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Wednesday, August 19, 2026

Fredrik Backmann - Die Gewinner

Wir kehren im dritten Band Die Gewinner von Fredrik Backman zurück nach Björnstadt. Nach die Kleine Stadt der großen Träume und Wir gegen euch ist dies der dritte Band um die kleine Eishockeystadt in den Wäldern Schwedens. Es wird angeknüpft an die Charaktere und Ereignisse der beiden Vorgänger und eine Beerdigung bringt alle wieder in Björnstadt zusammen. Während in den ersten Kapiteln mit einem Sturm ein ereignisreicher Anfang geschaffen wird, nimmt der allwissende und wieder etwas von oben herab sprechende Erzähler sich danach sehr viel Zeit, die Ereignisse, von denen er selbstverständlich schon alles weiß, nach und nach vor uns auszubreiten. 
Die Zutaten des Romans sind dieselben wie zuvor, und das sind nicht wenige: die rivalisierenden Vereine, die Bedeutung eines Sports als Symbol der Zusammengehörigkeit und Gemeinschaft, Korruption und Gemauschel, der Ehrgeiz, dies aufzudecken, um für sich (oder den favorisierten Verein) Vorteile zu schaffen bzw. das Überleben zu sichern, Freundschaften und - mit zunehmend größerer Bedeutung - die Übergriffe und Vergewaltigungen von jungen Männern auf die jungen Frauen des Romans. Die Vergewaltigung war die Katastrophe im ersten Band, aber das Opfer geht dank intensiver Unterstützung durch die Familie trotz großer Schwierigkeiten und weiterem Mobbing mit gewisser Gerechtigkeit aus der Situation hervor, obwohl sie nicht völlig heil ist und vermutlich niemals sein kann. Dieses Glück einer Chance auf Gerechtigkeit wird nicht allen zuteil und dies nutzt Backman als Triebfeder für die Katastrophe von Die Gewinner. Alle Charaktere des Romans haben Fehler in ihrem Leben gemacht, wir sehen ihnen zu, wie sie neue Fehler machen und auch die alten bereuen. Können Fehler wieder gut gemacht werden? Kann man Ausgleich schaffen für das Schlechte, was man getan hat? Wie vergibt man, wie wird einem vergeben? Und wie entsteht Hass und Zerstörungswut, wie Zusammengehörigkeit und Loyalität? Backman beleuchtet diese Themen in und an seinen Charakteren, facettenreich, meistens interessant und emotional angreifend, nur manchmal etwas langatmig. In dem Bemühen, allen Charakteren den Raum und den Ab- und Anschluss zu geben, den sie verdienen, verliert sich die Geschichte manchmal im Kleinen, wird auch in Details kitschig oder zu symbolträchtig. Man gönnt es diesen besonderen Menschen, dass ihre Geschichte erzählt wird, aber die Stringenz des Plots leidet darunter. Dennoch habe ich das Wiedersehen mit Björnstadt und seinen Menschen sehr genossen und wer die ersten beiden Bände mochte, der wird sich auch auf die emotionale Achterbahnfahrt mit Die Gewinner machen wollen. 

Fredrik Backmann, Die Gewinner. Der Hörverlag 2023.

PS: Backman war das Thema Vergewaltigung wichtig, dazu hier noch das passende Zitat aus dem letzten Teil des Romans: 

“Parents always think they have to talk to their daughters about guys. We shouldn’t wear short skirts and shouldn’t go out alone and shouldn’t get drunk and shouldn’t let guys like us too much. But you don’t have to talk to us about guys because we already know all that, for fuck’s sake, because we’re the ones they rape!! Talk to your damn sons instead!!! Teach them to talk to one another and teach them to stop one another. Raise just one fucking boy somewhere who can become a head teacher who understands that when boys pull girls by the hair, it’s the fucking boys there’s something wrong with. Tell your sons that if they have to THINK about whether or not they’ve had sex with a girl who didn’t want it, then they HAVE!!! If you can’t understand if the girl you’re having sex with wants it or not, then you’ve never had fucking sex with a girl who wants it. Stop telling your daughters. We already know it all.”

 



Monday, August 16, 2021

Fredrik Backman - Wir gegen euch

Wir gegen euch ist die Fortsetzung von Kleine Stadt der großen Träume von Fredrik Backman. Der Skandal um eine Vergewaltigung hat in der Kleinstadt Björnstadt große Wellen geschlagen und beeinflusst noch immer das Leben vieler Menschen. Gleichzeitig ist der
Björnstädter Eishockeyclub in Gefahr, es droht die Insolvenz. Wie auch schon in seinem Vorgänger, wird uns die Geschichte von einem allwissenden Erzähler präsentiert, der schnell zwischen den einzelnen Charakteren hin- und herspringt und den Eindruck vermittelt, den Ausgang der Geschichte und das Schicksal aller Personen zu kennen, dennoch erzählt er chronologisch. Der Ton ist ein wenig dramatischer und ernster, die Zusammenhänge komplexer. Trotz vieler Tiefschläge entwickeln sich die Handlungsstränge aber schlussendlich zum Positiven,
Björnstadt und seine Menschen haben doch noch eine Chance.
Insgesamt hat mir auch dieser Roman von Fredrik Backman gut gefallen, phasenweise fand ich ihn aber etwas langsatmiger als
Kleine Stadt der großen Träume. 

 Fredrik Backman, Wir gegen euch. Argon 2019.

Thursday, July 11, 2019

Fredrik Backman - Alles, was mein kleiner Sohn über die Welt wissen muss

Fredrik Backman schreibt in Alles, was mein kleiner Sohn über die Welt wissen muss in kleinen Episoden über die Dinge, die ihn als Vater bewegen. Dabei mischen sich verschiedene Dinge: Es gibt kleine lustige Anekdoten über Situationen, in denen er die falschen Dinge gesagt oder getan hat und durch die er in Schwierigkeiten gekommen ist. Er erzählt ungewöhnliche/unkonventionelle Märchen, in denen er versucht, seinem Sohn wichtige Lebensbotschaften zu vermitteln. Er spricht über seine Gefühle und gibt seiner Dankbarkeit Ausdruck die Liebe und Fürsorge seiner Frau zu haben. Er spricht über die Widersprüche, die die Erziehungsaufgabe mit sich bringt. In all diesen kleinen Texten ist der für Backman typische Humor und sprachliche Witz wiederzufinden - ob seine Botschaften an den Sohn für den Leser nur unterhaltsam oder gewichtiger sind, hängt wohl davon ab, ob man selbst Kinder hat.

Fredrik Backman, Alles, was mein kleiner Sohn über die Welt wissen muss. Fischer, Frankfurt a.M. 2017.

Thursday, March 21, 2019

Fredrik Backman - Kleine Stadt der großen Träume

Nach den Romanen um mehr oder weniger verqueren Charakteren wie Ove, Britt-Marie oder Elsa und ihrer Oma schlägt Fredrik Backman in Kleine Stadt der großen Träume einen anderen Ton an. Zwar hatten auch die übrigen Romane stets ernste Töne, doch in dem kleinen Ort Björnstadt wittert man die Schwierigkeiten von der ersten Minute. Zumal auch der Autor von Anfang an nicht damit hinterm Berg hält, dass dramatische Ereignisse anstehen.
Eishockey soll Björnstadt retten: Die Junioren-Mannschaft ist erfolgreich und hat Chancen auf einen Sieg, die Sponsoren hoffen auf ein neues Leistungszentrum, neue Arbeitsplätze und Aufmerksamkeit für die Kleinstadt, die im Grunde seit Jahren im Sterben liegt. Beeindruckend facettenreich sind die Charaktere die Backmann in dem Eishockey-Team und in seiner Umgebung erschafft, sie sind glaubhaft, er gibt ihnen Tiefe und einen Background. Das bedeutet nicht, dass sie alle gut und ehrlich sind, vor allem wissen sie nicht immer, was das Richtige ist. Sie alle handeln in einem komplexen System und stehen unter großem Druck, denn diese Jugendlichen sollen die Zukunft aller in Björnstadt retten. Das kann nicht gutgehen.
Mit raschen Perspektivwechseln und Einschüben eines allwissenden (und leicht moralisierenden) Erzählers entwickelt Backman nach und nach eine hoch emotionale Geschichte, die allen Charakteren viel abverlangt. Viele von ihnen lässt er auf unterschiedlichste Weise daran wachsen und aus festgefahrenen Lebenssituationen entkommen, so dass aus der Katastrophe schließlich neue Chancen entstehen. Das ist sowohl vom Plot her als auch sprachlich beeindruckend.
Eine Begeisterung fürs Eishockey konnte der Roman nicht bei mir wecken, lässt mich aber mit einer noch höheren Meinung von diesem sympathischen schwedischen Autor zurück.

Fredrik Backman, Kleine Stadt der großen Träume. Fischer, Berlin 2017.

Friday, December 14, 2018

Fredrik Backman - Britt-Marie war hier

Britt-Marie war hier ist nach Ein Mann namens Ove und Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid der dritte Roman des schwedischen Schriftstellers Fredrik Backman. Ersterer brachte Backman internationalen Erfolg ein und wurde inzwischen verfilmt.

In Britt-Marie war hier ist die Protagonistin zunächst nicht sonderlich sympathisch - das kennen wir schon von Ove. Bei Britt-Marie muss alles korrekt und sauber sein, so wie es der Anstand vorschreibt. Das zwingt sie in ein alltäglich Korsett, dass mehr von Zwängen geprägt ist als von Selbstbestimmung. Und doch sehen wir dieser Frau zu, wie sie eine Mitarbeiterin des Arbeitsamtes dazu bringt, sich für sie eine abstruse Stelle in einem abgelegenen Dorf namens Borg auszudenken - nur um sie loszuwerden! Nachdem sie herausgefunden hat, dass ihr Mann, um den sich ihr Leben drehte, sie betrogen hat, willl Britt-Marie einen Neuanfang - und Himmel in was für eine schräge Szenerie ist sie da geraten. In Borg wimmelt es von skurrilen Charakteren, alle mit Macke, alle durch die ein oder andere Katastrophe geprägt. Aber da gibt es noch ein paar Kinder - und die wollen an einem Fußballturnier teilnehmen. Ehe sie sich versieht, hat sich Britt-Marie bereit erklärt, sie zu trainieren - obwohl sie absolut und gar keine Ahnung von Fußball hat.
Einmal mehr punktet Backman in Britt-Marie war hier mit liebenswerten und ungewöhnlichen Charakteren. Die Protagonistin muss sich aus ihrer Lebenskrise herausarbeiten, obwohl man eigentlich fürchten muss, dass sie dazu gar nicht die Stärke oder die Mittel hat, aber hier zeigt sich die Lösung - ähnlich wie auch in Ein Mann namens Ove - in den Beziehungen zu anderen Mitmenschen. Erstmals findet Britt-Marie Freundschaft und Zuneigung bei Menschen, bei denen sie dies nicht erwartet hat. Dafür muss sie sich aus ihrer Komfortzone bewegen, muss Wagnisse eingehen.
“You have to understand that when one is just standing there looking, then just for a second one is ready to jump. If one does it, one dares to do it. But if one waits, it’ll never happen.” 
Was ich besonders sympathisch an den Geschichte Fredrik Backmans finde, ist die Tatsache, dass er Charaktere schafft, die auf den ersten Blick alltäglich, langweilig oder sogar nervig wirken. So jemanden kennt jeder, die penible Nachbarin, der unfreundliche alte Herr von gegenüber, die nervige Pedantin bei der Arbeit. Nach und nach verschiebt sich in der Erzählung Backmans dann die Perspektive, Kleinigkeiten aus der Geschichte dieser Menschen werden preisgegeben, es zeigen sich Menschlichkeiten und kleine Gesten, die diese plötzlich sympathischer wirken lassen. Bis man sich schließlich wünscht, man könnte diese Figur persönlich kennenlernen. Dabei schlägt der Autor stets einen heiteren, humorvollen Ton an, man lacht an manchen Stellen und freut sich an anderen, so dass die traurigen Töne seiner Geschichten erträglich bleiben und mehr Hoffnung und Mut bleibt als Niedergeschlagenheit.

Fredrik Backman, Britt-Marie war hier. Argon Verlag 2016.

Tuesday, April 12, 2016

Fredrik Backman - Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid


Nachdem Ein Mann namens Ove die Bestsellerlisten anführte und zurzeit die Verfilmung in den deutschen Kinos läuft, lässt auch der Erfolg für Frederik Backmans zweiten Roman (in Schweden 2013 erschienen) nicht auf sich warten.
Elsas Oma ist herrlich schräg, vergöttert ihre fast achtjährige Enkelin und erzählt ihr Märchen aus fremden Welten in ihrer Geheimsprache. Doch Oma hat auch Krebs, und als sie stirbt, hinterlässt sie Elsa eine Art Schnitzeljagd in Briefen. Das Mädchen stellt die Briefe ihren Empfängern zu: "Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid..."
Zu einem großen Teil sind die Empfänger Nachbarn aus dem Haus, in dem Elsa, ihre Mutter und auch die Oma leb(t)en und Elsa erfährt so nach und nach neue Geschichten aus dem Leben der Großmutter und stellt Zusammenhänge zwischen den Schicksalen all dieser Menschen her.

Der Roman schlägt einen bewusst heiteren Ton an, der der Erlebenswelt eines siebenjährigen Kindes entsprechen soll, allerdings eines Kindes, das extrem schlau ist für sein Alter - das stellt der Autor gleich zu Beginn des Buches klar. Die Verhaltensweisen der Erwachsenen, ihre Ängste, Vorurteile und Schutzhaltungen durchschaut Elsa mit klarem Verstand und durch die Märchen ihrer Oma, die, wie sich bald herausstellt, Spiegelungen des Lebens und der Geschichte der Hausbewohner sind. Durch die Briefe lernt nicht nur Elsa, die Wirklichkeit der Menschen um sie herum zu erkennen, sondern auch die Freunde und Bekannten der Großmutter müssen über alte Verletzungen, Ängste und ihre Wut nachdenken, wenn sie Elsa über ihre Oma und ihre Beziehung zu ihr berichten.
Die genaue Beobachtungsgabe und die gleichzeitige kindliche Sicht auf die Welt führen oft zu komischen Gedanken- und Satzkonstruktionen, die einen laut auflachen lassen. Gleichzeitig sind die Botschaften, die moralischen Erkenntnisse der Märchen sozusagen, bestechend klar und brechen eine Lanze für schwierige Menschen, die entweder durch ihre seelischen Verletzungen oder durch ihre überbordende Lebensfreude und ihren energischen Lebenswillen anders sind als andere.
"Only different people change the world,” Granny used to say. “No one normal has ever changed a crapping thing."
Ein lustiges und weises Buch, leichtfüßig und dennoch mit Gewicht - man wünscht sich am Ende, Elsas Oma persönlich gekannt zu haben und Elsa viel Glück im Leben!

Fredrik Backman, Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid. Argon Hörbuch 2015. 

Friday, February 13, 2015

Fredrik Backman - Ein Mann namens Ove


Ein Mann namens Ove tut dieses oder jenes - so beginnt fast jedes Kapitel von Frederik Backmanns Roman. Und in dem folgenden Kapitel tut Ove eben auch genau das. Der Autor hat eine ungewöhnliche Art, einigen seiner Figuren keinen wirklichen Namen zuzugestehen, ein "weißes Hemd" tut dieses, ein "Mann mit einem runden Kopf" macht jenes. Die Katze ist immer nur "die Katze" und Ove ist immer "ein Mann namens Ove".
Hinter diesem sprachlich dadurch etwas kantigen Gebilde findet sich eine anrührende Geschichte, vom Miteinander, von Gemeinschaft und vom Gebrauchtwerden. Während wir mitverfolgen, wie Ove - Entschuldigung, ein Mann namens Ove! - seinen täglichen Routinen nachgeht und dabei maximal unfreundlich und unflexibel und prinzipientreu seinen Mitmenschen gegenüber erscheint, erfahren wir in Rückblenden seine Geschichte. Sein Leben ist eine Aneinanderreihung von Verlusten, die Mutter, der Vater, sein ungeborenes Kind, der Glaube an die Gerechtigkeit und zu guter Letzt auch noch der Verlust seiner Frau, die ihn den Meinungen aller anderen zum Trotz aufrichtig liebte. Als ihm an seinem Arbeitsplatz auch noch gekündigt und der letzte Sinn aus seinem Leben hinfällig wird, ist für Ove klar, dass es nun genug ist und er plant seinen Selbstmord, um seiner Frau nachzufolgen. Doch der Zufall in Form seiner exotischen Nachbarn verhindert dies immer und immer wieder, obwohl Ove es immer wieder neu plant und versucht. Oder ist es nicht nur Zufall? Geschickt verstrickt ihn seine Nachbarin - eine schwangere Ausländerin namens Parvaneh - in immer neue Aufgaben, bringt die herumstreunende Katze bei ihm unter und lässt einfach nicht locker. Trotz seiner Muffeligkeit und oftmals fluchend geäußerten Ablehnung allen Neuens wächst einem der alte Mann mit dem starken Gerechtigkeitssinn und der tiefverwurzelten Hilfsbereitsschaft (weil man das eben so macht oder weil seine Frau das von ihm erwarten würde) schnell ans Herz. Da ist doch noch Sinn in seinem Leben, er ist von Nutzen für seine Mitmenschen und er wird gebraucht. 
Ein durchaus bemerkenswertes und angenehm "anderes" Buch, sowohl sprachlich als auch erzählerisch. Und über das Thema des Altwerdens und der Verluste in einer immer oberflächlicher erscheinenenden Welt kann man sicher auch noch ein bisschen länger nachdenken. 

 Frederik Backmann, Ein Mann namens Ove. Argon 2014.