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Wednesday, December 16, 2015

Alan Bennett - Schweinkram

Nach seinem Bestsellererfolg mit Die souveräne Leserin, in der Alan Bennett eine äußerst unterhaltsame Geschichte über eine lesende Queen erzählt, habe ich einige der anderen Prosawerke des britischen Autors gelesen.
Schweinkram. Zwei unziemliche Geschichten (im englischen Original Smut: two unseemly stories) enthält zwei kürzere Erzählungen, die von ungewöhnlichen, schrägen sexuellen Beziehungen handeln.

Mrs. Donaldson erblüht erzählt von einer Witwe, die sich plötzlich in der seltsamen Situation wiederfindet, ihren Untermietern beim Sex zuzusehen - und zu ihrem eigenen Erstaunen, großen Gefallen daran finden.

In Mrs. Forbes wird behütet ergibt sich ein ziemlich unwahrscheinliches Beziehungsdurcheinander, als der eigentlich schwule Sohn eine höchst intelligente Frau heiratet, die relativ die Erpressung durch den Liebhaber ihres Mannes durchschaut und unterbindet, auch, um dabei die Schwiegermutter Mrs. Forbes vor der Wahrheit zu schützen, was diese aber eigentlich nicht nötig hat.

Beide Geschichten bestechen durch den ausgesprochen zynischen schwarzen Humor und die sehr britischen Charaktere, bei denen der Leser hinter die scheinbar spießig-korrekte Fassade schaut und sich wundern muss über die Geheimnisse, die er da erspäht. Sprachlich sind die Geschichten typisch Bennett, sehr ausgefeilt, und die Dialoge sind so trocken witzig, dass man sie eigentlich gleich jemandem laut vorlesen möchte.

Das Buch ist zudem ein typisches Wagenbach-Juwel, Quartband und Leineneinband, neben allem anderen ein haptisches Vergnügen.

Alan Bennett, Schweinkram. Zwei unziemliche Geschichten. Wagenbach, Berlin 2012.

Friday, May 31, 2013

Alan Bennett - Die souveräne Leserin (Audiobook)


Erneute Begeisterung bei der Wiederbegegnung mit Alan Bennetts Roman über die lesende Queen. Das Audiobook wird gelesen von Jürgen Thormann, dessen Stimme wunderbar vertraut ist (nicht zuletzt aus zahlreichen Drei-Fragezeichen-Folgen...) und perfekt zum Erzählton von Die souveräne Leserin passt. Definitive Lese- und Hörempfehlung.

Alan Bennett, Die souveräne Leserin. Artemis & Winkler 2010.

Sunday, April 26, 2009

Alan Bennett: Handauflegen


Nach Die souveräne Leserin und Cosi fan tutte ist Handauflegen nun die dritte Geschichte, die ich von Alan Bennett gelesen habe. Vielleicht ist Handauflegen nicht gar so bissig und sprachlich treffsicher (sofern man bei Übersetzungen überhaupt so harsch urteilen sollte) wie die beiden anderen, die mich sehr begeisterten. Dennoch ist es eine sehr hübsche, englische Geschichte über eine Gedenkfeier für einen Toten, den alle Besucher erst in der Kirche als den gemeinsamen (sexuellen) Nenner der britischen High Society, der Stars und "wichtigen Menschen" erkennen. Unterhaltsam und ein bisschen böse. 
Alan Bennett, Handauflegen. Wagenbach, Berlin 2009. 

Sunday, December 28, 2008

Alan Bennett - Die souveräne Leserin


"...aber informieren ist nicht gleich Lesen. Es ist im Grunde sogar der Gegenpol des Lesens. Information ist kurz, bündig und sachlich. Lesen ist ungeordnet, diskursiv und eine ständige Einladung. Information schließt ein Thema ab, Lesen eröffnet es." (S.22)
Neulich bekam ich den Newsletter der Wagenbach Verlags, in dem die Verantwortlichen sich ganz offen über ihren Erfolg mit Alan Bennetts kleine Geschichte "Die souveräne Leserin" freuten und dabei erwähnten, sie hätten noch nie einen Bestseller gehabt. Immerhin ist der Band auch diese Woche noch Platz 10 auf der Spiegel-Liste.
Das Buch ist aber auch einfach schön in jeder Hinsicht:
  1. Es ist in Wagenbachs Salto-Reihe erschienen, also in rotem Leineneinband im Quartformat. Eingeprägter Titel plus Foto: Visuelles und haptisches Vergnügen!
  2. Es ist wunderbar flüssig geschrieben, leicht zu lesen, dialogische und erzählende Passagen wechseln sich ab und man freut sich einfach an der Sprache (trotz Übersetzung).
  3. Inhaltlich schmunzelt man über die Darstellung der Queen, die die Protagonisten der Geschichte ist, man erfährt, wie sie ihre Verpflichtungen wahrnimmt, sei es nun der Besuch einer Schuhfabrik oder das wöchentliche Treffen mit dem Premierminister, während gleichzeitig die Steifheit ihrer ganzen Rolle reflektiert wird. Nichts ist natürlich an dem, was wir von der Queen sehen - die Queen von Bennett dagegen ist einfach vollkommen liebenswert und man hat sie von der ersten Seite an gern.
  4. Die Queen beginnt zum großen Entsetzen ihres Stabs und nahezu aller Personen um sie herum zu lesen. Lesen als Krankheit, als übler Einfluss. Plötzlich kommt sie hier und da zu spät, vernachlässigt ihre Pflichten in der Art, dass sie manchmal an zwei aufeinander folgenden Tagen die gleichen Ohrringe trägt. (Man gerät beim Lesen immer wieder ins Kichern über das absurde Entsetzen ihrer Umgebung!) Gleichzeitig flößt Bennett ihr wunderschöne Gedanken über Bücher, Lesen, Literatur und schließlich auch das Schreiben ein, so dass man als bibliophiler Mensch gerührt aufseufzt.
Es ist das zweite Buch, das ich von Bennett gelesen habe, auch "Cosi fan tutte" fand ich großartig, aber dieses hier ist unbedingt empfehlenswert.
Es ist wohl so, wie das Intro auf der Site des Wagenbach Verlags sagt:
"Eines hilft immer: Lesen."
 Alan Bennett, Die souveräne Leserin, Berlin 2008.

Wednesday, February 20, 2008

Alan Bennett - Così fan tutte


Alan Bennett bei der Arbeit 1955
Bei den Ransomes war eingebrochen worden. „Wir sind überfallen worden“, sagte Mrs. Ransome. „Es ist eingebrochen worden“, korrigierte Mr. Ransome.
So beginnt Alan Bennetts Geschichte über ein englisches Ehepaar, das vom Besuch von Mozarts „Così fan tutte“ (zu deutsch: So machen es alle!) zurückkommt, und die eigene gutbürgerliche bis spießige Wohnung ausgeräumt vorfindet. Und ausgeräumt bedeutet leer. Noch nicht einmal die Klobürste haben die Einbrecher zurückgelassen.
Wie bereits in den ersten Sätzen deutlich wird, ist Mr. Ransome (engl. ransom = Lösegeld!) eher genau, unbeweglich und zudem Jurist.
Mrs Ransome hingegen versucht die Situation zu bewältigen mit einer erwachenden Kreativität und Mut zum Ungewöhnlichen, sie beginnt in der Leere und dadurch entstandenen Zwanglosigkeit eine Entwicklung, die einmal begonnen nicht mehr anzuhalten ist.
Auch als das Mobiliar und Inventar der Wohnung unter mysteriösen Umständen wieder einfinden und das Leben eigentlich zu Normalität zurückkehren könnte, geht Mrs Ransome eigene Wege, die schließlich sogar zur Aufklärung der Sache führen (mit Hilfe eines attraktiven jungen Mannes namens Hanson (handsome...) übrigens).
Welch ein Glück für Mrs Ransome, dass ihr Ehemann mit ihrer Entwicklung nicht mithalten kann und da mit Schlaganfall auf der Strecke bleibt – das Leben kann beginnen...

Wenn sie zurückblickt, scheint ihr, dass der Einbruch und alles, was seither geschehen ist, eine Art Lehrzeit gewesen sind. Jetzt, denkt sie, kann ich anfangen.
Alan Bennett: Così fan tutte. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2007.