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Friday, October 17, 2025

Martin Suter - Elefant

Der Elefant ist nur 30cm groß, rosa und er leuchtet im Dunkeln. Grund genug, dass der obdachlose, alkoholkranke Protagonist Schoch an eine Halluzination glaubt, als er den ersten Blick auf ihn wirft. Er versucht ihn zu füttern, was ihn einige Stunden später, ernüchtert und besorgt, in eine Tierklinik führt. Von da an betreiben er und die Tierärztin ein Versteckspiel, um den kleinen Elefanten vor seinen Verfolgern zu schützen. Er ist das Ergebnis eines Genexperiments und sein Schöpfer Roux will ihn unbedingt zurück, um ihn für weitere Versuche und Profit zu benutzen. Auch der Elefantenpfleger Kaung aus dem Zirkus, aus dem die Leihmutter des rosa Wunders stammt, ist auf der Suche nach dem Tier - allerdings weil er ihn als heilig und deswegen schützenswert findet. 
Erzählt wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven der Beteiligten und auf mehreren Zeitebenen, um den Lebensweg des Elefanten darzustellen. Die Beschreibungen dieses kleinen Tieres sind sehr liebevoll und niedlich, so dass man auch als Leser:in von dem Elefanten verzaubert wird. Durch ihre Beschäftigung mit dem Tier reflektieren die Schoch, die Tierärztin und auch Kaung ihre eigene Lebenssituation, treffen Entscheidungen und wachsen dadurch. Einige Szenen sind gewollt ironisch-komisch, andere ein wenig kitschig, vor allem am Ende. Die dargestellten Problematiken (Gentechnik, Alkoholismus, ...) gehen nicht so sehr in die Tiefe, dafür ist Elefant von Martin Suter aber durchweg unterhaltsam, auch durch die sehr gute Lesung von Gert Heidenreich.
 
Martin Suter, Elefant. Diogenes 2017.

Sunday, January 12, 2025

Sarah Pearse - Das Sanatorium

Das Sanatorium von Sarah Pearse ist ein weiterer "Locked Room"-Thriller über den ich leider nichts Gutes schreiben kann. Protagonistin Elin, eine psychisch angeschlagene britische Polizistin, reist mit ihrem Partner in ein neues Luxushotel in den Schweizer Alpen, um der Verlobungsfeier ihres entfremdeten Bruders beizuwohnen. Sie will auf keinen Fall dort sein aus einer ganzen Reihe von Gründen. Während der Evakuierung des Hotels wegen eines Schneesturms taucht die erste Leiche auf, weswegen einige Angestellte und Gäste im Hotel verbleiben müssen. Allen Wahrscheinlichkeiten und Regularien zum Trotz überträgt die Schweizer Polizei Elin telefonisch einige Ermittlungen, in die sie sich Hals über Kopf, aber komplett ohne Verstand stürzt. Die inneren Monologe zu ihren Überlegungen, was wie zusammenhängen könnte, sind schmerzhaft. Sie kommt eigentlich nur weiter, wenn die nächste Katastrophe (Leiche) auftaucht und sie quasi über Beweise stolpert (gern in Form von Briefe, USB-Sticks, Mappen mit Dokumenten). Dabei hat die Autorin Spaß daran, Elin mehrfach völlig falsche Schlussfolgerungen ziehen zu lassen, während diese Leserin nur mit den Augen rollen konnte. Am Schluss war das alles extrem schwer zu ertragen, vor allem auch, wie x-mal eine Art Ahnung in ihren Augenwinkeln aufblitzt, um dann gleich wieder zu verschwinden (Chlorgeruch.) Mich hat die (unfassbar unpassende) Auflösung dann wirklich überhaupt nicht mehr interessiert. Andere No-Gos: Der Epilog mit dem herbeigezwungenen Hinweis auf einen Folgeband, die miese Aufklärung um den verstorbenen Bruder der Geschwister (Nebenbeitrauma, das keiner ernstnimmt?!), der plötzliche Verlust ihrer Ängste/Panikattacken, das beliebige Hin und Her bei den Motiven (historisch, persönlich...), um hinterher eine bekloppte Mischung als Gründe für die Morde zu präsentieren... argh!
Ich höre jetzt auf und ende mit meiner Empfehlung: Auf gar keinen Fall lesen!

Sarah Pearse, Das Sanatorium. Der Hörverlag 2020.

Sunday, September 18, 2022

H.D. Walden - Ein Stadtmensch im Wald

Als die Corona-Pandemie ausbricht, verkriecht sich der Autor H.D. Walden (eigentlich Linus Reichlin, Schweizer Schriftsteller und Journalist) in einer Hütte im Wald in Brandenburg, während seine Freundin als Krankenschwester im Krankenhaus extra Schichten erträgt. In Ein Stadtmensch im Wald berichtet er von seiner totalen Entschleunigung dort im Wald. Er liest, er beobachtet die Vögel und später auch Waschbär, Igel und Fuchs. Er hat keine Ahnung von Tieren und keine Erfahrung in der Natur. Schritt für Schritt nähert er sich den Tieren an, indem er sie füttert und mit ihnen spricht und dazwischen einige Google-Recherchen betreibt. Dabei betrachtet er seine Unkenntnis durchaus mit einer guten Portion Selbstironie und einige der Erlebnisse mit "seinen" Tieren sind wirklich witzig beschrieben. Später wird die Geschichte etwas schräg, als er den Waschbären, den er als sein Haustier betrachtet, vor dem vermeintlichen Abschuss einer Jägerin retten will und dafür mehrmals täglich zu einem Ansitz wandert. Er wird in der Idylle rastlos, während seine Freundin schon längst erkannt hat, dass er wieder unter Menschen muss.
Es ist ein kurzes Buch mit schönen Illustrationen von Elisa Rodriguez Scasso mit einigen unterhaltsamen Passagen, allerdings hat es mich an keiner Stelle völlig begeistern können, dafür war noch zu wenig Wald und zu viel Vermenschlichung der Tiere darin für meinen Geschmack, wenngleich ich den Gedanken, dass das Verbleiben in der Natur schließlich zu einer anderen Wahrnehmung von Zeit und dem, was wichtig ist, führt, bestechend finde. 

H.D. Walden, Ein Stadtmensch im Wald. Galliani, Berlin 2021.

Wednesday, October 13, 2021

Gottfried Keller - Kleider machen Leute

Der Schneidergesellen Wenzel Strapinski aus Kleider machen Leute ist arm und zu Fuß unterwegs, als er von einem Kutscher eingeladen wird, in der leeren Kutsche mitzufahren. So gelangt er nach Goldach, und weil er gute Kleidung trägt und in der Kutsche vorfährt, hält man ihn für einen polnischen Grafen.
Aus verschiedenen Gründen unterlässt er es immer wieder, das Missverständnis aufzuklären und fügt sich in die Rolle, die ihm zunehmend gefällt. Dramatisch wird es, als er sich in die Tochter des Amtsrates verliebt und sie sich verloben. Sein Konkurrent findet heraus, wer er wirklich ist, und stellt ihn auf seiner Verlobungsfeier bloß. Doch der Skandal führt nicht zum gewünschten Erfolg, denn seine Verlobte gibt Wenzel nicht auf und heiratet ihn dennoch. Mit ihrer Hilfe baut er sich eine erfolgreiche Existenz als Schneider auf.

Ich glaube nicht, dass ich Gottfried Kellers Klassiker zuvor gelesen hatte, wenngleich der Inhalt natürlich bekannt ist. Es war relativ kurzweilig anzuhören in der Audiobook-Fassung. Der Wikipedia-Artikel liefert noch einige interessante Bezüge... Eine Klassiker-Leselücke geschlossen.

Wednesday, April 14, 2021

Johanna Spyri - Heidis Lehr- und Wanderjahre

1880 veröffentlichte die Schweizerin Johanna Spyri ihr Buch Heidis Lehr- und Wanderjahre, das zu einem Klassiker der Kinderliteratur wurde und oft verfilmt wurde. Kinder der 80er haben die Zeichentrickserie sicher noch vor Augen...

Das Setting zu Beginn ist tragisch: Die achtjährige Heidi hat beide Eltern verloren, wurde erst von der Großmutter, dann von der Tante aufgezogen. Letztere gibt sie aber kurzerhand wegen eines guten Jobangebots bei dem grantigen Großvater väterlicherseits in den Schweizer Bergen ab. Der ist zwar wortkarg und sozial isoliert, aber dennoch dem Kind zugetan, weil es sich auch sehr angepasst und freundlich verhält. Und durch seine freundliche Art schafft es "das Heidi" leicht, auch zu den wenigen anderen Menschen, die es in der Einsamkeit der Alm gibt, freundschaftlichen Kontakt herzustellen - und zwingt damit den Großvater zumindest nicht mehr gar so unfreundlich zu sein.
Dann schlägt das Schicksal noch einmal zu, wieder in Form der etwas herzlosen Tante, die es eine gute Idee findet, Heidi nach Frankfurt zu verpflanzen, um dort einer gelähmten Tochter aus reichem Hause Gesellschaft zu leisten. Gesellschaftlich sicher ein Aufstieg, aber Heidi leidet dermaßen an Heimweh, dass sie wortwörtlich beinahe umkommt. Kurz lernt sie noch lesen und ein bisschen mehr von der Welt kennen, dann hat der Hausherr Erbarmen und lässt sie zum Großvater zurückschicken.
Mit einer aus heutiger Sicht gewissen Portion Kitsch und überzogener Selbstlosigkeit und Nächstenliebe verteilt Heidi zuhause ihre überbordende Zuneigung und Geschenke und bringt damit allen Freude und schließlich sogar den Großvater dazu, sein Herz zu öffnen. Die Geschichte vom verlorenen Sohn, die Heidi aus dem aus Frankfurt mitgebrachten Buch vorliest, lässt den Großvater wieder den Weg in die Kirche und zu den Menschen zurückfinden. Dieser letzte Teil ist rührselig, rundet aber dennoch die Geschichte ab, indem der von Heidi geliebte Großvater auch bei den anderen Bewohnern Anerkennung findet, nicht zuletzt dafür, dass er das Kind aufgenommen und fürsorglich aufgezogen hat. 

Natürlich ist Heidi ein Charakter, der aus heutiger Sicht zu gut ist, um wahr zu sein. Die geschilderte Idylle in den Alpen ist eher phantastischer Sehnsuchtsort als echter Lebensraum, die Bekehrung des Großvaters ein moralischer Wunschtraum. Aber auch dafür lesen wir, für die Auszeiten an beschaulischen Orten, wo die Welt und die Menschen im Einklang miteinander sind und alles am Ende gut wird.

Tuesday, June 02, 2020

Alex Capus - Königskinder

Alex Capus' Königskinder ist eine doppelte Liebesgeschichte. Max und Tina schneien auf einem Alpenpass ein und anstatt sich wie sonst immer andauernd zu streiten, erzählt Max Tina die Geschichte von Jakob und Marie. Die Geschichte nimmt ihren Anfang genau an eben diesem Alpenpass, der arme Kuhhirte aus dem Greyerzerland verliebt sich in Marie, die Tochter des reichen Bauern, der ihre Verbindung zu verhindern sucht. So wird Jakob erst Söldner und kommt dann an den (Bauern-) Hof des dem Untergang geweihten Ludwig XVI. Erst über diesen Umweg können die zwei Liebenden sich zusammentun, während auf dem Pass wieder die Sonne aufgeht und die Schneefräse Max und Tina befreit.
Es ist ein großer Spaß, wie Capus sprachlich den Bogen zwischen heute und damals schlägt, seine Erzähler Max gegenüber der kritischen Tina die Schwachstellen der Geschichte - aus heutiger Sicht - verteidigen lässt und gleichzeitig der Liebe in ihrer Schlichtheit - sie ist einfach - heute wie damals Raum gibt.

Alex Capus, Königskinder. Hanser, München 2018.





Thursday, December 12, 2019

Pascal Mercier - Nachtzug nach Lissabon

Der 2004 erschienene Roman Nachtzug nach Lissabon des Schweizer Autors Pascal Mercier (eigentlich Peter Bieri) war vor allem in Deutschland ein großer Erfolg und wurde bislang in 32 Sprachen übersetzt.
Der Roman erzählt die Geschichte von Raimund Gregorius, einem 57 Jahre alten Lehrer für alte Sprachen an einem Berner Gymnasium. Nach seiner Scheidung lebt er allein und mehr in seinen Büchern als in der realen Welt. Sein Zusammenstoß mit einer jungen Portugiesin, die in Bern auf einer Brücke steht und in den Tod springen will, reißt ihn aus den gewohnten Bahnen. In einem Antiquariat stößt er schicksalhaft auf ein portugiesisches Buch von Amadeu Inácio de Almeida Prado. Dessen Worte treffen ihn in der Seele und so macht er sich Hals über Kopf auf nach Lissabon, wo er sich auf die Spuren des Autors macht. Die Suche endet auch dann nicht, als er feststellen muss, dass Prado schon seit 30 Jahren tot ist. Er dringt tiefer in die Geschichte dieses Mannes und der ihn umgebenden Menschen vor, erfährt von der düsteren Seite der portugiesischen Historie ("Estado Novo") und lernt nebenbei Menschen kennen, die ihn dazu bringen, seine Sicht auf sich und die Welt zu ändern.
Nachtzug nach Lissabon ist keine leichte Belletristik, sondern ist gespickt mit philosophischen Überlegungen, die seinen Hauptfiguren in Geist, Herz und Mund gelegt werden. Die Geschichte, in die diese Dinge eingebettet werden, ist durchaus interessant, aber nicht immer spannend. Beim Audiobook ergibt sich dabei das Problem, dass mit größerer Konzentration gehört werden muss als bei einem beliebigen Thriller oder Unterhaltungsroman, da man sonst Zusammenhängen und Gedankengängen nicht mehr folgen kann. Die Stimme von Walter Kreye passt hingegen hervorragend zur Figur des Greorius, was das Hören wiederum lohnenswert macht.
Insgesamt finde ich den Roman dennoch sperrig, schwer verdaulich sozusagen, und, obwohl sprachlich geschliffen, hat er mich nicht allzu sehr in seinen Bann ziehen können.

Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon. Hörbuch Hamburg 2007.

Thursday, June 06, 2019

Postcrossing - still great

After taking a break from writing cards due to serious work overload I sent out some card two and a half weeks ago. Here's what I received in return already! All my wishes fulfilled! 

A great ocean-related art card:
Vincent Van Gogh: The Sea at Les Saintes-Maries-de-la-Mer (1888)
sent by Nicole from the Netherlands

Inger Nilsson as Pippi Longstocking by Astrid Lindgren (1969)
sent by Claudia from Switzerland

A cute illustration card:
"Peekamew" by Alicia Souza
sent by Clare from the UK

first lighthouse card, sent by Lee from the USA

second lighthouse card,
Quimper lighthouse,
sent by Christelle from Brittany, France

Amazing black and white card:
Robert Doisneau; "La Sonnette", Paris 1934
sent by Tonia, an artist herself, from Paris, France

Moominmama (Tove Jansson)
sent by Raili from Espoo, Finland

Thursday, December 14, 2017

Eveline Hasler - Engel im zweiten Lehrjahr

Die kurze Weihnachtsgeschichte Engel im zweiten Lehrjahr der Schweizer Autorin Eveline Hasler erzählt von dem jungen Engel Eleusius, der am Weihnachtsabend - wie alle Engel im ersten oder zweiten Lehrjahr - auf die Erde reisen darf. Dort dürfen die Engel ein wenig Freizeit verbringen, sollen aber auch die himmlische Botschaft verkünden.
Eleusius reist nach New York und macht einigen Unfug (aus Himmelsperspektive), betrachtet dabei aber alle Menschen, denen er begegnet, mit helfendem Blick und erschafft so manches kleine und mittlere Weihnachtswunder.
Es ist eine heitere Geschichte, die naiv-humorvoll von menschengleichen Engeln erzählt und dennoch die Weihnachtsbotschaft in ihrer Schlichtheit zu vermitteln weiß.
Phasenweise gleitet die Geschichte ins Slapstickartige und Klischeehafte ab, was die Weihnachtsstimmung etwas konterkariert. Nett erzählt, aber doch nicht mehr.

Eveline Hasler, Engel im zweiten Lehrjahr. Steinbach sprechende Bücher 2009. 

Sunday, September 03, 2017

Martin Suter - Allmen und die Libellen

In dem ersten Band von Martin Suters Reihe um Johann Friedrich von Allmen, kurz Allmen, wird dieser ausführlich vorgestellt. Als Sohn eines reichen Bauern hat er eine exquisite Ausbildung ohne finanzielle Sorgen erhalten und genießt alle Vorzüge davon in vollen Zügen - bis ihm das Geld ausgeht! Allmen ist verarmt, lebt nur noch in seinem eigenen Gärtnerhaus mit dem letzten seiner Angestellten (Carlos) und setzt alles daran, seinen Lebensstil weiter aufrechtzuhalten, ohne dass auffällt, dass er sich diesen eigentlich nicht mehr leisten kann. Dabei hat er schon des Öfteren zu kleinen Diebereien gegriffen, um die laufenden Kosten decken zu können. Im Haus einer Geliebten entdeckt er fünf Jugendstilvasen von großer Schönheit und Seltenheit - als er diese an sich nimmt, bringt er damit Ereignisse in Gang, mit denen er nicht gerechnet hatte, denn diese Vasen wurden bereits zuvor entwendet... 
Suter entwirft mit Allmen einen extravaganten Charakter, einen sehr andersartigen Ermittler, dem er mit Carlos ganz klassisch einen Alleskönner als Helfer und Assistenten an die Seite stellt. Allmen und die Libellen beginnt langsam und das Erzähltempo steigert sich kontinuierlich, bis sich am Ende Allmens und Carlos Schlauheit auszahlt - wenn auch nur auf begrenzte Zeit, denn Allmen kennt kein Maß und kein Witschaften, sondern gibt sich hemmungslos seinen Vergnügungen hin. Besonders deswegen ist er für mich kein sympathischer Protagonist, sondern eher ein Antiheld. Kriminell, selbstsüchtig, manipulativ. Der Fall selbst ist elegant entwickelt und schlau aufgelöst, dennoch habe ich zunächst keinen Wunsch, mehr Zeit mit Allmen zu verbringen. 

 Martin Suter, Allmen und die Libellen. Zeit-Krimi-Edition 2014.

Sunday, February 12, 2017

Friedrich Dürrenmatt - Der Richter und sein Henker


Friedrich Dürrenmatt veröffentliche seinen Kriminalroman Der Richter und sein Henker 1950/51 in acht Folgen in einer schweizer Wochenzeitung.
Kommissar Bärlach ermittelt im Fall der Ermordung seines besten Mitarbeiter Schmied. Da er selbst krank ist, übergibt er vieles an den Kriminalbeamten Tschanz. In Verdacht steht Gastmann, jedoch soll gegen diesen eigentlich nicht ermittelt werden, weil Gastmann wichtige politische Kontakte hat. Es stellt sich außerdem heraus, dass Bärlach und Gastmann sich nicht nur kennen, sondern dass sie eine jahrzehntelange Fehde verbindet. Bisher konnte Gastmann immer triumphieren und kam mit seinen Verbrechen davon.
Doch diesmal ist Bärlach schlauer und trickst ihn mit Hilfe von Tschanz, den er ihm als "Henker" auf den Hals hetzt, mit einem Verbrechen aus, dass Gastmann gar nicht begangen hat. Bärlach gewinnt scheinbar auf allen Ebenen, denn er entlarvt zugleich auch den echten Mörder von Schmied - dieser richtet sich am Ende selbst.

Das Genre des Kriminalromans hat Dürrenmatt mehrfach beschäftigt - in Die Physiker kommt der Kommissar moralisch und fachlich an seine Grenzen und scheitert kläglich an seiner Aufgabe, das Verbrechen aufzuklären. Hier spielt sich Bärlach - wie im Titel verankert wird - als Richter auf , eine echte Ermittlung findet nicht statt, da Bärlach von Beginn an weiß, wer der Mörder ist. Zwar konnte er seinen Gegenspieler Gastmann nie auf legalem Wege überführen, aber schafft er es in dem Moment, als er zu unrechten Methoden greift. Ein solcher Handlungsaufbau widerspricht dem klassischen Krimigenre und stiehlt dem Krimileser auch das übliche Vergnügen der Spannung, des Mitratens und der moralischen Befriedrigung, dass Unrecht gerecht bestraft wird. 
Literarisch betrachtet und in Bezug auf das Genre Kriminalroman ist Der Richter und sein Henker sicherlich interessant, Spannung kommt dagegen weniger auf, zum Glück ist der Roman auch nicht sehr lang.

Friedrich Dürrenmatt, Der Richter und sein Henker. Süddeutsche Zeitung Bibliothek, München 2004.

Wednesday, December 23, 2015

Lisa Tetzner - Die schwarzen Brüder


Lisa Tetzner (1894-1963) ist eine deutsche Exilliteratin, die sowohl mit Hermann Hesse und Bert Brecht bekannt war. Sie war verheiratet mit Kurt Held (Autor von Die rote Zora). Die Nationalsozialisten zwingen sie zur Flucht  in die Schweiz. Nach dem zweiten Weltkrieg förderte sie phantastische Kinderliteratur  (u.a. Astrid Lindgren) und übersetzte C. S. Lewis' erstes Narnia-Buch.
Die Schwarzen Brüder (erstmals erschienen 1941 und eigentlich von Tetzner und Held gemeinsam verfasst) handelt von einem Jungen namens Georgio aus dem Schweizer Tessin. Seine Eltern müssen ihn wegen existentieller Nöte an einen Menschenhändler verkaufen, der ihn nach Mailand bringt, wo er wie viele andere Jungen aus seiner Region als Kaminkehrerjunge arbeiten muss.
Anschaulich wird die Not der Jungen beschrieben, die nicht nur die körperlich harte und gesundheitsschädigende Arbeit, sondern auch schlechte Behandlung, Ernährung und Unterbringung durch ihre Meister ertragen müssen. Sie schließen sich zu einer Bande, den Schwarzen Brüdern, zusammen und können in der Gemeinschaft besser überleben, da sie sich gegenseitig unterstützen. Eine wirkliche Wende tritt aber erst ein, als ein tessinischer Arzt per Zufall auf Georgio trifft und sich des Jungen annimmt. Durch diese Begegnung schöpfen die Jungen Hoffnung und fassen Mut zur Flucht.
Es ist eine anrührende Geschichte basierend auf historischen Fakten mit einem vielleicht etwas moralisch zu integrem Protagonisten, auch der Bandenzusammenhalt und der Ehrbegriff der Jungen wirkt etwas idealisiert, aber nicht bis zur Unglaubhaftigkeit.
Dietmar Bär liest gewohnt exzellent und verleiht diesem Kinderbuchklassiker und den Schwarzen Brüdern eine sonore Stimme.

Lisa Tetzner, Die schwarzen Brüder. Sauerländer Audio 2014.

Friday, October 09, 2015

Gone

Today is World Post Day and I received this card from Sabine from Austria.
The artist is Nives Widauer (born 1965 in Basel, Switzerland) and, as Sabine told me, this work is a projection on an antique tapestry. It is called Gone and was created in 2011. 

Friday, April 17, 2015

Postcrossing - cards, cards, cards!

This post is meant to show the variety and greatness of cards you can get via postcrossing. These came during the last two weeks from eight different countries with some nice little stories about the people and places they live in.
Alphonse Mucha "Moravian Teachers' Choir", Prague 1911,
sent from Florida, USA

James Island, Washington Coast, USA

water card sent from Finland

another card from Finland, sent by a couple
lovely B&W + red card  - it took some detours apparently
and travelled 106 days from Switzerland



Uladzimir Prakaptsou "Early May Morning", 1996-2012, sent from Belarus

sent from China - no idea, what the text is about!


Winnie-the-Pooh from a Russian cartoon series

cute Easter card from the Netherlands

Slovakian card showing a part of a bridge over the Danube in Bratislava

Chicago skyline, USA

sepia B&W sent from Belarus


Friday, October 03, 2014

This week's cards


A card from Katryna in Lithuania showing the waves of the Baltic Sea. It made me feel sentimental because I'm not going to visit "my" Baltic Sea on Lolland, DK this year. 














Beautiful green card sent by Germaine from the Netherlands. I love the combination of green and water reflections.




This one is a selfmade photo card by Lysette, also from the Netherlands. She loves London and took this picture at Abbey Road. "Here comes the sun!"

















Little Red Riding Hood - very nice watercolour illustration by Margret von Borstel. The card arrived from Switzerland and was sent by Beryll.

Sunday, October 28, 2012

Andrea Fazioli - Am Grund des Sees

Andrea Fazioli lebt im Schweizer Kanton Tessin und lässt seine Romane auch dort spielen. 
Elia Contini ist Privatdetektiv und lebt zurückgezogen in den Bergen. Ganz in der Nähe gibt es einen Staudamm, der entstand, als er ein kleiner Junge war. Sein Elternhaus liegt auf dem Grund des Sees und seitdem ist auch sein Vater verschwunden. Nun soll der Staudamm erweitert werden und plötzlich werden der Bürgermeister und der planende Ingenieur ermordet. Contini beginnt Fragen zu stellen und wird damit selbst zum Verdächtigen...
Die Grundidee des Romans, das Setting und die Charaktere bieten durchaus Möglichkeiten für eine spannende Geschichte. Fazioli jedoch enthüllt Großteile seiner Geschichte völlig beiläufig, es ist bereits ab dem ersten Drittel klar, was geschehen ist und geschehen wird. Eine echte Wendung gibt es nicht, auch der Showdown ist trotz Schneesturm und Schusswaffen sehr vorhersehbar. 
Die eigentlich Frage, was mit dem Vater damals geschah, wird lapidar "heruntererzählt" von einer Augenzeugin in Briefform. Mit der Wiedergabe von Briefen, E-Mails und SMS versucht Fazioli mehrmals im Roman, seine Erzählform aufzulockern, auf mich wirkte dies aber eher wie eine Aneinanderreihung von Informationen, mit denen die Story vorangetrieben werden sollte. Insgesamt eher ein enttäuschender Roman trotz der guten Idee und des ungewöhnlichen Tessiner Schauplatzes.
 

Andrea Fazioli, Am Grund des Sees. btb Verlag, München 2009.

Saturday, July 23, 2005

Sein Name war Gantenbein... oder Enderlin... oder Frisch... oder... oder...

Habe ich dieses Buch verstanden? Ich weiß es nicht.
Habe ich dieses Buch gern gelesen? Ich glaube nicht.
Bin ich froh dieses Buch gelesen zu haben? Nun ja, ein Roman mehr von einem der großen Nachkriegsautoren, ein Aspekt mehr zu Frisch nach Biedermann, Homo Faber und den Andorranern. Am Ende denkt sich der Protagonist wieder mal auf ein Schiff, lechzt einer viel zu jungen Frau hinterher, die Lila heißt und irgendwie erfunden oder auch nicht ist und am Ende Pingpong spielt wie die Tochter des Homo Faber.
Ich glaube, ich habe doch gern auch eine verlässliche Handlung in einem Roman. Sie darf gern auch langsam voranschreiten und vielleicht auch lächerlich sein, aber diese quasi erfundenen und immer wieder revidierten und neu zusammengesetzten, geträumten Handlungen eines wie auch immer zu benennenden Protagonisten. Man kann noch nicht mal sagen, wer das aller erzählt! Man wird selbst leicht schizophren beim Lesen, möchte man sagen, stimmt natürlich auch nicht, aber man könnte sich vorstellen, dass es so sei. Oder auch nicht. Mein Name sei Lila. Oder auch nicht. Oder?

Max Frisch „Mein Name sei Gantenbein“. Süddeutsche Zeitung Bibliothek 2004, Band 32.