Sunday, June 16, 2019

Stephen Chbosky - Das also ist mein Leben


Charlie ist nicht der typische Highschool-Junge, nein, er ist schüchtern, schräg, anders. So hält er sich meistens im Hintergrund, beobachtet, denkt nach. Und aus seinen Briefen an den unbekannten Freund, dessen Namen wir nie erfahren, wird deutlich, dass er eine Vergangenheit mit psychischen Problemen und schwierigem Verhalten hat. Doch er durchbricht seine Gewohnheiten, als er Patrick und Sam kennenlernt und Freundschaft schließt. Plötzlich tut sich ihm eine neue Welt auf, die ihm zwar auch neue Probleme bereitet, aber dazu führt, dass er sich lebendiger fühlt und teilnehmen kann an der bunten Welt da draußen...

Stephen Chboskys Roman erschien bereits 1999, 2012 kam die Verfilmung unter Regie des Autors in die Kinos. Charlies Geschichte löste einige Kontroversen aus. In den USA erreichte der Roman mehrmals Bestplazierungen auf der Liste der "most-frequently-challenged books" wegen der enthaltenen Bezüge zu Drogenerfahrungen oder Homosexualität. In den Kritiken und Buchrezensionen wird oft angemerkt, dass zahlreiche komplexe Themen wie auch Selbstmord, Missbrauch, Vergewaltigung etc. zur Sprache kommen, aber nicht wirklich thematisiert bzw. problematisiert werden. Charlie erlebt und beobachtet, reflektiert aber nur wenig, handelnd eingreifen kann oder will er nur selten. Auch wird nicht deutlich, welche psychische Erkrankung eventuell zu seiner Andersartigkeit führt - wenngleich eine Form von Autismus naheliegend ist, wird dies nie deutlich thematisiert. Statt alledem befinden wir uns in Charlies Briefen in einer Art andauerndem und ungefiltertem Stream-of-Consciousness. Ist er deswegen einer schwacher Protagonist? Nein, ich denke nicht. Er spricht mit seinen Ängsten und seinen Schwierigkeit typische Teenager-Probleme an, jedoch durch seine Andersartigkeit um einiges gesteigert. Seine Sichtweise wirbt gleichzeitig um Verständnis für ihn, für sein Anderssein und auch für die Eigenarten der anderen. Die Nennung von Musik, Filmen und Romanen bietet zugleich emotionale Identifikationsfläche - hier finden wir uns wieder, können doch einen Bezug zu diesem schrägen Jungen herstellen und ihn mögen. Chbosky hat kein heikles Problem-thematisierenden Buch geschrieben, sondern eine Coming-of-Age-Story mit einem ungewöhnlichen und nicht unproblematischen Protagonisten. Dabei macht er stilistisch keine Extravaganzen, wenngleich einige Textstellen zu beliebten Zitaten geworden sind, dennoch spricht ein Teenager. Die kleinen Botschaften zur Selbstliebe und Selbstakzeptanz kommen aber gerade deshalb beim Zielpublikum (und auch vielen anderen) gut an und begründen wohl den Erfolg des Romans.

Stephen Chbosky, Das also ist mein Leben. Heyne, München 2011.

Thursday, June 13, 2019

J.M. Barrie - Peter Pan

Zahlreiche Adaptionen, nicht zuletzt von Disney oder Steven Spielberg, sind der Grund, warum fast jeder die Geschichte von Peter Pan kennt. Dabei ist die ursprüngliche Fassung von J.M. Barrie gar nicht als Kinderbuch vorgesehen gewesen, erst nach einem Buch für Erwachsene (1902) und einer Bühnenfassung (1904) erschien 1911 die für Kinder adaptierte Fassung unter dem Titel Peter und Wendy.

Peter Pan ist eine zwispältige Figur, symbolhaft für eine sorglose, fantasiereiche Kindheit, in der alles Wirklichkeit wird, was man sich nur ausdenken kann, und jederzeit Abenteuer warten. So nehmen Kinder oft oder phasenweise ihre Welt wahr, bis erste Verpflichtungen, Konflikte und Kümmernisse sie auf den Weg zum Erwachsenwerden bringen. Doch Peters Sorglosigkeit umfasst auch, sich nicht ernsthaft auf Dinge einzulassen, für nichts und niemand Verantwortung zu tragen und zu vergessen, was außer Sicht gerät. So vergisst er auch Wendy, die doch von ihm auserwählt wurde, ihn nach Nimmerland zu begleiten, was diese verzweifeln lässt. Denn sie vergisst ihn nie, gesteht sich aber ein, dass sie nicht für immer Kind bleiben kann und bleiben möchte, denn sie liebt ihre Eltern, die sie nicht vergessen will. Daher kehrt sie zurück und muss auf Peter und all die fantastischen Abenteuer verzichten. Aber sie gibt sie als Geschichten und Erinnerungen an ihre Kinder weiter.
Mich haben die Abenteuer der Kinder auf Nimmerland, die oft nur in groben Zügen angedeutet werden und teils einen rabiatem Ausgang nehmen, nicht besonders angesprochen. Vielleicht bin ich zu erwachsen?! Faszinierend finde ich jedoch das Bild des Fliegen (ob nun mit Feenstaub oder ohne) - wer hat nicht als Kind davon geträumt fliegen zu können oder es sogar empfunden? Vielleicht endet Kindheit wirklich in dem Moment, in dem man dies vergisst oder nicht mehr daran glaubt.

The moment you doubt whether you can fly, you cease for ever to be able to do it.

J.M. Barrie, Peter Pan. Insel, Leipzig 2015.

Tuesday, June 11, 2019

Alan Bradley - Vorhang auf für eine Leiche


Wie schon im vorangehenden Band deutlich wurde, ist Flavias Zuhause, der Herrensitz von Buckshaw, bedroht - die Familie ist pleite. Zum Glück will eine Filmcrew über Weihnachten in dem Anwesen einen Film drehen und das bringt Geld und neue Hoffnung für die Familie. Die drei Schwestern sind auch erfreut über die Aufregung, welche die Crew mit den bekannten Schauspielern ins Haus bringt. Doch als würde Flavia die Leichen irgendwie anziehen, wird die Hauptdarstellerin schon in der ersten Nacht erdrosselt! Und wie in einem klassischen "Whodunnit" sind alle Verdächtigen auf Buckshaw zu finden, denn wegen eines Schneesturms kann niemand das Haus verlassen.

Das Szenario, das Alan Bradley in Vorhang auf für eine Leiche entwickelt, schafft eine reizvolle klassisches Krimiatmosphäre, in der Flavia mit ihrer ganz eigenen Art mühelos und glaubhaft die Rolle der Ermittlerin à la Miss Marple übernimmt. Nebenbei erlangen einige der Nebencharaktere, Flavias Schwestern beispielsweise und die mysteriöse Tante Felicity, weitere Tiefe. Gemeinsam mit Flavia entdeckt der Leser, dass sie ihr Urteil über die Verwandten vielleicht revidieren muss und dass es da sehr viel mehr zu wissen gibt, als sie bisher dachte. Es deutet sich an, dass ihre kindliche Sichtweise langsam abgelöst werden wird von einer differenzierteren Weltsicht einer Heranwachsenden. Diese subtile Zusammenfügen von kleinen Mosaiksteinen der Familiengeschichte der de Luces ist nahezu genauso spannend wie der eigentliche Kriminalfall. Definitiv ist Vorhang auf für eine Leiche ein weiterer spannender Band der Serie.

Alan Bradley, Vorhang auf für eine Leiche. Random House Audio 2012.

Thursday, June 06, 2019

Postcrossing - still great

After taking a break from writing cards due to serious work overload I sent out some card two and a half weeks ago. Here's what I received in return already! All my wishes fulfilled! 

A great ocean-related art card:
Vincent Van Gogh: The Sea at Les Saintes-Maries-de-la-Mer (1888)
sent by Nicole from the Netherlands

Inger Nilsson as Pippi Longstocking by Astrid Lindgren (1969)
sent by Claudia from Switzerland

A cute illustration card:
"Peekamew" by Alicia Souza
sent by Clare from the UK

first lighthouse card, sent by Lee from the USA

second lighthouse card,
Quimper lighthouse,
sent by Christelle from Brittany, France

Amazing black and white card:
Robert Doisneau; "La Sonnette", Paris 1934
sent by Tonia, an artist herself, from Paris, France

Moominmama (Tove Jansson)
sent by Raili from Espoo, Finland

Wednesday, June 05, 2019

Elisabeth Herrmann - Die letzte Instanz

In seinem dritten Fall Die letzte Instanz verstrickt sich Joachim Vernau tief in der schwierigen Frage nach Gerechtigkeit. Zunächst wird er Zeuge, wie Margarethe Altenburg, eine ältere Dame aus Görlitz, versucht, seinen Mandanten, einen Obdachlosen, vor dem Gerichtsgebäude zu erschießen. Sie verfehlt ihn und bricht dann selbst zusammen. Vernau hat Mitleid mit der Dame, die offensichtlich verstört und zugleich von einem inneren Drang angetrieben wird. Er beginnt zu nachzuforschen und stößt auf Hinweise auf Gerichtsverfahren, bei denen die Täter ohne oder mit geringer Strafe davongekommen sind, obwohl sie offensichtlich schuldig sind. Handelt es sich um einen Racheakt? Schließlich wird sein Mandant doch tot aufgefunden und es geschehen weitere, auf den ersten Blick zusammenhanglose Morde. Es bedarf einer geduldigen Recherche, um sich der Wahrheit langsam anzunähern, wer da mordet und warum.  
Vernau ist gleichzeitig schwer verliebt in die eiskalte Staatsanwältin, die mit dem Fall auf mehr als eine Weise zu tun hat. Diese Verfallenheit vernebelt ihm phasenweise den Blick und wirkt auch ein bisschen übertrieben und aufgesetzt für den sonst durchaus logisch und intelligent agierenden Rechtsanwalt. Dies trübte auch ein wenig den Genuss dieses sonst gut konstruierten Krimis. 

 Elisabeth Herrmann, Die letzte Instanz. Audio Media 2014. 

Thursday, May 30, 2019

Lars Kepler - Lazarus

Wie Lazarus von den Toten auferstanden...
Jurek Walter, der gefährlichste Serienmörder Schwedens, wurde vor Jahren von Saga Bauer erschossen. Er stürzte in seinen Fluss und wurde für tot erklärt. Als jedoch eine seltsame Mordserie verschiedene unerklärliche Verbindungen zu Jurek Walters Gegner Joona Linna aufweist, beginnt dieser zu ahnen, dass er sich fälschlich in Sicherheit wiegte. Sofort versucht er alle möglichen Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen, versteckt sich und seine Tochter und warnt alle, die enger mit ihm zu tun haben und deswegen in Jureks Psychospielchen hineingezogen werden könnten. Schlimmer noch, Jurek hat einen neuen Partner gefunden, der skrupellos und brutal dessen Aufträge erfüllt. Es beginnt ein ungleicher Wettlauf von Gewalt und psychischer Manipulation.

Die in Der Sandmann begonnene Geschichte um einen unnatürlich manipulativen und geschickten Psychopathen wird von dem Autorenteam nahtlos wieder aufgegriffen und noch auf die Spitze getrieben. Die Spannung lässt - wie die Bedrohung - an keiner Stelle nach, wenngleich man sich nach einer Weile nach der Auf- und Erlösung am Ende sehnt. An manchen Stellen fragt man sich, wie Jurek Walter so übermenschlich handeln kann, auch seine Zusammenarbeit mit seinem Komplizen mag dies nicht vollkommen erklären. Wie können all die Vorsichtsmaßnahmen immer wieder scheitern, wie kann der Täter so schnell, so über alle Maßen schlau sein? So erscheinen manche Wendungen surreal und man beginnt, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen. Aber es ist eben doch ein Thriller, der ein Ende finden muss, auch wenn es nicht gerade ein glückliches Ende ist.

Lars Kepler, Lazarus. Bastei Lübbbe, Köln 2019.

Tuesday, May 28, 2019

Green/Johnson/Myracle - Tage wie diese


Im Original ist diese Sammlung von drei Geschichten der Autoren
Maureen Johnson, John Green und Lauren Myracle passender betitelt mit Let it snow. Am Abend vor Weihnachten führt ein Schneesturm dazu, dass drei Jugendliche etwas Ungewöhnliches erleben.

Jubilees (Johnson) Zug bleibt im Schnee stecken, sie strandet in einem kleinen Ort und lernt jemanden kennen... Tobin (Green) betrachtet seine alte Freundin "Herzog" plötzlich in einem anderen Licht... Addie (Myracle) versinkt in Liebeskummer und muss zögernd erkennen, dass sie vielleicht doch ein wenig egozentrisch ist und etwas ändern muss...

Das verbindende Element ist das Setting in dem kleinen Ort bei Schneesturm, die Charaktere kennen oder erwähnen sich untereinander, in der letzten Geschichte gibt es auch eine kleine Zusammenführung.
Die Lesungen von Julia Meier, Jacob Weigert und Leonie Landa machen das Beste aus den drei Geschichten, die qualitativ jedoch sehr unterschiedlich sind. Alle versuchen einen lockeren, heiteren Erzählton anzuschlagen, alle handeln von Jugendlichen, die etwas über die Liebe und das Leben lernen. Während Jubilee (Maureen Johnson) noch eine Protagonistin ist, die etwas Außergewöhnliches erlebt und auch etwas wagen muss, sind die anderen beiden Geschichten leider banaler und man möchte die Charaktere bei den Schultern nehmen und sie zwingen, endlich die Augen aufzumachen und den Verstand anzuschalten. Besonders die Cheerleader (John Green) und das wiederholte Winken mit dem Zaunpfahl von Addies Freunden - ja, du bist *wirklich* ein weinerliches, egozentrisches Wesen - (Myracle) war eher anstrengend. Romantik kam da trotz der entsprechenden Szenen wenig auf.

Green/Johnson/Myracle, Tage wie diese. Goya Libre 2017. 

Wednesday, May 22, 2019

Jacques Berndorf - Eifel-Bullen

Rodenstock kommandiert Baumeister mitten in der Nacht durch die Eifel, ohne dass dieser weiß, was eigentlich los ist. Er soll eine Frau befragen, wo sie die Nacht verbracht hat - erst hinterher erfährt er, dass in dieser Nacht ihr Ehemann, ein Polizist aus Daun, und dessen Kollegin erschossen wurden. Der Tatort befindet sich außerhalb des Zuständigkeitsbereich der beiden Beamten, sie liegen hingerichtet neben ihrem Streifenwagen.
Dieser furiose Anfang lässt einen auf eine spannende Ermittlung hoffen, doch irgendwie dümpeln im folgenden die Geschehnisse nur so vor sich hin, die Spannungskurve kann Jacques Berndorf in diesem 21. Eifelkrimi-Band nicht so recht halten. So war es am Ende beinahe egal, wer die beiden erschossen hat und warum. Der Drogenhintergrund will auch nicht so recht zur Eifel passen, alles wirkt ein wenig halbherzig. Einzig dramatisch ist das Leiden des steinalten Katers Satchmo, aber diesen Aspekt lässt Berndorf unbeendet, ein Happy End ist natürlich da auch nicht möglich... Vielleicht brauche ich jetzt erst einmal wieder Abstand von der Eifel.

Jacques Berndorf, Eifel-Bullen. KBV 2012.

Sunday, May 19, 2019

Philip Pullman - Der goldene Kompass

In einer Welt, die der unseren ähnelt, aber auch vollkommen anders ist, lebt ein Mädchen namens Lyra in einer Stadt die Oxford heißt. Obwohl sie in einem College mit Professoren lebt, erhält sie keinen echten Unterricht, sondern streunt herum, begleitet von ihrem kleinen, gestaltwandelnden Dämon, wie jeder Mensch in dieser Welt einen hat. Über ihre Eltern weiß sie nichts, ihr einziger Verwandter ist ein Onkel, Lord Asriel, der sich aber auch nicht um sie kümmert.
Als er eines Tages doch zu Besuch kommt, beobachtet Lyra heimlich, was er den anderen Professoren zeigt: Hinter den Nordlichter verbirgt sich der Zugang zu einer anderen Welt!
Vermutlich hätte sie all das sogar schnell wieder vergessen, doch ihre heile, verspielte Welt verändert sich, als Kinder aus ihrer Stadt verschwinden. Was passiert mit ihnen? Welche geheimnisvoll Organisation steckt dahinter? Gesteuert durch Schicksal, Zufall und ihren festen Vorsatz, einen Freund wiederzufinden, der zu den Verschwundenen gehört, gerät Lyra in ein unglaubliches Abenteuer mit Hexen, gepanzerten Eisbären und einigen sehr fiesen Erwachsenen, die nur auf ihren Vorteil aus sind. Zum Glück hat sie den goldenen Kompass dabei, ein Instrument, das ihr dabei hilft, wahr und falsch zu unterscheiden und das ihr einen Vorteil in dem ungleichen Kampf verschafft.

Prinzipiell ist Der goldene Kompass eine spannende Geschichte. Pullman erschafft Charaktere, die abwechslungsreich und gut erdacht sind, auch die Fantasy-Elemente sind logisch und die Dämonen, die Menschen begleiten, sind eine faszinierende Idee. Natürlich richtet sich der Roman an Kinder/junge Jugendliche, dennoch wird hier doch auch für diese Zielgruppe etwas sehr einfach zwischen gut und böse unterschieden. Hinzu kommt ein m.E. für den Plot überflüssiger religiöser Bezug, der die Institution der Kirche als grundböse und treibende Kraft für das Übel in der Gesellschaft darstellt, gleichzeitig aber selbst intensiv moralisierend ist. Einem kindlichen Leser wird dies vermutlich nicht sonderlich auffallen, vermutlich auch nicht stören, da die Abenteuergeschichte und Lyras Schicksal viel interessanter sind. Als Erwachsener beginnt man, einige der Metaphern als aufdringlich wahrzunehmen, aber nun, vielleicht kann man auch einfach darüber hinweg lesen bzw. hören.
Von alledem abgesehen, war Rufus Becks Lesung auf jeden Fall ein Genuss.

Philip Pullman, Der goldene Kompass. Hörbuch Hamburg 2013. 

Saturday, May 18, 2019

Alan Bradley - Halunken, Tod und Teufel

Auch im dritten Band, Halunken, Tod und Teufel, von Alan Bradleys Serie um die unvergleichliche Flavia de Luce stolpert sie Hals über Kopf in ihren neuen Fall. Weil sie versehentlich das Zelt einer Wahrsagerin auf Bishop’s Laceys Jahrmarkt angezündet hat, fühlt sie sich dieser verpflichtet und erlaubt ihr, in einer abgelegenen Ecke von Buckshaw zu kampieren - nur um sie kurz darauf schwer verletzt aufzufinden. Natürlich fühlt sich Flavia verpflichtet, der Sache nachzugehen - wer wollte Fenella umbringen? Und warum? 
Flavia versucht Spuren zu finden und geht den verschiedensten kleinen Hinweisen nach. Was hat die mysteriöse religiöse Gruppe der Humpler (English: Hobbler, dissenters) damit zu tun? Aber sie hat kaum Zeit, genauer zu ermitteln, als eine Leiche auftaucht und dem Fall eine neue Richtung gibt.
Hartnäckig und clever wie immer setzt Flavia alles daran, die lokalen Ermittler zu beeindrucken und schneller als sie zur Lösung zu kommen. Gleichzeitig wird in diesem Band noch deutlicher, in welchen sozialen Problemen sie steckt: Ihre Beziehung zu den Hausangestellten - so verquer sie auch ist - scheint ehrlicher als die zu ihren Schwestern und ihrem Vater. Nur schwer kann sie Zeichen von deren Zuneigung und Sorge erkennen, sie sieht diese nur als Gegner, an denen man sich rächen oder die man austricksen muss. Freundschaften pflegt sie keine und wenn sie auf jemanden trifft, der als Freund in Frage kommt, verläuft auch dies problematisch, obwohl deutlich wird, dass sie sich schon danach sehnt. So ist es herzerweichend, wenn sie mit großen Gesten ihre Zuneigung und Pseudobeziehung zu ihrem Fahrrad Gladys schildert. Besorgt liest man auch von den großen finanziellen Schwierigkeiten der Familie und fragt sich, was denn nun wirklich mit Harriet, Flavias Mutter, geschehen ist. Hier gibt es noch viel zu erzählen; wie gut, dass noch viele weitere Bände mit dieser interessanten Protagonistin warten.

Alan Bradley, Halunken, Tod und Teufel. Penhaligon 2011. 


Sunday, May 12, 2019

Not so serious quote for mothers' day lovers

“She was not, herself, hugely in favor of motherhood in general. Obviously it was necessary, but it wasn't exactly difficult. Even cats managed it. But women acted as if they'd been given a medal that entitled them to boss people around. It was as if, just because they'd got the label which said "mother", everyone else got a tiny part of the label that said "child"...” 
- Terry Pratchett, Carpe Jugulum

Friday, May 10, 2019

Terry Pratchett - Ruhig Blut

Nach einiger Zeit in der Gesellschaft von Mumm und Co. wurde es mal Zeit für einen Scheibenwelt Ortswechsel:

Im kleinen Scheibenweltreich Lancre wird gefeiert - Königin Magrat hat ihre erste Tochter geboren und der König lädt alle Welt zum Fest der Namensgebung ein. Leider auch die benachbarten vampirischen Elstyrs aus Überwald. Und die verfolgen den Plan, sich Lancre zu unterwerfen. Aber natürlich müssen sie gegen den Hexenzirkel antreten. Oma Wetterwachs ist eingeschnappt, weil sie die Einladung nicht erreicht hat, gleichzeitig ist sie die stärkste Gegnerin der Vampire. Als sie das erste Mal auf die Vampire trifft, sieht es so aus, als sei sie besiegt worden - sie wird gebissen! Doch nicht alles ist so, wie es scheint, bei den Hexen auf der Scheibenwelt, und so hat Oma Wetterwachs noch einige Trümpfe im Ärmel...

Ruhig Blut ist der sechste von Terry Pratchetts Scheibenweltromanen mit den Hexen als Hauptpersonen und steckt voller schillernder, amüsanter und wortwitziger Charaktere, womit nicht nur die Hexen gemeint sind. Katharina Thalbach bei der Darstellung dieser Charaktere zuzuhören war reine Freude, eine sehr empfehlenswerte Lesung.

Terry Pratchett, Ruhig Blut. Random House Audio 2010.

Saturday, May 04, 2019

Martin Walker - Delikatessen

Ausgerechnet im beschaulichen Saint-Denis soll ein spanisch-französisches Gipfeltreffen stattfinden und eine Lawine von Sicherheitsmaßnahmen wird in Gang gesetzt, die Bruno Chef de Police durchaus fordert. Auch seine ehemalige Geliebte Isabelle ist deswegen vor Ort, keine kleine Sache für ihn, weil zeitgleich das Verhältnis zu Pamela weiterhin im Unklaren bleibt. Die Sicherheitslage aber ist vor allem deswegen so angespannt, weil man ein Attentat der ETA, der baskischen Terrororganisation, befürchtet.
Zunächst wird Bruno auch noch durch den Fund einer 20 Jahre alten Leiche auf dem Gelände einer archäologischen Ausgrabungsstätte abgelenkt, deren studentische Hilfskräfte zusätzlich mit Anschlägen auf die in ihren Augen schändliche Gänsezucht (für das in Frankreich allseits beliebte Foie Gras) für Unruhe sorgen.
Gleichzeitig bekommt Bruno ein Geburtstagsgeschenk, das sein Leben nachhaltig verändert. Bei all dem Trubel ist es wirklich verwunderlich, dass er noch den Überblick bewahrt. Den wahren Übeltäter erkennt er aber bis zum Schluss nicht und muss dafür auch büßen, wenngleich den Täter nach einem fulminanten Showdown seine Strafe ereilt.
Delikatessen ist atmosphärisch dicht und voller interessanter Charaktere, Bruno wie immer unglaublich sympathisch - man will sofort hin in das wunderbare Saint-Denis, um diese Menschen kennenzulernen und um das Essen, den Wein und das Leben zu genießen. Daneben erscheint der Krimiplot fast eine Nummer zu groß für den kleinen Ort und auch für Bruno, bei dem man sich fragen muss, wie er dies alles - Politik, Kleinstadtleben, private Umwälzungen und beruflich die Organisation der Polizeiaktionen -  bewältigen kann.
Die Lesung von Johannes Steck ist gewohnt gut und seine Stimme passt gut zum Erzählstil des Romans.

Martin Walker, Delikatessen. Diogenes 2012.

Thursday, May 02, 2019

Jacques Berndorf - Die Eifel-Connection

Vulkanmaare bei Schalkenmehren April 2019, by InBetween

Hocheifel bei Lind April 2019, by InBetween 

Schön ist sie, die Eifel. Abwechslungsreiche Landschaften vom Hochplateau bis zum Vulkanmaar. Das findet er auch der dort ansässige Autor Jacques Berndorf, der seit Jahrzehnten in seiner Krimireihe Eifel-relevante Themen anschneidet, sehr gern die unbequemen.
In Eifel-Connection (Band 20, 2011) werden nacheinander drei sehr unterschiedliche Tote aufgefunden: Ein Geologe stürzt von einer Steinbruchkante, ein Geschäftsmann sitzt tot in seinem Auto und eine über 60jährige Frau liegt in einem der Puff-Wohnwagen, die in der Eifel hier und da an der Straße stehen. Und doch scheint es Zusammenhänge zu geben, denen Siggi Baumeister mit Hilfe von Emma und zum Teil auch vom langsam genesenden Rodenstock auf die Spur kommt. Ganz nebenbei erfährt der Leser auch von dem desaströsen Abbau der Basalt-Vorkommen in der Eifel - ganze Berge werden abgetragen und trotz Warnungen und Protesten der Umweltorganisationen immer mehr Flächen zum Abbau freigegeben. Was in Eifel-Connection den Hintergrund für einen Teil der Kriminalstory liefert, ist leider bittere Wahrheit und man kann nur in vollem Unverständnis mit dem Kopf schütteln vor soviel Dummheit der Verantwortlichen, die das Naturerbe der Eifel für Profit opfern. Wenngleich die Aufklärung des Falls vielleicht nicht besonders zu fesseln weiß, so sind es doch diese aufklärenden, journalistischen Aspekte in den Geschichten des Eifel-liebenden Autor, die die Krimireihe immer wieder lohnenswert machen.

Jacques Berndorf, Die Eifel-Connection. KBV 2011.

Sunday, April 28, 2019

Patrick Süskind - Die Taube

Innerhalb eines Tages durchlebt Jonathan die schlimmste Krise seines über 50 Jahre langen Lebens. Er trifft plötzlich auf eine Taube auf dem Korridor vor seinem kleinen Mansardenzimmer in Paris. Er erschrickt wortwörtlich fast zu Tode, kann seinen Alltag als Wachmann einer Bank kaum bewältigen, sieht sein Leben scheitern in vielfältiger Weise (wobei das schlimmste, das ihm an diesem Tag tatsächlich passiert, ein Riss in seiner Uniformhose ist) und beschließt schließlich seinen Selbstmord.
Doch wie zuvor seine Phantasien, seine Dienstwaffe zum Angriff auf die bedrohlich scheinenden Mitmenschen zu gebrauchen, setzt er auch diesen Vorsatz nicht um:
"Er war nicht der Mensch dazu. Er war kein Amokläufer, der aus seelischer Not, aus Geistesverwirrung oder aus spontanem Haß ein Verbrechen beginge; und zwar nicht, weil ihm ein solches Verbrechen als moralisch verwerflich erschienen wäre, sondern einfach deshalb, weil er überhaupt unfähig war, sich tätlich oder wörtlich zu äußern. Er war kein Täter. Er war ein Dulder."
Derart ist die intensive Charakterstudie, die Patrick Süskind (*1949) an diesem bemitleidenswerten, vereinsamten, aber zugleich auch unglaublich langweiligen Menschen betreibt, dass man den kurzen Band nahezu verblüfft beiseite legt und staunt. Zur angenehmen und unterhaltsamen Lektüre kann Die Taube nicht zählen, wohl aber zur beeindruckenden.

Patrick Süskind, Die Taube. Diogenes, Zürich 2013.

Saturday, April 27, 2019

Martin Walker's Bruno series

Martin Walker's (*1947 in Scotland) Bruno Courrèges (chef de police) is a police officer in the fictional small town of Saint-Denis in the  Périgord region in France.

#1 Bruno, Chief of Police / Bruno, chef de police (2008)
#2 The Dark Vineyard / Grand Cru (2009)
#3 Black Diamond / Schwarze Diamanten (2010)
#4 The Crowded Grave / Delikatessen (2011)
#5 The Devil's Cave / Femme Fatale (2012)
#6 The Resistance Man / Reiner Wein (2013)
#7 Children of War / Provokateure (2014)
#8 The Patriarch / Eskapaden (2015)
#9 Fatal Pursuit / Grand Prix (2016)
#10 The Templars' Last Secret / Revanche  (2017)
#11 A Taste for Vengeance / Menu Surprise (2018)
#12 The Body in the Castle Well (to be published June 2019)

Martin Walker - Schwarze Diamanten

Dies ist der dritte Band von Martin Walkers Reihe um Bruno, Chef de police, in dem kleinen beschaulichen Städtchen im Perigord. Das Cover der Diogenes-Ausgabe verrät es, hier sind Schwarze Diamanten keine Edelsteine, sondern Trüffel. Im Nachbarörtchen werden sie auf dem Markt gehandelt, aber es gab Beschwerden über minderwertige Ware und Betrug. Bruno wird hinzugezogen. Doch kaum hat er auch nur begonnen zu recherchieren, da verdrängt der Mord an einem (Jagd-) Freund Hercule alles andere. Gleichzeitig entspinnt sich ein Bandenkrieg zwischen den schon lange ansässigen Vietnamesen und den nach Frankreich drängenden Chinesen. Was hatte Hercule mit all dem zu tun?

Man sollte meinen, bei diesen schon komplexen Handlungssträngen täte der Autor gut daran, nicht noch mehr in diesen Roman hineinpacken zu wollen, doch er mischt noch private Dramen (Isabelle, Pamela - wie soll sich Bruno da entscheiden?) und Lokalpolitik (Bürgermeisterwahlen) dazu. Nicht zu vergessen, dass ausführlich über Trüffelsuche und Zubereitung und Verzehr derselben berichtet werden muss.
So erscheint dann die Aufklärung der Verbrechen am Ende auf den letzten Seiten etwas sehr gerafft, einige Fäden bleiben lose in der Luft, ohne dass ein Täter gefasst oder gar benannt werden kann. Den Krimileser stellt dies nicht zufrieden, wer aber die französische Atmosphäre und die Gesellschaft des liebenswerten Bruno mag, der freut sich schon auf den nächsten Band.

Martin Walker, Schwarze Diamanten. Diogenes, Zürich 2012. 

Thursday, April 25, 2019

Karen Thompson Walker - Ein Jahr voller Wunder

Dystopien sind in auf dem Buchmarkt - und in der Tat ist es angesichts der vielen Tendenzen zu Katastrophen auf diesem Erdball vielleicht auch nicht abwegig, sich über mögliche tragische Zukunftsversionen Gedanken zu machen. Das heißt leider nicht, dass jede Dystopie es verdient publiziert zu werden. Und nicht jede Geschichte muss in das Setting einer solchen eingebettet werden.
Ein Jahr voller Wunder von Karen Thompson Walker handelt von der jungen Julia und ihrer Familie in Kalifornien. Die Handlung umfasst etwa ein Jahr (siehe Titel) und in diesem Jahr geschieht die Katastrophe, mit der niemand gerechnet hat: Die Erde dreht sich immer langsamer, die Abschnitte von Tag und Nacht verlängern sich, der 24-Stunden-Takt passt nicht mehr zu den natürlichen Gegebenheiten. Die Autorin entwirft vielfältige Konsequenzen, die diese Verlangsamung auf die Erdenbewohner hat, auf Tiere, Pflanzen und Menschen. Das, was Julia aber am meisten beschäftigt, ist das, was junge Menschen überall beschäftigt: Ihre Beziehungen zu Mitschülern, Freunden, der Familie und der Nachbarschaft. Mit durchaus geschärftem Blick beobachtet sie deren Verhalten, das zum Teil durch Veränderungen der Umwelt beeinflusst wird, zum Teil aber auch nicht. Sie hat Angst, Außenseiter zu sein, beobachtet mit Furcht die auseinanderbrechende Ehe ihrer Eltern, sieht Veränderungen in ihrem alternden Großvater und verliebt sich - natürlich.
Während Thompson Walker zwar die Konsequenzen der verlangsamten Erdrotation durchaus in ihre Geschichte einbindet, wäre sie für Julias Geschichte nicht unbedingt nötig gewesen. Im Grunde ist es eine - durchaus gut erzählte - Coming-of-Age Story mit einer Umverpackung aus Katastrophe, die nicht vollständig erklärt wird. Was sie ausgelöst hat, bleibt offen. Ob Überleben möglich sein wird, bleibt offen. Ob Julia noch glücklich werden kann, bleibt offen. Das ist, gelinde gesagt, unbefriedigend...

Karen Thompson Walker, Ein Jahr voller Wunder. Hörverlag 2013. 

Tuesday, April 23, 2019

William Shakespeare - Macbeth

Diese Hörspielfassung von William Shakespeares Macbeth lässt sprechertechnisch keine Wünsche offen, namhafte Schauspieler wirkten in der 80er Jahren an der Aufnahme mit und spielen ihre Rollen mit Nachdruck. Die Soundeffekte sind meistens dezent gehalten und untermalen das szenische Spiel, so dass man sich gut auf den Text konzentrieren kann. Es handelt sich um die Übersetzung von Dorothea Tieck aus dem frühen 19. Jahrhundert, entsprechend ist der Sprache nicht immer ganz leicht zu folgen - zum Glück ist der Plot ja bekannt und bedurfte nur einer Auffrischung. Etwa zwei Stunden nimmt die Inszenierung in Anspruch, immerhin ist es Shakespeares kürzestes Drama. Besonders beeindruckend waren die Hexenszenen...

William Shakespeare, Macbeth. DAV 2014 (nach einer Aufnahme des SRG/BR, 1968).

Monday, April 22, 2019

Else Ury - Nesthäkchen und ihre Puppen

Ganze Generationen von jungen Mädchen lasen und liebten die Geschichten um das Nesthäkchen, das blonde Mädchen Annemarie, deren Leben Else Ury in zehn Bänden verewigt hat.
Ury, geboren 1877 in Berlin, entwarf in Nesthäkchen und ihre Puppen und den Folgebänden eine gut bürgerliche und sehr deutsche Berliner Familie, in der die jüngste Tochter wohl behütet und wohlerzogen aufwächst. Sie dient gleichwohl als Prototyp des perfekten Mädchens - der Vorstellung ihrer Autorin und der Zeit entsprechend.
Heute gelesen schreckt man an vielen Stellen zurück, die aus demokratischer, ideologischer und emanzipatorischer Sicht untragbar sind, wenn man sie vom heutigen Kenntnisstand aus bewertet. Da die Reihe in einem Zeitrahmen von 1913 bis 1925 erschien, also auch den ersten Weltkrieg umfasst (der vierte Band ist entsprechend sogar Nesthäkchen und der Weltkrieg betitelt und war äußerst beliebt) wäre dies selbstverständlich nicht fair. Das Ideal, das Else Ury in und mit Nesthäkchen stellvertretend für andere junge Mädchen entwirft, erscheint uns heute dem in der Ideologie des Nationalsozialismus verkörperten Frauenbild sehr in die Hände zu spielen - der große Erfolg der Reihe wirkt vor diesem Hintergrund sehr naheliegend und verständlich.
Befasst man sich aber mit der Autorin, so ist man überrascht zu lesen, dass ihre Familie jüdischen Glaubens war. Die Familie Ury war seit Generationen in Deutschland und assimiliert und gilt als patriotisch - was auch zu Else Urys Familienbild und Ideologie passt. Nesthäkchen weist keinerlei Hinweise auf die jüdische Kultur oder Religion auf. Der Glaube an Deutschland und "deutsche Werte" war so tief verwurzelt, dass die Urys in den 30er Jahren den richtigen Zeitpunkt für eine Flucht aus dem nationalsozialistischen Deutschland verpassten und ermordet wurden. Die Autorin selbst starb 1943 in Auschwitz.
Mit diesem Hintergrundwissen wirkt das so deutsche brave Nesthäkchen, das allen gefallen und es allen recht machen will und strebsam, tugendhaft, fleißig und brav sein will, ganz anders...
Public Domain Ausgabe 
älteres Cover, Ausgabe unbekannt


Sunday, April 21, 2019

Daniel Defoe - Robinson Crusoe

Daniel Defoe, Robinson Crusoe.
Sterling, New York  2011.
Daniel Defoes Klassiker Robinson Crusoe von 1719 gilt als einer der ersten englischen Romane, Defoe ist damit Begründer dieser Gattung. Der Roman inspirierte eine ganze Reihe von ähnlichen Geschichten (Robinsonaden) bis in die heutige Zeit.
In Teilen im Original gelesen (in der sehr schönen Sterling Classics Edition), zusammenfassend als Audiobook gehört, ist die Geschichte für mich trotz der Sprache und historischen Hintergrund heute noch interessant und bedeutsam. Wie überlebt ein Mensch - praktisch-physisch und geistig-psychisch - in einer solchen Extremsituation? Wie gestaltet er den Alltag, wie bleibt er gesund? Dazu kommen so viele andere Bedeutungsebenen und Bezugspunkte (Kolonialisierung, Gesellschaftskritik, Religion, ...), dass dieser Roman definitiv seinen Klassiker-Status verdient hat. Interessant auch, dass meine Sterling Classics Ausgabe am Ende gleich noch mehrere Seiten Essay-Fragen mitliefert, mit denen man weiterdenken und re-evaluieren kann. Das muss ich nicht tun, ich kann mich auch so an der Geschichte erfreuen..
Daniel Defoe, Robinson Crusoe.
Phonetics Group, Leipzig 2006.

Friday, April 19, 2019

A.M. Holmes - Auf dass uns vergeben werde

Ja.
Und nun?
Selten, dass ich gar keine Idee habe, wo und wie ich anfangen soll, über ein Buch zu schreiben.
Was ich sicher weiß:
A.M. Holmes ist eine zweifellos erfolgreiche und anerkannte Autorin, deren Bücher zahlreiche Preise gewonnen, sie unterrichtet kreatives Schreiben in Princeton.
Ihr Roman Auf dass uns vergeben werde (im Original 2012 erschienen) hat 2013 den Women's Prize for Fiction erhalten. Die deutsche Hardcover-Fassung umfasst 672 Seiten, die offensichtlich gekürzte Audiobook-Fassung von GoyaLit bringt dies auf sechs CDs unter, gut gelesen von Jürgen Uter.

Beruhigend ist, dass es anderen Rezensenten offensichtlich ähnlich geht, viel Ratlosigkeit angesichts dieser Achterbahnfahrt von einem Roman. Fasst man den Inhalt zusammen, so gibt dies doch nicht wieder, worum es geht.
George und Harry Silver sind Brüder, ersterer ein zu Gewalt neigender Egomane, der zum Mörder wird, letzterer ein farbloser Geschichtsprof, der sich noch nicht einmal für seinen Forschungsschwerpunkt (Nixon) so richtig begeistern kann und der charakterlich zunächst keine Stärken zu haben scheint. Er lässt sich von Georges Frau verführen und löst damit die Kette der brutalen Ereignisse aus. Harry strandet mit Georges Haus, den Haustieren und Kindern - und mit der Verantwortung für eine Familie, die er sich nicht ausgesucht hat. Unerwartet und scheinbar charakterfremd wächst er in die Rolle hinein und wird zu einem besseren Menschen, von dem alle um ihn herum profitieren.
Vieles an diesem Roman war irritierend. Ich nehme an, das ist Absicht.
Stereotype, wo man hinschaut. Abstruse Plot-Abschnitte, krasse Wechsel, leicht (und tatsächlich) verrückte Charaktere. Handlungsstränge, die scheinbar ins Nirgendwo führen, aber natürlich irgendwie scheinbar Harry verändern. Nicht plausible Jugendliche. Bizarre Sexbesessenheit der meisten weiblichen Charaktere, die alle Harry wollen (warum genau?). Manches erinnert an Paul Austers Parallelwelten. Dann wieder so offensichtlich satirische Passagen und trockener Humor, dass mir beim Hören ein lautes Lachen entfuhr. Aber dann dieses unsäglich amerikanische Mega-Happy-End - im Ernst?
Der Roman hat Spaß gemacht, war aber dennoch anstrengend und wartet mit keiner ernstzunehmenden Botschaft auf, es sei denn: Wirf den Ballast deines alten, miesen, langweiligen Lebens ab (am besten mit Hilfe eines afrikanischer Zaubertranks) und werde zum Übermenschen, der alle retten kann durch bloße Anwesenheit oder das Schmieren von Pausenbroten.
Selten, dass ich gar keine Idee habe, wo und wie ich aufhören soll, über ein Buch zu schreiben.
Und nun?
Ja.

A.M. Holmes, Auf dass uns vergeben werde. GoyaLit 2014.

Website der Autorin

Thursday, April 18, 2019

Jacques Berndorf - Eifel-Müll

Baumeister genießt die Ruhe und Einsamkeit in seinem Eifeler Garten - da weiß man schon, dass das nicht lange anhalten wird! Ein anonymer Anrufer informiert ihn über eine Leiche auf einer wilden Müllkippe. Nati, eigentlich Nathalie Cölln, ist allseits bekannt im Umkreis, ein "wilder Feger", mim liegt sie nackt im Wald, entsorgt wie die alten Sofas und die Giftfässer um sie herum.
Unterstützung bei seinen Ermittlungen erhält Baumeister von Emma (die unruhig auf eine Diagnose wartet und sich ablenken muss), Rodenstock (völlig durcheinander aus Sorge um Emma) und Dina (Polizistin auf (Zwangs-) Urlaub). Zunächst gibt es keine Spuren, zu viele und zu wenige Verdächtige zugleich. Natis Freund ist in der gleichen Nacht durch einen Unfall umgekommen, ihre Mutter verkaufte des Geldes wegen die Tochter an einen Pulk reicher Geschäftsleute, die mit Müll ihr Geld verdienen... Die Rekonstruktion von Natis letztem Tag birgt den Schlüssel, wen hat sie zuletzt getroffen?

Auf der Plus-Seite für Eifel-Müll (erstmals erschienen 2000) von Jacques Berndorf (alias Michael Preute) stehen wie immer das Eifeler Setting, die Protagonisten, aber auch die anderen, gut gezeichneten Charaktere, die interessante Thematik (Was weiß man schon über Müll? Hier kommt Berndorfs journalistischer Background einmal mehr durch.) und die ordentlichen Ermittlungen, bei denen das Team nach und nach die Puzzleteile zusammensetzen. Wobei ihnen in diesem Fall auch einige Teile "reingereicht" werden, weil ihnen verblüffenderweise die Leute mehr erzählen als der Polizei. Vor diesem Hintergrund ist die Zusammenarbeit zwischen Baumeister und der Mordkommission manchmal etwas unglaubwürdig, mal sprechen sie miteinander, mal gerade nicht, dann doch... Die Lesung durch den Autor ist sehr gut (vielleicht nicht excellent), aber passt eben hundertprozentig zu dem Protagonisten. Etwas unbefriedigend ist allein die Auflösung, bei all den komplexen Zusammenhängen der Müllbranche ist es dann doch "nur" die private Tragödie.

Jacques Berndorf, Eifel-Müll. Radioropa 2009. 

Wednesday, April 17, 2019

John Boyne - Die Geschichte der Einsamkeit

Der Roman Die Geschichte der Einsamkeit von John Boyne startet mit diesem schönen Zitat von E.M. Foster:
"Über das Leben zu schreiben ist leicht - es zu leben ist sehr viel schwieriger."
Boyne schreibt über das Leben eines katholischen Paters in Irland - man ahnt schon an dieser Stelle, worum es gehen könnte. In 16 Kapiteln lässt er Odran Yates berichten, jedes Kapitel ist übertitelt mit der Jahreszahl. Diese reichen von der Jugend Odrans 1964 bis in die Jetztzeit 2013, zusammen mit seinen Erinnerungen springt der Leser zwischen den Jahren hin und her. Die Themen, mit denen sich Odran in seiner persönlichen Lebensrückschau beschäftigt, sind seine Familiengeschichte, seine ganz persönlichen Erfahrungen und vor allem seine Ausbildung zum Priester und die Geschehnisse um seinen Freund Tom Cardle.
Odrans Familienleben wird nachhaltig durch den dramatischen Selbstmord des Vaters erschüttert. Danach wird die Mutter hochgradig religiös und drängt ihn zum Priesteramt. Er glaubt allerdings auch daran, dass dies der richtige Weg für ihn ist, entsprechend hat er kaum Schwierigkeiten, sich an das rigide Leben während der siebenjährigen Ausbildung zu gewöhnen. Allerdings beobachtet er bei anderen durchaus Probleme - zum Beispiel bei seinem Zimmergenossen Tom. Jedoch verschließt er - naiv - die Augen vor den Zusammenhängen.
Exemplarisch an Tom Cardle zeigt Boyne die Auffälligkeiten eines pädophilen, irischen Priesters - sein Verhalten gegenüber kleinen Jungen und den Messdienern - und vor allem die Reaktionen der kirchlichen Obrigkeit darauf: Häufige Versetzungen, abgelegene Posten, Drohungen gegen die Opfer bei Beschwerden und anderes, aber keine Anzeigen. Es wird deutlich, dass Fehlverhalten und Schuld nicht nur bei dem tatsächlichen Täter, sondern beim gesamten kirchlichen Apparat vorliegen.
Parallel dazu erlebt Odran die voranschreitende gesellschaftliche Veränderung in Irland in technischer, globaler, aufklärerischer und emanzipatorischer Hinsicht - von Kirchenseite oft nur als moralischer Verfall gewertet und verurteilt, sieht er schon bald die Verlogenheit dieser kirchlichen Moral. Obwohl er selbst unter den Restriktionen der Kirche zu leiden hat, bleibt er seltsam neutral und inaktiv, er kämpft weder für sich noch für andere. Erst spät erkennt er seine eigene Mitschuld, als sie ihm durch Toms Verurteilung vor Gericht und durch die mediale Aufmerksamkeit überdeutlich vor Augen geführt wird. Als Leser bleibt man skeptisch, wie weit seine Naivität wirklich reichte oder ob es vielmehr Selbstbetrug war, der ihn daran gehindert hat zu erkennen, was rund um ihn vor sich ging. Dennoch scheint ein Neuanfang, ein Aufbruch für Odran möglich, wenngleich dieser offen bleibt.
Die Geschichte der Einsamkeit ist eine beeindruckende Reflexion über das große Unrecht der katholischen Kirche (nicht nur) in Irland, für die Boyne eine Stimme wählt, mit der man eine sehr persönliche Sichtweise, eine Innensicht, einnehmen kann. Dass dieser Erzähler nicht verlässlich ist, ist dabei durchaus gewollt wie auch die Skepsis, mit der man nach dem Lesen zurückbleibt.

John Boyne, Die Geschichte der Einsamkeit. Piper, München/Berlin 2015.

Thursday, April 11, 2019

Beckmann/Tauber/Menger - Die drei Fragezeichen - Das Dorf der Teufel

Das Dorf der Teufel ist der zweite Band der drei Fragezeichen, der als Graphic Novel erschienen ist. Als Hörer (und nur selten Leser) der Reihe fand ich einiges irritierend. Justus, Peter und Bob entsprachen nicht meiner Idee der drei Protagonisten und sie wirkten viel zu jung für meinen Geschmack.
Die Story entsprach prinzipiell durchaus einem typischen DDF-Fall: Sie suchen zusammen mit Morton nach einem verschwundenen Ehemann und landen dabei in einem Dorf, in dem die Bewohner sich merkwürdig verhalten. Schnell wird die Lage bedrohlich, denn dieses Dorf will nicht, dass seine Geheimnisse enthüllt werden. Der Spannungsbogen gelingt, dennoch ist die Story auf den 128 Seiten schnell zuende, eine Länge, bei der für erzählerische Tiefe kein Platz bleibt.
Die Zeichnungen sind durchgehend recht düster, klar und tragen phasenweise das Rot und Blau der drei Fragezeichen, was ein netter Effekt ist. Der Stil war vielleicht auch deswegen so gewöhnungsbedürftig, weil man durch die Cover-Art der Hörspiele anderes (und fröhlicheres) mit den drei Fragezeichen verbindet.

John Beckmann und Christopher Tauber (Illustratoren), Ivar Leon Menger (Autor), Die drei Fragezeichen - Das Dorf der Teufel. Kosmos, Stuttgart 2017.

Wednesday, April 03, 2019

Terry Pratchett - Steife Prise

Jens Wawrczeck liest den letzten Roman aus der Sub-Reihe der Wache der Scheibenwelt von Terry Pratchett wie gewohnt meisterhaft, individuelle Stimmen der Charaktere und Dialekte inbegriffen. Hörgenuss.
In Steife Prise ist Kommandeur Mumm gezwungen mit seiner Frau auf deren Familienlandsitz Urlaub zu machen - was er als Workaholic natürlich nicht kann und will. So wundert es nicht, dass er auch fernab der Metropole schnell auf kriminelle Missstände aufmerksam wird. Diese haben - neben Schmuggel und Drogenhandel - auch in dramatischer Weise Rassismus und Unterdrückung einer ganzen Rasse - den Goblins - zum Thema. Die Goblins wenden sich an den berühmten Polizisten, um Gerechtigkeit zu erfahren. Mumm manövriert sich (nicht ohne Selbstzweifel) durch ein Gewirr von konservativen Landbewohnern, schlecht ausgebildeten Polizisten, ungerechten Richtern und brutalen Verbrechern und wird am Ende wieder als Held und Retter gefeiert.
Steife Prise wird bestimmt durch eine düstere Atmosphäre, die natürlich auch dem Thema geschuldet ist. Dennoch gibt es natürlich den üblichen Pratchett-Humor. Die ernste Botschaft kommt aber über und Sam Mumm gewinnt einmal mehr an Größe und Respekt, beides etwas, was dem Autor in seinem letzten Roman über diesen starken Scheibenwelt-Charakter offensichtlich wichtig war.

Terry Pratchett, Steife Prise. Hörverlag 2012.

Saturday, March 23, 2019

Postcard Mandala

by InBetween
The mandalas were meant to be objects of contemplation, aids to meditation, their proportions magically balanced to purify and calm the mind. To stare at a mandala was to experience, if only briefly, the nothingness that is at the heart of enlightenment.

- Douglas Preston, The Wheel of Darkness

Thursday, March 21, 2019

Fredrik Backman - Kleine Stadt der großen Träume

Nach den Romanen um mehr oder weniger verqueren Charakteren wie Ove, Britt-Marie oder Elsa und ihrer Oma schlägt Fredrik Backman in Kleine Stadt der großen Träume einen anderen Ton an. Zwar hatten auch die übrigen Romane stets ernste Töne, doch in dem kleinen Ort Björnstadt wittert man die Schwierigkeiten von der ersten Minute. Zumal auch der Autor von Anfang an nicht damit hinterm Berg hält, dass dramatische Ereignisse anstehen.
Eishockey soll Björnstadt retten: Die Junioren-Mannschaft ist erfolgreich und hat Chancen auf einen Sieg, die Sponsoren hoffen auf ein neues Leistungszentrum, neue Arbeitsplätze und Aufmerksamkeit für die Kleinstadt, die im Grunde seit Jahren im Sterben liegt. Beeindruckend facettenreich sind die Charaktere die Backmann in dem Eishockey-Team und in seiner Umgebung erschafft, sie sind glaubhaft, er gibt ihnen Tiefe und einen Background. Das bedeutet nicht, dass sie alle gut und ehrlich sind, vor allem wissen sie nicht immer, was das Richtige ist. Sie alle handeln in einem komplexen System und stehen unter großem Druck, denn diese Jugendlichen sollen die Zukunft aller in Björnstadt retten. Das kann nicht gutgehen.
Mit raschen Perspektivwechseln und Einschüben eines allwissenden (und leicht moralisierenden) Erzählers entwickelt Backman nach und nach eine hoch emotionale Geschichte, die allen Charakteren viel abverlangt. Viele von ihnen lässt er auf unterschiedlichste Weise daran wachsen und aus festgefahrenen Lebenssituationen entkommen, so dass aus der Katastrophe schließlich neue Chancen entstehen. Das ist sowohl vom Plot her als auch sprachlich beeindruckend.
Eine Begeisterung fürs Eishockey konnte der Roman nicht bei mir wecken, lässt mich aber mit einer noch höheren Meinung von diesem sympathischen schwedischen Autor zurück.

Fredrik Backman, Kleine Stadt der großen Träume. Fischer, Berlin 2017.

Wednesday, March 06, 2019

Michael Robotham - Sag, es tut dir leid

Nachdem Der Insider nicht so sehr begeistern konnte, brachte Sag, es tut dir leid deutlich mehr Spannung auf! Im sechsten Band seiner Reihe um O'Loughlin and Ruiz lässt Michael Robotham wieder den Psychologen im Mittelpunkt stehen.
Eigentlich soll O'Loughlin nur einen kurzen Vortrag in Oxford halten, um auch Zeit mit seiner Tochter zu verbringen, nimmt er diese kurzerhand mit, wovon die Pubertierende nur mäßig begeistert ist. Kurz zuvor ist ein Ehepaar brutal ermordet worden - verdächtigt wird ein pyschisch kranker junger Mann, zu dessen Beurteilung O'Loughlin hinzugezogen wird. Als er ebenfalls den Tatort besichtigt, fallen ihm Indizien auf, die dafür sprechen, dass außer dem Täter und dem Ehepaar noch jemand dort gewesen sein muss.
Als Leser weiß man auch schon, wer es gewesen sein muss, denn parallel erzählt uns Piper Hadley von ihrer Entführung. Sie und ihre Freundin Tash McBain werden seit Jahren in einem Keller gefangen gehalten, doch Tash konnte fliehen und nun wartet Piper auf ihre Rückkehr und Rettung.

Spannend verwebt Robotham die beiden Erzählebenen, die sich ergänzen und nicht zuviel vorwegnehmen. Beim Audiobook werden die beiden Perspektiven mit Johannes Steck und Laura Maire besetzt. Mein persönliches Spannungshighlight bildete der Moment, als beide Erzählstränge zusammengeführt werden und die Sprecher in Dialog treten. Es wäre natürlich kein Psychothriller, wenn es nicht auch die ein oder andere Wendung im Fall gäbe, auch wenn diesmal der wahre Täter meines Erachtens durchaus im Vorfeld erkennbar war. Der Showdown war dennoch beachtlich und so fesselte Sag, es tut dir leid bis zum Schluss.
Bestechend ist die Ehrlichkeit O'Loughlins als Erzähler, der offen mit seinen Begehrlichkeiten, seinen Schwächen und seiner Krankheit umgeht, aber dadurch umso stärker in der Beobachtung anderer wird. Er hat damit Ruiz einiges voraus, dem hier zu Recht nur eine Nebenrolle einberaumt wird.

Michael Robotham, Sag, es tut dir leid. Hörverlag 2013. 

Thursday, February 28, 2019

Michael Engler und Joelle Tourlonias - Wir zwei gehören zusammen

Es ist ein bezauberndes kleines Bilderbuch, getextet von Michael Engler und gezeichnet und gemalt von Joelle Tourlonias, wobei die Bilder einen sofort in den Bann ziehen, so luftig-leicht und emotional wie sie sind.
Der junge Hase und der junge Igel treffen sich eines Tages per Zufall und werden Freunde - "für immer", obwohl sie so verschieden sind. Nur einmal muss der Hase an seinem Freund zweifeln, denn plötzlich lässt ihn dieser den Winter über allein! Doch zum Glück erklärt ihm eine Krähe schließlich, dass der Igel nur Winterschlaf halten muss! Und bald schon hat der Hase eine tolle Idee, wie er es schaffen kann, im nächsten Winter nicht allein zu bleiben...  
Es ist eine feine, sensible Geschichte mit einem Spannungsbogen, den man in einem 32 Pappseiten starken Büchlein gar nicht erwarten würde. 
Empfehlenswert.
 


Michael Engler und Joelle Tourlonias, Wir zwei gehören zusammen. Baumhaus, Frankfurt a.M. 2016.

Monday, February 25, 2019

Michael Robotham - Der Insider

Michael Robothams Der Insider (Fall 5 der O'Loughlin  Reihe) beginnt mit einer Geschichte weit entfernt von Joseph O'Loughlin und Vincent Ruiz in London: In Bagdad werden systematisch Banken ausgeraubt und großen Menge US Dollar erbeutet. Der Journalist Luca Terracini beginnt der Spur des Geldes zu folgen... Währenddessen wird Ruiz Opfer eines Gaunerpärchens, die ihm seine Familienerbstücke klauen, was er natürlich so nicht zulassen kann. Unglücklicherweise haben die beiden auch noch den Bänker Richard North bestohlen, der wiederum plötzlich verschwunden ist. Diese Geschichten verwebt Robotham geschickt zu einem komplexen Fall von internationaler Verschwörung und Betrug. Die Charaktere werden von Johannes Steck gewohnt gut umgesetzt. O'Loughlin kommt nur am Rande vor, im Zentrum steht Ruiz - vielleicht ist dies der Grund, warum mich dieser Fall nicht so sehr packen konnte wie vorherige, wenngleich dies nicht an mangelnder Action lag.

Michael Robotham, Der Insider. Der Hörverlag 2013.

Saturday, February 23, 2019

T.C. Boyle - Die Terranauten

Biosphere 2, gebaut in der Wüste Arizonas, war in den 90er Jahren Schauplatz eines zweijährigen Experiments, ob es möglich ist, ein geschlossenes Ökosystem zu erschaffen und am Leben zu erhalten, in dem Menschen leben können. Eingeschlossen waren dort vier Frauen und vier Männer, die sowohl wissenschaftliche Forschungen betrieben als auch für ihre eigene Versorgung arbeiten mussten.
T.C. Boyle greift in Die Terranauten diese Fakten auf und lässt drei Protagonisten ihre Sicht auf die Ereignisse dieser zwei Jahre schildern: Zwei davon - Dawn Chapman und Ramsay Roothoorp - sind Terranauten, also Teilnehmer der Projekts, Linda Ryu ist nicht ausgewählt worden für die Crew und arbeitet "draußen" für das Projekt.
Die augenscheinliche Faszination der Thematik ist das Leben und Überleben in diesem geschlossenen System - man fragt sich, an welchen Stellen es schwierig oder lebensbedrohlich werden wird, vielleicht auch, wie das zwischenmenschliche Miteinander in einer solch kleinen Gruppe funktionieren wird. Einige dieser Erwartungen erfüllt Boyle auch und berichtet von ständigem Hunger, zu wenig Sauerstoff und ähnlichem. Doch der Hauptfokus aller drei Erzähler ist geprägt von Eifersucht und Missgunst. Alle handeln höchst egoistisch und haben eine hochgradig egozentrische Weltsicht - alle drei sind äußerst unsympathisch und zeigen kaum positive menschliche Eigenschaften. Das Engagement für das Projekt wird nur vordergründig benutzt, während jede/r innerlich um den eigenen Vorteil (Geld und Ruhm) bedacht ist. Besonders Dawn, die im Verlauf der zwei Jahre ein Kind zur Welt bringt, bedenkt bei ihrem Handeln kaum das Wohl ihres Kindes, sondern gibt ihren eigenen Wünschen rücksichtslos nach und setzt sie durch. Der Vater des Kindes, Ramsay, denkt nur an Sex und vergisst Frau und Kind, seine Liebe ist nur Lippenbekenntnis wie auch seine zur Schau getragene Ergebenheit für das Projekt. Die draußen gebliebene Linda trieft vor Bitterkeit und Missgunst, weiß im Grunde, dass sie ausgebootet und auf verlorenem Posten ist, kann aber ihrem Leben dennoch keine andere, positive Richtung geben. 
Es ist eine armselige Ansammlung von Protagonisten und das im Grunde interessante Setting der Biosphere 2 verliert sich inmitten dieses gehässigen und unschönen Gerangels. Ein bisschen mehr Wissenschaft - wie Boyle dies auch in anderen Romanen umsetzt - hätte den Terranauten gut getan, so war es fast eine Qual, bis das Gewinsel, Gequengel und die egoistischen Äußerungen schließlich ein Ende hatten. 

T.C. Boyle, Die Terranauten. Hörverlag 2017. 

Interessant war es, ein wenig mehr über das reale Projekt zu erfahren, hier der TED Talk einer der ursprünglichen Bewohner von Biosphere 2, Jane Poynter:

Friday, February 22, 2019

Simon Beckett's David Hunter series

#1 Die Chemie des Todes (The Chemistry of Death, 2006)
#2 Kalte Asche (Written in Bone, 2007)
#3 Leichenblässe (Whispers of the Dead, 2010)
#4 Verwesung (The Calling of the Grave, 2010)
#5 Totenfang (The Restless Dead, 2017)
#6 Die ewigen Toten (2019)

Nur in Deutschland erschienene Kurzgeschichten (zwischen Band 4 und 5):
Katz und Maus (2013)
Schneefall und Ein ganz normaler Tag (2016)


Andere Romane des Autors:

Der Hof (Stone Bruises, 2013)
Obsession (Jacob, 1998)
Flammenbrut (Where there is smoke, 1997)
Tiere (Animals, 1995)
Voyeur (Fine Lines, 1994)

Wednesday, February 20, 2019

Simon Beckett - Die ewigen Toten


Nach seinen Abenteuern in Essex (Totenfang) ist David Hunter zurück in London. Er wird zu einem Fall im abbruchreifen St Jude's Krankenhaus gerufen - auf dem Dachboden ist eine mumifizierte Leiche entdeckt worden. Als praktisch sofort durch einen Unfall weitere Tote entdeckt werden, wird der Fall sofort von einem Routinefund zu einer großen Sache. Chefermittlerin Ward wird vor große Herausforderungen gestellt und auch Hunter hat mit Hindernissen zu kämpfen, als man ihm einen allzu jungen Kollegen einer privaten Forensikfirma vor die Nase setzt. So gerät nicht nur Ward durch Druck von Vorgesetzten und der Öffentlichkeit, sondern auch Hunter gerät in teils vorhersehbare, teils überraschende Schwierigkeiten.
Die ewigen Toten besticht durch hohes Erzähltempo, interessante Charaktere und viele Plotüberraschungen, die aber nicht ins Absurde umschlagen, sondern plausibel bleiben. Wenngleich die atmosphärische Dichte im Gruselkrankenhaus mich nicht ganz so mitgerissen hat wie die Wildheit der Marschlandschaften im letzten Band, so war auch dieser Hunter-Fall ein Pageturner, der zum Glück auch einen lang gewebten Handlungsstrang zuende bringt. Einmal mehr steht der Protagonist vor einem Neuanfang und jetzt heißt es wieder warten, warten... auf den nächsten Band der Reihe. Beeilung, Simon Beckett!

Simon Beckett, Die ewigen Toten. Wunderlich, Reinbek 2019.