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Wednesday, August 19, 2026

Fredrik Backmann - Die Gewinner

Wir kehren im dritten Band Die Gewinner von Fredrik Backman zurück nach Björnstadt. Nach die Kleine Stadt der großen Träume und Wir gegen euch ist dies der dritte Band um die kleine Eishockeystadt in den Wäldern Schwedens. Es wird angeknüpft an die Charaktere und Ereignisse der beiden Vorgänger und eine Beerdigung bringt alle wieder in Björnstadt zusammen. Während in den ersten Kapiteln mit einem Sturm ein ereignisreicher Anfang geschaffen wird, nimmt der allwissende und wieder etwas von oben herab sprechende Erzähler sich danach sehr viel Zeit, die Ereignisse, von denen er selbstverständlich schon alles weiß, nach und nach vor uns auszubreiten. 
Die Zutaten des Romans sind dieselben wie zuvor, und das sind nicht wenige: die rivalisierenden Vereine, die Bedeutung eines Sports als Symbol der Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft, Korruption und Gemauschel, der Ehrgeiz, dies aufzudecken, um für sich (oder den favorisierten Verein) Vorteile zu schaffen bzw. das Überleben zu sichern, Freundschaften und - mit zunehmend größerer Bedeutung - die Übergriffe und Vergewaltigungen von jungen Männern auf die jungen Frauen des Romans. Die Vergewaltigung war die Katastrophe im ersten Band, aber das Opfer geht dank intensiver Unterstützung durch die Familie trotz großer Schwierigkeiten und weiterem Mobbing mit gewisser Gerechtigkeit aus der Situation hervor, obwohl sie nicht völlig heil ist und vermutlich niemals sein kann. Dieses Glück einer Chance auf Gerechtigkeit wird nicht allen zuteil und dies nutzt Backman als Triebfeder für die Katastrophe von Die Gewinner. Alle Charaktere des Romans haben Fehler in ihrem Leben gemacht, wir sehen ihnen zu, wie sie neue Fehler machen und auch die alten bereuen. Können Fehler wieder gut gemacht werden? Kann man Ausgleich schaffen für das Schlechte, was man getan hat? Wie vergibt man, wie wird einem vergeben? Und wie entsteht Hass und Zerstörungswut, wie Zusammengehörigkeit und Loyalität? Backman beleuchtet diese Themen in und an seinen Charakteren, facettenreich, meistens interessant und emotional angreifend, nur manchmal etwas langatmig. In dem Bemühen, allen Charakteren den Raum und den Ab- und Anschluss zu geben, den sie verdienen, verliert sich die Geschichte manchmal im Kleinen, wird auch in Details kitschig oder zu symbolträchtig. Man gönnt es diesen besonderen Menschen, dass ihre Geschichte erzählt wird, aber die Stringenz des Plots leidet darunter. Dennoch habe ich das Wiedersehen mit Björnstadt und seinen Menschen sehr genossen und wer die ersten beiden Bände mochte, der wird sich auch auf die emotionale Achterbahnfahrt mit Die Gewinner machen wollen. 

Fredrik Backmann, Die Gewinner. Der Hörverlag 2023.

PS: Backman war das Thema Vergewaltigung wichtig, dazu hier noch das passende Zitat aus dem letzten Teil des Romans: 

“Parents always think they have to talk to their daughters about guys. We shouldn’t wear short skirts and shouldn’t go out alone and shouldn’t get drunk and shouldn’t let guys like us too much. But you don’t have to talk to us about guys because we already know all that, for fuck’s sake, because we’re the ones they rape!! Talk to your damn sons instead!!! Teach them to talk to one another and teach them to stop one another. Raise just one fucking boy somewhere who can become a head teacher who understands that when boys pull girls by the hair, it’s the fucking boys there’s something wrong with. Tell your sons that if they have to THINK about whether or not they’ve had sex with a girl who didn’t want it, then they HAVE!!! If you can’t understand if the girl you’re having sex with wants it or not, then you’ve never had fucking sex with a girl who wants it. Stop telling your daughters. We already know it all.”

 



Monday, August 10, 2026

Samuel Burr - Das größte Rätsel aller Zeiten

In Samuel Burrs Das größte Rätsel aller Zeiten versucht der 25jährige Clayton Stumper nach dem Tod seiner Pflegemutter Pippa herauszufinden, wer seine leiblichen Eltern sind. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er mit Pippa und einer besonderen Gruppe von Menschen, die sich die "Gemeinschaft der Rätselmacher" nennt. Die Gruppe wohnt in dem alten Herrenhaus Creighton Hall und verdient ihr Geld mit dem Erstellen von Rätseln, Puzzlen, Labyrinthen, etc. So ist es naheliegend, dass Pippa die Spur zu seiner Herkunft in verschachtelten Rätselherausforderungen legt. 
In einem parallen Erzählstrang folgen wir Pippa bei den Ereignissen von der Gründung der Gemeinschaft bis zu Claytons Ankunft in Creighton Hall als Baby in einer Hutschachtel. 
Auf der Proseite des Romans stehen die illustren, verschrobenen Charaktere, die der Autor zusammenwürfelt, um jede:r auf ihre/seine Weise zum Gelingen der Gemeinschaft und zu Claytons Erziehung beizutragen. Vielleicht kann man auch die durch den Roman verteilten Rätselfragen (im Audiobook natürlich nur eingeschränkt) positiv verbuchen, die sicher zum Miträtseln anregen. 
Leider haben mich die beiden Protagonisten der Erzählstränge nicht überzeugt, obwohl sie in ihrer Grundanlage durchaus Potenzial hatten. Clayton ist aufgrund des Aufwachsen unter den ältlichen Rätselmachern ein wenig aus der Welt gefallen, was soweit noch glaubhaft scheint, aber dass dies dazu führen soll, dass er sich der wesentlichen Emotionen (und seiner eigenen sexuellen Orientierung) im Alter von 25 nicht gewahr sein soll, ist nicht plausibel. Pippa startet als starke Persönlichkeit, die sich als Frau unter Männern durchsetzt und ihre Ideen und Träume gegen Widerstände umsetzt. Dann fällt ihr jedoch ein, dass sie doch noch ein Kind will, eigentlich auch einen Mann, aber auf gar keinen Fall kann sie überblicken, dass sie für Finanzielles kein Händchen hat, und führt die Gemeinschaft fast in den Ruin. Damit wird ihre angeblich so hohe Intelligenz und Durchsetzungkraft ad absurdum geführt und auch sie ist als Charakter im Wesentlichen unglaubhaft. Auch finde ich die Grundprämisse des Romans schwierig: Die Pflegemutter Claytons kennt seinen Hintergrund und kann ihm das ersehnte Wissen beschaffen, aber sie hält es vor ihm verborgen, um es dann in einem Rätselspiel posthum zu enthüllen? Das gibt der Botschaft der selbstgewählten Gemeinschaft für das Zusammenleben, die vielleicht sogar vorteilhafter sein kann als die genetische Familie, einen seltsamen, fast grausamen Beigeschmack in dem sonst aber ganz unterhaltsamen Roman.

Samuel Burr, Das größte Rätsel aller Zeiten. Dumont 2024. 

Thursday, August 06, 2026

Riley Sager - LAKE - Das Haus am dunklen Ufer

Bisher hatte ich nichts von Riley Sager gelesen. Vielleicht hätte mich jemand warnen sollen. Ich spoiler in dieser Rezension den gesamten Plot - wer das also unter Umständen noch lesen möchte, sei gewarnt.

In LAKE - Das Haus am dunklen Ufer geht es um die Schauspielerin Casey Fletcher, die nach dem Tod ihres Manns dem Alkoholismus verfallen ist und sich in ihr Haus am Lake Greene in Vermont zurückzieht. Wir haben es also mit einer höchst unzuverlässigen Erzählerin zu tun, die Sorte kann ich meistens nicht gut leiden, aber ich war bereit ihr eine Chance zu geben. Sie beobachtet in ihrem Rausch den See und das gegenüberliegende Haus (mit Glasfassade), in dem Katherine (Ex-Model) und Tom (Boss einer Tech-Firma) wohnen. Sie rettet Katherine vor dem Ertrinken, lernt sie ein bisschen kennen, beobachtet einen Streit zwischen dem Ehepaar, dann verschwindet Katherine spurlos. Achja, hatte ich erwähnt, dass zuvor schon andere Frauen in der Gegend verschwunden waren? Der Plot scheint also recht vorhersehbar. Aber. Und das Aber kam nach ungefähr zwei Dritteln des Romans. Casey enthüllt ihr Wissen über ihren verstorbenen Ehemann (Serienkiller) und ihre eigene Schuld (Mörderin besagten Ehemanns), womit viele der vorangegangenen Andeutungen völlig bedeutungslos werden, aber hinzu kommt auch noch die paranormale Besetzung des Körpers von Katherine durch besagten nicht-toten Ehemann. Ich hätte beinahe den e-reader an die Wand geworfen über soviel Bockmist. Ich habe nur noch zuende gelesen, um zu sehen, wie der Autor den Sch... zu einem plausiblen Ende bringen kann. Es gibt sogar irgendwie auch noch ein Happy End und sie findet aus ihrem Alkoholismus und wie durch Magie sind dann auch die Probleme mit ihrer Familie behoben, blablablas. Über die Sprache habe ich dabei noch gar nicht gesprochen. Puh. Schlimmes, schlimmes Buch. 

Riley Sager, LAKE - Das Haus am dunklen Ufer. dtv 2025.

Sunday, August 02, 2026

Martha Wells - Der Netzwerkeffekt

Martha Wells hat mit ihrem Roboter-Mensch-Hybriden einen ungewöhnlichen und interessanten Protagonisten geschaffen, der mich bereits in Tagebuch eines Killerbots angenehm überrascht hat. Während die ersten vier Teile eher Novellen als Romane darstellen und in einer deutschen Gesamtausgabe (#1-4) zusammengefasst sind, ist Der Netzwerkeffekt ein Roman mit einem komplexen Plot. Der Killerbot mit seinen hypersarkastischen und dennoch allzu menschlichen Sichtweisen und Emotionen (auch wenn er das nie zugeben würde) wird zusammen mit einem Menschen (noch dazu der minderjährigen Tochter seines Lieblingsmenschen) bei einem Angriff auf das Raumforschungsschiff, auf dem sie sich befinden, entführt. Sie erwachen auf einem anderen Raumschiff, das Killerbot seltsam vertraut vorkommt - denn er ist befreundet mit dem Steuerbot des Schiffes, doch der scheint ...tot... zu sein, denn er kann keine Signale von ihm empfangen. Stattdessen sind bizarr handelnde Alienmenschhybriden auf dem Schiff und machen Killerbot das Leben und vor allem dias Beschützen seines Menschen schwer. Dahinter verbirgt sich eine komplizierte Geschichte von Kolonien, Korporationsfirmen, Alienvirusbefall und vielem mehr. 
Der Netzwerkeffekt ist ein Rausch von Actionszenen, dem besonderen Humor von Killerbot, sensiblen Blicken auf Freundschaft unabhängig von Gender und "Rasse" und einem spannenden Rätsel, das Schicht für Schicht aufgedeckt wird. 
Ich gebe zu, der Anfang war ein verwirrendes Durcheinander, weil ich mich erst einmal wieder in Killerbots Narrativ einlesen musste und die Tech-Begriffe und die Namensgebung der Gegner generell gewöhnungsbedürftig sind, aber insgesamt halte ich die zahlreichen Preise, die der Roman erhalten kann, für gerechtfertigt. (Die da wären: Hugo Award for Best Novel 2021, Nebula Award for Best Novel 2020, Locus Award for Best SF Novel 2021 - beachtlich!)
Weiterhin klare Leseempfehlung für die Reihe. 

Martha Well, Der Netzwerkeffekt. Random House Audio 2021. 

Saturday, August 01, 2026

Ursula Knoll - Zucker

Ein weiterer Fall von "Popsugar Reading Challenge made me read this!" -  es sollte pop oder sugar im Titel vorkommen. :)
In Ursula Knolls Roman Zucker werden mehrere Frauenschicksale in einem Zeitrahmen von 1828 bis heute verwoben. Einige sind verwandt, einige erfahren voneinander, andere tragen nur den gleichen Vornamen. Alle haben entfernt etwas mit Zucker und der Zuckerproduktion zu tun. 

Die ehemalige Sklavin Mary Prince, eine historische Figur, veröffentlicht einen ersten Erfahrungsbericht über ihr Leben, das sie auch auf einer Zuckerrohrplantage auf Antigua verbrachte. Auch der Erzählstrang über die Zuckerfabrik in Hirm, Österreich, über die Familie Rothermann basiert auf realen Begebenheiten. Die Erfahrungen von Paula aus Wien und ihre Liebesbeziehung zu Frances aus London bekommen erst später einen Bezug zum Zucker, als Frances später als Journalistin über Zuckerrohrplantagen berichtet und Paula in einem Startup-Unternehmen arbeiten, das Zucker als Energielieferant in Batterien erforscht, während ihre Tochter Kaja für ein Schulreferat versucht, die Bedeutung des Zuckers in der Menschheitsgeschichte zu erfassen. 
Ich bin mir nicht sicher, ob letzteres auch das Bestreben der Autorin war, denn in vielen Episoden wird dem Zucker und seiner Produktion viel Raum gegeben. Parallel dazu sind die Protagonistinnen (es gibt nur eine Männerperspektive, die des Industriellen Reyer, dem ebenfalls eine Zuckerfabrik in Österreich gehörte) allesamt starke Persönlichkeiten, die sich in ihren historischen Kontexten durch ihr selbstbewusstes Verhalten hervortun. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob dies Zucker zu einem emanzipatorischen Roman macht, aber insgesamt bin ich mit nur wenigen der Charaktere warm geworden und auch die Geschichte des Zuckers hat mich nicht so sehr in den Bann gezogen. Sicher ist der Roman geschickt kostruiert mit den Querverweisen der einzelnen Perspektiven, aber begeistert hat mich das nicht. 

Ursula Knoll, Zucker.  Edition Atelier 2025. 

Tuesday, July 28, 2026

Jay Asher - Tote Mädchen lügen nicht

Jay Ashers Jugendroman  Tote Mädchen lügen nicht ist inzwischen fast 20 Jahre alt, dennoch hat er nichts an Dringlichkeit und Authenzität eingebüsst. 
Hannah Baker begeht mit Tabletten Selbstmord, nimmt aber zuvor Audiokassetten auf, die sie den Personen zukommen lässt, denen sie eine Teilschuld an ihrem Selbstmord gibt. Wir begleiten Clay, der in Hannah verliebt war, bei seinem Weg durch die Stadt, während er Hannahs Aufnahmen anhört. Dabei wird klar, dass es nicht ein großes, sondern viele kleine, teils miteinander verkettete Begebenheiten waren, die dazu führten, dass Hannah ihr Leben nicht mehr lebenswert fand. Dabei beschönigt sie nicht, nimmt auch
durchaus wahr, dass sie an manchen Stellen anders hätte handeln oder denken können. Erschreckend daran ist, dass die Ereignisse von einer Alltäglichkeit an einer Highschool oder auch an jeder beliebigen anderen Schule sind, so dass jede:r Ähnliches erlebt hat oder erlebt haben könnte. Jede:r könnte Hannah begegnet sein oder ihr noch begegnen, jede:r könnte teilhaben an dem, was geschicht, Falsches getan und Richtiges unterlassen haben. Darin liegt die eindringliche Botschaft des Romans und Jay Asher hat mit Clay einen guten Erzähler oder vielmehr Zuhörer gewählt, der Hannahs Botschaft zu mehr Empathie und Aufmerksamkeit anderen gegenübern noch verdeutlicht. 
Meines Erachtens hat der Roman zurecht vielfache Auszeichnungen in dem Bereich Jugendroman erhalten. 

Friday, July 24, 2026

Jean-Luc Bannalec - Bretonischer Glanz

Bretonischer Glanz ist nun schon der 15. Fall um Kommisar Dupin, leider merkt man ihm dies auch an. Diesmal wird in Roscoff gemordet und gegessen. Es geht um ein Krimifestival, eine Fährgesellschaft und die Roscoff-Zwiebeln. Dupin muss den Fall übernehmen, weil der zuständige Beamte vor Ort in den Ruhestand geht. Dennoch kennt er sich ein wenig aus, denn er kommt öfter mit seiner Frau Claire in den Ort. Der Plot überzeugt leider nicht: Zwar geht Dupin systematisch vor und führt ein Gespräch mit den Beteiligten nach dem anderen, immer wieder unterbrochen vom Klingeln des Telefons, wenn der nächste dramatische Zwischenfall/Mord geschieht. Dann setzt er wieder neu an mit den Gesprächen, kommt nicht weiter, der nächste Zwischenfall, ... Schließlich nimmt der Autor ihn mit Hilfe einer Holzlatte hinterrücks aus dem Rennen, so dass er mit einer Gehirnerschütterung im Hotelbett bleiben muss -  damit dann die Lösung des Falls Deus ex Machina aus dem Nachbarzimmer herüberkommen kann. Das konnte mich trotz einer gewissen Anhänglichkeit an Setting und Charaktere nicht überzeugen und war gelinde gesagt etwas langweilig. 

Jean-Luc Bannalec, Bretonischer GlanzKiepenheuer & Witsch 2026.

Thursday, July 23, 2026

E.M. Forster - A Room with a View

A Room with a View was first published in 1908 by English writer E. M. Forster. It deals with a young woman named Lucy who struggles with her place in the society of early 20th century England. 

The novel starts in Italy where Lucy and her cousin and chaperone Miss Charlotte are on a cultural vacation. They are disappointed because they didn't get A Room with a View as promised which leads to Mr Emerson and his son George giving up their rooms to them. They accept but only after having discussed in length if it is appropriate to do so. From this moment on "something is going on" between Lucy and George but of course this is not appropriate and many complications including an engagement to another (apparently wrong) young man, bathing naked and some kissing.
From today's point of view the whole thing is kind of boring as we watch Lucy trying to find her way out of an entanglement that her family or rather society has woven for her. Seen in its context the novel does a very good job to show the extreme contrast between how women at the time were supposed to behave and how they were expected to do and even think what men wanted them to and the slow awakening of Lucy's own mind as she starts to realize that she can have her own knowledge, opinions and at last the life she wants to lead. Of course she isn't really free or emancipated at the end of this novel but she gained new perspectives and some happiness in her life - even though it costs her the loss of some people in her life.

Wanda McCaddon’s narration makes this audiobook a pleasure to listen to and brings life to the story. 

 

 


Tuesday, July 21, 2026

Terry Pratchett - Der Club der unsichtbaren Gelehrten

Re-read als deutsches Audiobook im Juli 2026, ursprünglich gelesen Oktober 2010: An meiner Bewertung würde ich nichts ändern, das Audiobook wurde gekonnt gelesen von Volker Niederfahrenhorst. Es ist dennoch nicht der beste Pratchett. Hier meine damalige Einschätzung:

Mit der Scheibenwelt, also Pratchetts literarischer Welt, verhält es sich so, dass man sie entweder liebt oder grundsätzlich nicht versteht, warum man so einen Blödsinn lesen soll. Ich gehöre zur ersten Kategorie: Hexen, Trolle, die Wache, die Magier,... - das alles ist großartig und fantastisch in jeder Hinsicht. Pratchett schafft eine Welt, in der alles möglich ist, die aber der unseren ähnlich genug ist, um sie ironisch zu kommentieren und den Finger genau auf unsere eigenen bizarren Wirklichkeiten zu legen.
In "Unseen Academicals" geraten die Magier von Ankh-Morpork in den Zwang, Fußball spielen zu müssen, was eigentlich ein Spiel des Volkes ist, das brutal und nahezu regellos auf den Straßen der Stadt gespielt wird. Nun braucht es ein neues (teilweise schwachsinnig anmutendes) Regelwerk (nette Episode zur Abseits-Regel!) und vor allem eine Mannschaft. Pratchett kontrastiert die Welt der kleinen Leute, die kochen, Fußball spielen und die Kerzen in der Unsichtbaren Universität austauschen, mit der Welt der Magier und Reichen.
Zunächst: Es war ein Pratchett und die Charaktere waren liebevoll entwickelt und sprachlich war es im Original ein Genuss.
Die Geschichte gefiel mir aufgrund der Fußballthematik nicht besonders, auch entwickelte sich die Handlung eher langsam, laut lachen konnte ich dennoch, etwa ab dem letzten Drittel, ab da wurde es auch spannender. Wenn man den amazon-Rezensionen Glauben schenken kann, muss die deutsche Übersetzung jedoch katastrophal ausgefallen sein. Wer kann, lese also im Original.

Terry Pratchett, Der Club der unsichtbaren Gelehrten. Random House Audio 2022.

Sunday, July 05, 2026

Lars Kepler - Der Nachtgänger

Im zehnten Band der Reihe um Joona Linna kehrt das Autorenduo Lars Kepler (alias Alexander and Alexandra Coelho Ahndoril) in gewisserweise thematisch zum ersten Band Der Hypnotiseur zurück. Den Einstieg damals in die Reihe fand ich nicht ganz so gelungen, aber inzwischen ist einem Joona irgendwie ans Herz gewachsen, wie das bei manchen Krimireihen so ist, wobei diese zusätzlich auch noch ausgesprochen brutal ist. 
Da macht auch Der Nachtjäger keine Ausnahme: Diesmal werden die Opfer des Serientäters mit einer Axt brutal zerstückelt - nicht nur ein bisschen... Beim ersten Fall wird ein junger Mann verdächtigt, der am Tatort, einem Campingwagen, schläft und erst von den Polizisten geweckt werden muss. Nach einigem Hin und Her kann etabliert werden, dass er Schlafwandler ist (Originaltitel Sömngångaren) und wird fortan als Hauptzeuge betrachtet. Um seine Aussage zu bekommen, ist Erik Berg, der Hypnotiseur, zur Stelle und in mehreren Sessions kann der Zeuge tatsächlich Hinweise geben, wer der Täter ist. Es wird mit den verschiedenen Ebenen von Traum und Schlaferwandel-Erinnerung gespielt, vieles bleibt erklärlicherweise vage, und Joona folgt auch falschen Spuren, die den Täter aber immer mehr in die Enge treiben. Parallel verändert sich der Schlafwandler von einem unsympathischen Kotzbrocken zu einem verantwortungsvollen Menschen. 
Wenn man, wie ich, die sehr blutig-detailreichen Schilderungen der Zerstückelungen ausblendet, so bleibt eine Geschichte mit einem etwas erzwungenen psychologischen Hintergrund (Motiv), einem gewohnt temporeichen Fall mit fähigen Ermittlern (leider ohne Saga Bauer) und erneut einem überzogenen Showdown (Schneesturm). Muss man mögen. 😉 

Lars Kepler, Der Nachtjäger. Lübbe Audio 2025.

Saturday, July 04, 2026

Ryka Aoki - Das Licht ungewöhnlicher Sterne

Ryka Aokis Das Licht ungewöhnlicher Sterne widersetzt sich einer Genre-Einordnung, was für ein Mash-up! 
Da haben wir einmal die transgender Protagonistin Katrina, die dem Missbrauch und der Missachtung ihrer Familie entflieht, um Violinistin zu werden. Dann ist da die Geigenlehrerin Shizuka, die einen Pakt mit einem Dämon eingegangen ist und ihm sieben Seelen in Form von ihren von Ehrgeiz getriebenen Schüler:innen bringen muss. Und zu guter Letzt ist da eine Familie von Außerirdischen, die inkognito auf der Erde einen Donut-Laden betreiben, der Riesendonut auf dem Dach ist ihr Sternentor. Deren Kommandantin Lan ist sehr besorgt wegen der Endzeitseuche, die alle Zivilisationen kurz vor ihrem Untergang befällt. Hinzu kommen diverse Nebencharaktere. Zentrales Thema ist außerdem die Musik und ihre Wirkung, sowohl als Ausdruck des eigenen Selbst als auch in der Vermittlung von Emotionen für andere. Nebenbei lernt man mehr über Geigen und Gebäck als man dringend benötigt. Vieles an dem Plot ist bizarr, auch die Charaktere handeln oft nicht so, wie man es erwartet angesichts der unerklärlichen Geschehnisse um Dämonen und Außerirdische. Man passt sich an und nimmt es so hin. Einige der Passagen über die Wirkung der Geigenmusik sind langatmig, hier muss man schon viel Verständnis für die Musikerinnen mitbringen, die in ihrer eigenen Welt verhaftet sind. Auch die oft abrupten Perspektivwechel inmitten von Kapiteln sind gewöhnungsbedürftig. Ja, vermutlich hat Das Licht ungewöhnlicher Sterne einige Schwächen, aber andererseits ist es so anders, dass man darüber hinwegschauen mag, der wilden Geschichte folgt und den Charakteren nur das Beste wünscht. 

Ryka Aoki, Das Licht ungewöhnlicher Sterne. Heyne 2024.

Tuesday, June 30, 2026

Tess Gerritsen - Die Sommergäste

Nach dem Ende der Rizzoli und Isles Serie von Tess Gerritsen hat sie mit dem Martini-Club eine neue Reihe geschaffen. Mit Die Spionin legte sie bereits das Setting in eine beschauliche Kleinstadt in Maine namens Purity. Die Protagonisten sind eine Gruppe von Ex-CIA-Agent:innen, die als Nachbarn und Freunde regelmäßig Buchclub-Treffen abhalten, bei denen scheinbar aber mehr gegessen und getrunken als gelesen wird. Im zweiten Band sind es Die Sommergäste des touristischen Puritys, die in den Fokus der Gruppe geraten. Ein Mädchen verschwindet spurlos aus dem Sommerhaus am See seiner wohlhaben Familie. Die Spuren sind verwirrend und leiten sowohl den Martini-Club als auch die ermittelnde Polizeichefin in spe Jo Thibodeau auf diverse falsche Fährten, von denen die meisten etwas mit der offenkundig dunklen Vergangenheit der Familie zu tun haben. 

Die Sommergäste
wird aus verschiedenen Erzählperspektiven erzählt, nicht nur Maggie Bird als zentrales Mitglied des Martini-Clubs, sondern auch Jo aus ihrer polizeilichen Perspektive oder auch die Mutter des verschwundenen Mädchens kommen zu Wort. Dadurch wird stellenweise das Erzähltempo gebremst oder auch vorangetrieben, die Nebenschauplätze und falschen Fährten bekommen ihren Raum und schaffen eine spannende Atmosphäre, mehr als ich das im Vorgängerband wahrgenommen habe. Und auch wenn es humorvolle Szenen der pensionierten Agenten mit einer guten Portion Selbstzweifel im Wechsel mit strotzendem Selbstbewusstsein gibt, so hat der Fall doch eine bessere Dichte als Die Spionin. Inzwischen habe ich auch Sympathien für die Charaktere und die Atmosphäre des beschaulichen Purity entwickeln. Bald erscheint Band 3, vermutlich im August 2026. 

Tess Gerritsen, Die Sommergäste. DAV 2025.

 

Sunday, June 14, 2026

Ewald Arenz - Alte Sorten

Am gleichen Tag begonnen und ausgelesen: Ewald Arenz' Alte Sorten hat einen Lesesog ausgelöst. 
Die 17jährige Sally ist auf der Flucht vor ihren Eltern, den Therapien, der Schule, Regeln und eigentlich allen Erwachsenen. Mitten in einem Weinberg fragt Liss Sally um Hilfe, weil ihr Anhänger steckengeblieben ist und wieder an den Traktor gekoppelt werden muss. Sonst fragt sie erst einmal nichts, was Sally ungewollt beeindruckt und ja sagen lässt, als Liss ihr später einen Platz zum Schlafen auf ihrem Hof anbietet. Denn Liss sieht in dem Mädchen an Art Abbild von sich selbst, die sie sich immer falsch verstanden und gegängelt gefühlt hat in ihrem kleinen, engen Dorf.  
Sally bleibt und abwechselnd beobachten wir aus der Perpektive der einen die jeweils andere. Es gibt Gemeinsamkeiten, aber jede trägt an den Lasten ihrer persönlichen Vergangenheit und Gegenwart. Über Kartoffelernte und Birnenpflücken nähern die beiden sich mal zögernd, mal zornig an, um sich schließlich gegenseitig retten zu können. 
Es ist eine leise Geschichte, die Ewald Arenz da in schönen Worten vor uns ausbreitet, mit viel Achtung und Bewunderung für die Natur, das Wachsen, die Zeit und langsamer Heilung. Als Kritikpunkt bleibt, dass besonders die 17jährige in ihrer Ausdrucksweise klischeehaft wirkt, die Jugendsprache ist meiner Meinung nach nicht gut gelungen. Ihr werden eine Menge psychischer Probleme plus eine Form von Hochbegabung zugeschrieben, aber all das wird dann einfach ausgeklammert und hat scheinbar keinen Einfluss mehr auf die Geschehnisse. Das ist nicht sehr glaubwürdig, weniger wäre mehr gewesen. Auch in Liss' Geschichte ergeben sich Bruchstellen, denn eine durchaus selbstbewusste, eigenwillige Frau, als die sie geschildert wird, wäre kaum in der Beziehung zu einem gewalttätigen Ehemann geblieben, Hof und Kind hin oder her. Die Erklärung mit der wirtschaftlichen Abhängigkeit erscheint da dünn. Was zunächst wie eine Frauengeschichte wirkt, hat dann in der Schilderung eben jener Frauen Schwächen. Das kommt mir aus Zwei Leben schon bekannt vor. Dennoch habe ich Alte Sorten gern gelesen. 

Ewald Arenz, Alte Sorten. Dumont 2019.

Saturday, May 23, 2026

Charlotte McConaghy - Zugvögel

In Zugvögel (im Original Migration) erzählt Charlotte McConaghy vom Leben einer Frau in einer vom Klimawandel geprägten Zukunft. 
Für die Protagonistin und Ich-Erzählerin Franny sind das Meer und die Vögel von großer Wichtigkeit. Kaum verwunderlich, dass sie sich da in einen Ornithologen verliebt und ihn spontan heiratet. In verschiedenen Zeitebenen erfahren wir von ihrer bisherigen Lebensgeschichte: Ihrer Kindheit und Familie auf verschiedenen Kontinenten, ihrer Einsamkeit und Ruhelosigkeit, von ihrer Ehe, ihrer Beziehung zu den Küstenseeschwalben und dem Geheimnis eines Verbrechens, wegen dem sie im Gefängnis war. 
In der Gegenwart will sie den letzten Küstenseeschwalben folgen und schließt sich der bunten Crew eines der letzten Fischerboote namens 
Saghani an, die sie davon überzeugt, dass dort, wo die Vögel sind, auch Fische zu finden sind. In dieser düsteren Zukunft hat inzwischen das Massentiersterben begonnen, es gibt kaum noch Wildtiere auf der Welt. Die Gründe, warum Franny sich und auch die Crew der Saghani auf die wenig Erfolg versprechende Reise begeben, werden erst nach und nach durch die Zeitsprünge enthüllt. Während diese anfangs noch Spannung erzeugen, ist das Erzähltempo im letzten Teil eher zäh, das Finale ist zwar anrührend, aber auch antiklimaktisch, das tatsächliche Ende sogar enttäuschend. Bedrückend ist die Endgültigkeit des Massenaussterbens der Tierarten und die Apathie, mit der diese hingenommen wird, und auch die hochengagierten Tierschützer dieses Romans können nichts ausrichten. Trotz der Ich-Perspektive konnte ich mich in die Protagonistin wenig einfühlen, da waren mir zuviel Trauma, Verdrängung und Irrationalität. 
Insgesamt ist Zugvögel aber dennoch ein interessanter Roman, den ich nicht bereue gehört zu haben, gekonnt umgesetzt von Eva Meckbach.

Charlotte McConaghy, Zugvögel. Argon 2020.

Saturday, May 16, 2026

Leigh Bardugo - Das Lied der Krähen

Das Grisha-Universum von Leigh Bardugo habe ich mit Goldene Flammen bereits vor einigen Jahren betreten und war nicht überzeugt. Auch jetzt brachte mich wieder ein Popsugar Reading Challenge Prompt zu Das Lied der Krähen
Das Setting ist das an Amsterdam angelehnte Ketterdam, ein von Kanälen durchzogener und von verschiedenen Banden und Kaufmannsgilden beherrschter Moloch. Der "Meisterdieb" Kaz Brekker schart eine Bande von ungewöhnlichen Menschen um sich, um einen aberwitzigen Auftrag zu erfüllen, der ihnen allen unermesslichen Reichtum bringen soll. Ein gefährlicher Magier soll aus einem Gefängnis herausgeholt werden, dessen Forschung an einer Droge die Grishas, die magiebegabten Menschen dieser Welt, bedroht. 
Erzählt wird die Geschichte aus den Perspektiven der Six of Crows (so der Originaltitel), die alle ihre Päckchen zu tragen haben. Während die Handlung nur langsam voranschreitet, erfahren wir von den allesamt tragischen und bedrückenden Vergangenheiten der Protagonisten. Dadurch verändert sich auch die Perspektive auf die Gruppe und ihre Interaktion. Vor diesem emotionalen und atmosphärischen Background verschiebt sich die Geschichte des Einbruchs in und die Flucht aus dem Gefängnis immer wieder, denn in vielen Momenten wird die Loyalität der Einzelnen auf die Probe gestellt - natürlich entscheiden sie sich aber immer wieder für ihre Gemeinschaft, so widersprüchlich diese auch ist. Romantische Aspekte gibt es auch, aber zum Glück nicht so dick und "drastisch" ausgeführt wie in manch anderem Romantasy-Romanen, danke dafür.
Vieles an den Charakteren und ihrer nach und nach enthüllten Geschichten und an dem Worldbuilding hat mir Freude bereitet, die Story selbst erscheint mir aber doch sehr konstruiert und es ist nicht glaubhaft, dass der gewitzte Kaz und auch die anderen mit Intelligenz ausgestatteten der Gruppe wirklich annehmen könnten, dass es ein plausibler Auftrag ist. So wundert es mich auch nicht sehr, dass die Geschichte auch nicht zu einem tatsächlichen Ende geführt wird (okay, Duologie), aber es bleibt alles dermaßen in der Schwebe, als habe man nur einen halben Roman gelesen. Ob ich motiviert genug für Band 2 bin, weiß ich noch nicht.

Leigh Bardugo, Das Lied der Krähen. Audiobuch 2017.

Saturday, April 18, 2026

Lisa Jewell - Kein Hauch von Wahrheit

Lisa Jewells Thriller Kein Hauch von Wahrheit trägt seine Prämisse im Titel - den Aussagen der Protagonisten ist nicht zu trauen. Podcasterin Alix feiert in einem hippen Londoner Restaurant ihren 45. Geburtstag - genauso wie die eher unscheinbare Josie, die dort mit ihrem Ehemann zu Abend isst, der eher wie ihr Vater aussieht. Aus der Zufallsbegegnung mit dem "Geburtstagszwilling" entwickelt sich ein zutiefst düsteres Verwirrspiel von (un)wahren Erzählungen und Erfindungen, als Josie vorschlägt, Alix solle einen Podcast über sie und ihr Leben machen.  
Erzählt wird chronologisch, mal aus der Perspektive von Alix, mal aus der von Josie, durchbrochen aber durch vorweggenommene "Einblendungen" einer Netflix-Dokuserie, die auf der Basis ihrer Geschichte gedreht werden wird und die verschiedene Podcast-Aufnahmen anderer Personen einschließt. Das ist nicht so verwirrend, wie es klingt, denn eigentlich macht die Autorin durch bedeutungsschwangere Andeutung und Alix' "Bauchgefühl" von Anfang an klar, dass Josies Geschichte nicht die Wahrheit ist. Diese entwickelt eine Geschichte von ihrer eigenen Verführung als Minderjährige durch ihren jetzigen Ehemann, der sich auch an weiteren Mädchen und seiner eigenen Tochter vergriffen haben soll. Alix ist entsetzt über die Teilnahmslosigkeit, mit der Josie von diesen Taten berichtet, greift aber dem Podcast zuliebe nicht ein, sie tut nichts. Dabei erschleicht sich Josie immer mehr Zugang zu Alix' Leben, bis schließlich alles - wie geplant? - eskaliert. 

Ja, Kein Hauch von Wahrheit erzeugt eine gewisse voyeuristische Spannung. Man weiß, dass gruselige Dinge geschehen sind, geschehen werden, nur lässt die Autorin lange darauf warten. Beide Protagonistinnen sind unzuverlässige Erzählerinnen, man kann ihnen nicht trauen, man weiß, dies alles ist nicht die Wahrheit. Ja, es kommt zu einer Auflösung, einer Aufdeckung der Gräueltaten, aber dies bleibt zutiefst unbefriedigend, zumal die Schuldige entkommt und sogar noch das Schlusswort erhält. Die Themen Missbrauch von Minderjährigen, Gewalt in der Ehe und Alkoholismus sind präsent, werden aber unter den Teppich gekehrt. Die eine würde den Alkoholismus und die Unzuverlässigkeit des Gatten liebend in Kauf nehmen, wenn sie ihn wiederbekäme - der Missbrauch steht im Raum, aber niemand thematisiert, wie sehr alle Beteiligten (Mutter, Bekannte, Josie selbst, Alix...) wegschauen und untätig bleiben. 
Auf dem Cover der deutschen Ausgabe steht der Kommentar von Katherine Heiny (selbst Autorin): "So spannend, so klug, so einfühlsam." Dem kann ich nur widersprechen: Spannend vielleicht noch, wenngleich mir die Sicht der Voyeuristin, die sich an dem sich ankündigenden Drama ergötzt, in die ich als Leserin gedrängt wurde, nicht gefallen hat. Klug handelt keine der Protagonistinnen, ihr Verhalten ist sogar abstoßend naiv, - und in Bezug auf den Aufbau möchte ich auch nicht von klug sprechen, denn die meisten der Ereignisse sind schrecklich vorhersehbar bzw. werden vorher zaunpfahlwinkend vorbereitet. Einfühlsam? Was soll das in Bezug auf diese Charaktere heißen? Soll ich Verständnis aufbringen, mitfühlen für diese verantwortslos bzw. im Fall von Josie böse berechnend handelnden Frauen? Das kann ich nicht. Die Geschichte wirkt nach, das vielleicht schon, aber auf eine sehr bittere, dunkle Weise, die mir persönlich nicht gefällt.

Lisa Jewell, Kein Hauch von Wahrheit. Ronin 2025.

Saturday, April 04, 2026

Jennifer Egan - Der größere Teil der Welt

Selbst die Autorin Jennifer Egan war sich nicht sicher, ob sie Der größere Teil der Welt (Original: A Visit from the Goon Squadals Roman oder als Kurzgeschichtensammlung bezeichnen möchte. Tatsächlich besteht das 2011 mit dem Pulitzer Prize for Fiction ausgezeichnete Werk aus nur sehr lose miteinander verknüpften Episoden, die in mehreren Jahrzehnten spielen. Der häufigste Handlungsort ist NYC, die Charaktere stehen in unterschiedlichen Beziehungen zu Bennie und Sasha, die beide zu einem gewissen Zeitpunkt in der Musikindustrie tätig sind. Musik ist ein verbindendes Element, weitgehend in positivem Sinne, während den Charakteren gemein ist, dass sie ein eher selbstzerstörerisches und negatives Selbstbild haben. Drogen, berufliche Misserfolge und private Entfremdung von Freunden und Geliebten ziehen sich ebenfalls durch fast alle Geschichten. Bis auf wenige lichte Momente, in denen Hoffnung auf Besserung oder wahre Zuneigung aufblitzen, herrscht eher eine düstere, bedrückende Atmosphäre und Lebenseinstellung. Bei allem Geschick für das Zeichnen der sehr abwechslungsreichen und interessanten Charaktere und den unterschiedlichen Erzählstilen (bis hin zu einem Kapitel, das als Powerpoint Präsentation angelegt ist) drückt einen die Perspektivlosigkeit zuweilen nieder. Alle, die schön, jung und erfolgreich waren, werden durch das Vergehen der Zeit zu blassen, deprimierenden, wenig begehrenswerten Wesen. Das ist eine Sichtweise auf das Älter- und Altwerden, die niederschmetternd ist, die aber zum Zeitalter von "Social Media Fakeness" und der Besessenheit, weiter jung auszusehen, koste es was es wolle, passt. Damit zeichnet Egan wahrscheinlich ein allzu treffendes gesellschaftliches Bild - und das schon 2011. 

Jennifer Egan, Der größere Teil der Welt. Schöffling 2013. 

Friday, April 03, 2026

Simon Beckett - Knochenkälte

In Knochenkälte von Simon Beckett verschlägt es den forensisches Anthropologen David Hunter in einem Schneesturm und bei ausgefallenem Navi ungeplant in ein walisisches Kaff. Ein bisschen konstruiert ist es schon, dass nicht nur die einzige Zugangsstraße weggeschwemmt wird, sondern auch noch mangels Strom sämtliche Telefonverbindungen ausfallen. Hunter sitzt fest, landet in einem gruseligen alten Hotel, wo ihn die Besitzer nur widerwillig aufnehmen. Überhaupt ist die Atmosphäre in dem Dorf latent aggressiv, untereinander und auch gegenüber dem fremden Hunter. Auf der Suche nach einem Telefonsignal wandert er am nächsten Tag in den Wald und findet - natürlich - menschliche Überreste. Von da an entwickeln sich die Ereignisse dynamisch, die verfeindeten Dorfbewohner scheinen an keinerlei Gesetz und stattdessen an Selbstjustiz zu glauben, so dass nicht nur Hunter um sein Leben fürchten muss. 
Erwartet man in Knochenkälte einen sauberen Kriminalfall mit Ermittlungen, so wird man zwangsläufig enttäuscht. Hier sind das Wetter, Zufälle und marodierende Dorfbewohner die Handlungstreiber, bei denen Hunter nur sein Bestes tut, um den Kopf über Wasser zu halten und maximalen Schaden abzuwenden, damit eine gerechte Aufklärung möglich bleibt. Dennoch entstehen allerhand spannende Momente, in denen Hunter an seine physischen und zum Teil auch moralischen Grenzen kommt. Die Schilderung der düsteren, schneeumtosten Wälder und der dort verborgenen Geheimnisse haben mich durchaus gefesselt. Als Kritikpunkt bleibt, dass die Zusammenhänge am Ende dann durch detaillierte Geständnisse aufgeklärt werden, so dass einiges schon viel früher hätte bekannt sein können. Das ist eine erzählerische Krücke, die mir nicht sonderlich gefallen hat. Erzählstil und der Protagonist sind aber gewohnt überzeugend, weswegen die Reihe auch nach diesem siebten Band nach wie vor zu meinen Favoriten zählt. 

Simon Beckett,  Knochenkälte. Argon 2026.

Wednesday, April 01, 2026

Kelly Mullen - Die Einladung

Kelly Mullens Die Einladung bedient sich eines klassischen Krimisettings: Eine Gruppe von Leuten mit unterschiedlichsten Lebensgeschichten und Hintergründen verschlägt es an einen abgeschiedenen Ort und ein Mord geschieht - einer von ihnen muss der Täter sein. 
Anlass für die Versammlung ist die Einladung von Jane Ireland, die in einem Herrenhaus auf Mackinac Island, Michigan, lebt. Viele der Gäste sind Opfer von miesen Erpressungsschreiben und deswegen dort. Unter ihnen auch die 76jährige Rosemary "Mimi" McLane, die vorsichtshalber ihre Enkelin Addie mitbringt. Diese ist Krimiexpertin und Entwicklerin von Onlinespielen für eben dieses Genre. Natürlich zieht auch der passende Schneesturm auf, der die Gäste im Herrenhaus einschließt. Die Gastgeberin erwischt es als erstes und so beginnen die Befragungen... 
Um es kurz zu machen: Prinzipiell ist nichts grundlegend verkehrt an Die Einladung. Die Protagonistinnen sind nicht uninteressant und haben auch privat noch einige Reibungspunkte, die ihre Dialoge und Interaktionen bereichern. Auch die übrigen Charaktere sind bunt gemischt, es gibt geheime Räume und Beweise, die nach und nach entdeckt werden, die Aussagen und Hinweise, die man mit Mimi und Addie zusammen aufdeckt, bauen aufeinander auf. Vielleicht ist das alles zu glatt konstruiert, vielleicht hat man es auch schon zu oft so gelesen, obwohl die Protagonistinnen selbst damit spielen und sich darüber lustig machen, dass das alles wie aus einem Agatha Christie Roman zu sein scheint. Jedenfalls sprang bei mir kein Funke über, entwickelte ich kein echtes Interesse an dem Fall und im Grunde war es mir egal, wie es ausging. Natürlich gut, das war von Anfang an gesetzt. Auch die privaten Probleme und Unstimmigkeiten werden ideal aufgelöst. Tatsächlich hätte dies auch tatasächlich ein Krimicomputerspiel sein können, die Pfade vorgegeben, man muss sich nur hindurchklicken, um ans vorhersehbare Ende zu kommen. Zurück bleibt der Gedanke, dass es an vielen Stellen einfach "besser" und spannender hätte sein können. 

Achja: Popsugar made me read this - 
A book set in Michigan or written by an author from Michigan.

Kelly Mullen, Die Einladung. Mord nur für geladene Gäste. Argon 2025.

Monday, March 30, 2026

Ashley Audrain - Der Verdacht

Ashley Audrains Roman Der Verdacht ist eine dunkle Geschichte. Als Psychothriller würde ich es nicht bezeichnen, auch wenn es so gelabelt wird. Der Originaltitel The Push fokussiert auf das schwer zu ertragende dramatischste Moment des Romans, aber dazu später. 

Blythe ist Tochter und Enkelin zweier disfunktionaler Mütter, beide  sind (vermutlich) psychisch krank, vom Leben enttäuscht, und entscheiden sich dagegen, für ihre jeweilige Tochter da zu sein. Liebesentzug und sogar klare Vernachlässigung bestimmen diese Kindheiten. Das alles will Blythe überwinden und sie freut sich maßlos auf ihr erstes Kind. Doch als es zur Welt kommt, fühlt sich das nicht richtig an. Als extrem subjektive Erzählerin kann man ihr nicht so recht trauen, was zuerst da war - ihre eigene, vielleicht durch postnatale Depression ausgelöste Ablehnung der Tochter, oder das schwierig zu deutende Verhalten derselben. Kann ein Kleinkind so planend agieren? Die Mutter ablehnen und destruktives Verhalten zeigen und beim Auftritt des Vaters komplett anders zu agieren? Ist Blythe Wahrnehmung realistisch oder geprägt von eigenen Ängsten und familiären Traumata? Wächst da ein zweigesichtiges Monster in ihrer Familie auf? 
Feststeht, Blythe ist in der Lage zu lieben, denn sie erlebt kurzes Mutterglück bei ihrem zweiten Kind, bis dieses im Kinderwagen an einer Ampel in den vorbeifahrenden Verkehr rollt und stirbt. Hatte ihre Tochter zuvor ihre Hand am Griff des Kinderwagens? War es wirklich ein Unfall? Blythe zweifelt an sich und an der Tochter, der Mann sucht sich stillschweigend eine neue Frau und einen neuen Sohn für seine Traumfamilie. 
Interessant an Der Verdacht ist die Vielschichtigkeit. Blythe ist eine subjektive, vermutlich auch eine unzuverlässige Erzählerin. Sie zweifelt an sich selbst, ist sich dann wieder sicher über das Böse (oder das Gute) in ihrer Tochter, trifft zweifelhafte Entscheidungen, belügt sich selbst, verweigert professionelle Hilfe, kommuniziert miserabel und vieles mehr. An manchen Stellen kann man entnervt sein darüber, aber es ist auch eine umfassende Darstellung der Komplexität und der allgegenwärtigen Selbstzweifel über die Identität als Mutter und Frau. 

Ashley Audrain, Der Verdacht. Penguin 2021.