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Sunday, October 04, 2026

Sofia Segovia - Das Flüstern der Bienen

Mit mexikanischer Geschichte kenne ich mich nicht aus, deswegen kann ich den historischen Hintergrund von Das Flüstern der Bienen von Sofia Segovia nicht wirklich gut einschätzen. Der Roman beginnt in den letzten Jahren des Spanischen Bürgerkriegs, umfasst die Epidemie der Spanischen Grippe und thematisiert die Folgen der Agrarreformen in Mexico. 
In der Kleinstadt Linares findet die alte Nana Reja ein Baby unter einer Brücke. Er hat eine Missbildung - einen gespaltenen Gaumen, wegen dem er vermutlich ausgesetzt wurde. Außerdem ist er von einem Bienenschwarm umhüllt, die Bienen schützen ihn und verletzen ihn nie. Die Familie der Hazienda Morales nimmt den Jungen auf und nennt ihn Simonopio. Der Junge hat besondere Gaben und obwohl er sich nur schlecht verständigen kann, bewahrt er die Familie vor einigem Unheil. Zu dem spät geborenen Sohn Francisco der Familie entwickelt er eine besondere Beziehung. Doch auf der Hacienda leben auch Arbeiter, die der Familie den Landbesitz nicht gönnen und Simonopio für den Teufel halten. Der über Jahre unterdrückte Zorn eskaliert schließlich und führt zur Katastrophe. Zuende erzählt wird Simonopios Geschichte von Francisco, der als alter Mann zur Hacienda zurückkehrt und alles verändert vorfindet, aber sich in seine romantischen Erinnerungen zurückziehen kann.  

Das Flüstern der Bienen hatte beträchtlichen Erfolg von seinem Erscheinen 2015 bis heute. Ich kann nachvollziehen, dass die Geschichte dieses besonderen Jungen mit seinen Bienen und seiner vorbehaltslosen Loyalität sehr anrührend, berührend ist. Beide Erzähler jedoch haben einen sehr begrenzten Blick durch die Brille der Gutsbesitzer, die als weitsichtig und sozial-bemüht dargestellt werden. Die Landreformbemühungen und die Auswirkungen des Bürgerkriegs sind klares Feindbild, besonders ersterem wird mit viel Geschick ausgewichen durch Tricks und Kniffe. Die Arbeiter:innen sind entweder treu ergeben und ordnen sich der Familie unter, oder sind der Feind, der aber nicht erkannt wird, weil es natürlich nicht sein kann, dass die durch den Patron so großzügig behandelten Arbeiter sich auflehnen und etwas anderes wollen als ihre Leibeigenschaft. So liegt die Stärke des Romans sicherlich nicht in einer differenzierten Darstellung der geschichtlichen Ereignisse, sondern bei der Darstellung der Charaktere. So ist Simonopio mit seinen erweiterten Sinnen eine interessante Figur, doch kann mich der naive, in seiner Betrachtung eingeschränkte Francisco nicht überzeugen. Auch die als starke Frauenfigur angelegte Mutter Beatrice agiert ihre Trauer und Wut schlussendlich an der Nähmaschine aus, anstatt wirklich etwas zu bewegen. Insgesamt ist dieser Roman mit seinen Wundern und dem magischen Realismus nicht ganz nach meinem Geschmack. 

Sofia Segovia, Das Flüstern der Bienen. HörbuchHamburg 2021. 

 


Sunday, July 17, 2016

Juan Villoro - Das wilde Buch

Juan Villoro ist in seinem Heimatland Mexico bekannt und beliebt, Das wilde Buch war dort ein Bestseller.
Der 13jährige Juan wird in den Ferien zu seinem schrulligen Onkel Tito geschickt, der ganz allein in einer riesigen und mysteriösen Bibliothek lebt. Laut seinem Onkel ist Juan ein besonderer Leser, der Einfluss auf Bücher hat, die sich für ihn bewegen und verändern können. Er soll seinem Onkel bei der Suche nach dem wilden Buch helfen, welches im Haus lebt, aber das bisher von niemandem "gefangen" oder gelesen wurde.
Juan betrachtet diese Aufgabe mit großer Skepsis und glaubt seinem Onkel längst nicht alles, was dieser ihm über Bücher und ihr Verhältnis zu ihren Lesern erzählt. Vielmehr beschäftigt ihn die Trennung seiner Eltern, das Unglück seiner Mutter darüber, aber auch seine neue Verliebtheit in die Tochter der Apothekerfamilie gegenüber. Auch seine Schwester kommt später noch zu ihm und seinem Onkel und erst als sich all diese Menschen ihrer Beziehungen und ihrer Verantwortungen einander gegenüber bewusst werden, lässt sich das wilde Buch fangen und schreibt sich selbst...
Der Roman ist eine Mischung aus abenteuerlicher Suche, Problemgeschichte und poetischem Nachdenken über die Bedeutung von Büchern, dem Lesen und Geschichten für die Menschen in einer Sprache, die auch für Kinder angemessen ist, ohne dabei ihren Anspruch zu verringen. Kein schlechtes Buch.

Juan Villoro, Das wilde Buch. Hanser, München 2014.