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Sunday, July 09, 2023

Abdulrazak Gurnah - Das verlorene Paradies

2021 wurde Abdulrazak Gurnah (geboren 1948 auf Sansibar) der Literaturnobelpreis verliehen. Daran anschließend wurden einige seiner Romane in Deutschland neu verlegt.
Das verlorene Paradies erschien im Original 1994, spielt im Tansania des frühen 20. Jahrhunderts und handelt von dem zwölfjährigen Yusuf, dessen Eltern ihn zur Bezahlung ihrer Schulden an einen arabischen Händler übergeben, den er Onkel Aziz nennt. Durch seine Arbeit für Aziz lernt er verschiedene Landesteile und Kulturen in seinem Land kennen. Im Geplänkel der Männer untereinander erfährt Yusuf etwas über Religion und Glauben (nicht nur seinen eigenen muslimischen), die Brutalität der Stärkeren, insbesondere auch in Bezug auf Sklaverei und die Rücksichtslosigkeit der deutschen Kolonialisierung. Frauen lernt er eher als mysteriöse, unverständliche Wesen kennen, die ihm scheinbar Verbotenes aufzudrängen scheinen. Doch erlauben die Umstände ihm nie, seine Beziehungen weiterzuentwickeln. Dabei wird er sich, je älter er wird und je mehr er erlebt und erfährt, sich seiner Unfreiheit bewusst. Auch er lebt als einer Art Sklave unter dem Regime seines angeblichen Onkels, auch wenn er dessen Garten lange als eine Art Paradies wahrnimmt. Die Geschichte endet plötzlich mit dem Auftauchen der deutschen Kolonialarmee, denen sich Yusuf anschließt, um seiner restriktiven Abhängigkeit zu entfliehen. 

Das verlorene Paradies schildert eindrücklich die Zerrissenheit, aber auch die Vielfältigkeit des multikulturellen Landes Tansania (oder auch Deutsch-Ostafrika, später Tanganyika Territory...) kurz vor Beginn des ersten Weltkriegs. Zusammen mit Yusufs Erfahrungen über die Jahre hinweg erweitert sich auch der Blick des Lesenden auf Land und Leute und schärft den Blick auf Sklaverei und Kolonialismus. Interessant ist auch die immer wieder betonte Kultur des Geschichtenerzählens in einem Land mit wenig Bildung und hohem Grad von Illiteralität. Was ist die Geschichte hinter der Geschichte? Was sagt sie über den Erzählenden aus? Und so reiht sich Yusufs Geschichte ein...

Abdulrazak Gurnah, Das verlorene Paradies. Hörverlag 2021.

Monday, April 18, 2022

Bernhard Grzimek - Serengeti darf nicht sterben

Bernhard und Michael Grzimeks Dokumentarfilm Serengeti darf nicht sterben gewann als erster deutscher Film nach dem zweiten Weltkrieg einen Oscar, nämlich 1960 in der Kategorie Dokumentarfilm. Gedreht hatten die beiden während ihren intensiven Forschungstätigkeiten in den späten 50er Jahren in der Serengeti, damals im Gebiet von Tanganjika, dem Festlandgebiet des heutigen Tansania. Es stand zur Diskussion, Teile des damals schon existierenden Nationalparks freizugeben. Die Grzimeks fanden heraus, dass die Migrationswege der großen Tierherden dadurch massiv beeinträchtigt wurden. Ihre Foschungsergebnisse halfen, dass die betroffenen Areale zu Schutzgebieten erklärt wurden, wenngleich sie auch nicht mehr zum Nationalpark gehörten.

Das gleichnamige Buch verfasste ursprünglich Michael Grizimek während der Forschungsreisen und Dreharbeiten zum Film. Nach dessen tödlichem Flugzeugabsturz (ausgelöst durch einen Beschädigung der Maschine durch einen Zusammenstoß mit einem Vogel) vollendete Bernhard Grzimek das Buch und ergänzte es offenkundig mit seinen Erinnerungen an die Zusammenarbeit mit seinem Sohn. Dadurch verschwimmen die Genregrenzen des Buches: Es ist zwar ein Sachbuch, das über Geographie, Flora und Fauna, aber auch von den Bewohnern des Gebiets berichtet, aber es enthält viele Anekdoten, Zitate, die das Verhältnis von Mensch und Tier kommentieren, viele persönliche biographische Begebenheiten und es hat auch wissenschaftliche Elemente bezüglich der Tiermigration, dem eigentlichen Anlass für die Expedition der Grzimeks.

Aus heutiger Sicht mit über 60 Jahren Abstand ist es interessant zu sehen, wie Grzimeks schon damals eine andere Sichtweise auf den Tierschutz, die Jagd und die Verantwortung des Menschen für sein Ökosystem eingenommen hat. Sein intensiver Wunsch, die Serengeti zu erhalten entgegen aller wirtschatflichen und vergnügungssüchtigen Interessen, verdient Hochachtung. Er dachte dabei nicht nur an die Tiere, sondern auch an kommende Generationen, die dieses Wunder der Natur ebenfalls erleben können sollten. Spannend ist auch, wie für dieses Projekt erst Instrumente erdacht werden mussten, um die nötigen Daten erfassen zu können. Dazu zählt das berühmte zebragestreifte Flugzeug, mit dem in Streifen die Serengeti überflogen wurde, um die Herden der migrierenden Tiere zählen zu können (in Dreierteams, um die Richtigkeit der ungefähren Zahlen sicherzustellen). Auch die Markierung einzelner Tiere mit Banderolen und Ohrmarken, um sie auch aus der Luft wiedererkennen zu können, stellte eine neue Idee dar. An diesen Beispielen wird klar, wieviel Aufwand Grzimeks betrieben, um ihre Erkenntnisse zu gewinnen.

Ursprünglich hatte ich das Buch gekauft, um es während meiner Tansaniareise 2019 zu lesen. Da mein e-reader das Buch zunächst nicht anzeigen konnte, blieb es bis heute ungelesen. Jetzt bin ich all den wunderbaren Erlebnissen dieser besonderen Reise durch das Buch wiederbegegnet: Den Landschaften und Orten, den Menschen und allen voran den Tieren. Am Ende des Buches von Michael GrzimeksTod zu lesen und sein Grabmahl am Kraterrand von Ngorongoro gesehen zu haben war anrührend.
Die folgenden Fotos stammen von meiner Reise.

Blick in den Ngorogoro-Krater

An einem Wasserloch

Elefanten in der Serengeti - es sind inzwischen mehr als zu Grzimeks Zeiten!