Thursday, December 22, 2016

Andreas Föhr - Schwarze Piste

Auch Schwarze Piste beginnt, wie die vorhergegangenen drei Krimis von Andreas Föhr: Kreuthner stolpert per Zufall über eine Leiche! Diesmal verstreut er gerade die Asche seines Onkel Simons, die landet aber im Gesicht einer Skifahrerin, er will sie nach unten begleiten, weil sie ihre Kontaktlinsen im Schnee verloren hat, aber er kennt sich dann doch nicht so gut aus - typisch Kreuthner eben. 
Zunächst ist nicht klar, ob die Tote Selbstmord begangen oder ob jemand sie ermordet hat. Doch als weitere Morde mit gleichem Layout folgen, scheint die Sache klar... Wallner und sein Team ermitteln, Kreuthner auch, obwohl der das eigentlich gar nicht darf. Wie immer kommt er dabei stark mit den Dienstvorschriften in Konflikt, trotzdem wirkt er dabei diesmal ausgesprochen menschlich und engagiert und übernimmt damit die Rolle des Protagonisten in Schwarze Piste.  
Natürlich gibt es wieder Rückbezüge in die Vergangenheit der Charaktere - dieses Mal die linke Szene mit RAF-Nähe, verdeckte Ermittler in diesen Kreisen und auch schlichtweg die Suche nach dem großen Geld. Eine wichtige Erzählrolle kommt dem gedungenen Krimineller Frank zu, der zwar eiskalt handelt, aber dennoch über die Geschehnisse reflektiert, denn natürlich ist nichts so einfach, wie es scheint. Und auch die Polizei kommt der Lösung nur mühsam auf die Spur. 
Vor dem Hintergrund all der Krimis mit Lokalkolotit der letzten Jahre, gefallen mit Andreas Föhrs Alpenkrimis immer besser. Hier findet eine konsequente Weiterentwicklung der Charaktere statt, damit verschiebt sich der Fokus mal auf den einen oder auf den anderen Protagonisten, es sind bisher sehr unterschiedliche Themen, die der Autor auswählt (einiziger Kritikpunkt hier vielleicht, dass er nicht sehr in die Tiefe geht in der Ausleuchtung dieser Themen, aber es ist eben doch Unterhaltungsliteratur), die Spannungskurve stimmt und - mir persönlich immer sehr wichtig - die Lösung des Falls wird ermittelt und fällt nicht vom Himmel. Nicht zuletzt macht auch die Lesung durch Michael Schwarzmeier einfach Spaß.
Wie schade, dass aktuell nur noch zwei weitere Bände der Reihe vor mir liegen.

Andreas Föhr, Schwarze Piste. Audiomedia 2014.



Nikolay Buschik - Kupala Morning

 
Nikolay Buschik, Kupala Morning (2002),
central part of the triptych "With a Thought about the Motherland"

postcrossing card sent by Alesya from Belarus

Anne Martinetti - Agatha Christie - Das Leben ist kein Roman

Neben Anne Martinetti sind auch noch Guillaume Lebeau und Alexandre Franc als Autoren dieser Graphic Novel zu nennen. Die beiden ersteren sind Spezialisten für Kriminalromane, sowohl im Verlagswesen, als auch Autoren, letzterer ist Illustrator und Comiczeichner. Das Cover von Agatha Christie - Das Leben ist kein Roman erinnerte mich stilistisch an Tim und Struppi von Hergé, klare Linien und Farben und detaillierte, realistische Darstellungen.
Die Graphic Novel beginnt mit der wohl dramatischsten Szene aus Agatha Christies Leben - ihrem Verschwinden im Jahre 1926, als sie kurz nach dem Tod Mutter mit der Tatsache konfrontiert wurde, dass ihr Mann eine Geliebte hatte. Sie hinterlässt Indizien, welche die Polizei dazu bringen, ihren Mann zu verdächtigen - doch elf Tage später taucht sie wohlbehalten in Yorkshire wieder auf. Im Anschluss an diese Episode werden chronologisch wichtige Episoden und Stationen ihres Lebens aufgegriffen und humorvoll in Szene gesetzt. Immer wieder tauchen auch die beliebten Ermittler wie Poirot oder Miss Marple auf, die als Erscheinungen oder in Agathas Fantasie ihr Leben kommentieren. Besonders mit Poirot scheint sie in einem dauernden Zwiegespräch zu sein - obwohl sie ihn scheinbar nicht leiden kann.

Agatha Christie - Das Leben ist kein Roman gibt erste Eindrücke in das Leben der wohl berühmtesten und erfolgreichsten Kriminalschriftstellerin, macht neugierig und  ist dabei stets humor- und dennoch respektvoll. Ergänzt wird dies noch durch eine tabellarische Auflistung ihrer wichtigsten Lebensstationen. Eine durchaus lohnende Lektüre.

Anne Martinetti, Agatha Christie - Das Leben ist kein Roman. Egmont, Köln 2015.

Wednesday, December 21, 2016

Book Challenge 2016 - completed!

Seit über drei Jahren denkt sich Mandy von bookaholicasworld tolle Challenge-Aufgaben aus.

Ich habe erfolgreich die Aufgaben von 20/13 und 20/14 bearbeitet. 20/15 hatte Mandy das Konzept umgestellt, es war freier, aber auch abhängiger vom Zufall. Ich hatte beschlossen, pro Buch nur eine Kategorie abzuhaken, dadurch war ich langsamer und ich habe auch nicht alle Begriffe finden können. Andere Teilnehmer haben ein Buch mehrfach verwendet. Dies hat Mandy bei der diesjährigen Challenge geändert, es darf mit einem Buch nur jeweils ein Punkt abgearbeitet werden und die Challenge gilt nur dann als gemeistert, wenn alle Punkte erledigt wurden!

Heute, am 21. Dezember, habe ich das letzte Buch für die Challenge beendet (Tess Gerritsens Totenlied), hier also mein Blogpost mit der Übersicht zu meinen Büchern.  

21.12.2016   60/60

Kategorie 1 - Verlag

    Goldmann: Lemony Snicket - Der Fluch der falschen Frage
    Knaur: Terry Pratchett - Echte Katzen tragen niemals Schleifen
    Bastei Lübbe: Lars Kepler - Paganinis Fluch
    Heyne: Holly Seddon - Locked in: Wach auf, wenn du kannst
    Arena: Antje Babendererde - Der Gesang der Orcas
    Loewe: Jennifer Rush - Escape (Altered #1)

Kategorie 2 - Cover

    Tier: T.C. Boyle - Wenn das Schlachten vorbei ist
    Element/e (Feuer, Wasser, Luft, Erde): Ray Bradbury - Fahrenheit 451
    Spooky / Unheimlich / Angst einflößend: Max Bentow - Die Totentänzerin
    Zeichnung / Illustration: Terry Pratchett - Schöne Scheine
    Pflanze: Kathryn Stockett - Gute Geister
    Körperteil/e: Jeffery Deaver - Letzer Tanz

Kategorie 3 - Preis (Verlagsneupreis!)

    7,95 € - 7,99 €:
    8,95 € - 8,99 €: Nadja Hermann - Fettlogik überwinden (e-book)
    9,95 € - 9,99 €: Hjorth und Rosenfeldt - Das Mädchen, das verstummte
    12,99 € - 14,99 €: Vera Brosgol - Anyas Geist (Taschenbuch)
    16,99 € - 19,99 €: Pierre Lagrange - Tod in der Provence (Audiobook)
    20,00 € - 30,00 €: Jonathan Franzen - Freiheit

Kategorie 4 - Farbgestaltung

    blau: Tove Jansson - A Winter Book
    grün:
    gelb: Siegfried Lenz - So zärtlich war Suleyken
    rot: John Reppion and Colton Worley - Dracula (Graphic Novel)
    schwarz: Jan Costin Wagner - Das Schweigen
    weiß: Truman Capote - Frühstück bei Tiffany

Kategorie 5 - Titel

    1 Wort: Lukas Jüliger - Vakuum
    2 Worte: Oliver Harris - London Killing
    3 Worte: Kathy Reichs - Bones on Ice
    4 Worte: Salomonica de Winter - Die Geschichte von Blue
    5 Worte: Hakan Nesser - Das unerträgliche Weiß zu Weihnachten
    mind. 6 Worte: Fredrik Backman - Oma lässt grüßen und sagt, es tut ihr leid

Kategorie 6 - Buchart

    Hardcover mit Schutzumschlag: Karin Slaughter - Pretty Girls
    Hardvover ohne Schutzumschlag: Loïc Dauvillier und Glen Chapron - Das Attentat
    Taschenbuch: Alice Walker - Die Farbe Lila
    Klappenbroschur: Jo Nesbø - Blood on Snow - Der Auftrag
    e-Book: Haruki Murakami - Kafka am Strand
    Hörbuch: Jennifer L. Armentroud - Onyx

Kategorie 7 - Autor/in

    Vorname: 6 Buchstaben: Martin Schmitz-Kuhl - Book und Bookster
    Nachname: 6 Buchstaben: David Almond - Zeit des Mondes
    Gleiche Initialen (Anfangsbuchstabe Vor- und Nachname gleich): Sasa Stanisic - Vor dem Fest
    2 Autoren - 1 Buch: Loisel und Tripp - Das Nest - Ernest
    Name ohne "a" und "e": Nick Hornby - A Long Way Down
    mind. 6 Buchveröffentlichungen: Arnaldur Indridason - Duell

Kategorie 8 - Herkunft / Bezug

    Neukauf: Jonathan Stroud - The Creeping Shadow
    Geschenk: Tess Gerritsen - Totenlied
    Geliehen: Sara Gruen - Wasser für die Elefanten
    Reduziert (z. B. ME - muss "neu" sein!): Lars Kepler - Der Sandmann
    Gebraucht: Eckhart Nickel - Gebrauchanweisung für Portugal
    Vorbestellung: Kathy Reichs - Die Sprache der Knochen (erscheint am 11. Januar 2016)

Kategorie 9 - Seitenanzahl

    200 - 299: Marc Levy - Solange du da bist
    300 - 399: Jan Costin Wagner - Das Licht in einem dunklen Haus
    400 - 499: Harper Lee - Wer die Nachtigall stört
    500 - 599: Gard Sveen - Der letzte Pilger
    600 - 699: Lars Kepler - Flammenkinder
    700 - 799: Elizabeth George - Bedenke, was du tust

Kategorie 10 - Erscheinungsjahr

    2011: James Sturm - Markttag
    2012: Katharina Hagena - Vom Schlafen und Verschwinden
    2013: Olivia Vieweg - Huck Finn
    2014: Jan Costin Wagner - Tage des letzten Schnees
    2015: Philip Kerr - Winterpferde
    2016: Isabel Bogdan - Der Pfau

Tess Gerritsen - Totenlied

Tess Gerritsens Totenlied vereint mehrere Genre in sich, ist Familiendrama, historischer Roman und Thriller zugleich. Wer einen Fall wie von Rizzoli und Isles erwartet, wird eventuell enttäuscht sein...

Die US-amerikanische Violinisten Julia Ansdell findet in einem italienischen Antiquitätengeschäft ein Notenbuch mit einem handgeschriebenen Notenblatt. Der darauf notierte Walzer und der Komponist sind ihr völlig unbekannt. Zurück zuhause spielt sie erstmals die Komposition und findet danach ihren ermordeten Kater und ihre verstörte dreijährige Tochter Lily daneben. Als sich weitere Vorfälle ereignen, die scheinbar auch mit dem Walzer mit dem Titel "Incendio" zu tun haben, gerät ihr gesamtes Familienleben aus dem Gleichgewicht. Sie scheint nicht mehr sie selber zu sein, fürchtet sich vor ihrer Tochter und hat schreckliche Angst, ihr Mann könne sie in eine psychiatrische Anstalt einweisen, denn ihrer Mutter geschah ähnliches... Sie weiß nicht, was los ist, aber sie will das Rätsel um die Herkunft des Walzers klären, um vielleicht herauszufinden, warum all diese Dinge geschehen, und reist erneut nach Italien...
Parallel dazu wird die Geschichte des Komponisten und Violinisten Lorenzo Todesco im Italien der 1930er Jahre erzählt, so dass der Leser einige der Antworten auf Julias Fragen schon vorher kennt. Dadurch kommt die Auflösung und das Ende der Geschichte vielleicht nicht ganz so überraschend, aber Totenlied ist dennoch ein echter Pageturner. Beide Erzählebenen entwickeln ihre eigene Dynamik, die Protagonisten, obgleich beide Musiker sind, ist ihr Verhältnis zur und Erleben von Musik dennoch unterschiedlich. Einerseits ist es für Lorenzo seine Möglichkeit, seine Gefühle auszudrücken und wird sogar zum einzigen Mittel dies zu tun, zum Rettungsanker in der Verzweiflung. Für Julia ist es eher auch Beruf, ihre emotionalen Bindungen geschehen nicht über die Musik, es ist eher etwas, das sie von ihrem Mann trennt, der als Logiker und Rationalist sie nicht immer verstehen kann. Erst am Ende stellt sich heraus, dass die Musik sie in einer schweren Zeit heilen kann und zur Zukunft wird.

Überrascht war ich am Ende des Buches von der Tatsache, dass Gerritsen in Totenlied ihre eigene Affinität zur Musik zum Ausdruck bringt, ja sogar das Titelstück komponiert hat, sodass "Incendio" bei Leseveranstaltungen mit der Autorin am Klavier aufgeführt wurde. Insgesamt kann ich den Roman allen Musik-affinen Fans von Tess Gerritsen empfehlen, auch wenn eine stringente Thriller-Handlung vielleicht nicht zustande kommt - dies bedeutet nicht, dass das Buch nicht spannend ist!

Tess Gerritsen, Totenlied. Limes, München 2016.

Leopold Maurer - Der Sturm

Leopold Maurer ist ein österreichischer Künstler und Illustrator. Im Shakespeare-Jahr 2016 (das 400 Todesjahr des englischen Dramatikers) illustrierte Maurer dessen spätes, als Romanze eingeordnetes Stück Der Sturm (verlegt beim Luftschacht Verlag, Buchverlag für zeitgenössische Literatur seit 2001 mit Sitz in Wien).

Der Sturm erzählt die Geschichte vom Prospero und seiner Tochter. Prospero ist Herzog von Mailand, musste aber vor seinem Bruder auf eine Insel flüchten. Er nutzt Magie, um seine ebenfalls dort gestrandeten Feinde zu besiegen, und kehrt, nachdem seine Ehre wiederhergestellt worden ist, in seine Heimat zurück.
Maurers Fassung stellt Prospero sowohl als Mächtigen dar, der dem Luftgeist Ariel befiehlt, aber auch als jemanden, der seine Feinde geschickt mittels Technologie überwacht. Die Figuren sind schlicht und eher kantig gezeichnet, vor allem auch die Umgebung wird wenig detailreich und oft wüstenartig dargestellt. Die Koloration ist plakativ, es überwiegen klare, flächig verwendete Farben, die auch symbolhaft einer Person zugeordnet werden und so bei den ähnlichen Männerfiguren eine einfache Unterscheidung ermöglichen. Ariel wird die Farbe rot zugeordnet, so dass dessen Machenschaften und Einfluss farbig kenntlich gemacht werden.

Der Text besteht in weiten Teilen aus der überarbeiteten Übersetzung von 1987/88 (Schlegel-Übersetzung in Überarbeitung von Vera Sturm und Claus Peymann) und ist nicht immer leicht verständlich, was an notwendigen Auslassungen liegen mag, auch an dem komplexen  Stück selbst. Nicht immer empfand ich die Bilder als Bereicherung zum Text, die Bilder allein können die Geschichte aber nur an wenigen Stellen tragen (zum Beispiel wenn Ariel auftritt, wird sofort deutlich, dass er Einfluss auf das Geschehen nimmt, ohne dass dies weiter erklärt werden muss). Viele der Dialoge wirkten auf mich zusammenhanglos, die Figuren blieben Hülsen, Properos Sinneswandel am Ende in seinen Grundlagen unklar.

Insgesamt war diese Graphic Novel keine wirkliche Bereicherung in Bezug auf das Shakespeare-Stück und der Stil der Illustrationen trifft ebenfalls nicht meinen Geschmack. Aber das mag anderen anders ergehen.

Leopold Maurer, Der Sturm. Luftschacht Verlag, Wien 2016.

Sunday, December 18, 2016

Andreas Föhr - Karwoche

In dem dritten Alpen-Krimi Karwoche um Wallner und Kreuthner geht es um ein Familiendrama. Doch der Roman beginnt wie seine Vorgänger einmal mehr mit einer idiotischen Idee Kreuthners: Bei einer Wettfahrt zwischen ihm und seinem Freund kommt es beinahe zu einer Kollision und Zeuge ist ausgerechnet Wallner auf seiner Fahrt in den Osteriurlaub! Um nicht allzu deppert dazustehen, tut Kreuthner so, als wolle er den Lieferwagen kontrollieren - nur um im Laderaum eine Tote zu finden! 
Bei dieser stellen die Ermittler bald eine Querverbindung zum Tod eines jungen Mädchen, Leni, her, das aus der bekannten Schauspielerfamilie Millruth stammte und deren Onkel gerade wegen fahrlässiger Tötung auf Bewährung verurteilt worden ist. Die Tote aus dem Laderaum verfügte über Informationen, die den Tathergang in ein anderes Licht rücken als bisher angenommen. Die Motive für den Tod des Mädchens scheinen noch weiter in der Vergangenheit zu liegen, auch Lenis altes Kindermädchen wird vermisst. Um den aktuellen Mord aufzuklären, ist es unerlässlich, noch einmal zu prüfen, wer Leni wirklich umgebracht hat. 
In Rückblenden erfahren wir, was am letzten Weihnachtsabend bei den Millruths wirklich geschehen ist, während Wallner trotz Urlaub ermittelt, richtig schlussfolgert und die passenden Theorien entwickelt und dabei am Ende noch einen weiteren Mord verhinden kann. Natürlich bekommen auch die Nebencharaktere wie Opa Manfred wieder ihre Auftritte und auch in Wallners Privatleben gibt es Neuigkeiten. Andreas Föhr setzt in Karwoche die unterhaltsame Reihe gekonnt fort, in der Lesung von Michael Schwarzmaier ein Hörvergnügen.

Andreas Föhr, Karwoche. Audio Media Verlag 2011.

Wednesday, December 14, 2016

Cornelia Funke - Herr der Diebe

In Herr der Diebe erzählt Cornelia Funke die Geschichte einer Gruppe von Kindern, die versuchen, sich in Venedig ohne die Hilfe von Erwachsenen durchzuschlagen. Sie leben in einem alten Kino und ihr Anführer nennt sich Herr der Diebe, heißt aber eigentlich Scipio. Er bringt ihnen von Zeit zu Zeit erbeutete Gegenstände, die sie bei einem Antiquitätenhändler zu Geld machen. Bedroht wird ihre scheinbare Sicherheit durch den Privatdetektiv Victor, der den Auftrag hat, die Geschwister Bo und Prosper, die nach dem Tod ihrer Eltern nach Venedig geflohen sind, im Auftrag ihrer Tante zu suchen. Gleichzeitig erhält die Bande den mysteriösen Auftrag einen scheinbar wertlosen Gegenstand aus dem Haus der Fotografin Ida Spavento zu stehlen.
Jedoch entwickelt sich die Geschichte nicht wie erwartet...
Der Roman besticht vor allem durch die zahlreichen Wendepunkte: Die einzelnen Charaktere erhalten von Kapitel zu Kapitel mehr Tiefe und treffen Entscheidungen, die so nicht zu erwarten waren - vor allem Scipio und Victor sind nicht die, die sie anfangs zu sein scheinen, ihre unerwarteten Reaktionen werden aber plausibel, sobald wir etwas mehr über ihre persönliche Geschichte erfahren.
Das Thema des Erwachsenseins und des Erwachsenwerdens steht wie ein großes Motto über allen Charakteren: Sie wollen nicht mehr in der Rolle des Kindes gefangen sein, sehnen sich zurück zu den Abenteuern der Kindheit, haben Kindheit nachzuholen oder werden langsam, aber stetig erwachsener und übernehmen Verantwortung für sich und andere. Genau diese Vielschichtigkeit und Spannung zwischen Kind- und Erwachsensein stellt Funke an den Anfang des Romans:
"Erwachsene erinnern sich nicht daran, wie es war, ein Kind zu sein. 
Auch wenn sie es behaupten.
Sie wissen es nicht mehr. Glaub mir.
Sie haben alles vergessen.
Wie viel größer die Welt ihnen damals erschien.
Dass es mühsam sein konnte, auf einen Stuhl zu klettern.
Wie fühlte es sich an, immer hochzublicken?
Vergessen.
Sie wissen es nicht mehr.
Du wirst es auch vergessen.
Manchmal reden die Erwachsenen davon, wie schön es war, ein Kind zu sein.
Sie träumen sogar davon, wieder eins zu sein.
Aber wovon haben sie geträumt, als sie Kinder waren?
Weißt du es?
Ich glaube, sie träumten davon, endlich erwachsen zu sein."
Um all diese Perspektiven noch etwas intensiver zu beleuchten, bedient sich die Autorin eines einzelnen fantastischen Elements in einem sonst in der realistischen Jetztzeit beheimateten Romans: Ein Karussel, dass den, der darauf fährt, älter oder jünger machen kann - es steht in einem verwilderten Labyrinth auf einer mysteriösen, verlassenen Insel und besticht durch seine schlichte Schönheit - real und symbolisch.
Am beeindruckendsten ist die Tatsache, dass Funke das Meisterstück gelingt, beim Leser selbst für die bösen Charaktere, die Gegenspieler der Kinder, Sympathie oder zumindest Verständnis zu wecken. Auch diese haben eine Geschichte und Beweggründe, warum sie so sind, wie sie sind. Den Protagonisten hingegen gönnt man das Happy End, dass die Autorin ihnen geschrieben hat, von ganzem Herzen. Ein liebenswerter, poetischer und zugleich spannender Roman mit starken Charakteren - eine Seltenheit.

Cornelia Funke, Herr der Diebe. Dressler, Hamburg 2000.

Monday, December 12, 2016

Ernest Hemingway - Der alte Mann und das Meer


Für seine Novelle Der alte Mann und das Meer erhielt Ernest Hemingway 1953 den Pulitzer-Preis, es ist zugleich sein letztes zu Lebzeiten veröffentlichtes Werk und eines der ausschlaggebenden Werke, warum er den Literaturnobelpreis verliehen bekam.

Der alte kubanische Fischer Santiago hat seit 84 Tagen keinen Fisch mehr gefangen, die Eltern seines Gehilfen - dem Jungen - haben diesem verboten, weiterhin mit ihm zu fahren, weil er vom Pech verfolgt ist. So fährt der alte Mann allein weit aufs Meer hinaus - und es beißt der größte Fisch seines Lebens an - ein Marlin. Zwei Tage lang kämpft er mit dem Fisch bis an den Rand der Erschöpfung, sogar bis an den Rand des Todes, bis er schließlich den Fisch töten kann und den Kampf gewinnt. Doch der Triumph ist ihm nicht vergönnt, auf der Rückreise in den Hafen wird er mehrfach von Haien angegriffen, die seinen Fang nahezu komplett vernichten - nur das Skelett und das Schwert des Fisches zeugen von seiner enormen Größe. Er selbst ist physisch und psychisch erschöpft und der Junge ist in Sorge und Trauer um ihn.

Es ist eine sehr eindringliche Erzählung von Einsamkeit und dem inneren Kampf mit sich selbst. Die Lesung des inzwischen verstorbenen Rolf Boysen trägt sehr zur Atmosphäre bei, es ist, als höre man tatsächlich dem alten Mann und seinen Gedanken zu.
Hemingways Themen sind nicht die meinen, es fällt mir schwer, das Töten, Jagen, Kämpfen loszulösen und nur als Metaphern für die großen Themen des Lebens zu sehen. Bei Der alte Mann und das Meer fiel mir dies etwas leichter und es gab viele Momente, die mich berührt haben - auch wenn Hemingway wohl kaum einer meiner Lieblingsautoren werden wird. Aber ich habe etwas mehr Achtung vor dessen Schaffen gewonnen.

Ernest Hemingway, Der alte Mann und das Meer. Litraton 1998.

Saturday, December 10, 2016

Lars Kepler - Der Sandmann


Wie am Ende des letzten Bandes Flammenkinder schon angedeutet, ist der Protagonist in Der Sandmann der Serienmörder Jurek Walter, der schon seit Jahren in Sicherheitsverwahrung eingesperrt ist und den Joona Linna damals überführt hat. Gleichzeitig ist er auch der Grund, warum Joona vortäuschen musste, dass seine Frau und seine Tochter tot sind. Jurek Walter drohte allen an seiner Überführung beteiligten Familien und nachdem die Kinder eines Kollegen entführt wurden, zweifelte niemand mehr daran, dass Jurek einen Komplizen hat, der seine Verbrechen fortsetzt. Dies alles liegt Jahre zurück, da taucht plötzlich eines der als Kind entführten Opfer wieder lebend auf und berichtet von seiner Gefangenschaft - und auch davon, dass seine Schwester ebenfalls noch lebt. Eine neue Suche nach dem Versteck wird eingeleitet, aber die Hinweise sind dürftig - klar ist aber, dass Jurek Walter das Versteck kennt und irgendwie immer noch Kontakt zu seinem Komplizen hält. Man beschließt, Joonas Kollegin Saga Bauer als Mitgefangene mit einem Mikro ausgestattet in die Sicherheitsverwahrung einzuschleusen, damit sie eine Beziehung zu Jurek aufbaut. Eine höchstgefährliche Mission, die Sagas Leben und Psyche in mehrfacher Hinsicht in Gefahr bringt. Der Plan geht auch nicht auf, Jurek gelingt die Flucht und er will zuende bringen, was sein Komplize nicht geschafft hat, während Saga und Joona seine Opfer zu retten und Jurek zu stoppen.
Im Vergleich zu den vorangegangenen Bänden kommt Der Sandmann mit weniger Schauplätzen und einem kleineren Personenkreis aus, bietet aber noch mehr Spannung. Besonders Sagas nahezu suizidale Mission in der Sicherheitsverwahrung, bei der ihr von mehr als einer Seite Gefahr droht, lässt einen nicht los. Von Joonas Innenleben erfahren wir wiederum wieder weniger, was auch zu dem nun schon erwarteten Cliffhanger am Ende führt. Die Story um höchst mainpulativen Jurek Walter wird schichtweise aufgedeckt und bekommt Tiefe, wenngleich die Auswirkungen seiner Manipulationen auf die Menschen in seiner Umgebung teils übertrieben wirken. Der Sandmann ist m.E. der bisher beste Band der Reihe und ein echter Pageturner mit einer beeindruckenden Spannungskurve.

Lars Kepler, Der Sandmann. Lübbe Audio 2014. 

Zur Reihenübersicht

Sunday, November 27, 2016

Max Bentow - Die Totentänzerin

Nils Trojan ermittelt in Die Totentänzerin in seinem dritten Fall. Der Titel ist irreführend, denn mit einem Tanz hat die neue Berliner Mordserie wenig gemein, das Cover passt noch viel weniger.
Es scheint die Tat von einem tief verstörten Menschen zu sein, betrachtet man die Art und Weise wie die Opfer - allesamt Liebespaare - an den Tatorten drapiert werden. Einige Indizien scheinen ausgerechnet auf Theresa Landsberg zu weisen, die Frau von Nils Trojans Chef, die psychisch nicht sehr stabil ist. Doch Trojan bemüht sich um solide Ermittlungsarbeit, verfolgt alle Spuren, während sein Chef den Fall niederlegen muss und Theresa vermisst wird.
Die Geschichte wird wie gewohnt aus mehreren Perspektiven erzählt, auch aus der von Nebenfiguren, aus  Opfer- und Tätersicht. Das ist teils irritierend, nicht jeder dieser Wechsel wäre nötig gewesen, um die Geschichte zu erzählen. Die Anhäufung der Verdachtsmomente gegen Theresa zusammen mit der Darstellung ihrer verzerrten Wahrnehmung und der zunehmenden Verstörtheit ist so über deutlich, dass klar ist, das es noch zu einer "überraschenden" Wendung kommen muss, die wiederum aber so überraschend auch nicht ist. Nicht gebraucht hätte ich außerdem die anhaltenden Probleme in Nils Trojans Privatleben, sowohl in Bezug auf Tochter als auch auf die Geliebte. Diese hätten auch einfach mal im Hintergrund bleiben können und der Fokus auf dem Fall liegen sollen. Einige der Konstruktionen um den Täter, die Idee mit der Überwachung, das Aufbrechen der Privatsphäre, waren gut und hätten noch stärker ausgebaut werden sollen.
Die Lesung von Axel Milberg ist wie gewohnt sehr gut, wenn auch insgesamt in Die Totentänzerin sicher nicht das Highlight der Serie ist.

Max Bentow, Die Totentänzerin. Hörverlag 2013.


Die Bücher der Serie um Nils Trojan:
#1 Der Federmann
#2 Die Puppenmacherin
#3 Die Totentänzerin
#4 Das Hexenmädchen
#5 Das Dornenkind
#6 Der Traummacher

Frederick Morgan - Yuletide

Frederick Morgan (English painter, 1847-1927): Yuletide

The right card for the first advent - postcrossing card by Anastasiya in Siberia, Russia.

Thursday, November 24, 2016

Erica Fischer - Aimée und Jaguar

Erica Fischer (*1943) ist Journalistin, Schriftstellerin und Übersetzerin und eine Mitbegründerin des österreichischen Feminismus. Bekannt wurde sie durch ihr Buch Aimée und Jaguar, das erstmals 1994 erschien.
Untertitelt ist das Buch mit "Eine Liebesgeschichte, Berlin 1943" - es ist eine dokumentarische Erzählung der Beziehung von Lilly Wust und Felice Schragenheim während der Zeit des Nationalsozialismus und gegen Ende des zweiten Weltkriegs. Lilly hat einen nationalsozialistisch eingestellten Ehemann und vier Kinder, Felice ist eine untergetauchte Jüdin. Nach einer kurzen, intensiven Zeit des Zusammenseins wird Felice 1944 verhaftet und kommt im Konzentrationslager Bergen-Belsen kurz vor Kriegsende um.

Mit großem Aufwand hat Erica Fischer nicht nur die Überlebende Lilly Wust interviewt, als diese bereits 80 Jahre alt war, sondern auch zahlreiche Zeitzeugen befragt, Dokumente und Fotos zusammengetragen. Darin liegt auch der große Unterschied zu zahlreichen Romanen, die Thematik und historischen Hintergrund gemein haben. Es ist eine wahre Geschichte, das ist das eine, aber gleichzeitig bemüht Fischer sich sehr um eine facettenreiche Darstellung, die eben nicht nur eine rosarote Liebesgeschichte zeigt, wie Lilly Wust sie in Erinnerung haben wollte. Kritisch wird Lillys Beziehung zum Nationalsozialismus gezeigt, ihre Reaktionen nach Kriegsende - die Ablehnung von allem Deutschen und eine fast seltsam anmutenden Hinwendung zum Judentum - bleiben nicht unerwähnt, obwohl dies möglich gewesen wäre. Die Tatsache, dass man sich nie ganz Klarheit über den Lillys Charakter verschaffen kann, spiegelt die Komplexität der Situation, in der sich die Frauen historisch und gesellschaftlich befunden haben. Der umfangreiche Anhang mit Fotos, Briefen und Dokumenten belegt das Streben nach Genauigkeit und Authenzität.  

Zusammen ergibt dies ein beeindruckendes Buch und Zeitzeugnis mit einer anrührenden Geschichte zweier sehr unterschiedlicher Frauen.
 
Das Buch wurde in 20 Sprachen übersetzt. Max Färberböck verfilmte die Liebesgeschichte 1998 unter demselben Titel.

 Erica Fischer, Aimée und Jaguar. KiWi, Köln 1996.

Friday, November 18, 2016

Jonathan Franzen - Freiheit


Freiheit war eines der Bücher, die durch Länge und Gewicht des dicken Hardcovers und auch durch den Klappentext eher Langatmigkeit verprachen. Von Jonathan Franzen hatte ich zuvor nichts gelesen, anscheinend hatte er mit dem Vorgängerroman Die Korrekturen (2001) seinen Durchbruch, brauchte danach aber lange Jahre, um Freiheit zu verfassen.
Im Mittelpunkt des Romans steht die schwierige Ehe von Walter und Patty Berglund und spielt in einem Zeitraum von Mitte der 80er Jahre bis 2009. Neben den schwierigen Beziehungen, die die beiden miteinander, mit ihren Kindern, Nachbarn und Freunden haben, werden auch Politik, Globalisierung, Umweltverschmutzung oder der Irakkrieg thematisiert.
Mehr zum Inhalt und zum Aufbau bei wikipedia

Zur Identifikation ist keiner der Charaktere geeignet, denn passend zum Titel sucht jeder stets egozentrisch nach der eigenen Freiheit, verfolgt eigene Bedürfnisse, und oftmals werden Familie und Freunde eher als Gegner denn als Partner wahrgenommen. Mit dem lapidaren Satz "Es wurden Fehler gemacht" wird dies attestiert, aber nicht gewertet. Man verbringt viel Zeit mit Walter, Patty und ihrem unsäglichen Musikerfreund Katz, sieht ihrem Leiden und ihren falschen Entscheidungen zu und wird ein bisschen trübsinnig in der schlechten Welt, in der sie leben. Mag sein, dass hier ein facettenreiches Bild der (weißen Mittelklasse) US-amerikanischen Gesellschaft gezeichnet wird, aber es verschließt sich der weitere Zusammenhang oder der Sinn. Das seltsame Ende wirkt eher wie ein verzweifelter und mäßig gelungener Versuch, dieses lange Werk *irgendwie* zuende zu bringen. Das ist - gelinde gesagt - unbefriedigend. Die Umweltthemen vermochten mich auch nicht recht zu packen, Walters Enthusiasmus ist zu oft fehlgeleitet, um zu überzeugen.
So bleibt am Ende nur eine über 700 Seiten starke Charakterstudie, die Zeugnis davon ablegt, dass in der heutigen Gesellschaft von Egomanen Zusammenleben in einer stabilen Beziehung schwer geworden zu sein scheint.

Jonathan Franzen, Freiheit. Rowohlt, Reinbek 2010.  

Thursday, November 10, 2016

Castle Hill Lighthouse

Castle Hill Lighthouse, Rhode Island, USA, postcrossing card sent by Andrea, Austria
This beautiful card is actually a double, as you can see here.

Wednesday, November 09, 2016

Friday, November 04, 2016

International Postcrossing Meeting

 
Thank you very much, dear postcrossing friends, for two great cards from the big international postcrossing meeting - and of course thanks to everyone who signed the cards!

Haruki Murakami - Kafka am Strand

Kafka am Strand von Haruki Murakami wurde erstmals 2002 veröffentlicht.
Es war ein anstrengendes, verwirrendes, vielschichtiges, faszinierendes, abgehobenes und sozusagen kafkaeskes Buch für mich, das ich über einen langen Zeitraum gelesen habe und bereits am 19.10. beendet habe. Diese "Rezension" ist der Versuch, meinen Gedanken dazu eine Struktur zu geben...

Kafka am Strand wird erzählt aus den Perspektiven zweier Personen, Kafka und Nakata.

Kafka ist 15, haut zuhause ab, als er das schlechte Verhältnis zum Vater nicht mehr ertragen kann. Seine Mutter und Schwester sind vor langer Zeit geflohen, sein Vater hat ihn außerdem mit einem oedipalen Fluch belegt. Tatsächlich wacht er einmal mit Blut an den Händen auf, hat aber in der Realität kein Verbrechen begangen. Er hat ein Alter Ego namens Krähe, mit dem er manchmal spricht und der ihm Facetten seiner Psyche zu erklären versucht. Zufälle (oder auch nicht) bringen ihn dazu, in der Komura-Gedächtnisbibliothek Zuflucht zu suchen, einige Zeit verbringt er auch im Wald in einer einsamen Hütte.

Nakata ist ein alter Mann, der Analphabet und schlecht im Denken ist. Er hält sich selbst für dumm und hat große Schwierigkeiten, mit dem Verständnis von alltäglichen Dingen. Er handelt nach einem verborgenen Prinzip, wird scheinbar gesteuert, bestimmte Dinge zu tun, und folgt Kafka. Er kann mit Katzen sprechen. Insgesamt ist er freundlich, höflich und harmlos, bis auf die Szene in der er gewungenermaßen eine Gestalt umbringt, die sich als Johnny Walker zeigt, sich in der Realität aber als Kafkas Vater erweist. Um in der Welt zurechtzukommen, findet er Hilfe bei einem jungen Mann namens Hoshino.

Hoshino organisiert für Nakata alle weltlichen Dinge und ermöglicht ihm dadurch, seine Ziele zu erreichen. Einen ähnlichen Helfer hat auch Kafka in der Person des Bibliothekars Oshima, einer Art Zwitterwesen und moralische Bezugsperson für Kafka.
Zentral für das Geschehen ist außerdem die Verwalterin/Inhaberin der Bibliothek Saekisan. Sie ist eine tragische Figur, eventuell ist sie Kafkas verschwundene Mutter, wenngleich der Beweis dafür ausbleibt. Kafka verliebt sich traumhaft und real in sie in verschiedenen Gestalten - als 15jähriges Mädchen und als ältere Frau.

Die wichtigsten Orte des Romans sind folgende:
In der Komura-Gedächtnisbibliothek findet Kafka Schutz und Hilfe, er findet einen neuen Beziehungsrahmen nach seinem lieblosen Vaterhaus. Es ist zugleich der einzige Ort, den auch Nakata und Hoshino aufsuchen, wenn auch Kafka in diesem Moment nicht dort ist. Hier laufen die Fäden zusammen; die Bibliothek dient als Symbol.
Die Hütte im Wald ist von elementarer Bedeutung für Kafkas Sinnsuche. Sie gehört Oshima und dessen Bruder, ist einsamer Rückzugsort und ermöglicht eine Besinnung auf das Ich fernab von der realen Welt. Dort ist der tranceartige Übergang in eine andere Zwischenwelt möglich, zu der Nakata symbolisch mit einem Stein andernorts den Eingang öffnet.

Kafka am Strand ist übervoll mit literarischen und mysthischen Bezügen. Musik und Philosophie sind Themen, es gibt märchenhafte Passagen, psychologische Ebenen (z.B. das Alter Ego Krähe als psychoanalytisches Element) und eine reiche Symbolik.
Dadurch ergeben sich so weitschweifende Bedeutungsebenen, so dass man sich schnell wie in einem Labyrinth vorkommt und glaubt, sich nicht mehr zurechtfinden zu können. Obwohl die beiden Hauptebenen von Kafka und Nakata sich durchaus ergänzen und miteinander in Beziehung stehen, findet die vom Leser antizipierte Zusammenführung nicht statt. Auch das Ende bietet keinen richtig befriedigenden Abschluss, auch wenn es Hoffnung vermittelt, es könne sich alles zum Guten wenden.
Gekonnt umgesetzt ist das stete Verschwimmen von Traum, Fantasie und Wirklickeit - an irgendeinem Punkt gibt man auf, dies auseinanderhalten zu wollen und gibt sich vielmehr dem Sog des Erzählten hin - das ist zwar wunderbar als literarisches Erlebnis, trotzdem bleibt dabei zwangsläufig das Gefühl zurück, nicht alles mitbekommen zu haben, nicht einmal einen Teil der Bedeutungen zu erfassen, weswegen der Roman keine einfache Lektüre ist.
Ich hätte dem Buch gern mehr Weisheit entrissen, aber phasenweise war es zu konfus, zu schwierig - man hätte Passagen mehrmals lesen müssen, um alles zu durchdringen - aber dann werden Dinge wiederum nur angerissen auf ein oder zwei Seiten, bekommen aber insgesamt zu wenig Raum, um wirklich Bedeutung zu erlangen. Daher war es oft einfacher, sich im Gebilde der interessanten Sätze weitertreiben zu lassen.
Fazit: Sicher ein Roman zur mehrfachen Lektüre, aber auch ein kräftezehrendes Werk.

Haruki Murakami, Kafka am Strand. Dumont, Köln 2011.

Zenartchallenge November Day 4

Wednesday, November 02, 2016

Fynn - Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna


"Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna" erzählt von einem kleinen Mädchen, das der 19jährige Ich-Erzähler, der sich selbst den Namen Fynn gibt, eines Nachts auf den Londoner Straßen der 1930er Jahre findet und mit nach Hause nimmt, da sie offensichtlich misshandelt wurde und daher fortgelaufen ist.
Sie hat einen unerschütterlichen Glauben an Gott, ist außerordentlich intelligent und saugt jede Art von Wissen auf wie ein Schwamm. Daraus ergeben sich intensive theologische, wissenschaftliche und auch fantastische Gespräche zwischen Anna und Fynn. Dieser ist selbst sehr begabt, vor allem im Bereich der Naturwissenschaft, aber die Gespräche mit Anna verblüffen ihn immer wieder und er staunt über den Scharfsinn des kleinen Mädchens. Doch nicht nur er ist tief beeindruckt, sondern Anna wirkt auf nahezu alle Menschen ihrer Umgebung besonders und wird überall geliebt.
In 27 Kapiteln werden verschiedene gedankliche Experimente und Erkenntnisse und - vor allem - wichtige Fragen in kleinen Episoden dargestellt. Die Sprache ist dabei kindlich einfach, das Setting das eines längst vergangenen Londoner East Ends mit den dazu passenden Charakteren. Kontinuierlich zieht sich der Faden des Staunens über Annas Weisheit und Begabung durch das Buch, Fynn macht klar, dass jeder von Anna lernen kann und auch von ihr lernen sollte.
Unklar bleibt, ob das Buch Fiktion oder autobiographisch ist, eventuell ist es eine Mischung. Der englische Wikipedia-Artikel gibt an, dass es Zeichungen und Notizen aus Annas Hand geben soll. Die Identität von Fynn war ebenfalls lange ein Geheimnis, dem eine ganze Website gewidmet ist. Der Autor schrieb zwei weitere Bücher über Anna.
Im Grunde spielt es keine große Rolle, ob es die Anna des Buches in dieser Form wirklich gegeben hat. Das Buch bietet eine Unzahl an Gedankengängen, die nachzuvollziehen sich lohnt. Dabei sind es das Staunen und die Bewunderung für die Absolutheit des Glaubens und der Liebe - zwei Dinge, die Annas Dasein zusammenfassen und die auch unveränderlich miteinander verknüpft sind - die die zentrale Aussage des Buches bilden. Natürlich ist es an der Oberfläche auch ein sentimentales und stellenweise ein naives Buch, aber definitiv eines, das einen zweiten oder dritten Gedanken verdient hat.

Fynn, Hallo, Mister Gott, hier spricht Anna. Fischer, Frankfurt am Main 2006.

Monday, October 31, 2016

Antje Babendererde - Der Gesang der Orcas

Antje Babendererde ist Autorin von Kinder- und Jugendliteratur, aber auch von Romanen für Erwachsene. Besonders beschäftigt sie sich mit dem Thema Indianer und ihrer Kultur, die sie versucht, den Lesern näher zu bringen.
In Der Gesang der Orcas geht es um Sofie, 15 Jahre alt, die nach dem Tod ihrer Mutter den Vater auf eine Reise in den Norden der USA begleitet, wo dieser einen Auftrag hat, das Leben der dort ansässigen Makah-Indianer fotografisch zu dokumentieren. Die Beziehung der beiden ist schwierig, sie sind auf unterschiedliche Weise in ihrer Trauer gefangen.
Sie kommen in einem von Freda und ihrem 16jährigen Sohn Javid betriebenen Motel unter - Javid und Sofie freunden sich an und verlieben sich ineinander. Durch Javid lernt Sofie die Kultur der Makah kennen und beginnt, sich und die Welt mit anderen Augen zu sehen. Besonders beeindruckt sie die Gruppe von Schwertwalen, die vor der Küste zu Gast ist und die sie mit Javid zusammen beobachtet.

Das Jugendbuch ist eine gelungene Mischung aus Abenteuerroman und Liebesgeschichte: Javids indianische Wurzeln machen sowohl seine Faszination für Sofie aus, als ihr auch zu ermöglichen, sich und die Welt um sich mit neuen Augen wahrzunehmen und gestärkt und mit neuem Lebensmut in die Zukunft zu blicken, trotz der großen Verlusts, den sie erlitten hat. Natürlich ist der Ablauf der Geschichte vorhersehbar, was sie aber nicht weniger anrührend macht.
Die Schilderung der Landschaften der amerikanischen Nordwestküste haben mir gut gefallen und riefen Erinnerungen an Vancouver Island wach.

Antje Babendererde, Der Gesang der Orcas. Arena, Würzburg 2013.


Sunday, October 30, 2016

Nick Hornby - A Long Way Down

In Nick Hornbys Roman A Long Way Down treffen auf einem Londoner Hochhaus in der Silvesternach vier Menschen aufeinander, die mit dem Vorsatz dorthin gegangen sind, sich hinunterzustürzen. 
Da ist die junge Jess, Politikertochter, rotzfrech, die nicht weiß, warum ihr Freund sie verlassen hat. 
Martin ist ein Talkmaster, der nach der Affäre mit einer Minderjährigen ins Gefängnis musste und nun keine Perspektive für sich sieht. 
Sänger JJ weint seiner Band  hinterher.
Maureen betreut seit Jahren einzig ihren schwerbehinderten Sohn Matty und leidet unter der Inhaltslosigkeit des Lebens. 
Alle vier erzählen ihre Geschichte in der Ich-Form und berichten gleichzeitig von ihren Eindrücken, die sie von den anderen haben. Denn natürlich bringen sie sich nicht um, sondern steigen wieder vom Hochhaus hinunter und schließen eine Art Pakt, mit dem Selbstmord erst einmal noch ein paar Wochen zu warten. In dieser Zeit nehmen sie mehr oder weniger intensiv am Leben der anderen Teil, beeinflussen sich, müssen mit Jess dreisten Aktionen umgehen und finden schließlich alle einen neuen Blick aufs Leben. 
Auf der positiven Seite ist Nick Hornbys Humor und seine besondere Erzählweise zu verbuchen, wie man es aus seinen ersten Roman wie High Fidelity oder About a Boy kennt. Die Charaktere sind etwas schräg - oder auf jeden Fall recht britisch. Dem gegenüber ist es eine sehr vorhersehbare Geschichte, nach der provokanten Anfangsszene geschieht, was geschehen muss, um die vier wieder zum Leben zurückzubringen, auch die Lösungsansätze sind recht offensichtlich. Eine ernsthafte Beschäftigung mit den Beweggründen für einen Selbstmord fehlt und damit bleibt das Buch flach und ist allenfalls seichte Unterhaltung mit ein paar Lachern. 

Nick Hornby, A Long Way Down. Hörverlag Hamburg 2005.



Saturday, October 22, 2016

Terry Pratchett - Echte Katzen tragen niemals Schleifen

Terry Pratchett hat auch vereinzelt Bücher geschrieben, die nichts mit der Scheibenwelt zu tun haben.
Auf der Suche nach einem Buch aus dem Knaur Verlag (deren Autoren scheinbar im Allgemeinen nicht meinen Weg kreuzen, sonst wäre ich schneller fündig geworden...) für meine Buchchallenge 20/16 bin ich auf diesen schmale Büchlein mit dem Titel Echte Katzen tragen niemals Schleifen aus dem Jahr 1991 gestoßen. Im Original erschien es 1989 unter dem Titel The Unadulterated Cat.
Es enthält witzige Illustration von Gray Jolliffe und handelt von - nunja - Katzen. Ihr Arten- und Facettenreichtum, ihre (anstrengenden) Vorlieben und ihre (oft nervigen) Verhaltensweisen.
Am interessantesten fand ich Pratchetts Bezugnahme auf Schrödingers Katze - er nimmt das Experiment zum Anlass, zu schlussfolgern, dass Katzen sich nicht an die Gesetze für Zeit und Raum halten müssen, was erklärt, warum die scheinbar abends ausgesperrte Katze dann doch morgens am Fußende des Bettes liegt.
Insgesamt ist die Schilderung der "echten Katzen" eher zynisch, der Mensch scheint ein bisschen dumm zu sein, dass er sich von Katzen immer wieder als Futtergeber domestizieren lässt. Eine einzige Erklärung für dies irrationale Verhalten gibt er - hier das Zitat auf Englisch:   
“The purr is very important. It's the purr that does it every time. It's the purr that makes up for the Things Under the Bed, the occasional pungency, the 4 a.m. yowl. Other creatures went in for big teeth, long legs or over-active brains, while cats just settled for a noise that tells the world they're feeling happy.” 
Das klärt das dann, nicht wahr?

Terry Pratchett, Echte Katzen tragen niemals Schleifen. Knaur 1991. 

Friday, October 21, 2016

Hjorth und Rosenfeldt - Das Mädchen, das verstummte

Der vierte Fall um Sebastian Bergman und das Team der Reichsmordkommission beginnt mit einer schrecklichen Bluttat: Die ganze Familie Carlsten, wohnhaft in Torsby, einem kleinen Ort in Värmland, ist in ihrem eigenen Haus ermordet worden. Erst verspätet finden die Ermittler heraus, dass es eine Zeugin gegeben haben muss - Nicole, die zehnjährige Nichte der Carlstens. Ihre Fußabdrücke führen in den nahe gelegenen Wald. Bergman schafft es, Nicole zu finden, bevor der Killer sie doch noch erwischt.
Das Kind steht jedoch unter Schock und schweigt, hat aber eine offensichtliche Bindung zu ihrem Retter. Doch für Bergman ist die Beziehung zu dem Mädchen nicht unproblematisch, da sie ihn an seine eigene Tochter erinnert. Statt zu sprechen, zeichnet Nicole nach und nach Hinweise darauf, wie die Morde abgelaufen sind, während die Reichsmordkommission anderen Spuren folgt. Beide Bemühungen zusammen führen schließlich zur Aufklärung des Falls. 

Auch wenn Bergman nach wie vor durchweg ein unsympathischer Protagonist ist, kommt man nicht umhin, Mitgefühl mit ihm zu empfinden, wie er stellvertretend versucht, Nicole zu helfen und sie an sich zu binden, dabei Berufliches und sein privates Trauma vermischt, ohne selbst in der Lage zu sein, dies zu erkennen. Dass seine noch lebende, erwachsene Tochter Vanja schließlich eingreift, um für das Kind und ihre Mutter weiteres Leid zu verhindern, ist passend und bizarr zugleich, da Bergman es immer noch nicht fertiggebracht hat, ihr zu sagen, dass er ihr Vater ist. 

Das Mädchen, das verstummte hat einen spannungsgeladenen Plot mit einem ausgewogenen Verhältnis von solider Ermittlungsarbeit und Darstellung der Beziehungen der Protagonisten. Lediglich das nach Abschluss des Falls nachgeschobene Ende ist verstörend, auch wenn es sicherlich als Cliffhanger für den nächsten Band gut funktioniert.  

Hjorth und Rosenfeldt, Das Mädchen, das verstummte. Rowohlt, Reinbek 2014.

Thursday, October 13, 2016

Andreas Föhr - Schafkopf

Kreuthner steigt in Schafkopf wegen einer Wette eines Sonntags auf den Riederstein und wird dort Zeuge, wie einem Kleinkriminellen namens Stanislaus Kemmeder mit einem Präzisionsgewehr der Kopf weggeschossen wird.
In der folgenden Ermittlung geht es sehr schnell um eine vor zwei Jahren verschwundene Frau, deren Freund (ebenso wie Kummeder) gewalttätig (vor allem gegenüber ihren Freundinnen) ist. Im Wechsel hören wir von den Ermittlungen und von den Geschehnissen vor zwei Jahren bzw. nähern wir uns in den Rückblenden immer mehr der Gegenwart. Man kann als Zuhörer recht schnell erfassen, was sich wohl zugetragen haben muss. Dadurch ist nur noch das Wie relevant - und die zum Teil witzige Erzählweise und Darstellung der Protagonisten (plus Opa Wallner). Die Liebesgeschichte Wallners erscheint allerdings eher tragisch als witzig und Opas Beziehung zu einer viel jüngeren Frau ist auch wiederum nicht so skandalös, so dass Schafkopf ein wenig hinter Der Prinzessinnenmörder zurückbleibt. Dennoch gibt es am Ende eine unvorhergesehene Wendung und auch die Thematisierung der Gewalt gegen Frauen verdient Beachtung (wenngleich man daraus auch mehr hätte machen können...) - alles in allem ein ordentlicher Krimi von Andreas Föhr.

Andreas Föhr, Schafkopf. Target 2010.

Tuesday, October 11, 2016

Lars Kepler - Flammenkinder

In seinem drittem Fall ist Joona Linna eigentlich gar nicht zuständig - wegen seiner Eigenmächtigkeiten in Paganinis Fluch wird sein Status gerade überprüft und er nur als „Beobachter“ zu dem Fall geschickt: In einem Heim für psychisch kranke Jugendliche werden ein Mädchen und eine Betreuerin erschlagen aufgefunden. Ein anderes Mädchen - Vicky - ist flüchtig und gilt schnell als die Hauptverdächtige. Joona ist skeptisch, denn der Tatort weist zahlreiche Unstimmigkeiten auf. Dann kidnapped Vicky ein Auto, in dem ein kleiner Junge sitzt, und verschwindet mit ihm. Als das Auto in einem Fluss mit starker Strömung gefunden wird, glauben alle Vicky und der kleine Junge seien tot. Nur Joona verfolgt weitere, zum Teil abwegige Spuren und findet Beweise, dass die beiden noch am Leben sein müssen. Später ist er der einzige, der nicht an Vickys Schuld glaubt und schließlich den wahren Täter entlarvt.

Flammenkinder weist eine ganze Reihe von interessanten Charakteren auf, wenngleich die psychisch kranken Jugendlichen zum Teil überzeichnet wirken. Durch das zügige Erzähltempo (vielleicht zum Teil der Kürzungen der Audiobookfassung geschuldet?!) bleibt die Spannung kontinuierlich erhalten, man wartet auf die Auflösung und den Twist in der Geschichte.
Etwas abgesetzt von der eigentlichen Geschichte wirken Joonas Erinnerungen an seine Frau und Tochter, die als Nachklang nach der Lösung des Falls aber einen aktuellen Bezug erhalten.
Einen Ausblick auf den nächsten Fall gibt es auch, was mir stilistisch nicht sonderlich gefällt, aber das scheint die Art des Autorenteams "Lars Kepler" zu sein. 

Lars Kepler, Flammenkinder. Lübbe Audio 2012.

Wednesday, October 05, 2016

Jeffery Deaver - Der faule Henker

Der faule Henker ist der fünfte Lincoln Rhyme Fall von Jeffery Deaver: In einer Musikschule wird ein ermordetes Mädchen aufgefunden - zwei Streifenpolizistinnen hätten den Täter beinahe erwischt, als er sich auf mysteriöse Weise in Luft auflöste und verschwand. Die am Tatort aufgefundenen Spuren deuten auf einen Täter aus dem Zauberer- und Illusionistenmillieu und bald stecken Lincoln Rhyme und Amelia Sachs mitten in einem Wettlauf mit der Zeit, denn es ist bald klar, dass der Täter bald wieder zuschlagen wird - und niemand weiß, mit welchen Taschenspieler- und Zaubertricks der extrem (ver-) wandlungsfähige Täter agieren wird. In dem Wirrwarr der falschen und richtigen Spuren hilft ihnen die junge Magierin Kara, die unerlässlich ist für die Identifizierung der zum Teil klassischen Zaubertricks und die ihnen erklärt, mit welchen Mitteln der Täuschung der Täter arbeitet. 

Wie schon bei Das Gesicht des Drachen hat Deaver auch bei Der faule Henker offensichtlich intensive Recherchearbeit geleistet, um das Illusionistenmillieu realistisch und umfassend darzustellen. Nun bringt dieses eine Unmenge an Täuschungen und kleineren und größeren Wendungen im Plot mit sich, etwas, das durchaus als ein tragendes Element von Deavers Romanen gelten kann. Allerdings leidet die Glaubwürdigkeit des Plots deutlich, wenn Täuschung zum Thema eines Thrillers wird und man sowieso nichts mehr für wirklich hält. Der Leser folgt der Story ohne besondere Erwartungshaltung, außer der einen, nämlich dass alles sowieso anders ist als dargestellt. [Achtung, Spoiler...] Hinzu kommt, dass die Vortäuschung des eigenen Tods durch den verhafteten Täter dann doch eine Spur zu dick aufgetragen ist und man der darauf folgenden Erzählschleife nur noch müde lächelnd folgen mag und das endgültige Ende herbeisehnt. An den Charakteren ist derweil nicht viel zu meckern, wenngleich Lincoln weniger Fleiß in der Spurenanalyse und weniger systematisches Denken und Logik verwendet als zuvor - beides Dinge, die eigentlich positive Merkmale der vorangegangenen Bände waren. Fazit, nicht Deaver stärkster Roman, mal sehen, was die Reihe im Folgenden bringt. 
 
Jeffery Deaver, Der faule Henker. Randomhouse Audio 2012.

Saturday, October 01, 2016

Jonathan Stroud - The Creeping Shadow

Lucy Carlyle had left Lockwood & Co. in a hurry at the end of book three of the series (The Hollow Boy). Now she is a freelance agent and with the help of the skull (which we know from The Whispering Skull and who is a ghost in a jar whom Lucy can talk to) and her extraordinary listening skills she is quite successful. But one day Lockwood himself pays a visit and asks her for a help on an important case - and Lucy can't say no. She joins him, George and Holly and it is obvious that they are a great team together. Penelope Fittes, the leader of the giant Fittes Agency, is quite happy about the good results and wants them to join their agency. But Lockwood wouldn't be Lockwood if he didn't sense something suspicious and declines the offer. 
Meanwhile Lucy finds out that some of the sources (the objects that link ghosts to this world) aren't destroyed as they are supposed to but gathered by some powerful collector. Soon she is targeted as a thread and of course she goes looking for help at Lockwood & Co. To escape the situation in London and investigate the somehow involved Rotwell agency they travel to Aldbury Castle, a village that recently experienced an enormous uprising of ghosts and where one suspicious Rotwell institution is located. 
As ususal, the group heads straight into trouble - and discovers some very disturbing new information on the ghost problem. The ending includes another cliff hanger (but not as "bad" as the last one) so there's another book in the series to look forward too. 
I totally enjoyed The Creeping Shadow. Lucy is as strong a narrator and main character as ever, decisive and more confident. Holly's character gets more depth which was necessary, additionally Stroud adds an adult to the group (Kipp) who serves well for some comical remarks and adds another perspective. The plot - although starting slow as usual with some minor ghost hunt - develops logically and takes on momentum quickly. Stroud obviously put some thought into how to explain the ghostly world some more which keeps and even increases the incentive of the series. Well done, Jonathan Stroud! 

Jonathan Stroud, The Creeping Shadow. Disney-Hyperion 2016.