Tante aufgezogen. Letztere gibt sie aber kurzerhand wegen eines guten Jobangebots bei dem grantigen Großvater väterlicherseits in den Schweizer Bergen ab. Der ist zwar wortkarg und sozial isoliert, aber dennoch dem Kind zugetan, weil es sich auch sehr angepasst und freundlich verhält. Und durch seine freundliche Art schafft es "das Heidi" leicht, auch zu den wenigen anderen Menschen, die es in der Einsamkeit der Alm gibt, freundschaftlichen Kontakt herzustellen - und zwingt damit den Großvater zumindest nicht mehr gar so unfreundlich zu sein.
Dann schlägt das Schicksal noch einmal zu, wieder in Form der etwas herzlosen Tante, die es eine gute Idee findet, Heidi nach Frankfurt zu verpflanzen, um dort einer gelähmten Tochter aus reichem Hause Gesellschaft zu leisten. Gesellschaftlich sicher ein Aufstieg, aber Heidi leidet dermaßen an Heimweh, dass sie wortwörtlich beinahe umkommt. Kurz lernt sie noch lesen und ein bisschen mehr von der Welt kennen, dann hat der Hausherr Erbarmen und lässt sie zum Großvater zurückschicken.
Mit einer aus heutiger Sicht gewissen Portion Kitsch und überzogener Selbstlosigkeit und Nächstenliebe verteilt Heidi zuhause ihre überbordende Zuneigung und Geschenke und bringt damit allen Freude und schließlich sogar den Großvater dazu, sein Herz zu öffnen. Die Geschichte vom verlorenen Sohn, die Heidi aus dem aus Frankfurt mitgebrachten Buch vorliest, lässt den Großvater wieder den Weg in die Kirche und zu den Menschen zurückfinden. Dieser letzte Teil ist rührselig, rundet aber dennoch die Geschichte ab, indem der von Heidi geliebte Großvater auch bei den anderen Bewohnern Anerkennung findet, nicht zuletzt dafür, dass er das Kind aufgenommen und fürsorglich aufgezogen hat. 

Natürlich ist Heidi ein Charakter, der aus heutiger Sicht zu gut ist, um wahr zu sein. Die geschilderte Idylle in den Alpen ist eher phantastischer Sehnsuchtsort als echter Lebensraum, die Bekehrung des Großvaters ein moralischer Wunschtraum. Aber auch dafür lesen wir, für die Auszeiten an beschaulischen Orten, wo die Welt und die Menschen im Einklang miteinander sind und alles am Ende gut wird.

Saturday, April 10, 2021

Penelope Bagieu / Roald Dahl - Hexen hexen

Roald Dahls Hexen hexen (1983) ist ein Klassiker der britischen Kinderliteratur. Erzählt wird die Story aus der Perspektive eines kleinen Jungen, der kürzlich seine Eltern verloren hat und nun mit seiner Großmutter lebt. Diese erzählt ihm Geschichten - und auch davon, dass Hexen immer Handschuhe und Perücken tragen, damit sie wie normale Frauen aussehen. Und Hexen hassen Kinder und wollen sie vernichten! Zum Beispiel verwandeln sie die Kinder in Tiere oder in Steine. Leider schützt dieses Wissen allein nicht vor ihren Hexenkünsten - aber man kann es nutzen, um sie zu bekämpfen! 

Die Französin Pénélope Bagieu hält sich in ihrer Comic-Adaption weitgehend an die literarische Vorlage und illustriert die Geschichte mit leichter Hand. Die Charaktere werden geschickt eingeführt - man sieht sich nicht sofort komplett, sondern nähert sich ihnen Stück für Stück - und auch die Backgroundgeschichte der verstorbenen Eltern wird so erzählt. Die Großmutter ist zeichnerisch ein Knaller mit ihren verrückten Haaren und Outfits, sehr schräg, aber liebevoll mit ihrem Enkel. Die Szenen mit den Hexen sind angemessen gruselig und die Zeichnungen der zwei in Mäuse verwandelten Kinder sind hinreißend niedlich. Angenehm fand ich auch das Verhältnis von Text zu Bild, es wird nicht zuviel vorweggenommen durch Textkästen, aber durch die Dialoge kann man die Geschichte gut verfolgen und der Sprachwitz der Protagonisten - eine Stärke von Dahls Charakteren - bekommt ausreichend Raum.
Hexen hexen ist eine sehr gelungene Graphic Novel, die viel Spaß macht!

Penelope Bagieu / Roald Dahl, Hexen hexen. Reprodukt, Berlin 2020.

Robert Seethaler - Der letzte Satz

 Robert Seethaler lässt uns in Der letzte Satz teilhaben an Gustav Mahlers letzter Reise. Er sitzt an Deck und erinnert sich an die Höhe- und Tiefpunkte seines Lebens. Dabei spielen seine beruflichen, musikalischen Erfolge zwar eine Rolle, im Fokus stehen aber seine Frau und seine Kinder. 

Aufgrund des geringen Umfangs - eigentlich eher eine Novelle als ein Roman - ist Der letzte Satz natürlich keine umfassende Betrachtung des Komponisten und Dirigenten, eher eine Hommage. Sprachlich hat mir das Buch sehr gut gefallen, es ist leise, unaufgeregt und sensibel. Matthias Brandt war eine gute Wahl als Sprecher. 

Robert Seethaler, Der letzte Satz. Tacheles 2020.

Friday, April 09, 2021

Irmgard Keun - Das kunstseidene Mädchen

Deutschland Anfang der 30er Jahre: Die 18jährige Doris möchte ein aufregendes Leben haben, sie möchte "ein Glanz" sein! Da passt ihre solide Stelle als Stenotypistin nicht so recht dazu, zumal ihr Chef aufdringlich wird. Der Statistenjob am Theater ist da schon besser, aber auch hier will Doris weiterkommen und denkt sich Geschichten aus, um mehr zu scheinen als sie ist. Als das auffliegt und sie außerdem in einem Augenblick der Schwäche einen Pelzmantel aus der Garderobe mitnimmt, flieht sie kurzerhand nach Berlin. Dort verstrickt sie sich in ein beständiges Auf und Ab verschiedener Männerbekanntschaften und erlebt alles - von Luxus bis zur Obdachlosigkeit. Ihre Beziehungen sind allesamt nicht zukunftsträchtig, sie träumt von Selbstbestimmung und Glück, die ihr ihre Bekanntschaften nicht bieten können. Sie schafft es nicht, sich ein eigenes Einkommen zu schaffen, ihr eigener Anspruch und Wunschträume stehen dem im Weg. 

Doris' inneren Monolog lesen wir in Form ihrer Tagebucheinträge. Ihre Schilderungen sind geprägt von ihrer subjektiven Wahrnehmung ihrer Umwelt, manchmal naiv-staunend, begeistert und dann auch wieder desillusioniert-kritisch. Das Berlin der 30er Jahre wird von seiner glamorösen Seite in den Cafés und Clubs und auf den Flaniermeilen geschildert, im weiteren Verlauf nimmt Doris aber auch den Verfall und das Elend wahr, die sich in den vielen Arbeitslosen und Prostituierten auf den Straßen spiegelt.
Ihre Sprache ist phantasievoll und humorvoll, es macht Spaß, ihr zuzuhören, wenngleich im Verlauf des Romans ein bitterer Beigeschmack hinzukommt, wenn immer deutlicher wird, dass sich ihre Träume nicht erfüllen werden. Politisch ist Irmgard Keuns Roman nicht, zwar tauchen Hinweise auf Antisemitismus auf, Doris nimmt dies wahr, aber denkt nicht weiter darüber nach, zu sehr ist sie mit sich selbst beschäftigt. Diese absolute und zum Teil schonungslose Innensicht und Ich-Bezogenheit der Protagonistin in einer Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche, in denen Frauen zwar schon andere Lebensentwürfe haben, aber beruflich-materielle Unabhängigkeit noch schwer ohne Mann zu erreichen ist, machen Das kunstseidene Mädchen zu einer interessanten Lektüre.

Irmgard Keun, Das kunstseidene Mädchen. Brigitte Hörbuch Edition 2007.

Matt Haig - Die Mitternachtsbibliothek

Matt Haigs Die Mitternachtsbibliothek handelt vom Leben.
Dieses Leben, dieses eine Leben, das gelebt werden muss.
Es sollte nicht bereut, nicht gering geschätzt und nicht verachtet werden. Es sollte vielleicht überhaupt und gar nicht bewertet werden - wie kämen wir dazu?

Nora Seeds, 35 Jahre alt, Katzenbesitzerin, Klavierlehrerin und Verkäuferin in einem kleinen Musikgeschäft in Bedford, findet ihr Leben nicht mehr lebenswert und beschließt, sich umzubringen. Wäre ihr dies gelungen, so wäre es ein sehr kurzer Roman geworden, doch Matt Haig lässt sie in der Mitternachtsbibliothek stranden. Dort trifft sie ihre Schulbibliothekarin Mrs Elm wieder, die ihr eröffnet, sie könne ein anderes, sogar viele andere Leben ausprobieren, um herauszufinden, was passiert wäre, wenn sie sich in diesem oder jenem Moment anders entschieden hätte. Sie muss dazu nur eines der Bücher in der Bibliothek öffnen, die alle mit dem Titel "Mein Leben" überzeichnet sind.
So springt Nora in die unterschiedlichsten Leben, ist nacheinander Schwimmerin, Popstar, Polarforscherin und Philosophieprofessorin, doch keins dieser Leben scheint ihr das "richtige" zu sein. Aber sie kommt nach und nach dem auf die Spur, was das "richtige Leben" sein könnte, was wichtig ist und vor allem wovon es nicht abhängt.  

Welch wunderschöne Idee, diese Mitternachtsbibliothek, in der ungeahnte Möglichkeiten und Universen sich eröffnen! Dazu eine Bibliothekarin, die weise und leise und behutsam der irrenden Protagnistin den Weg weist. Die Botschaft am Ende klar und einfach: Lebe! Nimm an, was dir gegeben ist, in jedem Moment, an jedem Ort. Achtsamkeit und Bescheidenheit. Es sind die kleinen und leisen Dinge und nicht die großen und lauten, die Bedeutung haben.
Das alles gefällt mir sehr gut und ich habe mir diese Geschichte gern erzählen lassen. Nicht alle von Noras Leben haben mich berührt und nicht immer konnte ich ihr Verhalten und Empfinden verstehen, manche ihrer (bereuten) Entscheidungen blieben mir fremd. Aber das Buch webt einen Zauber aus dieser Idee der unendlichen Möglichkeiten, die im Grunde nichts bedeuten, aber zum Ziel führen, dem wahren, dem gelebten Leben. 

Matt Haig, Die Mitternachtsbibliothek. Droemer, München 2021.


Tuesday, April 06, 2021

Art Journal 06.04.2021

 
Just another day in paradise as you stumble to your bed. 
Give anything to silence those voices ringing in your head
You thought you could find happiness just over that green hill
You thought you would be satisfied but you never will
Learn to be still
We are like sheep without a shepherd, we don't know how to be alone
So we wander 'round this desert, wind up following the wrong gods home

[Learn to be still by The Eagles]

Michael Robotham - Um Leben und Tod

Am Tag vor seiner Entlassung flieht Audie Palmer nach einer zehnjährigen Haftstraße aus dem Gefängnis. Er wurde verurteilt, weil er angeblich bei einem bewaffneten Raubüberfalls am Tod von vier Menschen beteiligt war - von den sieben Millionen Dollar fehlt immer noch jede Spur. Angeblich... denn bald wird klar, dass Audie nicht getan hat, was ihm vorgeworfen wird. Statt dessen scheinen wichtige Männer aus Strafverfolgung und Justiz ein sehr großes Interesse daran zu haben, ihn zu fassen und endgültig zum Schweigen zu bringen. Was ist damals wirklich passiert?

Lange bleibt auch dem Leser verborgen, was Audie nach seinem Ausbruch vorhat und warum er nicht seine Entlassung abwarten konnte. Robotham fügt weitere Erzählperspektiven von einem Mithäftling, einer FBI-Agentin und anderen hinzu, die nach und nach verschiedene Puzzlestückchen der Geschichte zusammenfügen. Ergänzt werden die Geschehnisse durch Erinnerungen Audies aus der Zeit vor dem Raubüberfall, aber die ganze Tragik wird erst kurz vor Schluss deutlich, abgerundet mit einem angemessenen Showdown. 

Insgesamt ist Um Leben und Tod ein spannender Thriller mit einem ungewöhnlichen Setting, der gut erzählt wird, wie man es vom Autor Michael Robotham gewöhnt ist. 

Michael Robotham, Um Leben und Tod. Hörverlag 2015.


Saturday, April 03, 2021

T.C. Boyle - In der Zone

Die Kurzgeschichte In der Zone von T.C. Boyle handelt von Mascha, die drei Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl in ihr Heimatdorf zurückzukehrt. Ihr Nachbar Leonid begleitet sie, beide glauben fest daran, ihr Zuhause wieder in Besitz nehmen zu können, allen Warnungen zum Trotz. Den Gefahren, die andere ihnen ausmalen, begegnen sie In der Zone nicht, statt dessen richten sie sich in einer verwilderten Version der alten Heimat wieder ein. Nur als eines Tages auch eine junge Familie mit zwei Kindern in das Dorf kommen, kommen Mascha Zweifel, ob diese dort sicher sind. 

Die Ähnlichkeiten dieser wirklich sehr kurzen Story mit Alina Bronskys Roman Baba Dunjas letzte Liebe sind gelinde gesagt irritierend. Es ist so, als hätte T.C. Boyle einen knappen Entwurf geschrieben, den Bronsky ausgearbeitet hat. Natürlich ist Baba Dunja eine weitaus besser konzipierte Protagonistin, ihre Beziehungen sind vielschichtiger, es gibt Handlung. Letztere kommt auf den 23 Seiten von In der Zone nicht zustande, ich würde sogar so weit gehen, dass von einer Kurzgeschichte mit einem Wendepunkt und einem wichtigen Moment im Leben des Protagonisten nicht die Rede sein kann, da wirklich so gut wie nichts geschieht. Dennoch ist das Setting ähnlich genug, um zu vermuten, dass Bronsky die 2012 veröffentliche Geschichte vielleicht gelesen hat, bevor sie ihren Roman verfasste, der 2015 erschien. 

Mag das sein, wie es ist, Boyle fand seine Idee offensichtlich nicht interessant genug, um daraus einen Roman zu machen - wie er diese dann in In der Zone umsetzte, ist nicht überzeugend. Dann kann man lieber Bronsky lesen. 

T.C. Boyle, In der Zone. Hanser, München 2012.


Friday, April 02, 2021

Alex Gino - George

Auf George von Alex Gino wurde ich aufmerksam, als ich im letzten Jahr für die Popsugar Reading Challenge nach "banned books" suchte. Es ist seit seinem Erscheinen 2015 eins der meist zensierten Lektüren an amerikanischen Schulen. Hierzulande ist es bisher weniger bekannt.

George, biologisch ein Junge, identifiziert sich selbst al
s Mädchen und wird von Anfang an mit "sie" beschrieben. Als an der Schule ein Theaterstück zu Charlotte's Web aufgeführt werden soll, bewirbt sich George für die Rolle der weiblichen Spinne Charlotte - und wird als Junge dafür abgelehnt. Statt dessen bekommt Georges Freundin Kelly die Rolle - und diese ist mutig genug, eine der zwei Vorstellungen George zu überlassen. Damit schafft es George, neben Kelly auch ihrer Mutter und ihrem Bruder zu erklären, dass sie ein Mädchen ist. In ihrem Aufbruch weg von der Angepasstheit hin zu sich selbst erlebt sie die zu erwartenden Anfeindungen und Vorurteile, aber sie erfährt auch Unterstützung. Das Buch endet in der hoffnungsvollen Stimmung, dass George nun die nächsten Schritte auf ihrem Weg gehen kann, damit sie offen die sein kann, die sie ist. 

George nimmt sich des immer noch skeptisch beäugten Themas Transgender an und Alex Gino wählt bewusst eine junge Protagonistin und auch die Zielgruppe wird vom Verlag mit "ab zehn Jahren" angegeben. Es gibt keine anstößigen Schilderungen oder sensationsheischende Szenen, es ist die Geschichte eines jungen Menschen, die auf der Suche nach sich selbst ist.
Es bleibt kein Zweifel, dass George sich sicher ist, weiblich zu sein. Es bleibt kein Zweifel, dass es richtig ist, dass sie als Mädchen, als Frau leben will, ja, sogar muss. Es bleibt kein Zweifel, dass es die Umwelt ist (Familie, Freundeskreis, Schule), die sich daran gewöhnen muss und dem Lernprozess nicht ausweichen kann. George muss sich für nichts entschuldigen, sie ist, wer sie ist. Diese Eindeutigkeit macht Mut, wirbt um Verständnis, ja, und fordert das Verständnis schlussendlich ein.
Ein tolles und wichtiges Buch. 

Alex Gino, George. Fischer, Frankfurt am Main 2016.

Thursday, April 01, 2021

Jilliane Hoffman - Samariter

Faith Sounders ist mit dem Auto auf dem Rückweg von einer Familienfeier, hinten im Wagen sitzt ihre vierjährige Tochter Maggie. Bei einem Stopp auf der Landstraße steht plötzlich eine Frau am Fenster und bittet um Hilfe, die Situation ist irreal und potentiell bedrohlich, deswegen zögert Faith, die Türen zu öffnen. Die Frau wird kurz darauf von einem Mann weggeführt. Eigentlich ist Faith klar, dass es sich hier um eine Entführung handelt, aber da sie alkoholisiert gefahren ist, alarmiert sie nicht die Polizei, obwohl sie weiß, dass sie eine wichtige Zeugin ist. Als die Frau tot und misshandelt aufgefunden wird und die Medien berichten, ist es ihre Tochter, die überhaupt die Zeugenaussagen ins Rollen bringt. Faith gerät immer mehr unter Druck, denn sie verheimlicht noch etwas, was ihre Tochter nicht gesehen hat - es gibt noch einen zweiten Täter. So verzögert Faith' Schweigen die Ermittlungen, ihre angespannte familiäre Situation dramatisiert sich und damit auch ihr Alkoholproblem. Aber auch die Täter sinnen auf Rache...

Die zugrunde liegende Idee des Thrillers mit der moralisch unzuverlässigen Zeugin gibt Samariter von Jilliane Hoffman von Anfang an eine sehr persönliche Note. Was bin ich bereit für andere zu riskieren? Was nehme ich in Kauf, um mich selbst zu schützen? Wie würde ich in einer ähnlichen Situation entscheiden?  
Faith' Dilemma, das zunächst noch überschaubar scheint - sie hat eine Entscheidung getroffen, die ihr eigenes Wohl und das ihres Kindes präferiert - wird in der Folge aber immer weiter zugespitzt: Die angeschlagene Ehe, in der sie sich als die Abhängige sieht, trotz oder gerade wegen der Untreue ihres Mannes, das problematische Kind, das so verhaltensauffällig ist, dass selbst Faith hilflos scheint, damit adäquat umzugehen, und schlussendlich ihre nur nach und nach offenbarte Alkoholsucht, die aber dann Ausmaße hat, die sofort offenkundig sein müssten in ihren Gedanken. Vor diesem Berg an Problemen verzerrt sich das eigentliche Problem ihrer Fehlentscheidung, einer anderen Frau bewusst nicht geholfen zu haben, und gerät in den Hintergrund.
Die Ermittler handeln nachvollziehbar und engagiert, wohingegen die Staatsanwältin, die eine Karriere in den Medien anstrebt, und der Verurteilung des Täters schadet, ein Erzählstrang ist, den der Thriller nicht gebraucht hätte - es war auch so schon problematisch genug! So wirkt die Auflösung und die persönliche Entwicklung von Faith am Ende etwas aufgesetzt und nicht ganz plausibel, in einem sonst spannenden und unterhaltsamen Thriller.

Jilliane Hoffman, Samariter. Argon 2015.

Tuesday, March 30, 2021

Art Journal 30.3.2021

Rainbow Rowell - Fangirl

Nachdem ich Rainbow Rowells Debütroman Eleanor und Park 2017 gelesen hatte, setzte ich Fangirl auf die Liste der zu lesenden Bücher. Es hat ein bisschen gedauert, aber nun kamen die Bibliotheksausgabe und ich ausgerechnet im Lockdown durch "Bibliothek to go" (tolle Sache!) zueinander.

Cath und Wren sind Zwillinge und beginnen ihr erstes Jahr am College. Während Wren die Sache mit dem Feiern und Trinken und neue Menschen kennenlernen etwas übertreibt, zieht sich Cath in sich selbst zurück und vermeidet Sozialkontakte geradezu. Sie ist begeisterte Anhängerin der "Simon Snow" Fantasyromane (vgl. Harry Potter) und schreibt seit mehreren Jahren als Magicath erfolgreich Fanfiction - dabei ist sie am glücklichsten. Zum Glück lässt ihre Mitbewohnerin ihr die Einsiedelei nicht durchgehen und zwingt sie gemeinsamen Aktivitäten und auch in ihren Kursen muss sie mit Menschen sprechen. Einer dieser Kurse ist kreatives Schreiben. Ihre Professorin erkennt ihr Talent, urteilt aber hart und unnachgiebig über Fanfiction.

Gleichzeitig durchlebt ihr Vater wieder einmal eine manisch-depressive Krise, Cath macht sich Sorgen, will sich der schwierigen Situation an der Uni am liebsten entziehen und zurückgehen in ihr altes Leben, zurück in ihre Simon Snow Welt. Schon gar nicht will sie sich mit ihrer Mutter auseinandersetzen, die die Familie früh verlassen hat. Doch natürlich kommt es anders...

Gut gefallen haben mir die jugendlichen Charaktere und ihre inneren Welten, etwas, das auch Eleanor und Park besonders machte. Auch das Setting der zwei unterschiedlichen Schwestern, die sich zeitweise voneinander entfernen müssen, um beide zu wachsen, passt gut - hier funktioniert der Roman gut als eine Coming-of-Age Geschichte, die auch erzählerisch Spaß macht. 

Der ganze Fan- und Fanfiction-Aspekt jedoch hat Schwächen. Cath schreibt und schreibt und hat zehntausende Follower und spricht davon, dort bei den anderen Simon Snow Fans ihr Zuhause zu haben. Dennoch wird keine der Online-Beziehungen oder -Freundschaften ausgestaltet oder gar nur erwähnt, die doch eigentlich Caths Ersatz für die fehlenden realen Freundschaften sind.
Quer gegangen ist mir auch der Konflikt zwischen dem authentischen Schreiben, das ihre Professorin einfordert, und Caths angeblichen Wunsch, bei ihrer Fanfiction zu bleiben, weil es a) einfach und b) sie am glücklichsten dabei ist. Wieso schreibt sie sich in diesen Kurs ein, wenn sie nicht selbst schreiben möchte? Hier widerspricht sie sich meines Eracht
ens selbst. Seitenlang verweigert sie sich selbst dem Gedanken daran, die geforderte Kurzgeschichte für den Kurs zu verfassen, nur um sie dann am Ende doch - quasi wie von selbst - in einem Rutsch zu schreiben.
Ein essentielles Stilmittel des Romans sind die integrierten Textpassagen aus den Simon Snow Romanen und von Caths Fanfiction. Diese können vermutlich zur Intepretation von Caths Leben herangezogen werden - mich haben sie eher gestört und in mir keinesfalls den Wunsch geweckt, mich in die Welt des Simon Snow zu versetzen. 

Ich tue mich schwer mit einer abschließenden Wertung. Ich habe mich durchaus gut unterhalten gefühlt und mochte die Charaktere - das ist schon viel. Als Coming-of-Age-Story funktioniert Fangirl gut, auch wenn sie dazu auf den letzten Seiten einen Sprint einlegen muss und alles etwas rasch zum Ende kommt. Aus der Thematik des Schreibens - von Literatur und Fanfiction - hätte man aber mehr herausholen können. 

Rainbow Rowell, Fangirl, Hanser, München 2017. 


Sunday, March 21, 2021

Mario Puzo - Der Pate

Dieser Klassiker und seine berühmte Verfilmung von Francis Ford Coppola waren die Initialzündung für viele Mafia-Filme. Mario Puzos Roman stand schon lange auf meiner Liste der Bücherkultur Challenge.
Die Lesung von Christian Brückner ist gekürzt und dauert nicht ganz acht Stunden. 

Obwohl die Figuren im Imperium des Don Corleone zahlreich sind und von allen ihre Vorgeschichte beleuchtet wird, behält der Roman stets  Tempo und den Leser bei Laune. Die Strukturen der Mafia in den USA der ersten Hälfte des 20. Jahrhundert sind so brutal wie faszinierend. Ein eindrückliches, unterhaltsames Werk, das ich gern endlich kennengelernt habe. 

Mario Puzo, Der Pate. Random House Audio, 2017.

Friday, March 19, 2021

Elizabeth George - Wer Strafe verdient

Um es kurz zu machen, Wer Strafe verdient war kein Highlight. Die Protagonisten Lynley und Havers sind mir ans Herz gewachsen, deswegen lese ich auch Band 20 noch. 

Es begann noch ganz vielversprechend mit den Ermittlungen in dem kleinen, beschaulichen Örtchen Ludlow und Havers' Instinkte ließen den Fall vorwärts gehen, während die unsympathische Chefin mit ihrer Alkoholsucht dagegen arbeitet. Doch dann wurde alles zäh und noch zäher und die Schicksale aller Haupt- und Nebenfiguren wurden in aller Ausführlichkeit ausgebreitet und konnten dennoch leider mein Interesse nicht halten, so dass die 20 Stunden Audiobook sich hinzogen. Die Aufklärung war dann auch nicht so berauschend, der Showdown erzwungen und das "alle haben sich und vor allem Havers lieb" am Ende war etwas aufgesetzt. Kann sein, dass mein schnell hingetipptes Geschreibsel dem Roman nicht gerecht wird, aber mehr Geduld und Energie kann ich gerade nicht dafür aufbringen. 

Elizabeth George, Wer Strafe verdient. Hörverlag 2018.

Thursday, March 11, 2021

Ursula Krechel - Landgericht

In Landgericht erzählt Ursula Krechel die Geschichte des jüdischen Richters Richard Kornitzer. Sein beruflicher Erfolg und das Glück seiner Familie werden durch die Nazis zerstört, seine Kinder sind in England, er selbst im Exil in Kuba, seine nicht-jüdische Frau bleibt in ungesicherten Verhältnissen in Deutschland zurück. Der Roman beginnt mit dem Wiedersehen des Ehepaars 1947 - und auch wenn die beiden einigermaßen wieder zueinanderfinden, so ist ihre Familie zerrissen, die Kinder ihnen fremd, seine berufliche Zukunft (am Landgericht in Mainz) problematisch. Kornitzer ist getrieben vom Wunsch, die ihm zugestoßene Ungerechtigkeit auszugleichen und scheitert dabei immer wieder an persönlichen Hindernissen und den juristischen Unzulänglichkeit der neuen Bundesrepublik, die noch längst nicht in der Lage ist, sich der Nazi-Vergangenheit in allen Konsequenzen zu stellen.

Angelehnt hat Krechel ihren Roman an die Biographie des Richters Robert Michaelis, wodurch das erzählte Leid und Unrecht ein zusätzliches Gewicht erhält, weil es real geschehen ist. Dieses Gewicht ist es vermutlich auch, was zunächst beeindruckend erscheint. Die Autorin versucht einen Spagat, indem sie der historischem Figur einerseits gerecht werden, andererseits aber auch die tiefen Emotionen ihres Protagonisten literarisch umsetzen will.
Ich finde, dies gelingt leider nicht - auch wenn ich mich damit in die Opposition zur Jury des deutschen Buchpreises befinde, die den Roman 2012 zum Gewinner kürte. Betitelt als Roman, wirken viele Passagen zu sachlich, zu kalt und zu dokumentierend, um wirklich zu berühren. Andere sind wieder überbordend emotional. Parallel dazu versucht Krechel auch, die Atmosphäre der frühen Bundesrepublik mit all ihren Schwierigkeiten und Entgleisungen einzufangen, was zu langatmigen Schilderungen von städtebaulichen Entwicklungen und ähnlichem führt. Auch stellt sich die Frage nach dem zentralen Thema: Ist es nun Kornitzer Angegriffenheit, die Zerissenheit, die sein Exil und der Verlust von Status und Familie in jungen Jahren ausgelöst haben? Liegt der Kern in seinen Beziehungen zu seiner Frau, seinen Kindern? Oder doch vielmehr in der Frage nach Gerechtigkeit, die er trotz aller Expertise und Hartnäckigkeit nicht erreichen kann?
Man könnte dies als Facettenreichtum loben, als literarischen Schachzug zu werten, wie die stilistischen und erzählerischen Ebenen durchmischt werden - aber was anfänglich in der ersten Hälfte des Romans noch überraschend und abwechslungsreich wirkt, verkommt immer mehr zur bloßen Irritation. Was will diese Geschichte?
Und sie endet schließlich, ohne die Frage so recht zu beantworten. 

Ohne die Leserunde der Mitlesezentrale wäre dies vermutlich ein Fall für einen Abbruch gewesen, da mich der Stil und die Ziellosigkeit des Erzählens geradezu genervt haben. Ich erkenne die Wichtigkeit des Themas und finde es gut, dass eine Exilbiographie erzählt wird, gerade in Zeiten, wo sich wieder viele Tausende Menschen auf der Flucht befinden. Die Form jedoch hat mich überhaupt nicht angesprochen und die Verleihung des deutschen Buchpreises erschließt sich mir nicht so recht.

Ursula Krechel, Landgericht. Jung und Jung, Salzburg/Wien 2012.


Saturday, March 06, 2021

Malin Klingenberg - Elchtage

Bis zu diesem Sommer waren Johanna, die Protagonistin von Elchtage, und Sandra unzertrennlich. Sie hielten sich in ihrer Hütte im Wald auf, beobachteten Tiere und verbrachten Schul- und Freizeit miteinander. Doch Sandra hat sich verändert und einer anderen Gruppe von Mädchen angeschlossen, die Johanna oberflächlich und doof findet. So ist sie von nun an allein in ihrer Hütte, wo sie eines Tages einer Elchkuh begegnet, die sie Wildstern nennt, mit Popcorn füttert und an sich gewöhnt.
Als einige Tierfänger ausgerechnet Wildstern einfangen, um sie an einen Zirkus zu verkaufen, muss Johanna eingreifen - zum Glück hat sie Hilfe von Six, dem Sohn eines der Tierfänger, den Johanna sehr mag.

Elchtage von Malin Klingenberg liest sich dank einfacher, an die junge Zielgruppe angepasster Sprache und kurzer Kapitel schnell - gleichzeitig ist aber der Umfang des Buches für die Vielzahl der angerissenen Themen nicht ausreichend. Da wäre die Frage nach der eigenen Identität: Wer bin ich? Mit wem will ich zusammen sein? Welche Freundschaften brauche ich, welche nicht? Das Thema Jagd und Tierschutz ist Thema, auch die Frage, ob man ein Wildtier zähmen sollte. Und dann bleibt noch der Bereich des Erwachsenwerdens und der ersten Liebe.
Das alles kann auf den etwas mehr als 200 Seiten nicht wirklich mit Tiefe erörtert werden, so bleibt vieles vage und nur angerissen, was eigentlich Potential für eine richtig gute Geschichte gehabt hätte. Das ist schade, denn die Protagonistin mit ihrer Fähigkeit, sich selbst zu genügen, und ihrer Kraft, eigene Wege einzuschlagen und dabei offen für Neues zu bleiben, war mir durchaus sympathisch. Dennoch ist Elchtage in der Summe ein schönes, gut lesbares Buch für junge Mädchen, das Stoff zum Nachdenken bietet.

Malin Klingenberg, Elchtage. dtv, München 2021.

Sunday, February 28, 2021

Lämmerweg - Etappe 1 - Ubbedissen-Eisgrund

Den Bielefelder Lämmerweg gibt es seit 2007. Es ist ein ca. 20 km Wanderweg, der seinen Namen nach einer Wanderschafherde erhalten hat. Die Schafherde gehört der Stiftung Bethel und beweidet Flächen im Teutoburger Wald und in der Senne.
Seinen Startpunkt hat der Lämmerweg in Ubbedissen, er endet am Landschaftspflegehof Ramsbrock. Letzterer erhält auch die drei Euro Schutzgebühr als Spende, wenn man den Naturerlebnisführer zum Lämmerweg erwirbt. Ich habe in diesen Corona-Zeiten eine E-Mail an das Bezirksamt Senne geschrieben und innerhalb von wenigen Tagen ein Exemplar zugesandt bekommen - toller Service!
Um den Lämmerweg noch attraktiver zu machen werden in dem Naturerlebnisführer fünf Rundwanderwege dargestellt. Alle enthalten eine Teilstrecke des Lämmerwegs plus einen Rundweg, der aber vor Ort auch als Schleife des Lämmerweg ausgeschildert wird. 

Etappe 1 startet in Ubbedissen am Naturfreundehaus Teutoburger Wald. Ich habe sie nicht ganz dem Wanderführer entsprechend gemacht, sondern bin die Rundwegschleife andersherum gegangen.
Angegeben sind folgende Längen für diese Etappe: Hinweg 4,4 km, Rundwanderung 10,7 km und der Rückweg dann mit 6,6 km.
Diese Angaben erscheinen mir etwas hochgegriffen.

Vom Startpunkt aus geht es durch Buchenwald hinab nach Lämershagen und in meiner Variante die gleichnamigen Treppen wieder hinauf. Dort geht man auch ein kurzes Stück des Hermannswegs, bis man zum Parkplatz Eisgrund abbiegt, um auf den Rundweg einzubiegen.
Das Teilstück bei Lämershagen führt für ein Stück an der Autobahn entlang, deswegen bin ich bei meiner Tour den Rundweg nicht bis zu Ende gegangen, sondern habe eine Querverbindung eingeschlagen und bin erst kurz vor dem Parkplatz beim Naturfreundehaus wieder auf den Lämmerweg gestoßen. Dies kürzte den Weg natürlich auch ein wenig ab, so dass ich laut Komoot 10,5 km gewandert bin.  Hier die getrackte Tour:


Hier ein paar Fotoeindrücke, beim Start war es noch trüb und neblig, aber es klarte noch auf.  



Lämershagener Treppen

Das Lämmerwegschild: Schaf mit Laufschuhen...

Autobahnunterführung



Diese Etappe hat schönen Buchenwald zu bieten!

Saturday, February 27, 2021

Rolf Lappert - Nach Hause schwimmen

Rolf Lapperts Nach Hause schwimmen stand 2008 auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises. Deswegen, und auch weil mir Lapperts Jugendroman Pampa Blues gut gefallen hatte, waren meine Erwartungen an den Roman hoch. 

Es beginnt auch vielversprechend - ein kleiner Knirps namens Wilbur, dessen tragischer Start ins Leben von skurillen Schicksalsschlägen nur so wimmelt. Die ihn umgebenden Menschen sind allesamt auch schräg oder gar versehrt, haben ihre eigene schwere Vergangenheit und kämpfen mit ihren Dämonen. Keine gesunde Umgebung für einen Heranwachsenden, der aus den USA nach Irland zu den Großeltern kommt. Stabilität und Zuneigung erfährt er immer nur für kurze Phasen seines Lebens, bis ihn der nächste Schlag, der nächste Todesfall in die nächste schwere und einsame Zeit versetzt. Selten wird er aktiv, um an seiner Situation etwas zu ändern, ausgenommen die Suche nach seinem Vater, die ihn aber lange nur in weitere Sackgassen führt. Stoisch erträgt er seine Lebenssituationen und die Menschen um ihn herum, baut dabei kaum Beziehungen auf. Der Leser hingegen erfährt alles über die Hintergründe und emotionalen Zustand dieser Nebencharaktere, denen Wilbur begegnet. Einige dieser Charaktere hätten vermutlich ihren eigenen Roman füllen können - die Zusammenhänge zur Hauptperson bleiben aber lose. 

Um Wilburs Geschichte zu erzählen, legt der Autor zwei parallele Erzählstränge an: Die Kapitel des einen sind schlicht nummeriert, Wilbur erzählt als Ich-Erzähler beginnend mit dem Moment, als er in der größten Krisensituation seines kurzen Lebens beinahe ertrinkt. Die Kapitel des anderen sind betitelt mit den Jahreszahlen und Titeln von Bruce Willis Filmen (1980 The First Deadly Sin bis 2000 Unbreakable), in denen ein auktorialer Erzähler Wilburs Lebensgeschichte von seiner Geburt an berichtet. Das Ende dieses Erzählstranges liegt zeitlich da, wo der andere anfängt. Man würde also eine Chronologie erreichen, wenn man erst alle mit Filmtiteln überschriebenen Kapitel liest und danach die durchnummerierten... Das ist erzählerisch sicherlich ein Clou, im Lesefluss zunächst etwas unbequem, ebenso wie die unterschiedlichen Erzählperspektiven. In der Konstruktion und in den Querverweisen verschiedener Lebenssituationen liegt sicherlich eine Stärke des Romans.

Nach Hause schwimmen ist mit über 500 Seiten kein kurzes Werk. Die Hauptfigur erlebt in diesem Rahmen eine Unmenge an Schicksalsschlägen und begegnet einer Reihe von bemerkenswerten Charakteren. Viele davon sind ihm zugetan, wollen ihn unterstützen und fördern. Er selbst tut kaum etwas, um diese Zuneigung zu rechtfertigen. Nur zu wenigen baut er eine wirkliche emotionale Bindung auf und selbst bei diesen bleiben die Gefühle unklar, undefiniert und unausgesprochen. Er bleibt in gewisser Weise ein kleiner verlassener Junge ohne einen Platz in der Welt - aber nur, weil er sich nicht bewegt, sich nicht erkennbar entwickelt - und das ist etwas, dass ich auf über 500 Seiten von einem Protagonisten durchaus erwarten würde und was den Nebencharakteren stärker zuteil wird als Wilbur selbst.
Vor diesem Hintergrund ist das Ende des Roman, das nur wenige Seiten umfassende Kapitel 14, kaum nachvollziehbar. Alles ist eitel Sonnenschein, die Charaktere alle fröhlich und glücklich vereint in einem Haus in Irland, das bis dato für Wilbur ein Symbol des Unglücks war. Man wünscht es den Figuren, wünscht es vielleicht sogar Wilbur, der mich aber vergleichsweise wenig berührt hat, aber dennoch weiß man nicht, wie dieses Glück so plötzlich vom Himmel fallen konnte. Ähnlich wie ich es bei Kriminalromanen nicht leiden kann, wenn Kommissar Zufall / Deus Ex Machina die Lösung des Falles herbeiführt, scheint mir dieses Romanende an den Haaren herbeigezogen und zu einfach. 

Rolf Lappert, Nach Hause schwimmen. Hanser, München 2008.




Friday, February 19, 2021

Frank Schätzing - Breaking News

Frank Schätzings Roman Breaking News ist ein seitenstarker, polithistorischer Thriller aus dem Jahr 2014, in aus der Perpektive einer israelischen Familie und aus der des Krisenreporters Tom Hagen erzählt wird. 

Letzterer ist ziemlich erfolglos nach einigen fehlgeschlagenen Recherche und Berichterstattungen im Nahen Osten und sieht seine letzte Chance im Ankauf einiger zweifelhafter CDs mit Informationen über den israelischen Geheimdienst. Doch seine Redaktion will die Kosten dafür nicht tragen und mit einer Notlüge versucht Hagen die Informationen attraktiver zu machen: Er behauptet, dass Ariel Sharon (Premierminister Israels) wegen eines Attentats im Koma liege - und wird fortan von einer Gruppierung innerhalb des Geheimdienstes verfolgt, weil er mit seiner Behauptung zufällig die Wahrheit aufgedeckt hat. 

Sharon wuchs in Kfar Malal auf, wo der zweite Erzählstrang des Romans seinen Anfang nimmt. Mit der Familie Kahn durchlebt der Leser die Geschichte des Staates Israel und der konfliktreichen Siedlungsgeschichte im Nahen Osten. Auch die zahlreichen kriegerischen Auseinandersetzungen wirken sich auf diesen Teil des Romans aus, während zugleich die unterschiedlichen Emtwicklungen der Familienmitglieder auch die verschiedenen Sichtweisen auf das Geschehen aufzeigen.

Die Durchmischung von der Geschichte des Nahost-Konflikt mit einem jornalistischen Thriller ist ein Wagnis, das Schätzing zwar passagenweise langatmig, aber doch (soweit ich es beurteilen kann) gut recherchiert meistert. Ich habe mich sowohl gut unterhalten gefühlt, als auch ein bisschen mehr über Israels Geschichte erfahren. Über die Form des Audiobooks war ich einmal mehr froh, denn die verschiedenen Stimmen von Hansi Jochmann und Oliver Stritzel erleichterten die Orientierung in den Erzählsträngen und setzen die unterschiedlichen Charaktere gut um. Sprachlich empfand ich besonders die Perspektive Tom Hagens manchmal als anstrengend mit seinen abgehackten Sätzen, auch da half die Lesung, dabei bleiben zu können. Die über 900 Seiten hätte ich sonst vielleicht nicht durchgehalten, bin aber abschließend zufrieden mit dem Roman.

Frank Schätzing, Breaking News. Hörverlag 2014.




Sunday, January 31, 2021

Frances Hodgson Burnett - The Secret Garden

Mary Lennox is a spoiled and unhappy child who noone seems to care about and whose been looked after by servants all her life. After her parents died she has to leave India and live with her uncle in Yorkshire. This uncle is unhappy too after his wife died ten years ago and he doesn't even want to meet Mary, he doesn't seem to care about anything and is away most of the time. 

So Mary is mostly left alone to discover the secrets of her new home: There's the closed-up garden that's noone has seen in ten years and there's a mysterious crying in the house which the servants don't want to talk about. Feeling a bit lonely she seeks the friendship of the housemaid Martha, her brother Dickon, the gardener and even a little robin. With the help of these friends she's able to help somebody else in desperate need of company and friendship...

I read this beautiful Sterling Classics edition of The Secret garden which has some beautiful illustrations by Scott McKowen combined with listening to the free librivox audiobook by Karen Savage. A lot of the direct speech in this book is written in Yorkshire dialect and for a non-native speaker it is sometimes hard to decipher. Karen Savage did a wonderful job in reading this and it made it so much easier.

For me, one of the most interesting aspects of the story was the focus on the positive effects of belief: It doesn't matter if you believe in magic, God or any other natural force - as long as you believe that something good will happen, that things will turn out for the better, then you - or nature - may overcome all crisis. The main characters pratice this positivity in repeating the things they want to happen over and over again. "I'm going to live forever and ever and ever!" 
I also liked that the two main characters (Mary and Colin) weren't all that likable at the beginning. Although they lived in wealth and were well-cared for by servants they weren't happy at all. In fact, they both had very undesirable character traits because nobody cared to guide them and show them how to treat people, how to be empathic or modest or even friendly. The positive role models are of course there in the characters of Martha or Dickon, both from poor families but raised by a loving and caring mother (who is actually also responsible for getting Colin's father back...). These characters are - as Cedric in The Little Lord Fauntleroy - to good to be true but Mary and Colin desperately need them for guidance. They can only start to thrive when they are cared for and even more when they start to care for others - either for the plants in the garden or for each other.
This may be a simple message but it still works. I also liked the admiration and respect for all things that grow in this book - all of these aspects made it very enjoyable. 

Frances Hodgson Burnett, The Secret Garden. Sterling 2004. 


 

 

 

Thursday, January 28, 2021

Volker Kutscher - Die Akte Vaterland

Gereon Rath ermittelt in Die Akte Vaterland in seinem vierten Fall. Es ist Juli 1932 und die Weltwirtschaftkrise und der aufkommende Nationalsozialismus prägt den Alltag. Nachdem Charly seinen Heiratsantrag angenommen hat, könnte er sich glücklich schätzen, doch bekommt er es mit einem Fall zu tun, der ihn buchstäblich aus seinem Leben in Berlin reißt. Die Spuren im  Mord an dem Spirituosenhändler Lamkau und einem weiteren Fall führen nach Ostpreußen und so reist Rath in die masurische Kleinstadt Treuburg. Die Ermordeten arbeiteten früher beide für die dort ansässige Destillerie Luisenbrand. Rath erscheint der Besitzer Wengler verdächtig und so stöbert er weiter in dessen Vergangenheit und macht sich damit nicht nut bei Wengler in Treuburg unbeliebt. Weitere Morde geschehen und auch Rath selbst gerät in Lebensgefahr, bis er schließlich doch noch die Zusammenhänge aufdecken kann. 

Auch in diesem Band gelingt es Volker Kutscher auf großartige Weise, das detailliert recherchierte und geschilderte historische Geschehen im Jahr 1932 mit einem spannenden Kriminalfall zu verknüpfen. Er politisiert nicht im eigentlichen Sinne, lässt die Ereignisse eher beiläufig einfließen und bildet damit einen authentischen Hintergrund mit plausibel handelnden Figuren. Sein Wissen um das historische Berlin ist beeindruckend und unterhaltsam. Hier sei nur die am Potsdamer Platz heute wieder zu bestaunende erste Verkehrsampel (siehe Cover) zu erwähnen, in dessen Turm Kutscher kurzerhand einen der Morde geschehen lässt. Gefallen hat mir auch die Schilderung des dörflichen Alltags in Masuren, die im Buch geschilderte Abstimmung (1920), ob der Ort zu Preußen oder zu Polen gehören wolle, hat tatsächlich stattgefunden. Insgesamt ist die Reihe von Volker Kutscher bisher durchgehend sehr lesenswert, hinter der die ihr nachempfundene Fernsehproduktion weit zurückbleibt.

Volker Kutscher, Die Akte Vaterland. Argon 2018.

Monday, January 25, 2021

Erich Kästner - Pünktchen und Anton

Erich Kästners Klassiker Pünktchen und Anton erzählt von der Freundschaft zweier ungleicher Kinder - die freche Pünktchen ist Tochter eines wohlhabenden Direktors, Anton der Sohn einer alleinerziehenden und kranken Mutter. Und dennoch ist nicht eindeutig zu sagen, wer von den beiden Glück oder Pech hat, denn die Eltern von Pünktchen nehmen sich kaum Zeit für sie, während Anton erfolgreich sein eigenes Leben und das der Mutter organisiert und dabei über sich hinauswächst.
In seinen Kommentaren nach jedem der 16 Kapitel bemüht sich der Autor um Reflexion des Geschehenen, misst das Verhalten und die Charakterstärke aller seiner Figuren an einem Idealbild, das auch heute noch Bestand hat. Es geht um große Dinge wie Gerechtigkeit, Mut, Ehrlichkeit oder Freundlichkeit gegenüber allen. Und doch wirkt Kästners Text auch heute nicht altklug oder vermessen, seine Werte haben Gültigkeit und seine humorvolle und einfache Art, sie den jungen Lesern seiner Zeit zu vermitteln, funktioniert auch heute noch. Und trotz aller gesellschaftlich schwierigen Aspekte behält die Geschichte eine Leichtigkeit, die den witzigen Charakteren einerseits und andererseits den flapsigen und witzigen Dialogen entspringt, ein bisschen Berliner Schnauze ist natürlich auch dabei.
Mir hat Kästners Erzählstil und auch die Geschichte viel Freude gemacht. 

Erich Kästner, Pünktchen und Anton. Süddeutsche Zeitung, Junge Bibliothek 25, München 2005.

Sunday, January 24, 2021

Diana Gabaldon - Feuer und Stein

Vorab: Manchmal bieten die Buchvorlagen mehr als die Verfilmungen - das ist hier nicht der Fall, was aber auch an den Kürzungen für das Audiobook liegen mag. Ich war erstaunt, wie nah sich die Serie Outlander an die Romanvorlage von Diana Gabaldon gehalten hat, ja, sogar zum Teil detaillierter erzählt als das Buch. 

Anfangs irritierend, dann aber doch als Pluspunkt erwies sich die Lesung durch Daniela Hoffmann (Synchronstimme von u.a. Julia Roberts und Calista Flockhart), die es schafft, selbst die sehr romantischen und teils erotischen Szenen glaubhaft darzustellen. Die TV-Serie profitiert stark von dem schottischen Highland-Setting, das im Audiobook weniger zum Tragen kommt. Auch Claires Irritationen über die Ähnlichkeit der zwei Männer - ihrem Ehemann Frank Randell und dem Bösewicht Jonathan Randell) sind in der Visualisierung eindrücklicher. So brachte das Audiobook nichts Neues und blieb hinter der Serie zurück. Auch eine Erkenntnis - so brauche ich weitere Bände nicht zu lesen. 

Diana Gabaldon, Feuer und Stein. Random House Audio 2003.

Thursday, January 21, 2021

Ryder Carroll - The Bullet Journal Method

I can't remember how or when I stumbled upon bullet journaling. I remember watching the videos on the bullet journal website and shortly after I started my first one. I'm in my seventh journal at the moment and that's probably the longest I ever constantly used a calender or planning device. This is just to clarify where I stood when Ryder Carroll published his book The Bullet Journal Method and I ordered it right away. 

In this beautiful book (mine is hardcover, black and gold, lovely pattern... as in the picture) Ryder explains how he came to develop the BuJo method and gives a step by step introduction how it works and how to use it. Of course there were parts I knew about because I was using the future log, the monthly log, doing the migration and so on. Some techniques I don't use and probably will never use but the system is highly adaptive to serve the user's needs.
I read this over a very long period of time, skipping parts, coming back to others. It can be used as a reference guide if you ever get stuck in your planning or want to get on with a bigger project and find out how to use your BuJo to break it down into manageable pieces and set your goals right.
It also explains how your bullet journal can be a good tool to pratice mindfulness - in every day reflections and gratitude logs but also in a much wider sense in setting your life goals. 

This book is great for starting a bullet journal (and it's not about drawing nice headlines, handlettering and putting lots of cute stickers and washi tape into it... although you can do that if you like...) and also good for exploring new things, new ways how your BuJo can help you to improve your life in many ways and help you on your way. Well done, Ryder Carroll, for putting it all together so neatly, with great illustrations and quotes. I will definitely keep this on the shelf nearby...

Ryder Carroll, The Bullet Journal Method. Track the past, order the present, design the future. Pengion, New York 2018.

Saturday, January 16, 2021

Theodor Fontane - Der Stechlin

Es ist nicht ganz einfach, einem Klassiker wie Theodor Fontanes Der Stechlin gerecht zu werden. Zum einen ist da die indiskutable Qualität des Werkes - Fontanes letztes Werk, das ihm so wichtig war - zum anderen die große zeitliche Distanz zum Geschriebenen, die es mir phasenweise schwer machte, mich ganz darauf einzulassen. 

Die zentrale Auseinandersetzung in Der Stechlin ist die zwischen dem Alten und dem Neuen - ein Zeitalter geht zuende, das geprägt war vom Adel und dem Konservativen. So verlieren sich einige der Gespräche in Reminiszenzen, einige davon erscheinen aus heutigen Sicht fast banal. Dennoch erkennt man in den jüngeren Charakteren durchaus auch Akzeptanz der gesellschaftlichen und politischen Veränderung. Der noch männerdominierten Welt werden zudem kleine feminine Kontrapunkte in Form der Domina Adelheid oder der selbstbewussten Melusine entgegengesetzt, wobei es aus heutiger Sicht dennoch manchmal ermüdend ist, den "alten Männern" zuzuhören, zumal es gut wie keine Handlung gibt.

Sprachlich hingegen macht dieser Fontane durchaus Freude und weite Passagen habe ich mir von Gert Westphal vorlesen lassen, was - wie immer - ein großer Hörbuchgenuss war. Seine Interpretationen des Sprachgestus der einzelnen Charaktere verdeutlichten einige der gesellschaftlichen Gefälle auf großartige Weise und haben mir den Roman näher gebracht als es die reine Lektüre wohl gekonnt hätte. 

Dank gilt auch der sympathischen Leserunde der Mitlesezentrale, dank derer ich mich überhaupt mit diesem Fontane beschäftigt habe, die Gedanken der anderen MitleserInnen haben meinen Blick auf den Roman erweitert, den ich vielleicht sonst verfrüht wieder an die Seite gelegt hätte. 

Theodor Fontane, Der Stechlin. SWR-Lesung 2014 und eine Public-Domain-e-book-Ausgabe.

Sunday, January 10, 2021

Martin Walker - Reiner Wein

In seinem sechsten Fall Reiner Wein muss Bruno Chef de police eine Einbruchsserie aufklären, die aber auch noch Verbindungen zu einem Mordfall in seinem Bezirk aufweist. Mit seinen guten Wissen von Einheimischen und lokalen Gegebenheiten kann er den übergeordneten Ermittlern eine Hilfe sein und trägt schließlich entscheidet zur Aufklärung bei. 

Alle paar Monate mache ich einen Ausflug ins beschauliche und kulinarisch erquickliche Saint-Denis des Martin Walker und erfreue mich an den Spezialitäten - seinen überaus sympathischen Charakteren, dem nicht allzu brutalen Kriminalfall und ein bisschen zwischenmenschlichem Klimbim mit politischen Zwischentönen. Nicht aufregend, aber sehr entspannende Leseunterhaltung. 

Martin Walker, Reiner Wein. Diogenes, Zürich 2014.

Sasa Stanisic - Herkunft

“Ackerfurchen. Zäune. Das Kreuz in der Schnapsflasche. Polenta für die Schwiegereltern. Vijarac. Gavrilo und Großmutter - jetzt auch Sretoje - erzählten von all dem, auch um zu gedenken. Sie legten für ihre Toten eine gute Geschichte ein. Der Geschmack des Brunnenwassers ist aus Sprache gemacht. Die Sprache wird weiterfließen. Einer überleben, um zu erzählen. Um zu sagen: Mein Leben ist unbegreiflich.” 

Sasa Stanisic schreibt in einer Sprache, die nicht seine Muttersprache ist, und drückt sich dabei so hervorragend aus, dass er 2019 mit seinem Buch Herkunft den Deutschen Buchpreis gewann.

Ich habe mich mit Herkunft zunächst schwergetan, das Sprunghafte, Mäandernde des Textes bereitete mir Probleme. Ich hatte mich zudem für die Lesung durch den Autor entschieden (langfristig ein Vorteil, glaube ich), aber dadurch waren die Zeitsprünge noch ein wenig schwieriger zu realisieren. Aber im Grunde sind diese auch nicht notwendigerweise einzuordnen, man kann den (Sprach-) Fluss von Herkunft auch einfach hinnehmen, annehmen. Lässt man sich auf die Sprache von Stanisic ein, so landet man in einem wunderbaren Wechselbad von Emotionen und Finessen - manches Mal musste ich laut lachen über seine bestechende Beobachtungsgabe (vor allem der Deutschen), anderes war sehr anrührend und sensibel erzählt. Es ist eine bestechende Zärtlichkeit, mit der er vor allem seine Großmutter (der autobiografische Bezug ist offenkundig, auch wenn er selbstverständlich einiges hinzufabuliert und dies auch sagt) und auch die anderen Familienmitglieder und Freunde schildert.

Es ist - so glaube ich - ein Buch, das eine Weile bei einem bleiben wird. Die Fragen nach der eigenen Herkunft, und was sie ausmacht, klingen nach. 

Sasa Stanisic, Herkunft. Hörverlag 2019.

Saturday, January 02, 2021

Luca D'Andrea - Der Tod so kalt

Luca D'Andrea ist Lehrer, Schriftsteller und Drehbuchautor für Dokumentarfilme in Bozen. Die Hauptrolle in seinem Buch Der Tod so kalt gibt er Jeremiah Salinger, einem US-amerikanischen Drehbuchautor für Dokumetarfilme, der mit seiner Frau Anneliese und der kleinen Tochter Klara in ihren Heimatort in Südtirol zurückkehrt. Obwohl er nach einem traumatischen Erlebnis bei einem Dreh, bei dem mehrere Menschen umkamen, eigentlich ausruhen soll, verbeißt sich Jermiah in eine 30 Jahre alte Geschichte. In einer Schlucht in der Nähe sind drei Menschen brutal ermordert worden, während ein Unwetter tobte. Der Mörder wurde nie ermittelt und das Bletterbachmassaker nie aufgeklärt. Wie viel wissen die Menschen aus dem kleinen Ort wirklich? Während seine Frau Anneliese ihn unter Druck setzt, seine Recherchen zu beenden, die Jeremiah zunehmend psychisch und physisch bedrohen, und sich um seine Familie zu kümmern, stochert dieser weiter in den Erinnerungen der Zeugen von damals. Er findet mehrere Erklärungen und Zusammenhänge, die sich doch immer wieder als falsche Fährten erweisen...

Phasenweise packte mich die Spannung bei diesem von Matthias Köberlin sehr atmosphärisch gelesenen Audiobook, dann wieder liefen die Ermittlungen und ihre Umwege eher zäh. Es war ein Auf und Ab, bei dem viel Emotionales und Familiäres Beiwerk hinzukam. Ursprünglich interessierte mich Jeremiah als Protogonist und Erzähler, der aus seiner Verletzlichkeit heraus berichtete, wodurch er aber auch nicht unbedingt zum zuverlässigsten Erzähler wurde und in der Tat liegt er mehrfach falsch und richtet dadurch einiges - überflüssiges - Unheil an. Im Grunde weiß Der Tod so kalt nicht, ob er Roman oder Thriller sein möchte, persönliche Entwicklung und Aufklärung des Falls stehen in ständiger Konkurrenz miteinander. Bei manchen Krimiserien schätzt man genau dieses, hier ging es vor allem im letzten Drittel auf Kosten meines Interesses, wenngleich das Setting in Südtirol eine erfreuliche Abwechslung bot. 

Luca D'Andrea, Der Tod so kalt. Der Hörverlag 2017.


Rieselfelder 1

Rieselfelder, Senne am 2. Januar 2021