Friday, July 31, 2015

Patrick Rothfuss - Der Name des Windes

Patrick Rothfuss' Der Name des Windes ist der Auftakt zu einem neuen Fantasy-Epos.
Der Protagonist ist der Magier Kvothe, der zur Zeit als Gastwirt ein wenig aufregendes, sehr zurückgezogenes Leben führt. In Rückblenden erzählt er einem berühmten Schreiberling von seinen ersten Lebensjahren. Diese Erinnerungen umfassen seine Kindheit, als er mit seinen Eltern und anderen Spielleuten durch die Lande zog, die Ermordung derselben durch eine mysteriöse Gruppe, den Chandrian, seine Armutsjahre und der Beginn seines Studiums an der Universität. Er hat es seinem Talent zur Magie, seiner Intelligenz und seinen schauspielerischen Fähigkeiten zu verdanken, dass er seine zahlreichen Abenteuer überlebt und dabei noch einen Ruf als wagemutiger Held aufbauen kann. Der Antwort auf die Frage, wer die Chandrian sind und warum seine Eltern ihretwegen sterben mussten, kommt er in diesem ersten Band von stolzen 863 Seiten (über 30 Hörbuchstunden!) nicht.
Um es kurz zu machen: Ich mochte die Story und den Protagonisten wohl, aber es war langatmig und verlor sich phasenweise in Details, so dass man schon ahnte, dass es trotz der immensen Länge wohl keine wesentlichen Fortschritte im Hauptplot geben würde. Es gibt interessante Geschichten in der Geschichte, man erhält einen guten Eindruck der Welt, die Rothfuss entworfen hat, mystisch, kulturell und gesellschaftlich, er bemüht sich um eine umfassende Darstellung. Sprachlich war es gefällig, einige Redewendungen, die aber durchaus auf das Konto der Übersetzer gehen können, passten sprachlich nicht in diese Welt. Ein wenig weniger Drumherum und etwas mehr zielgerichtetes Erzählen hätten dem Werk meines Erachtens gut getan - die enthusiastische Fantasyleserschaft, die Detailverliebtheit und weitschweifendes Erzählen erwartet, wird das anders sehen. 

Patrick Rothfuss, Der Name des Windes. Hörverlag 2012.

Wednesday, July 29, 2015

Veronica Roth - Die Bestimmung

Veronica Roths Divergent-Trilogie spielt in einer dystopischen Stadt, in der jede und jeder Jugendliche sich entscheiden muss, welcher der fünf Fraktionen sie oder er sein weiteres Leben lang angehören möchte. Die Fraktionen orientieren sich an bestimmten Charaktereigenschaften: Altruan – die Selbstlosen. Candor – die Freimütigen. Ken – die Wissenden. Amite – die Friedfertigen und Ferox – die Furchtlosen.
Die Fraktionen entstanden ursprünglich, um Ausgewogenheit und Frieden zu schaffen, denn in ihren jeweiligen Gegenteilen sah man die Auslöser des Konflikt, der die vorherige Welt zerstört hat. Wie leider bei so vielen Dystopie-Romanen erfährt man weiter nichts über die Gründe, die zur Zerstörung der alten Welt geführt haben, sondern bekommt nur einen (relativ vagen) Eindruck des Ist-Zustands.
Mit Beatrice hat Veronica Roth eine Protagonistin erschaffen, die sich in einer andauernden Reflexion über sich selbst, ihr Verhalten und ihre Stärken und Schwächen befindet. Denn sie ist eine "Unbestimmte", bei ihren Tests gab es kein eindeutiges Ergebnis, zu welcher Fraktion sie gehören soll. Beatrice entscheidet sich nicht für die Fraktion ihrer Familie, sondern wechselt von den Altruan zu den Ferox. Während sie dort die Grundausbildung und Prüfungen durchläuft, ist sie immer wieder unsicher, ob sie das Richtige tut, und gerade darin liegt ihre Besonderheit. So kann sie Strukturen und Beweggründe reflektieren, wo andere nur tun, was von ihnen erwartet wird.
Parallel zu dieser persönlichen Entwicklung und dem inneren Monolog (und der unvermeidlichen Liebesgeschichte mit einem anderen Unbestimmten namens Tobias) wird der gesellschaftliche Konflikt aufgebaut - die Ken sind unzufrieden mit ihrer geringen Machtposition und wollen nicht mehr von den Altruan regiert werden. Sie gehen daher ein Bündnis mit den Ferox ein, die zu einer Art ausführendem Heer degradiert werden. Diese Zusammenhänge werden für meinen Geschmack etwas holprig ausgeführt und auch die Geschehnisse im letzten Fünftel des ersten Bandes sind stark gerafft im Vergleich zum eher langsamen Erzähltempo während der Ausbildung von Beatrice. Plötzlich sind die mutigen Ferox nur noch eine Masse von ausführenden Tötungsrobotern und Beatrice und Tobias müssen fliehen, da sie immun sind gegen das Serum, dass den Willen der anderen unterwirft. Ungewöhnlich ist das Präsens als Erzählzeit, zusammen mit der Ich-Perpektive erzeugt das einen sehr persönlichen Blickwinkel.
Insgesamt ist Die Bestimmung kein schlechter Auftakt - der Blick auf die dystopische Gesellschaft wird sich hoffentlich in den Folgebänden erweitern, so dass Zusammenhänge klarer werden.

Veronica Roth, Die Bestimmung. cbt, München 2011. 

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Für die Buchchallenge 20/15 habe ich in diesem Buch aus der Kategorie III. Handlung die geladene Schusswaffe ausgesucht, denn diese kommen mehrfach vor.


Thursday, July 23, 2015

Jack London - Der Ruf der Wildnis

Nach Wolfsblut durfte Der Ruf der Wildnis (erstmals 1903) nicht fehlen. Wie der Titel schon sagt, erzählt der Roman die Geschichte eines Hundes auf seinem Weg zurück in die Wildnis in ein Leben als Wolf. Dies Wandlung vollzieht sich keineswegs freiwillig, denn Buck, der Protagonist, wird von seinem Zuhause in Kalifornien geraubt und als Schlittenhund im Goldrausch in den Norden verkauft. Er wird durch Prügel und Peitsche gefügig gemacht, allerdings geht er daraus stärker und klüger und nicht gebrochen hervor. Er erlebt Menschen unterschiedlichster Charaktere, klug und dumm, gütig und gnadenlos. Aus einer lebensbedrohenden Situation wird er schließlich gerettet und erfährt so auch (menschliche) Liebe, aber auch diese ist endlich, so dass er zurückkehrt in die Wildnis und sich einem Wolfsrudel anschließt. 
Die Neuausgabe ist mit einem Nachwort und Erläuterungen zum Autor ausgestattet. Dort werden auch die beiden Roman einander gegenübergestellt, was ich sehr interessant fand.

Jack London, Wolfsblut. dtv, München 2013.

Gotta love Royal Mail Services

Royal Mail Services - always trying to do their best and always being polite!
They explain nicely why a card may be late and they do so by putting a nice blue sticker on the front. But of course it is easily detached again so the card looks as good as new after peeling it off. Great card by the way:
The picture is titled "Jumping over Boy's Back", from the series Animal Locomotuin by Eadweard Muybridge (1830-1904), USA, 1887. Muybridge was a pioneer in the area of motion pictures. Some of his photo series have been made into animations and work amazingly well.
 

Wednesday, July 22, 2015

Graeme Simsion - Das Rosie-Projekt


In Das Rosie-Projekt erzählt Graeme Simsion die Geschichte des vom Asperger-Syndrom betroffenen Don Tillmann. Aus der Ich-Perspektive erfahren wir viel über seinen Alltag mit all seinen streng abgezirkelten Routinen, den wenigen Sozialkontakten und seiner rational-geprägten Wahrnehmung der Welt, die Emotionen weitgehend unbeachtet lässt, weil er sie nicht gut wahrnehmen kann. Dennoch würde Don gern heiraten und da er daran gewöhnt ist, rationale Lösungen zu suchen, verfolgt er verschiedene skurril anmutende Ansätze, eine passende Kandidatin zu finden, die allesamt scheitern. Die chaotische Rosie scheidet anhand der von ihm aufgestellten Kriterien als Partnerin sofort aus und er ist selbst verwundert, dass er dennoch immer wieder (gern) Zeit mit ihr verbringt, obwohl sie seinen wohlstrukturierten Alltag völlig über den Haufen wirft. Den Rest der Handlung kann man sich denken.

Das Buch ist ein Bestseller in zahlreichen Ländern und ist eine heitere und unterhaltende Lektüre, gut lesbare Belletristik mit einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte (wobei diese in gewisser Weise in Mode und dadurch auch schon wieder nicht mehr so ungewöhnlich sind...). Diese Art Roman fällt gewöhnlich nicht in mein "Beuteschema", aber ich habe mich durchaus amüsiert und die 350 Seiten zügig inhaliert.
Hier kommt das "Aber": Das Asperger-Syndrom und andere vergleichbare Störungen, die dazu führen, dass Menschen in ihrem Verhalten nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, wirken auch in der Realität oft seltsam, teilweise witzig, nerdy. Man lächelt, man lacht, während die Betroffenen nicht freiwillig zum Objekt dieser Belustigung werden. Tatsächlich beschreibt Don Tillmann an einer Stelle sogar, wie er zum "Klassenclown" wurde, weil man sein Verhalten lustig fand, obwohl er eigentlich Kritik hatte üben wollen - es war dann für ihn aber einfacher, die lustige Rolle zu übernehmen. Wir kennen dieses Phänomen aus vielen Filmen und Büchern, sie unterhalten uns und informieren uns bestenfalls nebenbei über Handicaps und psychische Erkrankungen.
Akurate Darstellungen sind dies aber selten und deswegen ist es fraglich, ob diese Bücher und Filme dazu führen, dass wir sensibler mit den Betroffenen umgehen. Vermutlich werden wir doch weiterhin darüber lächeln, oder? Führt dies zu mehr Verständnis oder zu einer Verbesserung für die Menschen selbst? Natürlich ist dies ein Anspruch, den humorvolle Belletristik nicht erfüllen kann und will. Dennoch bleibt da das Gefühl einer verpassten Chance für die Menschen mit Asperger-Syndrom, die sicher nicht nur belächelt, sondern ernst genommen werden wollen. 

Graeme Simsion, Das Rosie-Projekt. Fischer, Berlin 2013.

Monday, July 20, 2015

Max Bentow - Die Puppenmacherin

Nach Der Federmann ist Die Puppenmacherin der zweite Band in Max Bentows Serie um seinen Kommissar Nils Trojan. Dem merkt man die Nachwirkungen des letzten Falles noch deutlich an, er ist psychisch und physisch immer noch angeschlagen, sein Verhältnis zu seiner Therapeutin ist ungeklärt und die Beziehung zu seiner Tochter angespannt. Dennoch bleibt er nicht von einer erneuten Mordserie verschont, der Täter sprüht seine Opfer mit Bauschaum ein, der innerhalb kurzer Zeit aufquillt und aushärtet und so zum Erstickungstod führt. Schon bald findet Trojan heraus, dass der Bauschaum schon einmal bei einem Verbrechen eingesetzt wurde, damals war Josephin Maurer das Opfer, sie entkam ihrem Entführer nur knapp. Die neuen Morde betreffen alle ihr Umfeld und Trojan verspricht der "Puppenmacherin" (Josephin Maurer betreibt einen Laden mit Amigurumi, japanischen Puppen), dass er sie beschützen wird. Ein Versprechen, dass sich als schwierig zu halten erweist...
Dieser zweite Fall ähnelt dem ersten sehr. Serientäter mit massiver psychischer Störung, der dennoch sehr zielgerichtet und geplant vorgeht. Trojan tritt immer noch als Einzelgänger auf, fasst wenig Vertrauen zu seinen Mitarbeitern, die wieder ähnlich wenig in Erscheinung treten wie beim ersten Band, zunehmend ein Manko in der Ermittlungsdarstellung, wie ich finde. Ansonsten ist das Erzähltempo wieder hoch, die Schilderung der Täterperspektive und der Sicht anderer Charaktere sorgt für zusätzliche Spannung. Solider Psychothriller, für den dritten Band wünsche ich mir allerdings eine etwas anders geprägte Story. 

Die Bücher der Serie um Nils Trojan:
#1 Der Federmann
#2 Die Puppenmacherin
#3 Die Totentänzerin
#4 Das Hexenmädchen
#5 Das Dornenkind
#6 Der Traummacher

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Für die Buchchallenge 20/15 habe ich in diesem Buch aus der Kategorie IV. Gegenstand die Spraydose ausgesucht, die passt perfekt, denn sie ist
sozusagen die Mordwaffe und steht im Zentrum der Ermittlungen.

Friday, July 17, 2015

Jim Butcher - Sturmnacht / Storm Front


Jim Butcher writes what is called urban fantasy, a genre which isn't my typical playing field. The main character of the series is called Harry Dresden and he's a magician. In this first book, Storm Front, we learn a lot about the setting of the series, its world and main character.
Dresden does investigative work, similar to a private detective, with a little bit of magic on top - because weird things are happening in Chicago...
In Storm Front the police seeks Dresden's help in a double murder case, apparently the victims' hearts have been ripped out of their living bodies! Soon Dresden finds himself caught in the middle between drug lords, demons and the accusation that he himself could be the murderer. In addition to that he has to fight the temptation to use the dark side of magic to fulfill his goals - which would be terribly wrong, of course - but he resists and with some luck solves the case and saves the city and himself.
The novel has a dark but humorous atmosphere (even in the German translation which I read), Harry Dresden could become an interesting character but in Storm Front he is clearly in his early stages and has still to be developed. It was an interesting and entertaining read although I'm not sure I really like the genre enough to continue with the series. I'll probably try one in English next. 

Jim Butcher, Sturmnacht. Feder und Schwert 2012. 

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Für die Buchchallenge 20/15 habe ich in diesem Buch aus der Kategorie III. Handlung das Gewitter ausgesucht.Wie der Titel schon verdeutlich, ist die Sturmnacht/Gewitternacht ein entscheidendes Element der Handlung.

Tuesday, July 14, 2015

Neil Gaiman - Der Ozean am Ende der Straße

Der Protagonist und Erzähler kehrt eines Tages in seinen Geburtsort zurück und besucht die Farm der Familie Hempstock am Ende der Straße, in der er einst lebte. Dort erinnert er sich an die Geschehnisse aus der Zeit, als er sieben Jahre alt war. Diese Erinnerungen erscheinen als eine Mischung aus Realität und Fantastischem. Die Hempstocks, bestehend aus drei Generationen von Frauen, helfen ihm, über seine schwierige familiäre Situation und andere verstörende Ereignisse hinwegzukommen. Da wären beispielsweise finanzielle Probleme, der Selbstmord eines Untermieters im Auto der Eltern oder auch die Untreue des Vaters. Aber da ist noch die Bedrohung durch übernatürliche Wesen, die eigentlich nicht in diese Welt gehören...
Die übernatürlichen Geschehnisse in Form von durchlässiger Realität (das Portal dazu ist der Teich/Ozean hinter dem Haus der Hempstocks) und der Aufhebung von Zeit hat der Protagonist danach vergessen und vergisst sie immer wieder, er kehrt aber von Zeit zu Zeit zum Hof zurück, um sich zu erinnern. Er fühlt sich verpflichtet zurückzukehren, weil er beweisen soll/will, ob seine Rettung damals "erfolgreich" war und er ein guter Erwachsener geworden ist. Die Antwort darauf bleibt der Autor schuldig - beziehungsweise der Leser muss sich diese Frage selbst beantworten.
Die Geschichte ist spannend und sensibel - poetisch - erzählt, es geht um Charakterstärke und Beharrlichkeit, aber auch um das Erwachsenwerden und -sein. Bestimmt erschließen sich neue Bedeutungsebenen beim erneuten Lesen.

Neil Gaiman, Der Ozean am Ende der Straße. Bastei Lübbe, Mülheim 2014.

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Für die Buchchallenge 20/15 habe ich in diesem Buch aus der Kategorie IV. Gegenstand die Zahnbürste ausgesucht. Nach einem schrecklichen Ereignis findet der Protagonist Zuflucht auf dem Hof der Hempstocks und durch den besonderen Zauber von Oma Hempstock erlauben die Eltern, das er über Nacht bleiben darf und bringen ihm sogar... seine Zahnbürste!

Saturday, July 11, 2015

Jussi Adler Olsen - Das Versteck

In Lünen werden zwei ermordete, über 80 Jahre alte Menschen aus einem Fenster geworden, keine Spur von einem Motiv oder dem Täter. Entsprechend ermittelt der Kommissar nicht, aber man bekommt in der Rückblende die Geschichte des Mörders erzählt. Dieser kommt nach einem Granatenschock im zweiten Weltkrieg desertierend nach Hause und ist dort aber unerwünscht, weil seine Frau inzwischen seinen Cousin lieber mag. Sie versteckt den Desertierten auf dem Dachboden. Als der Krieg vorbei is, belügt seine Frau ihn weiter, lebt statt dessen mit seinem Cousin und lässt ihn sein ganzes Leben auf dem Dachboden versauern. Als er bei sich selbst einen Herzinfarkt vermutet, springt er durch die Dachluke und entdeckt den Betrug und ermordet die beiden. Bizarre Idee, mäßige Umsetzung und extrem kurz.

Jussi Adler Olsen, Das Versteck. Der Spalt von Lünen. Kurzkrimi. dtv, München 2015.

Friday, July 10, 2015

Hermann Hesse - Siddharta

Hermann Hesse (1877-1962, Nobelpreis für Literatur 1946) ist einer der deutschen Schriftsteller, um den man während eines Literaturstudiums kaum herumkommt und dessen Werke phasenweise zum Literaturkanon an deutschen Schulen gehören.

Siddharta erschien 1922, in den 90er Jahren war der Roman Stoff im Deutschleistungskurs Klasse 12. Im Klapppentext der heutigen Kindle-Ausgabe liest man, Siddharta sei
"eine Legende von der Selbstbefreiung eines jungen Menschen aus familiärer und gesellschaftlicher Fremdbestimmung",
also ein Entwicklungsroman im buddhistischem Gewand. Damals wie heute mag mir dieses literarische Werk nicht recht gefallen. Der Protagonist Siddharta ist mir schlichtweg unsympathisch, er tritt seine Familie und Freunde mit Füßen, verlässt sie trotz Sorge und Treue ihrerseits zugunsten seiner eigenen Erleuchtung. Zwar erkenne ich die Botschaft heute vielleicht besser als damals, vor allem die Fluss-Metapher, die ich schön und treffend finde, die Relativität von Zeit und das Gleichgewicht aller Dinge. Sprachlich erscheint mir Hesse zunehmend geschwollen und idealisierend, die Wiederbegegnung mit der Erzählung hat mich nicht vollends ausgesöhnt, sondern größtenteils in meinem damaligen Urteil bestätigt.

Hermann Hesse, Siddharta. Suhrkamp, Berlin 2011. 

Thursday, July 09, 2015

Harlan Coben - Ich finde dich

Harlan Coben hat über 25 Romane geschrieben und ist in den USA ein Bestsellerautor. In Europa scheint er weniger bekannt zu sein, allerdings hat es Ich finde dich (in den USA bereits 2013 erschienen) nun in die Spiegel-Bestsellerliste geschafft.
Jake Fisher muss der Liebe seines Lebens Natalie an ihrem Hochzeitstag mit einem anderen Mann schwören, sie nicht zu suchen. Er hält sich sechs Jahre lang daran, bis er vom Tod ihres Ehemanns erfährt. Dieser ist ermordet worden, zurück bleiben zwei Kinder und die Witwe - nur das diese nicht Natalie ist! Jake, inzwischen College-Professor, beginnt nachzuforschen und trifft schon bald auf Gegenwehr und auf Leute, die ihn mit Gewalt und sogar Mord davon abbringen wollen, Natalie zu finden.
In zügigem Erzähltempo entdeckt der Leser nach und nach die wahren Hintergründe und Zusammenhänge. Der Protagonist ist keine charakterliche Offenbarung und in seinen Bedürfnissen und Interessen relativ schlicht (zu seinem Beruf passt dies teils kaum und auch die Darstellung des Collegeumfelds erscheint etwas fragwürdig). Er handelt sehr egoistisch, aber auch energisch und zielstrebig, so dass er am Ende bekommt, wonach er gesucht hat.
Insgesamt ist Ich finde dich unterhaltsame Belletristik mit hoher Spannungsdichte und leicht lesbar, als Urlaubslektüre daher gut geeignet.

 Harlan Coben, Ich finde dich. Page & Turner, München 2014.

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Für die Buchchallenge 20/15 habe ich in diesem Buch aus der Kategorie III. Handlung die Hochzeit ausgesucht. Mit der Hochzeitsszene, traumatisch für den Protagonisten, beginnt der Roman und ist damit eine Schlüsselszene.

Wednesday, July 08, 2015

Jean-Philippe Blondel: 6 Uhr 41

Vier Monate lang waren Philippe Leduc und Cécile Duffaut zusammen, sie fuhren gemeinsam nach London, wo Philippe Cécile plötzlich zu gewöhnlich und zu langweilig findet. Sie beschließt heimzufahren, während er eine andere Frau aufreißt und mit ins gemeinsame Hotelzimmer nimmt! Cécile flüchtet stinksauer und beschließt in dieser Nacht, etwas aus ihrem Leben zu machen. Sie treffen sich danach nie wieder - bis zu dieser Zugfahrt um 6 Uhr 41 nach Paris. Sie erkennen sich sofort, geben es nicht zu, sondern hängen ihren Gedanken und Erinnerungen  nach, reflektieren ihr Leben und ihre Persönlichkeit. Am Ende, kurz vor der Ankunft wechseln sie einige wenige Sätze, doch den Vorschlag, noch einen Kaffee zu trinken, schlägt Cécile aus und geht los... aber sie dreht sich am Ende der Bahnhofshalle noch einmal um... Buchende.
"Gleich wird sie sich umdrehen. Und niemand weiß, ob das wirklich eine gute Idee ist." (S.107)
Es ist eine interessante Erzählkonstruktion, die wechselnde Perspektive und die beiden Sichtweisen auf das Geschehene. Auch die beiderseitig eintretenden Zweifel am eigenen Selbst und das Erinnern an die Geschichte von damals ist interessant dargestellt. Es ist die späte Verarbeitung eines lebensprägenden Erlebnisses - Ausgang und Auswirkung offen.
In wenigen Worten: Sehr französisch, sehr intensive Charakterstudien, kurz.

Jean-Philippe Blondel, 6 Uhr 41. Deuticke bei Paul Zsolnay, Wien 2014.

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Für die Buchchallenge 20/15 habe ich in diesem Buch aus der II. Umgebung Hotel ausgesucht. Im Hotel in London spielt sich die entscheidende Szene in der Vergangenheit von Philippe und Cécile ab.

Find the bear!

Monday, July 06, 2015

Katerina Jacob: Oh (weia) Kanada

Katerina Jacob, ihres Zeichens Münchner Schauspielerin, hat ein Buch mit dem Titel Oh (weia) Kanada. Mein Abenteuer vom Auswandern verfasst. In kurzen Anekdoten und kleinen Zusammenfassungen erzählt sie von ihrem Weg zur kanadischen Staatsbürgerin. Dabei unterteilt sie ihr Buch in persönliche Stationen und "Wissens"-teile. Hierin liegt auch sogleich das größte Problem: Relativ unsortiert stehen persönlich-private Erlebnisse der Autorin oder ihrer Bekannten und Familien neben allgemeinen Berichten über die Kanadier an sich und geografischen, reiseführerartigen Informationen, die sie, wie im Nachwort angegeben, teils aus anderen Quellen entnommen hat. Das alles ist ganz unterhaltsam und während eines Kanada-Aufenthaltes gelesen auch ganz passend, aber es bleibt unklar, was das Buch eigentlich sein will. Es gibt nicht genug über die Autorin preis, um biografisch zu sein, es bietet als Reiseführer zu wenig relevante Informationen und rein humoristisch hat es auch nicht genug zu bieten. Als Auswanderungsdokumentation kann man es im Grunde (trotz Titel) auch nicht werten, da ihre einzelnen Schritte zum Auswandern gar nicht deutlich werden, sondern zwischen allem anderen Klimbim eingestreut werden und das auch nicht zwangsläufig chronologisch. (Bezüglich der Kapitelreihenfolge habe ich allerdings das Lektorat im Verdacht, eine Struktur anlegen zu wollen, die nicht ursprünglich so nicht existierte...) Insgesamt wenig erhellend.

Katerina Jacob, Oh (weia) Kanada. Mein Abenteuer vom Auswandern. mvg Verlag, München 2015.


Oh Canada!

Saturday, July 04, 2015

Jean-Luc Bannalec - Bretonischer Stolz

Im vierten Band um den neu-bretonischen Kommissar Dupin Bretonischer Stolz von Jean-Luc Bannalec wird im Austernort Bélon eine Leiche gefunden - aber sie verschwindet wieder! Zunächst zweifelt man an der Aussage der Zeugin, einer wunderlichen alten Filmdiva. Als jedoch eine zweite Leiche am Fuße eines Bergs in den sagenumwobenen Monts d'Arée gefunden wird, besteht kein Zweifel mehr, dass ermittelt werden muss. Die Ereignisse überschlagen sich: Keltische Mythen, Verbindungen zum "Brudervolk" nach Schottland, das Austernmilieu, Sandraub und ein uralter Banküberfall... Dupin schwirrt der Kopf. Und gleichzeitig soll er auch noch auf Kaffee verzichten!
Zur Lösung des Falls kommt es leider erst, nachdem der Präfekt aus Ignoranz und Eigenmächtigkeit heraus Dupin suspendiert und Unschuldige als Täter dargestellt hat.
Trotz reichlich vieler Verwirrungen und Nebenschauplätzen und einer holprigen Aufklärung, fügt sich Bretonischer Stolz zu einem runden und vor allem unterhaltsamen Roman. Dupin reift als Persönlichkeit, wird bretonischer und beziehungsfähiger, sowohl mit seiner Freundin Claire als auch mit seinen Kollegen, was der Autor anschaulich mit dem Fest zu seinem fünften Jahr als Kommissar in der Bretagne spiegelt.


Jean-Luc Bannalec, Bretonischer Stolz. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2015.

Übersicht zur Serie hier...
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Für die Buchchallenge 20/15 habe ich in diesem Buch aus der II. Umgebung das Restaurant ausgesucht. Wie bereits in den vorangegangenen Bänden und natürlich für Frankreich auch typisch spielt Essen eine große Rolle in den Dupin-Romanen. Besonders ein Austern/Meeresfrüchte-Restaurant ist mehrfach der Ort, an dem Dupin sich berät.