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Saturday, March 28, 2026

Brian Jay Jones - Jim Henson: The Biography

Die Jim Henson Biography von Brian Jay Jones schildert detailreich den beruflichen Werdegang des Ausnahmekünstlers Jim Henson. Natürlich werden auch die persönlichen, familiären Meilensteine beleuchtet, vor allem wird immer wieder seine enge Beziehung zu seinen fünf Kindern hervorgehoben, sie steht aber nicht im Zentrum des Buches. 
War man Kind im Zeitraum der 60er bis 80er Jahre, so ist man zwangsläufig mit Jim Hensons Figuren aufgewachsen, sei es mit der Sesamstraße, der Muppet Show oder Fraggle Rock. Dies sind seine bekanntesten Kreationen, wenngleich Henson selbst immer auf der Suche nach kreativem Ausdruck auch jenseits der Muppets/Puppets war, wovon zahlreiche alternative (Film-) Projekte zeugen. 
Ich lese selten Biografien, doch diese hat mich berührt. Hensons Figuren und Geschichten sind fester Bestandteil meiner eigenen Geschichte, in gewisser Weise bin ich ein Fan. Es war spannend, herauszufinden, was für ein Mensch dahinter stand. Henson war Workaholic, jonglierte mit verschiedenen Arbeitsbereichen, verschienenen Projekten und Verantwortlichkeiten an mehreren Standorten (hauptsächlich NYC und London). Im Vordergrund stand dabei immer der Spaß, für ihn war es keine Arbeit im eigentlichen Sinne, er war freundlich, gütig, begeisterungsfähig. Am Ende des Buches hatte ich den Eindruck, ihn kennengelernt zu haben, die Schilderung seines plötzlichen Todes im Alter von 53 Jahren wegen einer Streptokokkeninfektion und der Trauer, die dies auslöste, war ergreifend. Meines Erachtens wird Brian Jay Jones mit seiner Biografie Jim Henson und seinem kreativen Vermächtnis in jeglicher Hinsicht gerecht. 

Brian Jay Jones, Jim Henson: The Biography. Ballantine 2013. 

Saturday, March 14, 2026

Claire Mitchell + Zoe Venditozzi - How to Kill a Witch

Claire Mitchell and Zoe Venditozzi haben gemeinsam ein Buch geschrieben mit dem Titel How to Kill a Witch mit dem Untertitel A guide to Patriarchy. Wie gut, dass sie dies in ihrem Vorwort erklären.

Beide Autorinnen begannen mit einem Interesse, Frauen im Stadtbild Edinburghs bzw. Schottlands mehr mit Denkmälern und Standbildern zu repräsentieren. Dies führte sie schließlich zum Thema der Hexenverfolgungen, zu dem sie einen erfolgreichen Podcast mit dem Titel Witches of Scotland starteten. Sie recherchierten, knüpften Kontakte zu Geschichts- und anderen Wissenschaftlern und hatten schließlich die Idee zu einem Buch. Das verfolgte zunächst die sarkastische Idee, eine Art Anleitung zu schreiben - von der Identifizierung von Hexen bis hin zur Entsorgung ihrer Körper nach der Exekution. In Teilen folgt das folgende Buch auch noch dieser Idee, ergänzt mit fiktionalen, tagebuchartigen Abschnitten (von Opfern und Tätern) und Berichten von der Recherchetätigkeit der Autorinnen in verschiedenen Bereichen. 
Der Großteil des Buches bezieht sich auf die Hexenprozesse in Schottland (hauptsächlich 17. Jahrhundert) und ihrer Einordnung in den historischen Kontext. Am interessantesten ist unter anderem die Argumentation, dass es natürlich die unbequemen, die auffälligen, aber zugleich wehrlosen Mitglieder der Gesellschaft - meistens Frauen - waren, die leichte Opfer der Verfolgungen waren und in schlechten, politisch unsicheren Zeiten gute Sündenböcke abgaben. Und so zieht sich das Thema der Hexenverfolgungen aus genau diesen Gründen auch in die heutige Zeit. Hier führen die Autorinnen aktuelle Geschehnisse in afrikanischen Ländern an, in denen Frauen als Hexen geächtet, verfolgt und sogar getötet werden. 
Zusammenfassend kommen sie zu dem Schluss, dass durch den aktuellen Bezug und auch durch die weiterhin fehlende Gleichberechtigung (auch in den westlichen Gesellschaften) und Unterdrückung von Frauen der Erinnerung an die Geschichte der Hexenverfolgungen und der Aufklärung über Beweggründe und Zusammenhänge große Bedeutung zukommen muss, um zu verhindern, dass Geschichte sich wiederholt. In ihrem Schlusswort rufen die Autorinnen ihre Leser:innen dazu auf:

"[...] we urge you: embrace the title of 'quarrelsome dame' in your daily lives. Take up space, get involved in grassroots politics, educate people around you what happened during the witch trials and draw the parallel with today. When you are met with resistance, call it out.
Do not let the patriarchy silence you.
We need to make sure we elect those who will actively protect our safety and the rights we have and promote real equality going forward."

Claire Mitchell + Zoe VenditozziHow to Kill a Witch: A Guide for the Patriarchy. Monoray 2025.

Sunday, September 28, 2025

Mel Robbins - Die Let Them Theorie

Mel Robbins ist eine erfolgreiche, US-amerikanische Podcasterin und sie verfasste auf der Basis einer ihrer Lebensgrundideen das Selbsthilfe-Buch Let them. Damit erreicht sie gerade ein Millionenpublikum, hauptsächlich über Social Media. Dabei ist sie keine Psychologin, Verhaltensforscherin oder ähnliches, sondern hat eher eine bunte Biografie mit vielen gescheiterten Karriereversuchen, die sie offen zu Beginn des Buches anspricht. 
Das Prinzip von Let them ist simpel: Personen kann man nicht ändern, man kann auch nicht ändern, was sie über einen sagen oder denken. Dies liegt außerhalb des eigenen Einflussbereichs. Also lässt man sie sein, sagen oder denken, was sie wollen. Durch die bewusste Entscheidung für Let them distanziert man sich von der unangenehmen oder konfliktbelasteten Situation und gewinnt dadurch Entscheidungs- und Handlungsspielräume. Man entscheidet mit Abstand, ob und wie man aud die Situation regieren will. Dies konzentriert sie mit der simplen Formel "Let me" - lass mich entscheiden, wie ich damit umgehe und was ich als nächstes tue. 
Wie gesagt, simpel, auch nicht neu, aber unfassbar erleichternd, wenn man es als Gedankenkonzept zulässt und sich aneignet. 
Auf den mehr als 300 Seiten des e-books wird nun dieses Konzept auf unterschiedliche Lebensbereiche übertragen. Alltag, Beruf, Freundschaften, Beziehungen. Das ist leider etwas redundant und trägt zu keiner echten Vertiefung des Grundkonzepts bei. Es schließen sich auch für mich etwas sehr amerikanische Motivationstalks an, bei dem mein persönlicher Wert und Wille als allein seligmachend stilisiert wird und ich deswegen sicher bald Millionärin sein werde und meinen Traumpartner finde. Nö, das geht mir dann quer runter. Ich bin auch nicht der Überzeugung, dass jede/r die gleichen Chancen zur Selbstoptimierung hat, die Mel Robbins hier veranschlagt, das lässt ökonomische und strukturelle Probleme und die unterschiedlichen Lebenschancen der Menschen außen vor. In dieser Hinsicht ist es ein Buch für Priviligierte, die vielleicht wirklich viel erreichen können, wenn sie die Willenskraft für "Let me" aufbringen können. So nehme ich das Grundkonzept mit, den negativen Elementen in meinem Umfeld nicht zuviel Macht einzuräumen und andere Strategien zu nutzen, damit umzugehen, finde aber das Buch in der Summe zu oberflächlich. 

 Mel Robbins, Die Let Them Theorie. Goldmann 2025.

Monday, July 21, 2025

Alexandra Zykunov - Wir sind doch alle längst gleichberechtigt

In "Wir sind doch alle längst gleichberechtigt" notiert Autorin  Alexandra Zykunov 25 "Bullshitsätze", die frau/man vermutlich alle schon einmal so oder in leicht abgewandelter Form zu hören bekommen hat. Eine Auswahl: 

  • "Hast du ein Glück, dass dein Mann zu Hause so viel mithilft!“
  • „Vermisst du dein Kind nicht, wenn du ein Wochenende lang alleine weg bist?“
  • „Frauen wollen doch die Verantwortung zu Hause gar nicht abgeben!“
  • „Meine Frau hat einfach höhere Sauberkeitsstandards als ich.“
  • „Bist du sicher, dass du so viel verlangen solltest?“
  • „Frauen wollen doch gar keine Karriere machen.“
  • „Viele Mütter basteln und nähen nun mal gern. Lass sie doch!“
  • ...

Zykunov stellt diese Aussagen in typische Kontexte, erläutert sie, beleuchtet mit Hilfe von Studien und anderen Quellen (Nachweise folgen immer am Kapitelende) die Hintergründe und Fakten und hebelt den Bullshit argumentatorisch aus. Dabei schlägt sie einen bewusst leichten Ton an, vieles liest sich wie eine Unterhaltung mit einer guten Freundin, wobei sie oftmals die Gegenargumente vorwegnimmt und das fiktive Gegenüber auflaufen lässt. Zu den meisten Themen hat man eine vage Ahnung, wie die Realität im Jahr 2025 aussieht, allein die Zahlen lassen einen aber mit Kloß im Hals verstummen bzw. durchaus wütend werden. Das Patriarchat lebt und es gibt noch viel zu tun. Dabei lässt die Autorin durchaus gelten, dass Dinge in Bewegung sind, von einer tatsächlichen Gleichberechtigung, gesellschaftlich, rechtlich und finanziell, aber noch lange nicht die Rede sein kann. 
Ich würde das Buch allen empfehlen, Männern und Frauen, um den Bullshit zu erkennen und ihm mit Verstand und Faktenwissen entgegentreten zu können. Für junge Mütter sollte es Pflichtlektüre sein, um nicht in die vielen Fallen zu tappen, die die Gesellschaft für sie bereit hält.

Alexandra Zykunov, Wir sind doch alle längst gleichberechtigt. Ullstein 2022.  

Friday, February 14, 2025

Bill Bryson - Eine kurze Geschichte von fast allem

Bill Brysons Eine kurze Geschichte von fast allem ist ein ziemlich umfangreicher Wälzer. Für jemanden, der ungern Sachbücher liest, sind 800+ Seiten einfach zuviel. So schummele ich etwas, wenn ich das Audiobook für junge Leser:innen anhöre, um damit ein Buch von der Liste meiner Bücherkulturchallenge abzuhaken. Diese Fassung, gelesen von Ralph Caspers, war recht unterhaltsam und vermittelte seine Inhalte leicht verständlich. Ein kurzer Vergleich mit dem e-book zeigt, dass alle großen Themenbereiche des Originals auch in dieser Fassung enthalten sind - stark gekürzt natürlich. Zur Qualität des Originals und vor allem nicht zur Faktengenauigkeit würde ich mir jetzt nicht anmaßen, irgendetwas bemerken zu können. 

Bill Bryson, Eine kurze Geschichte von fast allem - für junge Hörerinnen und Hörer. cbj 2022.

Friday, January 31, 2025

Andre Boße - Die drei ???

Der Reclam-Verlag hat eine Reihe "100 Seiten, 100 Bände". Einer dieser populär-kulturellen Bände wurde von André Boße über Die drei ??? verfasst und erschien 2022.
Auf den 100 Seiten beleuchtet der Autor das kulturelle Phänomen, dass die drei Fragezeichen inzwischen darstellen. Er beginnt mit den Schallplatten und Kassetten in der Kinderzimmern der 1970er Jahre, beschreibt die verschiedenen Phasen der Reihe (US-amerikanischer Ursprung, kommerzieller Erfolg in Deutschland) und beleuchtet einige Funfacts zu den Sprechern und Produzenten, Lieblingsfolgen und -themen. Gegen Ende hebt er hervor, dass die Reihe auch deshalb so erfolgreich ist, weil sie den Hörenden Sicherheit gibt. Nichts ändert sich, es gibt immer ein Happy Ende und die drei Detektive leben in einer permanenten Gegenwart. In einer Welt, die eher bedrohlich wirkt und in der die Zukungt ungewiss ist, kann die Welt der drei Fragezeichen ein Ruhepol sein. Das finde ich einen plausiblen Erklärungsansatz, seine Überlegungen zu möglichen Versionen, wie die Reihe enden könnte, sind entsprechend eher bedrohlich.
Ich fand den schmalen Band ganz unterhaltsam, vieles war mir als langjährigem Fan bekannt, aber der Autor hat sicher gut recherchiert und eine faire und umfassende Darstellung des Phänomens Die drei ??? versucht. 

André Boße, Die drei ???. Reclam 2022.

Monday, January 20, 2025

Stefan Aust - Der Bader Meinhof Komplex

Stefan Austs Der Bader Meinhof Komplex ist in der Buchform das umfassendste Werk zu Geschichte der Roten Armee Fraktion (RAF) und der Autor hat auch nach der Veröffentlichung weiter recherchiert und sein Werk aktualisiert. Trotz meinem grundsätzlichen Interesse an deutscher Geschichte habe ich aber lieber zu dem kürzeren Audiobook gegriffen, das mit zahlreichen Originalmitschnitten und Interviews ausgestattet ist. Das macht die Geschichte der zentralen Figuren der RAF sehr lebendig und nachvollziehbar. Dabei zeigt Stefan Aust die menschlichen Dynamiken und persönlichen Schicksale auf, während er zugleich sachlich das Handeln der Bundesregierung und der Gerichte schildert. Bei den Darstellungen der Inhaftierung kann man aus heutiger Sicht nur mit dem Kopf schütteln, vieles scheint diesbezüglich unverständlich und wirft Fragen auf. Insgesamt war diese zusammenfassende Darstellung sehr informativ und vielschichtig. 

Stefan Aust, Der Bader Meinhof Komplex. Hoffmann und Campe 2008.

Saturday, September 14, 2024

Thomas Jeier - Die ersten Amerikaner - Eine Geschichte der Indianer

Wieder einmal ein Fall von "Popsugar made me read it": A nonfiction book about Indigenous people

Sachbücher sind nicht mein Lieblingsgenre, aber ich versuche ja immer, es meinen Reading Challenges recht zu machen, und da fand ich in der Onleihe das e-book von Thomas Jeier, Die ersten Amerikaner. Der 1947 geborene Autor schreibt viel und vielfältig, Fiktionales vor allem im Bereich Kinder- und Jugendliteratur und auch Sachbücher zu verschiedenen Themen. In seinem Buch geht er mehrfach darauf ein, dass er auf seinen zahlreichen USA-Reisen mit Native Americans in Kontakt gekommen sei und ihre Kultur auf ihren Pow-Wows kennenlernen durfte.
In zehn Kapiteln greift er verschiedene historische und kulturelle Themenbereiche auf, von der ursprünglichen Besiedelung, der Vielfalt der Stämme, über die Ausbeutung und fast vollständigen Vernichtung durch die Europäer bis hin zur aktuellen Lebenswirklichkeit der indigenen Amerikaner. Einige der Aspekte waren mir nicht bekannt, wie zum Beispiel der Einfluss, den die politische Struktur des Irokesenbundes der "Five Nations" auf die Verfassung der USA hatte. Einige Kapitel waren voller Einzelbeispiele von Massakern und Schlachten, die in ihrer Fülle wenig zu meinem tieferen Verständnis beitrugen. Während der Autor in den ersten Kapitel noch darlegt, wie vielfältig die Kultur und Stämme auf dem riesigen Gebiet waren, so neigt er später doch zu leichten Pauschalisierungen. Manche Passagen wirken dann wieder wie eine Sammlung von Geschichten zu einem Thema und greifen diverse Einzelschicksale auf, was ich im Lesefluss phasenweise ermüdend fand, während ich andere Beobachtungen, etwa zur Stellung der Geschlechter, wiederum recht differenziert und reflektiert fand.
Insgesamt ist das Konzept von Die ersten Amerikaner etwas holprig - einerseits Sammlung von Anekdoten, historischen Beispielen und Einzelschicksalen, die dadurch sicherlich gewürdigt werden, andererseits bemüht um eine korrigierende Darstellung des Indianerbildes in seiner Gesamtheit, was meines Erachtens nur mäßig gelingt, wobei ich dem Autor nicht absprechen möchte, sich in dem Themenkreis auszukennen. Ich würde das Buch nicht weiterempfehlen, vermutlich findet sich fundiertere, besser konzipierte Literatur zum Thema. 

Thomas Jeier, Die ersten Amerikaner - Eine Geschichte der Indianer. DAV, München 2011.

Monday, July 29, 2024

Tom Peine - Deputy While Immigrant

Thomas Peine wuchs in Gütersloh, NRW, auf, bevor ihn die Liebe in die USA umziehen ließ. Dort fasste er eine eher ungewöhnliche berufliche Entscheidung: Er wurde Sheriff! In Deputy While Immigrant schildert er seine Erfahrungen in der Ausbildung und in der beruflichen Praxis in Tucson, Arizona. Neben einem augenzwinkernden, aber immer respektvollem Blick auf die US-amerikanischen Strukturen, die sich erwartungsgemäß sehr von den deutschen in diesem Bereich unterscheiden, erzählt er anschaulich von den Einsätzen, die ihn am meisten geprägt oder beeindruckt haben. Er reflektiert dabei auch die berufliche Realität und streut natürlich auch Privates ein. So umfasst seine berufliche Laufbahn auch noch eine Zeit als Detective und eine Anstellung in der Öffentlichkeitsarbeit der Polizei.
In der Tat kannte ich einige von Toms Geschichten schon, da ich das Vergnügen hatte, ihn vor einigen Jahren in Gütersloh zu treffen. Schon damals berichtete er mit großer Begeisterung und sehr anschaulich von seinen Erfahrungen in diesem für einen Deutschen eher ungewöhnlichen Beruf. Diese Begeisterung finde ich in seinem Buch wieder und mir gefällt der tiefe Respekt, den er für die Polizeiarbeit hat. Dabei geht es ihm auch um die gesellschaftliche Wahrnehmung, um Fairness und Angemessenheit - aktuelle Veränderungen in der Polizeiarbeit und der Legislative sieht er zum Teil kritisch.
Insgesamt nimmt Deputy While Immigrant den Leser mit auf eine interessante persönliche Reise und gewährt Einblicke in die in Film und TV eher verklärte oder dramatisierte Realität der Polizeiarbeit.

Tom Peine, Deputy While Immigrant. IndieOwlPress 2023.

Sunday, June 30, 2024

Alexandra Heminsley - Leap In

2024 ist ein Schaltjahr, a leap year. Deswegen enthält die Popsugar Reading Challenge dieses Jahr den task "A book with the word "leap" in the title". Es fand sich nichts wirklich Passendes in deutscher Übersetzung, also wurde es ein englischer Titel: Alexandra Heminsley ist eine britische Journalistin und Autorin, die zunächst das Laufen lernte (Running Like a Girl) und sich als nächstes vornahm, in offenen Gewässern zu schwimmen. Daraus resultierte das  2017 erschienene Buch Leap In - A Woman, Some Waves and the Will to Swim.
Der erste Teil des Buches ist eine autobiographische Schilderung ihrer Fortschritte beim Erwerb eines brauchbaren Schwimmstils und dem Überwinden persönlicher Schwierigkeiten. Letztere sind weniger physischer als vielmehr psychischer Natur. Ihre Schilderungen sind emotional, aber reflektieren immer wieder ihren eigenen Prozess und betonen die Wichtigkeit, das Leben zu leben und nicht nur zuzusehen, weswegen sie sich immer wieder neue Ziele setzt, auch wenn sie dabei oder gerade weil sie dabei an ihre Grenzen gehen muss.
Der zweite Teil ist eine Mischung aus einem historisch-praktischen Sachbuch über das Schwimmen, Literaturtipps und ein Ratgeber für Schwimmequipment. Dieser Teil hat mich wenig begeistern können, weswegen ich ihn stellenweise nur überflogen habe.
Insgesamt war es wieder einmal ein durchaus lohnenswertes Buch (bezogen auf Teil 1), das ich ohne die Reading Challenge sicherlich nicht gelesen hätte.

“It had taken years to accept that yes, my body had value, but that value lay more in where it could take me, what it could show me, than in any perceived visual pleasure it could provide for others.”
Alexandra Heminsley, Leap In - A Woman, Some Waves and the Will to Swim. Hutchinson, London 2017.

Nico Paech - Befreiung vom Überfluss

Nico Paechs Streitschrift Befreiung vom Überfluss ist zwar bereits 2011 erschienen, aber seine Überlegungen sind heute genauso eindringlich. Ich maße mir nicht an, alles im Detail verstanden zu haben und manche Passagen habe ich nur oberflächlich gelesen. Das Wachstum nichts ist, was in dieser Welt noch lange tragbar sein wird, ist angesichts der sich dramatisierenden Klimakrise offensichtlich. Wir leben maßlos und Paech legt den Finger darauf, dass unsere Bemühungen den Wachstum mit nachhaltigeren Technologien reinzuwaschen nur
Augenwischerei sind. Gleichzeitig Konsumwahn und Zeitmangel - die Menschen werden nicht glücklicher.
Der Autor skizziert einen Gegenentwurf, die Postwachstumsökonomie. Einige der Ideen sind vielleicht seit dem ersten Erscheinen des Buches schon präsenter, aber immer noch ist es eine Minderheit von Menschen, die genügsamer leben wollen, weniger ist mehr und macht vermutlich glücklicher. 

Dennoch glaube ich, angesichts der heutigen Lage, dass die Wachstumsgesellschaft an einem Punkt katastrophal zusammenbrechen wird, anstatt sie, wie von Paech angedacht, Schritt für Schritt in eine ökologisch und sozial verträglichere Gesellschaft zu verwandeln. Es lohnt sich aber, darüber nachzudenken, wie zumindest eine kleine persönliche Befreiung vom Überfluss aussehen könnte. 

Nico Paech, Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie. oekom, München 2011.

Saturday, May 18, 2024

Florian Illies - 1913 - Der Sommer des Jahrhunderts

Florian Illies 1913 - Der Sommer des Jahrhunderts ist ein ungewöhnliches Buch. Es ist nicht wirklich ein sachliches Sachbuch, es ist auch kein Roman, es ist keine Chronik, keine Biographie und enthält doch vieles davon. 

Aus dem Klappentext: "1913: Es ist das eine Jahr, in dem unsere Gegenwart begann. In Literatur, Kunst und Musik werden die Extreme ausgereizt, als gäbe es kein Morgen. Zwischen Paris und Moskau, zwischen London, Berlin und Venedig begegnen wir zahllosen Künstlern, deren Schaffen unsere Welt auf Dauer prägte. Man kokst, trinkt, ätzt, hasst, schreibt, malt, zieht sich gegenseitig an und stößt sich ab, liebt und verflucht sich."

Illies verdeutlicht mit seinen kleinen biographischen Anekdoten den Aufbruch in die Moderne in Kunst, Musik und Literatur, aber auch in anderen Disziplinen, stellt aber auch die Verzweiflung seiner Protagonisten dar, denn es droht schon der erste Weltkrieg und auch der österreichische Postkartenmaler hat bereits seinen Auftritt. Was entsteht ist ein sehr farbenfrohes, abwechslungsreiches Tableau der Zeit, in dem es Spaß macht, mit den Charakteren umherzuwandeln und das neugierig macht auf seine Protagonisten, sofern sie einem nicht schon bekannt sind. Die Querbezüge - teils real, teils mit einem Augenzwinkern als Möglichkeit erwähnt - machen Spaß und zeigen eindrücklich, was da zu Beginn des 20. Jahrhundert an faszinierenden Strömungen existierte und sich gegenseitig beeinflusste. 

Florian Illies, 1913 - Der Sommer des Jahrhunderts. DAV 2012.

Friday, July 28, 2023

Christine Thürmer - Laufen. Essen. Schlafen.

Christine Thürmer hat mit Laufen. Essen. Schlafen. ein Buch über ihre persönlichen Erfahrungen und Erinnerung beim Langstreckenwandern in den USA geschrieben. 12.700 Kilometer ist sie zu Fuß auf den drei großen Langstreckentrails gegangen, die jeweils Mexiko und Kanada verbinden: Der Pacific Crest Trail, der Appalachian Trail und der Continental Divide Trail.
Natürlich ist es auch eine Abenteuergeschichte, denn bei so vielen Kilometern durch absolute Wildnis, gibt es Grenzerfahrungen von Hunger, Durst, Krankheit, Kältetod und Begegnungen mit wilden Tieren. Sie schildert häufig aber auch die eindringlichen Begegnungen mit den Menschen auf und am Rande des Trails. Erstere sind sich oft schnell verbunden, weil sie mit den gleichen Problemen konfrontiert werden, letztere, die Trail Angels, sind manchmal die Rettung in schweren Situationen. Thürmer schildert ihre Entscheidungsprozesse, sich von einem konventionellen Leben mit Job und Wohnung abzuwenden und tatsächlich nur noch mit ultraleichtem Gepäck zu reisen und minimalistisch zu leben. Obwohl der dritte Trail der USA offensichtlich emotional nicht einfach war, kommt sie zu der Erkenntnis, dass sie dieses Leben glücklich macht.
Interessant ist die Schilderung der Community unter den Langstreckenhikern und beachtlich ist, wie viele Strapazen die Autorin bewusst auf sich nimmt, um dieses Leben zu führen. Trotz der für mich interessanten Thematik hat mich Laufen. Essen. Schlafen. erzählerisch nicht so sehr überzeugt, für einen Erlebnisbericht war es manchmal nicht emotional genug, für ein Sachbuch fehlten meines Erachten Informationen an der ein oder anderen Stelle. Dennoch habe ich Hochachtung vor der Leistung und Willensstärke. 

Christine Thürmer, Laufen. Essen. Schlafen. Piper, München/Berlin 2016.

Thursday, July 20, 2023

Katja Lewina - Sie hat Bock

Katja Lewina veröffentlich mit Sie hat Bock eine Sammlung ihrer (zum Teil überarbeiteten und erweiterten) Essays. Laut dem Klappentext führt sie "die Debatte über weibliches Begehren fort und erforscht entlang ihrer eigenen erotischen Biografie, wie viel Sexismus in unserem Sex steckt. Kindliche Masturbation, Gynäkolog*innenbesuche, Porno-Vorlieben oder Fake-Orgasmen: Kein Thema ist ihr zu intim." 
Es ist in der Tat eine ganz beachtliche Bandbreite an Themen, die sie aufgreift. Allen ist gemein, dass sie den Finger darauf legt, wie stark die weibliche Sexualität durch die von patriarchischen Strukturen geprägte gesellschaftliche Norm eingeschränkt wird, wie wenig sich Frauen auch im 21. Jahrhundert ihrer eigenen Körperlichkeit und Lust bemächtigen und tun, was sie wollen und brauchen. Beachtlich finde ich, dass sie dabei sprachlich sehr klar ist und sich um eine Unterfütterung ihrer Behauptungen durch Studien und Quellen bemüht. Ihre persönlichen Erfahrungen und Anekdoten durchbrechen natürlich die Sachebene, aber dadurch sind die Essays auch allesamt gut lesbar und unterhaltsam. Natürlich wäre es ausgesprochen hilfreich, wenn viel mehr Frauen, aber besonders auch die Männer, sich auf diese Weise weiterbilden würden.

Katja Lewina, Sie hat Bock. Dumont 2020.

Saturday, June 10, 2023

Anja Siepmann - Gelassen arbeiten

In ihrem kurzen Band Gelassen arbeiten: Wie Achtsamkeit den Berufsalltag erleichtert beschreibt Anja Siepmann die positiven Effekte, die Achtsamkeit auf das Berufsleben haben kann.
Von einer allgemeinen Erläuterung zu den Grundprinzipien der Achtsamkeit und einer Basis-Atemübung (ABCD genannt) beschreibt die Autorin Effekte, die ein achtsamer Perspektivwechsel auf Prozesse am Arbeitsplatz haben kann. Sie weist darauf hin, das Multitasking nicht effektiv ist (m.E. ohnehin das komplette Gegenteil von Achtsamkeit), wie man mit E-Mails und Social Media umgehen sollte und wie Achtsamkeit auch die Effizienz von Meetings steigern und ärgerliche Joberfahrungen entspannen kann. Insgesamt sind die geschilderten Beispiele nachvollziehbar und weitgehend praxisnah. Sie weist kontinuierlich auf die Notwendigkeit von Achtsamkeitstraining und stetem Üben eines achtsamen Mindsets hin. Das klingt soweit plausibel, ist aber auch keine Offenbarung, wenn man sich schon einmal mit dem Konzept von Achtsamkeit beschäftigt hat. Insofern ist der Band kein Must-read, aber vielleicht ein Anstoß, sich noch einmal damit zu beschäftigen. 

Anja Siepmann, Gelassen arbeiten: Wie Achtsamkeit den Berufsalltag erleichtert. Scorpio, München 2018.

Tuesday, April 11, 2023

Jane Goodall - Grund zur Hoffnung

Jane Goodall (*1934) ist eine der bekanntesten Forscherinnen unserer Zeit. Seit 1956 ist sie in afrikanischen Ländern, besonders in Tansania, unterwegs, um das Leben und Verhalten von Schimpansen zu erforschen. Ihre Stiftung, das Jane Goodall Institute, wurde bereits 1977 zum Schutz der genetisch am engsten mit dem Menschen verwandten Affen gegründet. Sie setzt sich kontinuierlich für Arten- und Umweltschutz ein.

In ihrem Buch Grund zur Hoffnung schildert Goodall autobiographisch ihren Werdegang und besonders ihre spirituellen, christlichen Wurzeln. Natürlich werden die wichtigsten ihrer wissenschaftlichen Erkenntnisse zusammengefasst und in einen zeitlichen Kontext gesetzt, denn vieles, dass sie herausfand, wurde besonders zu der Zeit sehr kontrovers diskutiert und gilt heute aber als etabliertes Wissen. Besonders herausragend ist ihr Wille, ihren Horizont kontinuierlich zu erweitern, denn nach ihrer Schimpansenforschung wurde sie zu einer Umweltaktivisten und Tierschützerin im intensivsten Sinne, denn ihre Bekanntheit ermöglichte es ihr, intensiver Einfluss zu nehmen und mehr Gehör zu finden als andere. Sie greift bereits 1999 thematisch alles auf, was uns heute als dringlichste Probleme der (Um-)Welt beschäftigt. Wie der Titel des Buches Grund zur Hoffnung betont, will sie aber angesichts von Überbevölkerung, Umweltverschmutzung, Klimawandel und Artensterben nicht kapitulieren, sondern sieht vielmehr im Menschen die Fähigkeit, über sich hinauszuwachsen und die Probleme zu lösen. Diesen Glauben setzt sie in Bezug zu mehreren spirituellen Erlebnissen, die sie sowohl in Kirchen als auch in der Natur erlebt hat. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihrem Optimismus folgen kann, einige ihrer Geschichten und Berichte haben mich aber emotional sehr berührt. Das Buch ist in der Durchmischung von Biographie, Wissenschaft und Glauben sicher nicht für jeden das Richtige.


Jane Goodall, Grund zur Hoffnung. Goldmann, München 2021.

Sunday, November 27, 2022

Terry Pratchett - Dem Tod die Hand reichen

Wegen seiner Berühmtheit als einer der besten Fantasyautoren unserer Zeit erfuhr die ganze Welt 2007 von Terry Pratchetts Alzheimer-Diagnose. Fortan sprach er in zahlreichen Interviews von seiner Krankheit und wurde zu einem Aufklärer. 2010 schrieb er eine Rede für die Richard Dimbleby Lecture des BBC. Die Rede wurde unter dem Titel Dem Tod die Hand reichen veröffentlicht. Pratchett plädiert darin für das Recht auf einen selbstbestimmten Tod. Seine Argumentation ist nachvollziehbar und schlüssig, ich habe dem nichts hinzuzufügen und stimme ihm schlichtweg zu.

Terry Pratchett, Dem Tod die Hand reichen. Manhattan, München 2016.

Sunday, April 03, 2022

Isabel Allende - Was wir Frauen wollen

Als Was wir Frauen wollen 2020 erschien, war Isabel Allende 78 Jahre alt und glücklich verheiratet mit ihrem dritten Ehemann.
In sehr kurzen Kapiteln, eher Abschnitten oder Gedanken, geht Allende genau der Frage nach, die der Titel suggeriert: Was wollen Frauen eigentlich? Und daran anschließend der Folgefrage: Was hindert Frauen daran, zu bekommen bzw. zu erreichen, was sie wollen? 

Einige der Gedankengänge sind dabei sehr persönlicher und biografischer Natur, sie denkt viel über ihre Mutter, Großmutter und auch die männlichen Familienmitglieder nach, die sie geprägt haben. Dabei ist sie zwar kritisch, aber immer liebe- und verständnisvoll.
Deutlicher wird sie, wenn sie über den Machismo, das Patriarchat spricht. Sie spricht über geschichtliche Zusammenhänge, gesellschaftliche Strukturen und über das Interesse von Männern, diese zu erhalten, weil das bestehende System ihnen Vorteile bringt. Sie rechnet ab mit all den Grausamkeiten, unter denen Frauen fast überall auf der Welt zu leiden haben. Sie spricht über das Recht über den eigenen Körper bestimmen zu können - und denkt dabei über Genitalverstümmelung, Zwangsheirat, Verbot von Abtreibungen, Vergewaltigungen und sexuelle Ausbeutung nach. Sie spricht über Gleichberechtigung - und legt den Finger in die Wunde ungleich bezahlter Arbeit, die immer noch bestehende männliche Dominanz in vielen Berufsfeldern, sei es in der Politik, in der Wirtschaft oder in der Kunst. 

Sie spricht über Feminismus und dass dieser einschüchternd wirke, weil er "radikal daherkommt oder als Hass auf die Männer verstanden wird" - das haben wohl alle, die sich mit Feminismus beschäftigen schon einmal gehört. Sie definiert daher (S.19f.):

"Und worin besteht nun mein Feminismus? Dass es nicht darauf ankommt, was wir zwischen den Beinen, sondern was wir zwischen den Ohren haben. Er ist eine philosophische Haltung und eine Auflehnung gegen die Herrschaft der Männer. Er ist eine Form, die Beziehungen zwischen Menschen zu verstehen und auf die Welt zu schauen, er setzt auf Gerechtigkeit, kämpft nicht nur für die Emanzipation von Frauen, von schwulen, lesbischen und queeren Menschen (LGBTQIA+) und allen anderen, die durch das System unterdrückt werden, sondern von jeder Person, die sich anschließen möchte. Herzlich willkommen, würden die jungen Leute heutzutage wohl sagen: Je mehr wir sind, desto besser."

Einverstanden. 

Natürlich sind Allende Gedanken nicht alle neu und vielleicht sind sie auch nicht an allen Stellen zuende gedacht oder werden zu sehr vermischt mit ihrem eigenen Erleben. Aber es sind auch ihre persönlichen Erinnerungen und Beweggründe zu ihren Gedanken, die Was wir Frauen wollen zu einem besonderen Leseerlebnis werden lassen. Diese teils emotionalen Betrachtungen der gleichzeitig faktisch klar belegbaren Ungleichheit der Geschlechter spiegeln die weibliche Sicht auf die Welt und unterstreichen damit die Notwendigkeit, dass Frauen mehr Macht auf die Geschicke Welt ergreifen müssen, um die Gesellschaft - vielleicht - in eine bessere Zukunft zu lenken. Angesichts der ersten Monate der Corona-Pandemie schließt Allende ihr Buch mit folgendem Gedanken (S. 184f.):

"Wir wollen eine Welt, in der es Schönheit gibt, und nicht nur von der Art, die sich mit den Sinnen erfassen lässt, sondern auch eine Schönheit, die man wahrnimmt, wenn das Herz offen ist und der Geist klar. Wir wollen einen sauberen Planeten, bewahrt vor jeder Form von Aggression. Wir wollen eine Gesellschaftsordnung im Gleichgewicht, die nachhaltig ist und auf Respekt füreinander, für andere Spezies und die Umwelt insgesamt gründet. Wir wollen eine Gesellschaftsordnung, die alle einschließt und keinen bevorzugt, in der niemand diskriminiert wird aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, Klassenzugehörigkeit, Alter oder sonst einem Etikett, das uns auseinanderbringt. Wir wollen eine freundliche Welt, in der Frieden herrscht, Einfühlungsvermögen, Anstand, Aufrichtigkeit und Mitgefühl. Und vor allem wollen wir eine fröhliche Welt. Danach streben wir guten Hexen. Was wir uns wünschen, ist kein Luftschloss, es ist ein Vorhaben. Zusammen können wir Frauen das erreichen."

Isabel Allende, Was wir Frauen wollen. Suhrkamp, Berlin 2021.

Friday, September 17, 2021

Ta-Nehisi Coates - Zwischen mir und der Welt

Ta-Nehisi Coates, amerikanischer Autor und Journalist, geboren 1975, veröffentlichte Zwischen mir und der Welt im Jahr 2015 und erhielt dafür den National Book Award im Bereich Sachbuch. In Briefform erzählt Coates seinem Sohn in teils autobiographischen Episoden, teils in erklärenden Passagen, was es heißt, als schwarzer Mann in den USA zu leben. Sein Fokus liegt dabei auf der rassistischen Gewalt, die seiner Überzeugung und seinen Erfahrungen nach stets präsent und tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt ist. "White Supremacy" ist etwas, gegen das Schwarze immer werden ankämpfen müssen, die Ungerechtigkeit ist Teil der amerikanischen Gesellschaft. Sprachlich (und inhaltlich) eindrücklich ist dabei, dass er von der Zerstörung schwarzer Körper spricht - natürlich auch in Bezug auf Polizeigewalt (“The destroyers will rarely be held accountable. Mostly they will receive pensions.”), aber auch in anderen Lebensbereichen und besonders auch im Gefängnis. Seine Beispiele und Erzählungen sind anschaulich, aus meiner europäisch-weißen Sicht musste ich mich trotzdem manchmal anstrengen, die beschriebenen Ungerechtigkeiten als Realität anzuerkennen und so manches Mal schlucken.

An den Brief an seinen Sohn schließt sich ein zweiter Sachteil an, der "Plädoyer für Reparationen" betitelt ist und eine Übersetzung eines Essays aus dem Magazin The Atlantic ist. Am Beispiel des Immobilienmarktes zeigt Coates darin auf, wie Politik und auch die Gesetzgebung über Jahrzehnte Schwarze beim Hauskauf nicht nur benachteiligten, sondern regelrecht ausbeuteten, und was die dadurch entstehende  Einschränkung des Wohnortes für Folgen (Ghettobildung) auf den gesellschaftlichen (Nicht-) Aufstieg hatte. Er greift eine Forderung nach Reparationen für die jahrhundertelange Ausbeutung der Schwarzen auf und führt positive Effekte deutscher Reparationszahlungen für den begangenen Völermord an den Juden an Israel an. Entsprechende juristische Versuche werden jedoch abgeblockt, statt dessen findet weiterhin Ausbeutung und Segregation statt, wofür er erschreckend aktuelle Beispiele anführt. 

Für mich war es kein leichtes Buch, einiges blieb mir fremd. Ich habe aber viel gelernt, eine andere Perspektive eingenommen, Wissensinseln verbunden - eine lohnenswerte Lektüre. 

Ta-Nehisi Coates, Zwischen mir und der Welt. Hanser, Berlin 2014.

Sunday, June 27, 2021

Malala Yousafzai - Ich bin Malala

One child, one teacher, one pen and one book can change the world. 
Es ist nicht ganz einfach, beim Schreiben über dieses Buch die wahre Geschichte von der vorliegenden Verschriftlichung zu trennen. Malalas Geschichte war mir bekannt, aber mich interessierten die Hintergründe und Details. In diesem Buch werden sowohl ihre Kindheit und ihr frühes Engagement als auch die politischen Zusammenhänge, die zu dem Attentat auf sie führten, geschildert, Man erhält also eine Mischung von teils sentimentalen Kindheitserinnerungen, einen Einblick in die Familiengeschichte der Yousafzais und lernt etwas über die pakistanische Geschichte. Unklar ist mir, welchen Anteil die Co-Autorin Christina Lamb an diesem Buch hatte und welche der genannten Aspekte vielleicht redigiert wurden.
Phasenweise erschienen mir die Schilderungen etwas holprig zusammengestellt, anderes war sehr persönlich und anrührend. Ich bin froh, nun mehr über ihre Erfahrungen, Weltsicht und Wünsche zu wissen. Ihr Engagement und ihre Überzeugungen sind ehrenwert und unterstützenswert, die an das Ende des Audiobooks angehängte Übersetzung ihrer UN-Rede 2013 belegt dies in überzeugender Weise. Ihrem Wunsch nach Bildung für alle - insbesondere für Mädchen und Frauen - kann ich nur uneingeschränkt zustimmen.

We cannot all succeed when half of us are held back.

Malala Yousafzai, Ich bin Malala: Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft. Argon 2012.