Thursday, October 29, 2009

Sue Townsend: Adrian Mole

Es ist schon schlimm, wenn man 13 3/4 Jahre alt ist und sich weitgehend allein durch ein durch und durch ungerechtes Leben schlagen muss!
Sue Townsend schrieb ihren ersten Adrian Mole-Roman bereits 1982, ein Bestseller in den 80er Jahren, ein weiteres der Reihe (ich glaube, das achte) soll Ende dieses Jahres erscheinen.
Es war die perfekte Urlaubslektüre: Unterhaltung vom leichten Schmunzeln über die pubertären Qualen bis hin zum lauten Auflachen über die schiere Absurdität des Geschehens.
Ebenso gibt es eine interessante, nett gemachte Website - AdrianMole.com.
Sue Townsend, The Secret Diary of Adrian Mole, aged 13 3/4. Harper Tempest, New York 2003.

McKinley - Gracie And The Atom

McKinley (mit Vornamen Christine) ist eine dieser Sängerinnen, die trotz brillianter Musikalität vermutlich nie wirklichen kommerziellen Erfolg haben werden. Zur Zeit hat sie noch nicht einmal einen wikipedia-Artikel (aber eine eigene Site), falls das in irgendeiner Hinsicht ein Kriterium für irgend etwas ist. Ich kannte schon ein früheres Album: Big Top Shop Talk ist bereits von 1999 und war durch die außergewöhnliche Stimmfarbe McKinleys und die leisen Balladen schon ein Album, das nicht langweilig wurde.
Gracie and the Atom (2008) ist die Vorabveröffentlichung von Stücken, die 2010 in einem gleichnamigen Musical enthalten sein werden (Thema: Mädchen in katholischem Internat...) Interessante und abwechslungsreiche Instrumentierung, schöne Melodien, eine immer noch faszinierende Stimme, musikalisch gut durchdacht - eine wunderbare Abwechslung im Popbrei - im Moment höre ich dieses Album täglich.
I don't get you
You won't get me
We're done here
So let me
Get away, away, away...

Skirt


...love this, too!

Tuesday, September 15, 2009

Ende eines Tanzes


Nach all der Hysterie um einen toten Michael Jackson erscheint die Medienwelle um Patrick Swayze eher moderat, natürlich Interviews und trending topic bei twitter, wobei dort vielleicht auch noch leise Scham mitschwingt, da man ihn dort bereits vor Monaten für tot erklärte.

Ich habe nicht oft für Stars geschwärmt, früher nicht, heute nicht. Nach Dirty Dancing war es dennoch um mich geschehen. Meine ganze Generation liebt diesen Film, ich kenne viele, die wie ich die meisten Dialoge des Films fließend mitsprechen und jede Muskelbewegung des Jonny Castle beim Tanzen vor ihrem inneren Auge abspielen lassen können. Ich mochte auch seine anderen Filme, von Outsiders über Fackeln im Sturm und Ghost, sogar den abstrusen (und schlechten) Eishockeyfilm Youngblood. Dabei geht es nicht darum, ob er ein ordentlicher Schauspieler oder ein großartiger Mensch war (auch wenn es fast den Anschein hat), ihm gehört ein Stück meines Teenagerherzens - darum ziehe ich heute den Hut vor ihm - rest in peace, Patrick Swayze!


Saturday, August 15, 2009

Erin McCarley



I've never been so deep inside a shadow
I've never been so insecure of what I know
I've gotta figure it out,
I need a story to tell
Where's the feeling I long for?
I've gotta figure it out
before I lose you, love

Tuesday, August 04, 2009

Erich Fried: Ablösung


Ablösung

Der Wald kommt!
(Schenk mir ein leeres Baumbuch!)
Auf das erste Blatt schreibe ich
ein Wort nur:
GRÜN

Auf das zweite Blatt
schreibe ich:
DUNKELGRÜN
auf das dritte Blatt:
DUNKEL

Jetzt kommt die Nacht:
Auf das vierte
und fünfte
und zehnte Blatt
schreibt schon der Wald

aus: Erich Fried: Gesammelte Werke. Gedichte 3, Berlin, Verlag Klaus Wagenbach 1998. S. 236.
Foto: Kanada, Juli 2008.

Sunday, August 02, 2009

Roman Holiday


Oh, beautiful Audrey Hepburn!
Roman Holiday, 1953, ist ein wunderschöner Film von William Wyler (auch Regisseur von Ben Hur, 1959) mit Audrey Hepburn und Gregory Peck in den Hauptrollen. Prinzessin Ann ist auf einer fürchterlichen repräsentativen Reise durch Europa, als sie die Steifheit und die Zwänge nicht mehr erträgt und eines Nachts in Rome dem allen entflieht. Benommen von einer Beruhigungsspritze schläft sie an einem Brunnen ein, wo Journalist Joe Bradley sie per Zufall findet und mangels anderer Möglichkeit mit zu sich nach Hause nimmt. Erst am nächsten Morgen realisiert er, wen er da gefunden hat. Einen ganzen Tag lang spielen sich beide gegenseitig vor, jemand zu sein, der sie nicht sind - und verbringen einen wundervollen Tag in Rom.
Schauspieler, Ort, die Story... alles passt rührend und perfekt zueinander.
Ein sehenswerter Klassiker.

Bernhard Kegel: Wenzels Pilz


Wenzels Pilz erschien erstmals 1993, als die Gentechnologie sehr langsam Formen annahm, die heute schon zu Realitäten geworden sind.
Es geht um die Freisetzung eines genmanipulierten Fliegenpilzes, der unerklärlicher-, aber für den Leser nicht wirklich überraschenderweise mutiert und damit Norwegens Wälder bedroht. Protagonisten des Buches sind Mitarbeiter einer Gentechnologiefirma, ein kritischer Journalist und ein aufgebrachter Biologe aus dem Berliner Naturkundemuseum, die schließlich gemeinsam.
Das Buch spielt in einer Zukunft, die einerseits heute bereits Realität und sich andererseits bereits überholt hat. Autor Bernhard Kegel, von Haus aus selbst Chemiker und Biologe, liegt in seiner Einschätzung der Risiken und realen Gefahren der Gentechnologie leider richtig, einige seiner während des Lesen teils surreal anmutenden Fiktionen (Schafe, die sich selbst häuten, oder Ampeltulpen, die ihre Farbe wechseln), sind inzwischen nah an ihrer Verwirklichung (z.B. die Idee aus prähistorischer DNA die Mammuts wieder auferstehen zu lassen), - während einige seiner anderen Zukunftsvisionen (z.B. im Bereich Computer oder Gesellschaft) doch nun bereits veraltet anmuten. Aber es geht Kegel um die Risiken der Gentechnologie und die Naivität und Profitgier der Forscher und Industriellen, die damit auf Kosten der ganzen Welt Schindluder treiben.
Besonders beeindruckt hat mich Kegels Nachwort in meiner Ausgabe, in der er einige seiner Fiktionen in Relation zur Wirklichkeit von 1996 setzt, nur drei Jahre nach Erscheinen seines Buchs. Auch der heutige Umgang mit Gentechnologien 2009 ist geprägt von Verantwortungslosigkeit und Ignoranz den Gefahren gegenüber und Geldgier, unabhängig davon, ob ein Großteil der Bevölkerung dieses ablehnt oder nicht.
Wenzels Pilz ist sicherlich nicht das aktuellste Buch zu diesem Thema, aber es beleuchtet anschaulich und auch sarkastisch-unterhaltsam die Interessen der Beteiligten und verdeutlich die Gefahren des gedankenlosen Umgangs mit einer Technologie, deren Auswirkungen kaum abzuschätzen sind.
Bernhard Kegel: Wenzels Pilz, Heyne, München 1996.
Leseprobe und Rezensionen auf der Site von Bernhard Kegel

Friday, July 31, 2009

Paladin Of Souls


Lois McMaster Bujold's Paladin of Souls ist der zweite von drei Romanen, der in der Welt Chalion spielt. Die Autorin hat eine komplette mittelalterlich anmutende Welt mit einer eigenen Religion erschaffen, deren Basis fünf Götter sind, einer für jede Jahreszeit und ein fünfter (durchaus doppeldeutiger) Gott namens Bastard. (Wikipedia führt sogar einen Artikel über dieses Glaubenssystem... - wobei dabei die Frage ist, ob das mehr über den Wert von McMaster Bujold oder wikipedia aussagt.)
Auf Englisch war das Buch aufgrund seiner Wortwahl durchaus anspruchsvoll zu lesen und wegen der mir unbekannten Begrifflichkeiten und Namen zunächst auch schwer zugänglich. Von Chalion und der Protagonistin des Romans, der Royina Ista, geht dann aber doch Faszination aus, so dass ich eine Nacht durchlesen musste.
Ista ist die Mutter der herrschenden Königin des Landes und ist das Leben an einem abseits gelegenen Hof gründlich satt. Sie fühlt sich eingesperrt, von ihren Göttern verlassen und will nur noch fort. Der einzige Ausweg ist das Vortäuschen einer Pilgerreise, auf der das Abenteuer anfängt, das sie auf neue und einzigartige Weise wieder zurück zu ihren Göttern bringt und sie nebenbei ihr Land und ihr eigenes Leben retten lässt.
Paladin of Souls hat viele typische Fantasy-Elemente, vor allem auch das mittelalterliche Szenario, allerdings ist es religiöser als vieles andere, was ich in diesem Genre bislang gelesen habe und dadurch durchaus interessant.

Lois McMaster Bujold, Paladin of Souls, Harper Torch, New York 2003.

Sunday, July 26, 2009

Louise Erdrich: Der Club der singenden Metzger

Der Titel des Buches versetzt erst einmal in etwas skeptisches Erstaunen. Eine Freundin bemerkte treffend, nachdem sie die auf dem Klappentext der Taschenbuchausgabe abgedruckten Empfehlungen gelesen hatte, dass sie einem Buch, das von so vielen Frauenzeitschriften schwärmerisch kommentiert wird, nicht über den Weg trauen würde. Ich habe es dennoch gelesen und es erzählt auf seinen 500 Seiten tatsächlich eine anrührende Geschichte. 

Es ist die Geschichte der deutschstämmigen Familie Waldvogel, die in einem Dorf in North Dakota eine Metzgerei betreiben, und der rastlosen Delphine, deren Leben sich unwiderruflich mit dem Leben der Waldvogel verwebt. Erzählt wird von den Folgen der zwei Weltkriege (im ersten kämpfte der Vater auf der Seite der Deutschen, im zweiten die Söhne für die Amerikaner), den schrägen, liebenswerten Charakteren der amerikanischen Provinz und von den neuen Problemen, die die zwangsläufigen Umbrüche in einer multikulturellen Gesellschaft für die Menschen mit sich bringen. Dabei sind die Dinge unter der Oberfläche oft anders als sie scheinen, aber die Grenzen dessen, was man zu tun bereit ist, um den Schein zu wahren, verschieben sich beständig. Von der Erzählweise und von der Darstellung des Familienepos mit all seinen Nebenschauplätzen hat mich das Buch an Jeffrey Eugenides’ Middlesex erinnert, auch wenn die singenden Metzger vielleicht wiederum dann doch nicht ganz so bizarr anmuten, wie es der Eugenides’ Protagonist ist. 

Louise Erdrich: Der Club der singenden Metzger, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2005.

Tuesday, July 21, 2009

Scary Fragile


Finally...
Butterfly Boucher hat es endlich geschafft, bzw. man hat sie endlich gelassen! Nach schwierigem Hin und Her und der Trennung von ihrem bisherigen Plattenlabel ist Scary Fragile, ihr zweites Album nun endlich veröffentlicht.
Die Details darüber kann man nachlesen in einem Interview auf wearsthetrousers.com.
Das Album - soviel konnte man schon vorher erahnen und jetzt bestätigt sehen - beinhaltet sehr schöne Songs („A bitter song“, „Scary Fragile“) und viel geballtes Leben voller Butterfly-Energie („Keeper“, „I found out“). Musikalisch knüpft es direkt an Flutterby an, manches kommt einem bekannt vor, fast vertraut. Die Texte gefallen mir gut:
I found out I can be who I am
I can only do what I can
I won’t try to describe the relief…
(“I found out”)
Das Album ist in Deutschland bisher nur als Download erhältlich, aber bei iTunes insgesamt bereits relativ erfolgreich, diverse Interviews in online-Magazinen belegen das wohl. Zur Zeit lebt Butterfly in den Staaten und tourt dort bald wieder mit Ten out of Tenn, einer Gruppe von zehn Singer/Songwritern, von denen der Kern aus Tennessee stammt.

Watch out for this girl – she’s got a gun for a tongue!
What do you want? What do you want?
Everything. Everything.
(“Gun for a tongue”)

Lebenskunst

Janoschs erstes Gesetz der Lebenskunst:

Du kannst auf dieser Welt nur leben, wenn du sie zu deiner Geliebten machst.
Sie mit diesen ungeheuerlichen Wundern und Grausamkeiten annimmst und zwischen beiden das Gleichgewicht findest.
Sonst wirst du die nicht so verlassen können, wie du vorhast - laut lachend auf einem silbernen Vogel fliegend und bis zum Rand erfüllt mit allem, was sie dir zu bieten hat.

Janosch, Wörterbuch der Lebenskunst-Griffe, Goldmann, München 2000, S. 52.

Saturday, July 18, 2009

Hakan Nesser: Die Fliege und die Ewigkeit



Ich mag Hakan Nesser und ich mag Dietmar Bär.
Ich dachte daher, dass dieses Hörbuch auf keinen Fall ein Fehler sein könne.
Nunja...
Die Fliege und die Ewigkeit erschien erstmals 1999 in Schweden. Den Inhalt kann man ausführlich bei krimi-couch.de nachlesen und die dort formulierten Lesermeinungen spiegeln das Problem des Buches sehr gut wieder.
Ob der Roman ein Krimi ist, bleibt dahingestellt, er enthält lange Passagen philosophischer Betrachtungen und nur wenig wirklich spannende Elemente. Das Verbrechen ist zu Beginn des Buches schon geschehen und durch Gefängsnisstrafe sogar bereits gesühnt. Auf den fünf CDs liest Dietmar Bär nun also, wie es dazu kam. Den Knackpunkt der Geschichte, nämlich eine schwierige Freundschaft, die außerdem noch durch die Liebe zu derselben Frau überschattet wird, erkennt man bereits nach dem ersten Fünftel.
Einen ähnlichen Aufbau hat Nesser bereits bei Kim Novak badete nie im See von Genezareth (1998) verwendet. Das Verbrechen liegt Jahre zurück und der Protagonist erinnert sich, arbeitet das Geschehen auf. Nur ist dort zu Beginn weder klar, was genau passiert ist, was "das Schreckliche" ist, noch wie es sich zugetragen hat. Die Spannung kann also bis zum Ende gehalten werden. In Die Fliege und die Ewigkeit klappt das nicht.
Wenn man sich dann auch nicht so recht für die Philosphie begeistern kann, kann man die Enttäuschung einiger Nesser-Fans wohl begreifen - es ist eben kein Van-Veeteren-Fall.
Mir lag dieser Roman auch nicht so sehr, aber wenn man die Erwartungshaltung vom Krimi etwas verschiebt, war es nicht übel erzählt - und natürlich auch gut gelesen!

Hakan Nesser, Die Fliege und die Ewigkeit, Random House Audio 2006.

Friday, July 17, 2009

Orte

Sehr wohl ist es nicht egal, wo sich einer befindet.
An manchen Orten ist die Luft schlecht.
An manchen ist es zu laut, an manchen ist der Nachbar ein Lump.
Nur der Buddhist richtet es sich überall gemütlich ein.
Selbst in der Hölle.
Du bist aber kein Buddhist, also sieh zu, wie du zurechtkommst.
Aus: Janosch, Wörterbuch der Lebenskunst-Griffe, Goldmann, München 2000, S. 62.
Foto: Teneriffa 2008.

Thursday, July 16, 2009

Wolke 9



Beeindruckend. Gesehen im Open Air Kino Bielefeld.
Einfache Lebenswahrheiten - schlicht, langsam, entschleunigt.
Sex und Liebe im Alter, tabulos, aber ohne Aufregung erzählt, dazu bleiben es die immer wahren Geschichten von Liebe und Schmerz, von Verlassenwerden, Neuanfängen und Tod.
Anschauen, staunen.

Interview mit dem Regisseur Andreas Dresen (u.a. auch Sommer vorm Balkon) auf spiegel.de
Filminfos bei der Movie Database

Wednesday, July 15, 2009

Reisen


Man reist ja nicht,
um anzukommen,
sondern um zu reisen.
Johann Wolfgang von Goethe
Foto: Hammershus, Bornholm, Juli 2009.

Joseph Conrad: Herz der Finsternis


Joseph Conrad (1857-1924) ist ein in Polen geborener englischer Schriftsteller, der erst mit Leidenschaft reiste und zur See fuhr, danach darüber schrieb und mit seinen Erzählungen und Romanen viele Schriftsteller der modernen Literatur beeinflusste.
Die entscheidenste, aber auch traumatische Reise war die auf dem damals unter belgischer Macht stehenden Kongo.

Als Kapitän eines Dampfschiffs kommt Conrad in Kontakt mit korrupten und gewalttätigen Weißen und den unterdrückten Ureinwohnern des Gebietes. "Herz der Finsternis" erzählt ziemlich getreu die Erlebnisse dieser Reise aus der Perspektive eines Kapitäns namens Marlow und beleuchtet die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents und die Gewalttätigkeit der profitgierigen Besetzer, während gleichzeitig die Natur und die Andersartigkeit der Afrikaner ebenfalls manchmal angsteinflößend sind.

Die biografischen und historischen Zusammenhänge werden im Nachwort von Urs Widmer verständlich erklärt, worum ich dankbar war, da mir diese nicht in den Details bekannt waren.
Sprachlich fand ich Conrad während des Studiums im Original sehr schwierig und auch in der deutschen Übersetzung bleibt es manchmal etwas sperrig, wenngleich manche Passagen beeindruckend sind.
"Ich betrachtete die Küste. Eine Küste zu betrachten, wie sie am Schiff vorbeigleitet, das ist, als ob man über ein Rätsel nachdächte. Da ist sie vor dir - lächelnd, abweisend, einladend, großartig, trostlos, unscheinbar oder wild, und immer stumm, obwohl sie stets zu flüstern scheint. Komm her und find es heraus." (S. 21f.)
Joseph Conrad, Herz der Finsternis, Süddeutsche Zeitung Bibliothek Band 20, München 2004.

Tuesday, July 14, 2009

Twilight

Edward and Bella on screen.
Teenage romance with a gothic touch.
Just loved it.
:)

Jacques Berndorf: Mond über der Eifel

Diesen Jacques Berndorf hatte ich tatsächlich noch nicht gelesen, als ich ihn nun als Hörbuch anhörte.

Nach den großartigen Hörbüchern der frühen Eifel-Krimis mit musikalischen Extras und mit Dietmar Bär als Baumeister und Günter Lamprecht als Rodenstock sind die neueren als reine Hörbücher erschienen - gelesen vom Autor selbst!

Und Berndorf liest gut, sehr gut. Seine rauhe Stimme passt selbstverständlich perfekt zum Protagonisten Baumeister, hinsichtlich der biografischen Parallelen vielleicht auch nicht wirklich verwunderlich. Pluspunkt: Nett, das außer den normalen CDs bei dieser Ausgabe auch noch eine mp3-CD beiliegt und das bei einem sehr fairen Hörbuch-Preis von unter 20 Euro.

Die Story selbst hat viele der typischen Eifel-Krimi-Elemente: Kater Satchmo, die Pfeifen, eine Reihe von Besuchern, die Baumeister auf die richtige (oder falsche) Spur bringen wollen, Baumeisters Beziehungsschwierigkeiten und seine Liebe zur Eifel, ihren Menschen und Landschaften. Hinzu kommen neue Töne von Vergänglichkeit beim selbstzweifelnden und kranken Rodenstock, die auch Baumeister nicht unberührt lassen - sehr emotional.
Der Fall kommt eher sehr langsam voran, ist verzwickt und irgendwie zäh, die Auflösung ist nicht sensationell überraschend, sondern eher lahm. Das tat meiner Freude über das Wiederhören mit den Charakteren und Berndorfs Erzählstil aber keinen Abbruch. Vermutlich kein Einsteigerwerk, da sollte man eher die früheren Bände lesen.
Jacques Berndorf, Mond über der Eifel, Technisat/Radioropa Hörbuch 2008.

Saturday, July 11, 2009

Segeln 2009

Sailing July 2009

Stationen des Törns waren Lauterbach, Glowe und Roenne. Die Wetterlage ließ einige andere Stationen nicht zu, wir kämpften mit zu wenig und zu viel Wind. Bornholm erreichten wir aber dennoch wie geplant, ein Ruhetag dort ermöglichte eine wunderschöne Rundreise um die Insel.

Wednesday, July 08, 2009

Daniel Kehlmann: Ich und Kaminski

Kehlmanns Ich und Kaminski ist ein Roman mit gleich zwei Protagonisten, die mir unsympathisch sind. Der Ich-Erzähler, das Ich aus dem Titel, ist der arrogante Kunstkritiker und Journalist Sebastian Zöllner, der sich selbst schon auf den ersten Seiten als unsensibler, egozentrischer, auch gemeiner und oberflächlicher Versager entlarvt, der höchstens verdreht intelektuell ist. Der jagt nun dem zurückgezogen lebenden und von seiner Tochter entmündigten Maler Kaminski hinterher, um dessen Enthüllungsbiografie zu schreiben, wenn möglich, soll sie knapp nach dessen Tod veröffentlicht werden. Beim Urteil über den Maler schwankt man zwischen Mitgefühl für den verschusselten Alten und der Skepsis über seinen vielleicht doch nur rein manipulativen Charakter.
Nachdem sich Zöllner mit Bestechung und List Zugang zu Haus und freier Zeit mit dem Maler verschafft hat und ihn mit allen Mitteln zum Reden bringen will, bringt der Alte ihn dagegen dazu ihn mit auf eine Reise zu seiner verstorben geglaubten Geliebten zu nehmen, die der ohnehin verschuldete Journalist wider Willen bzahlt, nur um am Ende von der Tochter des Maler und dem Maler selbst ausgebotet zu werden, da dieser die Rechte für seine Lebensgeschichte bereits an einen Konkurrenten verkauft hat.
Das Ganze spielt sich auf knapp 170 Seiten ab, liest sich flüssig und ist sprachlich durchaus interessant. Die Story bzw. ihre Quintessenz erschließt sich mir jedoch nicht so recht. Wer manipuliert, wird am Ende selbst betrogen? Um das Leben/die Freiheit zu gewinnen, muss man zunächst alles (Geld, Frau, Beruf, Ruf,...) verlieren? Ich weiß ja nicht!
So ganz zufriedenstellend war die Lektüre daher nicht.
Daniel Kehlmann, Ich und Kaminski, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2005.

Tuesday, July 07, 2009

Sue Townsend: Downing Street No.10



Dem fiktiven Premierminister Edward Clare wird vorgeworfen vom alltäglichen Leben der Briten keine Ahnung mehr zu haben. So verkleidet er sich (mit großer persönlicher Freude) als Edwina und macht sich mit dem Polizisten Jack Sprat auf eine Reise durch Armuts-, Drogen- und Rentnermilieu und entdeckt nebenbei seine eigenen familiären Wurzeln und sich selbst wieder. Neue Energie für den Job findet er allerdings nicht...
Man beobachtet die Briten mit Edwina eher mit den Augen des staunenden Kindes als durch die strenge analysierende Brille des regierenden Politikers und freut sich an den kleinen Schrulligkeiten und den großen Dramen.
Amüsant, unterhaltsam, kurzweilig.

Sue Townsend, Downing Street No.10, Heyne, München 2007.

Saturday, June 27, 2009

Sunday, June 21, 2009

Sa som i himmelen

Bielefelder Theater, 21. Juni 2009
Das Theater Bielefeld adaptierte in dieser Spielzeit den schwedischen Film "Sa som i himmelen" ("Wie im Himmel"). Wie im Film geht es dabei um die Leute eines kleinen Dorfes, die alle im Kirchenchor singen, und einen berühmten, aber stark angeschlagenen und kranken Dirigenten, der in den Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Letzterer bringt aus den Menschen nicht nur stimmlich das Beste hervor und gesundet selbst seelisch, wenn auch nicht körperlich.
Nach fast drei Stunden Aufführungszeit bekamen das Ensemble und der aus Mitgliedern verschiedener Bielefelder Chöre zusätzlich zusammengestellte Chor Standing Ovations und mussten sogar eine Zugabe singen - etwas, das für das Theater eher ungewöhnlich ist. Ziemlich beeindruckend insgesamt - anschauen und anhören!

Monday, May 18, 2009

Elizabeth George - Wo kein Zeuge ist

Nachdem vor Ewigkeiten die BBC TV-Serie auch in Deutschland ausgestrahlt wurde, war ich zumindest in Sachen Elizabeth George Krimis soweit auf dem Laufenden, dass ich wusste, dass Lynleys frisch angetraute Frau Helen erschossen wird. Aber die Serie hielt sich nur sehr vage an die Buchvorlage. Jetzt habe ich per Hörbuch endlich "Wo kein Zeuge ist" (2005) angehört und bin einigermaßen angetan. George hatte ich (wie auch Donna Leon) als Krimiserie zwischendurch abgelegt, weil die Qualität wegbröckelte.

Jetzt nach angemessener Pause gefällt mir der Stil und das gesamte Britische wieder sehr gut. Die Story ist auf der persönlichen Ebene der Protagonisten hochdramatisch und der Fall auch bei weitem brutaler und raffinierter als man das sonst von George gewohnt ist. So zumindest mein subjektiver Eindruck.

Jetzt werde ich "Doch die Sünde ist scharlachrot" (2008), die Fortsetzung mit dem verzweifelten Lynley, natürlich auch in Angriff nehmen. Alte Sympathien rosten eben doch nicht.
Das Audiobook wird übrigens gelesen von Sabine Postel, wieder eine deutsche Tatortkommissarin, die Krimigrößen ihre Stimme leiht, zwar kein Dietmar Bär oder Jan-Josef Liefers, aber ganz ordentlich.
Elizabeth George, Wo kein Zeuge ist, Random House Audio 2005.

Wednesday, May 13, 2009

Ian Rankin - A Cool Head

"A cool head and a warm heart" - das ist Gravys Lebensmotto. Gravy heißt so, weil er auf einem Friedhof arbeitet. Dort fährt eines Tages sein Freund Benjy mit einem fremden Auto vor, steigt aus, gibt ihm seine Waffe zum Aufpassen und stirbt an seiner Schussverletzung.
Gravy weiß nicht so recht, was zu tun ist - ein sehr typischer Zustand für Gravy, der zwar herzensgut, aber nicht sehr helle ist.
Ian Rankins Kurzkrimi liest sich flüssig, ist also wirklich ein "quick read", weist interessante Charaktere guter und böser Natur auf und ist insgesamt gute Unterhaltung - das richtige für ein oder zwei Stunden Bahnfahrt oder Flug.

Saturday, May 09, 2009

Nicht zu halten


Die Freude ist ein Moment,
unverpflichtet, von vornherein zeitlos,
nicht zu halten,
aber auch nicht eigentlich wieder zu verlieren.

Rainer Maria Rilke

Wednesday, May 06, 2009

Schlicht



Das Große geschieht so schlicht
wie das Rieseln des Wassers,
das Fließen der Luft,
das Wachsen des Getreides.

Adalbert Stifter (1805-1868)

Tuesday, May 05, 2009

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Trotz all der Zeit in den Bestsellerlisten hatte ich Daniel Kehlmanns Werk zunächst ignoriert und nun doch angehört. Die fünf CDs, ansprechend gelesen von Ulrich Matthes, waren kurzweiliger als erwartet: Kehlmanns Geschichten sind eine abwechslungsreiche Mischung aus Fakten, Anekdoten und vermutlich wohl auch Erfundenem aus den Leben von Entdecker Alexander von Humboldt (1769–1859) und dem Mathematiker und Physiker Carl Friedrich Gauß (1777–1855).
Bestsellerstatus vermutlich verdient - keine vermessene Bezeichnung. 

Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt, Universal Music 2007.

Olderdissen Mai 2009

Olderdissen

Saturday, May 02, 2009

Delicate

Can you imagine this
An itch to sensitive to scratch
The light that falls through the cracks
An insect to delicate to catch
I hear the endless murmur
Every blade of grass that shivers in the breeze
And the sound that comes to carry me
Across the land and over the sea
And I can't look up
Fingers of love move down
And I can't look back
Fingers of love move down...

Fragment of Crowded House, Fingers Of Love, from the album Together Alone 1993.
Photo by Heike Janzen, April 2009.

Sunday, April 26, 2009

Alan Bennett: Handauflegen


Nach Die souveräne Leserin und Cosi fan tutte ist Handauflegen nun die dritte Geschichte, die ich von Alan Bennett gelesen habe. Vielleicht ist Handauflegen nicht gar so bissig und sprachlich treffsicher (sofern man bei Übersetzungen überhaupt so harsch urteilen sollte) wie die beiden anderen, die mich sehr begeisterten. Dennoch ist es eine sehr hübsche, englische Geschichte über eine Gedenkfeier für einen Toten, den alle Besucher erst in der Kirche als den gemeinsamen (sexuellen) Nenner der britischen High Society, der Stars und "wichtigen Menschen" erkennen. Unterhaltsam und ein bisschen böse. 
Alan Bennett, Handauflegen. Wagenbach, Berlin 2009. 

Saturday, April 25, 2009

Mein Urgroßvater und ich

Erneut gelesen: Mein Urgroßvater und ich von James Krüss, ausgezeichnet mit dem Deutschen Jugendbuchpreis. Der 10jährige Boy und sein Urgroßvater sitzen in einem Schuppen, erzählen sich Geschichten und dichten gemeinsam und um die Wette. James Krüss schrieb die ersten Geschichten über diese beiden schon 1956 in Der Leuchtturm auf den Hummerklippen. Vielleicht gibt es die Welt dieser beiden auch nicht mehr, diese heile Inselwelt (Sylt, dort wuchs auch James Krüss auf) mit Fischern und urigen Charakteren, alle mit einem Spitznamen versehen, jeder kennt jeden. Nach Mein Urgroßvater und ich wünscht man sich aber, es gäbe sie noch!
"Haltet die Uhren an, vergesst die Zeit, ich will euch Geschichten erzählen!"
- James Krüss


James Krüss, Mein Urgroßvater und ich. Süddeutsche Zeitung Junge Bibliothek Band 7, München 2005.

Monday, April 20, 2009

Das Kind Kind sein lassen...



Nach dem kontroversen Warum Kinder zu Tyrannen werden hat Winterhoff nun sein zweites Buch herausgebracht, in dem er seine Überlegungen zur Erziehungsmisere, die durch Beziehungsstörungen zwischen Kindern und Erziehenden (Eltern, Großeltern, Erziehern in Kindergärten, Lehrern, ...) hervorgerufen werden, weiterführt.

Ich will es auch gar nicht in der Länge und Breite zusammenfassen, dazu lassen sich viele andere Rezensionen - begeisterte und kritische - im Netz finden. Die Hoffnung vieler, die den ersten Band gelesen haben, war sicher, Winterhoff könne auch noch brauchbare Ansätze liefern, wie man die Beziehungsstörungen beheben kann. Aber ein Patentrezept kann auch er nicht liefern - einer der Punkte, die ihn wiederum so glaubwürdig machen.

In den ersten zwei Dritteln des neuen Buches fasst er noch einmal die Ergebnisse des ersten zusammen und versucht, die in der Kontroverse aufgetauchten Missverständnisse zurechtzurücken. Im letzten Drittel dann kommen seine Ansätze, an welchen Punkte er Ansätze sieht, die Situation zu verbessern oder zu entschärfen. Diese sind aber individueller Art, jeder muss über seinen Standpunkt, mit dem er Kindern gegenüber tritt, überdenken, überprüfen und gegebenenfalls ändern.

Interessant ist, dass er im Kapitel 8, Ausklang, als letzten wichtigen Punkt das "Wachrütteln der politischen Instanzen" benennt:
"Wie [...] bereits beschrieben, sind es oft weniger die Lehrer an den Schulen, die für untaugliche Methodik und fasches Verhalten gegenüber den Schülern verantwortlich sind. Sehr oft werden diese Dinge im bildungspolitischen Elfenbeinturm konstruiert und als Handlungsanweisungen nach unten gegeben. Damit finden sie dann Eingang in die Lehreraus- und -weiterbildung, und der Druck auf die Lehrer an den Schulen, nach diesen Modellen zu handeln, ist immens." (S. 189)
An anderer Stelle seines Buches spricht er außerdem davon, dass in den letzten Jahren Bildungspolitik (z.B. aufgrund von Pisa-Ergebnissen) zunehmend unter Reformdruck geraten ist. So wurde also reformiert und neukonzipiert um jeden Preis, wobei keine dieser Neuerungen hinsichtlich ihrer Wirksamkeit jemals wissenschaftlich/statistisch untersucht worden sei. Man weiß im Grunde nicht, ob all die tollen neuen Dinge, hinter deren Umsetzung die Lehrer zur Zeit krampfhaft herhecheln, weil es eben so gewollte ist, tatsächlich wirklich funktionieren und zu Verbesserungen beitragen können. Manches klingt nicht verkehrt, sage ich da aus der Praxis, einiges ist so offensichtlicher Blödsinn, dass an Schulen nur die Köpfe geschüttelt werden. Vielleicht planen wir also an dem (schulischen und gesellschaftlichen) Problem gerade trotz aller Hektik vorbei.

Man kann nur hoffen, dass Winterhoffs Überlegungen und Erkenntnisse weiter diskutiert werden und sich viellleicht derart die Sicht auf die Probleme der Kinder und ihrer Erziehenden verändert, um dann passende Konzepte entwickeln zu können.

Michael Winterhoff: Warum Tyrannen nicht sein müssen. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2009.


Sunday, April 19, 2009

Anna Gavalda - Ich wünsche mir, dass irgendwo jemand auf mich wartet


Dies ist ein kleines, feines Buch mit Kurzgeschichten von Anna Gavalda, der Autorin von Zusammen ist man weniger allein. Leise Geschichten aus Paris und vom Leben und der Liebe. Alltägliches, das sie mit ihrer Erzählweise so auf den Punkt bringt, dass man angerührt wird von den Schicksalen ihrer Protagonisten. Schön.

Anna Gavalda: Ich wünsche mir, daß irgendwo jemand auf mich wartet. Erzählungen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt 2008.

Saturday, April 18, 2009

Der Geschmack von Apfelkernen

Wunderbar! Ich lasse das Buch für sich sprechen.



Das Gehirn versandete wie ein unbefestigtes Flussbett. Erst bröckelte es nur ein bisschen vom Rand, dann klatschten große Stücke des Ufers ins Wasser. Der Fluss verlor seine Form und Strömung, seine Selbstverständlichkeit. Schließlich floss gar nichts mehr, sondern schwappte nur hilflos nach allen Seiten. Weiße Ablagerungen im Gehirn ließen die elektrischen Ladungen nicht durch, alle Enden wurden isoliert, und am Ende auch der Mensch; Isolation, Insel, Gerinnsel, England, Elektronen und Tante Ingas Bernsteinreifen, Harz wurde hart im Wasser, Wasser wurde hart, wenn der Frost klirrte, Glas war aus Silizium, und Silizium war Sand, und Sand rieselte durch die Eieruhr, und ich sollte jetzt schlafen, es wurde langsam Zeit.
(S. 78f.)

Immer wenn ich schwamm, fühlte ich mich in Sicherheit. Der Boden unter meinen Füßen konnte nicht weggezogen werden. Er konnte nicht brechen, nicht einsinken oder wegrutschen, weder sich auftun noch mich verschlingen. Ich stieß nicht gegen Dinge, die ich nicht sehen konnte, trat nicht versehentlich auf etwas, verletzte weder mich noch andere. Wasser war einschätzbar, es blieb immer gleich. Gut, mal war es klar, mal schwarz, mal kalt, mal warm, mal ruhig, mal bewegt, aber es blieb in seiner Beschaffenheit, wenn auch nicht in seinen Aggregatzuständen, immer gleich, war Wasser. Und Schwimmen, das war Fliegen für Feiglinge. Schweben ohne Absturzgefahr. Ich schwamm nicht besonders schön – mein Beinschlag war asymmetrisch – , aber zügig und sicher, und wenn es sein musste, auch stundenlang. Ich liebte den Moment des Verlassens der Erde, den Elementenwechsel, und ich liebte den Moment des Michverlassens darauf, dass das Wasser mich trug. Und, anders als Erde und Luft, tat es das ja auch. Vorausgesetzt, man schwamm.
(S. 87)



Wie wahr waren Geschichten, die einem erzählt wurden, und wie wahr die, die ich mir selbst aus Erinnerungen, Vermutungen, Phantasien und heimlich Erlauschtem zusammenreimte? Manchmal wurden erfundene Geschichten im Nachhinein wahr, und manche Geschichten erfanden Wahrheit.
Die Wahrheit war eng verwandt mit dem Vergessen, das wusste ich, denn Wörterbücher, Enzyklopädien, Kataloge und andere Nachschlagewerke las ich ja noch. Im griechischen Wort für Wahrheit, aletheia, floss versteckt der Unterwelt-Strom Lethe. Wer das Wasser dieses Flusses trank, legte seine Erinnerungen ab wie zuvor seine sterbliche Hülle und bereitete sich so auf sein Leben im Schattenreich vor. Damit war die Wahrheit das Unvergessene. Aber war es sinnvoll, die Wahrheit ausgerechnet dort zu suchen, wo das Vergessen nicht war? Versteckte sich die Wahrheit nicht mit Vorliebe in den Ritzen und Löchern des Gedächtnisses? Mit Wörtern kam ich auch nicht weiter. (S. 193)

Katharina Hagena, Der Geschmack von Apfelkernen, Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008.

Friday, April 17, 2009

Familiensagas

Auf der Rückreise aus dem Norden habe ich kürzlich das Buddenbrookhaus in der Mengstraße 4 in Lübeck besichtigt. Dort lebten Thomas und Heinrich Mann und ihre Geschwister als Kinder und das Haus war die Vorlage für das Haus der Familie Buddenbrook in Thomas Manns Roman. Diesem Zusammenhang zollt das Museum, indem es in der unteren Etage die Familiengeschichte der Manns mit Fotos, Texten, Dokumenten und Filmsequenzen darstellt und im zweiten Stock den Buddenbrookroman mit Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte würdigt. Letzteres interessiert im Detail vermutlich eher Literaturwissenschaftler, aber die Fülle an Material, Zeitzeugnissen und Originaldokumenten ist schon faszinierend.
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Der Zufall wollte es, dass ich mir Die Manns – Ein Jahrhundertroman auf DVD (Film-Zusammenfassung bei wikipedia) ausgeliehen hatte und die Besichtigung in Lübeck zum Anlass nahm die dreiteilige Dokumentation nun endlich anzusehen. Irgendwann in den Untiefen der Erinnerung hatte ich ein grobes Vorwissen zu Thomas Mann, das von einer Vorlesung in Marburg herrührt, aber wie dramatisch und schwierig und kompliziert diese Familiengeschichte im Detail war, weiß ich erst jetzt. Der Film ist durch die Kombination von filmischer Darstellung (mit Armin Müller-Stahl als Thomas Mann) mit authentischen Interviews der Familienmitglieder sehr eindringlich. Besonders die zum Zeitpunkt des Filmdrehs noch lebende Elisabeth Mann Borgese (1918-2002) fasziniert und muss einem sympathisch werden - vielleicht als einzige aus der ganzen Familie. Die vielen Selbstmorde der Familien sprechen vermutlich für sich.
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Nun, Thomas Mann war auch vorher keiner meiner Lieblingsschriftsteller und wird es vermutlich nie werden - aber er ist eine der großen Figuren der deutschen Literaturgeschichte und ich bin ganz froh, neue Eindrücke gesammelt zu haben. Den Film kann ich auch deswegen nur empfehlen.
"Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken."

Thomas Mann, Der Zauberberg (Kapitel Schnee), 1924.

Tuesday, April 07, 2009

I as I

Reborn and shivering
Spat out on new terrain
Unsure unconvincing
This faint and shaky hour

Day one day one start over again
Step one step one
I'm barely making sense for now
I'm faking it til I'm pseudo making it
From scratch begin again but this time I as I
And not as we

[...] Eyes wet toward
Wide open frayed
If god's taking bets I pray
He wants to lose

Day one day one start over again
Step one step one I'm barely making sense for now
I'm faking it til I'm pseudo making it
From scratch begin again but this time I as I
And not as we
Alanis Morissette, Not As We. From "Flavors of Entanglement", 2008.

Saturday, April 04, 2009

Das Meer



Der Wind hat gedreht, und die Flut kommt herein,
dunkelgrau, mit einem silb'rigen Schein.
Und über die Mole, da fliegt schon die Gischt,
wenn die Welle aufläuft und die Brise auffrischt.

Mit einem Mal füll'n sich die Priele im Sand,
und über den kahlen, verlassenen Strand
treibt der Wind trock'ne Algen und Schaum vor sich her,
es ist da, das gewaltige, ewige Meer.

Auf hellem Türkis tanzen glitzernde Lichter,
auf der schwarzen Brandung weiß schäumende Wut.
Es hat tausend Farben und tausend Gesichter,
im ewigen Wechsel von Ebbe und Flut.
...

Reinhard Mey, Das Meer. Von dem Album Balladen, 1988.

Friday, April 03, 2009

Intelligenz


Kleines, kurzweiliges Buch vom Comedian Dieter Nuhr. Die Frage wird selbstverständlich nicht wirklich beantwortet, aber die ein oder andere zynisch-sarkastische bzw. intelligente (!) Beobachtung gelingt ihm doch. Kein Must-Read, aber nett unterhaltend.
Dieter Nuhr, Gibt es intelligentes Leben? rororo, Reinbek 2006.