Saturday, November 20, 2021

Khaled Hosseini - Tausend strahlende Sonnen

Khaled Hosseinis Tausend strahlende Sonnen (2003) ist der zweite Roman des Schriftstellers nach Drachenläufer, dem interenationalen Bestseller.
Der Roman erzählt die Lebensgeschichten zweier Frauen in Afghanistan, die zunächst sehr unterschiedlich aufwachsen, um dann in einer sehr schwierigen Situation in Freundschaft zueinander zu finden.
Eine der Frauen ist die unehelich geborene Mariam. Als ihre Mutter sich umbringt, ist sie gerade 15 Jahre alt. Ihr Vater will sich nicht in seine Familie aufnehmen und verheiratet sie mit dem viel älteren Rashid, mit dem sie fortan in Kabul lebt. Als sich Rashids Hoffnungen, die junge Frau möge ihm einen Sohn schenken, zerschlagen, straft er sie mit Verachtungen, Erniedrigungen und Gewalt.
Laila hingegen wächst glücklich in einer liberalen Familie auf, der Vater legt viel Wert auf ihre Bildung. Als Laila in einem Bombardement ihre Eltern verliert, nimmt Rashid sie bei sich auf, pflegt sie und heiratet sie schließlich als seine Zweitfrau. Erst betrachten sich die beiden Frauen nur mit Hass, doch die schlechte Behandlung durch ihren Ehemann schweißt sie schließlich zusammen.
Parallel zu dieser sehr persönlichen und teils sehr erschütternden Handlung mit dramatischen Gewaltszenen gegenüber Frauen wird auch die Geschichte Afghanistans (beginnend in den 70er Jahren bis 2003) erzählt. Dabei legt der Autor den Fokus auf den Einfluss, den die jeweiligen Herrschaftssysteme und der Krieg auf die Frauen haben. Beeindruckend ist dabei der Wille beider, immer wieder Hoffnung zu hegen und für die Kinder Zukunftsperspektiven zu schaffen - auch angesichts der schwierigsten Situationen und Bedrohungen. Mit Mariam und Laila hat Hosseini beeindruckende Protagonistinnen und fiktionale Zeuginnen der afghanischen Geschichte geschaffen, der Roman endet mit einem hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.
Angesichts der jüngsten Entwicklungen in Afghanistan nach dem Abzug der NATO-Truppen und erneuten Machtübernahme der Taliban wird sich die Hoffnung Lailas auf ein friedliches Afghanistan mit Bildung und Chancen für alle - und besonders für Mädchen und Frauen - wohl kaum erfüllen.

Khaled Hosseini, Tausend strahlende Sonnen. Steinbach sprechende Bücher 2008.

Saturday, November 13, 2021

Marion Poschmann - Die Kieferninseln

Marion Poschmanns Roman Die Kieferninseln stand 2017 auf der Shortlist des deutschen Buchpreises. 

Die Geschichte startet plötzlich und absurd: Gilbert Silvester träumt, seine Frage betrüge ihn - und ohne weitere Verzögerungen verlässt er sie und fliegt nach Japan. Er ist Dozent an der Universität und forscht zum Thema Bärte - warum er Japan als Ziel auswählt, ist ihm selbst nicht klar. Dort angekommen, weiß er eigentlich nicht, was er tun soll, aber er findet die Reisebeschreibungen des japanischen Dichters Basho, auf dessen Spuren er sich begibt. Ziel der Reise sind die Kieferninseln bei Matsushima. Poschmann stellt ihm einen zweiten Charakter an die Seite - per Zufall trifft er an einer Bahnstation auf den Studenten Yosa, der sich gerade vor den Zug werfen will. Er überzeugt ihn, dass er einen angemesseneren Ort finden kann, um sich umzubringen und so unternehmen die beiden einen Teil der Reise gemeinsam, bis Gilbert Yosa an einem anderen Bahnhof wieder verliert.

Der Roman ist durchwebt mit Gedichten und Briefen, die dazu beitragen, dass die Grenze zwischen Wirklichkeit und Traum, Erlebtem und Erdachtem immer mehr verschwimmt. Sprachlich sehr ansprechend erdichtet die Autorin auf engem Raum eine Geschichte mit vielen Querverweisen und Deutungsebenen. Da spielt es keine Rolle, ob erzählerisch-inhaltlich Fragen offen bleiben, beispielsweise über den Verbleib von Yosa oder wohin sich Gilbert nun am Ende seiner Reise wenden wird. Konsequent ist es am Ende der Leser, der sich daraus seine Geschichte zusammensetzt. 

Marion Poschmann, Die Kieferninseln. Suhrkamp, Berlin 2017.

Sunday, November 07, 2021

Arno Geiger - Es geht uns gut

Drei Generationen lässt Arno Geiger in seinem Roman Es geht uns gut von ihrem Leben berichten: Die Großeltern Alma und Richard Sterk, die Eltern Ingrid und Peter Erlach und die Kinder Sissi und Philipp. Die Großeltern besitzen eine Villa in Wien, aus der Ingrid im Konflikt entflieht und die Philipp erbt und entrümpelt. Die Handlung umfasst beinahe das ganze 20. Jahrhundert, von 1938 bis 2001 und spiegelt verschiedene Facetten der österreichischen Gesellschaft.
Kapitelweise springt die Erzählperspektive sowohl zeitlich als auch personell; Mal beobachten wir Richard, wie er seine Frau mit dem Kindermädchen betrügt, oder wir versuchen mit Alma zusammen, angesichts der zunehmenden Demenz Richards die Fassung zu wahren. Dann wieder verzweifelt Ingrid an der konservativen Sturheit ihrer Eltern, nur um sich nach dem Bruch später zu fragen, ob sie den unzuverlässigen und nicht sehr geschäftstüchtigen Peter wirklich hätte heiraten sollen. Der muss nach ihrem Tod Verantwortung für die Kinder übernehmen, aus deren Verhalten ihrerseits wiederum oft Verachtung ihm gegenüber zu Tage tritt. Aber es ist nicht nur das, Peter ist zugleich auch planlos und gedankenlos, er weiß später mit seinem Erbe nichts anzufangen und scheint keinerlei Verbindungen zu seiner Familie oder sogar zum echten Leben zu haben. Er hat keine Freunde, keine Beziehungen, steigert sich nahezu in eine vollkommene Passivität hinein, die ihm seine Schwester schon als Kind nachgesagt hat, und hat dabei eine seltsam anmutende Wahrnehmung der Wirklichkeit.
Es ist nicht ganz leicht, bei all diesen Sprüngen die Querverweise und miteinander in Korrespondenz stehenden Beziehungen im Blick zu behalten. Vieles resoniert über die Generationen hinweg, die Unzufriedenheit mit der Elterngeneration und die nicht harmonischen, sondern belasteten Beziehungen der Paare. Es ist sicherlich ein kunstvoll konstruierter Roman, weswegen es vielleicht nachvollziehbar ist, dass Arno Geiger mit Es geht uns gut im Jahr 2005 als erster mit dem deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde (wenn man mal von der Tatsache absieht, dass es sich um ein Buch von einem Österreicher, das in Österreich spielt, handelt...). Richtig begeistert hat mich der Roman dennoch nicht, vielleicht liegt es daran, dass die Charaktere allesamt eher in ihrem Leben steckenbleiben, quasi langsam darin versanden, und es trotz der vielen Gedanken um das Leben, um sich selbst und die Familie, kaum Erkenntnis und Fortschreiten gibt. Vielleicht ist das Leben aber auch so...

Arno Geiger, Es geht uns gut. HörbuchVerlagHamburg 2013.

Tuesday, November 02, 2021

Louise Erdrich - Der Klang der Trommel

Wieder einmal ein Buch, das ich ohne die Popsugar Challenge vermutlich nicht so schnell gelesen hätte. Zu Unrecht ohnehin, denn von der Autorin kannte ich schon ihren Roman Der Club der singenden Metzger, von dem ich 2009 recht angetan war.

Louise Erdrichs Der Klang der Trommel erzählt aus der Perspektive verschiedener Menschen von ihren Erlebnissen mit einer Trommel des Stammes der Ojibwe Native Americans.
Da ist Faye Travers, selbst mit Ojibwe-Wurzeln, die mit ihrer Mutter zusammen eine Firma für Haushaltsauflösungen betreibt. Sie entdeckt die Trommel auf dem Dachboden eines Verstorbenen und nimmt sie an sich. Ihre durch die Trommel wiedergefundene Spiritualität hilft ihr, sich über entscheidende Dinge in ihrem Leben klarzuwerden und sie zu trösten.
Sie entscheidet sich außerdem, die Trommel ihren rechtmäßigen Besitzern aus dem Ojibwe-Stamm zurückzugeben und macht Bernard ausfindig, einen direkten Nachfahren des Trommelbauers. Er erzählt die schmerzvolle und dramatische Geschichte ihrer Entstehung.
In einem dritten Teil rettet die Macht der Trommel einem kleinen Mädchen und ihren Geschwistern das Leben.
Die Geschichten sind eng miteinander verwoben. Ein wichtiger Aspekt sind dabei der Mut und die Resilienz der Kinder, die durch die Kraft der Liebe und durch die Trommel verbunden sind. Erzählerisch ist Der Klang der Trommel beeindruckend und die Themen sind essentiell: Liebe, Verlust, Schuld, Glaube. Bedenkenswert finde ich außerdem Erdrichs Schilderungen der Natur, in der sich ihre Charaktere bewegen, und der Tiere, denen eine starke symbolische Bedeutung beigemessen wird.
Vielleicht sollte ich nicht wieder ein Dutzend Jahre verstreichen lassen, bis ich wieder ein Buch der Autorin zur Hand nehme.

Louise Erdrich, Der Klang der Trommel. Aufbau, Berlin 2015.

“Das Leben wird dich zerbrechen. Niemand kann dich davor schützen, auch nicht das Alleinsein, denn auch die Einsamkeit wird dich mit ihrer Sehnsucht zerbrechen. Du mußt lieben. Du mußt fühlen. Dafür bist du auf der Welt. Du bist hier, um dein Herz aufs Spiel zu setzen. Du bist hier, um dich verschlingen zu lassen. Und wenn du dann zerbrochen wirst oder verraten oder verlassen oder verletzt, oder wenn der Tod dich streift, setz dich unter einen Apfelbaum, hör zu, wie um dich herum die Äpfel zu Boden fallen und ihre Süße verschwenden, und sage dir, daß du so viele von ihnen gekostet hast, wie du konntest.”

Sunday, October 31, 2021

Nora Krug - Heimat: Ein deutsches Familienalbum

Nora Krug ist eine deutsch-amerikanischer Autorin und Illustratorin, die in New York lebt. In Heimat: Ein deutsches Familienalbum begibt sie sich auf die Spuren ihrer deutschen Familie. Sie ist dabei nicht nur neugierig, sondern auch bedrückt und ängstlich, was sie dabei über die politische Gesinnung ihrer Vorfahren zur Zeit des Nationalsozialismus herausfinden wird. Sie trifft bei ihren umfangreichen Recherchen auch auf Mauern, die typischerweise von vielen Familien in Deutschland errichtet wurden, um sich nicht allzu intensiv mit der eigenen Schuld auseinandersetzen zu müssen. 

Ihr Erkenntnisse und Fundstücke - "deutsche" Flohmarktfunde, Familienfotos, Briefe und offizielle Dokumente aus Archiven - ordnet sie in einmaliger Art und Weise an - sie kombiniert die Dokumente mit Illustrationen, Comicstrips, sachlichen Zusammenfassungen und persönlichen Texten. Es entsteht dabei eine Textform, die sehr das Lesen einerseits schwieriger, andererseits aber auch zu einer Entdeckungsreise werden lässt, ähnlich der, auf die sie sich selbst begeben hat. 

Persönlich fand ich ihre letztendliche Erkenntnis - nämlich dass sie nie sicher wissen wird, was im Kopf ihrer Vorfahren wirklich vorgegangen ist, welche grundliegenden Einstellungen beispielsweise ihr Großvater hatte - nicht überraschend. Vielleicht ist es etwas, mit dem man sich als seit Generationen in Deutschland Lebende/r sowieso abfinden muss: Familien haben automatisch eine nationalsozialistische Vergangenheit. Nur wenige waren gegen das System, die meisten haben zugelassen, was geschehen ist. Je nachdem, in welche Generation man geboren wurde, hat man entweder noch die Prozesse um die Täter miterlebt, die Phase der Verleugnung durchlebt oder hat schulisch eine intensiv aufklärerische Zeit erfahren. Inzwischen scheint eine Generation der ahnungslos Ignorierenden heranzuwachsen, was sich an aufbrechendem Antisemitismus und dem Zuwachs rechter Extermisten leicht ablesen lässt. Die eigene Positionierung erfolgt familien- und generationenspezifisch - eine intensive Suche, wie sie Nora Krug aus ihrer US-amerikanischen Perspektive betreibt, erübrigt sich daher oft. Was nicht bedeuten soll, dass sie nicht auch uns neue, klarere Sichtweise auf die Geschichte - vor allem die eigene - bringen könnte. Auch vor diesem Hintergrund ist Nora Krugs Buch eine beachtenswerte Lektüre.

Nora Krug, Heimat: Ein deutsches Familienalbum. Penguin 2018.

Saturday, October 30, 2021

Oliver Harris - London Underground

London Underground ist der zweite Thriller von Oliver Harris um seinen schwierigen Polizisten Nick Belsey.
Bei einer Verfolgungsjagd durch die Straßen London entkommt ihm der Flüchtige auf mysteriöse Art und Weise - im Londoner Untergrund! Belsey folgt ihm in ein ungewöhnliches Tunnelsystem, bei dem schnell klar wird, dass es um einen verlassenen Bunker handeln muss. Er muss die Verfolgung zwar erfolglos abbrechen, überlegt sich aber, der Bunker könne eine coole Location sein, um sein abendliches Date zu beeindrucken - auch wenn es sicher nicht legal ist. Zu dumm nur, dass das Date mit einer Entführung seiner Freundin endet!
Es beginnt ein doppeltes Versteckspiel bei seinen Ermittlungen und Bemühungen, seine Freundin zu retten: Er kann den offiziellen Ermittlern in dem Fall nichts von seiner Beteiligung und den Geschehnissen berichten, um nicht selbst verdächtigt zu werden, und er hat es mit einem Entführer zu tun, der ihm Botschaften und Hinweise schickt, die ihn nach und nach erkennen lassen, dass es um weitaus mehr geht, als um eine Entführung.
Mit Belsey zusammen entdecken wir das unterirdische London jenseits der normalen U-Bahnen: Geheime Tunnel, Kommunikationszentren, Bunkeranlagen - alles verborgen unter dem Deckmantel staatlicher Geheimhaltung, die seit dem Kalten Krieg andauert. Immer wieder entdeckt er neue Zusammenhänge, weitere Schichten eines Geheimnisses, dem auch der Entführer auf der Spur ist. 

Der spannende Fall mit dem düsteren Setting passt perfekt zu Nick Belsey, der immer wieder Grenzen der Legalität überschreiten muss, um sich dem Täter und der Wahrheit anzunähern. Die Komplexität des Falls war im Audiobookformat manchmal etwas schwierig, wenn man Pausen beim Hören gemacht hat, aber insgesamt ein beeindruckender und ungewöhnlicher Thriller.

Oliver Harris, London Underground. Rubikon Audioverlag 2015.

Thursday, October 28, 2021

Dai Sijie - Balzac und die kleine chinesische Schneiderin

Dai Sijie wurde 1954 als Sohn eines Mediziners geboren und verbrachte vier Jahre seines Lebens zur "kulturellen Umerziehung" in einem chinesischen Bergdorf verschickt. Auf der Basis der dort gemachten Erfahrungen verfasste er später - nach seiner Emigration nach Frankreich - seinen Roman Balzac und die kleine chinesische Schneiderin (2000).

Der Roman erzählt die Geschichte zweier Freunde während der "Umerziehung" im kommunistischen China. Obwohl strengstens verboten, gelangen die beiden in den Besitz einiger Romane, deren Inhalt sie auch ihrer Freundin, der kleinen Schneiderin, mit großer Freude und Talent weitererzählen. Die Geschichten verwandeln alle Beteiligten, bringen sie zum Nachdenken, zur kritischeren Auseinandersetzung mit der kommunistischen Realität und führen schließlich auch zu konkreten Veränderungen.

Trotz seiner Kürze schafft es der Roman ein kritisches und scharf geschnittenes Bild Chinas dieser Zeit zu zeichnen, den Protagonisten viel Raum für Entwicklung zu geben, humorvoll überzeichnete Nebenfiguren zu enthalten und eine anrührende Liebesgeschichte zu erzählen. Viel mehr kann man nicht erwarten.

Dai Sijie, Balzac und die kleine chinesische Schneiderin. Piper, München 2003.

Saturday, October 23, 2021

Rudyard Kipling - The Jungle Book

This edition of The Jungle Book by Rudyard Kipling ist part of the Stirling Unabridged Classics series. All the books have wonderful illustrations and do their content justice - beautiful edition for book lovers...
Although familiar with Mowgli's story (not only because of Disney, but of course I saw the movie) I didn't know all the stories of The Jungle Book and was surprised by the variety of characters and topics. I am not so fond of the poems but I liked the story telling and the humour in some of the animals' dialogues.
Because of the underlying concepts of colonialism and racism which is to be expected because of Kipling growing up partly in India in the 19th century some aspects in the stories may cause discomfort. But there are also critical voices - animals wanting their freedom back or characters triumphing over their much stronger enemies - in the stories that can compensate for that.
It's a classic worth reading anyway! 
Rudyard Kipling, The Jungle Book. Stirling Unabridged Classic 2007.

Tuesday, October 19, 2021

Neil Gaiman - Niemalsland

Neil Gaiman publizierte Niemalsland (Original: Neverwhere) auf der Basis des Skripts für die gleichnamige TV-Serie (BBC, 1996).

Es handelt von dem eher unauffällig-langweiligen Richard Mayhew, dem eines Tages ein verletztes Mädchen direkt vor die Füße fällt. Er entscheidet sich, ihm zu helfen. Das Mädchen namens Door ist in jeder Hinsicht ungewöhnlich, denn sie entstammt nicht der uns bekannten Realität, sondern aus "Unter-London", einer Parallelwelt, in der die Grenzen der Zeit und Realität verschwimmen und die deutlich gefährlicher ist als Richards bisherigen Leben. Durch seine Begegnung mit Door wird er in die Welt von "Unter-London" hineingezogen und durchlebt mit ihr und einigen anderen schillernden Gestalten ein Abenteuer jenseits aller Vorstellungen. 

"Unter-London" ist eine faszinierende Idee, seine Bewohner und Eigenschaften fantasievoll und einzigartig. Trotz der geschilderten Brutalitäten der zwei Assasinen-Gegenspieler hat auch das Dunkle dieser Welt seine Reize und bildet den Kontrast zu den liebenswerteren Charakteren. Dennoch lässt sich nur schwer sagen, wer gut oder wer böse ist, denn zu fassettenreich sich Gaimans Figuren angelegt und je mehr man sie kennenlernt, desto interessanter werden sie. Den Plot hingegen habe ich nicht immer als stringend empfunden, er hat stellenweise Brüche und die einzelnen Schauplätze wirken etwas gewollt aneinandergereiht, wenngleich sie wunderbar abwechslungsreich und gut beschrieben werden, beispielsweise der Court in der U-Bahn.
Gaiman ist in jeder Hinsicht ein sehr einfallsreicher und lesenswerte Autor, soviel ist sicher. 

Neil Gaiman, Niemalsland. Bastei Lübbe, Mülheim 2016.


Monday, October 18, 2021

Jodi Picoult - Große kleine Schritte

Wieder einmal ein Buch, das eine Kategorie für die Popsugar Reading Challenge erfüllen sollte: A book with an oxymoron in the title - ich fand Kleine große Schritte, unter anderem weil ich die Autorin kannte (andere Challenge, Beim Leben meiner Schwester). Ich wusste nichts über das Buch.

Kleine große Schritte erzählt die Geschichte eines Gerichtsprozesses, in dem die Geburtskrankenschwester Ruth Jefferson (schwarz, verwitwet, alleinerziehend) des Mordes an einem kleinen weißen Baby angeklagt ist. Die rassistischen Eltern des Babys hatten zuvor erwirkt, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe von der Behandlung ihres Kindes ausgeschlossen werden sollte. Ihre Vorgesetzte entspricht diesem Wunsch und verbietet Ruth, das Baby weiter zu versorgen. In einer Situation von Unterbesetzung und einem Notfall bleibt sie aber dennoch mit dem Baby allein, als es zu einem Atemstillstand mit Todesfolge kommt.
Die weiße Pflichtverteidigerin Kennedy McQuarrie versucht in ihrer Verteidigungsstrategie den Rassismus, der bei der Behandlung des Babys eine so große Rolle gespielt hat, auszuklammern, sehr zum inneren Ärger von Ruth - Rassismus habe im Gerichtssaal keine Rolle zu spielen. Geschickt weist Kennedy nach, dass eine Erkrankung, die noch nicht nachgewiesen war, zum Tod des Babys führte, so dass sie den Fall so gut wie gewonnen hat - als Ruth darauf besteht, ihre Wahrnehmung des Vorfalls zu schildern und damit die rassistischen Aspekte doch noch thematisiert werden.
Parallel dazu wird auch noch die Sicht des rassistischen Vaters geschildert, die, obwohl zunächst für den Leser abstoßend, aber dennoch weiterentwickelnd seinen Charakter beleuchtet.
Um die Geschichte zu einem positiven Ende bringen zu können, bedient sich Jodi Picoult meines Erachtens nach eines erzählerisch fragwürdigen Tricks, eine sehr unwahrscheinliche Enthüllung ändert das Mindset des rassistischen Vater und führt zu einer Form der emotionalen Gerechtigkeit beim Leser.

Wie schon bei anderen Romanen zum Thema des amerikanischen Rassismus weiß ich nicht genau, ob ich die Perspektiven genau nachempfinden kann, Europa kämpft mit anderen Formen des Rassismus und der Vorurteile. Nicht weniger ätzend, aber anders.
Der systemische Rassismus, wie man ihn wohl nennt, ist durchaus eine Besonderheit der USA. In vielen der Rezensionen wird gelobt, wie Jodi Picoult diesen ihren Lesern vor Augen führt. In dem Charakter der Kennedy McQuarry vollzieht sich eine Wandlung ihres Verständnisses, obwohl sie beruflich ständig Schwarze verteidigt, aber erst mit Ruth zusammen wirklich versteht. Andere empfinden die Darstellung besonders der Vorkommnis
se im Krankenhaus als unpassend und abstoßend, die Reaktionen im Folgenden also teils als unrealistisch. Nachvollziehbar ist für mich, dass Ruths Stimme vielleicht nicht deutlich genug gehört oder nicht drastisch genug spricht. Vielleicht wird ihre Perspektive erneut von dem überheblichen Recht der Weißen überdeckt, alles am besten beurteilen zu können.
Ähnlich wie bei den unterschiedlichen Rezensionen bleibt auch meine Meinung zwiegespalten. Einerseits legt Picoult hier den Finger in die Wunde - auch offenkundig tolerante Weiße können sich nicht davon freisprechen von dem systemischen Rassismus zu profitieren und weiter zu dessen Erhalt beizutragen. Hier gibt es keine einfachen Antworten - aber es ist richtig zu fragen. Nach der Lektüre von beispielsweise Ta-Nehisi Coates gehen die Fragen der Autorin aber längst nicht weit genug. Aber vielleicht ist es in Ordnung, zumindest Schritte in die richtige Richtung zu gehen - für viele mag es ein wichtiges Buch zu richtigen Zeit gewesen sein, wenn man den vielen positiven Rezensionen glaubt. 

Jodi Picoult, Kleine große Schritte, Audiobuch 2017.

Wednesday, October 13, 2021

Gottfried Keller - Kleider machen Leute

Der Schneidergesellen Wenzel Strapinski aus Kleider machen Leute ist arm und zu Fuß unterwegs, als er von einem Kutscher eingeladen wird, in der leeren Kutsche mitzufahren. So gelangt er nach Goldach, und weil er gute Kleidung trägt und in der Kutsche vorfährt, hält man ihn für einen polnischen Grafen.
Aus verschiedenen Gründen unterlässt er es immer wieder, das Missverständnis aufzuklären und fügt sich in die Rolle, die ihm zunehmend gefällt. Dramatisch wird es, als er sich in die Tochter des Amtsrates verliebt und sie sich verloben. Sein Konkurrent findet heraus, wer er wirklich ist, und stellt ihn auf seiner Verlobungsfeier bloß. Doch der Skandal führt nicht zum gewünschten Erfolg, denn seine Verlobte gibt Wenzel nicht auf und heiratet ihn dennoch. Mit ihrer Hilfe baut er sich eine erfolgreiche Existenz als Schneider auf.

Ich glaube nicht, dass ich Gottfried Kellers Klassiker zuvor gelesen hatte, wenngleich der Inhalt natürlich bekannt ist. Es war relativ kurzweilig anzuhören in der Audiobook-Fassung. Der Wikipedia-Artikel liefert noch einige interessante Bezüge... Eine Klassiker-Leselücke geschlossen.

Tuesday, October 12, 2021

Terry Pratchett - Jingo

Bemerkung zum Titel: Für das englische Jingo bietet LEO zwei Übersetzungen an, Hurrapatriot und Chauvinist. Bei dieser Auswahl vielleicht nicht überraschend, dass weder das eine noch das andere zum deutschen Titel für Terry Pratchetts viertem Scheibenwelt-Roman über die Wache Ankh-Morporks ausgewählt wurde. Fliegende Fetzen gibt allerdings auch nicht viel her. 

Eines Tages taucht eine kleine Insel im Meer zwischen Ankh-Morpork und Al-Khali (der Hauptstadt von Klatsch) auf - natürlich erheben beide Städte/Länder Anspruch darauf und schon bereiten sich alle auf einen Krieg vor - trotz guter diplomatischer Verbindungen und Handelsbeziehungen. Kommandeur Mumm wird von den Kriegstreibern seines Amtes enthoben, bildet aber mit Hilfe der Wache sein eigenes Regiment und begibt sich auf den Weg nach Klatsch, um Schlimmeres zu verhinden.
(mehr zur Handlung hier...) 

Auch wenn der Plot an der ein oder anderen Stelle Lücken hat und oft scheinbar wahllos zwischen den einzelnen Protagonisten wechselt, so sind die Dialoge wie gewohnt voller Ironie und Sarkasmus und führen das Absurd-Sinnlose des Krieges wunderbar vor. Die Anspielungen sind zahlreich und das Setting auf See und im Wüstenstaat Klatsch bietet reichlich Möglichkeiten für die Mitglieder der Wache witziges zu erleben. Es ist sicher nicht der beste Roman über die Wache, aber er macht Spaß - so sehr wie ein Buch über den Krieg eben Spaß machen kann - ein weiterer Beweis für Pratchetts Genialität.
Die Lesung im Original von Nigel Planer ist sehr empfehlenswert.

Saturday, October 02, 2021

Jenny Lawson - Irre glücklich

Das Cover von Jenny Lawsons Buch Irre glücklich zeigt ihren ausgestopften Waschbären, der den Titel wirklich gut illustriert...
 
Ich habe Lawsons Buch ausgewählt, weil ich für meine Popsugar Reading Challenge noch eines brauchte von einem "blogger, vlogger, YouTube video creator, or other online personality". Lawson ist in den USA ausgesprochen erfolgreich und bekannt.
Die Autorin leidet unter anderem unter Depressionen und Angststörungen und kämpft dagegen an mit einer Lebenseinstellung, di zu allen verrückten und ungewöhnlichen Möglichkeiten im Leben ja sagt (zum Beispiel eine Beziehung zu einem ausgestopften Waschbären zu haben). Besonders im häuslichen Dialog mit ihrem Mann, aber auch auf Reisen oder bei Besuchen beim Arzt oder Therapeuten folgt sie impulsiven Gedankensträngen und erzeugt dadurch oft absurde und lustige Situationen. 
Ihre Positivität angesichts ihrer durchaus schwerwiegenden Erkrankung, die sie oft hindert, aus dem Haus gehen zu können, und Selbstmordgedanken auslöst, ist bewundernswert. Sie bietet anderen, die unter Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen leiden, Hoffnung und Empathie. Ihre Erinnerung an die verrückten und besonderen Momente helfen ihr (und vermutlich auch anderen) die dunkelsten Stunden durchzustehen. 
Auch wenn ich diesen Ansatz absolut positiv finde und Bewunderung finde für ihren Mut, ihr "Verrücktsein" so auszuleben, konnte ich die Geschichten selbst leider nicht immer witzig finden. Mir gefiel ihr Ansatz, aber nicht ihr Humor. So habe ich die einige der geschilderten Episoden nur überflogen und quer gelesen, was aber durchaus reicht, um einen Eindruck von Stil und Inhalt zu bekommen. Ich freue mich für jeden, dem dieses Buch hilft!

Jenny Lawson, Irre glücklich. Kailash, München 2016.


Sunday, September 26, 2021

Martin Walker - Provokateure

Provokateure, der siebte Band von Martin Walker um Bruno, Chef de Police, in dem beschaulichen Saint-Denis, beginnt mit einem Leichenfund im Wald. Der Nordafrikaner wurde gefoltert und es stellt sich heraus, dass er ein verdeckter Ermittler war, der in der Dschihadisten-Szene in Toulouse recherchiert hat. Zeitgleich erfährt Bruno, dass in Afghanistan ein autistischer Junge namens Sami aufgetaucht ist, der aus Saint-Denis stammt und nun zurückgeholt werden soll. Noch während Bruno sich um die Rückkehr der Jungen kümmert, der in Afghanistan Bomben gebaut haben soll, wird klar, dass die Mörder auch hinter Sami her sind.
Nun kümmerm sich auch die Geheimdienste um den Fall, auch der amerikanische Geheimdienst schickt eine Agentin, Nancy Sutton. Zwischen ihr und Bruno entwickelt sich bei der Zusammenarbeit eine starke Anziehung.
Während der Anhörungen um Sami um die Frage, ob er Opfer oder Täter, ausgenutztes Kind oder Dschihadist ist, muss sich Bruno auch noch um einen Fall aus dem zweiten Weltkrieg kümmern. Die Halévy Geschwister waren in Saint-Denis versteckt worden, bevor sie nach Israel auswanderten. Nun will die wohlhabende Schwester Maya Halévy sich mit einer großzügigen Spende bei der Kleinstadt bedanken, sofern diese ein entsprechendes Konzept für eine Gedenkstätte oder ein Museum vorlegt. Als Maya nach Saint-Denis reist, wird auch sie plötzlich zur Zielscheibe für die Dschihadisten, die immer noch Sami zum Schweigen bringen wollen, wofür jedes Mittel recht ist.
Es kommt zu einem großen Showdown mit viel Waffeneinsatz, bei dem Nancy schwer verletzt wird. 

Der Band erschien im Original 2014, auf Deutsch erst 2015, nach dem Attentat auf Charlie Hebdo, wodurch die Thematik hohe Aktualität erhielt - muslimische Extremisten, die in französischen Moscheen rekrutieren. Das Thema wird allerdings nur oberflächlich behandelt, die persönlichen Belange und Lebensumstände von Bruno und den Bewohnern der Kleinstadt stehen stärker im Vordergrund. Dies steht in Kontrast zu dem massiven Einsatz von Waffen und Gewalt, zu der es in diesem Band immer wieder kommt. Das mag nicht zu Saint-Denis und zu Bruno passen. Auch der Zweitplot um die jüdischen Geschwister wirkt zum Teil aufgesetzt und fügt sich nicht ins Ganze. Zwar hat mich Provokateure dennoch gut unterhalten, aber der Fall wirkt holprig und nicht immer schlüssig. 

Martin Walker, Provokateure. Diogenes, Zürich 2015.

 zur Liste aller Bände 

Saturday, September 25, 2021

Kan Takahama - Zwei Espresso

Kan Takahama ist eine japanische Zeichnerin, Illustratorin und Autorin. Seit 2003 werden ihre Bücher auch international veröffentlicht. 

Die Story von Zwei Espresso ist schnell zusammengefasst: Der französische Comiczeichner Benjamin reist ins japanische Hinterland, um nach einer Japanerin zu suchen, mit der er vor Jahren eine Nacht in Paris verbracht hat. Sie hat ihm damals zu seinem ersten beruflichen Erfolg verholfen, aber nur vage Hinweise auf ihre Identität hinterlassen. Er findet sie daher erst einmal nicht, sondern hilft einem Japaner, der dort im Nirgendwo ein Cafe betreibt, endlich Kaffeekochen zu lernen. Im Gegenzug hilft er ihm bei der Suche...
Der Zeichenstil ist eher europäisch als typisch japanisch, weswegen die Autorin auch bekannt geworden ist. Die schwarz-weißen Bilder sind ansprechend gestaltet (nur die Geräusche sind etwas übertrieben dargestellt, so dass man sie versucht zu übersehen/-lesen). Die Story ist unterhaltsam, aber birgt wenige Überraschungen. Andere Bände der Autorin (wie Der Liebhaber oder Stille Wasser) scheinen - glaubt man den Rezensionen - beeindruckender zu sein.  

Kan Takahama, Zwei Espresso. Carlsen, Hamburg 2016.



Saturday, September 18, 2021

Nikolai Gogol - Tote Seelen

Obwohl Nikolai Gogols Tote Seelen schon lange auf der Leseliste stand, wusste ich bisher sehr wenig über diesen Roman. Bei Librivox ist eine deutsche Aufnahme von Teil 1 und 2 vorhanden, gelesen von Eva K., der man gut zuhören kann.
Mit Satire und Zynismus wird die Geschichte des Pawel Tschitschikow erzählt, der einigen Grundbesitzern auf dem Lande tote Seelen (=Leibeigene) abkauft. Er biedert sich zunächst bei allen gesellschaftlich wichtigen Menschen an, um dann seine Geschäfte abzuwickeln. Die Handlung ist dabei weniger entscheidend als die umfassende Darstellung der korrupten, russischen Gesellschaft. Unverblümt kritisiert er offen russische Eigenarten und gewohnheiten, bindet den Leser stellenweise kumpelhaft in seine Beobachtungen ein und macht sich beständig lustig über seine stereotypen Charaktere.
Das macht über einen gewissen Zeitraum Spaß, in der Tat, aber ich muss auch zugeben, den fragmentierten Roman (für die Details siehe den wikipedia-Artikel) nicht zuende angehört zu haben. Für einen (guten) Eindruck hat es gereicht. 

Nikolai Gogol, Tote Seelen. LibriVox 2017.

Friday, September 17, 2021

Ta-Nehisi Coates - Zwischen mir und der Welt

Ta-Nehisi Coates, amerikanischer Autor und Journalist, geboren 1975, veröffentlichte Zwischen mir und der Welt im Jahr 2015 und erhielt dafür den National Book Award im Bereich Sachbuch. In Briefform erzählt Coates seinem Sohn in teils autobiographischen Episoden, teils in erklärenden Passagen, was es heißt, als schwarzer Mann in den USA zu leben. Sein Fokus liegt dabei auf der rassistischen Gewalt, die seiner Überzeugung und seinen Erfahrungen nach stets präsent und tief in der amerikanischen Kultur verwurzelt ist. "White Supremacy" ist etwas, gegen das Schwarze immer werden ankämpfen müssen, die Ungerechtigkeit ist Teil der amerikanischen Gesellschaft. Sprachlich (und inhaltlich) eindrücklich ist dabei, dass er von der Zerstörung schwarzer Körper spricht - natürlich auch in Bezug auf Polizeigewalt (“The destroyers will rarely be held accountable. Mostly they will receive pensions.”), aber auch in anderen Lebensbereichen und besonders auch im Gefängnis. Seine Beispiele und Erzählungen sind anschaulich, aus meiner europäisch-weißen Sicht musste ich mich trotzdem manchmal anstrengen, die beschriebenen Ungerechtigkeiten als Realität anzuerkennen und so manches Mal schlucken.

An den Brief an seinen Sohn schließt sich ein zweiter Sachteil an, der "Plädoyer für Reparationen" betitelt ist und eine Übersetzung eines Essays aus dem Magazin The Atlantic ist. Am Beispiel des Immobilienmarktes zeigt Coates darin auf, wie Politik und auch die Gesetzgebung über Jahrzehnte Schwarze beim Hauskauf nicht nur benachteiligten, sondern regelrecht ausbeuteten, und was die dadurch entstehende  Einschränkung des Wohnortes für Folgen (Ghettobildung) auf den gesellschaftlichen (Nicht-) Aufstieg hatte. Er greift eine Forderung nach Reparationen für die jahrhundertelange Ausbeutung der Schwarzen auf und führt positive Effekte deutscher Reparationszahlungen für den begangenen Völermord an den Juden an Israel an. Entsprechende juristische Versuche werden jedoch abgeblockt, statt dessen findet weiterhin Ausbeutung und Segregation statt, wofür er erschreckend aktuelle Beispiele anführt. 

Für mich war es kein leichtes Buch, einiges blieb mir fremd. Ich habe aber viel gelernt, eine andere Perspektive eingenommen, Wissensinseln verbunden - eine lohnenswerte Lektüre. 

Ta-Nehisi Coates, Zwischen mir und der Welt. Hanser, Berlin 2014.

Monday, September 06, 2021

Alexandre Dumas - Die drei Musketiere

Die drei Musketiere von Alexandre Dumas ist einer der Klassiker, die jeder kennt, aber vermutlich deutlich weniger gelesen haben. Die meisten Ausgaben umfassen 500 bis 700 Seiten oder mehr, das schreckt ab. Die Abenteuer des jungen D’Artagnans und seiner drei Freunde drehen sich um die Intrigen des Kardinals Richelieu, seinem Gefolgsmann Rochefort und Lady de Winter, denen die vier Gefährten mehr oder weniger geschickt mit einer großen Portion Mut und Glück entgegentreten.
Obwohl meine Audiobook-Edition schon gekürzt ist, konnten mich die Erlebnisse der Musketiere nur bedingt fesseln. Christoph Lindert gestaltet die Szenen durchaus actionreich und gibt den Figuren Leben - aber vermutlich ist Mantel-und-Degen-Abenteuer einfach nichts für mich. 

Alexandre Dumas, Die drei Musketiere. Saga Egmond 2020.

Saturday, September 04, 2021

Jenny Offill - Amt für Mutmaßungen

Jenny Offills Roman Amt für Mutmaßungen steht auf der Liste eine Langzeit-Challenge, die ich hoffe, irgendwann abzusc
hließen. Bei einer anderen Challenge (SuB-Abbau-Punkte-Challenge) ist gerade der Monat der SuB-Leiche, da erscheint es mir angebracht, vielleicht beide Challenges mal zusammenzubringen. Deswegen also dieses Buch jetzt.

Es umfasst nur 176 Seiten, war 2014/2015 für zahlreiche Preise nominiert (ohne welche zu gewinnen) und stand auf der Liste der besten Bücher des Jahres 2014 der New York Times. Rezensionen schwanken zwischen "unfassbar gut und beeindruckend" und "absolut belanglos". 

Ich weiß nicht so recht.
Es wird die Geschichte einer Beziehung erzählt, die Personen haben keine Namen, heißen nur die Frau und der Mann, hinzu kommt später noch das Kind. Der Erzählstil ist gewöhnungsbedürftig, sprunghaft, fragmentarisch. Gespickt ist das ganze mit wissenschaftlichen, literarischen und philosophischen Bezügen und Zitaten, den Interessen und der Bildung der Frau entsprechend. Anfangs sind es noch ich und du, später nur noch er und sie, symbolhaft für die Distanzierung, die sich im Inneren und Äußeren der Frau abspielt. Man muss gedanklich einige Leerstellen füllen, auch aufpassen, nicht einen Handlungszusammenhang zu verpassen in dem vor sich hin fließenden Stream of Consciousness, der einen manchmal einlullt. Andere sprechen von der großen Bedeutung, die sie in einzelnen Passagen des Buches finden, mich hat es leider nicht sonderlich angesprochen. Vielleicht ist die Problematik des Erblühens und Verwelkens einer Ehe mir nicht nahe genug. Auch hat mich das Abdriften der Protagonistin in die psychische Labilität irritiert, ihre Abhängigkeit von dem Verhalten ihres Mannes und ihre Anhänglichkeit sind nichts Erstrebenswertes. Wahrhaftig kein Buch, was ich unbedingt gelesen haben müsste, was ich jetzt aber auf der Liste abhaken kann. Das immerhin. 

Jenny Offill, Amt für Mutmaßungen. DVA, München 2014.

Friday, September 03, 2021

Jeffery Deaver - Der talentierte Mörder

In Lincolns und Amelias 12. Fall nutzt ein Mörder geschickt Alltagsgegenstände, die eine wifi- und computergestützte Fernsteuerung verwenden, um seine Taten zu verüben - ein Szenario, das genauso gruselig wie vorstellbar ist. Noch ein Grund mehr, keinen intelligenten Kühlschrank haben zu wollen...
Wie immer lässt uns Deaver auch in die Gedankenwelt der Täters ein, steuert die personale Erzählebene aber so geschickt, dass diverse Überraschungsmomente dennoch funktionieren. Eine Nebenhandlung lässt außerdem Amelias kriminellen Ex-Freund wieder auftauchen, einen Moment lang bangt man um ihre Beziehung zu Lindoln Rhyme. Auch andere alte Charaktere haben einen Auftritt, was beim langjährigen Leser der Serie zu einer Art Wohlfühlsfaktor führt. Die Ermittlung - tatsächliche Spurenanalyse und Kombinatorik - kommt allerdings m.E. etwas zu kurz. Insgesamt ein durchschnittlicher Thriller mit alten Bekannten. 

Jeffery Deaver, Der talentierte Mörder. Random House Audio 2017.

Tuesday, August 31, 2021

Angie Thomas - Concrete Rose

The Hate You Give war Angie Thomas' Debutroman und ein großer Erfolg im Jahr 2017. 2019 erschien ihr zweiter Roman On the Come Up und 2021 wurde Concrete Rose veröffentlicht. Bei letzterem handelt es sich um die Vorgeschichte zu ihrem ersten Roman. In dessen Zentrum steht der 17jährige Maverick, Starrs Vater in The Hate You Give. Mavericks Leben als Nachwuchsmitglied in der Gang in Garden Heights wird jäh unterbrochen, als sich herausstellt, dass er bei einem One-Night-Stand ein Mädchen geschwängert hat. Die will den Sohn nicht und schiebt ihn Maverick zu, der fortan als junger Vater eine Menge Probleme hat. Als sein bester Kumpel Dre erschossen wird und seine Freundin ebenfalls schwanger ist, muss er sich entscheiden, was für ein Leben er in Zukunft leben will - soll die Gang und der damit verbundene Drogenhandel weiterhin sein Leben bestimmen oder findet er einen anderen Weg? 

Concrete Rose ist wie schon The Hate You Give eine authentische und emotionale Geschichte mit einem interessanten Protagonisten. Maverick hat mich aber weniger beeindruckt als Starr, die von Anfang an in zwei Welten zurechtkommen und im weiteren Verlauf des Romans auch noch die politischen Auswirkungen ihres eigenen Handelns bedenken muss. Maverick kämpft mit seinen eigenen Dämonen und dem Erbe seines Vaters, sein
e Entscheidungen haben nicht das Ausmaß, die Dinge in seinem Umfeld weitgehend zu ändern. Dennoch bestellt er natürlich den Boden, auf dem Starr in The Hate You Give schließlich wachsen kann.
In der deutschen Übersetzung wirken manche der Englisch-belassenen Slang-Ausdrücke etwas gewollt, aber natürlich schaffen sie auch eine sprachliche Atmosphäre. Wer sich damit intensiver auseinandersetzen möchte, findet in der cbj Ausgabe hinten das passende Glossar. 

Angie Thomas, Concrete Rose. cbj, München 2021.

Wednesday, August 25, 2021

Terry Pratchett - Rollende Steine

In Rollende Steine hat TOD eine Sinnkrise und seine Enkelin Susanne muss einspringen. Zu dumm, dass sie sich bis dahin gar nicht so klar war, wer ihr Großvater ist und sie sich erst nach und nach an "Dinge" erinnert. Begleitet vom Rattentod ("QUIIEEK!") versucht sie, den Job so gut sie kann zu machen, aber natürlich gibt es Probleme.
Ein Barde, ein Zwerg und ein Troll haben zusammen die "Band mit Steinen drin" gegründet und ganz Ankh-Morpork dreht bei dieser neuartigen Musik durch. In der magischen Universität lernen die Zauberer plötzlich Gitarre, tragen seltsame Kleidung und streichen ihre Zimmer schwarz. Als der Gitarrist der Band bei einem Auftritt eigentlich sterben soll, entscheidet sich Susanne dafür ihn zu retten - und alles gerät noch mehr aus dem Lot. TOD muss so schnell wie möglich gefunden werden, damit alles wieder halbwegs normal werden kann... 

Rollende Steine hat vielleicht keine Story mit besonderem Tiefgang oder Sinn, ist aber viele wunderbare musikalische Bezüge, witzige Dialoge und ist bevölkert mit einer Menge Lieblingsfiguren der Scheibenwelt. Michael-Che Koch liest die Charaktere mit allen Facetten und das Quieken des Rattentods allein hat mich mehrfach zum Lachen gebracht. Es ist einer der seichteren, aber dennoch sehr unterhaltsamen Scheibweltromane. 

Terry Pratchett, Rollende Steine. Random House Audio 2012.

Sunday, August 22, 2021

Rupi Kaur - Home Body - zu hause in mir

Home Body ist der dritte Lyrik-Band der indisch-kanadischen Künstlerin Rupi Kaur. Ihre Gedichte ordnet sie in vier Teilen mit den deutschen Überschriften denken, fühlen, ausruhen und erwachen an.
Ich vermute, dass die Gedichte doch etwas unter der Übersetzung leiden (es war eine Ausleihe aus der Bibliothek), da mich Home Body weniger beeindruckt hat als Milk and Honey, das ich auf Englisch gelesen hatte. Das Zusammenspiel von Rupi Kaurs Illustrationen und Texten funktioniert weiterhin gut, vereinzelt haben mich die Zeilen durchaus ergriffen, anderes wirkte kaum auf mich. Die Botschaft dahinter trifft aber dennoch den Kern: Liebe dich selbst, deinen Körper und Geist. Verlass dich nicht auf das Urteil anderer (schon gar nicht das der Männer) und sei gut zu dir und anderen. Das ist etwas, das man sicher immer wieder lesen und anerkennen sollte.

Rupi Kaur, Home Body - zu hause in mir. Fischer, Frankfurt am Main 2020.

Website der Autorin

Monday, August 16, 2021

Fredrik Backman - Wir gegen euch

Wir gegen euch ist die Fortsetzung von Kleine Stadt der großen Träume von Fredrik Backman. Der Skandal um eine Vergewaltigung hat in der Kleinstadt Björnstadt große Wellen geschlagen und beeinflusst noch immer das Leben vieler Menschen. Gleichzeitig ist der
Björnstädter Eishockeyclub in Gefahr, es droht die Insolvenz. Wie auch schon in seinem Vorgänger, wird uns die Geschichte von einem allwissenden Erzähler präsentiert, der schnell zwischen den einzelnen Charakteren hin- und herspringt und den Eindruck vermittelt, den Ausgang der Geschichte und das Schicksal aller Personen zu kennen, dennoch erzählt er chronologisch. Der Ton ist ein wenig dramatischer und ernster, die Zusammenhänge komplexer. Trotz vieler Tiefschläge entwickeln sich die Handlungsstränge aber schlussendlich zum Positiven,
Björnstadt und seine Menschen haben doch noch eine Chance.
Insgesamt hat mir auch dieser Roman von Fredrik Backman gut gefallen, phasenweise fand ich ihn aber etwas langsatmiger als
Kleine Stadt der großen Träume. 

 Fredrik Backman, Wir gegen euch. Argon 2019.

Saturday, August 14, 2021

Amanda Gorman - The Hill We Climb

Die Ausgabe enthält ein Vorwort von Oprah Winfrey, den Originaltext, eine deutsche Übersetzung und Hilfen für die Ausdeutung des englischen Textes (Metaphern, Literaturbezüge, Kontexthilfen). Ich habe mir die eindrucksvolle Rede der Autorin parallel dazu angehört (Link zum Video). 

Beeindruckend.

For there is always light,
If only we're brave enough to see it,
If only we're brave enough to be it.

Friday, August 13, 2021

Wanderung Dissen / Wellingholzhausen

Dieser Wanderung lag die Tour 23 aus dem Kompass-Wanderführer Naturpark Teutoburger Wald zugrunde. Ich bin sie nicht ganz exakt wie vorgesehen gegangen, an der Länge der Strecke hat sich dabei allerdings nicht viel geändert. Man startet bequem am Wanderparkplatz Rehquelle/Kalksinterterassen. Man befindet sich damit im Gebiet des Naturparks Terra vita, der einer von sieben deutschen Geoparks ist, die die Auszeichnung UNESCO Global Geopark tragen.
Entsprechend umfangreich und hochwertig sind die Auswahl an Touren in dem Gebiet (es ist auch ein online Tourenplaner vorhanden für Radfahren und Wandern), die Infotafeln und die Beschilderung insgesamt.
Meine Tour führte durch das Quellgebiet mehrerer Flüsschen, die sich zur Hase zusammentun, einem Nebenfluss der Ems. Zwei Aussichttürme (Steinegge und Beutling) bieten Überblick und natürlich geht man auch ein Stück vom Hermannsweg - wie immer, wenn man im Teuto unterwegs ist. Die Tour war abwechslungsreich und hat sich definitiv gelohnt.

Link zur Tour bei Komoot

viel schöner Buchenwald auf dem ersten Abschnitt

umfangreiche Beschilderung

Blauer See (blau?)

Blick ins Osnabrücker Land

vom Turm der Steinegge aus

H wie...

...Hermannsweg

Beutling

Neues wagen... genau.


Blick nach unten



Wednesday, August 11, 2021

Michael Robotham - Die andere Frau

Joe O'Loughlins Vater William ist Opfer eines brutalen Überfalls geworden und liegt im Koma. Als er im Krankenhaus ankommt trifft er dort schockierender Weise nicht auf seine Mutter, sondern eine fremde Frau, die behauptet, ebenfalls Williams Ehefrau zu sein! Dass die Frau dort mit blutbefleckten Kleidern sitzt, lässt ihn zusätzlich misstrauisch werden. Joe hat viele Fragen und stellt Ermittlungen an, die seine Vorstellung von dem Leben seines Vaters vollständig auf den Kopf stellen.
Gleichzeitig muss er seine eigene Rolle als Vater auf den Prüfstand stellen - denn seine Tochter Emma hat ihren Weg im Umgang mit dem Tod ihrer Mutter noch nicht gefunden und droht ihm zu entgleiten.
Im nunmehr neunten Band der Serie ist
Joe O'Loughlin zusammen mit Vincent Ruiz als Unterstützer bestechend hartnäckig, lässt sich von Hindernissen nicht aufhalten und obwohl ihn die Familiengeheimnisse, auf die er stößt, persönlich betreffen, deckt er Schicht um Schicht auf und kommt so dem wahren Täter noch vor der Polizei auf die Spur. Als Charakter bekommt er noch mehr Tiefe, seine Selbstzweifel und sein Mut, Fehler einzugestehen wecken Sympathien. Gelungen. 

Michael Robotham, Die andere Frau. Goldmann, München 2018.

Sunday, August 08, 2021

Wulf Dorn - Phobia

Um es vorweg zu nehmen: So ganz überzeugen konnte mich Wulf Dorns Psychothriller Phobia nicht.
Der Einstieg ist vielversprechend: Sarah Bridgewater hört eines Nachts ihren Mann von seiner Geschäftsreise nach Hause kommen - sie geht in die Küche und trifft auf einen Mann, der den Anzug ihres Mannes trägt, dessen Koffer dabei hat und auch in dessen Auto nach Hause gekommen ist. Es ist aber nicht ihr Mann Stephen, auch wenn er dies behauptet. Sarah flüchtet und dann ist der Mann auch zunächst wieder verschwundet - doch wo ist Stephen?
Die Polizei ist skeptisch und so beginnt sie selbst nachzuforschen. Hilfe bekommt sie von einem Freund, dem Psychiater Mark Behrendt. Der Klappentext nennt das folgende ein "psychologisches Duell", doch es gleicht eher eine Schnitzeljagd, bei der Sarah und Mark immer mal wieder auf eine vom Täter absichtlich hinterlassene Spur stoßen. Parallel kommt auch der Täter zu Wort, der aber seine Beweggründe erst am Schluss enthüllt. Besonders diese fand ich nicht plausibel und auch an vielen anderen Stellen birgt die Geschichte große Unwahrscheinlichkeiten. Der Umgang mit Sarahs Angststörung (Phobia) war ebenfalls nicht logisch, da sie deswegen zwar ihren Job aufgegeben hat, aber während der Geschehnisse davon in keiner Weise beeinträchtigt wird.  Der Wunsch, die Motive des Täters zu erfahren, hat mich das Audiobook zuende hören zu lassen, wirklich gefesselt hat mich der Roman nicht. 

Wulf Dorn, Phobia. Random House Audio 2013.

Wednesday, August 04, 2021

Volker Kutscher - Märzgefallene

 Nach Die Akte Vaterland ist Märzgefallene der fünfte Roman um Gereon Rath von Volker Kutscher. Der feiert noch einmal in der alten Heimat Karneval, während in Berlin der Reichstag in Brand gesetzt und von einem Anschlag der Kommunisten geredet wird. Mühelos schafft es der Autor uns mit ins Jahr 1933 reisen zu lassen, es ist eine angespannte Atmosphäre so kurz vor der Reichstagswahl, besonders bei der Polizei.
Charly, Raths Verlobte, steht kurz vor ihrer Prüfung, aber kann das nationalsozialistische Gebaren ihrer Vorgesetzten nur schwer ertragen. Im Gegensatz zu Gereon selbst hat sie große Angst davor, dass die drohende Machtergreifung der NSDAP die Demokratie gefährdet.
Rath selbst wird dienstverpflichtet, Kommunisten zu verhören, und ermittelt gleichzeitig heimlich an seinem Fall weiter: Es gibt eine Verbindung von dem ermordeten Obachlosen in die Kriegsvergangenheit, über die dessen Vorgesetzter gerade ein Buch veröffentlicht hat. Was ist dran an dem versteckten französischen Bankgold? Versucht jemand, die letzten Mitwisser auszuschalten? Es ist ein ziemliches Versteckspiel, das Rath da durchschauen muss. 

Bei diesem Band waren mir die Verwicklungen und Komplikationen fast ein bisschen zu arg, beim Hören kam ich nicht immer mit, wer sich gerade als wer ausgibt, bei den vielen Namen war es nicht einfach, nicht den Faden zu verlieren. Sehr gut hingegen hat mir wieder die historische Einbettung gefallen - ich kann mir gut vorstellen, dass nicht alle die Bedrohung durch die NSDAP ernst genug genommen haben oder genervt waren von dem politischen Durcheinander der Zeit. Gleichzeitig dringt das Politische auch in die Familien ein, was Kutscher in der Auseinandersetzung von Charly und Gereon und später auch bei der Hochzeitsfeier der beiden Familien einfließen lässt. Der tatsächliche Kriminalfall und die wieder mal sehr unorthodoxe "Lösung" fand ich weniger beeindruckend. 

Volker Kutscher, Märzgefallene. Argon 2014.

Tuesday, August 03, 2021

Timo Parvela - Ella in der Schule

Timo Parvelas Ella-Serie ist in Finnland bekannt und beliebt. Der Autor hält sich nicht lange aufhalten mit Einleitungen und Vorstellungen der Charaktere. Man stürzt sofort hinein ins Geschehen in Ellas Klassenzimmer:

Mein Name ist Ella. Ich gehe in die erste Klasse. Meine Klasse ist nett, und unser Lehrer ist auch nett. Oder eigentlich war er nett, denn unser Lehrer ist nicht mehr so wie früher.

Und dann entspinnt sich eine wilde, vielleicht nicht ganz realistische Geschichte, um eine Erpressung des genannten Lehrers, der sich angesichts seiner sehr fantasievollen Klasse oft nicht zwischen Verzweiflung und lautem Lachen entscheiden kann. Die Charaktere in Ellas Klasse sind normale Mädchen und Jungen, mal mutig, mal ängstlich, mal clever und mal begriffsstutzig. Die Geschichten (nach der Erpressung folgt noch ein chaotisches Krippenspiel und ein abenteuerlicher Klassenausflug) sind in einfacher Sprache, aber sehr humorvoll erzählt. Ellas Erzählung folgt der Kinderperspektive, die Situationskomik allein sorgt für viele laute Lacher, aber auch als Erwachsener kann man unter der Oberfläche noch einiges zum Schmunzeln finden. Natürlich wird eine überaus heile Welt geschildert, die Elternhäuser und andere Probleme kommen gar nicht zur Sprache, weil nur von der Schule erzählt wird, aber wie selbstverständlich hält die Klasse zusammen, die Kinder helfen einander (auch wenn sie sich mal beschimpfen und streiten) und sie gehen gern zur Schule. Letzteres eine Prämisse, die ich für ein Buch für die Altersstufe für eine gute Idee halte. Ich mochte Parvelas Erzählstil und habe mich gut amüsiert. 

Timo Parvela, Ella in der Schule. Hanser, München 2013.

Monday, August 02, 2021

Colson Whitehead - Underground Railroad

Als in der Popsugar Reading Challenge das Genre Afrofuturism auftauchte, musste ich erst einmal recherchieren und trotz Wikipedias Definition habe ich dennoch nur eine vage Vorstellung. Entscheidend schien mir dies: "While Afrofuturism is most commonly associated with science fiction, it can also encompass other speculative genres such as fantasy, alternate history, and magic realism."
Wow, alternative Geschichte und magischer Realismus - es blieb abenteuerlich. Zum Glück liefert goodreads ja auch immer Listen zu den Popsugar Reading Challenge Aufgaben und so fand ich heraus, dass Colson Whiteheads Roman Underground Railroad, den ich sowieso lesen wollte (
Pulitzer Prize 2017), zum Genre passt. Und da wurde es gleich spannend, denn wenn man dieses Roman beginnt, hat man erst einmal den Eindruck, es handele sich um einen historischen Roman, eine Geschichte zu Zeiten der Sklaverei in den USA. Doch die Unstimmigkeiten häufen sich und treten spätestens in der Szene zu Tag, in der die Underground Railroad (historisch ein Netzwerk von Menschen, die Sklaven zur Flucht in die Freiheit verhalfen) als tatsächliche Untergrundbahnstrecke beschrieben wird. Zahlreiche goodreads-Diskussionen und -Rezensionen zeigen, dass sich hier auch die Geister scheiden, ob sie den Roman schätzen oder nicht. Der Autor wagt es, das überaus harte Thema des Leidens der Afroamerikaner *nicht* realistisch zu schildern und nicht historisch akkurat darzustellen, statt dessen bastelt er neben der Railroad auch noch ganze Staatsgesetze hinzu und vermischt Dinge, die eigentlich zu unterschiedlichen Zeiten stattgefunden haben (z.B. die Episode mit der Idee zur Sterilisation von Schwarzen).
Nun, Whitehead hat nichts von historischem Roman gesagt. Das sind wir, die Leser, die dies erwarten.
Alternative Geschichte und magischer Realismus.

Aber was bleibt, wenn man sich von dieser Problematik löst und die Geschichte als solche hinnimmt?
Da ist die Protagonistin Cora. Die ist real und wenig magisch. Durch sie erleben wir die Misshandlung und Erniedrigung und das Leid auf allen Ebenen. Und entscheidend: Es hört nicht auf. Sie wird auf der Plantage geschlagen und vergewaltigt, sie flieht. Sie muss morden, um zu entkommen, und mit der Schuld leben. Sie lebt in einem Ghetto weiter unter den weißen Gesetzen und muss erniederigende Arbeit erleiden, wenngleich sie nur noch indirekt physisch bedroht wird. Sie flieht. Sie gelangt in eine Art schwarze Kommune und erlebt, dass sie Teile ihres Alltags selbst bestimmen kann, doch die Angst bleibt, da die Weißen die frei(er) lebenden Schwarzen als Bedrohung empfinden, die ihnen etwas wegnehmen. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Zeiten der Unterdrückung die Menschen psychisch verletzt haben, ihre Seele lässt sich kaum befreien. Cora flieht wieder - ob sie die Freiheit findet, bleibt ungewiss und scheint nicht wahrscheinlich. 

Coras Erleben zeigt den Schrecken und die immer noch anhaltende Ungerechtigkeit und hält damit den Weißen in den USA, den Weißen überall auf der Welt den Spiegel vor. Die Geschichte ist noch nicht zuende.

“If you want to see what this nation is all about, you have to ride the rails. Look outside as you speed through, and you’ll find the true face of America. It was a joke, then, from the start. There was only darkness outside the windows on her journeys, and only ever would be darkness.”

Ich denke, Underground Railroad ist in seiner Andersartigkeit ein spannendes Buch, ein herausforderndes Buch und alles in allem ein lesenswertes Buch.

Colson Whitehead, Underground Railroad. Carl Hanser, München 2017.

Sunday, August 01, 2021

Banana Yoshimoto - Kitchen

Kitchen von Banana Yoshimoto erschien in Japan erstmals 1988, wurde 1993 ins Englische übersetzt und erzielte danach auch internationalen Erfolg. 

Die Protagonistin Mikage Sakurai hat nacheinander alle ihre Familienmitglieder verloren, zuletzt ihre Großmutter. Sie trauert sehr, ist verzweifelt und fühlt sich nur in der Küche mit dem brummenden Kühlschrank nicht ganz so verloren. Überraschend wird sie von Yuichi Tanabe und Eriko Tanabe eingeladen, zu ihnen zu ziehen. Yuichi ist der Sohn von Eriko, die eigentlich ihr Vater war, aber nun als Transgender-Frau einen Nachclub leitet. Die ungewöhnliche Wohngemeinschaft stabilisiert Mikage, so dass diese einen Traumjob als Assistenten einer angesagten Köchin/Kochlehrerin erhält und schließlich in ihre eigene Wohnung zieht.
Im nächsten Teil des kurzen Romans leidet Yuichi schwer unter dem gewaltsamen Tod von Eriko, die in ihrem Club ermordet wurde. Nun ist es an Mikage, ihm in seiner Trauer zu helfen. Dabei ist sie sich unsicher, ob sie eher geschwisterliche und freundschaftliche Gefühle für ihn hat oder ob es vielleicht doch mehr ist. Erst als sie durch eine dienstliche Reise von ihm getrennt wird, realisiert sie, dass sie ihn nicht aus ihrem Leben verlieren möchte. Dies geschieht, nachdem sie ein köstliches Katsudon gegessen hat, ein bedeutungsvolles Gericht in Japan. Es besteht hauptsächlich aus frittiertem Schweinekotelett (=tonkatsu), während katsu auch "gewinnen, siegreich sein" bedeutet, weswegen es von Studenten vor  Prüfungen gegessen wird. Mikage isst Katsudon und realisiert, dass sie es mit Yuichi teilen möchte und fährt tatsächlich mit dem Taxi zu ihm, um ihm eine Portion zu bringen. Schon zuvor hat die Küche bzw. Essen eine wichtige Rolle in der Beziehung der beiden gespielt, diese Szene bildet den krönenden Abschluss, deren volle Bedeutung sich aber wohl internationalen Lesern nicht immer erschließen wird. 

Ich fand die Wechselwirkung von Essen und emotionaler Ebene interessant, besonders da Mikage sich ihrer Gefühle gegenüber Yuichi selbst so lange nicht klar ist, sie sich aber kochend um ihn bemüht. Das Gefühl der Trauer um die geliebten Menschen ist etwas präsenter, drückt sich aber eher in einem generellen Leiden an der Welt und nur manchmal in konkreten Erinnerungen an die Verstorbenen aus.

From the bottom of my heart, I wanted to give up; I wanted to give up on living. There was no denying that tomorrow would come, and the day after tomorrow, and so next week, too. I never thought it would be this hard, but I would go on living in the midst of a gloomy depression, and that made me feel sick to the depths of my soul. In spite of the tempest raging within me, I walked the night path calmly.

Auch wenn der Plot nicht allzu viel Handlung aufweisen kann, einige Nebenszenen auch etwas aufgesetzt wirken (die eifersüchtigen Mitstudentinnen von Yuichi beispielsweise), so fand ich Kitchen nicht zuletzt wegen einiger poetisch-philosophischer Gedanken Mikages interessant, wenngleich ich immer wieder merke, wie fremd mir japanische Lebenskultur (leider) doch ist. 

Banana Yoshimoto, Kitchen. Randomhouse 2006.