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Saturday, August 08, 2026

M.L. Stedman - Ein weites Leben

Nach Das Licht zwischen den Meeren (The Light Between Oceans, 2012) ist Ein weites Leben (A Far-Flung Life, 2026) M.L. Stedmans
zweiter Roman. Auch dieser spielt in Australien, auf einer Schaffarm im Westen Australiens. Er erzählt vom Schicksal der Familie MacBride, beginnend mit dem fürchterlichen Moment 1958, als der Vater mit seinen zwei Söhnen im Jeep einen durch ein Känguru verursachten Unfall erleidet. Nur der jüngere Sohn Matthew überlebt, allerdings mit schweren Folgen, die längere Therapie benötigen. Doch dies ist nicht der einzige schwere Schicksalsschlag, den die Familie erleidet. Die Tochter Rosie sieht nach der Geburt ihres unehelichen Sohnes keinen Ausweg und springt mit dem Kind in einen Minenschacht. Doch das Baby überlebt und ist Belastung und Hoffnung der Familie zugleich. 
Allein dies würde in anderen Romanen bereits völlig für einen Plot ausreichen, doch Stedman mutet den MacBrides und den Nebencharakteren noch einiges mehr zu. So erstreckt sich die Erzählung mit einigen Sprüngen bis in die 2000er Jahre und endet mit positiven Aussichten und einem versöhnlichen Ende. 
Es ist eine lange und zum Teil emotional belastende Reise, zu der man in Ein weites Leben aufbricht. Das Schicksal, aber auch menschliches Versagen, Unachtsamkeit und hohe Emotionalität treffen hier schonungslos, aber auch aufrichtig aufeinander. Zeitgleich erleben wir die Historie des australischen Hinterlands authentisch mit, Flora, Fauna und Menschen, was für mich ein interessanter Nebenaspekt war. Einige der Tiefschläge für die MacBrides sieht man kommen und denkt sich „nicht das auch noch“, aber interessant ist dennoch, wie die Autorin ihre Protagonisten darüber hinauswachsen lässt. Nicht immer sofort und offensichtlich, aber die Botschaft tritt deutlich hervor: Auch wenn die Katastrophe übermächtig erscheint, so lohnt es immer, daran zu glauben, dass das Leben weiter lebenswert bleibt und auch wieder Gutes geschehen wird. Trotz der unvermeidlichen Längen, die dieser Roman mit sich bringt, allein wegen der Zeitspanne, den er umfasst, hat mir auch diese zweite Geschichte von Stedman sehr gut gefallen.  

M.L. Stedman, Ein weites Leben. Random House Audio 2026.

Sunday, July 12, 2026

Charlotte McConaghy - Die Rettung

Nach Zugvögel erhält auch der neue Roman von Charlotte McConaghy einige Aufmerksamkeit. Die Rettung (besser im Original Wild Dark Shore) spielt auf einer verlassenen Insel zwischen Australien und der Antarktis namens Shearwater. In der von der Autorin geschaffenen dystopischen Welt, die unter den Folgen des Klimawandels leidet, hat man dort einen Bunker mit Pflanzensamen angelegt. Da das Wasser zunehmend steigt, ist dieser nicht mehr sicher und das dazugehörige Forscherteam ist bis auf Dominic Salt und seine drei Kinder bereits abgereist. Dominic fällt die Aufgabe zu, die Samen noch zu verpacken, bis auch seine Familie in Kürze abreisen soll. In einer Sturmnacht wird dann eine Frau angespült, schwer verletzt, ihr Boot inklusive Bootsführer haben den Sturm nicht überlebt. Die Familie in ihrem Leuchtturm nehmen sie auf, aber alle misstrauen einander. Was will die Frau, Rowan, auf Sheerwater? Wer ist sie? Was verschweigt Dominic? Welche Geheimnisse haben die Kinder vor ihrem Vater? Hinzu kommen noch zwei Personen, die das Geschehen beeinflussen, ohne anwesend zu sein: Der Geist von Dominics Frau und Hank, Rowans Ehemann.

Ähnlich wie in Zugvögel habe ich nach dem Beenden des Romans das Gefühl, die Autorin wollte zuviel. Das Setting auf der wunderschönen, von bezaubernden Tieren wie Albatrossen und Seelöwen bevölkerten Insel ist atemberaubend. Dazu der Leuchtturm, interessant charakterisierte Kinder, die ihre eigenen Forscherwege gehen, vor dem Hintergrund einer zutiefst misshandelten Umwelt. Nun gut, der unkommunikative Dominic, der mit seiner toten Frau spricht, hat schon von Beginn an etwas hölzern Klischeehaftes. Rowan kämpft mit ihren eigenen Dämonen ihrer Kindheitstraumata und dem Verlust ihres Hauses an einen Buschbrand, auch nicht gerade wenig an Ballast. Wie diese beiden miteinander interagieren, sich annähern, wäre schon eine ausreichend interessante Geschichte gewesen. Doch die Autorin packt noch eine Kriminalgeschichte obendrauf: Was ist mit Hank auf der Insel passiert, nachdem er einen Hilferuf per Mail an Rowan abgesetzt hat? Die Auflösung dieser Frage wirft gleich noch mehrere Fragen nach psychischen Erkrankungen, Missbrauch und Gerechtigkeit auf.  --- ich glaube, damit wird deutlich, was ich mit "zuviel" meine. Dabei ist die Geschichte schön, phasenweise poetisch erzählt. Man möchte diese Charaktere, besonders die Kinder, besser kennenlernen, wünscht ihnen eine Zukunft, die das durchaus geschickt kreierte Ende aber offen lässt. Mich hat Die Rettung trotz der zu großen Fülle an Themen und Blickwinkeln durchaus gefesselt und ich fand es lesenwert.

Charlotte McConaghy, Die Rettung. Bonnevoice 2025.

Tuesday, June 11, 2024

Charlotte Wood - Ein Wochenende

Nach dem Tod ihrer gemeinsamen Freundin Sylvie treffen sich Jude, Wendy und Adele in deren Strandhaus, um es auszuräumen. Normalerweise trafen sie sich an dem Weihnachtswochenende dort immer zu viert, nun werden die alten Rituale in Frage gestellt, weil ihre Freundschaft ohne Sylvie auseinanderzubrechen droht. Wendy hat noch ihren uralten taub-blinden Hund Finn dabei, der wegen seiner Inkontinenz und seines Gestanks nicht ins Haus soll.  

Die Frauen blicken mit ihren über 70 Jahren auf eine Fülle von Erinnerungen zurück, jede für sich steckt in einer persönlichen Krise und hat mit den Beschwerlichkeiten und Gebrechen des Alters zu kämpfen. Wie ein Geist schwebt die Erinnerung an Sylvie über ihnen, aber was erst wie ein hoffnungsloser Kampf um ihre Freundschaft aussieht, gelingt ihnen schließlich doch, als einige lang verborgene Wahrheiten ausgesprochen und verarbeitet werden. Dennoch muss jede für sich auch für das eigene Leben neue Hoffnung schöpfen, was ein teils schwerer und schmerzhafter Prozess ist. 

Mir hat Ein Wochenende von Charlotte Wood durchaus gefallen, die drei Frauen wirken glaubhaft und real in ihren Befindlichkeiten, wenngleich in ihnen auch einige Klischees zum Tragen kommen, wie die alternde Schauspielerin, die missachtete Intellektuelle und die ewige Geliebte. Die Freundschaft der drei wirkt zerbrechlich und in vielen Momenten fragt man sich, ob es tatsächlich Freundschaft ist. Doch irgendwie finden die drei zu sich und zueinander, während der halbtote Hund als Metapher drohend zwischen ihnen steht. Die Botschaft, die daraus zu ziehen ist, mag sein, dass man das Leben leben muss, authentisch und ehrlich zu sich und anderen sein soll, um keine Chancen zu verpassen und möglichst wenig zu bereuen, wenn sich die Lebenszeit dem Ende entgegen neigt. Dem ist nicht zu widersprechen.  

Charlotte Wood, Ein Wochenende. Kein & Aber, Zürich 2020.

Thursday, January 04, 2024

Rebecca Lim - Erweckt

Manchmal sollte man auf das eigene Urteil vertrauen... Meine Eindrücke des ersten Bandes von Rebecca Lims Fantasy-Reihe Mercy Gefangen waren 2016 sehr gemischt und in der Summe mäßig. Aber angefangene Reihen haben manchmal die Tendenz mich herauszufordern und so habe ich sehr spontan doch den zweiten Band Erweckt angefangen... und mich hindurchgequält.

So ein gequirltes Durcheinander, man entschuldige die Ausdrucksweise. Wie schon im ersten Band erwacht der gefallene Engel Mercy im Körper einer jungen Frau und muss sich zügig in deren Leben zurechtfinden. Sie erinnert sich nur bruchstückhaft an die Ereignisse aus Band 1 (wir hatten also etwas gemeinsam) und bekommt in ihren Träumen sehr rätselhafte Hinweise auf ihre Herkunft und die Gründe für ihre "Verbannung" in die wechselnden Körper. Es tauchen verschiedene Dämonen, Engel, Erzengel und ihr alter Freund aus Band 1 auf, Beweggründe aller Beteiligten unklar und vage, die Gesamtstory geht eigentlich nicht voran und die Ereignisse dieses Bandes, die hauptsächlich in einem abgeranzten Café mit unklar gezeichneten Charakteren geschehen, fügen sich zu keinem Plot zusammen, den ich verstehen könnte und der den Namen verdient. Prädikat fürchterlich, tut mir leid um die Lesezeit.  

Rebecca Lim, Erweckt. Ravensburger, Ravensburg 2012.

Sunday, May 31, 2020

M.E. Stedman - Das Licht zwischen den Meeren

Die australische Westküste in den 1920er Jahren: Tom Sherbourne ist Leuchtturmwärter auf Janus Island und lebt dort mit in großer Abgeschiedenheit mit seiner Frau Isabel. Ihre Beziehung wird durch drei Fehlgeburten auf die Probe gestellt, Isabel ist verzweifelt und fühlt sich unverstanden. Als eines Tages ein Boot angespült wird mit einem toten Mann und einem noch lebenden Baby, überredet Isabel Tom dazu, das Baby als ihr eigenes auszugeben und den Toten stillschweigend zu begraben. Diese Entscheidung belastet den rechtschaffenden, prinzipientreuen Tom sehr, aber er mag sich nicht gegen das Glück seiner Frau stellen. Als sie nach einiger Zeit herausfinden, wer die wahre Mutter des kleinen Mädchens ist, das sie Lucy nennen, werden Toms Gewissensbisse immer größer und er trifft die folgenschwere Entscheidung, diese wissen zu lassen, dass ihre Tochter noch lebt.
Während der erste Teil des Romans den beiden Protagonisten und ihrer Beziehung viel Raum lässt und die Atmosphäre der einsamen Insel mit ihrem Leuchtturm eine sehr besondere ist, geht es im zweiten Teil um Schuld und Verantwortung und die Geschichte verliert sich dabei ein wenig in langatmigen Auseinandersetzungen verschiedener Charaktere. Auch die "Geschichte danach" wirkt ein wenig aufgesetzt und bringt nicht viel Neues. Die Quintessenz ist, dass auch gute Menschen in gewissen Situationen und Lebensumständen falsche Entscheidungen treffen können, die dann schwer wieder gutzumachen sind und mit denen die Beteiligten dann zu leben lernen müssen. Mir haben das Setting der Leuchtturminsel und die beiden Protagonisten anfangs sehr gut gefallen, die moralischen Auswirkungen ihrer Entscheidung werden meines Erachtens in einer ermüdenden Weise ausgedehnt und erörtert, die die Geschichte nicht nötig gehabt hätte, um rund zu sein.

M.E. Stedman, Das Licht zwischen den Meeren. Random House Audio 2013.

Saturday, January 13, 2018

Michael Robotham - Adrenalin


Michael Robothams Adrenalin ist der erste Band seiner Reihe um den Psychologen Joseph O'Loughlin und den Detective Inspector Ruiz. Wir lernen beide in einer Krise kennen: O'Loughlin hat gerade die Nachricht bekommen, dass er an Parkinson erkrankt ist, was ihn völlig aus der Bahn wirft und er zweifelt, wie er sein Leben mit seiner schönen Frau und seiner wunderbaren Tochter weiterleben können wird. Ruiz hingegen hat es mit einem Mordfall zu tun, bei dem er zunächst keinerlei Anhaltspunkte findet, noch nicht einmal die Identität des Opfers kennt er.
Es stellt sich heraus das O'Loughlin das Opfer kannte - und nicht nur das, verschiedene Indizien scheinen auf ihn als Täter zu deuten. Ruiz, der zunächst nur seine Expertise wollte, verhaftet ihn schließlich sogar, muss ihn aber wieder laufen lassen, weil er nichts beweisen kann. O'Loughlin vermutet einen seiner Patienten, Bobby Moran, als Täter, weil dieser in den Sitzungen verdächtige Aussagen macht, doch seine Überprüfung durch Ruiz ergibt nichts.
O'Loughlin gerät zunehmend unter Druck und sieht nur noch einen Ausweg, nämlich selbst den tatsächlichen Täter zu ermitteln.

Adrenalin beginnt zunächst eher langsam, Robotham steigert Spannung und Erzähltempo aber kontinuierlich und erzählt eine geschickt konstruierte Story, die in den Bann zieht. Wie kann O'Loughlin es schaffen, der Falle des tatsächlichen Täters zu entkommen? Wie kann er sein Leben retten?
Gleichzeitig muss der Protagonist sein fachliches Können und seinen menschlichen Instinkt in Frage stellen, nichts scheint mehr so zu sein, wie er dachte. Damit wird auch die Frage gestellt, inwiefern die Psychologie verlässliche Ergebnisse liefert oder wie vorgefertigte Annahmen und Gewohnheiten die Analyse beeinträchtigen.
Mich hat der Einstieg in Robothams Reihe positiv überrascht und ich blicke weiteren Bänden gespannt entgegen.

Michael Robotham, Adrenalin. Goldmann, München 2011.

Thursday, April 20, 2017

Nicholas Shakespeare - Broken Hill

Nicholas Shakespeare (*1957) ist ein hochgelobter britischer Schriftsteller. Broken Hill (im Original Oddfellows, 2015) erzählt die historischen Ereignisse des kleinen, abgelegenen Ortes Broken Hill in Australien. Der Erzbergbau dort ist mit dem Ausbruch des Krieges 1914 ins Stocken geraten, viele junge Männer sind arbeitslos. Am Neujahrstag 1915 überfallen zwei muslimische-türkische Männer einen Ausflugszug, in dem die weißen Bewohner von Broken Hill sitzen.
Der kurze Roman hat zwei große Themen.
Das eine ist die Diskriminierung der muslimischen Einwohner der Stadt, die ghettoartig außerhalb wohnen müssen, in der Ausübung ihrer Religion behindert werden und beschimpft werden. Diese Nichtakzeptanz und Respektlosigkeit führt dazu, dass zwei Männer in Wut und Verzweiflung beschließen, dem Aufruf des türkischen Sultans zu folgen und den heiligen Kampf aufzunehmen.
Dem gegenüber steht das etwas leisere Thema der Perspektivlosigkeit und Unterdrückung der Frauen in dieser Zeit, das am Beispiel von Rosalind aufgezeigt wird. Sie ist weiß, jung und ledig und erwartet den Heiratsantrag eines jungen Mannes, Oliver, für den sie aber nichts empfindet bzw. von dem sie weiß, dass er sie unterdrücken, sie nie nach ihrer Meinung fragen wird. Sie dagegen hat Träume fortzukommen, andere Dinge zu sehen als das trostlose Leben in Broken Hill, sie findet die andersartigen Kameltreiber interessant, denn sie haben Teile der Welt gesehen. Ihr Kontakt zu diesen Menschen erweitert ihren Horizont, besonders Gül, der als Eisverkäufer arbeitet, zieht sie an. Natürlich ist diese Beziehung für sie gesellschaftlich nicht tragbar und sie muss sie verstecken. Dennoch zeigt ihr der zaghafte Kontakt, dass es andere Möglichkeiten gibt.
Die Tragik der Geschichte gipfelt darin, dass Rosalind durch eine von Güls Kugeln stirbt, kurz nachdem sie sich entschieden hat, Oliver nicht zu heiraten.
Broken Hill ist ein interessanter historischer Nebenschauplatz und enthält provokante Themen, die an diesem weltpolitisch kleinen und bizarren Ereignis aufgehängt werden. Ein durchaus relevantes Buch im Hinblick auf die aktuelle Diskussion um Integration, Diskriminierung und Dschihad. 

Nicholas Shakespeare, Broken Hill. Hoffmann und Campe, Hamburg 2016.

Rezensionen bei welt.de und bei tagesspiegel.de
official website 

Tuesday, March 07, 2017

Loch Ard Gorge

Loch Ard Gorge, Victoria, Australia
text on the card explains: "Located on the ragged coastline followed by the Great Ocean Road, Loch Ard Gorge is named for the iron clipper ship Loch Ard wrecked there in 1878 with the loss of all but two of those on board after a three-month voyage from Britain."
postcrossing card by Tanja, a German living in Australia

Sunday, January 22, 2017

Brooke Davis - Noch so eine Tatsache über die Welt

Die Australierin Brooke Davis schaffte 2014 den Durchbruch mit ihrem Debütroman Lost & Found, einem deutlich eingängigeren Titel als der, der im Deutschen für den Roman gewählt wurde: Noch so eine Tatsache über die Welt. 

Auf dem mitternachtsblauen, mit Sternen übersähten Covers ist als weißer Scherenschnitt ein kleines Mädchen zu sehen, Millie.
Millie ist sieben, ihr Vater ist vor kurzem gestorben und ihre verzweifelte Mutter lässt Millie einfach in einem Kaufhaus zurück. Sie hat Angst, das Kaufhaus zu verlassen, weil sie denkt, ihre Mutter kommt dorthin zurück, um sie abzuholen, daher versteckt sie sich zunächst dort.
Karl ist 87 und gerade ins Altersheim gezogen, wo er es schrecklich findet - deswegen haut er ab und setzt sich erst einmal ins Kaufhaus. Dort begegnet er Millie.
Gegenüber von Millies Haus wohnt Agatha (82), die seit dem Tod ihres Mannes ihr Haus nicht mehr verlassen hat und deren einziger Kontakt zur Außenwelt vorübergehende Passanten sind, die sie beschimpft.

Aus den Perspektiven dieser drei skurillen Protagonisten wird Noch so eine Tatsache über die Welt erzählt. Karl schickt Millie schließlich nach Hause und ermöglicht ihr die Flucht, als sie vom Jugendamt abgeholt werden soll. Agatha wird auf das Mädchen, das offensichtlich allein ist, aufmerksam und verlässt schließlich ihr selbstgewähltes Gefängnis, um dem Kind zu helfen. In Millies Haus finden sie einen Reiseplan der Mutter, die offensichtlich aus Australien weg will. Agatha und Millie nehmen einen Bus, um noch rechtzeitig Melbourne zu kommen, von wo die Mutter abfliegen will. Per Zufall sieht Karl die beiden am Busbahnhof und schließt sich ihnen an. Es entwickelt sich ein abgefahrener Roadmovie, bei dem jeder der drei viel über sich, den Tod, die Liebe und das Leben lernt - vor allem, dass letzteres trotz großer Verluste weitergehen kann und dass zwischen tot sein und alt sein ein Unterschied besteht.

Es ist eine ziemlich ungewöhnliche Mischung, die der Leser in diesem Roman serviert bekommt. Kleine und größere Lebensweisheiten mischen sich unter eine wilde Ansammlung von schrägen Handlungsweisen, die wohl nur Kinder und alte Menschen in ihrer Direktheit zuwege bringen. Nicht alles dabei ist liebenswert, wie man es sich wohl von diesen Charakteren und der eigenen limitierten Vorstellung von Altersweisheit erhoffen würde, einiges ist sogar grausam oder dumm. Aber der Roman macht auch klar, dass Meinungen und Enscheidungen nicht immer endgültig sind, man darf sich umentscheiden, umkehren, einen anderen Weg einschlagen, wenn man feststellt, dass die Entscheidung nicht richtig war, dass es eine bessere, lebenswertere Möglichkeit gibt. Und so finden alle drei Charaktere einen Ausweg aus ihren jeweiligen Dilemmas und auch wenn Millies Mantra "Ihr werdet alle sterben." wahr ist und bleibt, so kommt es doch viel mehr auf das Leben davor an, auf das Dazwischen von Geburt und Tod. 
"The start date and the end date are always the important bits on the gravestones, written in big letters. The dash in between is always so small you can barely see it. Surely the dash should be big and bright and amazing, or not, depending on how you had lived."


Brooke Davis, Noch so eine Tatsache über die Welt. Ullstein, München 2016.

Wednesday, July 22, 2015

Graeme Simsion - Das Rosie-Projekt


In Das Rosie-Projekt erzählt Graeme Simsion die Geschichte des vom Asperger-Syndrom betroffenen Don Tillmann. Aus der Ich-Perspektive erfahren wir viel über seinen Alltag mit all seinen streng abgezirkelten Routinen, den wenigen Sozialkontakten und seiner rational-geprägten Wahrnehmung der Welt, die Emotionen weitgehend unbeachtet lässt, weil er sie nicht gut wahrnehmen kann. Dennoch würde Don gern heiraten und da er daran gewöhnt ist, rationale Lösungen zu suchen, verfolgt er verschiedene skurril anmutende Ansätze, eine passende Kandidatin zu finden, die allesamt scheitern. Die chaotische Rosie scheidet anhand der von ihm aufgestellten Kriterien als Partnerin sofort aus und er ist selbst verwundert, dass er dennoch immer wieder (gern) Zeit mit ihr verbringt, obwohl sie seinen wohlstrukturierten Alltag völlig über den Haufen wirft. Den Rest der Handlung kann man sich denken.

Das Buch ist ein Bestseller in zahlreichen Ländern und ist eine heitere und unterhaltende Lektüre, gut lesbare Belletristik mit einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte (wobei diese in gewisser Weise in Mode und dadurch auch schon wieder nicht mehr so ungewöhnlich sind...). Diese Art Roman fällt gewöhnlich nicht in mein "Beuteschema", aber ich habe mich durchaus amüsiert und die 350 Seiten zügig inhaliert.
Hier kommt das "Aber": Das Asperger-Syndrom und andere vergleichbare Störungen, die dazu führen, dass Menschen in ihrem Verhalten nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, wirken auch in der Realität oft seltsam, teilweise witzig, nerdy. Man lächelt, man lacht, während die Betroffenen nicht freiwillig zum Objekt dieser Belustigung werden. Tatsächlich beschreibt Don Tillmann an einer Stelle sogar, wie er zum "Klassenclown" wurde, weil man sein Verhalten lustig fand, obwohl er eigentlich Kritik hatte üben wollen - es war dann für ihn aber einfacher, die lustige Rolle zu übernehmen. Wir kennen dieses Phänomen aus vielen Filmen und Büchern, sie unterhalten uns und informieren uns bestenfalls nebenbei über Handicaps und psychische Erkrankungen.
Akurate Darstellungen sind dies aber selten und deswegen ist es fraglich, ob diese Bücher und Filme dazu führen, dass wir sensibler mit den Betroffenen umgehen. Vermutlich werden wir doch weiterhin darüber lächeln, oder? Führt dies zu mehr Verständnis oder zu einer Verbesserung für die Menschen selbst? Natürlich ist dies ein Anspruch, den humorvolle Belletristik nicht erfüllen kann und will. Dennoch bleibt da das Gefühl einer verpassten Chance für die Menschen mit Asperger-Syndrom, die sicher nicht nur belächelt, sondern ernst genommen werden wollen. 

Graeme Simsion, Das Rosie-Projekt. Fischer, Berlin 2013.

Monday, October 13, 2014

Trudi Canavan - Die Gilde der schwarzen Magier - Band I & II

Hatte ich schon erwähnt, wie seltsam es ist, dass im Bereich Young Adult und/oder Fantasy alle Romane mindestens als Trilogie erscheinen müssen?
Die Australierin Trudi Canavan hat gleich mehrere davon geschrieben. Mit der ersten Trilogie um Die Gilde der schwarzen Magier war sie ab 2001 sehr erfolgreich, inzwischen schrieb sie eine Trilogie um die Vorgeschichte und arbeitet an einer Folge-Trilogie.
Die Audiobooks der beiden ersten Romane Die Rebellin und Die Novizin werden beide von Martina Rester gelesen und sind gekürzte Versionen (RandomHouseAudio).

In Die Rebellin lernen wir die Stadt Imardin kennen, in der es eine starke Klassengesellschaft gibt. Neben den Reichen, die im Stadtinneren leben können, gibt es eine große Gruppe Armer, die sich gerade so durchschlägt und oft außerhalb der Stadtmauern leben muss. Die Magiergilde ist wohlhabend und auf der Seite der Reichen und der Regierenden. 
Bei einer der jährlichen Vertreibungsaktionen, in denen die Armen aus der Stadt vertrieben werden sollen, kommt es zu einem Zusammenstoß. Obwohl die Magier sich mit ihrer Magie abschirmen, durchdringt der Stein einer Rebellin namens Sonea den Schild und verletzt einen Magier. Die einzige Erklärung: Sonea muss Magie verwendet haben.  Es beginnt eine Verfolgungsjagd, denn Sonea ist nicht ausgebildet und kann ihre stärker werdende Magie nicht kontrollieren. Sie stellt eine Gefahr für die Magier, aber auch für sich selbst dar. Am Ende muss die Gilde entscheiden, ob sie jemanden aus den niederen Ständen in ihre Reihen aufnehmen wollen, und Sonea steht vor der Frage, ob sie zu den Magier gehen will, die sie eigentlich als Feinde betrachtet. 


Wie der Titel verrät, ist Sonea zur Novizin in der Magiergilde geworden und erlebt in ihrer Ausbildung vielfältige Anfeindungen durch ihre Mitschüler, die sie wegen ihrer Herkunft und ihrer außergewöhnlichen Fähigkeiten hassen. Gleichzeitig spielen sich auch in den höheren Rängen der Gilde Intrigen und Machtkämpfe ab, in die Sonea aus denselben Gründen verwickelt wird.






Die Rebellin begann relativ langatmig und die Verfolgung von Sonea zieht sich über einen langen Teil des Buches hin ohne besonders spannend zu sein. Interessant wird es erst dann, als sich die zunächst eingeführten Gut-Böse-Strukturen auflösen und Sonea sich fragen muss, was die richtige Entscheidung für ihr Leben ist, denn nicht alles ist nur schwarz oder weiß, wie ihr das bisher immer erschienen ist. Außerdem bietet erst der zweite Teil des ersten Bandes Einblicke, wie die Magie funktioniert und was sie zu leisten im Stande ist.
Dies wird natürlich in Die Novizin weitergeführt, wenngleich der Schwerpunkt dort eher auf den Gemeinheiten und Soneas Verfolgung durch ihre neidischen Mitschüler liegt. Von der Außenwelt bekommen wir in dem zweiten Band eigentlich nichts mehr mit, nahezu alles spielt sich im Innern der Gilde ab - vielleicht eine Einschränkung, die der Komplexität der magischen Welt geschuldet ist, aber zu Lasten der Gesellschaftsproblematik geht, die im ersten Band so intensiv im Vordergrund stand.

Das Schaffen einer Fantasy-Welt ist kein einfaches Unterfangen, viele Dinge sind zu berücksichtigen und plausibel einzuführen, gleichzeitig soll aber natürlich auch eine spannende Geschichte entwickelt werden. Trudi Canavan bedient sich vieler Elemente, die an Rowlings Harry Potter erinnern: Die versteckte Zauberfähigkeit, Sonea ist Waise und wird "gerettet", die Internatsstrukturen, Geheimgänge und Co., die Gegner in Form von gemeinen und weniger begabten Mitschülern, ... die Liste ließe sich vermutlich noch fortführen.
Ist es deswegen eine schlechte Geschichte? Wohl nicht. Eine richtig gute wird es aufgrund erzählerischer Schwächen aber auch nicht. Für ein Newcomerwerk einer jungen Autorin ist es allerdings recht beachtlich und schlussendlich fand ich die Welt und die Figur der Sonea wenigstens so interessant, dass ich den dritten Band vermutlich auch bald hören werde.