Monday, November 01, 2010

Carsten Jensen: Wir Ertrunkenen


Seeleute und Schriftsteller haben etwas gemeinsam:
Sie träumen davon überall hin zu reisen,
der Seemann mit seinem Schiff,
der Autor mit seinen Worten.
So der dänische Autor Carsten Jensen im Nachwort zu seinem 800 Seiten starken Roman Wir Ertrunkenen. Ich würde nun auch den Leser mit ins Boot nehmen und sagen, auch dieser träumt und reist mit den Worten des Schriftstellers durch die Welt.
Die Zeit schrieb von einem "gewaltigen Buch" und laut Klappentext ist auch Hakan Nesser ganz begeistert. All diese Superlative haben schon ihre Berechtigung, das Buch ist wirklich außergewöhnlich. 800 Seiten sind schon lang, aber es wird nie langweilig.
Basierend auf der Geschichte seines Geburtsortes Marstal (gelegen auf der winzigen dänischen Insel Ærø, südlich von Fünen) entwickelt Jensen ein Epos über die Seefahrtsgeschichte. Gebunden an die Perpektiven verschiedener Erzähler und Protagonisten umfasst die Erzählung den Zeitraum vom deutsch-dänischen Krieg im Jahr 1848 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Wir reisen dabei nicht nur durch die dänischen Inselwelt oder die Ostsee, sondern bereisen alle Ozeane, wir segeln, wir steigen auf Dampfschiffe um und erleiden schließlich die schlimmsten und dunkelsten Seiten des Seekrieges. Dabei wechseln sich Unglaubliches und Realistisches ab, die Charaktere sind dadurch zugleich überzeugend und faszinierend. Die Mischung aus historischem Geschehen und Einzelschicksalen der Marstaler geht auf.
Auch sprachlich funktioniert das Buch, sieht man von der Notwendigkeit ab, sich mit dem vielen seemännischen Fachvokabular auseinanderzusetzen. Die Übersetzung von Ulrich Sonnenberg liest sich angenehm.
Ich kann sagen, ich habe einiges gelernt durch dieses Buch: In erster Linie natürlich über die Seefahrt - und aus dieser Perspektive heraus auch einiges Neues über die Geschichte, die dänische natürlich, aber auch die Weltgeschichte. Aber der Roman lässt auch darüber nachdenken, was einen Menschen zum Menschen macht, wie sehr er davon abhängt, in einer Gemeinschaft zu sein und wie prägend diese sein kann. Dies mag nicht unbedingt die Hauptintention des Autors gewesen sein, über die erfährt man mehr in seinem Nachwort (siehe Zitat oben) bzw. in einem Online-Interview.
Ich finde, es ist ein spannendes, vielschichtiges - ein gutes Buch mit einem sympathischen Autor.
Carsten Jensen, Wir Ertrunkenen. btb, München 2010.

2 comments:

The Crone from Oz said...

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thanks.

_InBetween_ said...

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