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Friday, January 04, 2019

Gail Honeyman - Ich, Eleanor Oliphant

Der Originaltitel von Gail Honeymans Debutroman ist sehr viel bedeutsamer als die deutsche Übersetzung: Eleanor Oliphant Is Completely Fine. Nein, bereits auf den ersten Seiten (bzw. nach den ersten Minuten des Audiobooks) ist klar, dass es Eleanor nicht gut geht. Sie ist anders als andere Menschen, lebt seltsam emotionslos an den anderen vorbei und ist dabei auf eine Weise isoliert und einsam, dass es einem das Herz bricht.
Nach und nach wird klar, dass ein traumatisches Ereignis in ihrer Kindheit dafür verantwortlich sein muss, doch was genau geschehen ist, erfährt der Leser erst am Ende, nachdem er Eleanors Weg mit ihr gegangen hat.
Der einzige Ort, an dem Eleanor auf Menschen trifft, ist ihr Arbeitsplatz, ihre Kolleginnen finden sie aber seltsam und lästern nahezu offenherzig auch in ihrer Gegenwart über sie. Ein kaputter Computer bringt sie in Kontakt mit Raymond, ein eher nerdiger, aber gutherziger Typ, der über ihre seltsamen Seiten hinwegsehen kann und mit ihr spricht. Aus dieser Begegnung entspinnt sich das langsame Aufbrechen von Eleanors Panzer.
Eleanor berichtet von ihrem Leben und ihren Erfahrungen mit ihrer ganz eigenen Stimme und man ahnt, dass ihre Wahrnehmung sich nicht immer mit der anderer Menschen deckt. Sie ist kein verlässlicher Erzähler ihrer eigenen Geschichte, im Gegenteil. Es könnte eine sehr traurige Story sein, aber in ihrer ungewöhnlichen Wahrnehmung liegt auch eine Beobachtungsschärfe und ein Zynismus, die enttarnend ist für die seltsamen sozialen Zusammenhänge und Situationen, in denen wir uns Tag für Tag bewegen. Warum antwortet man immer "Danke, gut." auf die Frage, wie es einem geht? Warum ist es die einzig richtige Antwort? (In Deutschland allerdings etwas weniger definitiv als in Großbritannien...siehe Titel...) So sind auch andere Gewohnheiten und gesellschaftliche Gepflogenheiten bei näherer Betrachtung und unter Eleanors Lupe gar nicht mehr so logisch, wie man gemeinhin denkt.
Ich, Eleanor Oliphant ist eine ergreifende Geschichte, legt den Finger in die Wunde der großen Einsamkeit, in der viele Menschen in unserer Gesellschaft unerkannt leben, und macht zugleich Hoffnung, dass es manchmal vielleicht nur kleiner Gesten von Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft bedarf, um etwas zu bewegen. Damit gelingt Gail Honeyman eine Mischung aus unterhaltsamer und emotionsgeladener Geschichte und einer bedenkenswerten Botschaft.

Gail Honeyman, Ich, Eleanor Oliphant. Lübbe Audio 2017.

Interview with Gail Honeyman (Guardian)

Monday, December 03, 2018

Celeste Ng - Kleine Feuer überall

Wir befinden uns in Shaker Heights, Ohio, einer "planned community", in der alles reguliert und geplant ist, alles ist also so, wie es sein soll. Diesem Ideal folgt auch Elena Richardson mit ihrem gepflegten Haus und den wohlgeratenen Kindern. Naja, fast alle Kinder sind wohlgeraten, denn die jüngste Tochter Izzy ist schon immer der Querkopf der Familie gewesen. Elena besitzt noch ein zweites Haus, das sie gern an Leute vermietet, die etwas Unterstützung gebrauchen können. Eines Tages zieht die Fotografin und Künstlerin Mia Warren mit ihrer Tochter Pearl dort ein. Die Richardson Kinder freunden sich nach und nach alle mit Pearl und auch mit Mia an, besonders Izzy sucht Mias Nähe, denn diese ist so anders als alle in ihrer eigenen Familie.
Aus diesem eher schlichten Setting entwickelt Celeste Ng in Kleine Feuer überall einen bunten Strauß an Charakteren und wechselt ihre Perspektiven und Erzählschwerpunkte durch den ganzen Roman hindurch beständig. Dem Leser ist dabei stets klar, das die Geschichte auf die am Anfang vorweg genommene Katastrophe hinsteuert. Jeder einzelne trägt ein "kleines Feuer" bei, jeder hat seine Geheimnisse, sein persönliches Drama, das unaufhaltsam seinen Lauf nimmt. Dabei bleibt der Erzählton stets sachlich, fast ein bisschen nüchtern, bedenkt man, wie eindrucksvoll die Charaktere dennoch wirken, keine geringe Leistung der Autorin - beeindruckend.
Damit nicht genug, beleuchtet der Roman auch noch facettenreich, was eine gute Mutter ausmacht. Hier werden Elena Richardson und Mia Warren einander konträr gegenüber gestellt, deren Erziehungsbasis nicht unterschiedlicher sein könnten. Außerdem wird - quasi nebenbei - der Sorgerechtsfall um ein kleines Mädchen chinesischer Abstammung behandelt: Wer ist geeigneter das Mädchen in Zukunft zu erziehen - das reiche amerikanische Ehepaar, das das Kind bei sich aufnahm und sich schon lange ein Kind wünscht, oder die alleinerziehende, leibliche Mutter, die in einer Phase wirtschaftlichen und psychischen Elends das Kind weggab und nun wieder Verantwortung für die Tochter übernehmen möchte? Keine einfache Frage, die auch von den Charakteren des Romans nur schwer beantwortet werden kann.
Es ist der Perspektivenreichtum, der Celeste Ngs Roman von anderen abhebt, wenngleich man ihr diesen gegebenenfalls auch zum Vorwurf machen kann, denn am Ende steht nicht der eine große Schlusston, der eine ausentwickelte Protagonist, der die Welt mit neuen Augen, mit neuer moralischer Grundhaltung betrachtet. Dies ist nicht der Weg, den die Autorin wählt - dies kann der Leser werten, wie er will.

Celeste Ng, Kleine Feuer überall. DAV 2018.