Wednesday, November 13, 2019

Cecilia Ahern - Zeit deines Lebens

Cecilia Aherns Roman Zeit deines Lebens spielt in der Vorweihnachtszeit. Der Protagonist Lou ist ein unangenehmer, egoistischer Zeitgenosse, der seine Familie für selbstverständlich erachtet, sich weder um Frau und Kinder noch um den 70. Geburtstag seines Vaters oder seine einsame Schwester kümmert. Ihn beschäftigt sein eigenes berufliches Fortkommen (um nahezu jeden Preis) und sein individuelles Vergnügen (Seitensprünge und Saufgelage). Das Schlimmste daran ist, dass er diese Einstellung für völlig in Ordnung hält, schließlich ist er derjenige, der das Geld herbeischafft.
Dies ändert sich auch nur nach und nach, als er aus einem Impuls heraus dem Obdachlosen Gabe (Gabriel!) einen Job in seiner Firma beschafft. Plötzlich ist Gabe überall und zwingt Lou sanft aber beharrlich, die Perspektive zu wechseln. So verändert er sich tatsächlich nach und nach in kleinen Schritten und mit Lou zusammen sinnieren wir über die Werte der Familie und den Sinn des Lebens.
Die Geschichte selbst wird in einer Polizeiwache erzählt von einem ungleichen Polizistenduo, um einem Jugendlichen die gleiche Lehre zu erteilen, die Lou erfahren hat. Und auch die Polizisten selbst bleiben nicht unberührt und treffen ebenfalls Entscheidungen für ihre Familien.
Der Roman endet mit einer dramatischen, tränenprovozierenden Schlusswendung, die aber trotzdem ein moralisches Happy End darstellt.
Mir war Zeit deines Lebens ein bisschen zu offensichtlich, ein bisschen überdeutlich in seiner Botschaft und der Protagonist in seiner Wandlung nicht ganz glaubhaft, auch wenn er insgesamt nicht schlecht konstruiert war.

Cecilia Ahern, Zeit deines Lebens. Argon 2009.

Saturday, November 09, 2019

Yrsa Sigurdadottir - Nebelmord

Nebelmord von Yrsa Sigurðardóttir ist ein gut konstruierter isländischer Thriller. Die drei zunächst scheinbar unabhängigen Handlungsstränge werden nach und nach miteinander verwoben bis zur Auflösung des Falls.
Eine dreiköpfige Familie kehrt nach einem USA-Urlaub mit Haustausch nach Hause zurück und ihnen fallen immer mehr Kleinigkeiten auf, die ihnen merkwürdig erscheinen - und wieso reagieren die Amerikaner nicht auf Anrufe und E-Mails?
Ein Wartungsteam und ein mitgereister Fotograf stranden im Sturm auf einer einsamen, schroffen Leuchtturminsel ohne zu wissen, wann sie wieder vom Hubschrauber abgeholt werden können.
Die Polizistin Nina befindet sich in einer privaten und beruflichen Krise: Ihr Mann liegt ohne Aussicht auf Besserung im Koma nach einem für sie unverständlichen Selbstmordversuch, während sie bei der Polizei gerade nur im Archiv arbeiten darf, nachdem sie einen Kollegen wegen unkollegialem und frauenfeindlichem Verhalten angezeigt hat. Im Archiv stößt sie allerdings auf alte Unterlagen, die ihren Mann betreffen: Als Kind hat dieser bei einem anderen Selbstmord als Zeuge ausgesagt und der Fall hat beängstigende Parallelen zu seinem eigenen Selbstmord. Sie beginnt zu recherchieren.
Nebelmord legt ein schnelles Erzähltempo vor, hält sich nicht mit Nebensächlichkeiten auf und trägt den Spannungsbogen bis zum Schluss. Allein der letzte Plottwist wirkt aufgesetzt, dabei hätte der Fall auch ohne diesen genug Spannung gebracht.

Yrsa Sigurðardóttir, Nebelmord. Argon 2014. 



Tuesday, November 05, 2019

Naomi Wood - Als Hemingway mich liebte

Als Hemingway mich liebte (Originaltitel: Mrs Hemingway) von Naomi Wood ist eine fiktive Sammelbiografie von den vier Ehefrauen von Ernest Hemingway. Als Quelle nutzte die Autorin Briefe und Telegramme und hält sich in ihrem Roman an historischen Rahmenfakten. In vier Teilen wird aus der Perspektive von Elizabeth Hadley Richardson (1891–1979), Pauline Pfeiffer (1895–1951),  Martha Gellhorn (1908–1998) und Mary Welsh (1908–1986) erzählt, wie ihre Beziehung zu dem berühmten Schriftsteller der Lost Generation begann und endete. Dabei liegt ein Fokus der Erzählung darauf, dass sich durch Hemingways schwieriges Verhalten und Empfinden die Beziehungen immer überlappten, was auch seiner Angst vor dem Alleinsein geschuldet war. So sind es oft Dreierbeziehungen, die seine Frauen unfreiwillig eingehen mussten, bis sie es nicht mehr aushalten und ihn an die nächste weitergeben. Diese Übergangsphasen werden von beiden Seiten, beiden Frauen geschildert, was Verständnis für sie weckt, gleichzeitig aber auch verdeutlicht, wie kaputt und getrieben Hemingway durchs Leben ging. Ob das, was er als genialer Schriftsteller und ungewöhnlicher Mann, diesen Frauen geben konnte, das aufwiegt, was sie durch ihn erdulden und erleiden mussten, muss der Leser selbst entscheiden. Die Autorin urteilt nicht über Hemingway als Mann, hat tiefen Respekt vor seinem literarischen Schaffen, färbt aber auch nicht alles rosarot. Gerade aus der Perspektive von Hemingways letzter Frau Mary Welsh wird deutlich, dass Hemingway am Ende auch ein psychisch kranker Mann war, den die Hilfsangebote und Therapieversuche letztlich nicht mehr retten konnten.
Da ich mich mit Hemingway nicht besonders beschäftigt habe (und ihn auch nicht sonderlich mag), kann ich die biografische Korrektheit von Als Hemingway mich liebte nicht beurteilen. Lohnend finde ich es aber, diesen berühmten Mann durch die Augen seiner Frauen zu betrachten und dies gelingt der Autorin auf umfassende und interessante Weise.

Naomi Wood, Als Hemingway mich liebte. DAV 2016.

Sunday, November 03, 2019

Matthew Quick - Die Sache mit dem Glück

Matthew Quick erzählt in seinem Briefroman Die Sache mit dem Glück die Geschichte des 39jährigen Bartholomew. Nach dem Tod seiner Mutter muss er sich neu im Leben zurechtfinden, er hat keinen Beruf, keine Freunde und keine Ahnung von der Welt. Weil er im Zimmer seiner Mutter einen Werbebrief (Boycott der Olympischen Spiele in China wegen der Situation in Tibet) von Richard Gere findet und diese ihn in den letzten Wochen vor ihrem Krebstod Richard nannte, schreibt er tagebuchartig seine Erlebnisse in Briefen an den Schauspieler, auch wenn dieser ihm nicht antwortet.
Er berichtet darin von den wenigen Menschen, die ihm begegnen, Father McNamee, die Trauerbegleiterin Wendy und Max, den er in der Therapiegruppe kennenlernt. Allesamt befinden sich diese Charaktere auch in schwierigen Lebenssituationen und, von außen betrachtet, sind sie keineswegs in der Lage, dem kindlich schreibenden und zum Teil naiv denkenden Bartholomew zu helfen. Doch die Tatsache, dass es diesen Menschen schlecht geht und er, Bartholomew, in der Lage ist sie zu unterstützen, richtet ihn auf und lässt ihn wachsen und führt schließlich zu einem Neubeginn.

Leider gefiel mir Bartholomew weder als Erzähler noch als Protagonist sonderlich. Der Erzählgestus ist der eines Sechzehnjährigen, der noch nichts von der Welt gesehen hat und sozial zurückgeblieben ist. Gleichzeitig soll er in der Bibliothek psychologische und philosophische Werke gelesen haben und kann auf deren Theorien dann plötzlich zurückgreifen? Dennoch begreift er nicht, was Father McNamees Anwesenheit in seinem Haus zu bedeuten hat? Das ist einfach unglaubwürdig. Der plötzliche Roadtrip im letzten Teil des Buches wird nach den langen inneren Monologen des ersten Teils sehr knapp abgehandelt, was man, maximal wohlwollend, vielleicht noch in den Zusammenhang damit bringen kann, dass er nun statt mit Richard Gere zu korrespondieren vielleicht echte Sozialkontakte hat. Dennoch wirkt die Auflösung des ganzen persönlichen Dilemmas dann doch etwas zu sehr nach Happy End um jeden Preis.

Matthew Quick, Die Sache mit dem Glück. Rowohlt, Reinbek 2015.

Friday, November 01, 2019

Volker Kutscher - Goldstein

Goldstein ist der Name eines US-amerikanischen Gangster, den Kommissar Gereon Rath in einem Sonderauftrag während seines Berlin-Aufenthaltes überwachen soll. Es ist das Jahr 1931, die Wirtschaftskrise und die politischen Konflikte verstärken sich. Immer öfter ist von der SA die Rede und Übergriffe auf Juden kommen öfter vor. Zunächst ist unklar, was der Tod eines jungen Diebes, der von der Fassade Berlins größten Kaufhauses stürzt, damit zu tun hat. Auch Charlie gerät mitten in die Ermittlungen, als ihr die Mittäterin und Zeugin des Sturzes vor Abschluss des Verhörs entkommt.
Einmal mehr stößt Rath auf innerpolizeiliche Verstrickungen und politische Interessen, die mit dem Berufsethos eigentlich nicht zu vereinbaren sind - und das, wo auch Rath durchaus unorthodoxe (aber sehr erfolgreiche) Methoden bei der Ermittlung anwendet.
Und Goldsteins Rolle ist eine andere, als anfangs anzunehmen ist...

Goldstein von Volker Kutscher besticht durch das sehr atmosphärisch umgesetzte Setting, starke Charaktere und einem Plot, der mit schnellem Tempo durchaus komplexe Zusammenhänge, Ermittlungsarbeit und actionreiche Szenen umsetzt. Dadurch, dass die Charaktere jetzt im dritten Band schon klarer angelegt sind, rückt die Handlung stärker in den Vordergrund, wenngleich auch die wechselhafte Beziehungsebene zwischen Gereon und Charly nicht zu kurz kommt.

Volker Kutscher, Goldstein. Argon 2011.

Rezensionen der ersten beiden Bände:
#1 Der nasse Fisch
#2 Der stumme Tod

Saturday, October 26, 2019

Ingeborg Schober - Pop-Tragödien

Ingeborg Schober beschreibt in  Pop-Tragödien: Die spektakulärsten Fälle von den Beach Boys bis Nirvana an zehn Beispielen, wie die Musikindustrie und die an ihr verdienenden Menschen oft dazu beitragen, dass Künstler dem Druck, der auf ihnen lastet, nicht mehr standhalten und daran psychisch, finanziell oder auch durch Selbstmord zugrunde gehen. Die behandelten Künstler/Bands sind:



Leon Theremin
Soeur Sourire
Beach Boys
Nico
Badfinger
Sid Vicious
Falco
Nirvana
Bob Geldof
Milli Vanilli


Prinzipiell ist es eine vielfältige, interessante Auswahl, da dies nur zum Teil Künstler sind, die einem beim Stichwort "Pop-Tragödie" sofort einfallen (wobei einige derselben bei dem Begriff Pop wohl nicht einverstanden wären...). Auch sind die Fakten, sofern ich das beurteilen kann, scheinbar ordentlich recherchiert, es gibt umfangreiche Quellenhinweise am Ende des Buches.
Sprachlich ist es allerdings eher kein Vergnügen. Schober stellt jedem Kapitel ein knappes zusammenfassendes Vorwort voran - sollte man also noch nicht wissen, wie das Schicksal dieses oder jenes Künstlers war, so erfährt man spätestens an dieser Stelle davon. Erst dann beginnt die umfangreichere Beleuchtung der Lebensläufe und der Ereignisse, die zu dessen Tod oder Zusammenbruch führten. Das nimmt alle Spannung aus dem Leseprozess und versachlicht in einem Maße, die diesem Buch, das doch wohl auch unterhalten soll, nicht gut tut. So liest man desillusioniert über die Details, die dann auch noch sprachlich eher fade umgesetzt sind. Kein Lesevergnügen, auch wenn die Inhalte wohl lohnenswert wären.

Ingeborg Schober, Pop-Tragödien: Die spektakulärsten Fälle von den Beach Boys bis Nirvana. Fuego 2013. 

Betty Mahmoody - Nicht ohne meine Tochter

Betty Mahmoody veröffentlichte 1987 ihr Buch Nicht ohne meine Tochter, das von ihrer Flucht aus dem Iran erzählt.
1984 reiste Betty mit ihrem iranischen Ehemann Sayyed für einen zweiwöchigen Besuch in das nach der Islamischen Revolution von Khomeini regierte Land. Sie wohnten bei Sayyeds Verwandtschaft. Nach Ablauf der zwei Wochen verkündete Sayyed, dass sie nicht in die USA zurückkehren würden und erlaubte Betty nicht auszureisen. Er schränkte ihre Freiheit immer weiter ein, entzog ihr phasenweise die Tochter und war aggressiv und gewalttätig. Auch ihr Kontakt zu ihrer eigenen Familie in den USA war ihr nur selten erlaubt. Über den Zeitraum von über einem Jahr suchte und fand Betty schließlich auch Verbündete, die ihr eine Flucht zusammen mit ihrer Tochter ermöglichten.
Das Buch war ein internationaler Erfolg, das sich besonders gut in Deutschland verkaufte und das sogar für den Pullitzer Prize vorgeschlagen wurde. Den nicht überraschenden Vorwurf, das Buch sei anti-muslimisch geschrieben, kann ich nicht nachvollziehen, denn trotz der lebensbedrohlichen Situation, in der sich Betty im Iran befand, und der menschlich nur schwer nachzuvollziehenden Haltung der sie umgebenden Frauen, die das bestehende System zum größtenteils unterstützten und ihr nur bedingt zu Hilfe kamen, äußert sich die Autorin stets dankbar und respektvoll gegenüber den Menschen, die ihr Freundlichkeit und Hilfe entgegenbrachten und pauschalisiert nicht.
Auch wird immer deutlich, dass sie weder dem muslimischen Glauben noch dem iranischen Staat die Schuld an ihren schrecklichen Erfahrungen gibt, sondern die Schuld ihrem irrational handelnden, aggressiven Ehemann gibt. Zwar beschreibt Betty Mahmoody ihre Verzweiflung und Not sehr anschaulich, bleibt aber im Grunde erstaunlich sachlich in der Schilderung der Ereignisse. Nicht ohne meine Tochter ist eine beeindruckende Geschichte, die sicherlich auch heute noch Relevanz hat in ähnlichen Gesellschaftssystemen, besonders bei Paaren mit unterschiedlichem kulturellen Hintergründen.

Betty Mahmoody, Nicht ohne meine Tochter. Lübbe Audio 2015.

Friday, October 25, 2019

Spring of winter

"Autum is the spring of winter."
postcrossing card on its way to South Korea

Arne Jysch - Der nasse Fisch


Mit viel Liebe zum Detail und zu den historischen Hintergründen hat Arne Jysch den ersten Band von Volker Kutschers Gereon-Rath-Reihe, Der nasse Fisch, als Graphic Novel umgesetzt. Im Gegensatz zur TV-Adaption (Babylon Berlin), in der Figuren und Zusammenhänge verändert wurden, hält sich Jysch an den Plot des Romans und nimmt keine tiefgreifenden Veränderungen vor. Es gelingt ihm durch gut gesetzte innere Monologe und eingefügte Schriftstücke auch die komplexeren Zusammenhänge gut und verständlich darzustellen.
Die rein schwarz-weißen Zeichnungen passen zu unserer Wahrnehmung der Zeit, die man durch schwarz-weiß-Fotografien oder -Filme kennt. Beeindruckend schafft es Jysch, die Atmosphäre der 20er Jahre in Berlin einzufangen und man merkt den Zeichnungen eine tiefgehende Recherche an, etwa in den Bereichen Werbung, Architektur oder Mode.
Gereon Rath wird als intelligenter und guter Ermittler dargestellt, seine Schwächen und emotionalen Hemmnisse bringen ihn zwar in Schwierigkeiten, sind aber am Ende nicht handlungsbestimmend. Deutlich weniger intensiv als in der TV-Serie werden der Glamour und die "Abgründe" Berlins zu der Zeit dargestellt - hier setzt Jysch stärkere Akzente auf die politischen Zusammenhänge.
Insgesamt ist Arne Jyschs Der nasse Fisch eine zeichnerisch und inhaltlich überaus gelungene Adaption des Romans. 

Arne Jyschs, Der nasse Fisch. Carlsen, Hamburg 2008. 

zur Rezension des Romans: Volker Kutscher, Der nasse Fisch

Thursday, October 24, 2019

A.A. Milne - Winnie-the-Pooh

Winnie-the-Pooh is the first of A.A. Milne's books on Pooh Bear and his lovable companions. Tigger hasn't arrived yet in the hundred-acre-wood but all the others are there having their small adventures. 
Each chapter contains one story told in the voice of Christopher Robin's father speaking to his son. 
This audio production is performed by Peter Dennis who does the characters real justice and it is really enjoyable to listen to him. There is music between the chapters and some quiet sounds were added (like the crackling fire or chirping birds).  
Altogether a lovely audio version of this classic.




Tuesday, October 22, 2019

Terry Pratchett - Die Nachtwächter

Die Nachtwächter ist der achte Scheibenweltroman, der sich um Kommandeur Mumm und die Stadtwache dreht.
Bei der Verfolgung eines Schwerverbrechers geraten dieser und Mumm auf dem Dach der Unsichtbaren Universität in einen magischen Sturm und werden in der Zeit zurückkatapultiert. Mumm trifft dort auf eine jüngere Version von sich selbst und muss bizarrerweise die Rolle des John Keels einnehmen, der sein Vorbild und Ausbilder ist/war. "Keels" kommandiert die Nachtwache, einen undisziplinierten Haufen, der aber in der aufkommenden Revolution in Ank-Morpork eine wichtige Rolle spielt und dessen historischer Einfluss essentiell ist für Mumms Gegenwart. Und obwohl er also eigentlich schnellstmöglich zurück in seine eigene Zeit möchte, steckt er in einem Dilemma politischer und persönlicher Natur, was sein Gewissen und seinen Verstand mehr als einmal auf eine harte Probe stellt.
Trotz des üblich exquisiten Pratchett-Humors sind in Die Nachtwächter durchaus auch ernstere Zwischentöne herauszuhören, was angesichts des Revolutionsthemas nicht verwundert.
Besonderen Spaß bereitet die Begegnung mit den frühen Versionen von etablierten (Neben-) Charakteren von Ank-Morpork wie Schnapper, der gerade erst sein Geschäft eröffnet, Nobby Nobbs als Junge oder auch der spätere Patrizier Lord Vetinari, der gerade bei der Assassinengilde (!) seine Ausbildung macht.
Michael-Che Koch setzt diese Geschichte hervorragend in verschiedene Stimmlagen und Dialekte um, es ist ein excellentes Hörbuch.

Terry Pratchett, Die Nachtwächter. Random House Audio 2012.

Zur Liste der gelesenen Pratchett-Romane

Sunday, October 20, 2019

Melchior/Oubrerie - Der Goldene Kompass 1


Diese Graphic Novel ist der erste Teil einer Adaption von Der Goldene Kompass von Philip Pullman. Sie umfasst die Geschichte Lyras in Oxford, ihre Flucht vor Mrs Coulter und ihren Aufbruch gen Norden, wo sie helfen will, ihren Onkel und die verschwundenen Kinder zu retten.
Die Zeichnungen von Melchior und Oubrerie sind atmosphärisch, oft auch düster aufgrund gedeckter Farben. Die Szenen sind abwechslungsreich gestaltet mit Totalen, Portrait- und Detail-Panels. Die Emotionen der Figuren werden verständlich, auch wenn einige der Gesichter zeichnerisch wenig intensiv ausgestaltet sind. Auch die Daemonen wirken manchmal oberflächlich, wobei sie eigentlich ein sehr interessantes Element der ursprünglichen Geschichte sind. Hier liegt auch das Hauptproblem dieser Graphic Novel - ich bin mir nicht sicher, ob der Plot insgesamt verständlich gewesen wäre, wenn ich nicht den Roman bereits gelesen hätte. Zuviel wird auf die Schnelle oder gar nicht eingeführt, hier wäre eine kurze Einführung am Anfang, wie bei Graphic Novel oder Comics durchaus üblich, sehr hilfreich. So bleiben Zusammenhänge unklar und da die Bilder mich nicht sehr ansprechen, werde ich es wohl bei diesem ersten Band belassen.

Stéphane Melchior/Clément Oubrerie, Der Goldene Kompass 1. Carlsen, Hamburg 2015.

Friday, October 18, 2019

John Williams - Stoner


John Williams' Roman Stoner (erstmals 1965) wurde vor einigen Jahren wiederentdeckt und geriet dadurch auch außerhalb der USA in den Fokus.
William Stoner (- seltsam, dass auch dieser Protagonist Anklänge an den Nachnamen des Autoren hat, wie auch der Protagonist aus Butcher's Crossing) wächst auf einer Farm in Missouri auf, wo seine Eltern ein sehr entbehrungsreiches und schlichtes Leben führen. Sein Schicksal wendet sich, als sie ihn zum Landwirtschaftsstudium nach Columbia schicken. Dort packt ihn die Liebe zur Literatur, die zuvor unentdeckt in ihm steckte. Er entscheidet sich für ein Literaturstudium und lässt damit das Farmleben und seine Eltern hinter sich.
Es folgt der Abschluss des Studiums und ihm wird ein Dozentenjob an der Universität angeboten. Stoner bleibt, heiratet, bekommt eine Tochter, hat eine Geliebte, gerät in Auseinandersetzungen mit einem Kollegen und Vorgesetzten und stirbt schließlich an Krebs im Moment seiner Emeritierung.
Dies klingt nicht nach einer sonderlich spannenden Geschichte - und das ist es auch nicht. Seltsam distanziert betrachtet man als Leser dieses Leben eines Mannes, der eine überraschende, natürliche Liebe zur Literatur und dem Universitätsbetrieb in sich trägt, aber davon abgesehen nicht recht weiß, wie er sein Leben in die Hand nehmen soll. Sein Werben um eine Frau, die er nicht kennt und die ihn nicht lieben kann, endet in einer desaströsen Ehe, die auch das Leben seines Kindes zerstört. Die einzig große Liebe zu einer Frau endet in großem Leiden, aber unaufgeregt und undramatisch. Im Grunde gibt es in seinem Leben nur sehr wenige lichte, leichte oder glückliche Momente, er erduldet sein Leben ohne wirklich viel Einfluss darauf zu nehmen oder nehmen zu können. Nur selten ergreift er das Wort oder wird aktiv, um sich durchzusetzen und sein Leben zu beeinflussen.
Die einzige positive Konstante seines Lebens ist seine Leidenschaft für Literatur und noch vielmehr für die Lehre, den Seminaren und den Studenten widmet er den Großteil seiner Lebenszeit.
Die Grundstimmung des Romans ist tatsächlich etwas bedrückend - wie leben wir unser Leben? Nehmen wir es in die Hand? Erdulden wir es? Was hat wirkliche Bedeutung, wofür sind wir bereit zu kämpfen? Stoner trifft seine Entscheidungen nach seinem Ermessen, seinem eigenen Kompass, ist dabei zutiefst menschlich und nimmt sein Leben an, wie er es zu leben im Stande ist - und damit beeindruckt dieser Protagonist nachhaltiger als manch andere Romanfigur.

John Williams, Stoner. dtv, München 2013. 

Thursday, October 17, 2019

Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo

Die Geschichte der Christiane F. steht sinnbildlich für Drogenabhängigkeit und den schwierigen Kampf gegen das Heroin, den viele Jugendliche in den 70er Jahren verloren. Als die damals 16jährige Christiane F. in einem Prozess aussagt, werden die Reporter Kai Hermann und Horst Rieck auf sie aufmerksam. Sie bitten sie, ihre Geschichte zu erzählen, woraus das Buch entsteht, das lange 1978 die Bestsellerlisten anführte und die Gesellschaft erstmals auf die Problematik der abhängigen und sich prostituierenden Minderjährigen aufmerksam werden ließ.
Beeindruckend an der Erzählung ist der große Detailreichtum und die Offenheit, mit der Christiane F. von ihrer "Drogenkarriere" berichtet. Die Trostlosigkeit ihrer Ausgangslage in Berlin Gropiusstadt der 70er Jahre allein reicht aus, um ein gewisses Verständnis für ihren Werdegang aufzubringen. Und auch wenn bereits 40 Jahre vergangen sind, seit die Szene, die geschildert wird, Realität war, so nimmt dies nicht den Schrecken. Betroffen macht auch immer noch die Ahnungslosigkeit und die Hilflosigkeit der Erwachsenen gegenüber den abhängigen Jugendlichen - es scheint nahezu niemanden gegeben zu haben, der helfen wollte oder konnte.
Im Vergleich dazu gibt es heute zwar zahlreiche Hilfsangebote, die Szene sieht anders aus, aber Berlin kämpft wieder mit steigenden Zahlen bei Drogentoten, wobei Heroin wieder oder weiterhin eine Rolle spielt.
Die Geschichte der Christiane F. ist insofern leider weiter aktuell, weiter erschreckend, und auch im Jahr 2019 noch eine Geschichte, die erzählt und angehört werden sollte.

Christiane F., Wir Kinder vom Bahnhof Zoo. Nach Tonbandprotokollen aufgeschrieben von Kai Hermann und Horst Rieck. Carlsen, Hamburg 2009.

Wednesday, October 16, 2019

Robert Galbraith - Die Ernte des Bösen

Nach Der Ruf des Kuckucks und Der Seidenspinner (zu dem ich überraschenderweise keine Rezension verfasst habe, frage mich wieso nicht...) ist Die Ernte des Bösen der dritte Fall des ungewöhnlichen Ermittlerteams Cormoran Strike und Robin Ellacott von Robert Galbraith (alias J.K. Rowling).
Der Fall beginnt mit Knalleffekt - Robin bekommt ein Päckchen ins Büro geliefert, doch statt der erwarteten Dinge für ihre anstehende Hochzeit befindet sich darin ein Frauenbein. Cormoron fallen gleich mehrere mögliche Absender ein, was eine Menge Ermittlungsarbeit und Beschattungen bedeutet. Der Leser hingegen muss miterleben, wie auch Robin ihrerseits vom Täter beschattet wird, sie soll sein nächstes Opfer werden.
Was rasant beginnt, lässt leider im Mittelteil leicht zu wünschen übrig, zäh gehen die Ermittlungen voran, verlieren sich in einem Hickhack mit den offiziellen Ermittlungsbehörden und falschen Fährten. Außerdem drehen Cormorans und Robins Gedanken beständig um sich selbst, Robin mit ihrem Zweifel an sich, an ihrem Verlobten und ihren intensiven Gefühlen für Cormoran selbst, Cormoran ist ebenfalls irritiert darüber, wie sehr Robins Hochzeit mit dem seiner Ansicht nach falschen Mann ihn beschäftigt, und ist in steter Sorge um sie. Angesichts des dreisten und brutalen Killers, der in der Zwischenzeit weiter mordet, wirkt dies nahezu unpassend und trivial, zumal sie im Grunde beide wissen, wie gut sie sich ergänzen und einander brauchen. Zumindest beruflich.
So ist man im Grunde ein wenig erleichtert, als endlich die falschen Fährten eliminiert und der wahre Täter identifiziert ist. Happy End.

Robert Galbraith, Die Ernte des Bösen. Random House Audio 2016.


Thursday, October 10, 2019

Peter Wohlleben - Das geheime Leben der Bäume

Als jemand, der gern wandert und im Wald ist, interessierte mich dieses Buch durchaus, auch wenn Sachbücher ganz allgemein nicht zu meinen Favoriten gehören.
In mehr oder weniger kurzen Kapiteln führt uns der Autor an verschiedene Aspekte des Lebens der Bäume heran. Dabei bedient er sich sowohl breitem Allgemeinwissen als auch neuerer Forschung (deren Qualität ich natürlich nicht nachvollziehen kann). Vieles davon ist durchaus Basiswissen, anderes verschiebt aber die Blickweise, mit der man auf Bäume bzw. vielleicht auf die Pflanzenwelt allgemein hat. Hier sind komplexe und vor langfristige Prozesse im Gange, die man beim bloßen Blick auf den Baum natürlich nicht sofort erkennen kann.
Sprachlich vermochte mich das Buch allerdings nicht zu fesseln, die Erzählweise bedient sich oft der gleichen Stilmittel und gleicher Floskeln, was auch die Lesung von Roman Roth nicht ausgleichen konnte. Ich muss zugeben, dass ich es nicht vollständig gehört habe, sondern Teile übersprungen habe. Dennoch ist es kein uninteressantes Buch und von der Thematik her sicher beachtenswert.

Peter Wohlleben, Das geheime Leben der Bäume. Hörverlag 2016.

Monday, October 07, 2019

Shaffer und Barrows - Deine Juliet


Es ist traurig, dass die Hauptautorin dieses wunderbaren Romans, Mary Ann Shaffer, kurz vor dem Erscheinen ihres Debuts verstorben ist. Was für schöne Ideen und Bücher hätte sie uns vielleicht noch schenken können! Ihre Nichte Annie Barrows half ihr, das Buch zu beenden.

Der deutsche Titel Deine Juliet spiegelt wider, dass es sich um einen Briefroman handelt. Juliet ist eine britische Journalistin, die während des zweiten Weltkriegs eine lustige Kolumne verfasst, die zu einem erfolgreichen Buch wurde. Nach Kriegsende (1946) ist sie nun auf der Suche nach einem Thema für ein neues Buch. Sie ist eine absolute Liebhaberin von Büchern und schrägen Charakteren und Geschichten, wie schon ihre ersten Briefe an ihren Verleger Sidney und dessen Schwester beweisen.
So ist es überhaupt nicht verwunderlich, dass sie ganz aus dem Häuschen ist, als sie eines Tages einen seltsamen Brief von der Insel Guernsey bekommt. Ein Mann namens Dawsey hat eines ihrer Second-Hand-Bücher erworben, in dem ihre Adresse stand, und will nun ihre Meinung zu dem Buch erfahren. Er berichtet außerdem von seinem Buchclub, The Guernsey Literary and Potato Peel Pie Society (Originaltitel des Romans), der sich aus der Not heraus im zweiten Weltkrieg gründete.
Beginnend mit diesem einen Brief entwickelt sich ein brieflicher Dialog zwischen den Mitgliedern dieses Buchclubs und Juliet. Schnell wird klar, dass es dabei nicht nur um Literatur, sondern vor allem um die Ereignisse auf Guernsey während der Besatzung durch die Deutschen geht. Viel Schlimmes ist in dieser Zeit passiert und alle Buchclubmitglieder haben ihre ganz eigene Geschichte zum Gesamtbild beizutragen. Juliet ist fasziniert und angerührt von diesen Geschichten und neugierig darauf, diese Menschen kennenzulernen. So fährt sie schließlich nach Guernsey und lässt sich aufnehmen in den Kreis dieser liebenswerten und teils skurrilen Charaktere.
Natürlich enthält der Roman auch eine Liebesgeschichte, die sich aber unauffällig, fast beiläufig entwickelt.
Die Protagonistin und auch alle übrigen Charaktere wachsen einem mehr und mehr ans Herz und auch die Insel wird mit soviel Wärme und Bewunderung geschildert, dass man sogleich hinreisen möchte.

Deine Juliet hat mich in der Tat mit auf eine Reise genommen und trotz der traurigen Zwischentöne behält der Roman immer den heiteren, optimistischen Ton von Juliet, einer Protagonistin, die humorvoll, teils auch zynisch, immer sensibel und vor allem selbstbewusst ihr Leben in die Hand nimmt und das in einer Zeit, wo dies für Frauen keine Selbstverständlichkeit war.

Mary Ann Shaffer und Annie Barrows, Deine Juliet. btb, München 2015.


Sunday, October 06, 2019

J.R. Ward - Nachtjagd

In diesem ersten Teil der Black Dagger Reihe von J.R. Ward, Nachtjagd, lernen wir die junge Journalistin Beth kennen. Ihr Leben ist wenig spektakulär, auch wenn sie ab und an Tipps vom lokalen Polizeiteam bekommt, weil dort alle Beth fürchterlich attraktiv finden. Doch erst nach einem fiesen Vergewaltigungsversuch lernt Beth mit Wrath, der sie beschützen will, den Mann kennen, dem sie besinnungslos verfällt. Vielleicht kein Wunder, denn sie ist ja gerade an der Schwelle, zum Vampir zu werden, wovon sie aber natürlich noch nichts weiß und der superattraktive Wrath will ihr bei diesem Übergang helfen und verfällt ihr seinerseits...
Mehr passiert eigentlich nicht.
Achja, einige mäßige Sexszenen und brutale Kampfszenen vielleicht noch, besonders ersteres in floskelartiger Sprache. Man bekommt einen ersten Eindruck von dieser Black Dagger Vampirwelt, in der die Vampire gegenseitig ihr Blut trinken und sich dafür nach einem diffusen Ehrenkodex verbinden müssen. Diverse Nebenschauplätze werden auch eröffnet, der fiese Gegenspieler der ehrenhaften Vampirkaste, der verzweifelte Forschervampir, der dem Bluttrinken ein Ende machen will... Solche Dinge eben.
Es ist eine doch recht wilde Mischung verschiedener Handlungsstränge, von denen keiner (!) in diesem Band zuende geführt wird. Das, zusammen mit zwei katastrophalen Protagonisten, die nur aus Stereotypen bestehen und auch so handeln, ist in meinen Augen ein absolutes KO-Kriterium für eine Fantasyreihe. Wenn man es noch nicht einmal im ersten Band schafft, seine Gedanken in einen halbwegs plausiblen Plot zu bündeln und seine Charaktere sich zumindest minimal entwickeln lassen kann, geschweige denn ein Ende für die Story zu finden, dann ist dies verschwendete Lese- bzw. Hörzeit.
Mir tat Johannes Steck fast ein wenig leid, dass er diese Banalitäten lesen musste, wenn er sonst Autoren wie Simon Beckett interpretieren darf...

J.R. Ward, Nachtjagd. Lagato 2008.

PS.: Habe noch herausgefunden, dass in der deutschen Edition der erste Band der Originalreihe in zwei Bücher aufgeteilt wurde. Das klärt vielleicht das absolut katastrophale Nichtvorhandensein eines Abschlusses, stellt aber die Frage, was sich der Lektor/Verlag dabei wohl gedacht hat. *kopfschüttel* 

Highwomen

I rarely post music videos or music reviews.
This is one of these few occasions.

I don't love country. I don't. Rule.
I started making exceptions for a certain (Grammy winning) Brandi Carlile who is one amazing woman, singer, songwriter and musician.
She is now part of a so-called supergroup of four American country singers, the Highwomen. The name came from another supergroup of country, the Highwaymen. The Highwomen want to support women in country music because they are often underrepresented.
Their first album (though country) is great. They are exceptionally good together, just listen to those harmonies... I wish I could see and listen to them live.


 

Friday, October 04, 2019

Marion Zimmer Bradley - Die Nebel von Avalon

Als Teenagerin hat mich diese Artus-Geschichte aus der Sicht von der Priesterin und Zauberin Morgaine schwer beeindruckt.
Beim Hören dieser ungekürzten Lesung (2813 Minuten - das sind fast zwei Tage!) von Katharina Spiering war es für mich in der Wiederbegegnung mit diesem Epos erstaunlich, wie vertraut mir noch viele der Figuren und Handlungsstränge waren. Zwar sehe ich die Geschichte literarisch nun in einem anderen Licht, dennoch vermochte sie mich erneut zu fesseln.
Zumindest in den ersten zwei Dritteln, danach flacht die Geschichte deutlich ab, passt irgendwie zu Aufstieg und Fall von König Arthur. Auch Morgaine als Charakter ist im letzten Teil weniger präsent, sie zieht sich zurück, wie auch Avalon immer weiter in der Bedeutungslosigkeit verschwindet.
Da die Geschichte endet, wie sie eben enden muss, war es dadurch zäh, sich durch die letzten Stunden zu hören. Vielleicht war es auch einfach objektiv zu lang. Den Epilog, in welchem Morgaine Hoffnung schöpft, dass ihre Göttin dennoch immer in der Welt präsent sein wird, hatte ich nicht mehr im Kopf und hat mich als Schlusswort etwas versöhnt.

Marion Zimmer Bradley, Die Nebel von Avalon. Random House Audio 2012.

“There is no such thing as a true tale. Truth has many faces and the truth is like to the old road to Avalon; it depends on your own will, and your own thoughts, whither the road will take you.”


Thursday, October 03, 2019

Annette Hess - Deutsches Haus

Mit Deutsches Haus hat Annette Haus ein Buch mit einer besonderen Perspektive geschrieben. Durch die Augen von Eva Bruhns erleben wir den ersten Auschwitz-Prozess der Jahre 1963-1965. Sie wird als Dolmetscherin engagiert, um die polnischen Zeugenaussagen zu übersetzen. Beeindruckend zeichnet die Autorin das Bild Deutschlands zu dieser Zeit - die Ablehnung der Vergangenheitsbewältigung, die Angst vor der Entdeckung der eigenen Mitwirkung an Verbrechen, die man gern verdrängen möchte, und nicht zuletzt auch der aufkommende Fremdenhass gegenüber den hinzuziehenden Gastarbeitern.
Gleichzeitig erleben wir mit der Protagonistin die zunehmende Selbstständigkeit einer jungen Frau. Eva wird durch ihre Teilnahme an dem Prozess dazu gezwungen, sich mit der Geschichte ihrer eigenen Familie auseinanderzusetzen und entdeckt hinter der bürgerlichen Fassade Dinge, die zum Bruch mit ihrer Familie führen. Ihre Rolle als arbeitende Frau wird  beständig in Frage gestellt, ihr Verlobter will, dass sie ihre Tätigkeit aufgibt, und macht sogar den Versuch, dies bei ihrem Arbeitgeber rechtlich geltend zu machen (bis 1977 durfte der Ehemann entscheiden, ob seine Frau arbeiten durfte oder nicht!), woraufhin Eva die Verlobung löst.
Sie nimmt an der Reise des Gerichts nach Auschwitz teil und eindrücklich wird geschildert, wie sehr die dort erfahrene historische Realität alle Beteiligten schockiert.
Deutsches Haus ist auf mehreren Ebenen ein sehr lesenswertes Buch und bringt in Erinnerung, wie schwer es ist, sich mit dem Thema Schuld auseinanderzusetzen, dass es selten oder nie einfache Antworten gibt, aber wie wichtig es ist, die eigene Geschichte (und die der eigenen Familie) zu kennen und sich damit auseinanderzusetzen.

Annette Hess. Deutsches Haus. Ullstein, Berlin 2019.

Tuesday, September 17, 2019

Richard Adams - Unten am Fluss (Watership Down)

Dieser Klassiker der englischen Kinderbuchliteratur ist in Deutschland nicht sonderlich populär. Es gibt keine e-book Edition und auch keine lieferbare Audiobook-Fassung, Hardcover nur antiquarisch... Meine lokale Bibliothek führt ein Exemplar in der Kinderabteilung. Bei dieser habe ich langsam alle Verlängerungsoptionen ausgeschöpft, bin aber noch lange nicht am Ende mit diesem Buch.
Vorweg: Ich glaube, es ist ein besonderes Buch. Es macht Spaß diesen mutigen, abenteuerlustigen Kaninchen mit ihren unterschiedlichen Facetten in einer nicht verkitschten, nicht menschenähnlichen Welt, sondern in ihrer eigenen Kaninchenwelt zuzusehen.
Für eine Weile.
Ich finde ihre Wahrnehmung der Welt interessant, ich denke, der Autor hat sich viele Gedanken gemacht und eine Kaninchenkultur geschaffen, die um so vieles wahrhaftiger ist als viele andere niedliche Tiergeschichten. Allegorien zur menschlichen Gesellschaft lassen sich dennoch finden, natürlich. Die verschiedenen Lebensweisen in den Gehegen haben offensichtliche Anklänge an menschliche Gesellschaftsformen. Auch die Frage, was einen guten Anführer ausmacht, ist zu bedenken.
Dennoch fesselt mich die Erzählung nicht ausreichend, um die verbleibenden Teile noch zuendezulesen (und ich muss auch das Buch zurückgeben). Wikipedia hat mich über den restlichen Inhalt informiert, vielleicht schaffe ich noch, die letzten Kapitel zu lesen, um dem Autor die Ehre zu erweisen, sein Schlusswort unter dieser Geschichte anzuerkennen. So bekommt erstmals ein nicht ganz gelesenes Buch von mir eine positive Bewertung.

"There's terrible evil in the world."
"It comes from men," said Holly. "All other elil do what they have to do and Frith moves them as he moves us. They live on the earth and they need food. Men will never rest till they've spoiled the earth and destroyed the animals
.”

Richard Adams, Unten am Fluss (Watership Down). List, Berlin 2008.

Monday, September 16, 2019

Chevy Stevens - That Night

Im Alter von 18 Jahren wird Toni unschuldig für den Mord an ihrer jüngeren Schwester Nicole verurteilt. Nun ist sie auf Bewährung aus dem Gefängnis - und obwohl sie sich dies nicht wirklich vorgenommen hat, beginnt sie, den Ereignissen damals auf den Grund zu gehen.
In Rückblenden erfahren wir von Tonis Leben damals, ihre familiären Probleme, Mobbing in der Schule und die Beziehung zu ihrem Freund Ryan, der als Mittäter ebenfalls verurteilt wurde.
Gleichzeitig scheint jemand aus eben dieser Vergangenheit dafür sorgen zu wollen, dass Toni es nicht schafft, ihr neues Leben zu beginnen. Immer wieder werden ihr Steine in den Weg gelegt, ihr Leben regelrecht sabotiert.

Der Showdown und die Aufklärung am Ende überraschen nur teilweise, denn es wird früh klar, dass Tonis Feinde aus der Schulzeit verantwortlich sein müssen, denn sie haben bei Tonis Gerichtsverhandlung Falschaussagen gemacht. So geht es nur noch um die genauen Abläufe in 'jener Nacht' und darum, wie Toni es schafft, die Täter zu überführen.
Die von Christiane Marx gelesene und gekürzte Audiobook-Fassung von Chevy Stevens Roman That Night hält durch den Wechsel der Erzählebenen durchaus den Spannungsbogen. Man will wissen, was passiert ist und wie es Toni gelingen kann, Gerechtigkeit zu erlangen. Allerdings wirkt ihr schweres Schicksal an vielen Stellen doch überzogen und viele Menschen und Instanzen um sie herum, müssen versagen, um es dazu kommen zu lassen, dass ein unschuldiges Mädchen für den Mord an ihrer Schwester verurteilt wird. Toni spricht mit niemandem über die massiven Drohungen ihrer Gegnerin, diese fallen anderen zwar auf - aber im Prozess oder während der Ermittlungen kommt dies nicht zum Tragen? Ihre Familie bemerkt nichts? Bei der völlig herzlos gezeichneten Mutter vielleicht noch denkbar, aber der Vater zumindest hat seine Tochter im Blick. Die schweigende Schwester, deren Charakter sich plötzlich dreht, ohne dass es jemand bemerkt? Die Bedrohungen in der Haftanstalt bleiben auch unbemerkt, ungestraft? Einem Richter oder der Jury fällt die unzureichende Ermittlung in dem Fall nicht auf?
Hier wurde viel menschliche Unlogik konstruiert, um den Fall zu dramatisieren. Das gefällt mir bei einem Thriller nicht besonders, auch wenn er ansonsten halbwegs spannend erzählt wird.

Chevy Stevens, That Night. Argon 2015.



Saturday, September 14, 2019

Otfried Preußler - Das kleine Gespenst

Nora Tschirner liest Otfried Preußlers Das kleine Gespenst mit viel Hingabe und Enthusiasmus. Es spukt und huscht, ist jauchzend fröhlich und tieftraurig. Die Geschichte ist schlicht aber mitreißend: Das kleine Gespenst wünscht sich, einmal sein Schloss und die Umgebung bei Tag zu sehen, aber es kann nicht wach bleiben. Gerade als es sich damit abgefunden hat, verstellt der Uhrmacher bei der Wartung die Rathausuhr - genau um zwölf Stunden. Plötzlich wird das Gespenst um zwölf Uhr mittags wach statt um Mitternacht! Es kommt mit der neuen Situation nicht so gut zurecht, denn plötzlich trifft es auf Menschen, die sich fürchten oder - schlimmer noch - es fangen wollen!
Eine Lösung kann erst gefunden werden, als das kleine Gespenst sich hoffnungsvoll an einige Kinder wendet, die ihm schließlich helfen können.
Die Wiederbegegnung mit diesem Klassiker meiner Kindheit - damals eine geliebte Hörspielfassung aus dem Karussell-Verlag von 1984, hat Spaß gemacht.

Otfried Preußler, Das kleine Gespenst. DAV 2011.

Tuesday, September 10, 2019

Stephen King - Shining

Shining ist einer der bekanntesten Romane von Stephen King, vor allem wohl durch die Verfilmung Stanley Kubricks mit Jack Nicholson in einer der Hauptrollen. Der Film von 1980 setzt andere erzählerische Schwerpunkte als der Roman, der 1977 veröffentlicht wurde.
Jack Torrance, seine Frau Wendy und deren fünfjähriger Sohn Danny, der übersinnliche Fähigkeiten hat, verbringen den Winter in dem abgelegenen Overlook-Hotel in den Rocky Mountains in Colorado. Jack hat dort die Funktion eines Hausmeisters, nachdem er durch seinen Alkoholismus seinen Lehrerjob verloren hat. Nachdem er nun mit dem Trinken aufgehört hat, will er auch sein Schauspiel zuende schreiben, Einige alte Akten, die die abenteuerliche und gewaltreiche Vergangenheit des Hotels dokumentieren, lassen ihn außerdem daran denken, ein Buch über das Overlook zu schreiben. Danny nimmt von dieser Vergangenheit von Anfang an viele schauerliche Dinge war, er sieht Spuren von Verbrechen, ermordete Personen und andere Dinge. Auch Jack kann sich dem gruseligen Einfluss des Hotels nicht entziehen und nach und nach fällt er in die gewalttätigen Verhaltensweisen aus der Zeit seines Alkoholismus zurück, ohne dass er wieder mit dem Trinken angefangen hätte.
Immer dramatischer werden die Zwischenfälle, Jack sabotiert alle Versuche, dass Overlook zu verlassen. Im letzten Teil des Romans wird immer klarer, dass es das Hotel selbst ist, dass durch die Manipulationen Besitz ergreifen will von Danny und seinen besonderen Fähigkeiten. Es kommt zum dramatischen Showdown, den nicht alle überleben.

Die von Dietmar Wunder gelesene ungekürzte Hörbuchfassung umfasst mehr als 17 Stunden. Er setzt die Veränderungen, die mit Jack vor sich gehen, wenn das Hotel in beeinflusst, stimmlich meisterhaft um, ein großes Plus dieses Audiobooks.
Die Story selbst hat mich nicht so sehr begeistern können. Das begrenzte Setting hinsichtlich Personen und Ort ist Stärke und Schwäche zugleich. Das stete "Umsichselbstkreisen" von Jack mit teilweise weinerlichen Zügen und seine Tendenz immer anderen die Schuld zu geben, macht ihn zu einem anstrengenden Charakter. Auch Danny ist in sich nicht schlüssig. Ein Fünfjähriger, des Lesens noch nicht mächtig, aber so wissend und reflektierend, dass er intensiv auf die Befindlichkeiten seiner Eltern eingeht, Rücksicht nimmt und stets angepasst reagiert, ist an sich schon irritierend. Seine paranormalen Fähigkeiten erklären dies zwar zum Teil, aber sein Denken ist dennoch zu erwachsen um glaubhaft zu sein. Wendy bleibt dagegen recht blass, sie ist weniger durch das Hotel beeinflusst und ihr stärkster Charakterzug ist der, ihren Sohn beschützen zu wollen, aber dabei ist sie nicht sehr durchsetzungsstark. So hat man im Grunde drei schwierige Protagonisten an diesem unsympathischen Ort, die sich über weite Strecken nur mit sich selbst beschäftigen, während eine übernatürliche Macht sie zu zerstören sucht. Natürlich gab es spannende, dramatische und gruselige Szenen, dennoch konnte mich Shining nicht so sehr zu fesseln wie anzunehmen war.

Stephen King, Shining. Lübbe Audio 2012.

Saturday, September 07, 2019

Ernest Hemingway - Schnee auf dem Kilimandscharo

Zunächst vorweg: Wegen einer Reise nach Tansania, die in der Nähe des Kilimandscharo startete, fand ich eine Lektüre von Hemingways Geschichte eine gute Idee. Außerdem wollte ich versuchen, diesem Autor, unbestritten einer der großen amerikanischen Erzähler, eine neue Chance einzuräumen, ihn zu mögen.
In der vom Rowohlt Verlag veröffentlichten Sammlung von Kurzgeschichten bilden zwei afrikanische Erzählungen den Rahmen: Einerseits die Titel-Story "Schnee auf dem Kilimandscharo" und andererseits "Das kurze glückliche Leben des Francis Macomber". Atmosphäre, Tierwelt und Landschaften erschlossen sich mir beim Lesen lebhaft, die Hemingway in seinem knappen Stil dennoch nachhaltig beschreibt. Auch habe ich Hochachtung vor der Konstruktion dieser und auch der anderen Geschichten. Dies sind Kurzgeschichten, die dem Genre in großem Maßstab entsprechen. Verschiedene Lesarten, ausgeprägte Symbolik, das alles ist beeindruckend.
Aber.
Hemingways Themen sind einfach nicht die meinen. Vielleicht bin ich zu weit entfernt, geschichtlich, zeitlich, gesellschaftlich, vielleicht liegt es daran, dass ich eine Frau bin. Ich mag nicht, wovon er erzählt, ich würde sogar soweit gehen zu sagen, ich mag Hemingway nicht, vielleicht mit Ausnahme der Novelle Der alte Mann und das Meer. Vielleicht ist das auch nicht wirklich ein Problem. Mehr Kurzgeschichten von ihm brauche ich erst einmal nicht.

Ernest Hemingway, Schnee auf dem Kilimandscharo. Rowohlt, Reinbek 2015.

Friday, August 30, 2019

Terry Pratchett - Kleine freie Männer

Tiffany ist neun, wohnt im Kreideland, eine Art Hochland, wo hauptsächlich Schafe und Schäfer ein bescheidenes Leben leben. Eines Tages entdeckt sie ein Wesen, das direkt aus einem Märchenbuch zu stammen scheint - und erschlägt es mit einer Bratpfanne! Doch Tiffany ist sensibel, was diese andere Welt, die Feenwelt, betrifft, schließlich will sie auch Hexe werden. Als ihr Bruder von einer gemeinen Fee entführt wird, macht sie sich auf, um ihn zu retten. Hilfe bekommt sie dabei von den kleinen freien Männern, blau tätowierten, ungehobelten kleinen Kobolden, die sie achten, weil sie die Enkelin der verstorbenen Oma Weh ist, die eine mächtige Schäferin/Hexe war.
Es folgt ein Verwirrspiel durch eine Traumwelt, in der immer unklarer wird, was real und was Traum ist. Doch Tiffany schlägt sich tapfer und es wird klar, dass aus ihr wirklich einmal eine mächtige Hexe werden kann.
Dieser Band ist der furiose Auftakt der Tiffany Aching (Weh) Reihe und vermischt aufs herrlichste gängige Fantasy-Motivik mit Pratchetts Humor - macht Spaß.

Terry Pratchett, Kleine freie Männer. Random House Audio 2006.

Saturday, August 24, 2019

Charlotte Link - Schattenspiel


In Schattenspiel konstruiert Charlotte Link ein bedrohliches Setting: David Bellino lädt fünf Menschen zu sich nach Hause zu einem Wiedersehen ein. Das Leben aller dieser fünf ist eng miteinander verwoben. In der Vergangenheit ist jedem und jeder von ihnen Leid und Unrecht widerfahren und immer war Bellino in irgendeiner Weise daran beteiligt. Trägt er auch die Schuld am Unglück der anderen? Nach und nach werden die Lebensgeschichten der Personen erzählt und aufgeklärt, wie Bellino daran beteiligt war. Er war kein sympathischer Mensch, er traf selbstsüchtige und unüberlegte Entscheidungen - doch kann er schuldig erklärt werden für all diese Schicksale?
 
Die verschiedenen Charaktere sind sehr detailliert entworfen und ausgearbeitet, ihre Geschichten werden ausführlich dargestellt. Die verbindende Rahmengeschichte und die Gegenwartshandlung bleiben dahinter zurück und sind weniger überzeugend. Im Grunde ist das Schicksal Bellinos am Ende fast unwichtig, was nur zum Teil seinem unsympathischen Charakter geschuldet ist, sondern auch damit zu tun hat, dass dieser Aspekt des Romans erzählerisch hinter den Einzelgeschichten der übrigen Charaktere zurückbleibt.

Charlotte Link, Schattenspiel. Random House Audio 2012. 

Tuesday, August 20, 2019

James Fenimore Cooper - Lederstrumpf

Dieses Audiobook trägt den Titel Lederstrumpf, ein Titel, der leicht irreführend ist, denn die "Leatherstocking Tales" von James Fenimore Cooper umfassen insgesamt fünf Bände, der bekannteste davon ist der zweite, The Last of the Mohicans. Bei diesem Audiobook handelt es sich um den vierten Band (The Pioneers, 1823).
Lederstrumpf ist inzwischen gealtert und lebt in der Nähe der kleinen Siedlung Templeton im Staat New York. Gründer der Stadt ist der Richter Marmaduke Temple, der dort mit seiner Tochter Elizabeth lebt. Geschildert werden kleinere Ereignisse im Laufe des Jahres, bei der die unterschiedlichen Sichtweisen auf die herrschenden Regeln und Gebräuche und auch den Umgang mit der Natur deutlich werden. Dabei kommt es zu Diskussionen zwischen Indianern, Pionieren/Jägern und Siedlern. Lederstrumpf vertritt dabei die Ansicht, dass es nicht rechtens ist, die Natur auszubeuten, nur weil man es kann. Dabei bezieht er sich auf die Abholzung von Wäldern, das maßlose Abschießen von Taubenschwärmen oder das Fischen mehr Fisch, als gegessen werden kann. Die sogenannte Zivilisation ist seiner Wahrnehmung nach selbstsüchtig, rücksichtslos und maßlos. Immer wieder kommt auch die Frage nach dem rechtmäßigen Besitz des Landes auf, wobei Marmaduke Temple immer wieder betont, das Land rechtmäßig erworben zu haben - eine Haltung, die vor heutigem Hintergrund fragwürdig ist. Die Schilderung von Lederstrumpfs Charakter ist durchweg geprägt von Bewunderung für das ehrenvolle und moralische integere Verhalten des Pioniers und Jägers.
Insgesamt sind einige Aspekte des Romans überraschend kritisch gegenüber dem Verhalten der ersten Siedler, insgesamt ist aber dieser Band nicht ausgesprochen fesselnd.

James Fenimore Cooper, Lederstrumpf (eigentlich Die Ansiedler). BuchFunk, Leipzig 2009.



Saturday, August 17, 2019

Toni Morrison - Menschenkind


It's difficult to write about this novel.

Sethe risks her life on her way out of slavery and that of her daughter Denver who is born while she is on the run. She finds safety at the house of her mother-in-law and is allowed a short period of happiness with her four children. The catastrophe occurs when slave hunters find her and she feels forced to safe her children from captivity and violence - even if it means killing them.
So she loses one daughter, her husband never returns either. Two sons run away because the house they all live in is now haunted by the ghost of their little sister. 
Sethe never copes with this loss and is devastated when a friend from her past called Paul D. comes to their house no. 124 in Bluestone Road, Cincinnati, and stirs up memories she doesn't want to be confronted with. Her remaining daughter Denver is confused by all the emerging emotions and has problems dealing with her mother's past. Things spin out of control when the ghost of the murdered daughter manifests as a young woman...

Beloved (Menschenkind) is not an easy read, narrator's perspective changes every few pages, it's often difficult to see what is real, what is a dream,... The descriptions of the cruelty that Sethe and her kin had to endure while they were enslaved are drastic at times, the impact of that cruelty on both physical and psychological levels is very vivid and emotionally unsettling. Some parts are written in a rather difficult stream of consciousness (something may have gotten lost there in translation too). Altogether it is a very impressive novel - the story, the emotions, the important historical testimony of what happened to African-Americans during slavery, the importance of finding one's identity and freedom, family bounds,... the list goes on.
This is a novel you keep thinking about for a while after finishing it.

Toni Morrison, Menschenkind. Rowohlt, Reinbek 2019.

Kurze Anmerkung zur deutschen Kindle-Ausgabe: Erst in diesem Jahr veröffentlichte Rowohlt eine digitale Ausgabe des Romans. Dieser ist offensichtlich schlecht redigiert worden, häufig sind Wörter fälschlich zusammengezogen, es fehlen Leerzeichen. Nicht immer scheint die Übersetzung optimal, so mein subjektiver Eindruck. Angesichts der erst kurz zurückliegenden Todes der Autorin wäre meines Erachtens eine Überarbeitung erforderlich.

Saturday, August 10, 2019

Martin Walker - Femme Fatale

In seinem fünften Fall muss Bruno im wahrsten Sinne teuflisch aufpassen, um nicht aufs Glatteis geführt zu werden. Die im Titel erwähnte Femme Fatale ist doppeldeutig zu sehen - einerseits taucht eine Frauenleiche auf dem Fluss treibend auf, die offensichtlich eine bewegte Vergangenheit hatte, schwarze Messen eingeschlossen, gleichzeitig versucht eine mysteriöse Frau, sich in Brunos Leben zu drängen, die aber offensichtlich viel zu verbergen hat und ihm schaden will.
Weitere Zutaten des Romans sind der neue Hund des Kommissars, hinterlistige Immobilienbetrüger, die skrupellose Waffenlobby und die üblichen liebenswerten Charaktere aus dem kleinen Städtchen Saint Denis. Interessantes Lokalkolorit in diesem Band sind die stillen Ecken auf dem Fluss und die Abenteuer in einer nahe gelegenen Höhle. Femme Fatale hat durchaus spannende und (kulinarisch, landschaftlich, zwischenmenschlich) schöne Momente, konnte mich aber nicht übermäßig fesseln.

Martin Walker, Femme Fatale. Diogenes, Zürich 2013. 

Friday, August 09, 2019

Elena Ferrante - Meine geniale Freundin

Elena Ferrante ist eine hochgelobte und erfolgreiche italienische Autorin, die beschlossen hat, unter Pseudonym zu veröffentlichen und anonym zu bleiben. Meine geniale Freundin ist der erste Band der neapolitanischen Saga und beginnt die Geschichte in den 50er Jahren in einem armen Vorort von Neapel.
Die Geschichte wird erzählt von Lenù, sie schildert ihr Leben in Bezug auf die komplizierte Beziehung zu ihrer Freundin Lila. Beide sind intelligent und stammen aus armen und bildungsfernen Familien. Die Kindheit ist geprägt durch die Ereignisse der Vergangenheit: Krieg, NS, Faschismus, Kommunismus, Schwarzhandel, ... Diese Dinge beeinflussen das Verhalten der Erwachsenen, die auf verschiedenen Seiten standen, das oft gewalttätig ist, ohne das Konflikte gelöst werden. Den Mädchen sind die Ursprünge dieser Gewalt zunächst nicht bewusst, sie nehmen diese einfach hin. Zentrale Problematik in ihrem Leben ist Bildung. Es entsteht schnell eine Art Wettbewerb zwischen ihnen, wobei unklar bleibt, ob dies nur von Lenù so wahrgenommen wird, da wir von Lilas Sichtweise nur das erfahren, was Lenù als Erzählerin wahrnimmt und deutet. Schrittweise sammeln beide Erkenntnisse über die sozialen und psychologischen Zusammenhänge bei den Menschen um sie herum.
Lenù schafft es, ihre Bildung auszubauen, sie geht auf die Mittelschule, dann aufs Gymnasium, während die egozentrische Lila andere Wege geht bzw. gezwungen ist, in der Schusterwerkstatt der Familie mitzuarbeiten. Dennoch will auch sie heraus aus ihrer Situation, aus der Armut und der sozialen Begrenztheit. So will sie den wohlhabendsten Mann des Viertels heiraten trotz der moralischen Bedenken, die sie eigentlich hegt, da man sich fragen muss, woher dessen Geld stammt.
Währenddessen fühlt sich Lenù immer fremder, weil sie niemanden hat, mit dem sie auf gleicher Ebene reden kann, und auch das Thema Liebe ist befremdlich, da sie zunehmend zweifelt, welche Gefühle (bei sich und bei Lila) echt sind und welche nur erdacht oder herbeigeredet.

Insgesamt beinhaltet Meine geniale Freundin einige beeindruckende und zum Teil skurrile Szenen und Gedankengänge. Das Setting im Italien der Nachkriegszeit ist ungewohnt und daher von Interesse. Die subjektive Erzählperspektive ist zum Teil schwierig und erschwert die Identifikation.
Die anfangs eingeführte Rahmenstory der Saga (Lila ist verschwunden...) wird in diesem Band nicht wieder aufgegriffen, am Ende steht ein etwas zu gewollter, zweifelhafter Cliffhanger, der aber vielleicht dennoch seinen Zweck erfüllen wird.

Elena Ferrante, Meine geniale Freundin. Suhrkamp, Berlin 2016.

Sunday, August 04, 2019

Michael Ende - Momo

Der vollständige Titel von Michael Endes Klassiker lautet Momo oder Die seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte. Schon lange wollte ich diesen "Märchen-Roman" aus dem Jahr 1973 (!) noch einmal lesen. Die Bilder und einzelne Szenen, aber auch die gesamte Geschichte war mit noch sehr präsent, da ich sie als Kind nicht nur gelesen, sondern auch zahlreiche Male als Hörspiel gehört hatte.
Die Protagonistin Momo ist gute Zuhörerin und Gefährtin, aber auch kindgerecht mit Ängsten und Zweifeln auf ihrem abenteuerlichen Weg, mit ihrem Mut ist sie ein Vorbild.
Erschreckend aktuell und universell für die moderne Gesellschaft ist das Bild der Zeitdiebe: Heute würden sie das Smartphone nutzen, um den Menschen die Zeit zu stehlen. Die Symptome der Bestohlenen; Lust- und Freudlosigkeit, graue Grundstimmung, keine Beschäftigung mit anderen, auch nicht mit Kindern, oder auch nur Dingen, die einem sonst wichtig waren.
Momo besticht durch mit wenigen Strichen gut gezeichnete Charaktere, deren Entwicklung verdeutlicht das Problem. Passend zum Thema Zeit spielt für Momo spielt in der Freundschaft Alter keine Rolle, sie mag Kinder, den alten Beppo, den verträumten Gigi...
Insgesamt gibt viele für Michael Ende so typische wunderbare Bilder und Allegorien, allen voran die Schildkröte Kassiopeia. An all-time-favourite.

Michael Ende, Momo. Thienemann, Stuttgart 2017.

"People never seemed to notice that, by saving time, they were losing something else. No one cared to admit that life was becoming ever poorer, bleaker and more monotonous. The ones who felt this most keenly were the children, because no one had time for them any more. But time is life itself, and life resides in the human heart. And the more people saved, the less they had."

Friday, August 02, 2019

Rupi Kaur - Milk and Honey

This is an amazing book.
It's breathtaking and strong.
It makes you want to LOVE yourself, not stopping at simply accepting yourself.
The poems make you want to be free from judgement by men, women and yourself, find freedom for body, soul and mind.
It's a powerful book for women, it makes you feel worthy and reflects important ideas and believes. Regardless in which situation you currently are, you can relate to what this amazing, young author has to say.

I read the e-book edition which includes simple but impressive illustrations. As this is probably a book you want to come back to again and again and again a printed edition would probably be a good choice.

Rupi Kaur, Milk and Honey. Andrewa McMeel, Kansas 2015. 

Wednesday, July 31, 2019

C.S. Lewis - Der König von Narnia

Lewis schrieb seine berühmte Narnia-Serie für sein Patenkind Lucy Barfield, wobei er in der Widmung von 1950 anmerkt, dass das Schreiben doch länger gedauert hätte als angenommen, sodass sie vielleicht zu alt sein, um das Buch noch toll zu finden. Das Vorwort erzählt die nette Anekdote von Jack und Tollers (Lewis und Tolkien!), die sich vornehmen selbst das zu schreiben, was sie gern lesen wollen - nämlich Fantastisches und Abenteuerliches.
Die Protagonisten von Der König von Narnia, nämlich Peter, Susan, Edmund und Lucy, finden im Zuge der Landverschickung in England ein neues Zuhause in einem alten, verwinkelten Haus. Dort entdecken sie im Kleiderschrank den Zugang nach Narnia. Sie finden sich im tiefsten Winter in der Nähe einer Straßenlaterne wieder (diese kommt auch in Das Wunder von Narnia vor). Edmund wird von der bösen Hexe, die Narnia unterdrückt, mit Süßigkeiten und dem Versprechen, König zu werden, geködert, sodass er seine Geschwister verrät. Diese erhalten aber von vielen Seiten Hilfe und müssen sich im Kampf gegen die Hexe beweisen. Schließlich kann auch Edmund wieder bekehrt werden, an der Seite des Löwen Aslan siegen sie und werden zu den Königinnen und Königen von Narnia. Nach Jahren der Herrschaft stoßen sie auf die Straßenlaterne und kehren ohne gealtert zu sein in diese Welt zurück.
Narnia ist eine faszinierende und interessante Welt, der Kleiderschrank eine brillante Idee. Beeindruckend ist, wie facettenreich die Charaktere der Kinder angelegt sind, Edmunds Abwege oder die Selbstzweifel der anderen werden verständnisvoll dargestellt, wodurch die Geschichte zusätzliche Tiefe erhält. Selbst der mächtige Löwe Aslan ist nicht nur Sieger, sondern lässt zu, klein zu werden, um gestärkt aus der vermeintlichen Niederlage hervorzugehen. Sympathisch und gut erdacht.

C.S. Lewis, Der König von Narnia. Ueberreiter, Wien 2005.

Friday, July 26, 2019

Lucinda Riley - Das Orchideenhaus

Ein altes Herrenhaus in England, eine Konzertpianistin in einer Lebenskrise, der verarmte Erbe eben jenes Herrenhauses und eine dunkle und verworrene Familiengeschichte. Dazu noch ein Hauch Exotik durch einen Bezug nach Thailand. Die Liebesgeschichte ist offensichtlich.
Ich war überrascht, das Lucinda Riley offensichtlich in allen Romanen den gleichen Aufbau für ihren Plot wählt, nicht nur in den Sieben-Schwestern-Romanen, von denen ich zwei gelesen habe. Frau in Krise mit einer Familiengeschichte, deren Entdeckung oder die Suche danach ihr neue Zugänge zu ihrem Selbst eröffnet. Dazu dienen dann jeweils zwei Erzählstränge, eine in der Jetztzeit und eine weitere Protagonistin, aus deren Sicht die historische Ebene erzählt wird. Am Ende steht dann der glückliche Ausblick in die Zukunft, die mit der Kenntnis der eigenen Geschichte nun viel besser werden wird. Nun, aber das Konzept geht auf, die Romane der Autorin verkaufen sich gut.
Mir gefiel bei Das Orchideenhaus die historische Ebene deutlich besser, wohingegen ich die Protagonistin im Verlauf des Roman zunehmend anstrengend fand, weil sie eine Reihe offensichtlich falscher Entscheidungen trifft, wobei man den Eindruck hat, dieses muss so sein, damit das Finale mehr Dramatik gewinnt. Massiv gestört haben mich im letzten Viertel die unglaubwürdigen Ereignisse in Frankreich, die völlig sinnfreie zweite Enthüllung über eine weitere Adoption und das übertriebene Happy End, bei dem durch die thailändische Protagonistin alles gut wird. Das ist im Grunde schade, denn der erste Teil des Roman hat Stärken und man folgt der Geschichte durchaus mit Interesse, auch wenn die Charaktere natürlich schablonenhaft gezeichnet sind, womit man aber bei diesem Genre auch rechnen darf.
Insgesamt ist Das Orchideenhaus eine interessant erdachte Geschichte, die Potenzial verschenkt durch inkonsequente und unglaubwürdige Plotwendungen und Charaktere. So bleibt es leichte Belletristik.

Lucinda Riley, Das Orchideenhaus. Hörverlag 2012. 


Monday, July 22, 2019

Michael Robotham - Der Schlafmacher

In diesem achten Band um den Psychologen O'Loughlin und Ex-Detective Ruiz wird ersterer als Berater zu einem schrecklichen Doppelmord hinzugezogen. In Somerset sind zwei Frauen, eine Mutter und ihre Tochter, grausam hingerichtet worden. Verdächtige gibt es viele, aber keine wirklich Hinweise, wer die Tat begangen hat. O'Loughlin bemüht sich, den Tathergang nachzuvollziehen und erwägt verschiedene Motive und Hergänge. Tatsächlich findet er einige Ungereimtheiten bei de Zeugenaussagen, Dinge, die der Polizei verschwiegen wurden. Leider engt das den Täterkreis dennoch nicht ein. Doch dann beginnt er, Zusammenhänge zwischen den Morden und einer Reihe von Anschlägen auf Frauen in der Gegend herzustellen, und der Täter gerät zunehmend unter Druck.

Der Schlafmacher von Michael Robotham ist ein spannender Psychothriller, bei dem wir wie gewohnt vom Autor auch die Perpektive der Täters erfahren. Beim Audiobook wird diese Perspelkive auch mit Stefan Merki mit einem zweiten Sprecher besetzt, man wird zwangsweise hineingezogen in die perfide Denkweise des Täters. Und obwohl man den Täter denken hört, kann man ihn im Kreis der Verdächtigen nicht identifizieren.
Für gewöhnlich gehört es zu den positiven Aspekten einer längeren Thrillerserie, dass einem die Protagonisten ans Herz wachsen, man miterlebt, welche Probleme, Sorgen und Triumphe sie erleben. Bei Der Schlafmacher hätte ich mir gewünscht, der Autor hätte O'Loughlins Tochter Charlie nicht erneut in den Fall verwoben, dieses Spannungselement war nicht zwangsläufig nötig, auch der Schicksalsschlag, der die Familie am Schluss ereilt, belastet und erscheint übertrieben. Der Spannungsbogen hätte auch mit einem weniger krassem Showdown sein Ende finden können und wäre dabei vielleicht glaubwürdiger geblieben. Dennoch bot auch dieser Band Spannung und gute Unterhaltung.

Michael Robotham, Der Schlafmacher. Hörverlag 2016.

Saturday, July 20, 2019

Marissa Meyer - Wie Monde so silbern

In der Popsugar Challenge 2019 gibt es eine Aufgabe die "Retelling of a classic" betitelt ist, Cinder tauchte oft als eine Option dafür auf. Der Originaltitel gibt die Vorlage direkt an, der deutsche Titel Wie Monde so silbern verschlüsselt sie auch nur leicht, da auf das Kleid von Aschenputtel/Cinderella angespielt wird.
Transferiert wird das Märchen in die Zukunft, die Erdenbewohner haben sich zu verschiedenen Allianzen zusammengeschlossen, ihr Gegner sind die Lunarier, die Bewohner des Mondes, die große Bedrohung die blaue Pest, eine mysteriöse Seuche. Es gibt neue Technologien, vor allem auch Cyborgs in unterschiedlichen Ausprägungen. Cinder ist seit einem schweren Unfall ein halber Cyborg und muss als Waise bei ihrer Stiefmutter und zwei Stiefschwester leben. Sie hat keine Rechte und arbeitet für die Stiefmutter - zum Glück ist sie eine besonders begabte Mechanikerin. Das bringt auch den Prinzen Kai in ihren Laden, denn er hat einen kaputten Cyborg, den sie reparieren soll. Achja, und natürlich reden alle von dem Ball, der in einigen Tagen stattfinden soll. Cinder darf nicht hin... ist ja klar.
Die Parallelen zum Märchen sind grob und deutlich gezeichnet, im Detail geht es aber doch eher um politische Intrigen - und die böse Königin der Lunarier als Gegenspielerin gab es im Märchen meiner Erinnerung nach auch nicht.
Prinzipiell birgt die Idee Potenzial, das aber nur bedingt ausgeschöpft wird. So fesselte mich anfangs das Setting und die Ausarbeitung dieser anderen Welt, dann stockte das Erzähltempo, es gab überflüssige Schleifen und langatmige Passagen, zumal schon nach der Hälfte Cinders wahre Identität zu erraten war, dafür, wie dies zustande kam, hätte man auch weniger Raum verwenden können.
Die Lesung von Vanida Karun war sehr gut und abwechslungsreich, die Schauspielerin setzte die verschiedenen Personen mit viel Elan und unterschiedlichen Stimmen und Akzenten interessant in Szene. Das hat das Zuendehören des Romans deutlich erleichtert.

Marissa Meyer, Wie Monde so silbern. Silberfisch 2013.

Friday, July 19, 2019

Tove Jansson - Mumins wundersame Inselabenteuer

Der Muminvater ist unzufrieden - nichts zu tun, nichts los im Mumintal! Also segelt die Familie (Eltern, Mumin und die kleine Mü) zur Leuchtturminsel, auf der der Muminvater schon immer leben wollte. Doch die Insel ist keine Trauminsel, sie ist karg, wirkt verlassen und unheimlich. Trotzdem versuchen alle, das Beste daraus zu machen und jedes Familienmitglied geht seiner Wege. Der Vater geht seinen "Forschungen" nach, schafft es aber weder, den Leuchtturm wieder in Betrieb zu nehmen, noch den Geheimnissen des Meeres auf die Spur zu kommen. Die Muminmutter versucht sich an einem neuen Garten, in dem auf der kargen Insel aber nichts gedeiht, und malt schließlich voller Sehnsucht das grüne Mumintal an die Leuchtturmwände. Mumin hat Geheimnisse vor seinen Eltern, er wartet auf die Seepferde und fühlt sich außerdem verantwortlich für die kalte, bedrohliche Morra, die ihnen auf die Insel gefolgt ist. Die kleine Mü tut, was sie immer tut, sie geht ihrer eigenen Wege, selbstbewusst und immer ein bisschen sarkastisch, obwohl sie noch so klein ist. (Ein paar Mal musste ich ihretwegen laut auflachen...) 
Die Ereignisse spitzen sich zu, als die Insel in Bewegung gerät - das Meer und die Morra haben sie in Unruhe versetzt. Ein Herbststurm bringt die Katharsis, die Insel und die Muminnd s werden ruhiger und sogar der depressive, vereinsamte ehemalige Leuchtturmwärter, der als Fischer auf der Insel lebte, kann zu seinem Posten zurückkehren und den Leuchtturm endlich wieder zum Leuchten bringen. Die Morra fasst Vertrauen zu Mumin und verliert ihren Schrecken. Ein verhalten positives Ende für ein Buch, dass ungewohnt düstere Töne in sich hat, die heitere Idylle aus anderen Bänden sucht man hier vergebens, dafür gewinnen die Charaktere eine zusätzliche Tiefe, natürlich auch dadurch, dass sich Tove Jansson für nur vier Hauptfiguren entschieden hat. Mumins wundersame Inselabenteuer ist mehr als "nur ein Kinderbuch" und birgt kleine und große Botschaften für den Einzelnen und das Miteinander.

Tove Jansson, Mumins wundersame Inselabenteuer. Arena, Würzburg 2017.

Sunday, July 14, 2019

Günter Grass - Katz und Maus

1981 las Günter Grass in seinem Atelier seine Novelle Katz und Maus (1961) einer Schulklasse vor. Sie ist der zweite Band der Danziger Trilogie zwischen Die Blechtrommel (1959) und Hundejahre (1963). Die Lesung wurde erstmals 2002 vom Hörverlag veröffentlicht.

In Katz und Maus berichtet uns der etwas zweifelhafte Erzähler Pilenz von seinem Schulkameraden Mahlke und seiner Beziehung zu diesem. Die Handlung spielt zur Zeit des Zweiten Weltkrieges in Danzig als die beiden noch zur Schule gingen. Mahlke ist ein Sonderling und Außenseiter, nicht zuletzt wegen eines auffälligen Adamsapfels. Letzterer gibt den Anlass zu einem Streich, den Pilenz Mahlke spielt, indem er dem schlafenden Mahlke eine Katze auf den Hals hetzt, die wiederum den Adamsapfel für eine Maus hält. Diese Anekdote steht symbolhaft über der ganzen Geschichte und wird in den verschiedensten Bezügen wieder aufgegriffen. Pilenz ist als Erzähler eine unzuverlässige Figur, da seine eigene Beziehung zu Mahlke von wechselnden Gefühlen zwischen Bewunderung, Liebe und Hass geprägt ist - erzählt er uns die Wahrheit? - was lässt er weg? - was beschönigt er? Und auch Mahlke selbst bleibt eine unklare Figur, denn auch er schwankt zwischen Ablehnung und Auflehnung gegen das bestehende System (sei es das der Schule oder der Armee) einerseits und andererseits buhlt er um Bewunderung und Anerkennung (Ehrgeiz beim Turnen und Tauchen und im militärischen Kampf). So bleibt vieles im Unklaren und gibt Anstoß zum Nachdenken - darin und in dem ihm einzigartigen Sprachstil liegen unbestritten Günter Grass' schriftstellerische Genialität. Ein guter Vorleser war er außerdem.

Günter Grass, Katz und Maus. Steidl, Göttingen 2013.

Saturday, July 13, 2019

Michael Robotham - Erlöse mich

Im Zentrum dieses siebten Falls von Joseph O'Loughlin und Detective Ruiz steht Marnie Logan. Sie steckt in massiven Schwierigkeiten: Nachdem ihr Mann vor einigen Monaten spurlos verschwand, soll sie nun für dessen Schulden aufkommen, hat aber nicht einmal genug Geld für die Miete und den Unterhalt für ihre zwei Kinder. Wegen kleinerer Blackouts und dem diffusen Gefühl beobachtet zu werden sucht sie Hilfe bei O'Loughlin. Der seinerseits glaubt, dass Marnie ihm etwas verschweigt. Die Ereignisse spitzen sich zu, als der Kriminelle, der dafür sorgen soll, dass Marnie ihre Schulden im Escortservice abarbeitet, ermordet aufgefunden wird. Natürlich gerät Marnie unter Verdacht - zögerlich beginnen O'Loughlin und Ruiz ihr zu helfen, denn sie selbst sind sich auch nicht sicher, ob Marnie wirklich unschuldig ist.
In einer weiteren Erzählperspektive hören wir jemandem zu, der jeden von Marnies Schritten und Entscheidungen beobachtet, ohne genau zu wissen, wer dieser jemand ist. Dieser Stalker hat etwas mit den vielen Unglücken und Todesfällen in Marnies Vergangenheit zu tun, die von O'Loughlin und Ruiz nach und nach entdeckt werden. Ist Marnie psychisch krank? Hat sie einen Stalker?
Eine der Stärken von Erlöse mich ist sicher, dass es Robotham erzählerisch gelingt, die Antwort auf diese Frage lange Zeit schuldig zu bleiben. Die Spannung wird gehalten, obwohl wir der Stimme des Täters lauschen (im Hörbuch im wahrsten Sinne des Wortes, umgesetzt durch einen zweiten Sprecher). Viele der Charaktere werden intensiv beleuchtet, besonders Marnie, aber sie ist eine zweifelhafte Protagonistin, der man nicht über den Weg trauen mag. Das lässt zwar keinen Raum zur Identifikation, verstärkt aber das große Unbehagen, das dieser Psychothriller hinterlässt.

Michael Robotham, Erlöse mich. Hörverlag 2013.