Sunday, May 29, 2011

Michael Ende: Die Traumfischer


Die Traumfischer

Denk dir: Auf riesenhaften dunklen Schiffen
Segeln sie auf das Meer des Schlafs hinaus
Bis zu den heimlichen Korallenriffen,
dort werfen sie die langen Netze aus.

Sehr ernste stille Leute sind die Fischer.
Ihr Kapitän ist alt – viel älter noch
Als du dir denken kannst und wunderlicher,
auch ist er blind – und jeder folgt ihm doch!

Er kennt des Schlaf-Meers träumereichste Plätze.
Die Fischer warten, bis er ruft: „Holt ein!“
Dann ziehen sie an Bord die schweren Netze,
gefüllt mit tausend Träumen, groß und klein.

Da blinkt’s und zappelt’s bunt und vielgestaltig,
auch manches Greuliche erspäht der Blick.
Gleichmütig lädt die Mannschaft und gewaltig,
nur was zu klein ist, werfen sie zurück.

Die vollbeladenen Schiffe endlich laufen
Im Hafen ein mit Segeln weiß und schön,
auf einem Markt den Fang nun zu verkaufen.
Dort hab‘ ich alle Träume heut gesehn.

Den allerschönsten – sei er dir gedeihlich! –
hab' ich für dich, mein Liebling, mitgebracht.
Hier, nimm! Du kannst ihn jetzt nicht sehen freilich,
doch warte nur erst, wenn du schläfst heut nacht!

Aus: Michael Ende, Trödelmarkt der Träume. Stuttgart 1986.

2 comments:

Livia Salome Gnos said...

wunderschönes Gedicht. Über Erich Fried bin ich hier auf Deinem Blog geladet und freue mich mehr zu lesen.

_InBetween_ said...

Danke, ich mag es auch sehr gern. Du hast selbst einige interessante Texte und Bilder in deinem Blog! Schön.