Tiran ist eine industriell geprägte Stadt, die durch eine magische Kuppel von der sie umgebenden unwirtlichen Welt geschützt wird. Außerhalb ist das Überleben so schwer geworden, dass die dort lebenden Völker versuchen in die Stadt zu fliehen, auch wenn der Weg gefährlich ist und ihnen von den Tiraner eher Diskriminierung und Ausbeutung droht. Thomil ist einer der wenigen, der den Weg in die Stadt schafft, während seine Sippe vom Feuerbrand - vom Himmel herabschießende, tödliche Blitze - ausgelöscht wurde. Es sollte eigentlich nur ein Scherz von einem fiesen Magier sein, als ausgerechnet Thomil als Assistent für Sciona eingeteilt wird, denn eigentlich arbeitet er als Hausmeister. Sciona ist die erste weibliche Hochmagierin, deren besondere Begabung und hartnäckiger Ehrgeiz sie in den elitären Kreis gebracht hat. Doch Sciona betrachtet auch Thomil als Herausforderung, führt ihn an die Magie heran und findet in ihm einen argumentativen Gegner und Partner, der sie bei ihren Projekten voranbringt.
Die Magie Tirans scheint in Mathematik und Ingenieurswissenschaften verwurzelt. Zugrunde liegen ihr zahlreiche Formeln, mit deren Hilfe Energie für die Wirtschaft und das alltägliche Leben der Stadt gewonnen werden kann. Dabei ist dies fest verwoben mit dem Glaubenssystem der Gründer der Stadt, das voraussetzt, dass die Regeln der Magie gottgegeben und unumstößlich sind. Der Wissens- und Erfolgsdrang Scionas bringt sie aber dazu, die Grenzen des Systems zu überschreiten und entdeckt die schockierende Wahrheit über die Basis für Tirans Wohlstand.
Auch wenn das Worldbuilding und vor allem die Erklärungen zu dem Magiesystem anfangs viel Raum einnimmt, treten schon bald die großen Fragen des Romans in der Vordergrund.
- die Rolle der Frau in der Gesellschaft: starke Restriktionen, patriarisch definierte Rollenbilder, die von Religion und Staat rigoros aufrecht erhalten werden
- Diskriminierung von angeblich minderwertigen Bevölkerungsgruppen im beruflichen und im sozial-gesellschaftlichem Umfeld und sogar in der Rechtsprechung, wobei alles getan wird, um die weitverbreiteten Vorurteile und Bildungsrückstand aufrechtzuerhalten
- rücksichtslose Ausbeutung von Natur und Menschen für den Wohlstand einzelner Personengruppen ohne die Begrenztheit der Resourcen zu berücksichtigen
Die beiden Protagonisten sind in ihren Gegensätzen gut konstruiert, um in einen argumentativen, aber auch emotionalen Dialog zu treten, der diese Probleme beleuchtet. Die Gegensätze sind vielleicht ein bisschen offensichtlich, aber darüber kann man hinwegsehen. Gut gefallen hat mir, wie dabei ihre außerdem wachsende Beziehung ihre Sichtweisen nach und nach verschiebt und ihnen reflektiertere Handlungen ermöglicht. Während in den ersten zwei Dritteln des Romans die Handlung hauptsächlich dialogbasiert voranschreitet (entsprechend dem Dark Academia Genre), zieht das Erzähltempo und die Ereignisse im letzten Teil deutlich an und daraus entwickelt sich ein deutlich überraschendes Finale. Auf der Plusseite verbuche ich außerdem das Fehlen von unpassenden romantisch-sexualisierenden Szenen - hier tut die Autorin ihrem Genre einen Gefallen und driftet nicht ins (sich zur Zeit so gut verkaufende) Romantasy ab. Sehr gut ist auch Sprecherleistung von Uta Simone – sie verleiht dem Hörbuch eine zusätzliche Atmosphäre und Qualität.
Insgesamt ist Blood over Bright Haven ein empfehlenswerter Roman für Fantasyliebhaber, die kritische Bezüge zu unseren eigenen gesellschaftlichen Defiziten nicht scheuen.
M.L. Wang, Blood over Bright Haven. Silberfisch 2025.

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