Sunday, November 21, 2021

Julia Franck - Die Mittagsfrau

Endlich einmal ein Roman von der Liste der Preisträger und Nominierten, bei dem ich mich überhaupt nicht wundere, dass er den Deutschen Buchpreis erhalten hat! 2007 gewann Julia Franck als dritte den Preis mit ihrem Roman Die Mittagsfrau.

Die Mittagsfrau erzählt die Geschichte von Helene Würsich in einem Zeitrahmen von Beginn des 20.
Jahrhunderts bis in die Nachkriegszeit des zweiten Weltkriegs.
Helene wächst mit ihrer Schwester Martha in einer dysfunktionalen Familie in Bautzen auf. Der Vater, der eigentlich eine Druckerei betreibt, wird in den ersten Weltkrieg eingezogen, während die psychisch erkrankte Mutter sich so gut wie gar nicht um ihre Kinder kümmert. Helene und Martha lassen sich als Krankenschwestern ausbilden und fliehen nach dem Tod des Vater zu einer Tante. Bei ihr erleben sie das Berlin der 20er Jahre. Helene verliebt sich, doch als ihr Verlobter stirbt, stürzt sie in eine tiefe Depression. Mit dem zunehmenden Erstarken des Nationalsozialismus beginnt ihre Herkunft - die Mutter ist Jüdin - zu einem Problem zu werden. Der Ingenieur Wilhelm verschafft ihr neue Papiere unter der Bedingung, dass sie ihn heiratet und mit ihm nach Stettin zieht. Als Wilhelm bemerkt, dass sie nicht jungfräulich in die Ehe gegangen ist, nimmt er immer mehr Abstand von ihr und interessiert sich auch nicht für den Sohn Peter. Er lässt die beiden schließlich unter dem Vorwand beruflicher Verpflichtungen allein, wo Helene viel arbeitet und zwar ihren Sohn gut versorgt, aber kaum Zeit mit ihm verbringt.
Erzählerisch eingeklammert wird diese Lebensgeschichte Helenes von einem Prolog und einem Epilog aus Peters Sicht: Zu Beginn erlebt der Leser mit, wie seine Mutter ihn als Siebenjährigen auf dem Bahnhof in Stettin zurücklässt. Eine Begründung ist nicht in Sicht, der Leser ist genauso fassungslos wie Peter selbst. Im Epilog beobachtet Peter auf dem Hof eines Onkels den Versuch seiner Mutter, ihn nach zehn Jahren erstmals zu besuchen, er versteckt sich und lässt die Chance, mit ihr zu sprechen, verstreichen.

Die Autorin bedient sich einer eher sachlichen Erzählweise, die jeweils stark an die Sicht der Personen, Peter und Helene, geknüpft ist. Die zentrale Frage, die der Prolog aufwirft, nämlich wie eine Mutter ihr Kind verlassen kann, wird nicht abschließend beantwortet, sondern es ergeben sich vielmehr zahlreiche Erklärungsmuster und Deutungsansätze aus der Geschichte Helenes. Und es sind viele große Themen, die die Autorin hier anschneidet: Selbstbestimmung der Frau, Muttersein, Funktion von Familie, psychische Krankheiten, Nationalsozialismus, Gewalt in der Ehe,...
Der deutsche Wikipedia-Artikel gibt einen beeindruckenden Überblick darüber und stellt einige der Deutungsansätze vor.
Interessant finde ich, dass der Roman in den Übersetzungen und anderen Ländern anders rezipiert wird, häufig steht dort der Themenbereich des Nationalsozialismus stärker im Vordergrund, den ich beispielsweise als weniger dominant wahrgenommen habe, auch wenn er stellenweisen natürlich plotrelevant ist. Ich bleibe eher mit der Frage zurück, ob problematische Familienverhältnisse zum Beispiel mit psychischen Erkrankungen der Eltern, zwangsläufig dazu führen, dass auch die Kinder als spätere Eltern Schwierigkeiten mit Bindungen zu Partner und Kindern haben. Andererseits hinkt diese Deutung massiv, denn die Bedingungen, unter denen Helene durchs Leben gehen musste, waren denkbar schlecht und benachteiligten ihre Entwicklung auf allen Ebenen. Viele interessante Fragen, die bleiben, nach der Lektüre dieses intelligent konstruierten und gut erzählten Romans. 

Julia Franck, Die Mittagsfrau. Der Hörverlag 2007.

Saturday, November 20, 2021

Khaled Hosseini - Tausend strahlende Sonnen

Khaled Hosseinis Tausend strahlende Sonnen (2003) ist der zweite Roman des Schriftstellers nach Drachenläufer, dem interenationalen Bestseller.
Der Roman erzählt die Lebensgeschichten zweier Frauen in Afghanistan, die zunächst sehr unterschiedlich aufwachsen, um dann in einer sehr schwierigen Situation in Freundschaft zueinander zu finden.
Eine der Frauen ist die unehelich geborene Mariam. Als ihre Mutter sich umbringt, ist sie gerade 15 Jahre alt. Ihr Vater will sich nicht in seine Familie aufnehmen und verheiratet sie mit dem viel älteren Rashid, mit dem sie fortan in Kabul lebt. Als sich Rashids Hoffnungen, die junge Frau möge ihm einen Sohn schenken, zerschlagen, straft er sie mit Verachtungen, Erniedrigungen und Gewalt.
Laila hingegen wächst glücklich in einer liberalen Familie auf, der Vater legt viel Wert auf ihre Bildung. Als Laila in einem Bombardement ihre Eltern verliert, nimmt Rashid sie bei sich auf, pflegt sie und heiratet sie schließlich als seine Zweitfrau. Erst betrachten sich die beiden Frauen nur mit Hass, doch die schlechte Behandlung durch ihren Ehemann schweißt sie schließlich zusammen.
Parallel zu dieser sehr persönlichen und teils sehr erschütternden Handlung mit dramatischen Gewaltszenen gegenüber Frauen wird auch die Geschichte Afghanistans (beginnend in den 70er Jahren bis 2003) erzählt. Dabei legt der Autor den Fokus auf den Einfluss, den die jeweiligen Herrschaftssysteme und der Krieg auf die Frauen haben. Beeindruckend ist dabei der Wille beider, immer wieder Hoffnung zu hegen und für die Kinder Zukunftsperspektiven zu schaffen - auch angesichts der schwierigsten Situationen und Bedrohungen. Mit Mariam und Laila hat Hosseini beeindruckende Protagonistinnen und fiktionale Zeuginnen der afghanischen Geschichte geschaffen, der Roman endet mit einem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.
Angesichts der jüngsten Entwicklungen in Afghanistan nach dem Abzug der NATO-Truppen und erneuten Machtübernahme der Taliban wird sich die Hoffnung Lailas auf ein friedliches Afghanistan mit Bildung und Chancen für alle - und besonders für Mädchen und Frauen - wohl kaum erfüllen.

Khaled Hosseini, Tausend strahlende Sonnen. Steinbach sprechende Bücher 2008.

Saturday, November 13, 2021

Marion Poschmann - Die Kieferninseln

Marion Poschmanns Roman Die Kieferninseln stand 2017 auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. 

Die Geschichte startet plötzlich und absurd: Gilbert Silvester träumt, seine Frage betrüge ihn - und ohne weitere Verzögerungen verlässt er sie und fliegt nach Japan. Er ist Dozent an der Universität und forscht zum Thema Bärte - warum er Japan als Ziel auswählt, ist ihm selbst nicht klar. Dort angekommen, weiß er eigentlich nicht, was er tun soll, aber er findet die Reisebeschreibungen des japanischen Dichters Basho, auf dessen Spuren er sich begibt. Ziel der Reise sind die Kieferninseln bei Matsushima. Poschmann stellt ihm einen zweiten Charakter an die Seite - per Zufall trifft er an einer Bahnstation auf den Studenten Yosa, der sich gerade vor den Zug werfen will. Er überzeugt ihn, dass er einen angemesseneren Ort finden kann, um sich umzubringen und so unternehmen die beiden einen Teil der Reise gemeinsam, bis Gilbert Yosa an einem anderen Bahnhof wieder verliert.

Der Roman ist durchwebt mit Gedichten und Briefen, die dazu beitragen, dass die Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum, Erlebtem und Erdachtem immer mehr verschwimmt. Sprachlich sehr ansprechend erdichtet die Autorin auf engem Raum eine Geschichte mit vielen Querverweisen und Deutungsebenen. Da spielt es keine Rolle, ob erzählerisch-inhaltlich Fragen offen bleiben, beispielsweise über den Verbleib von Yosa oder wohin sich Gilbert nun am Ende seiner Reise wenden wird. Konsequent ist es am Ende der Leser, der sich daraus seine Geschichte zusammensetzt. 

Marion Poschmann, Die Kieferninseln. Suhrkamp, Berlin 2017.

Sunday, November 07, 2021

Arno Geiger - Es geht uns gut

Drei Generationen lässt Arno Geiger in seinem Roman Es geht uns gut von ihrem Leben berichten: Die Großeltern Alma und Richard Sterk, die Eltern Ingrid und Peter Erlach und die Kinder Sissi und Philipp. Die Großeltern besitzen eine Villa in Wien, aus der Ingrid im Konflikt entflieht und die Philipp erbt und entrümpelt. Die Handlung umfasst beinahe das ganze 20. Jahrhundert, von 1938 bis 2001 und spiegelt verschiedene Facetten der österreichischen Gesellschaft.
Kapitelweise springt die Erzählperspektive sowohl zeitlich als auch personell; Mal beobachten wir Richard, wie er seine Frau mit dem Kindermädchen betrügt, oder wir versuchen mit Alma zusammen, angesichts der zunehmenden Demenz Richards die Fassung zu wahren. Dann wieder verzweifelt Ingrid an der konservativen Sturheit ihrer Eltern, nur um sich nach dem Bruch später zu fragen, ob sie den unzuverlässigen und nicht sehr geschäftstüchtigen Peter wirklich hätte heiraten sollen. Der muss nach ihrem Tod Verantwortung für die Kinder übernehmen, aus deren Verhalten ihrerseits wiederum oft Verachtung ihm gegenüber zu Tage tritt. Aber es ist nicht nur das, Peter ist zugleich auch planlos und gedankenlos, er weiß später mit seinem Erbe nichts anzufangen und scheint keinerlei Verbindungen zu seiner Familie oder sogar zum echten Leben zu haben. Er hat keine Freunde, keine Beziehungen, steigert sich nahezu in eine vollkommene Passivität hinein, die ihm seine Schwester schon als Kind nachgesagt hat, und hat dabei eine seltsam anmutende Wahrnehmung der Wirklichkeit.
Es ist nicht ganz leicht, bei all diesen Sprüngen die Querverweise und miteinander in Korrespondenz stehenden Beziehungen im Blick zu behalten. Vieles resoniert über die Generationen hinweg, die Unzufriedenheit mit der Elterngeneration und die nicht harmonischen, sondern belasteten Beziehungen der Paare. Es ist sicherlich ein kunstvoll konstruierter Roman, weswegen es vielleicht nachvollziehbar ist, dass Arno Geiger mit Es geht uns gut im Jahr 2005 als erster mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde (wenn man mal von der Tatsache absieht, dass es sich um ein Buch von einem Österreicher, das in Österreich spielt, handelt...). Richtig begeistert hat mich der Roman dennoch nicht, vielleicht liegt es daran, dass die Charaktere allesamt eher in ihrem Leben steckenbleiben, quasi langsam darin versanden, und es trotz der vielen Gedanken um das Leben, um sich selbst und die Familie, kaum Erkenntnis und Fortschreiten gibt. Vielleicht ist das Leben aber auch so...

Arno Geiger, Es geht uns gut. HörbuchVerlagHamburg 2013.

Tuesday, November 02, 2021

Louise Erdrich - Der Klang der Trommel

Wieder einmal ein Buch, das ich ohne die Popsugar Challenge vermutlich nicht so schnell gelesen hätte. Zu Unrecht ohnehin, denn von der Autorin kannte ich schon ihren Roman Der Club der singenden Metzger, von dem ich 2009 recht angetan war.

Louise Erdrichs Der Klang der Trommel erzählt aus der Perspektive verschiedener Menschen von ihren Erlebnissen mit einer Trommel des Stammes der Ojibwe Native Americans.
Da ist Faye Travers, selbst mit Ojibwe-Wurzeln, die mit ihrer Mutter zusammen eine Firma für Haushaltsauflösungen betreibt. Sie entdeckt die Trommel auf dem Dachboden eines Verstorbenen und nimmt sie an sich. Ihre durch die Trommel wiedergefundene Spiritualität hilft ihr, sich über entscheidende Dinge in ihrem Leben klarzuwerden und sie zu trösten.
Sie entscheidet sich außerdem, die Trommel ihren rechtmäßigen Besitzern aus dem Ojibwe-Stamm zurückzugeben und macht Bernard ausfindig, einen direkten Nachfahren des Trommelbauers. Er erzählt die schmerzvolle und dramatische Geschichte ihrer Entstehung.
In einem dritten Teil rettet die Macht der Trommel einem kleinen Mädchen und ihren Geschwistern das Leben.
Die Geschichten sind eng miteinander verwoben. Ein wichtiger Aspekt sind dabei der Mut und die Resilienz der Kinder, die durch die Kraft der Liebe und durch die Trommel verbunden sind. Erzählerisch ist Der Klang der Trommel beeindruckend und die Themen sind essentiell: Liebe, Verlust, Schuld, Glaube. Bedenkenswert finde ich außerdem Erdrichs Schilderungen der Natur, in der sich ihre Charaktere bewegen, und der Tiere, denen eine starke symbolische Bedeutung beigemessen wird.
Vielleicht sollte ich nicht wieder ein Dutzend Jahre verstreichen lassen, bis ich wieder ein Buch der Autorin zur Hand nehme.

Louise Erdrich, Der Klang der Trommel. Aufbau, Berlin 2015.

“Das Leben wird dich zerbrechen. Niemand kann dich davor schützen, auch nicht das Alleinsein, denn auch die Einsamkeit wird dich mit ihrer Sehnsucht zerbrechen. Du mußt lieben. Du mußt fühlen. Dafür bist du auf der Welt. Du bist hier, um dein Herz aufs Spiel zu setzen. Du bist hier, um dich verschlingen zu lassen. Und wenn du dann zerbrochen wirst oder verraten oder verlassen oder verletzt, oder wenn der Tod dich streift, setz dich unter einen Apfelbaum, hör zu, wie um dich herum die Äpfel zu Boden fallen und ihre Süße verschwenden, und sage dir, daß du so viele von ihnen gekostet hast, wie du konntest.”

Sunday, October 31, 2021

Nora Krug - Heimat: Ein deutsches Familienalbum

Nora Krug ist eine deutsch-amerikanischer Autorin und Illustratorin, die in New York lebt. In Heimat: Ein deutsches Familienalbum begibt sie sich auf die Spuren ihrer deutschen Familie. Sie ist dabei nicht nur neugierig, sondern auch bedrückt und ängstlich, was sie dabei über die politische Gesinnung ihrer Vorfahren zur Zeit des Nationalsozialismus herausfinden wird. Sie trifft bei ihren umfangreichen Recherchen auch auf Mauern, die typischerweise von vielen Familien in Deutschland errichtet wurden, um sich nicht allzu intensiv mit der eigenen Schuld auseinandersetzen zu müssen. 

Ihr Erkenntnisse und Fundstücke - "deutsche" Flohmarktfunde, Familienfotos, Briefe und offizielle Dokumente aus Archiven - ordnet sie in einmaliger Art und Weise an - sie kombiniert die Dokumente mit Illustrationen, Comicstrips, sachlichen Zusammenfassungen und persönlichen Texten. Es entsteht dabei eine Textform, die sehr das Lesen einerseits schwieriger, andererseits aber auch zu einer Entdeckungsreise werden lässt, ähnlich der, auf die sie sich selbst begeben hat. 

Persönlich fand ich ihre letztendliche Erkenntnis - nämlich dass sie nie sicher wissen wird, was im Kopf ihrer Vorfahren wirklich vorgegangen ist, welche grundliegenden Einstellungen beispielsweise ihr Großvater hatte - nicht überraschend. Vielleicht ist es etwas, mit dem man sich als seit Generationen in Deutschland Lebende/r sowieso abfinden muss: Familien haben automatisch eine nationalsozialistische Vergangenheit. Nur wenige waren gegen das System, die meisten haben zugelassen, was geschehen ist. Je nachdem, in welche Generation man geboren wurde, hat man entweder noch die Prozesse um die Täter miterlebt, die Phase der Verleugnung durchlebt oder hat schulisch eine intensiv aufklärerische Zeit erfahren. Inzwischen scheint eine Generation der ahnungslos Ignorierenden heranzuwachsen, was sich an aufbrechendem Antisemitismus und dem Zuwachs rechter Extermisten leicht ablesen lässt. Die eigene Positionierung erfolgt familien- und generationenspezifisch - eine intensive Suche, wie sie Nora Krug aus ihrer US-amerikanischen Perspektive betreibt, erübrigt sich daher oft. Was nicht bedeuten soll, dass sie nicht auch uns neue, klarere Sichtweise auf die Geschichte - vor allem die eigene - bringen könnte. Auch vor diesem Hintergrund ist Nora Krugs Buch eine beachtenswerte Lektüre.

Nora Krug, Heimat: Ein deutsches Familienalbum. Penguin 2018.

Saturday, October 30, 2021

Oliver Harris - London Underground

London Underground ist der zweite Thriller von Oliver Harris um seinen schwierigen Polizisten Nick Belsey.
Bei einer Verfolgungsjagd durch die Straßen London entkommt ihm der Flüchtige auf mysteriöse Art und Weise - im Londoner Untergrund! Belsey folgt ihm in ein ungewöhnliches Tunnelsystem, bei dem schnell klar wird, dass es um einen verlassenen Bunker handeln muss. Er muss die Verfolgung zwar erfolglos abbrechen, überlegt sich aber, der Bunker könne eine coole Location sein, um sein abendliches Date zu beeindrucken - auch wenn es sicher nicht legal ist. Zu dumm nur, dass das Date mit einer Entführung seiner Freundin endet!
Es beginnt ein doppeltes Versteckspiel bei seinen Ermittlungen und Bemühungen, seine Freundin zu retten: Er kann den offiziellen Ermittlern in dem Fall nichts von seiner Beteiligung und den Geschehnissen berichten, um nicht selbst verdächtigt zu werden, und er hat es mit einem Entführer zu tun, der ihm Botschaften und Hinweise schickt, die ihn nach und nach erkennen lassen, dass es um weitaus mehr geht, als um eine Entführung.
Mit Belsey zusammen entdecken wir das unterirdische London jenseits der normalen U-Bahnen: Geheime Tunnel, Kommunikationszentren, Bunkeranlagen - alles verborgen unter dem Deckmantel staatlicher Geheimhaltung, die seit dem Kalten Krieg andauert. Immer wieder entdeckt er neue Zusammenhänge, weitere Schichten eines Geheimnisses, dem auch der Entführer auf der Spur ist. 

Der spannende Fall mit dem düsteren Setting passt perfekt zu Nick Belsey, der immer wieder Grenzen der Legalität überschreiten muss, um sich dem Täter und der Wahrheit anzunähern. Die Komplexität des Falls war im Audiobookformat manchmal etwas schwierig, wenn man Pausen beim Hören gemacht hat, aber insgesamt ein beeindruckender und ungewöhnlicher Thriller.

Oliver Harris, London Underground. Rubikon Audioverlag 2015.

Thursday, October 28, 2021

Dai Sijie - Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Dai Sijie wurde 1954 als Sohn eines Mediziners geboren und verbrachte vier Jahre seines Lebens zur "kulturellen Umerziehung" in einem chinesischen Bergdorf verschickt. Auf der Basis der dort gemachten Erfahrungen verfasste er später - nach seiner Emigration nach Frankreich - seinen Roman Balzac und die kleine chinesische Schneiderin (2000).

Der Roman erzählt die Geschichte zweier Freunde während der "Umerziehung" im kommunistischen China. Obwohl strengstens verboten, gelangen die beiden in den Besitz einiger Romane, deren Inhalt sie auch ihrer Freundin, der kleinen Schneiderin, mit großer Freude und Talent weitererzählen. Die Geschichten verwandeln alle Beteiligten, bringen sie zum Nachdenken, zur kritischeren Auseinandersetzung mit der kommunistischen Realität und führen schließlich auch zu konkreten Veränderungen.

Trotz seiner Kürze schafft es der Roman ein kritisches und scharf geschnittenes Bild Chinas dieser Zeit zu zeichnen, den Protagonisten viel Raum für Entwicklung zu geben, humorvoll überzeichnete Nebenfiguren zu enthalten und eine anrührende Liebesgeschichte zu erzählen. Viel mehr kann man nicht erwarten.

Dai Sijie, Balzac und die kleine chinesische Schneiderin. Piper, München 2003.

Saturday, October 23, 2021

Rudyard Kipling - The Jungle Book

This edition of The Jungle Book by Rudyard Kipling ist part of the Stirling Unabridged Classics series. All the books have wonderful illustrations and do their content justice - beautiful edition for book lovers...
Although familiar with Mowgli's story (not only because of Disney, but of course I saw the movie) I didn't know all the stories of The Jungle Book and was surprised by the variety of characters and topics. I am not so fond of the poems but I liked the story telling and the humour in some of the animals' dialogues.
Because of the underlying concepts of colonialism and racism which is to be expected because of Kipling growing up partly in India in the 19th century some aspects in the stories may cause discomfort. But there are also critical voices - animals wanting their freedom back or characters triumphing over their much stronger enemies - in the stories that can compensate for that.
It's a classic worth reading anyway! 
Rudyard Kipling, The Jungle Book. Stirling Unabridged Classic 2007.

Tuesday, October 19, 2021

Neil Gaiman - Niemalsland

Neil Gaiman publizierte Niemalsland (Original: Neverwhere) auf der Basis des Skripts für die gleichnamige TV-Serie (BBC, 1996).

Es handelt von dem eher unauffällig-langweiligen Richard Mayhew, dem eines Tages ein verletztes Mädchen direkt vor die Füße fällt. Er entscheidet sich, ihm zu helfen. Das Mädchen namens Door ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich, denn sie entstammt nicht der uns bekannten Realität, sondern aus "Unter-London", einer Parallelwelt, in der die Grenzen der Zeit und Realität verschwimmen und die deutlich gefährlicher ist als Richards bisherigen Leben. Durch seine Begegnung mit Door wird er in die Welt von "Unter-London" hineingezogen und durchlebt mit ihr und einigen anderen schillernden Gestalten ein Abenteuer jenseits aller Vorstellungen. 

"Unter-London" ist eine faszinierende Idee, seine Bewohner und Eigenschaften fantasievoll und einzigartig. Trotz der geschilderten Brutalitäten der zwei Assasinen-Gegenspieler hat auch das Dunkle dieser Welt seine Reize und bildet den Kontrast zu den liebenswerteren Charakteren. Dennoch lässt sich nur schwer sagen, wer gut oder wer böse ist, denn zu fassettenreich sich Gaimans Figuren angelegt und je mehr man sie kennenlernt, desto interessanter werden sie. Den Plot hingegen habe ich nicht immer als stringend empfunden, er hat stellenweise Brüche und die einzelnen Schauplätze wirken etwas gewollt aneinandergereiht, wenngleich sie wunderbar abwechslungsreich und gut beschrieben werden, beispielsweise der Court in der U-Bahn.
Gaiman ist in jeder Hinsicht ein sehr einfallsreicher und lesenswerte Autor, soviel ist sicher. 

Neil Gaiman, Niemalsland. Bastei Lübbe, Mülheim 2016.


Monday, October 18, 2021

Jodi Picoult - Große kleine Schritte

Wieder einmal ein Buch, das eine Kategorie für die Popsugar Reading Challenge erfüllen sollte: A book with an oxymoron in the title - ich fand Kleine große Schritte, unter anderem weil ich die Autorin kannte (andere Challenge, Beim Leben meiner Schwester). Ich wusste nichts über das Buch.

Kleine große Schritte erzählt die Geschichte eines Gerichtsprozesses, in dem die Geburtskrankenschwester Ruth Jefferson (schwarz, verwitwet, alleinerziehend) des Mordes an einem kleinen weißen Baby angeklagt ist. Die rassistischen Eltern des Babys hatten zuvor erwirkt, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe von der Behandlung ihres Kindes ausgeschlossen werden sollte. Ihre Vorgesetzte entspricht diesem Wunsch und verbietet Ruth, das Baby weiter zu versorgen. In einer Situation von Unterbesetzung und einem Notfall bleibt sie aber dennoch mit dem Baby allein, als es zu einem Atemstillstand mit Todesfolge kommt.
Die weiße Pflichtverteidigerin Kennedy McQuarrie versucht in ihrer Verteidigungsstrategie den Rassismus, der bei der Behandlung des Babys eine so große Rolle gespielt hat, auszuklammern, sehr zum inneren Ärger von Ruth - Rassismus habe im Gerichtssaal keine Rolle zu spielen. Geschickt weist Kennedy nach, dass eine Erkrankung, die noch nicht nachgewiesen war, zum Tod des Babys führte, so dass sie den Fall so gut wie gewonnen hat - als Ruth darauf besteht, ihre Wahrnehmung des Vorfalls zu schildern und damit die rassistischen Aspekte doch noch thematisiert werden.
Parallel dazu wird auch noch die Sicht des rassistischen Vaters geschildert, die, obwohl zunächst für den Leser abstoßend, aber dennoch weiterentwickelnd seinen Charakter beleuchtet.
Um die Geschichte zu einem positiven Ende bringen zu können, bedient sich Jodi Picoult meines Erachtens nach eines erzählerisch fragwürdigen Tricks, eine sehr unwahrscheinliche Enthüllung ändert das Mindset des rassistischen Vater und führt zu einer Form der emotionalen Gerechtigkeit beim Leser.

Wie schon bei anderen Romanen zum Thema des amerikanischen Rassismus weiß ich nicht genau, ob ich die Perspektiven genau nachempfinden kann, Europa kämpft mit anderen Formen des Rassismus und der Vorurteile. Nicht weniger ätzend, aber anders.
Der systemische Rassismus, wie man ihn wohl nennt, ist durchaus eine Besonderheit der USA. In vielen der Rezensionen wird gelobt, wie Jodi Picoult diesen ihren Lesern vor Augen führt. In dem Charakter der Kennedy McQuarry vollzieht sich eine Wandlung ihres Verständnisses, obwohl sie beruflich ständig Schwarze verteidigt, aber erst mit Ruth zusammen wirklich versteht. Andere empfinden die Darstellung besonders der Vorkommnis
se im Krankenhaus als unpassend und abstoßend, die Reaktionen im Folgenden also teils als unrealistisch. Nachvollziehbar ist für mich, dass Ruths Stimme vielleicht nicht deutlich genug gehört oder nicht drastisch genug spricht. Vielleicht wird ihre Perspektive erneut von dem überheblichen Recht der Weißen überdeckt, alles am besten beurteilen zu können.
Ähnlich wie bei den unterschiedlichen Rezensionen bleibt auch meine Meinung zwiegespalten. Einerseits legt Picoult hier den Finger in die Wunde - auch offenkundig tolerante Weiße können sich nicht davon freisprechen von dem systemischen Rassismus zu profitieren und weiter zu dessen Erhalt beizutragen. Hier gibt es keine einfachen Antworten - aber es ist richtig zu fragen. Nach der Lektüre von beispielsweise Ta-Nehisi Coates gehen die Fragen der Autorin aber längst nicht weit genug. Aber vielleicht ist es in Ordnung, zumindest Schritte in die richtige Richtung zu gehen - für viele mag es ein wichtiges Buch zu richtigen Zeit gewesen sein, wenn man den vielen positiven Rezensionen glaubt. 

Jodi Picoult, Kleine große Schritte, Audiobuch 2017.

Wednesday, October 13, 2021

Gottfried Keller - Kleider machen Leute

Der Schneidergesellen Wenzel Strapinski aus Kleider machen Leute ist arm und zu Fuß unterwegs, als er von einem Kutscher eingeladen wird, in der leeren Kutsche mitzufahren. So gelangt er nach Goldach, und weil er gute Kleidung trägt und in der Kutsche vorfährt, hält man ihn für einen polnischen Grafen.
Aus verschiedenen Gründen unterlässt er es immer wieder, das Missverständnis aufzuklären und fügt sich in die Rolle, die ihm zunehmend gefällt. Dramatisch wird es, als er sich in die Tochter des Amtsrates verliebt und sie sich verloben. Sein Konkurrent findet heraus, wer er wirklich ist, und stellt ihn auf seiner Verlobungsfeier bloß. Doch der Skandal führt nicht zum gewünschten Erfolg, denn seine Verlobte gibt Wenzel nicht auf und heiratet ihn dennoch. Mit ihrer Hilfe baut er sich eine erfolgreiche Existenz als Schneider auf.

Ich glaube nicht, dass ich Gottfried Kellers Klassiker zuvor gelesen hatte, wenngleich der Inhalt natürlich bekannt ist. Es war relativ kurzweilig anzuhören in der Audiobook-Fassung. Der Wikipedia-Artikel liefert noch einige interessante Bezüge... Eine Klassiker-Leselücke geschlossen.

Tuesday, October 12, 2021

Terry Pratchett - Jingo

Bemerkung zum Titel: Für das englische Jingo bietet LEO zwei Übersetzungen an, Hurrapatriot und Chauvinist. Bei dieser Auswahl vielleicht nicht überraschend, dass weder das eine noch das andere zum deutschen Titel für Terry Pratchetts viertem Scheibenwelt-Roman über die Wache Ankh-Morporks ausgewählt wurde. Fliegende Fetzen gibt allerdings auch nicht viel her. 

Eines Tages taucht eine kleine Insel im Meer zwischen Ankh-Morpork und Al-Khali (der Hauptstadt von Klatsch) auf - natürlich erheben beide Städte/Länder Anspruch darauf und schon bereiten sich alle auf einen Krieg vor - trotz guter diplomatischer Verbindungen und Handelsbeziehungen. Kommandeur Mumm wird von den Kriegstreibern seines Amtes enthoben, bildet aber mit Hilfe der Wache sein eigenes Regiment und begibt sich auf den Weg nach Klatsch, um Schlimmeres zu verhinden.
(mehr zur Handlung hier...) 

Auch wenn der Plot an der ein oder anderen Stelle Lücken hat und oft scheinbar wahllos zwischen den einzelnen Protagonisten wechselt, so sind die Dialoge wie gewohnt voller Ironie und Sarkasmus und führen das Absurd-Sinnlose des Krieges wunderbar vor. Die Anspielungen sind zahlreich und das Setting auf See und im Wüstenstaat Klatsch bietet reichlich Möglichkeiten für die Mitglieder der Wache witziges zu erleben. Es ist sicher nicht der beste Roman über die Wache, aber er macht Spaß - so sehr wie ein Buch über den Krieg eben Spaß machen kann - ein weiterer Beweis für Pratchetts Genialität.
Die Lesung im Original von Nigel Planer ist sehr empfehlenswert.

Saturday, October 02, 2021

Jenny Lawson - Irre glücklich

Das Cover von Jenny Lawsons Buch Irre glücklich zeigt ihren ausgestopften Waschbären, der den Titel wirklich gut illustriert...
 
Ich habe Lawsons Buch ausgewählt, weil ich für meine Popsugar Reading Challenge noch eines brauchte von einem "blogger, vlogger, YouTube video creator, or other online personality". Lawson ist in den USA ausgesprochen erfolgreich und bekannt.
Die Autorin leidet unter anderem unter Depressionen und Angststörungen und kämpft dagegen an mit einer Lebenseinstellung, di zu allen verrückten und ungewöhnlichen Möglichkeiten im Leben ja sagt (zum Beispiel eine Beziehung zu einem ausgestopften Waschbären zu haben). Besonders im häuslichen Dialog mit ihrem Mann, aber auch auf Reisen oder bei Besuchen beim Arzt oder Therapeuten folgt sie impulsiven Gedankensträngen und erzeugt dadurch oft absurde und lustige Situationen. 
Ihre Positivität angesichts ihrer durchaus schwerwiegenden Erkrankung, die sie oft hindert, aus dem Haus gehen zu können, und Selbstmordgedanken auslöst, ist bewundernswert. Sie bietet anderen, die unter Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen leiden, Hoffnung und Empathie. Ihre Erinnerung an die verrückten und besonderen Momente helfen ihr (und vermutlich auch anderen) die dunkelsten Stunden durchzustehen. 
Auch wenn ich diesen Ansatz absolut positiv finde und Bewunderung finde für ihren Mut, ihr "Verrücktsein" so auszuleben, konnte ich die Geschichten selbst leider nicht immer witzig finden. Mir gefiel ihr Ansatz, aber nicht ihr Humor. So habe ich die einige der geschilderten Episoden nur überflogen und quer gelesen, was aber durchaus reicht, um einen Eindruck von Stil und Inhalt zu bekommen. Ich freue mich für jeden, dem dieses Buch hilft!

Jenny Lawson, Irre glücklich. Kailash, München 2016.


Sunday, September 26, 2021

Martin Walker - Provokateure

Provokateure, der siebte Band von Martin Walker um Bruno, Chef de Police, in dem beschaulichen Saint-Denis, beginnt mit einem Leichenfund im Wald. Der Nordafrikaner wurde gefoltert und es stellt sich heraus, dass er ein verdeckter Ermittler war, der in der Dschihadisten-Szene in Toulouse recherchiert hat. Zeitgleich erfährt Bruno, dass in Afghanistan ein autistischer Junge namens Sami aufgetaucht ist, der aus Saint-Denis stammt und nun zurückgeholt werden soll. Noch während Bruno sich um die Rückkehr der Jungen kümmert, der in Afghanistan Bomben gebaut haben soll, wird klar, dass die Mörder auch hinter Sami her sind.
Nun kümmerm sich auch die Geheimdienste um den Fall, auch der amerikanische Geheimdienst schickt eine Agentin, Nancy Sutton. Zwischen ihr und Bruno entwickelt sich bei der Zusammenarbeit eine starke Anziehung.
Während der Anhörungen um Sami um die Frage, ob er Opfer oder Täter, ausgenutztes Kind oder Dschihadist ist, muss sich Bruno auch noch um einen Fall aus dem zweiten Weltkrieg kümmern. Die Halévy Geschwister waren in Saint-Denis versteckt worden, bevor sie nach Israel auswanderten. Nun will die wohlhabende Schwester Maya Halévy sich mit einer großzügigen Spende bei der Kleinstadt bedanken, sofern diese ein entsprechendes Konzept für eine Gedenkstätte oder ein Museum vorlegt. Als Maya nach Saint-Denis reist, wird auch sie plötzlich zur Zielscheibe für die Dschihadisten, die immer noch Sami zum Schweigen bringen wollen, wofür jedes Mittel recht ist.
Es kommt zu einem großen Showdown mit viel Waffeneinsatz, bei dem Nancy schwer verletzt wird. 

Der Band erschien im Original 2014, auf Deutsch erst 2015, nach dem Attentat auf Charlie Hebdo, wodurch die Thematik hohe Aktualität erhielt - muslimische Extremisten, die in französischen Moscheen rekrutieren. Das Thema wird allerdings nur oberflächlich behandelt, die persönlichen Belange und Lebensumstände von Bruno und den Bewohnern der Kleinstadt stehen stärker im Vordergrund. Dies steht in Kontrast zu dem massiven Einsatz von Waffen und Gewalt, zu der es in diesem Band immer wieder kommt. Das mag nicht zu Saint-Denis und zu Bruno passen. Auch der Zweitplot um die jüdischen Geschwister wirkt zum Teil aufgesetzt und fügt sich nicht ins Ganze. Zwar hat mich Provokateure dennoch gut unterhalten, aber der Fall wirkt holprig und nicht immer schlüssig. 

Martin Walker, Provokateure. Diogenes, Zürich 2015.

 zur Liste aller Bände 

Saturday, September 25, 2021

Kan Takahama - Zwei Espresso

Kan Takahama ist eine japanische Zeichnerin, Illustratorin und Autorin. Seit 2003 werden ihre Bücher auch international veröffentlicht. 

Die Story von Zwei Espresso ist schnell zusammengefasst: Der französische Comiczeichner Benjamin reist ins japanische Hinterland, um nach einer Japanerin zu suchen, mit der er vor Jahren eine Nacht in Paris verbracht hat. Sie hat ihm damals zu seinem ersten beruflichen Erfolg verholfen, aber nur vage Hinweise auf ihre Identität hinterlassen. Er findet sie daher erst einmal nicht, sondern hilft einem Japaner, der dort im Nirgendwo ein Cafe betreibt, endlich Kaffeekochen zu lernen. Im Gegenzug hilft er ihm bei der Suche...
Der Zeichenstil ist eher europäisch als typisch japanisch, weswegen die Autorin auch bekannt geworden ist. Die schwarz-weißen Bilder sind ansprechend gestaltet (nur die Geräusche sind etwas übertrieben dargestellt, so dass man sie versucht zu übersehen/-lesen). Die Story ist unterhaltsam, aber birgt wenige Überraschungen. Andere Bände der Autorin (wie Der Liebhaber oder Stille Wasser) scheinen - glaubt man den Rezensionen - beeindruckender zu sein.  

Kan Takahama, Zwei Espresso. Carlsen, Hamburg 2016.



Saturday, September 18, 2021

Nikolai Gogol - Tote Seelen

Obwohl Nikolai Gogols Tote Seelen schon lange auf der Leseliste stand, wusste ich bisher sehr wenig über diesen Roman. Bei Librivox ist eine deutsche Aufnahme von Teil 1 und 2 vorhanden, gelesen von Eva K., der man gut zuhören kann.
Mit Satire und Zynismus wird die Geschichte des Pawel Tschitschikow erzählt, der einigen Grundbesitzern auf dem Lande tote Seelen (=Leibeigene) abkauft. Er biedert sich zunächst bei allen gesellschaftlich wichtigen Menschen an, um dann seine Geschäfte abzuwickeln. Die Handlung ist dabei weniger entscheidend als die umfassende Darstellung der korrupten, russischen Gesellschaft. Unverblümt kritisiert er offen russische Eigenarten und gewohnheiten, bindet den Leser stellenweise kumpelhaft in seine Beobachtungen ein und macht sich beständig lustig über seine stereotypen Charaktere.
Das macht über einen gewissen Zeitraum Spaß, in der Tat, aber ich muss auch zugeben, den fragmentierten Roman (für die Details siehe den wikipedia-Artikel) nicht zuende angehört zu haben. Für einen (guten) Eindruck hat es gereicht. 

Nikolai Gogol, Tote Seelen. LibriVox 2017.

Friday, September 17, 2021

Ta-Nehisi Coates - Zwischen mir und der Welt

Ta-Nehisi Coates, amerikanischer Autor und Journalist, geboren 1975, veröffentlichte Zwischen mir und der Welt im Jahr 2015 und erhielt dafür den National Book Award im Bereich Sachbuch. In Briefform erzählt Coates seinem Sohn in teils autobiographischen Episoden, teils in erklärenden Passagen, was es heißt, als schwarzer Mann in den USA zu leben. Sein Fokus liegt dabei auf der rassistischen Gewalt, die seiner Überzeugung und seinen Erfahrungen nach stets präsent und tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt ist. "White Supremacy" ist etwas, gegen das Schwarze immer werden ankämpfen müssen, die Ungerechtigkeit ist Teil der amerikanischen Gesellschaft. Sprachlich (und inhaltlich) eindrücklich ist dabei, dass er von der Zerstörung schwarzer Körper spricht - natürlich auch in Bezug auf Polizeigewalt (“The destroyers will rarely be held accountable. Mostly they will receive pensions.”), aber auch in anderen Lebensbereichen und besonders auch im Gefängnis. Seine Beispiele und Erzählungen sind anschaulich, aus meiner europäisch-weißen Sicht musste ich mich trotzdem manchmal anstrengen, die beschriebenen Ungerechtigkeiten als Realität anzuerkennen und so manches Mal schlucken.

An den Brief an seinen Sohn schließt sich ein zweiter Sachteil an, der "Plädoyer für Reparationen" betitelt ist und eine Übersetzung eines Essays aus dem Magazin The Atlantic ist. Am Beispiel des Immobilienmarktes zeigt Coates darin auf, wie Politik und auch die Gesetzgebung über Jahrzehnte Schwarze beim Hauskauf nicht nur benachteiligten, sondern regelrecht ausbeuteten, und was die dadurch entstehende  Einschränkung des Wohnortes für Folgen (Ghettobildung) auf den gesellschaftlichen (Nicht-) Aufstieg hatte. Er greift eine Forderung nach Reparationen für die jahrhundertelange Ausbeutung der Schwarzen auf und führt positive Effekte deutscher Reparationszahlungen für den begangenen Völermord an den Juden an Israel an. Entsprechende juristische Versuche werden jedoch abgeblockt, statt dessen findet weiterhin Ausbeutung und Segregation statt, wofür er erschreckend aktuelle Beispiele anführt. 

Für mich war es kein leichtes Buch, einiges blieb mir fremd. Ich habe aber viel gelernt, eine andere Perspektive eingenommen, Wissensinseln verbunden - eine lohnenswerte Lektüre. 

Ta-Nehisi Coates, Zwischen mir und der Welt. Hanser, Berlin 2014.

Monday, September 06, 2021

Alexandre Dumas - Die drei Musketiere

Die drei Musketiere von Alexandre Dumas ist einer der Klassiker, die jeder kennt, aber vermutlich deutlich weniger gelesen haben. Die meisten Ausgaben umfassen 500 bis 700 Seiten oder mehr, das schreckt ab. Die Abenteuer des jungen D’Artagnans und seiner drei Freunde drehen sich um die Intrigen des Kardinals Richelieu, seinem Gefolgsmann Rochefort und Lady de Winter, denen die vier Gefährten mehr oder weniger geschickt mit einer großen Portion Mut und Glück entgegentreten.
Obwohl meine Audiobook-Edition schon gekürzt ist, konnten mich die Erlebnisse der Musketiere nur bedingt fesseln. Christoph Lindert gestaltet die Szenen durchaus actionreich und gibt den Figuren Leben - aber vermutlich ist Mantel-und-Degen-Abenteuer einfach nichts für mich. 

Alexandre Dumas, Die drei Musketiere. Saga Egmond 2020.

Saturday, September 04, 2021

Jenny Offill - Amt für Mutmaßungen

Jenny Offills Roman Amt für Mutmaßungen steht auf der Liste eine Langzeit-Challenge, die ich hoffe, irgendwann abzusc
hließen. Bei einer anderen Challenge (SuB-Abbau-Punkte-Challenge) ist gerade der Monat der SuB-Leiche, da erscheint es mir angebracht, vielleicht beide Challenges mal zusammenzubringen. Deswegen also dieses Buch jetzt.

Es umfasst nur 176 Seiten, war 2014/2015 für zahlreiche Preise nominiert (ohne welche zu gewinnen) und stand auf der Liste der besten Bücher des Jahres 2014 der New York Times. Rezensionen schwanken zwischen "unfassbar gut und beeindruckend" und "absolut belanglos". 

Ich weiß nicht so recht.
Es wird die Geschichte einer Beziehung erzählt, die Personen haben keine Namen, heißen nur die Frau und der Mann, hinzu kommt später noch das Kind. Der Erzählstil ist gewöhnungsbedürftig, sprunghaft, fragmentarisch. Gespickt ist das ganze mit wissenschaftlichen, literarischen und philosophischen Bezügen und Zitaten, den Interessen und der Bildung der Frau entsprechend. Anfangs sind es noch ich und du, später nur noch er und sie, symbolhaft für die Distanzierung, die sich im Inneren und Äußeren der Frau abspielt. Man muss gedanklich einige Leerstellen füllen, auch aufpassen, nicht einen Handlungszusammenhang zu verpassen in dem vor sich hin fließenden Stream of Consciousness, der einen manchmal einlullt. Andere sprechen von der großen Bedeutung, die sie in einzelnen Passagen des Buches finden, mich hat es leider nicht sonderlich angesprochen. Vielleicht ist die Problematik des Erblühens und Verwelkens einer Ehe mir nicht nahe genug. Auch hat mich das Abdriften der Protagonistin in die psychische Labilität irritiert, ihre Abhängigkeit von dem Verhalten ihres Mannes und ihre Anhänglichkeit sind nichts Erstrebenswertes. Wahrhaftig kein Buch, was ich unbedingt gelesen haben müsste, was ich jetzt aber auf der Liste abhaken kann. Das immerhin. 

Jenny Offill, Amt für Mutmaßungen. DVA, München 2014.