Sunday, December 18, 2016

Andreas Föhr - Karwoche

In dem dritten Alpen-Krimi Karwoche um Wallner und Kreuthner geht es um ein Familiendrama. Doch der Roman beginnt wie seine Vorgänger einmal mehr mit einer idiotischen Idee Kreuthners: Bei einer Wettfahrt zwischen ihm und seinem Freund kommt es beinahe zu einer Kollision und Zeuge ist ausgerechnet Wallner auf seiner Fahrt in den Osteriurlaub! Um nicht allzu deppert dazustehen, tut Kreuthner so, als wolle er den Lieferwagen kontrollieren - nur um im Laderaum eine Tote zu finden! 
Bei dieser stellen die Ermittler bald eine Querverbindung zum Tod eines jungen Mädchen, Leni, her, das aus der bekannten Schauspielerfamilie Millruth stammte und deren Onkel gerade wegen fahrlässiger Tötung auf Bewährung verurteilt worden ist. Die Tote aus dem Laderaum verfügte über Informationen, die den Tathergang in ein anderes Licht rücken als bisher angenommen. Die Motive für den Tod des Mädchens scheinen noch weiter in der Vergangenheit zu liegen, auch Lenis altes Kindermädchen wird vermisst. Um den aktuellen Mord aufzuklären, ist es unerlässlich, noch einmal zu prüfen, wer Leni wirklich umgebracht hat. 
In Rückblenden erfahren wir, was am letzten Weihnachtsabend bei den Millruths wirklich geschehen ist, während Wallner trotz Urlaub ermittelt, richtig schlussfolgert und die passenden Theorien entwickelt und dabei am Ende noch einen weiteren Mord verhinden kann. Natürlich bekommen auch die Nebencharaktere wie Opa Manfred wieder ihre Auftritte und auch in Wallners Privatleben gibt es Neuigkeiten. Andreas Föhr setzt in Karwoche die unterhaltsame Reihe gekonnt fort, in der Lesung von Michael Schwarzmaier ein Hörvergnügen.

Andreas Föhr, Karwoche. Audio Media Verlag 2011.

Wednesday, December 14, 2016

Cornelia Funke - Herr der Diebe

In Herr der Diebe erzählt Cornelia Funke die Geschichte einer Gruppe von Kindern, die versuchen, sich in Venedig ohne die Hilfe von Erwachsenen durchzuschlagen. Sie leben in einem alten Kino und ihr Anführer nennt sich Herr der Diebe, heißt aber eigentlich Scipio. Er bringt ihnen von Zeit zu Zeit erbeutete Gegenstände, die sie bei einem Antiquitätenhändler zu Geld machen. Bedroht wird ihre scheinbare Sicherheit durch den Privatdetektiv Victor, der den Auftrag hat, die Geschwister Bo und Prosper, die nach dem Tod ihrer Eltern nach Venedig geflohen sind, im Auftrag ihrer Tante zu suchen. Gleichzeitig erhält die Bande den mysteriösen Auftrag einen scheinbar wertlosen Gegenstand aus dem Haus der Fotografin Ida Spavento zu stehlen.
Jedoch entwickelt sich die Geschichte nicht wie erwartet...
Der Roman besticht vor allem durch die zahlreichen Wendepunkte: Die einzelnen Charaktere erhalten von Kapitel zu Kapitel mehr Tiefe und treffen Entscheidungen, die so nicht zu erwarten waren - vor allem Scipio und Victor sind nicht die, die sie anfangs zu sein scheinen, ihre unerwarteten Reaktionen werden aber plausibel, sobald wir etwas mehr über ihre persönliche Geschichte erfahren.
Das Thema des Erwachsenseins und des Erwachsenwerdens steht wie ein großes Motto über allen Charakteren: Sie wollen nicht mehr in der Rolle des Kindes gefangen sein, sehnen sich zurück zu den Abenteuern der Kindheit, haben Kindheit nachzuholen oder werden langsam, aber stetig erwachsener und übernehmen Verantwortung für sich und andere. Genau diese Vielschichtigkeit und Spannung zwischen Kind- und Erwachsensein stellt Funke an den Anfang des Romans:
"Erwachsene erinnern sich nicht daran, wie es war, ein Kind zu sein. 
Auch wenn sie es behaupten.
Sie wissen es nicht mehr. Glaub mir.
Sie haben alles vergessen.
Wie viel größer die Welt ihnen damals erschien.
Dass es mühsam sein konnte, auf einen Stuhl zu klettern.
Wie fühlte es sich an, immer hochzublicken?
Vergessen.
Sie wissen es nicht mehr.
Du wirst es auch vergessen.
Manchmal reden die Erwachsenen davon, wie schön es war, ein Kind zu sein.
Sie träumen sogar davon, wieder eins zu sein.
Aber wovon haben sie geträumt, als sie Kinder waren?
Weißt du es?
Ich glaube, sie träumten davon, endlich erwachsen zu sein."
Um all diese Perspektiven noch etwas intensiver zu beleuchten, bedient sich die Autorin eines einzelnen fantastischen Elements in einem sonst in der realistischen Jetztzeit beheimateten Romans: Ein Karussel, dass den, der darauf fährt, älter oder jünger machen kann - es steht in einem verwilderten Labyrinth auf einer mysteriösen, verlassenen Insel und besticht durch seine schlichte Schönheit - real und symbolisch.
Am beeindruckendsten ist die Tatsache, dass Funke das Meisterstück gelingt, beim Leser selbst für die bösen Charaktere, die Gegenspieler der Kinder, Sympathie oder zumindest Verständnis zu wecken. Auch diese haben eine Geschichte und Beweggründe, warum sie so sind, wie sie sind. Den Protagonisten hingegen gönnt man das Happy End, dass die Autorin ihnen geschrieben hat, von ganzem Herzen. Ein liebenswerter, poetischer und zugleich spannender Roman mit starken Charakteren - eine Seltenheit.

Cornelia Funke, Herr der Diebe. Dressler, Hamburg 2000.

Monday, December 12, 2016

Ernest Hemingway - Der alte Mann und das Meer


Für seine Novelle Der alte Mann und das Meer erhielt Ernest Hemingway 1953 den Pulitzer-Preis, es ist zugleich sein letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk und eines der ausschlaggebenden Werke, warum er den Literaturnobelpreis verliehen bekam.

Der alte kubanische Fischer Santiago hat seit 84 Tagen keinen Fisch mehr gefangen, die Eltern seines Gehilfen - dem Jungen - haben diesem verboten, weiterhin mit ihm zu fahren, weil er vom Pech verfolgt ist. So fährt der alte Mann allein weit aufs Meer hinaus - und es beißt der größte Fisch seines Lebens an - ein Marlin. Zwei Tage lang kämpft er mit dem Fisch bis an den Rand der Erschöpfung, sogar bis an den Rand des Todes, bis er schließlich den Fisch töten kann und den Kampf gewinnt. Doch der Triumph ist ihm nicht vergönnt, auf der Rückreise in den Hafen wird er mehrfach von Haien angegriffen, die seinen Fang nahezu komplett vernichten - nur das Skelett und das Schwert des Fisches zeugen von seiner enormen Größe. Er selbst ist physisch und psychisch erschöpft und der Junge ist in Sorge und Trauer um ihn.

Es ist eine sehr eindringliche Erzählung von Einsamkeit und dem inneren Kampf mit sich selbst. Die Lesung des inzwischen verstorbenen Rolf Boysen trägt sehr zur Atmosphäre bei, es ist, als höre man tatsächlich dem alten Mann und seinen Gedanken zu.
Hemingways Themen sind nicht die meinen, es fällt mir schwer, das Töten, Jagen, Kämpfen loszulösen und nur als Metaphern für die großen Themen des Lebens zu sehen. Bei Der alte Mann und das Meer fiel mir dies etwas leichter und es gab viele Momente, die mich berührt haben - auch wenn Hemingway wohl kaum einer meiner Lieblingsautoren werden wird. Aber ich habe etwas mehr Achtung vor dessen Schaffen gewonnen.

Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer. Litraton 1998.

Saturday, December 10, 2016

Lars Kepler - Der Sandmann


Wie am Ende des letzten Bandes Flammenkinder schon angedeutet, ist der Protagonist in Der Sandmann der Serienmörder Jurek Walter, der schon seit Jahren in Sicherheitsverwahrung eingesperrt ist und den Joona Linna damals überführt hat. Gleichzeitig ist er auch der Grund, warum Joona vortäuschen musste, dass seine Frau und seine Tochter tot sind. Jurek Walter drohte allen an seiner Überführung beteiligten Familien und nachdem die Kinder eines Kollegen entführt wurden, zweifelte niemand mehr daran, dass Jurek einen Komplizen hat, der seine Verbrechen fortsetzt. Dies alles liegt Jahre zurück, da taucht plötzlich eines der als Kind entführten Opfer wieder lebend auf und berichtet von seiner Gefangenschaft - und auch davon, dass seine Schwester ebenfalls noch lebt. Eine neue Suche nach dem Versteck wird eingeleitet, aber die Hinweise sind dürftig - klar ist aber, dass Jurek Walter das Versteck kennt und irgendwie immer noch Kontakt zu seinem Komplizen hält. Man beschließt, Joonas Kollegin Saga Bauer als Mitgefangene mit einem Mikro ausgestattet in die Sicherheitsverwahrung einzuschleusen, damit sie eine Beziehung zu Jurek aufbaut. Eine höchstgefährliche Mission, die Sagas Leben und Psyche in mehrfacher Hinsicht in Gefahr bringt. Der Plan geht auch nicht auf, Jurek gelingt die Flucht und er will zuende bringen, was sein Komplize nicht geschafft hat, während Saga und Joona seine Opfer zu retten und Jurek zu stoppen.
Im Vergleich zu den vorangegangenen Bänden kommt Der Sandmann mit weniger Schauplätzen und einem kleineren Personenkreis aus, bietet aber noch mehr Spannung. Besonders Sagas nahezu suizidale Mission in der Sicherheitsverwahrung, bei der ihr von mehr als einer Seite Gefahr droht, lässt einen nicht los. Von Joonas Innenleben erfahren wir wiederum wieder weniger, was auch zu dem nun schon erwarteten Cliffhanger am Ende führt. Die Story um höchst mainpulativen Jurek Walter wird schichtweise aufgedeckt und bekommt Tiefe, wenngleich die Auswirkungen seiner Manipulationen auf die Menschen in seiner Umgebung teils übertrieben wirken. Der Sandmann ist m.E. der bisher beste Band der Reihe und ein echter Pageturner mit einer beeindruckenden Spannungskurve.

Lars Kepler, Der Sandmann. Lübbe Audio 2014. 

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Sunday, November 27, 2016

Max Bentow - Die Totentänzerin

Nils Trojan ermittelt in Die Totentänzerin in seinem dritten Fall. Der Titel ist irreführend, denn mit einem Tanz hat die neue Berliner Mordserie wenig gemein, das Cover passt noch viel weniger.
Es scheint die Tat von einem tief verstörten Menschen zu sein, betrachtet man die Art und Weise wie die Opfer - allesamt Liebespaare - an den Tatorten drapiert werden. Einige Indizien scheinen ausgerechnet auf Theresa Landsberg zu weisen, die Frau von Nils Trojans Chef, die psychisch nicht sehr stabil ist. Doch Trojan bemüht sich um solide Ermittlungsarbeit, verfolgt alle Spuren, während sein Chef den Fall niederlegen muss und Theresa vermisst wird.
Die Geschichte wird wie gewohnt aus mehreren Perspektiven erzählt, auch aus der von Nebenfiguren, aus  Opfer- und Tätersicht. Das ist teils irritierend, nicht jeder dieser Wechsel wäre nötig gewesen, um die Geschichte zu erzählen. Die Anhäufung der Verdachtsmomente gegen Theresa zusammen mit der Darstellung ihrer verzerrten Wahrnehmung und der zunehmenden Verstörtheit ist so über deutlich, dass klar ist, das es noch zu einer "überraschenden" Wendung kommen muss, die wiederum aber so überraschend auch nicht ist. Nicht gebraucht hätte ich außerdem die anhaltenden Probleme in Nils Trojans Privatleben, sowohl in Bezug auf Tochter als auch auf die Geliebte. Diese hätten auch einfach mal im Hintergrund bleiben können und der Fokus auf dem Fall liegen sollen. Einige der Konstruktionen um den Täter, die Idee mit der Überwachung, das Aufbrechen der Privatsphäre, waren gut und hätten noch stärker ausgebaut werden sollen.
Die Lesung von Axel Milberg ist wie gewohnt sehr gut, wenn auch insgesamt in Die Totentänzerin sicher nicht das Highlight der Serie ist.

Max Bentow, Die Totentänzerin. Hörverlag 2013.


Die Bücher der Serie um Nils Trojan:
#1 Der Federmann
#2 Die Puppenmacherin
#3 Die Totentänzerin
#4 Das Hexenmädchen
#5 Das Dornenkind
#6 Der Traummacher

Frederick Morgan - Yuletide

Frederick Morgan (English painter, 1847-1927): Yuletide

The right card for the first advent - postcrossing card by Anastasiya in Siberia, Russia.

Thursday, November 24, 2016

Erica Fischer - Aimée und Jaguar

Erica Fischer (*1943) ist Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin und eine Mitbegründerin des österreichischen Feminismus. Bekannt wurde sie durch ihr Buch Aimée und Jaguar, das erstmals 1994 erschien.
Untertitelt ist das Buch mit "Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943" - es ist eine dokumentarische Erzählung der Beziehung von Lilly Wust und Felice Schragenheim während der Zeit des Nationalsozialismus und gegen Ende des zweiten Weltkriegs. Lilly hat einen nationalsozialistisch eingestellten Ehemann und vier Kinder, Felice ist eine untergetauchte Jüdin. Nach einer kurzen, intensiven Zeit des Zusammenseins wird Felice 1944 verhaftet und kommt im Konzentrationslager Bergen-Belsen kurz vor Kriegsende um.

Mit großem Aufwand hat Erica Fischer nicht nur die Überlebende Lilly Wust interviewt, als diese bereits 80 Jahre alt war, sondern auch zahlreiche Zeitzeugen befragt, Dokumente und Fotos zusammengetragen. Darin liegt auch der große Unterschied zu zahlreichen Romanen, die Thematik und historischen Hintergrund gemein haben. Es ist eine wahre Geschichte, das ist das eine, aber gleichzeitig bemüht Fischer sich sehr um eine facettenreiche Darstellung, die eben nicht nur eine rosarote Liebesgeschichte zeigt, wie Lilly Wust sie in Erinnerung haben wollte. Kritisch wird Lillys Beziehung zum Nationalsozialismus gezeigt, ihre Reaktionen nach Kriegsende - die Ablehnung von allem Deutschen und eine fast seltsam anmutenden Hinwendung zum Judentum - bleiben nicht unerwähnt, obwohl dies möglich gewesen wäre. Die Tatsache, dass man sich nie ganz Klarheit über den Lillys Charakter verschaffen kann, spiegelt die Komplexität der Situation, in der sich die Frauen historisch und gesellschaftlich befunden haben. Der umfangreiche Anhang mit Fotos, Briefen und Dokumenten belegt das Streben nach Genauigkeit und Authenzität.  

Zusammen ergibt dies ein beeindruckendes Buch und Zeitzeugnis mit einer anrührenden Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Frauen.
 
Das Buch wurde in 20 Sprachen übersetzt. Max Färberböck verfilmte die Liebesgeschichte 1998 unter demselben Titel.

 Erica Fischer, Aimée und Jaguar. KiWi, Köln 1996.

Friday, November 18, 2016

Jonathan Franzen - Freiheit


Freiheit war eines der Bücher, die durch Länge und Gewicht des dicken Hardcovers und auch durch den Klappentext eher Langatmigkeit verprachen. Von Jonathan Franzen hatte ich zuvor nichts gelesen, anscheinend hatte er mit dem Vorgängerroman Die Korrekturen (2001) seinen Durchbruch, brauchte danach aber lange Jahre, um Freiheit zu verfassen.
Im Mittelpunkt des Romans steht die schwierige Ehe von Walter und Patty Berglund und spielt in einem Zeitraum von Mitte der 80er Jahre bis 2009. Neben den schwierigen Beziehungen, die die beiden miteinander, mit ihren Kindern, Nachbarn und Freunden haben, werden auch Politik, Globalisierung, Umweltverschmutzung oder der Irakkrieg thematisiert.
Mehr zum Inhalt und zum Aufbau bei wikipedia

Zur Identifikation ist keiner der Charaktere geeignet, denn passend zum Titel sucht jeder stets egozentrisch nach der eigenen Freiheit, verfolgt eigene Bedürfnisse, und oftmals werden Familie und Freunde eher als Gegner denn als Partner wahrgenommen. Mit dem lapidaren Satz "Es wurden Fehler gemacht" wird dies attestiert, aber nicht gewertet. Man verbringt viel Zeit mit Walter, Patty und ihrem unsäglichen Musikerfreund Katz, sieht ihrem Leiden und ihren falschen Entscheidungen zu und wird ein bisschen trübsinnig in der schlechten Welt, in der sie leben. Mag sein, dass hier ein facettenreiches Bild der (weißen Mittelklasse) US-amerikanischen Gesellschaft gezeichnet wird, aber es verschließt sich der weitere Zusammenhang oder der Sinn. Das seltsame Ende wirkt eher wie ein verzweifelter und mäßig gelungener Versuch, dieses lange Werk *irgendwie* zuende zu bringen. Das ist - gelinde gesagt - unbefriedigend. Die Umweltthemen vermochten mich auch nicht recht zu packen, Walters Enthusiasmus ist zu oft fehlgeleitet, um zu überzeugen.
So bleibt am Ende nur eine über 700 Seiten starke Charakterstudie, die Zeugnis davon ablegt, dass in der heutigen Gesellschaft von Egomanen Zusammenleben in einer stabilen Beziehung schwer geworden zu sein scheint.

Jonathan Franzen, Freiheit. Rowohlt, Reinbek 2010.  

Thursday, November 10, 2016

Castle Hill Lighthouse

Castle Hill Lighthouse, Rhode Island, USA, postcrossing card sent by Andrea, Austria
This beautiful card is actually a double, as you can see here.

Wednesday, November 09, 2016

Friday, November 04, 2016

International Postcrossing Meeting

 
Thank you very much, dear postcrossing friends, for two great cards from the big international postcrossing meeting - and of course thanks to everyone who signed the cards!

Haruki Murakami - Kafka am Strand

Kafka am Strand von Haruki Murakami wurde erstmals 2002 veröffentlicht.
Es war ein anstrengendes, verwirrendes, vielschichtiges, faszinierendes, abgehobenes und sozusagen kafkaeskes Buch für mich, das ich über einen langen Zeitraum gelesen habe und bereits am 19.10. beendet habe. Diese "Rezension" ist der Versuch, meinen Gedanken dazu eine Struktur zu geben...

Kafka am Strand wird erzählt aus den Perspektiven zweier Personen, Kafka und Nakata.

Kafka ist 15, haut zuhause ab, als er das schlechte Verhältnis zum Vater nicht mehr ertragen kann. Seine Mutter und Schwester sind vor langer Zeit geflohen, sein Vater hat ihn außerdem mit einem oedipalen Fluch belegt. Tatsächlich wacht er einmal mit Blut an den Händen auf, hat aber in der Realität kein Verbrechen begangen. Er hat ein Alter Ego namens Krähe, mit dem er manchmal spricht und der ihm Facetten seiner Psyche zu erklären versucht. Zufälle (oder auch nicht) bringen ihn dazu, in der Komura-Gedächtnisbibliothek Zuflucht zu suchen, einige Zeit verbringt er auch im Wald in einer einsamen Hütte.

Nakata ist ein alter Mann, der Analphabet und schlecht im Denken ist. Er hält sich selbst für dumm und hat große Schwierigkeiten, mit dem Verständnis von alltäglichen Dingen. Er handelt nach einem verborgenen Prinzip, wird scheinbar gesteuert, bestimmte Dinge zu tun, und folgt Kafka. Er kann mit Katzen sprechen. Insgesamt ist er freundlich, höflich und harmlos, bis auf die Szene in der er gewungenermaßen eine Gestalt umbringt, die sich als Johnny Walker zeigt, sich in der Realität aber als Kafkas Vater erweist. Um in der Welt zurechtzukommen, findet er Hilfe bei einem jungen Mann namens Hoshino.

Hoshino organisiert für Nakata alle weltlichen Dinge und ermöglicht ihm dadurch, seine Ziele zu erreichen. Einen ähnlichen Helfer hat auch Kafka in der Person des Bibliothekars Oshima, einer Art Zwitterwesen und moralische Bezugsperson für Kafka.
Zentral für das Geschehen ist außerdem die Verwalterin/Inhaberin der Bibliothek Saekisan. Sie ist eine tragische Figur, eventuell ist sie Kafkas verschwundene Mutter, wenngleich der Beweis dafür ausbleibt. Kafka verliebt sich traumhaft und real in sie in verschiedenen Gestalten - als 15jähriges Mädchen und als ältere Frau.

Die wichtigsten Orte des Romans sind folgende:
In der Komura-Gedächtnisbibliothek findet Kafka Schutz und Hilfe, er findet einen neuen Beziehungsrahmen nach seinem lieblosen Vaterhaus. Es ist zugleich der einzige Ort, den auch Nakata und Hoshino aufsuchen, wenn auch Kafka in diesem Moment nicht dort ist. Hier laufen die Fäden zusammen; die Bibliothek dient als Symbol.
Die Hütte im Wald ist von elementarer Bedeutung für Kafkas Sinnsuche. Sie gehört Oshima und dessen Bruder, ist einsamer Rückzugsort und ermöglicht eine Besinnung auf das Ich fernab von der realen Welt. Dort ist der tranceartige Übergang in eine andere Zwischenwelt möglich, zu der Nakata symbolisch mit einem Stein andernorts den Eingang öffnet.

Kafka am Strand ist übervoll mit literarischen und mysthischen Bezügen. Musik und Philosophie sind Themen, es gibt märchenhafte Passagen, psychologische Ebenen (z.B. das Alter Ego Krähe als psychoanalytisches Element) und eine reiche Symbolik.
Dadurch ergeben sich so weitschweifende Bedeutungsebenen, so dass man sich schnell wie in einem Labyrinth vorkommt und glaubt, sich nicht mehr zurechtfinden zu können. Obwohl die beiden Hauptebenen von Kafka und Nakata sich durchaus ergänzen und miteinander in Beziehung stehen, findet die vom Leser antizipierte Zusammenführung nicht statt. Auch das Ende bietet keinen richtig befriedigenden Abschluss, auch wenn es Hoffnung vermittelt, es könne sich alles zum Guten wenden.
Gekonnt umgesetzt ist das stete Verschwimmen von Traum, Fantasie und Wirklickeit - an irgendeinem Punkt gibt man auf, dies auseinanderhalten zu wollen und gibt sich vielmehr dem Sog des Erzählten hin - das ist zwar wunderbar als literarisches Erlebnis, trotzdem bleibt dabei zwangsläufig das Gefühl zurück, nicht alles mitbekommen zu haben, nicht einmal einen Teil der Bedeutungen zu erfassen, weswegen der Roman keine einfache Lektüre ist.
Ich hätte dem Buch gern mehr Weisheit entrissen, aber phasenweise war es zu konfus, zu schwierig - man hätte Passagen mehrmals lesen müssen, um alles zu durchdringen - aber dann werden Dinge wiederum nur angerissen auf ein oder zwei Seiten, bekommen aber insgesamt zu wenig Raum, um wirklich Bedeutung zu erlangen. Daher war es oft einfacher, sich im Gebilde der interessanten Sätze weitertreiben zu lassen.
Fazit: Sicher ein Roman zur mehrfachen Lektüre, aber auch ein kräftezehrendes Werk.

Haruki Murakami, Kafka am Strand. Dumont, Köln 2011.

Zenartchallenge November Day 4

Wednesday, November 02, 2016

Fynn - Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna


"Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna" erzählt von einem kleinen Mädchen, das der 19jährige Ich-Erzähler, der sich selbst den Namen Fynn gibt, eines Nachts auf den Londoner Straßen der 1930er Jahre findet und mit nach Hause nimmt, da sie offensichtlich misshandelt wurde und daher fortgelaufen ist.
Sie hat einen unerschütterlichen Glauben an Gott, ist außerordentlich intelligent und saugt jede Art von Wissen auf wie ein Schwamm. Daraus ergeben sich intensive theologische, wissenschaftliche und auch fantastische Gespräche zwischen Anna und Fynn. Dieser ist selbst sehr begabt, vor allem im Bereich der Naturwissenschaft, aber die Gespräche mit Anna verblüffen ihn immer wieder und er staunt über den Scharfsinn des kleinen Mädchens. Doch nicht nur er ist tief beeindruckt, sondern Anna wirkt auf nahezu alle Menschen ihrer Umgebung besonders und wird überall geliebt.
In 27 Kapiteln werden verschiedene gedankliche Experimente und Erkenntnisse und - vor allem - wichtige Fragen in kleinen Episoden dargestellt. Die Sprache ist dabei kindlich einfach, das Setting das eines längst vergangenen Londoner East Ends mit den dazu passenden Charakteren. Kontinuierlich zieht sich der Faden des Staunens über Annas Weisheit und Begabung durch das Buch, Fynn macht klar, dass jeder von Anna lernen kann und auch von ihr lernen sollte.
Unklar bleibt, ob das Buch Fiktion oder autobiographisch ist, eventuell ist es eine Mischung. Der englische Wikipedia-Artikel gibt an, dass es Zeichungen und Notizen aus Annas Hand geben soll. Die Identität von Fynn war ebenfalls lange ein Geheimnis, dem eine ganze Website gewidmet ist. Der Autor schrieb zwei weitere Bücher über Anna.
Im Grunde spielt es keine große Rolle, ob es die Anna des Buches in dieser Form wirklich gegeben hat. Das Buch bietet eine Unzahl an Gedankengängen, die nachzuvollziehen sich lohnt. Dabei sind es das Staunen und die Bewunderung für die Absolutheit des Glaubens und der Liebe - zwei Dinge, die Annas Dasein zusammenfassen und die auch unveränderlich miteinander verknüpft sind - die die zentrale Aussage des Buches bilden. Natürlich ist es an der Oberfläche auch ein sentimentales und stellenweise ein naives Buch, aber definitiv eines, das einen zweiten oder dritten Gedanken verdient hat.

Fynn, Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna. Fischer, Frankfurt am Main 2006.