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Saturday, September 19, 2026

Lars Kepler - Playground - leben oder sterben

Nach mehreren Wochen, in denen ich meinen e-reader ignorierte, kann ich es nicht mehr leugnen - ich werden diesen Roman von Lars Kepler nicht zuende lesen. 

Playground - leben oder sterben handelt von Jasmin Pascal-Andersson, Lieutenant in der schwedischen Armee. Bei einem Kriegseinsatz wird sie schwer verwundet und hat eine Todeserfahrung, bevor sie schließlich wiederbelebt werden kann. In der kurzen Zeit, in der sie quasi tot ist, findet sie sich in einer bizarren Parallelwelt wieder, die am ehesten einer chinesischen Hafenstadt ähnelt. Dort stehen Schiffe zur Abfahrt bereit, die sie jedoch nicht besteigen will, denn sie kehrt zurück.
Ich hätte kein Problem, mich auf so eine Geschichte einzulassen, aber die Umsetzung erfolgt auf eine denkbar anstrengende Weise. Natürlich soll eine (alb-) traumartige Todeswelt dargestellt werden, aber das Autorenduo scheint besonders viel Freude daran gehabt zu haben, alle möglichen Skurrilitäten, Belanglosigkeiten und abstoßende Situationen zu erdenken, so dass seitenlange Schilderungen von Dingen entstehen, von denen fast nichts handlungsrelevant ist. Man sehnt sich zurück in die Realität (okay, vielleicht gewollt, denn diese Zwischenwelt ist nichts, wo man auch nur als Leser:in bleiben möchte) und nach ein bisschen realistischem Plot. Den habe ich nach etwa 40% des Buches leider kaum finden können und daher das Weiterlesen äußerst effektiv vermieden. Ich gebe auf, kein Buch für mich - ich weiß aber auch nicht, wer Freude an diesen Schilderungen finden könnte. 

Lars Kepler, Playground - leben oder sterben. Piper 2016.


 

Sunday, August 09, 2026

Jacqueline Harpman - Ich, die ich Männer nicht kannte

Eine Dystopie  (aus dem Jahr 1995), wie sie finsterer nicht möglich ist: In einem Käfig unter der Erde werden 40 Frauen gefangen gehalten, drei Wärter versorgen sie mit dem Nötigsten an Essen und Kleidung. Eine davon, die jüngste unter ihnen, ist unsere Erzählerin. Sie erinnert sich als Einzige nicht an ein "davor", hat eine andere, eine teils fatalistische, teils aber auch neugierigere Sicht auf die beschränkte Welt. Als eine Sirene ertönt, fliehen die Wärter und nur durch Glück bleibt der Schlüssel zum Käfig in Reichweite zurück. Doch an der Oberfläche erwartet die Frauen nur eine andere Form von Gefangenschaft in einer kargen Landschaft mit wenig Ressourcen. Die Erzählerin berichtet sachlich von den Emotionen in der Gruppe, bleibt unklar über ihre eigenen Empfindungen. Während man, wie sie, darauf hofft, am Ende doch noch eine Erklärung für all das, eine Auflösung des Mysteriums, wo sie sich befinden, wie sie dorthin gelangt sind und was der Auslöser für diese finstere Situation ist, zu erlangen, so wird man enttäuscht. Die Protagonistin schreibt ihren Lebensbericht, mehr nicht. 
Insgesamt ist Ich, die ich Männer nicht kannte von Jacqueline Harpman eine sehr dunkle, sehr niederschmetternde Erzählung. Sprachlich hat sie mir nicht sonderlich gefallen, die Gedankengänge sind teils redundant, was aber sicher gewollt ist. Was bleibt übrig in einer derart entmenschlichten Welt? Welche kulturellen Elemente schimmern durch die Not hindurch, wie begegnen sich Frauen unter diesen Bedingungen? Es sind die Fragen, die das Buch ausmachen, weniger die weniger Antworten, die man erhält. 

 Jacqueline Harpman, Ich, die ich Männer nicht kannte. Klett-Cotta 2026.

Thursday, August 06, 2026

Riley Sager - LAKE - Das Haus am dunklen Ufer

Bisher hatte ich nichts von Riley Sager gelesen. Vielleicht hätte mich jemand warnen sollen. Ich spoiler in dieser Rezension den gesamten Plot - wer das also unter Umständen noch lesen möchte, sei gewarnt.

In LAKE - Das Haus am dunklen Ufer geht es um die Schauspielerin Casey Fletcher, die nach dem Tod ihres Manns dem Alkoholismus verfallen ist und sich in ihr Haus am Lake Greene in Vermont zurückzieht. Wir haben es also mit einer höchst unzuverlässigen Erzählerin zu tun, die Sorte kann ich meistens nicht gut leiden, aber ich war bereit ihr eine Chance zu geben. Sie beobachtet in ihrem Rausch den See und das gegenüberliegende Haus (mit Glasfassade), in dem Katherine (Ex-Model) und Tom (Boss einer Tech-Firma) wohnen. Sie rettet Katherine vor dem Ertrinken, lernt sie ein bisschen kennen, beobachtet einen Streit zwischen dem Ehepaar, dann verschwindet Katherine spurlos. Achja, hatte ich erwähnt, dass zuvor schon andere Frauen in der Gegend verschwunden waren? Der Plot scheint also recht vorhersehbar. Aber. Und das Aber kam nach ungefähr zwei Dritteln des Romans. Casey enthüllt ihr Wissen über ihren verstorbenen Ehemann (Serienkiller) und ihre eigene Schuld (Mörderin besagten Ehemanns), womit viele der vorangegangenen Andeutungen völlig bedeutungslos werden, aber hinzu kommt auch noch die paranormale Besetzung des Körpers von Katherine durch besagten nicht-toten Ehemann. Ich hätte beinahe den e-reader an die Wand geworfen über soviel Bockmist. Ich habe nur noch zuende gelesen, um zu sehen, wie der Autor den Sch... zu einem plausiblen Ende bringen kann. Es gibt sogar irgendwie auch noch ein Happy End und sie findet aus ihrem Alkoholismus und wie durch Magie sind dann auch die Probleme mit ihrer Familie behoben, blablablas. Über die Sprache habe ich dabei noch gar nicht gesprochen. Puh. Schlimmes, schlimmes Buch. 

Riley Sager, LAKE - Das Haus am dunklen Ufer. dtv 2025.

Sunday, August 02, 2026

Enid Blyton - Fünf Freunde verfolgen die Strandräuber

Diesmal sind die fünf Freunde in Cornwall auf einem Bauernhof. Anne würde es bevorzugen, wenn es diesmal kein Abenteuer geben würde, aber nachdem der alte Schäfer ihnen von dem Licht im Strandräuber-Turm erzählt, das wie früher in Sturmnächten leuchtet, ist es mit der Ruhe geschehen. Die Erkundungen bringen die Kinder wie immer zunächst in Schwierigkeiten, doch der kleine Sidekick namens Jan, der ihnen eigentlich eher auf die Nerven geht, rettet sie aus der misslichen Lage, sodass die Verbrecher dingfest gemacht werden können. 
Fünf Freunde verfolgen die Strandräuber
sticht nicht sonderlich aus der Reihe hervor und ist sehr durchschnittlich mit den gewohnten Elementen, die die Vielschreiberin Enid Blyton immer verwendet. Dazu ein bissche Unwohlsein in Bezug auf den entlarvten Täter, der natürlich unter dem fahrenden Volk (hier eine Schaustellertruppe namens Scheuner) zu finden ist. Also genau das, was man erwartet.

Enid Blyton, Fünf Freunde verfolgen die Strandräuber. cbj 2016.  

Saturday, August 01, 2026

Ursula Knoll - Zucker

Ein weiterer Fall von "Popsugar Reading Challenge made me read this!" -  es sollte pop oder sugar im Titel vorkommen. :)
In Ursula Knolls Roman Zucker werden mehrere Frauenschicksale in einem Zeitrahmen von 1828 bis heute verwoben. Einige sind verwandt, einige erfahren voneinander, andere tragen nur den gleichen Vornamen. Alle haben entfernt etwas mit Zucker und der Zuckerproduktion zu tun. 

Die ehemalige Sklavin Mary Prince, eine historische Figur, veröffentlicht einen ersten Erfahrungsbericht über ihr Leben, das sie auch auf einer Zuckerrohrplantage auf Antigua verbrachte. Auch der Erzählstrang über die Zuckerfabrik in Hirm, Österreich, über die Familie Rothermann basiert auf realen Begebenheiten. Die Erfahrungen von Paula aus Wien und ihre Liebesbeziehung zu Frances aus London bekommen erst später einen Bezug zum Zucker, als Frances später als Journalistin über Zuckerrohrplantagen berichtet und Paula in einem Startup-Unternehmen arbeiten, das Zucker als Energielieferant in Batterien erforscht, während ihre Tochter Kaja für ein Schulreferat versucht, die Bedeutung des Zuckers in der Menschheitsgeschichte zu erfassen. 
Ich bin mir nicht sicher, ob letzteres auch das Bestreben der Autorin war, denn in vielen Episoden wird dem Zucker und seiner Produktion viel Raum gegeben. Parallel dazu sind die Protagonistinnen (es gibt nur eine Männerperspektive, die des Industriellen Reyer, dem ebenfalls eine Zuckerfabrik in Österreich gehörte) allesamt starke Persönlichkeiten, die sich in ihren historischen Kontexten durch ihr selbstbewusstes Verhalten hervortun. Ich bin mir nicht ganz sicher, ob dies Zucker zu einem emanzipatorischen Roman macht, aber insgesamt bin ich mit nur wenigen der Charaktere warm geworden und auch die Geschichte des Zuckers hat mich nicht so sehr in den Bann gezogen. Sicher ist der Roman geschickt kostruiert mit den Querverweisen der einzelnen Perspektiven, aber begeistert hat mich das nicht. 

Ursula Knoll, Zucker.  Edition Atelier 2025. 

Tuesday, July 28, 2026

Jay Asher - Tote Mädchen lügen nicht

Jay Ashers Jugendroman  Tote Mädchen lügen nicht ist inzwischen fast 20 Jahre alt, dennoch hat er nichts an Dringlichkeit und Authenzität eingebüsst. 
Hannah Baker begeht mit Tabletten Selbstmord, nimmt aber zuvor Audiokassetten auf, die sie den Personen zukommen lässt, denen sie eine Teilschuld an ihrem Selbstmord gibt. Wir begleiten Clay, der in Hannah verliebt war, bei seinem Weg durch die Stadt, während er Hannahs Aufnahmen anhört. Dabei wird klar, dass es nicht ein großes, sondern viele kleine, teils miteinander verkettete Begebenheiten waren, die dazu führten, dass Hannah ihr Leben nicht mehr lebenswert fand. Dabei beschönigt sie nicht, nimmt auch
durchaus wahr, dass sie an manchen Stellen anders hätte handeln oder denken können. Erschreckend daran ist, dass die Ereignisse von einer Alltäglichkeit an einer Highschool oder auch an jeder beliebigen anderen Schule sind, so dass jede:r Ähnliches erlebt hat oder erlebt haben könnte. Jede:r könnte Hannah begegnet sein oder ihr noch begegnen, jede:r könnte teilhaben an dem, was geschicht, Falsches getan und Richtiges unterlassen haben. Darin liegt die eindringliche Botschaft des Romans und Jay Asher hat mit Clay einen guten Erzähler oder vielmehr Zuhörer gewählt, der Hannahs Botschaft zu mehr Empathie und Aufmerksamkeit anderen gegenübern noch verdeutlicht. 
Meines Erachtens hat der Roman zurecht vielfache Auszeichnungen in dem Bereich Jugendroman erhalten. 

Friday, July 24, 2026

Jean-Luc Bannalec - Bretonischer Glanz

Bretonischer Glanz ist nun schon der 15. Fall um Kommisar Dupin, leider merkt man ihm dies auch an. Diesmal wird in Roscoff gemordet und gegessen. Es geht um ein Krimifestival, eine Fährgesellschaft und die Roscoff-Zwiebeln. Dupin muss den Fall übernehmen, weil der zuständige Beamte vor Ort in den Ruhestand geht. Dennoch kennt er sich ein wenig aus, denn er kommt öfter mit seiner Frau Claire in den Ort. Der Plot überzeugt leider nicht: Zwar geht Dupin systematisch vor und führt ein Gespräch mit den Beteiligten nach dem anderen, immer wieder unterbrochen vom Klingeln des Telefons, wenn der nächste dramatische Zwischenfall/Mord geschieht. Dann setzt er wieder neu an mit den Gesprächen, kommt nicht weiter, der nächste Zwischenfall, ... Schließlich nimmt der Autor ihn mit Hilfe einer Holzlatte hinterrücks aus dem Rennen, so dass er mit einer Gehirnerschütterung im Hotelbett bleiben muss -  damit dann die Lösung des Falls Deus ex Machina aus dem Nachbarzimmer herüberkommen kann. Das konnte mich trotz einer gewissen Anhänglichkeit an Setting und Charaktere nicht überzeugen und war gelinde gesagt etwas langweilig. 

Jean-Luc Bannalec, Bretonischer GlanzKiepenheuer & Witsch 2026.

Saturday, July 04, 2026

Ryka Aoki - Das Licht ungewöhnlicher Sterne

Ryka Aokis Das Licht ungewöhnlicher Sterne widersetzt sich einer Genre-Einordnung, was für ein Mash-up! 
Da haben wir einmal die transgender Protagonistin Katrina, die dem Missbrauch und der Missachtung ihrer Familie entflieht, um Violinistin zu werden. Dann ist da die Geigenlehrerin Shizuka, die einen Pakt mit einem Dämon eingegangen ist und ihm sieben Seelen in Form von ihren von Ehrgeiz getriebenen Schüler:innen bringen muss. Und zu guter Letzt ist da eine Familie von Außerirdischen, die inkognito auf der Erde einen Donut-Laden betreiben, der Riesendonut auf dem Dach ist ihr Sternentor. Deren Kommandantin Lan ist sehr besorgt wegen der Endzeitseuche, die alle Zivilisationen kurz vor ihrem Untergang befällt. Hinzu kommen diverse Nebencharaktere. Zentrales Thema ist außerdem die Musik und ihre Wirkung, sowohl als Ausdruck des eigenen Selbst als auch in der Vermittlung von Emotionen für andere. Nebenbei lernt man mehr über Geigen und Gebäck als man dringend benötigt. Vieles an dem Plot ist bizarr, auch die Charaktere handeln oft nicht so, wie man es erwartet angesichts der unerklärlichen Geschehnisse um Dämonen und Außerirdische. Man passt sich an und nimmt es so hin. Einige der Passagen über die Wirkung der Geigenmusik sind langatmig, hier muss man schon viel Verständnis für die Musikerinnen mitbringen, die in ihrer eigenen Welt verhaftet sind. Auch die oft abrupten Perspektivwechel inmitten von Kapiteln sind gewöhnungsbedürftig. Ja, vermutlich hat Das Licht ungewöhnlicher Sterne einige Schwächen, aber andererseits ist es so anders, dass man darüber hinwegschauen mag, der wilden Geschichte folgt und den Charakteren nur das Beste wünscht. 

Ryka Aoki, Das Licht ungewöhnlicher Sterne. Heyne 2024.

Sunday, June 14, 2026

Ewald Arenz - Alte Sorten

Am gleichen Tag begonnen und ausgelesen: Ewald Arenz' Alte Sorten hat einen Lesesog ausgelöst. 
Die 17jährige Sally ist auf der Flucht vor ihren Eltern, den Therapien, der Schule, Regeln und eigentlich allen Erwachsenen. Mitten in einem Weinberg fragt Liss Sally um Hilfe, weil ihr Anhänger steckengeblieben ist und wieder an den Traktor gekoppelt werden muss. Sonst fragt sie erst einmal nichts, was Sally ungewollt beeindruckt und ja sagen lässt, als Liss ihr später einen Platz zum Schlafen auf ihrem Hof anbietet. Denn Liss sieht in dem Mädchen an Art Abbild von sich selbst, die sie sich immer falsch verstanden und gegängelt gefühlt hat in ihrem kleinen, engen Dorf.  
Sally bleibt und abwechselnd beobachten wir aus der Perpektive der einen die jeweils andere. Es gibt Gemeinsamkeiten, aber jede trägt an den Lasten ihrer persönlichen Vergangenheit und Gegenwart. Über Kartoffelernte und Birnenpflücken nähern die beiden sich mal zögernd, mal zornig an, um sich schließlich gegenseitig retten zu können. 
Es ist eine leise Geschichte, die Ewald Arenz da in schönen Worten vor uns ausbreitet, mit viel Achtung und Bewunderung für die Natur, das Wachsen, die Zeit und langsamer Heilung. Als Kritikpunkt bleibt, dass besonders die 17jährige in ihrer Ausdrucksweise klischeehaft wirkt, die Jugendsprache ist meiner Meinung nach nicht gut gelungen. Ihr werden eine Menge psychischer Probleme plus eine Form von Hochbegabung zugeschrieben, aber all das wird dann einfach ausgeklammert und hat scheinbar keinen Einfluss mehr auf die Geschehnisse. Das ist nicht sehr glaubwürdig, weniger wäre mehr gewesen. Auch in Liss' Geschichte ergeben sich Bruchstellen, denn eine durchaus selbstbewusste, eigenwillige Frau, als die sie geschildert wird, wäre kaum in der Beziehung zu einem gewalttätigen Ehemann geblieben, Hof und Kind hin oder her. Die Erklärung mit der wirtschaftlichen Abhängigkeit erscheint da dünn. Was zunächst wie eine Frauengeschichte wirkt, hat dann in der Schilderung eben jener Frauen Schwächen. Das kommt mir aus Zwei Leben schon bekannt vor. Dennoch habe ich Alte Sorten gern gelesen. 

Ewald Arenz, Alte Sorten. Dumont 2019.

Sunday, May 31, 2026

Janice Hallett - Der Twyford Code

Das Bemerkenswerteste an Der Twyford Code von Janice Hallett ist sicherlich seine ungewöhnliche Form. In lautsprachlichen Transkripten von Audioaufnahmen auf einem alten iPhone4 erzählt Steven Smith die Geschichte des Twyford Codes. Adressiert sind diese Aufnahmen an seinen Sohn und seine Bewährungshelferin. Stevie hat so einige Gefängnisaufenthalte hinter sich, bedingt durch seine Mitgliedschaft in einer Londoner Gang, war Analphabet und hat erst kürzlich bei einem Gefängnisprogramm lesen gelernt. Nun will er ein geregeltes Leben führen und sehnt sich nach Kontakt zu seinem ihm fremden Sohn. Dieser lehnt dies jedoch ab - deswegen nimmt Stevie seine weiteren Gedanken auf dem alten Handy auf. 
Inhaltlich geht es um seine Lebensgeschichte und was ihn auf den falschen Weg gebracht hat, aber auch um das Mysterium eines Kinderbuches von der fiktiven Autorin Edith Twyford, das er als Kind in einem Bus fand. Verknüpft ist dieses Buch mit Erinnerung an seine Lehrerin Miss Trout, die überzeugt war, dass es den Schlüssel zu einem Code enthielt. Kurz darauf verschwand Miss Trout spurlos und Stevie geriet auf die schiefe Bahn. 
Die Audiotranskripte erzählen einerseits die spannende Geschichte einer Spurensuche, sind gespickt mit geheimen Hinweisen, unter anderem in Buchtexten versteckten Akrostichons, andererseits geht es auch immer um Freundschaft, Loyalität und Familienbande. Am Ende kommt schließlich, auch in Form von Sprachnachrichten, Stevies Sohn zu Wort, der als Mathematikprofessor den Hinweisen in den Audioaufnahmen seines Vaters zu folgen versucht. 
Wie eingangs bereits festgestellt, ist die Form des Romans ungewöhnlich - das ist anfangs fesselnd, aber in der Gesamtheit auch etwas ermüdend. Die bewusst eingebauten Schreibfehler durch falsche Transkription stören den Lesefluss, haben aber natürlich ihre Bedeutung. Hier ziehe ich den Hut vor der Übersetzerin Stefanie Kremer, denn die in gewisserweise relevanten "Fehler" und auch die Akrostichons waren sicher eine besondere Herausforderung bei der Übersetzung. 
Einige von Stevies Aufnahmen waren verwirrend, wie sich herausstellte, so gewollt, um die Wendung am Schluss plausibel zu machen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob mir die ursprüngliche Geschichte mit den Verschwörungen und Codes der unliebsamen Kinderbuchautorin nicht besser gefallen hat als der zugegeben clevere Plottwist. Das Erzähltempo schleppte sich im Mittelteil ein wenig dahin, aber insgesamt ist Der Twyford Code ein interessanter, andersartiger Roman. 

Janice Hallett, Der Twyford Code. Atrium 2024. 

Friday, May 01, 2026

Oyinkan Braithwaite - Der Fluch der Falodun Frauen

Oyinkan Braithwaite erzählt in Der Fluch der Falodun Frauen von mehreren Generationen von nigerianischen Frauen, die ihre Männer - aus verschiedensten Gründen - nicht halten können und ihre Kinder im rein weiblichen Familienverbund aufziehen. Schuld daran ist ein vor langer Zeit ausgesprochener Fluch.
Auf mehreren Zeitebenen und aus den Perspektiven dreier Frauen der Familie erfahren wir von den Auswirkungen und Zusammenhängen ihrer Geschichten. Zentrales Element ist dabei die Geschichte von Eniiyi, die am gleichen Tag von Ebun geboren wird, als ihre Tante Monife beerdigt wird. Sie sieht ihrer Tante, die Selbstmord begangen hat, zum Verwechseln ähnlich und die abergläubischen Großmütter halten sie für Monifes Reinkarnation. Dies geht nicht spurlos an Eniiyi vorbei, fortwährend glaubt sie, fremdgesteuert zu sein, während sie auf ihre Weise gegen den Fluch ankämpft. 
Oyinkan Braithwaite hat eine Gruppe von Protagonistinnen geschaffen, die sowohl energisch, witzig und verletzlich sind, jede kämpft auf ihre Weise gegen das drohende Unheil des Fluches an. Offen bleibt, zu welchen Teilen der Fluch mystisch-real ist und zu welchen Teilen er allein durch den Glauben der Familie daran am Leben bleibt. Mir haben die Geschichten und die Schicksale der drei Frauen Freude bereitet, gerade weil sie weder glatt noch eindeutig sind. 

Oyinkan Braithwaite, Der Fluch der Falodun Frauen. Aufbau 2025.

Saturday, April 18, 2026

Lisa Jewell - Kein Hauch von Wahrheit

Lisa Jewells Thriller Kein Hauch von Wahrheit trägt seine Prämisse im Titel - den Aussagen der Protagonisten ist nicht zu trauen. Podcasterin Alix feiert in einem hippen Londoner Restaurant ihren 45. Geburtstag - genauso wie die eher unscheinbare Josie, die dort mit ihrem Ehemann zu Abend isst, der eher wie ihr Vater aussieht. Aus der Zufallsbegegnung mit dem "Geburtstagszwilling" entwickelt sich ein zutiefst düsteres Verwirrspiel von (un)wahren Erzählungen und Erfindungen, als Josie vorschlägt, Alix solle einen Podcast über sie und ihr Leben machen.  
Erzählt wird chronologisch, mal aus der Perspektive von Alix, mal aus der von Josie, durchbrochen aber durch vorweggenommene "Einblendungen" einer Netflix-Dokuserie, die auf der Basis ihrer Geschichte gedreht werden wird und die verschiedene Podcast-Aufnahmen anderer Personen einschließt. Das ist nicht so verwirrend, wie es klingt, denn eigentlich macht die Autorin durch bedeutungsschwangere Andeutung und Alix' "Bauchgefühl" von Anfang an klar, dass Josies Geschichte nicht die Wahrheit ist. Diese entwickelt eine Geschichte von ihrer eigenen Verführung als Minderjährige durch ihren jetzigen Ehemann, der sich auch an weiteren Mädchen und seiner eigenen Tochter vergriffen haben soll. Alix ist entsetzt über die Teilnahmslosigkeit, mit der Josie von diesen Taten berichtet, greift aber dem Podcast zuliebe nicht ein, sie tut nichts. Dabei erschleicht sich Josie immer mehr Zugang zu Alix' Leben, bis schließlich alles - wie geplant? - eskaliert. 

Ja, Kein Hauch von Wahrheit erzeugt eine gewisse voyeuristische Spannung. Man weiß, dass gruselige Dinge geschehen sind, geschehen werden, nur lässt die Autorin lange darauf warten. Beide Protagonistinnen sind unzuverlässige Erzählerinnen, man kann ihnen nicht trauen, man weiß, dies alles ist nicht die Wahrheit. Ja, es kommt zu einer Auflösung, einer Aufdeckung der Gräueltaten, aber dies bleibt zutiefst unbefriedigend, zumal die Schuldige entkommt und sogar noch das Schlusswort erhält. Die Themen Missbrauch von Minderjährigen, Gewalt in der Ehe und Alkoholismus sind präsent, werden aber unter den Teppich gekehrt. Die eine würde den Alkoholismus und die Unzuverlässigkeit des Gatten liebend in Kauf nehmen, wenn sie ihn wiederbekäme - der Missbrauch steht im Raum, aber niemand thematisiert, wie sehr alle Beteiligten (Mutter, Bekannte, Josie selbst, Alix...) wegschauen und untätig bleiben. 
Auf dem Cover der deutschen Ausgabe steht der Kommentar von Katherine Heiny (selbst Autorin): "So spannend, so klug, so einfühlsam." Dem kann ich nur widersprechen: Spannend vielleicht noch, wenngleich mir die Sicht der Voyeuristin, die sich an dem sich ankündigenden Drama ergötzt, in die ich als Leserin gedrängt wurde, nicht gefallen hat. Klug handelt keine der Protagonistinnen, ihr Verhalten ist sogar abstoßend naiv, - und in Bezug auf den Aufbau möchte ich auch nicht von klug sprechen, denn die meisten der Ereignisse sind schrecklich vorhersehbar bzw. werden vorher zaunpfahlwinkend vorbereitet. Einfühlsam? Was soll das in Bezug auf diese Charaktere heißen? Soll ich Verständnis aufbringen, mitfühlen für diese verantwortslos bzw. im Fall von Josie böse berechnend handelnden Frauen? Das kann ich nicht. Die Geschichte wirkt nach, das vielleicht schon, aber auf eine sehr bittere, dunkle Weise, die mir persönlich nicht gefällt.

Lisa Jewell, Kein Hauch von Wahrheit. Ronin 2025.

Saturday, April 04, 2026

Jennifer Egan - Der größere Teil der Welt

Selbst die Autorin Jennifer Egan war sich nicht sicher, ob sie Der größere Teil der Welt (Original: A Visit from the Goon Squadals Roman oder als Kurzgeschichtensammlung bezeichnen möchte. Tatsächlich besteht das 2011 mit dem Pulitzer Prize for Fiction ausgezeichnete Werk aus nur sehr lose miteinander verknüpften Episoden, die in mehreren Jahrzehnten spielen. Der häufigste Handlungsort ist NYC, die Charaktere stehen in unterschiedlichen Beziehungen zu Bennie und Sasha, die beide zu einem gewissen Zeitpunkt in der Musikindustrie tätig sind. Musik ist ein verbindendes Element, weitgehend in positivem Sinne, während den Charakteren gemein ist, dass sie ein eher selbstzerstörerisches und negatives Selbstbild haben. Drogen, berufliche Misserfolge und private Entfremdung von Freunden und Geliebten ziehen sich ebenfalls durch fast alle Geschichten. Bis auf wenige lichte Momente, in denen Hoffnung auf Besserung oder wahre Zuneigung aufblitzen, herrscht eher eine düstere, bedrückende Atmosphäre und Lebenseinstellung. Bei allem Geschick für das Zeichnen der sehr abwechslungsreichen und interessanten Charaktere und den unterschiedlichen Erzählstilen (bis hin zu einem Kapitel, das als Powerpoint Präsentation angelegt ist) drückt einen die Perspektivlosigkeit zuweilen nieder. Alle, die schön, jung und erfolgreich waren, werden durch das Vergehen der Zeit zu blassen, deprimierenden, wenig begehrenswerten Wesen. Das ist eine Sichtweise auf das Älter- und Altwerden, die niederschmetternd ist, die aber zum Zeitalter von "Social Media Fakeness" und der Besessenheit, weiter jung auszusehen, koste es was es wolle, passt. Damit zeichnet Egan wahrscheinlich ein allzu treffendes gesellschaftliches Bild - und das schon 2011. 

Jennifer Egan, Der größere Teil der Welt. Schöffling 2013. 

Monday, March 30, 2026

Ashley Audrain - Der Verdacht

Ashley Audrains Roman Der Verdacht ist eine dunkle Geschichte. Als Psychothriller würde ich es nicht bezeichnen, auch wenn es so gelabelt wird. Der Originaltitel The Push fokussiert auf das schwer zu ertragende dramatischste Moment des Romans, aber dazu später. 

Blythe ist Tochter und Enkelin zweier disfunktionaler Mütter, beide  sind (vermutlich) psychisch krank, vom Leben enttäuscht, und entscheiden sich dagegen, für ihre jeweilige Tochter da zu sein. Liebesentzug und sogar klare Vernachlässigung bestimmen diese Kindheiten. Das alles will Blythe überwinden und sie freut sich maßlos auf ihr erstes Kind. Doch als es zur Welt kommt, fühlt sich das nicht richtig an. Als extrem subjektive Erzählerin kann man ihr nicht so recht trauen, was zuerst da war - ihre eigene, vielleicht durch postnatale Depression ausgelöste Ablehnung der Tochter, oder das schwierig zu deutende Verhalten derselben. Kann ein Kleinkind so planend agieren? Die Mutter ablehnen und destruktives Verhalten zeigen und beim Auftritt des Vaters komplett anders zu agieren? Ist Blythe Wahrnehmung realistisch oder geprägt von eigenen Ängsten und familiären Traumata? Wächst da ein zweigesichtiges Monster in ihrer Familie auf? 
Feststeht, Blythe ist in der Lage zu lieben, denn sie erlebt kurzes Mutterglück bei ihrem zweiten Kind, bis dieses im Kinderwagen an einer Ampel in den vorbeifahrenden Verkehr rollt und stirbt. Hatte ihre Tochter zuvor ihre Hand am Griff des Kinderwagens? War es wirklich ein Unfall? Blythe zweifelt an sich und an der Tochter, der Mann sucht sich stillschweigend eine neue Frau und einen neuen Sohn für seine Traumfamilie. 
Interessant an Der Verdacht ist die Vielschichtigkeit. Blythe ist eine subjektive, vermutlich auch eine unzuverlässige Erzählerin. Sie zweifelt an sich selbst, ist sich dann wieder sicher über das Böse (oder das Gute) in ihrer Tochter, trifft zweifelhafte Entscheidungen, belügt sich selbst, verweigert professionelle Hilfe, kommuniziert miserabel und vieles mehr. An manchen Stellen kann man entnervt sein darüber, aber es ist auch eine umfassende Darstellung der Komplexität und der allgegenwärtigen Selbstzweifel über die Identität als Mutter und Frau. 

Ashley Audrain, Der Verdacht. Penguin 2021. 

Saturday, March 14, 2026

Claire Mitchell + Zoe Venditozzi - How to Kill a Witch

Claire Mitchell and Zoe Venditozzi haben gemeinsam ein Buch geschrieben mit dem Titel How to Kill a Witch mit dem Untertitel A guide to Patriarchy. Wie gut, dass sie dies in ihrem Vorwort erklären.

Beide Autorinnen begannen mit einem Interesse, Frauen im Stadtbild Edinburghs bzw. Schottlands mehr mit Denkmälern und Standbildern zu repräsentieren. Dies führte sie schließlich zum Thema der Hexenverfolgungen, zu dem sie einen erfolgreichen Podcast mit dem Titel Witches of Scotland starteten. Sie recherchierten, knüpften Kontakte zu Geschichts- und anderen Wissenschaftlern und hatten schließlich die Idee zu einem Buch. Das verfolgte zunächst die sarkastische Idee, eine Art Anleitung zu schreiben - von der Identifizierung von Hexen bis hin zur Entsorgung ihrer Körper nach der Exekution. In Teilen folgt das folgende Buch auch noch dieser Idee, ergänzt mit fiktionalen, tagebuchartigen Abschnitten (von Opfern und Tätern) und Berichten von der Recherchetätigkeit der Autorinnen in verschiedenen Bereichen. 
Der Großteil des Buches bezieht sich auf die Hexenprozesse in Schottland (hauptsächlich 17. Jahrhundert) und ihrer Einordnung in den historischen Kontext. Am interessantesten ist unter anderem die Argumentation, dass es natürlich die unbequemen, die auffälligen, aber zugleich wehrlosen Mitglieder der Gesellschaft - meistens Frauen - waren, die leichte Opfer der Verfolgungen waren und in schlechten, politisch unsicheren Zeiten gute Sündenböcke abgaben. Und so zieht sich das Thema der Hexenverfolgungen aus genau diesen Gründen auch in die heutige Zeit. Hier führen die Autorinnen aktuelle Geschehnisse in afrikanischen Ländern an, in denen Frauen als Hexen geächtet, verfolgt und sogar getötet werden. 
Zusammenfassend kommen sie zu dem Schluss, dass durch den aktuellen Bezug und auch durch die weiterhin fehlende Gleichberechtigung (auch in den westlichen Gesellschaften) und Unterdrückung von Frauen der Erinnerung an die Geschichte der Hexenverfolgungen und der Aufklärung über Beweggründe und Zusammenhänge große Bedeutung zukommen muss, um zu verhindern, dass Geschichte sich wiederholt. In ihrem Schlusswort rufen die Autorinnen ihre Leser:innen dazu auf:

"[...] we urge you: embrace the title of 'quarrelsome dame' in your daily lives. Take up space, get involved in grassroots politics, educate people around you what happened during the witch trials and draw the parallel with today. When you are met with resistance, call it out.
Do not let the patriarchy silence you.
We need to make sure we elect those who will actively protect our safety and the rights we have and promote real equality going forward."

Claire Mitchell + Zoe VenditozziHow to Kill a Witch: A Guide for the Patriarchy. Monoray 2025.

Saturday, March 07, 2026

Monika Helfer - Die Jungfrau

Ein weiterer Fall von "Popsugar Reading Challenge made me read this": Monika Helfers kurzer Roman Die Jungfrau handelt von der Freundschaft zweier Frauen, Monika, der Ich-Erzählerin, und Gloria. Sie wachsen in Bregenz auf, Monika kommt aus ärmlichen und beengten Verhältnissen, während Gloria nur mit ihrer Mutter in einer Villa und mit viel Geld aufwächst. 
Anlässlich eines Wiedersehens als beide schon 70 Jahre alt sind, schreibt Monika ihre Erinnerungen an ihre Freundschaft auf. Sie springt dabei zwischen Kindheitsszenen, Abenteuern ihrer Teenagerzeit und Betrachtungen über ihre Beziehung allgemein. Dabei kommt in der Retrospektive weder die Freundschaft noch Gloria selbst besonders gut weg, so mein persönlicher Eindruck. Gloria mit der Neigung zur Schauspielerei ist selten ehrlich zu ihrer Freundin, nutzt sie quasi als Projektionsfläche ihres Lebens, das nun recht armselig endet. Beziehungslos (außer der Betreuung durch eine Nichte, die nur auf das Erbe aus ist) und ohne in ihrem Leben gearbeitet oder etwas anderes erreicht zu haben, vegetiert sie - wie ihre Mutter vor ihr - in der Villa vor sich hin. Eines ihrer Hauptthemen: Sie ist noch Jungfrau. Daher der Titel. Monika stellt dem zwei Ehen, die letzte glücklich, und vier Kinder entgegen, Mitleid und eine Art sentimentale Verbundenheit wegen ihrer gemeinsamen Geschichte sind die maßgeblichen Gefühle, die sie für Gloria aufbringt. Kritisch sieht sie auch ihre persönlichen Gründe für die Freundschaft - warum hat sie keine anderen Freundschaften mehr verfolgt, sondern sich nur mit Gloria zusammengetan? Eine definitive Antwort erhalten wir nicht. 
Die Jungfrau ist eine Art zufällig zusammengesetzter Rückblick auf eine Freundschaft, die zwar überdauert hat, aber an deren Qualität man zweifeln kann. 

Monika Helfer, Die Jungfrau. Hanser 2023. 

 

 

Tuesday, March 03, 2026

Nnedi Okorafor - Binti - Nachtmaskerade

Nach Allein und Heimat bringt Nachtmaskerade die Sci-Fi-Trilogie von NNedi Okorafor zu einem Abschluss. 
Binti ist noch aufgewühlt von der neuen Erkenntnis und Erfahrung, dass sie DNA einer außerirdischen Rasse in sich trägt, die ihr neue Erinnerungen und Kommunikationsmöglichkeiten bringt, als sie von einem Angriff der Khoush auf ihr Himbadorf und ihren Medusenfreund Okwu erfährt. Nun droht wieder Krieg zwischen den Khoush und den Medusen. In dem Glauben, ihre ganze Familie sei tot, eilt sie zurück und ihr bleibt nur das eine Ziel, endlich Frieden zu stiften. Doch der Ältestenrat ihres Dorfes akzeptiert sie nicht mehr, zu andersartig und fortschrittlich ist sie. Allen Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz gelingt ihr die Vermittlung zwischen dem König der Khoush und dem Medusenhäuptling, doch etwas geht schief und die Khoush greifen trotzdem an. Binti stirbt. Doch die Autorin zaubert mit den lebenden Raumschiffen, mit denen Binti schon in den ersten beiden Bänden gereist ist, ein Wunder aus dem Hut - und Binti wird gerettet. Allerdings muss sie dafür noch eine Verbindung eingehen und wir erleben das All aus der Sicht eines garnelenartigen Schiffes!

Es sind sehr fantastische Strukturen und Welten, welche die Autorin in ihrer Trilogie erschafft, das ist faszinierend und man würde gern mehr erfahren, länger verweilen. Binti als Protagonistin ist zusammen mit der Leserin ein wenig überfordert mit allem, was geschieht. Ein vollkommen geschlossenes Bild ergibt sich nicht, es entstehen logische Lücken und Fragezeichen. Insgesamt ist es aber ein erzählerisches Feuerwerk, eine wilde Reise - und die kann man genießen, wenn man will. 

Nnedi Okorafor, Binti - Nachtmaskerade. CrossCult 2018.

Monday, March 02, 2026

Nnedi Okorafor - Binti - Heimat

Die Novelle Allein (Hugo Award 2016, Nebula Award 2015) von Nnedi Okorafor habe ich bereits 2022 das erste Mal gelesen - leider hat sich das Weiterlesen etwas verzögert. 
Die vielschichtige Protagonistin Binti kehrt in Heimat zu ihrer Familie auf der Erde zurück, nachdem sie eine Zeit lang auf einem anderen Planeten studiert hat. Ihre Erlebnisse in Allein haben sie verändert, genetisch und psychisch. Ihr Zusammenschluss mit dem Volk der Medusen, eigentlich verfeindet mit den Menschen, hat ihre afrikanisches Haar in fühlende Tentakel verwandelt und ihre Freundschaft mit dem Medusen Okwu begründet. Okwu begleitet sie nun auf die Erde, was beinahe katastrophal endet. Zuhause in ihrem Heimatdorf am Rande der Wüste ist allerdings nichts so, wie Binti es sich erhofft. Sie hat sich ihrer Familie entfremdet, fühlt Wut und Verzweiflung. Wer ist sie, wenn sie nicht mehr eine Himba sein kann?
Das ganze gewinnt an Komplexität, als das sogenannte Wüstenvolk auftaucht und Binti entdeckt, dass sie außer Himba- auch noch andere Wurzeln in sich trägt. 

Als mittlerer Band wirft Heimat mehr Fragen auf, als er beantwortet, und er endet auch sehr abrupt. Binti funktioniert fast noch zu gut in all dem Durcheinander von genetischem Neuland, kulturellen Zwängen, persönlichen Enttäuschungen, posttraumatischer Belastungsstörung und gesellschaftlicher Verantwortung. Vielleicht ist das etwas viel, was Nnedi Okorafor ihrer Protagonistin da zumutet oder sie hätte der Geschichte mehr Raum geben müssen. Mal schauen, wir das im dritten Band Nachtmaskerade aufgelöst werden kann. 

Nnedi Okorafor, Binti - Heimat. Cross Cult 2017.

Sunday, March 01, 2026

Alison Espach - Wedding People

Ein Hotel, unterschiedliche Reiseanlässe. Phoebe will nach der Scheidung und dem Tod ihres Katers ihrem Leben ein Ende setzen - das aber bitte mit Stil in ihrem besten Kleid und in dem schönen Hotel, zu dem sie eigentlich immer mal mit ihrem Exmann reisen wollte. Das übrige Hotel ist belegt mit Hochzeitsgästen, denn Lila und Gary sollen heiraten - die Feierlichkeiten sind auf eine ganze Woche ausgelegt. Statt der offensichtliche Fremdkörper zu sein - und natürlich ihren Suizidplan umzusetzen - lässt sich Phoebe von Lila in das minutiös geplante Hochzeitsdurcheinander ziehen und muss schließlich sogar die Rolle der Trauzeugin übernehmen. Dieses Grundsetting ist vielleicht etwas schräg, aber doch einigermaßen interessant - danach läuft der Roman leider sehr vorhersehbar ab.

(Achtung Spoiler:) Natürlich passen Braut und Bräutigam nicht zueinander, alles eigentlich nur ein Missverständnis, der Bruder der verstorbenen ersten Frau und die Braut gehören eigentlich zusammen und Phoebe und der Bräutigam haben natürlich Chemie. Natürlich verträgt sie sich auch super mit Gregs Tochter, kann selbst keine Kinder bekommen, perfekt. Kurzer dramatischer Zwischenauftritt von ihrem Exmann, den sie dann nach kurzem Sentimentalitätssex abserviert, um ihr Leben neu und hoffnungsvoll zu beginnen. Die Depression und der Suizidgedanke verschwinden nach kurzem Interemzzo mit dieser wildfremden Hochzeitsgesellschaft, wo jahrelange Therapie nichts ausrichten konnte. Pff. 

Wedding People von Alison Espach war auf der Bestseller-Liste der New York Times, aber auch wenn einige Szenen milde unterhaltsam waren, so fand ich das ganze doch aufgrund der absehbaren Entwicklungen wenig spektakulär. Phoebes Entwicklung, so großartig sie auch angelegt ist, bleibt aufgrund des Szenarios und des Zeitrahmens unglaubwürdig. 

Alison Espach, Wedding People. Lübbe 2025.  

Sunday, February 22, 2026

Paul Harding - Sein Garten Eden

Paul Harding ist 2010 für seinen Roman Tinkers mit dem Pulitzer Preis ausgezeichnet worden, was der Verlag Luchterhand auch gleich auf dem Cover von seinem neuen Roman Sein Garten Eden hervorhebt. Dieser war shortlistet für den Booker Preis, hat diesen aber nicht gewonnen. Sein Garten Eden basiert auf einer realen Geschichte: Auf Malaga Island vor der Küste Maines lebte bis 1912 eine Gruppe von Menschen, die "gemischtrassig" waren und auf ihrer Insel so fernab der Gesellschaft lebten, dass sie dies auch zunächst ungestört tun konnten. In Hardings Roman liegen die Ursprünge der Bewohner bei einem Paar namens Benjamin Honey, ein ehemaliger Sklave, und seiner irischen Frau Patience. Honey brachte auch Samen für Apfelbäume mit auf die Insel, weswegen die Insel fiktiv Apple Island genannt wird. Die Lebensverhältnisse sind ärmlich, die Hautfarben der Bewohner bunt und ihre Charaktere besonders. Als der pensionierte Lehrer Matthew Diamond auftaucht und beginnt, die Kinder der ansässigen Familien zu unterrichten und Hilfsgüter einzuwerben, werden die Obrigkeiten auf Apple Island aufmerksam und die Bewohner werden deportiert und zum Teil für geisteskrank erklärt. In einem weiteren Teil des Romans wird die Figur des Ethan Honey herausgestellt, dessen künstlerisches Talent und helle Hautfarbe ihm eigentlich einen Ausweg in ein anderes und besseres Leben bieten sollte. Doch als er sich in ein irisch-stämmiges Hausmädchen verliebt, wird seine Abstammung aufgedeckt und er muss fliehen. 
Es ist ein interessantes, aber auch grausames Stück Geschichte, dass sich Harding für seinen Roman ausgewählt hat. Das Setting und die Charaktere sind außergewöhnlich. Die Sprache ist sehr ausschmückend, lyrisch, aber ich habe sie nicht immer als passend empfunden. Die Figuren sind in ihrer ärmlichen Lebenssituation auf der Insel gefangen und sind dadurch zugleich frei von den Anfeindungen, die sie auf dem Festland wohl zu erwarten hätten. Mir als Leserin bleiben sie durchgehend fremd(artig), tragen schwere Belastungen mit sich, kämpfen sich nicht frei, können dies vielleicht auch nicht. Es findet kaum Reflexion über ihre eigene Situation statt, sie ertragen viel und leben nur wenig. Erzählerisch nimmt der Autor ihr Schicksal schon zu Beginn des Romans vorweg und fügt dem auch nichts hinzu, man erfährt nicht, was aus ihnen im Detail geworden ist. Sein Garten Eden ist als Titel fast höhnisch. Ich bleibe sehr unzufrieden zurück. 

Paul Harding, Sein Garten Eden. Luchterhand 2024.