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Tuesday, December 30, 2014

Lese-Challenge SuB-Abbau 2014 - erfüllt!

Auch die Teilnahme an der SuB-Abbau-Challenge von Annette Eickert war recht erfolgreich, auch wenn ich nicht alle 45 Kategorien erledigt habe, aber immerhin 39. 20 waren nötig, um die Challenge offiziell zu "schaffen". Für zwei weitere hatte ich bereits ein Buch auf dem SuB gefunden, aber es leider dennoch nicht geschafft, diese dann auch zu lesen. Zum Glück kann ich beide einfach in die Liste für 2015 übertragen... So ist das wohl mit dem SuB!
Im Gegensatz zur Buchchallenge 20/14 waren auch Audiobooks zugelassen, was jeweils in der Rezension erkennbar ist. Das führte aber auch zu einer geringeren Wirksamkeit bei dem Abbau des Bücherstapels, da die Audiobooks natürlich Neuzugänge bzw. Ausleihen waren. Vorsatz für 2015 - wirklich den SuB stärker in den Fokus nehmen! Endgültiger Challenge-Status: 39/45
  1. Lies ein Buch mit mehr als 100 Seiten: Jesper Juul: Aggression
  2. Lies ein Buch mit mehr als 200 Seiten: Tess Gerritsen: Grabkammer
  3. Lies ein Buch mit mehr als 300 Seiten: Yrsa Sigurðardóttir: Seelen im Eis
  4. ein Buch mit mehr als 400 Seiten: Johan Theorin: So bitterkalt
  5. Lies ein Buch mit Braun im Cover: Andrea Maria Schenkel: Finsterau
  6. Lies ein Buch mit Lila im Cover: Tess Gerritsen: Grabesstille
  7. Lies ein Buch mit Gelb im Cover: Jonas Jonasson: Die Analphabetin, die rechnen konnte
  8. Lies ein Buch mit Orange im Cover: Italo Calvino: Wenn ein Reisender in einer Winternacht
  9. Lies ein Buch mit Grün im Cover: Tess Gerritsen: Leichenraub
  10. Lies ein Buch mit Blau im Cover: Hakan Nesser: Die Schatten und der Regen
  11. Lies ein Buch mit Rot im Cover: Anna Gavalda: Alles Glück kommt nie
  12. Lies ein Buch mit Weiß im Cover: Jo Nes
  13. Lies ein Buch mit Schwarz im Cover: Gillian Flynn: Gone Girl
  14. Lies ein Buch aus dem Bereich Vampire: L.J.Smith: Im Zwielicht (The Vampire Diaries #1)
  15. Lies ein Buch aus dem Bereich Fantasy: George R.R. Martin: Zeit der Krähen
  16. Lies ein Buch aus dem Bereich Jugendliteratur: Andreas Steinhöfel: Beschützer der Diebe
  17. Lies ein Buch aus dem Bereich Thriller: Karin Slaughter: Entsetzen
  18. Lies ein Buch aus dem Bereich Krimi: Jean-Luc Bannalec: Bretonische Verhältnisse
  19. Lies ein Buch aus dem Bereich Gayliteratur: John Green / David Levithan - Will und Will
  20. Lies ein Buch aus dem Bereich Historische Romane: Umberto Eco: Der Friedhof in Prag
  21. Lies ein Buch aus dem Bereich Dokumentation oder dokumentarischer Roman: Alex Rühle: Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline
  22. Lies ein Buch aus dem Bereich Biographien oder Autobiographische Romane: Marian Hoefnagel: Anne Frank. Ihr Leben.
  23. Lies ein Buch, das zwischen 2000 und 2005 erschienen ist: Reinhard Mey/Bernd Schroeder: Was ich noch zu sagen hätte
  24. Lies ein Buch, das zwischen 2005 und 2009 erschienen ist: David Baldacci: Die Wächter (erstmals erschienen 2005 in englisch, 2009 auf deutsch)
  25. Lies ein Buch, das du schon immer haben wolltest, aber welches du noch nicht gelesen hast: Frank L. Baum: The Wonderful Wizard of Oz
  26. Lies ein Buch, das mehrere Geschichten aus einer Reihe beinhaltet (z.B. Sammelband): Isabelle Allende: Die Abenteuer von Aguila und Jaguar (Drei Romane in einem Band)
  27. Lies ein Buch, das du angefangen, aber nie beendet hast
  28. Lies ein Buch, das am längsten auf deinem SuB liegt: Pamela Lyndon Travers: Mary Poppins
  29. Lies ein Buch, das 2010 erschienen ist
  30. Lies ein Buch, das 2011 erschienen ist
  31. Lies ein Buch, das 2012 erschienen ist: Arne Dahl: Gier (erstmals 2012 im Piper Verlag)
  32. Lies ein Buch, das 2013 erschienen ist: Jean-Luc Bannalec: Bretonische Brandung
  33. Lies ein Buch, das 2014 erschienen ist: Jan Weiler: Das Pubertier
  34. Lies ein Buch, welches einen Preis gewonnen hat: Rachel Joyce: Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry (National Book Award/UK- New Writer of the Year)
  35. Lies ein Buch, welches verfilmt wurde: Cassandra Clare: City of Bones (verfilmt 2013)
  36. Lies ein Buch von einem noch nicht allzu bekannten Autor: Denis Thériault: Siebzehn Silben Ewigkeit
  37. Lies ein Buch von einem Autor, mit dem du schon in Kontakt standest
  38. Lies ein Buch von einem deutschsprachigen Autor: Markus Orths: Das Zimmermädchen
  39. Lies ein Buch von einem englischsprachigen Autor: Patricia Cornwell: Knochenbett, Kay Scarpettas 20. Fall
  40. Lies ein Buch, das ein Klassiker in der Literatur ist: Mark Twain: The Adventures of Huckleberry Finn
  41. Lies ein Buch aus einer Buchreihe: Camilla Läckberg: Meerjungfrau (Band 6 der Fjällbäcka-Reihe)
  42. Lies ein Buch, in dem ein Tier eine Rolle spielt: Elke Heidenreich: Nero Corleone
  43. Lies ein Buch, das du geschenkt bekommen hast: Nigel Hinton: Im Herzen des Tals
  44. Lies ein Buch, an das du dich noch nie herangetraut hast
  45. Lies ein Buch mit Kurzgeschichten

Friday, December 26, 2014

Rachel Joyce - Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry

Rachel Joyces Roman Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry erschien bereits 2012 und hatte großen Erfolg und hielt sich lange auf den Bestsellerlisten.
Der Stil des Titels und auch der Plot erinnert entfernt an Der Hundertjährige, des aus dem Fenster stieg und verschwand. Völlig unerwartet verschwindet der Pensionär Harold Fry aus seinem kleinen Häuschen in einem englischen Kaff, nachdem er den Brief einer an Krebs erkrankten alten Arbeitskollegin, Queenie Hennessy,  erhalten hat. Statt nur bis zum Briefkasten läuft er immer weiter, um die Krebskranke zu besuchen, sie soll "auf ihn warten". Ein Roadmovie zu Fuß: Harold erfährt die Probleme eines Wanderanfängers, die Freundlichkeit von Unbekannten und das meditative Versinken in die eigene Gedankenwelt beim Wandern. Eine Pilgerreise wird es durch die Hoffnung, dass er Queenie durch sein Laufen irgendwie retten könne, doch eigentlich rettet er eher sich selbst, seine Frau, seine Ehe. Er durchlebt und durchleidet die Schicksalschläge und Fehler seines Lebens, um Frieden damit machen zu können.
Trotz des Wortes Pilgerreise im Titel erhebt die Autorin dabei nie den moralischen oder gar religiösen Zeigefinger, im Gegenteil, man hat den Eindruck Harold (und auch seine Frau) geht viel zu streng mit sich selbst ins Gericht, lädt sich selbst viel Schuld auf die Schultern. Die erhoffte Erlösung durch den Besuch im Hospiz bei Queeny stellt sich nicht automatisch ein, das wäre auch zu einfach. Erst zusammen können Harold und seine Frau erkennen, dass es einen weiteren, gemeinsamen Weg und Möglichkeiten gibt, über Vergangenes hinwegzukommen.
Mir hat der Erzählton des Buches gut gefallen, britisch mit einem Augenzwinkern, sehr geradeaus, die Charaktere mit wenigen Strichen gut gezeichnet. Die Dynamik des Wanderns und der Effekt auf die Psyche sind gut umgesetzt, aber auch wiederum ohne dies als Allheilmittel zu verkaufen, denn gerade auch die kaputten Gestalten, die sich Harold zwischenzeitlich anschließen, erfahren mit ihrer Bedürftigkeit und ihrer Lautstärke gerade nicht das, was Harold auf seiner Reise erfährt. 

Rachel Joyce, Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry. Argon 2012.

Thursday, December 25, 2014

Reinhard Mey/Bernd Schroeder - Was ich noch zu sagen hätte

Reinhard Mey ist einer der Musiker, die in meiner Familie immer präsent waren, zahlreiche Schallplatten, CDs und vor allem die häufigen Zitate zu allen Lebenslagen zeugen davon.Wer Meys Liedern aufmerksam zuhört, der weiß auch automatisch schon einiges über sein Leben, seine Familie, seine Überzeugungen.

Der Schriftsteller Bernd Schroeder hat zahlreiche Gespräche mit Reinhard Mey geführt und aus den Mitschnitten dieser Gespräche, vielen Liedtexten und Fotografien ist die Biographie Was ich noch zu sagen hätte entstanden, die 2005 erschien. Der Gesprächscharakter ist dabei weitgehend erhalten geblieben, was einerseits einen vertrauten Tonfall erzeugt, andererseits aber auch dazu führt, dass es inhaltlich auch nicht tiefer geht oder Dinge anders beleuchtet werden, als Mey dies selbst zulässt.
Die Liedtexte erläutern dabei die einzelnen Lebensabschnitte oder Themen in Meys Leben und bilden eine schöne Einheit. Natürlich findet man keine oder nur wenig kritische Töne, schließlich ist der Sänger auch der Autor, aber man erfährt auch zwischen den Zeilen manchmal Dinge, die neu sind und nicht in dem Maße öffentlich waren. Einen bitteren Beigeschmack bekommen die Stellen, an denen Mey über seinen Sohn Max spricht bzw. an denen dieser selbst zu Wort kommt, nachdem dieser im Mai dieses Jahres nach fünf Jahren im Wachkoma verstorben ist. Diese Familientragödie hat den Sänger offensichtlich schwer getroffen, denn aus seinen Äußerungen über seine Kindern wird deutlich, dass diese in Meys Leben den größten Stellenwert einnehmen und sinnstiftend sind.
Es ist keine überragende Biographie, die Mey in einem gänzlich anderen Licht darstellt oder Überraschendes bietet, aber es ist ein Zeugnis seines Lebens, seiner Musik und seiner Lebensüberzeugungen - und dadurch für Fans und Interessierte sicherlich lesenswert.

Reinhard Mey mit Bernd Schroeder, Was ich noch zu sagen hätte. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2005.


Friday, October 31, 2014

L. Frank Baum - The Wonderful Wizard of Oz

Among the classics that I still have to read was also The Wonderful Wizard of Oz. It is constantly quoted in more or less obvious ways that I thougt it useful to know the original. My edition is a beautiful linen hardcover with lovely illustrations by Scott McKowen from Sterling Publishing, NY. It is part of their Children's Classics series.

In the author's introduction L. Frank Baum references the classic fairy tales of Grimm and Anderson and sets his book apart from that tradition as he wants to present a new type of "modernized fairy tales", written "solely to pleasure children of today". He wrote the introduction in 1900. Nevertheless you get some typical fairy tale elements: There are classic magical creatures like the witches and wizards, talking animals, a long journey, difficult tasks to do, magical spells, repeating things three times and of course the happy ending. But he adds modern elements as the Scarecrow or the Tin Woodman and the characters are more complex than the average fairy tale person. He also mentions real locations (e.g. Kansas prairies) and other typical American elements which is why The Wonderful Wizard of Oz is often called the first American fairy tale. It had a great cultural impact on literature, music and film and as so many classics was critically discussed, praised and banned in equal measures (to get an impression you may read the wikipedia article).

I liked the setting of the story, the many countries the main characters' journey leads them to were rich in ideas. It triggered my imagination about the wonderful colours, nature and people in these lands which is more than a normal fairy tale does. I am not that fond of the characters and their wishes because it is totally apparent that the Scarecrow, the Tin Woodman and the Lion don't need the things they wish for because they already possess them - I guess even children are aware of that in an instant. The Wonderful Wizard of course is a great disappointment and his actions are disappointing too. So what's the message there? You shouldn't believe in mighty helpers to solve your problems? You're on your own? Or - in a more positive way - only rely on your friends? I'm not sure.
But overall I liked the story and can understand why it influenced a lot of other artists' work.

L. Frank Baum, The Wonderful Wizard of Oz. Sterling, New York 2005.

Tuesday, October 28, 2014

Mark Twain - Huckleberry Finn

After reading Tom Sawyer in 2011 I wanted to read The Adventures of Huckleberry Finn too. It's been a while since then, a pile of other books had to be read too. And it took me longer to finish it too.

As the title suggests these are Huck Finn's adventures although Tom Sawyer has some part in them at the beginning and at the end. After becoming rich at the end of Tom Sawyer Huck Finn's father reappears and wants to get his hands on the money while Huck is officially living with the widow Watson. Although the father doesn't get the money he kidnaps Huck and forces him to live with him and locks him up. Huck Finn escapes on the Missisippi and makes it look like he has been murdered so noone comes looking for him. After some time in hiding he is joined by Miss Watson's slave Jim who ran away. The two start a journey down the Missisippi on a raft together.

The book is devided into several parts marking different locations and stories which could be looked at seperately for each has significance regarding one or more aspects of American life in the South at the time. Huckleberry Finn is always right in the middle of the story but usually not the person responsible for the occurring problems. That doesn't mean that he's not capable of changing the course of events. Although he is a vagabond and often has to lie and trick people he has got a conscience and always wants to do the right thing. The most important conflict he is in is his friendship with Jim. Huck knows that Jim is a good person and they have to rely on each other to survive. But being brought up in the south he is supposed to see Jim as property, as a slave, not as a person. One of the most impressive passages of the book is Huck Finn pondering about giving Jim up or saving him to freedom. It's not an easy decision because there are laws, morals and religion weighing against his own feelings and conscience. Needless to say he does the right thing - as Twain does too at the end of the book in setting Jim free officially (the widow died and gave him his freedom in her will).

It wasn't easy to read Huck Finn as a non-native speaker of English. Mark Twain explains:
In this book a num­ber of di­alects are used, to wit:  the Mis­souri negro di­alect; the ex­tremest form of the back­woods South­west­ern di­alect; the or­di­nary "Pike County" di­alect; and four mod­i­fied va­ri­eties of this last. The shad­ings have not been done in a hap­haz­ard fash­ion, or by guess­work; but painstak­ingly, and with the trust­wor­thy guid­ance and sup­port of per­sonal fa­mil­iar­ity with these sev­eral forms of speech.
I make this ex­pla­na­tion for the rea­son that with­out it many read­ers would sup­pose that all these char­ac­ters were try­ing to talk alike and not suc­ceed­ing.
THE AU­THOR.
Spelling and sentence structure were hard getting used to especially when Jim was talking but it was worth it because I guess a just translation would be nearly impossible. This kind of dialect writing was new at the time and Twain worked hard to get there, rewriting the text several times. So it must be important for depicting the situation at that time.

I won't get into all the problematic interpretations and controversies (for being racist or anti-racist) that Huck Finn raised over the years and still does, e.g. eliminating the book from the reading lists (because of the use of the word "nigger") as a symbol of change after Obama's election into office (see wikipedia article on the topic).
The most impressive about the novel is its narrator's voice and protagonist. In addition to that it is remarkable how it touches so many sensitive topics of American history without being judgemental but showing clearly that there were things that were problematic on different levels. That makes it an outstanding novel at the time it was published (1884) and today.

Tuesday, October 07, 2014

Nigel Hinton - Im Herzen des Tals

Von allen Möglichkeiten, einen Protagonisten für einen immerhin 280 Seiten starken Roman auszuwählen, wäre mir ein kleiner Vogel wie die Heckenbraunelle sicherlich als allerletztes eingefallen. Als ich davon las, fand ich die Idee dennoch irgendwie interessant und wurde neugierig auf Nigel Hintons Im Herzen des Tals, wenngleich ich dennoch skeptisch war. Was für einen Plot oder Spannungsbogen könnte ein solches Buch auch entwickeln?
Umso überraschender, dass das Buch ein echter Pageturner war, dessen Lektüre mich kaum zwei Tage kostete. Dabei handelt es genau von dem, was man beim Thema Heckenbraunelle erwartet. Die Nöte der Vögel im Winter, ihre augenscheinliche Lebensfreude im Frühling und Sommer, die sie durch Singen und Fliegen kundtun, die Partnersuche, Paarung und Aufzucht der Jungen. 
Nigel Hinton erweist sich dabei aber als großartiger Erzähler, ohne übermäßig zu dramatisieren oder zu emotionalisieren schildert er diese Geschehnisse, erweist dabei aber der Natur mit ihrer Schönheit und lebensnotwendigen Grausamkeit des Tötens und Getötetwerdens - beziehungsweise dem Vergänglichen allgemein - den nötigen Respekt.
Das idyllische, britische Tal, das er entwirft, ist kein vollkommenes Paradies, aber fast - und es schwirrt vor Leben. Die dort wohnenden Menschen und ihr Schicksal sind Teil dieses Lebens, aber nicht ihr Mittelpunkt, wenngleich Hinton sich die Freiheit herausnimmt, einige kleine Hinweise auf die Störelemente einzustreuen, die der Mensch in die Natur bringt, wie Pestizide, Abgase und Autos, die allesamt den Tod bringen, auch wenn der Mensch dies selten wahrnimmt. Doch von diesem kleinen moralisierenden Momenten abgesehen, stellt er die Erlebnisse und Taten von Menschen und Tieren gleichwertig nebeneinander und verschiebt dabei mit Leichtigkeit die Wahrnehmungsperspektive des Lesers. Die Vogelwelt sieht man danach mit anderen Augen. 
Spannung erzeugt er mit den kleinen Dramen der Natur, misslungenen Nistversuchen, der Zerstörung eines Geleges und der Bedrohung durch ein Kuckucksei im Braunellennest - nur um am Ende zusammenfassend all diese kleinen Leben, mit denen der Leser mitgefiebert hat, in wenigen Sätzen wieder zur Unbedeutendheit zurückzustufen, denn letzten Endes ist ein Vogelleben kurz und vor der Vielzahl der Bedrohungen überleben nur wenige das erste Lebensjahr.
Insgesamt eine sehr unterhaltsame und vor allem ungewöhnliche  Lektüre.
Diese Ausgabe des Roman ist Teil der Brigitte-Edition "Erlesen von Elke Heidenreich" - eine sehr hübsche Hardcover-Ausgabe mit Leinenrücken - und wurde mir als Rezensionsexemplar von mein-literaturkreis.de zur Verfügung gestellt.
Nigel Hinton, Im Herzen des Tals. Brigitte-Edition, Band IV, Hamburg 2005.

Sunday, August 24, 2014

Pamela Lyndon Travers - Mary Poppins

Mary Poppins ist vielen ein Begriff und sofort hat man Julie Andrews aus dem gleichnamigen Disney-Film (1964) vor Augen. Doch den Namen der australisch-britischen Autorin Pamela Lyndon Travers (1899-1996) kennt man weniger. Als Kinderbuch-Klassiker erschien Mary Poppins auch 2005 in der Reihe "Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek" in einer hübschen und illustrierten Hardcover-Ausgabe. Im Original erschien es bereits 1934 in London und spiegelt selbstverständlich auch die Atmosphäre Londons in dieser Zeit.
Mary Poppins ist nicht wie andere Kindermädchen, sie hat einen sehr eigenwilligen Charakter, ist sehr eitel und ordnet sich gesellschaftlich nicht unter. Dennoch stört sich ihre Umwelt offensichtlich wenig daran bzw. lässt sie gewähren. Sie hat magische Fähigkeiten, warum und wieso erfährt man nicht - dies muss man auch als Leser ebenso wie die Kinder der Familie Banks, bei der Mary Poppins arbeitet, einfach hinnehmen.

Das Buch besteht aus zwölf Kapiteln, die eher eine lose Geschichtensammlung darstellen als eine zusammenhängende Erzählung. Die einzelnen Episoden sind Abenteuer, die die Kinder aufgrund der Magie ihres Kindermädchen erleben dürfen und die häufig mit den skurrilen Bakannten von Mary Poppins zu tun haben. Nach einem Besuch im Süßwarenhandel von Mrs Corry beobachten die Kinder beispielsweise, wie Mrs Corry, deren Töchter und Mary Poppins die Papiersterne, die als Dekoration auf den Pfefferkuchen klebten und die die Kinder aufgehoben haben, nachts an den Himmel kleben. Wunderbar. 
Das Lokalkolorit und auch die an einigen Stellen zu erkennende unterschwellige Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen, die allerdings Kindern vermutlich größtenteils verborgen bleiben, geben Mary Poppins einen ganz besonderen Charme. Als Märchen- und Geschichtenbuch hat es eine starke und fantasievolle Ausstrahlung und ist sicherlich auch heute noch gut vorzulesen. 

Pamela Lyndon Travers, Mary Poppins. Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek 2005. 

Saturday, August 16, 2014

Italo Calvino - Wenn ein Reisender in einer Winternacht

Wenn meine SuB-Buchchallenge nicht nach einem orangen (jaja, es ist eher ein sehr gelbes Orange) verlangt hätte, wäre Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino (1923-1985) sicher noch weitere Jahre im Regal geblieben und ich würde den Autor immer noch nicht kennen. Er gehört zu den italienischen Klassikern und wird dort auch in Schulen gelesen.

Persönlicher Untertitel: Leseabenteuer, postmoderner Roman, zehn Anfänge und (k)ein ordentliches Ende.
Den Plot zusammenzufassen fällt schwer, es ist die Geschichte einer Suche nach einem/dem Roman, der Protagonist ist zugleich der Leser selbst (oder besser der fiktive Leser, je nachdem, wie sehr man sich darauf einlassen will), den Calvino mit auf eine philosophische Reise nimmt, auf der er über das Lesen und Schreiben, das Verhältnis von Buch zu Leser, von Leser zu Autor, der Welt zum Autor oder zum Leser, ... nachdenkt. Dazwischen werden zehn Romane begonnen, die aus unterschiedlichsten Gründen abbrechen und den Leser (in doppeltem Sinne, Protagonist und tatsächlichen Leser) frustriert zurücklassen. Dabei wimmelt es von nachdenkenswerten Zitaten über Bücher, das Lesen und die Bedeutung von Literatur.
Trotz (oder gerade wegen) der Fragmenthaftigkeit des ganzen Buches hat man das Gefühl, sich viele Aspekte merken zu wollen, später noch einmal dahin zurückkommen zu wollen, um einzelne Gedanken besser würdigen zu können und erfreut sich an Calvinos Ideen und Schreibstil. Trotzdem ist der Roman phasenweise anstrengend und verstrickt sich zu sehr in seinen Ebenen und verschachtelt die Geschehnisse so sehr ineinander, dass man trotzig sagt, dass es jetzt doch bitte auch mal reicht und der Autor zum Punkt kommen soll. Insgesamt war es aber eine höchst interessante Leseerfahrung, im wahrsten Sinne des Wortes, zumal in meinem Fall noch die verblüffende Verwandtschaft mit Hakan Nessers Roman Himmel über London hinzu kam.

Italo Calvino, Wenn ein Reisender in einer Winternacht. Süddeutsche Zeitung Bibliothek 2004.
 


 

Thursday, August 07, 2014

Jan Weiler - Das Pubertier

Kurz und kurzweilig ist Jan Weilers (Autor von Maria, ihm schmeckt's nicht) Lesung seines Buches Das Pubertier. Kolummnenartig schildert er Begebenheiten mit (seinen) pubertierenden Kindern, die sicherlich vielen Eltern und anderen Erziehenden aus der Seele sprechen. Im Klappentext steht, das Hirn der Pubertiere sei wegen Umbaus vorübergehend geschlossen, dies belegt er anschaulich und teils amüsant. Mehr gibt das Buch nicht her, es bleibt beobachtend-beschreibend, es deutet und erklärt nicht und gibt auch keine Handlungshilfen - was vermutlich bei Autor und Kolumnen-Herkunft auch nicht zu erwarten war.

Jan Weiler, Das Pubertier. Der HörVerlag 2014.

Wednesday, July 16, 2014

Denis Thériault - Siebzehn Silben Ewigkeit

Denis Thériault ist kanadischer Schauspieler, Autor und Regisseur. Sein zweites Buch Siebzehn Silben Ewigkeit ist eher eine Novelle als ein Roman und erzählt seine Geschichte in nur 160 Seiten.
Im Titel verbergen sich die Themen der Geschichte:
Die siebzehn Silben verweisen auf die japanische Gedichtform des Haikus. Ein Mann und eine Frau kommunizieren mit diesen Gedichten, die sie sich abwechselnd in Briefen schicken. Der Protagonist ist aber der Briefträger Bilodo, der heimlich die Briefe der Frau abfängt und sich - fasziniert von den Haikus und allem, was er hineindeutet - in sie verliebt. Natürlich kennt Bilodo auch den Empfänger der Briefe, schließlich ist er dessen Postbote. Entsprechend entsetzt ist er, als er zusehen muss, wie dieser von einem Auto überfahren wird und stirbt.
Aus Verzweiflung, weil der Briefwechsel der beiden für den einsamen Bilodo Lebenssinn ist, übernimmt er die Rolle des Überfahrenen, damit die Frau weiterschreibt. Dies fällt ihm zunächst schwer und seine selbstverfassten Haiku sind zunächst sehr schlecht. Aber als er sich zunehmend in das Leben des Mannes hineinversetzt, indem er dessen Wohnung mit allem Inventar anmietet, und sich in dessen japanische Lebensweise aneignet, gelingt es ihm, den Briefwechsel aufrecht zu erhalten. Es entwickelt sich sogar eine emotional-erotische Komponente zwischen beiden. Doch als der Besuch der Dame ansteht, gerät Bilodo in Panik. Es kommt zu einer Verkettung von Ereignissen, an deren Ende er realisiert, dass er zu einem Abbild des Mannes geworden ist, und ihm schließlich sogar das gleiche Schicksal widerfährt: Er wird überfahren. Ensō. Der Kreis schließt sich.

Das Buch ist durch die Wiedergabe des Haiku-Briefwechsels halb lyrisch und die dahinterliegende japanische Philosophie ist ebenso Thema wie die japanische Kultur. Daher erhielt es auch den "Prix littéraire Canada-Japon".
Anfangs ist Siebzehn Silben Ewigkeit noch die leise Geschichte eines einsamen Mannes mit einem ungewöhnlichen Hobby, sein heimliches Briefelesen ist Zeichen seiner sozialen Unsicherheit. Er verbringt seine Zeit mit dem Nachspüren anderer Leute Emotionen und Geschichten, während er die Annäherungsversuche von seinen Kollegen und einer in ihn verliebten Kellnerin in seinem Stammlokal ausschlägt oder gar nicht wahrnimmt. Doch als er versucht, sich das fremde Leben anzueignen und sich selbst umzuformen, um es leben zu können, kippt die Geschichte leicht ins Surreale und Unglauhafte und endet in der absurden Wiederholung der Ereignisse.
Literarisch ist der kleine Band interessant, der Sinn bleibt seltsam offen: Macht Einsamkeit verrückt? Lebe dein Leben, aber bitte dein eigenes? Jemand anderes werden zu wollen, funktioniert nicht? Liegt das Glück nie dort, wo wir es suchen?

Denis Thériault, Siebzehn Silben Ewigkeit. dtv, München 2012.

Thursday, July 10, 2014

John Green / David Levithan - Will & Will


Zwei Autoren.
Zwei Erzählperspektiven.
Ein Name: Will Grayson.
Eine Stadt: Chicago.
Zwei Schulen...
  1. Will Grayson I: hetero, mit dem schwulen Tiny Cooper befreundet, intaktes Elternhaus, Schwierigkeiten mit Freundschaft...
    Er braucht lange, um zu verstehen, wie wichtig sie ist und vor allem wie irrational, denn zunächst geht er davon aus, man könne sich seine Freunde objektiv auswählen, und schafft es nur langsam, sich die emotionale Komponente von Freundschaft einzugestehen und seinen eigenen Gefühlen allgemein (er ist verliebt in Jane) auf die Spur zu kommen. Insgesamt ist er ein gutes Beispiel für das pubertäre Durcheinander in der Seele eines Jugendlichen, Liebe versus Wahrheit und all das. Am Ende versteht er es aber und kann Tiny und Jane ein Freund sein, der die Bezeichnung verdient.
  2. Will Grayson II: schwul , depressiv und muss deswegen Medikamente nehmen, lebt bei seiner Mutter, finanzielle Schwierigkeiten, Bezugspersonen kaum vorhanden, verschlossener Einzelgänger...
    Seine Mitschülerin Maura drängt sich ihm auf, will ihn aus seiner Isolation befreien, er blockt ihre Versuche weitgehend ab, will sich ihr nicht öffnen. Das tut er nur bei seinem Internet-Freund Isaac, in den er verliebt ist. Als es schließlich zu einem ersten Date kommen soll, stellt sich albtraumhaft heraus, dass hinter dem Profil von Isaac Maura steckt - aber am Treffpunkt lässt der Zufall die beiden Wills zusammentreffen - und Will II trifft den sehr realen Tiny Cooper, der ihn in eine wirkliche Welt mit Liebe und echten Gefühlen holt.
Beide Paare, Will I + Jane und Will II + Tiny brauchen einige Zeit, um ihre Gefühle und die erste Liebe zu realisieren. Visualisiert, zusammengefasst und -geführt wird am Ende schließlich alles durch Tinys Musicalaufführung.
Das Schreibkonzept und beide Erzählstile haben mir gut gefallen. Beide Autoren schreiben mit Herzblut aus der Sicht ihres jeweiligen Will Graysons, unterscheiden sich aber hinreichend, nur anfangs benötigt man eine kurze Eingewöhnungszeit, um die Jungen und ihre Eigenschaften/Geschichten auseinander zu sortieren. Die Innensicht der zwei pubertierenden Jungen ist überzeugend, vor allem auch deswegen, weil beide - unabhängig von ihrer sexuellen Ausrichtung - das gleiche Grundproblem, die gleichen Grundfragen haben: Bin ich liebenswert? Lohnt sich die Liebe? Soll ich das Risiko des drohenden Absturzes und der Verletzungsgefahr, falls es nicht klappt, eingehen? Dreimal ja, ja, ja.
Manchmal hätte ich mir die beiden Wills etwas selbstständiger und reflektierter gewünscht, jeder auf seine Art neigt zum Selbstmitleid und hat nur geringe Möglichkeiten zur Selbsterkenntnis, oft sind es erst die Anstöße von außen, die sie dazu bringen, den nächsten Schritt ins Leben zu machen.
Eine filmische Umsetzung bietet sich praktisch an, gern leicht amerikanisch/Hollywood, aber vielleicht hilfreich, um Barrieren im Bereich Homosexualität abzubauen und die Normalität dessen zu zeigen.

John Green / David Levithan, Will & Will. cbt, München 2013.

Saturday, June 21, 2014

Tess Gerritsen - Grabesstille


Tess Gerritsens Grabesstille ist der neunte Band der Reihe um Maura Isles und Jane Rizzoli. Bereits die letzten zwei Bände hatten an Spannung und Plot zugelegt, doch Grabesstille besticht in vielerlei Hinsicht.
Auf dem Dach eines Hauses in Bostons Chinatown wird eine weibliche Leiche mit einer abgetrennten Hand gefunden. Offensichtlich ist sie mit einem Schwert ermordet worden. In eben diesem Haus wurde 19 Jahre zuvor ein Massaker unter den Besuchern eines Chinarestaurant angerichtet. Als Täter wurde der chinesische Koch identifiziert, der zunächst alle Anwesenden und dann sich selbst getötet haben soll. Doch Jahr für Jahr erhalten die Beteiligten Briefe und Kopien der Todesanzeigen, die sie daran erinnern, nicht zu vergessen und durchblicken lassen, der wahre Täter sei nicht gefasst worden.
Neben Rizzoli und Frost stößt noch ein Polizist chinesischer Abstammung zum Ermittlerteam. Verwirrend durchmischen sich die aktuellen Vorkommnisse mit dem Fall von damals. Als auch noch einer der damals ermittelnden Polizisten getötet wird und auch Jane nur knapp einem Profikiller entkommt, ist klar, dass es einen Zusammenhang geben muss.
Erstmalig verwendet Gerritsen, selber asiatischer Abstammung, auch mystisch-kulturelle Elemente, die dem Leser zudem durch die für die Autorin ungewohnte Ich-Perspektive nahegebracht werden. Dies gelingt in großartiger Weise, da Jane Rizzoli, sonst sachlich und geradeheraus, sensibel-nachdenklich mit diesem Aspekt der Geschichte umgeht. Erst auf den letzten Seiten erfährt die Ermittlung dann aber die entscheidende Wende und rundet mit diesem Überraschungseffekt einen durch und durch spannenden und gut erzählten Roman ab.

Tess Gerritsen, Grabesstille. Limes. München 2011.

Jesper Juul - Aggression

Irgendwie sitzt mir Jesper Juuls Buch Aggression quer im Kopf. Vieles von dem, was er beschreibt und sagt, kann ich nachvollziehen. Aggression ist deutlich zu unterscheiden von Gewalt, Aggression ist Ausdruck von einem Mangel oder einem Problem, Aggression kann notwendig sein auf dem Weg zur persönlichen Entwicklung, vor allem bei Kindern, die ihren Emotionen und Bedürfnissen in gewisser Weise elementar ausgeliefert sind. So ist sie oft Symptom für etwas anderes, und man sollte dem Kind empathisch begegnen, um zum eigentlich Kern des Problems vorzudringen und etwas zu verändern. Reine Symptombekämpfung, also das Verbot von Aggression, ist nicht zielführend.
Die Tabuisierung eines Gefühls, dass doch zur elementaren Gefühlspalettte gehört, hat negative Auswirkung auf das Selbstwertgefühl und behindert Kinder dabei, einen sinnvollen Umgang mit Aggression zu erlernen.
Juul sieht vor allem in staatlichen Institutionen wie Kindertagesstätten und Schulen eine stark moralischen Negierung von Aggression - sie wird schlicht verboten und unterdrückt. Darüber hinaus kritisiert er energisch den Umgang der Erzieher und Lehrer mit dem Problem und stellt diese als roboterhafte Maschinen in einem schlechten System dar. Empathie komme nicht vor, auf die Kinder und ihre Emotionen werde nicht ausreichend eingegangen, sodass die Kinder auch nicht lernen könnten.
Ich kann einen Teil seiner Kritik nachvollziehen: Natürlich wird aggressives Verhalten unterdrückt, natürlich werden Strafen und/oder scharfe Worte gefunden, wenn sich ein Kind aggressiv oder sogar gewalttätig zeigt. Und ja, dies mag in manchen Fällen auch eine Aggression oder Gewalt darstellen.
Verwehren möchte ich mich aber dagegen, dass Pädagogen sich grundsätzlich nicht bemühen, auch aggressiveb Kinder in empathischer Weise zu begegnen und nach den Gründen dieses Verhaltens zu suchen. Das mag in vielen Unterrichtsbegegenheiten nicht geschehen, das ist dem Alltag und dem notwendigen Ablauf von Unterricht geschuldet. Aber ist Lehrerarbeit, wie ich sie verstehe, immer Beziehungsarbeit, die auch von einem Großteil als solche wahrgenommen wird. Jeweils entsprechend den persönlichen Möglichkeiten der Lehrenden. Juul nimmt eine sehr therapeutische Perpektive ein, vergisst dabei aber, dass die Ausbildung der Erzieher und Lehrer einen solchen Bereich gar nicht umfasst. Natürlich, um empathisch zu handeln und auf ein Kind offen zuzugehen, brauche ich keine therapeutische Ausbildung. Aber die Momente, in denen Aggression offen ausbricht, bedeuten auch für Pädogogen eine Erhöhung des Stresspegels und nicht immer und jeder ist in diesem Bereich gleichermaßen belastbar. Ein professionellerer Umgang wäre wünschenswert, den wünsche ich mir für jede und jeden in diesem Beruf, aber der fällt auch nicht vom Himmel.
So ist es gut und richtig, dass Juul auf die Problematik in deutlicher und klarer Form aufmerksam macht - eine einfache und praktikable Lösung, vor allem vor den Paradigmenwechsel, der dafür in allen Pädagogenköpfen und Elternköpfen vonstatten gehen müsste, hat er leider nicht. Aber ich nehme einige wertvolle Denkanstöße mit und werde vielleicht anders hinschauen bei aggressivem Verhalten.

Jesper Juul, Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist. Argon 2013.

Saturday, June 14, 2014

Alex Rühle - Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline


Alex Rühle (*1969) ist Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Als er einen Blackberry für seine Arbeit bekommt, ist er dauerhaft online und mit seinen E-Mails beschäftigt. Er beobachtet bei sich ein starkes Suchtverhalten und beschließt, dem entgegenzuwirken - mit einem halben Jahr Ohne Netz. Nicht ohne Hindernisse deinstalliert er E-Mail-Programme und Browser auf der Arbeit und Zuhause und gibt seinen Blackberry zurück.
Während des Entzugs schreibt er Tagebuch und veröffentlich dieses anschließend als eine Art biographische Dokumentation des halben Jahrs offline.
Angereichert ist der Text mit Anekdoten und Fakten zu den Themen Sucht, Flucht vor Erneuerungen und Technik (auch anderer Autoren), Medienwissenschaft und vielem mehr. Natürlich schildert er auch die persönlichen Implikationen, die der Entzug hat. Mehr Zeit bzw. Entschleunigung, einige Momente der Ruhe, Schwierigkeiten bei analogen Recherchen, ...
Trotzdem scheint er am Ende des Experiments froh, wieder zu alten Gewohnheiten und dem Netz zurückkehren zu können, ohne geht es offensichtlich nicht. Tipps für den Leser für einen gesünderen Umgang mit dem Internet kann er nicht bieten. So ist Ohne Netz zwar unterhaltsam und lädt zum Nachdenken über die eigenen Gewohnheiten und Abhängigkeiten ein - aber nicht mehr.

Alex Rühle, Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline. DAV 2010.

Friday, June 13, 2014

Isabel Allende - Die Stadt der wilden Götter

Isabel Allende stand schon länger auf der Liste der Autoren, die ich noch lesen wollte. Zudem besteht eine meiner Sub-Abbau-Challenge Aufgaben darin, ein Buch aus einem Sammelband zu lesen. Daher bot es sich an, endlich mit Allendes "Adler und Jaguar"-Trilogie zu beginnen.
Alex' Mutter ist schwerkrank, daher wird Alex zu seiner abenteuerlustigen Großmutter geschickt, die Journalistin ist und ihn mit auf eine Expedition in das Amazonasgebiet mitnimmt. Eine Art südamerikanisches Yeti treibt dort sein Unwesen und soll erforscht werden. Die Gruppe der Reisenden ist bunt gemischt, unter anderem lernt er dort Nadia, die Tochter ihres Reiseführers kennen. Schon bald wird die Gruppe von mystischen und realen Bedrohungen heimgesucht, einer der sie bewachenden Soldaten wird sogar getötet. Nadias besondere Talente, sich auf die Indianer- und Tierwelt einlassen und sich mit ihnen verständigen zu können, führen dazu, dass sie Kontakt zu einem geheimnisvollen Indianerstamm bekommen. Die beiden Jugendlichen werden von dem Stamm entführt und finden sich plötzlich in der Situation, dass sie den Indianern helfen sollen.
Der Roman schwankt zwischen fantastischem, traumhaftem, mystischem Erleben von Aguila und Jaguar (dies sind die Totemtiere von Nadia und Alex) und der realistischen Erzählung der Ereignisse. Einige Passagen mit den Schilderungen des Amazonas und der Atmosphäre sind sehr schön, einiges der mystischen Schilderungen funktionierte für mich leider weniger. Ob ich die andere Bände noch lesen werde, weiß ich noch nicht.

Isabel Allende, Die Stadt der wilden Götter. In: Die Abenteuer von Aguila und Jaguar. Drei Romane in einem Band. Suhrkamp, Berlin 2012.

Tuesday, June 10, 2014

Umberto Eco - Der Friedhof in Prag

993 Minuten gelesen von Jens Wawrczeck und Gert Heidenreich. Das ist lang. Das ist sehr lang. 519 Buchseiten wären das, die ich nie im Leben durchgestanden hätte.
Doch zuerst zum Inhalt, ausnahmsweise in Form des Info-/Klappentextes, wie er auf goodreads zu lesen ist:
"Mönche und Freimaurer, Verschwörer, Fälscher und Verräter walten im Paris des 19. Jahrhunderts. Ein Abt stirbt zweimal, ein paar unbekannte Tote treiben im Pariser Abwasserkanal, und am Ende tauchen die gefälschten „Protokolle der Weisen von Zion“ auf, die eine Weltverschwörung des Judentums belegen sollen. Mit einem Attentat auf die Pariser Métro wollen die Verschwörer die Bevölkerung aufrütteln. Mitreißend und spannend erzählt Umberto Eco, der Meister des historischen Romans, von Antisemitismus und Geheimbünden und von einer Vergangenheit, in der wir unsere Gegenwart wiedererkennen können."
Die Erzählperspektiven:
Zunächst ist da der Italiener Simon Simonini, der in einer Pariser Wohnung ohne Erinnerung an die vergangenen Tage erwacht. Er beginnt Tagebuch zu schreiben, um sich wieder an sein Leben zu erinnern. Doch ein anderer kommentiert seine Einträge und stellt klar, dass Simonini ein Fälscher von Dokumenten aller Art, ein Agent und Antisemit höchsten Grades und sogar ein Mörder ist.
Hinzu kommt ein allwissender und ebenfalls kommentierender Erzähler, der einen sachlicheren Ton anschlägt und die Geschehnisse in ein Gesamtbild einzuordnen versucht.

Vor lauter Antisemitismus, Jesuiten, Freimaurern, Logen, Spionen und erlogenen, kopierten und verfälschten Dokumenten schwimmt einem bei Ecos Der Friedhof in Prag bereits nach kurzer Zeit der Kopf. Dabei reiht sich eine historische Verschwörung an die nächste, folgen Beschreibungen von Kochrezepten auf Zusammensetzungen von Sprengstoffen, Charaktere werden eingeführt, für eine Verschwörung oder als Auftraggeber verwendet, dann verschwinden sie wieder, um vielleicht - oder auch nicht - an späterer Stelle wieder aufzutauchen, das alles aber wahllos (oder zu komplex, um es zu begreifen) aneinandergereiht.
Ich fand keinen roten Faden, keinen Protagonisten, dem ich mich anschließen konnte, keine einzige sympathische Figur, keinen guten Charakter, nur Geld- und Machtgeilheit, blinden Hass und intrigantes und religionsverachtendes Geschwafel. Besonders das antisemitische Gedankengut, dass Simonini in seinem Tagebuch absondert, war schwer, extrem schwer, zu ertragen.

Klar kann man  - wie im Klappentext erwähnt - in dieser Verworfenheit auch die heutige Zeit erkennen: Spioniert, gelogen und betrogen wird im großen Stil durch alle Zeiten hindurch und dabei gilt keine Moral und kein Gesetz. Von "mitreißend und spannend" kann leider keine Rede sein, da der Plot sich im Kleinen verliert, von einer historischen Anekdote zur nächsten springt, keinen Spannungsbogen hat und keine Identifikationsfiguren bietet, die doch vielleicht nötig sind, um den Leser mitzunehmen auf die historische Reise. Das einzig Beeindruckende ist vielleicht die Menge an historischen Details und Ecos große Kenntnis von den ideologischen Wirren Frankreichs im 19. Jahrhundert.

Umberto Eco, Der Friedhof in Prag. HörVerlag 2011.

Saturday, May 31, 2014

Johan Theorin - So bitterkalt


Der junge Erzieher Jan Hauger tritt eine neue Stelle in einem Hort im schwedischen Valla an. Das Besondere daran ist, dass der Hort zu einer psychiatrischen Klinik gehört, in der gefährliche, psychisch kranke Menschen inhaftiert sind. Schon bald wird klar, dass Jan Gründe hat, die unbeliebte Stelle anzutreten: Er vermutet eine alte Jugendliebe dort. Doch auch andere Mitarbeiter des Horts und der Klinik verfolgen ihre eigenen Interessen. Immer tiefer verstrickt sich Jan in Kontakte zu Gefangenen und Mitarbeitern, doch ist längst nicht alles so, wie es scheint... und endet in einem Desaster.

Johan Theorin entwickelt in So bitterkalt eine exterm düstere Atmosphäre, keiner der Charaktere ist wirklich unbefangen und positiv. Besonders der Protagonist Jan ist ein zweigespaltener Charakter, bis weit über die Hälfte des Romans weiß der Leser nicht, ob Jan Opfer oder Täter ist, welche Gefahren vielleicht von ihm ausgehen. Dies verhindert die Identifikation und lässt den Leser stets vorsichtige Distanz halten. Als schließlich seine Kindheitsgeschichte erklärt, was es mit allem auf sich hat, ist es schon fast zu spät, Jan rast auf sein Ende zu - und dies ist kein Happy End.
So bietet So bitterkalt zwar psychologische Spannung, hat aber einen für den Leser unbefriedigenden Plot, im gesamten Verlauf, aber vor allemam Ende des Romans.

Johan Theorin, So bitterkalt. Osterwold Audio 2012.

Saturday, May 24, 2014

Jo Nesbø - Koma

Eigentlich erwartete man keinen weiteren Harry Hole Roman nach dem Ende von Die Larve.
Doch Nesbø trennt sich nicht von seinem zerrissenen Helden, im Gegenteil, er gibt ihm eine Wende in seinem Leben. Er hat sich von der Ermittlertätigkeit zurückgezogen und unterrichtet lieber Polizeistudenten. Doch als ihn die alten Kollegen um Hilfe rufen, gerät er in Zwiespalt.
Ein Unbekannter ermordet Polizisten an Tatorten unaufgeklärter Mordfälle. Dabei hinterlässt er kaum brauchbare Spuren. Und Oslos einziger Spezialist für Serientäter ist Harry. So wird er doch wieder mitten ins Geschehen hineingezogen. 
Wie immer gibt es viele Nebenerzählstränge und einige Sackgassen, teilweise war dies beim Audiobook verwirrend, schwierig alles auf Anhieb einzuordnen, weil man nicht so einfach zurückblätternd nachschlagen kann.
Am beeindruckendsten an Koma ist sicher der charakterliche Wandel des Protagonisten, der sich trotz der akuten Bedrohung nicht von seinem neuen Weg - Familie - abbringen lässt. Damit dreht Nesbø seinen Harry um 180 Grad, lässt ihm dabei seine Qualitäten als Ermittler und Kollege. Ein mutiger Schritt, gerade bei einem Charakter, der in seiner Zerüttetheit weltweit eine so große Fangemeinde versammelt. Funktioniert aber.

PS.: In allen anderen Übersetzungen ist man dem Originaltitel "Politi/Polizei" gefolgt, der auch sehr sinnvoll ist, da Polizisten, ihre Tätigkeit und das Thema Korruption im Fokus stehen, wohingegen das "Koma" eines Zeugen nebengeordnet ist. Manchmal sind die Gedanken der deutschen Verleger nicht nachzuvollziehen.

Jo Nesbø, Koma. HörbuchHamburg 2013.

Saturday, May 03, 2014

George R.R. Martin - Zeit der Krähen


Nach Die Königin der Drachen (und dem Ansehen der dritten Staffel der Game of Thrones TV-Serie) war die Spannung groß, wie es in Band 4.1, Zeit der Krähen, weitergehen würde. Doch das hohe Tempo und die Menge an dramatischen Ereignissen des Vorgängers konnten nicht aufrechterhalten werden - vielleicht war das auch schlichtweg unmöglich. Der Autor selbst merkt an, dass er der Fülle seiner Ideen und Erzählstränge nicht mehr gewachsen war und den Roman teilen musste (zuvor waren die Doppelbände im englischen Sprachraum als drei umfangreiche Einzelbände erschienen). Der Umfang wird umso größer, da Martin neue Handelnde - die zum Teil zuvor als Nebencharaktere aufgetaucht waren - ins Spiel bringt und damit neue Perspektiven, neue Bedürfnisse und Ansprüche auf die Herrschaft in Westeros eröffnet. Dabei muss er manchmal weit ausholen, um historische Zusammenhänge zu erklären, was zu teils langatmigen Kapiteln führt. Zudem vermisst man einige der Lieblingscharaktere, die gar nicht oder nur spärlich zu Wort - mit ihnen ist wohl in Band 4.2,  Die dunkle Königin, wieder zu rechnen.
Gewohnt gut ist der Schreibstil, aber an Spannung lässt dieser Band vergleichsweise zu wünschen übrig - auch wenn das wohl Jammern auf hohem Niveau ist. 

George R.R. Martin, Zeit der Krähen. Blanvalet 2012.



Monday, April 28, 2014

Tess Gerritsen - Leichenraub

 Nach vielen Bänden um Jane Rizzoli und Maura Isles ist Leichenraub der erste Tess Gerritsen Roman ohne die beiden als Protagonisten, es ist in der Nummerierung vielmehr der fünfte medizinische Thriller der Autorin.
Julia Hamill findet im Garten ihres neuerworbenen Hauses die Knochen einer jungen Frau. Maura Isles tritt kurz als Expertin auf, um zu entscheiden, dass es sich nicht um einen aktuellen Todesfall handelt, wenngleich es dennoch Mord war - der aber vor 200 Jahren geschah. Julia fragt sich, wer die Tote war und was ihr zugestoßen ist. Mit Hilfe eines Verwandten der ehemaligen Hausbesitzer, Henri (89), stöbert sie in dessen alten Briefen und Dokumenten, um mehr darüber herauszufinden. 
 Parallel dazu erleben wir die Geschichte von Rose Connelly, einer armen irischen Einwanderin, in der 1830er Jahren. Sie muss zusehen, wie ihre Schwester an einer schwierigen Geburt stirbt, das Kind überlebt, seltsamerweise versuchen aber verschiedene Personen, ihr das Kind abzujagen. Gleichzeitig erleben wir die grausamen Taten des sogenannten West End Reaper, einem Serienmörder, der Krankenschwestern und Ärzte grausam tötet. Gemeinsam mit einem Medizinstudenten namens
Norris Marshal, der wie Rose Zeuge von einem der Morde wird, versucht sie, das Baby zu schützen, und findet dabei schließlich die Wahrheit heraus...
...wie auch Julia und Henri durch das Studium der Dokumente in der Gegenwart.
Gleichzeitig ist das Buch gespickt mit historischem Fachwissen über das medizinische Wissen des 19. Jahrhunderts und die vorherrschenden Praktiken - zum Beispiel dem "Leichenraub", um Anschauungsmaterial für die Studenten zu erhalten.
Die beiden Zeitebenen sind gut miteinander verwoben, die historische überwiegt dabei, diese ist aber auch deutlich anschaulicher geschildert und wirkt authentischer, die Charaktere sind plastischer als die der Gegenwart. 
Leichenraub ist ein interessanter Genremix aus historischem Roman und Krimi, die medizinischen Romane von Gerritsen sind demzufolge durchaus einen zweiten Blick wert.

Tess Gerritsen, Leichenraub. Random House Audio 2008.